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    Wir wollen… den bewussten Augenblick

    Von lapismont | 3.Oktober 2003

    Wir wollen…
    … den bewussten Augenblick.
    Eine Rezension von Ralf Steinberg, Berlin

    Im Verlag Astrid Hentrich SCENARIO WORDS erschien ein kleines Büchlein mit Fotografien und Texten, die für einen kleinen Augenblick die Welt anhalten wollen, um uns den Moment bewusst zu machen.

    Ein großes Anliegen, das dieses Buch aber mit einer erstaunlichen Schönheit erfüllt.

    Dem ersten, äußeren Anschein nach, ist das Buch eines dieser Hefte, die von Religionsvertretern an der U-Bahn verteilt werden.
    Das schwarze Cover mit einem von Himmel dominierten Bild und dem allumfassenden Titel „Wir wollen…“ ist vielleicht nicht ganz werbewirksam, aber es ist auf keinen Fall kitschig und das wiederum tut dem Buch gut.
    Ein anderer Aspekt, der vielleicht nicht ganz gelungen ist, ist der Schriftfont. Recht dünn, zart elegant und modernistisch, ist er nicht neutral genug für so viele unterschiedliche Werke.

    Die Text- und Bildauswahl erfolgte offensichtlich mit großer Sorgfalt. Den Jahreszeiten folgend, harmonieren die Werke zum Teil so sehr mit den Fotos, das sie für einander gemacht worden zu sein scheinen. Es ist die große Stärke dieses Buches. Zwei würdige Medien, um einen Augenblick lang die Zeit anzuhalten und uns den Moment bewusst zu machen.

    Es gibt die verschiedensten Momente zu erleben.

    Ein Lobgesang auf den Tag (Blick ins Licht).
    Ein ehrfürchtiger Blick auf einen Moment Frühling (Augenblick der Zeit) mit einem Baum, der wie ein Kandelaber, tot zwar, aber runengleich in klarem Frühlingslicht diese Ehrfurcht unterstreicht.
    In „Frühlingsgefühle“ brodelt es, fast länger als nur einen Moment lang, das tanzende Paar, fast zu flüchtig für ein Foto, nur diese eine Umarmung.
    Die „Frühlingsboten“, das letzte Fühlen des Winters, faszinierend der Moment ohne Menschen, bis Kinderfüße Unruhe bringen.
    Beschreibt Statistik den Moment, Zahlen, zeitlos, bilden ab (Statistik des Spaziergangs).
    Imagination, der Austausch zwischen Objekt und Betrachter in Objektiv, das mit dem Bild eine wunderbare Wechselwirkung entfaltet.
    Elmsfeuer, Beleuchter der Nacht, leuchten auf An dich mein Leben, trennen das Große und das Kleine mit Freude.
    Bewegt der bewegte Augenblick nicht uns? Kann ein Augenblick festhalten? Im Moment steht die Mühle stumm, die Energien warten auf ihre Freisetzung (Am Meer der Gezeiten).
    Ein (all)gemeiner Frühlingstag beginnt mit dem Verfliegen eines Traummomentes, aus dem Winter kommt Mut und Kraft, die Natur treibt an mit ihrem frischen Treiben. Ein Gedicht dem Osterspaziergang gleich.
    Der Moment der Erkenntnis, erster nach vielen des Schmerzes ist plötzlich da in Überwunden und vertieft diese Neugeburt mit einem riesigen Blütenbaum auf der folgenden Doppelseite.

    „Wir wollen uns den Mut nehmen, uns unserer Freiheit zu bemächtigen.“ So postuliert Reinhard Rode seinen Schlüsselsatz, der nur noch ausgesprochen werden muss, aber noch in uns gärt. Eine präzise Anleitung der Befreiung wird nicht verwehrt: Der bewusste Augenblick kann uns von dem befreien, das uns Angst macht, indem wir es einfach vergessen.
    Und so richtet der Leser frühlingseingestimmt plötzlich den Blick seiner Augen intensiver auf die Momente, die in diesem Büchlein stecken, bewusster.
    Der Sommerreigen beginnt mit einem Strandkorbbild, das mit grünem Gelb überzeichnet, zwar Sommer, aber keine Hitze ausstrahlt.
    Welche Versform mag wohl besser zum Moment passend erscheinen, als der Haiku? So ziehen denn auch fünf ganz unterschiedliche Haiku in den Abendhimmel, sinnvoller Weise mit einem kurzen lexikalischen Text versehen. Wer mag da nicht auf die Idee kommen sich infiziert zu fühlen vom Haiku-Fieber, um plötzlich festzustellen, das man schon auf der unbewussten Suche nach den kleinen Momenten ist, die dieses Buch offenbart. Ein raffinierter Versuch.
    Das täglich Neue, der Moment mit Vergangenheit (selbst erkannt) blickt auf das kühle Bild einer urbanen City und leitet so zu einem weiteren Höhepunkt über:
    „Hoch-Zeit“ ist ein bezauberndes Gedicht, einer sehr gelungenen Sichtweise auf etwas, das viele als den schönsten Moment ihres Lebens beschreiben, mit einen Bild bezaubert, zu dem man JA! sagen muss! Es lebt dieses Gedicht.
    Die Liebe beschert viele Momente, auch der Einsamkeit und dennoch gibt es ihn den gemeinsamen Moment an zwei Orten (Ich denk an Dich).
    Die Sterne und ihre Macht, Last zu vertreiben, die den Tag heilende Nacht (Entspannung) leiten über zu Werken bekannter Autoren, die schon vor einiger Zeit den Moment fanden.
    Rilke, Wedekind in einer seltenen Erwähnung und Keller in einer gelungenen Zusammenstellung.
    Mit einer Spinnenstickerei vor roten Rosen geht es weiter, noch regennass nachgezeichnet und darunter eine „Wortpromenade“, die das Netzsymbol aufnimmt und mühelos wortwebt.
    Ein Rasenteppich, der heller als sein Baumdach grünt führt uns zu „Untergang und Auferstehung“, das Dauern und Fortgehen, der Summe vieler Augenblicke.
    „Hinsehen“ ist eingefügt in ein Brückenbild und stellt die Frage, ob die Fugen in den Wegen der Kindheit unwichtig geworden sind oder ob vielleicht sogar der Weg folgenlos ist, wie die Brücke, deren Fugen immer schwächer sichtbar sind, bis sie sich glätten im Tunnel am Ende des Weges .
    Wenn ein Kreuz das Gesicht verdunkelt, (Mondlicht zerbricht) kann auch ein Moment, der religiös ist, beginnen, das Bild dazu dunkelt die Sonne zum Mond.
    Der Moment grenzt das Wann aus. Schaust Du hinter den Moment, ist er vorbei (Fragen Tun).

    Ein großer Moment ist die „Lebensmitte“, die Uhr im Zentrum, von Licht durchbrochen, ein unmögliches Verweilen. Und Amelie Fried nimmt das Bild auf: Manche Momente reifen, werden wahrhaft groß erst im Erinnern. Der Moment lebt zeitlos und bestimmt doch die Zukunft (Fallensteller).
    Was ist außerhalb des Moments? fragt man sich beim Anblick des einsamen Wanderers, dessen Blaugrün uns so ausschließt.
    „Hand in Hand“ findet den Frieden , eine Zukunft und weiße Möwen die in strahlendem Licht einander zugewandt das Bild ausfüllen. Hirsche auf dem Sprung, festgehalten durch das Stählerne ihrer Körper, aber himmelwärts gestreckt im „Augenblick; Unschuld, nicht wissen, aber auch nicht ganz vergessen können – darin liegt ein bewusster Augenblick.
    „Lebenslinien“ steigen wie die blühende Treppe, auf mancher Stufe noch ein Bild, wie in „Lieben“. Wild wächst am Ufer das Stroh alter und neuer Gräser empor, Ummalung zarter Haiku (Drei Momente).
    Der Schmetterling mit seinen Flügeln und die Schulterblätter (Still) ein Moment, der Licht reflektiert. Manchmal sperrt man sich selbst ein, um etwas zu zögern vielleicht, um so auch die Zeit zu fangen (Scheideweg). Hier ist man unsterblich, wie auch in diesen besonderen Höhepunkten der Liebe (Weißt du) und nicht zufällig wird manches davon in Stein gemeißelt, das Bild der steinernen Schönheit ist fast zu unscharf hier, es zu zeigen.
    „Nebel“ greift den angstvergessenden Moment auf, vielleicht der schwerste Text des Buches.
    Das Foto zu „Ausgebremst“ scheint den Wald, oder uns sogar zu blockieren, dieser Stein hält auf , wie vieles Vorhandene. Der chinesische Reisbauer kommt rückwärts vorwärts, doch was ist in seinem Rücken, die Aufgabe?
    Liebe zu Europa und ein Schrei im Tunnel (Vereinte Europäer) sind vielleicht Wunder, so wie die Statue, die die Krähe herbeirief, oder der schwarze Fleck Gewissen (Du bist unser Planet).
    Die Jahreszeiten drehen weiter, ein neuer Grenzmoment (Sommerende) fügt den genauen Beobachtungen der Natur ein weiteres Bild hinzu.
    Ein Baum sein, der Augenblick ist „Tausend Jahre stumm“, der Augen Blick sieht Geschichte und Stille im Bild dazu, die nordischen Aufnahmen von Reinhard Rode fordern immer wieder eine neue, besondere Sicht auf den unterlegten Text.
    Herbstmoment in Bild und „Herbstzeitlose“, ein Seufzen dem „Herbstanfang“ entgegen, mit einem gar nicht grauen Fliegenpilz.
    Der zweite Klassikteil mit Meyer, Tieck und Storm treibt das Momentane des Herbstbildes weiter voran: Herbst ist Erntezeit, weckt Sehnsüchte in mir und ist eine Zeit, deren Früchte man fühlen und essen kann!
    Was passiert mit all den Momenten? „Verborgen“ in Schubläden aufbewahrt, wie Kostbarkeiten, diese unteilbaren, immer präsenten Momente, selbst Präsente der Zeit oder des Glücks (Glück der Wiedergeburt).
    Ein Blick nach draußen, der letzte Tanz, der „Lebenstanz“, ist hell am Ende.
    Ein Augenblick wird zum „Glücksbringer“, und manchmal heißt Bewusstsein, zu erkennen, wie Gefühle wirken, die Augen geschlossen, aber vorwärts schauend, wenn auch zögerlich (Ich wage Gefühle).
    Die in ein kühles, überlichtetes Bild gepassten „Gedanken“ fallen aus dem Rahmen, aus der Umklammerung. Das Bild zu „Spiel“ stellt die Frage, ob der ewige Moment Fluch oder Glück und wirklich nur ein Spiel ist.
    Manche Spuren im Schnee sind mehr als alte Schritte. Sie sind ein Muster für das Lächeln der Sonne. Manche Suche kehrt zum Ausgangspunkt zurück, um erst dort zu enden (Zum glücklich sein).
    „Das Sandkorn“ als ein Moment in der Sanduhr, ein Ausbruch, aber wohin? Dazu Kiesel und Sand, groß und klein, verschwommen im Wasser.
    Weich und verfremdet überstrahlt ein tiefes Lächeln das „Sonett der Verwandlung“, das den Moment des Verliebtseins so genau beschreibt:
    „Wenn alles brennt, was mich umgibt,
    dann wird mir klar, ich bin verliebt.“
    Spinnen weben den Baum in den Abgrund, fast wie Schnee ist der Tau darin. Der Winter kommt immer vorab in kalten Momenten (Abschied).
    Ein weiterer Rahmen, neben den Jahreszeiten schließt sich mit der „Einsicht“, der Blick zurück, im Bewusstsein der Veränderung des Momentes und weißt zurück auf die „Lebensmitte“, dazu ein Blick in die Jugend.
    Einsamkeit ist auch nur ein Moment zwischen Lärm und Leben (Allein zur Nacht) und welch wunderbare Einsamkeit bricht über das brennende Wasser!
    Schneematsch hingegen ist trübe (Januar-Tristesse) uns so wird die Kerze aus Holz schon zur Blüte, fast.
    Weiß macht blind, doch unter allem liegt die Hoffnung, der kalten „Winter-Sinn“. Eine Reise durch die Jahreszeiten endet hier.
    Das Rad geht immer auf und ab, das Lebensbild in „Bin ich anders?“ enthält dieses Rad und nimmt noch den Mut hinzu, der uns in diesem Buch schon begegnete. Gerade in dem Moment, der unsere Angst nicht mehr enthält, kommt der Mut.
    Das Buch hat auch ein Letztes zu sagen, oder ist das Letzte gar nicht das Letzte?
    Genau, das Buch endet mit den Kurzbiografien der Autoren und einem Bild, das einen bunten Winterblick festhält, einen Moment, bevor die Sonne uns blenden wird und wir uns abwenden müssen.
    Aber nicht von diesem Buch.
    Es hat drei leere Seiten und die will man plötzlich füllen, mit diesen bewussten Momenten.

    Astrid Hentrich / Reinhard Rode
    Wir wollen… den bewussten Augenblick
    Wir wollen… den bewussten Augenblick ist eine liebevolle Kombination von Fotos und lyrischen Texten, von bestechender Qualität.
    ISBN:3937325018
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