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Monat: August 2010

Klaus Michael Meyer-Abich: Was es bedeutet, gesund zu sein

Klaus Michael Meyer-Abich: Was es bedeutet, gesund zu sein

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Was man über unser Gesundheitssystem hört, gibt Anlass zur Sorge. Nicht nur, dass Gesundheit so langsam unbezahlbar scheint, die sogenannten Zivilisationskrankheiten haben uns voll im Griff. Die Medizin hat Fortschritte gemacht, über die wir nur staunen können Gerade bei akuten, schweren Krankheiten bekommt man schnell Hilfe. Mit Alltagsbeschwerden plagen wir uns aber nach wie vor herum.

Es ist klar, dass sich etwas ändern muss. Aber so mancher hat Zweifel daran, dass die Reformen in die richtige Richtung gehen.
Der Autor hat sich eingehend mit unserem Gesundheitssystem, das wohl eher als Krankheitssystem zu bezeichnen ist, auseinandergesetzt.
In seinem Buch zeigt er die Ergebnisse seiner Recherchen und lässt den Leser teil haben an seinen sehr tiefgehenden Gedanken und den Rückschlüssen daraus.
Er hat erforscht, wie Krankheiten entstehen, welchen Einfluss der Umgang zwischen Arzt und Patienten hat und welche Rolle die pharmazeutische Industrie spielt.

Interessant sind die Ausführungen darüber, wie Krankheiten entstehen, insbesondere, welche Rolle die Psyche dabei hat. Und natürlich inwieweit unsere Art zu leben, Krankheiten entstehen lässt und welche gesellschaftlichen Aspekte hier hineinspielen. Was ist es, was den einen krank werden lässt und den anderen nicht? Wie geht der Mensch mit seinem Körper um, wie nimmt er ihn wahr?

Der Autor deckt Widersprüche in unseren Ansichten auf, über die es sich nachzudenken lohnt. Der Blick sollte nicht nur auf die Krankheit gerichtet werden, sondern auch immer auf die Lebensumstände. Nicht zuletzt belasten uns ja immer wieder Störungen in der Gesundheit, für die kein medizinischer Befund auszumachen ist. Der Mensch gilt dann als medizinisch gesund, fühlt sich aber dennoch krank. Der Autor beschreibt in diesem Zusammenhang, wo Gesundheit aufhört und Krankheit anfängt.

Besonders spannend sind natürlich die Rückschlüsse, die der Autor aus den gewonnenen Erkenntnissen gezogen hat. Dabei sollte der Blick wieder mehr auf die Gesundheit gerichtet werden. Viel besser ist es doch, einen Menschen gar nicht erst krank werden zu lassen. Und wenn er doch krank wird, ihn ganzheitlich zu behandeln und nicht einfach nur die Symptome der Krankheit.

Im Grunde wären die gemachten Vorschläge zugunsten unserer Gesundheit verblüffend einfach umzusetzen, wenn der Mensch nur bereit dazu wäre, also jeder einzelne persönlich. Ein Umdenken müsste stattfinden, eine umfassende Verhaltensänderung. Aber das ist eben nicht so einfach. Mit dem Nachdenken über unser Gesundheitssystem und unseren Lebensstil ist aber immerhin schon mal ein Anfang gemacht. Zumindest das erreicht der Autor mit seinem Buch.

Rezension von Heike Rau

Klaus Michael Meyer-Abich
Was es bedeutet, gesund zu sein
Philosophie der Medizin
640 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag
ISBN-10: 3446234136
ISBN-13: 978-3446234130
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Matthias Sodtke: Wirbel um den Wetterfrosch

Matthias Sodtke: Wirbel um den Wetterfrosch

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Nulli und Priesemut sitzen bei einem Picknick auf einer Wiese zusammen, auch weil das Wetter so schön bleiben soll. Priesemut ist sich da sicher, weil das Kribbeln zwischen seinen Zehen ein Zeichen dafür ist, das die Sonne scheinen wird. Dann braut sich aber doch ein Gewitter zusammen und Hase und Frosch flüchten zum Turm und fallen mit der Tür ins Haus, weil diese alte Holztür morsch ist. Nulli und Priesemut hatten den Turm für unbewohnt gehalten und doch ist jemand da: ein Frosch mit Bart und Hut. Der Frosch heißt Kwaki und ist ein Wetterfrosch. Er macht seine Wettervorhersage mit Messinstrumenten und verlässt sich nicht auf ein Kribbeln zwischen den Zehen. Nulli findet das sehr spannend und er freut sich über Kwakis Einladung, mit ihm einen Wetterballon steigen zu lassen. Priesemut ist enttäuscht, denn eigentlich wollte er am nächsten Morgen mit Nulli angeln gehen.

An nächsten Tag hat Priesemut dann auch schlechte Laune. Mit barschen Worten geht er zum Angeln, während Nulli sich auf den Weg zu Kwaki macht, ein Weckglas mit Priesemuts Vorratsbrummern als Mitbringsel im Gepäck. Darüber freut sich der Wetterfrosch natürlich. Und nachdem die beiden den Wetterballon steigen lassen haben, frühstücken sie gemeinsam.
Priesemut beobachtet die beiden später zusammen. Der Anblick, wie Nulli und Kwaki auf der Wiese sitzen und seine Brummer und die Möhren genießen, als wären sie die besten Freunde, lässt ihn beinahe platzen vor Eifersucht. Kein Wunder also, dass es nun lauter kracht, als bei einem Gewitter.

Man kann es ja immer kaum erwarten, bis ein neues Buch über Nulli und Priesemut erscheint. Die beiden sind doch immer wieder für eine Überraschung gut. Diesmal geht es um Eifersucht, die Priesemut erwischt und das wohl nicht ganz unbegründet, wendet sich sein bester Freund Nulli doch einem anderem Frosch zu, einem Wetterfrosch.
Doch Nulli erkennt von ganz alleine, dass so schnell niemand seinen besten Freund ersetzten kann. Freundschaft muss wachsen, das wird mit der kleinen Geschichte deutlich gemacht. Und so ist es sehr spannend, und eben auch lehrreich für Kinder, die kleinen Streitereien und Wortwechsel der beiden zu verfolgen. Im Grunde ist es ja ein Glück, dass die beiden noch miteinander sprechen, denn nur so können Missverständnisse ausgeräumt werden.
Wieder ganz toll sind die Bilder. Sie sind liebvoll gemacht und damit sehr aussagekräftig. Es macht viel Spaß, dass kleine Büchlein mit Kindern anzusehen.

Rezension von Heike Rau

Matthias Sodtke
Wirbel um den Wetterfrosch
Nulli & Priesemut Band 16
72 Seiten, gebunden
Lappan Verlag
ISBN-10: 3830311613
ISBN-13: 978-3830311614
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Ian Beck: Pastworld

Ian Beck: Pastworld

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Eve glaubt, im London des Jahres 1880 zu leben. Ihr Vormund Jack, der fast blind ist, achtet sehr auf sie. Nur selten darf sie hinaus und wenn, dann auch nur in seiner Begleitung. Jack macht dem Mädchen Angst, er behauptet, dass jemand hinter ihr her wäre, ohne näher darauf einzugehen. Eve kann so nicht mehr weiterleben und flieht. Vielleicht könnte sie mit dem Zirkus reisen. Doch kaum ist sie aus dem Haus, folgt ihr ein zerlumpter Mann. Nur mit Hilfe des Harlekins, der einen einmaligen Trick drauf hat, entkommt sie ihm. Von diesem Harlekin erfährt sie, dass man das Jahr 2048 schreibt. Jargo erzählt Eve, dass das um sie herum der Themenpark Pastworld ist. Eine getreue Nachbildung der Vergangenheit. Selbst ein Mörder, genannt das Phantom, treibt hier sein Unwesen und erinnert mit seinen Taten an den berühmt-berüchtigten Ripper.

Wer von draußen hier hereinkommt, macht also eine Zeitreise, die nicht ungefährlich ist. Das bekommt auch Caleb zu spüren, der mit seinem Vater anreist. Dessen wahren Beweggründe bleiben Caleb allerdings verborgen. Der Vater ist jedenfalls in einer Mission unterwegs, trifft sich mit einem blinden Mann. Dieses Treffen endet in einer Messerstecherei mit zerlumpten Männern. Der blinde Mann wird erstochen und Caleb der Tat bezichtigt. Er kann jedoch fliehen, während sein Vater entführt wird.
Auch Caleb bekommt Hilfe. BibleMac, der Taschendieb, nimmt sich seiner an. Er nimmt Caleb mit zu Mr Leighton, für den er arbeitet.
BibleMac ist ein Bewunderer der schönen Eve, die mittlerweile als Seiltänzerin arbeitet und mit ihrem Talent für Aufsehen sorgt.
So lernen Eve und Caleb sich eines Tages kennen. Ihre äußere Ähnlichkeit ist unverkennbar. Und beide sind in großer Gefahr, denn das Phantom sucht schon nach ihnen.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Chefinspektor Charles Catchpole vom Scotland Yard erzählt. Im Vorwort kann man einen Brief von ihm lesen, der sehr vielversprechend klingt und schon mal großes Interesse am Buch weckt. Seinen eigenen Ausführungen ergänzt Catchpole mit Tagebucheinträge von Eve.
So wird die Geschichte also von zwei Seiten betrachtet. Diese beiden Erzählstränge ergänzen sich perfekt.

Pastworld kann man sich gut vorstellen. Man hat sofort ein Bild vor Augen vom London des 19. Jahrhunderts mit den verwinkelten Gassen, den dunkeln Gebäuden, der spärlichen Beleuchtung der Gaslampen und dem unheimlichen Nebel. Genau so, wie es auf dem Cover zu sehen ist.

Nur hat diese Welt im Laufe der Jahre an Realität dazu gewonnen und ein Eigenleben entwickelt. Es ist nicht mehr einfach nur ein Themenpark. Man kann hier tatsächlich in Mord und Totschlag verwickelt werden, wie sich zeigt. Das ist wirklich unheimlich. Man verfolgt mit großer Spannung, was Eve und Caleb erleben, die sich zunächst gar nicht klar darüber sind, welche Rolle sie spielen und dass sie im Grunde nur Marionetten sind.
Dass mehr dahintersteckt, als es zunächst den Anschein hat, erkennt man natürlich mit der Zeit. Auch hier sind skrupellose Geschäftemacher am Werk, die mit dem Leben der Menschen, wobei die Bezeichnung womöglich nicht auf alle zutrifft, spielen. So kämpft wieder das Gute gegen das Böse.

Man hat den Eindruck ein sehr ungewöhnliches Buch zu lesen. Es ist diese unheimliche, düstere und geheimnisvolle Atmosphäre, die der Autor geschaffen hat. Und natürlich haben auch die verschiedenen Charaktere, die sehr authentisch wirken, ihren Anteil daran. Dazu kommt die Fantasie des Autors. Viele interessante Ideen haben Einlass in die Geschichte gefunden. Man wird ausgesprochen gut unterhalten.

Rezension von Heike Rau

Ian Beck
Pastworld
Aus dem Englischen von Barbara Abedi
400 Seiten, broschiert
Loewe Verlag
ISBN-10: 3785571569
ISBN-13: 978-3785571569
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Claudia Piñeiro: Die Donnerstagswitwen

Claudia Piñeiro: Die Donnerstagswitwen

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Altos de la Cascada, etwa 50 km von Buenos Aires entfernt, ist eine in sich abgeschlossene Siedlung. Es ist eine Privatsiedlung mit einem unüberwindbaren Zaun rundherum. Hier kommt niemand ungesehen rein oder raus.
Auch Virginia und Ronie haben ihre Stadtwohnung Ende der Achtzigerjahre aufgegeben, um hier raus zu ziehen.
Virginia beginnt als Immobilienmaklerin zu arbeiten. Sie ist es, die die Bewohner hier und ihre Häuser wohl am besten kennt. Zunächst arbeitet sie nur sporadisch, doch als Ronie seinen Job als Landverwalter verliert, muss sie allein für regelmäßige Einkünfte sorgen, um den Lebensstandard ihrer Familie zu halten.

Ein privilegiertes Leben zu führen und die Kinder in Sicherheit aufwachsen zu sehen, das ist es, was Familien, die es sich leisten können, in diese Abgeschiedenheit führt. Hier sind alle Freunde. Man ist unter sich.
Doch die Wirtschaftskrise in Argentinien macht vor dem Zaun nicht halt. Der Pleitegeier dreht seine Runden. Und so muss sich bald die eine oder andere Familie allein darauf konzentrieren, ihren Status zu halten. Und zwar so, dass keiner merkt, was wirklich läuft.

Man würde nicht ahnen, worauf die Geschichte hinausläuft. Die Autorin bereitet aber beizeiten ihre Leser darauf vor und erwähnt es. So weiß man, dass die Geschichte in einer Katastrophe enden wird. So vorgewarnt, schaut man genauer hin. Sieht die Familien, deren Leben beschrieben wird, mit anderen Augen. Sie geben sich ahnungslos. Zumindest die Frauen, die nicht die Wahrheit von ihren Männern erfahren oder erfahren wollen. Den Männern, die das glückliche Familienleben nach außen weiter heucheln, während die Verzweiflung oder auch die Ignoranz zu Bergen anwächst.

Es ist ein wirklich interessantes Buch, das zeigt, dass man nie so abgeschottet leben kann, dass die Außenwelt keinen Einfluss hätte. Auch in der Siedlung gibt es die ganz alltäglichen Probleme, vom Ehekrach bis hin zu Problemen bei der Kindererziehung.
Zum Schluss kommt alles ans Licht. An Dramatik ist das nicht zu übertreffen.

Vom Schreibstil her wirkt das Geschriebene perfekt ausgefeilt. Jeder Satz sitzt. Dennoch wird die Geschichte mit Zurückhaltung erzählt. Schlüsse daraus zu ziehen, wird dem Leser überlassen.

Rezension von Heike Rau

Claudia Piñeiro
Die Donnerstagswitwen
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
314 Seiten, gebunden
Unionsverlag
ISBN-10: 3293004172
ISBN-13: 978-3293004177
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Ferdinand von Schirach: Schuld

Ferdinand von Schirach: Schuld

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Mord, Totschlag, Grausamkeit und die Folgen.

Nach seinem Buch „Verbrechen“ beschäftigt sich Ferdinand von Schirach in diesem nunmehr zweiten Band mit Geschichten aus dem Gerichtsalltag, in dem er dem Begriff der „Schuld“ nachgeht.

Kurz, knapp und prägnant werden auch hier wie schon in seinem ersten Buch Geschichten aus dem Juristenalltag vorgetragen. Mysteriös und unklar sind nicht immer aber oftmals die Motive, die zu Unrechtstaten führen, deren Auswüchse uns vor Rätsel stellen. Als seien die Menschen Getriebene, die ihren Impulsen nicht mehr widerstehen könnten, erlebt man die absurdesten Übeltaten. Mord, Besudelung, Missbrauch und Torturen bieten die Anzeichen für verbrecherische Handlungen, die an Grausamkeit und Widerwärtigkeit kaum vorstellbar sind.

Der Jurist von Schirach ist ein Meister der kurzen Pointen. Seine Geschichten deuten an, ohne zu erklären, wie es zu den beschriebenen Verbrechen kommen konnte. Der Leser sieht sich mit den Absonderlichkeiten menschlicher Schwächen und Perversionen konfrontiert, die wie aus dem Nichts das Handeln entarten lassen. Gekonnt und ruhig, lakonisch und präzise beschreibt der Autor Geschehnisse, die an Erbarmungslosigkeit nicht zu überbieten sind. Ohne die tiefenpsychologischen Wissenschaften zu Rate zu ziehen, erklärt sich das Handeln der Täter und ihrer Motive aus sich selbst. Der Autor beschreibt drogensüchtige Freaks, die einen Perversen zur Strecke bringen und Schüler, die in einer Art Verblendung sich zu  Exorzisten erklären und einen Mitschüler mit ihren Torturen fast zu Tode quälen. Auch Drogenbosse und ihre Handlanger finden sich in einer Geschichte kopiert. Von Schirach zeigt die niedersten Instinkte, die im Menschen schlummern und sie zu Verbrechern werden lassen. Man wird zum Zuschauer des Verlust jeglicher Selbstkontrolle, mit denen Menschen zum Opfer der eigenen Triebe mutieren.  Die Beschriebenen Verbrechen enden entweder mit der Verurteilung, häufig mit Selbstjustiz unter den Schuldigen und kommen zuweilen nicht einmal zur Anklage. Der Schuldnachweis ist Voraussetzung  für ein Urteil, doch ist dieser Schuldnachweis nicht immer zu erbringen. Von Schirach lässt die Schuldfrage alleine durch die absurden Handlungen sichtbar werden.

Wortgewand und einfallsreich trägt von Schirach seine Fälle vor. Die Verfremdung von diffizilen Einzelfällen gelingt ihm hervorragend. Seine Fantasie in der Darstellung der Vielfalt abartiger Verhaltensweisen kennt scheinbar keine Grenzen.

Hervorragend und lesenswert sind diese Geschichten sicher für alle, die an Krimis und den Abgründe menschlichen Verhaltens Interesse haben. Man möchte als Fazit sagen: es gibt nichts, was es nicht gibt!

Hohes Lob gilt dem begabten und faszinierenden Erzähler, der als Anwalt und Strafverteidiger in Berlin lebt.

Ferdinand von Schirach
Schuld
208 Seiten, gebunden
Piper, August 2010
ISBN-10: 3492054226
ISBN-13: 978-3492054225
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