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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Krumme Dinger
Eingestellt am 06. 05. 2013 17:05


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Ciconia
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Als der schwedische Dokumentarfilmer Fredrik Gertten 2007 auf Anregung eines befreundeten Journalisten die Arbeiten zu Bananas aufnimmt, kann er schon auf viele erfolgreiche Filme zurückblicken. Vielleicht ist er diesmal ein wenig naiv an die Sache herangegangen, wie er selbst später in einem Interview bemerkt, aber die Thematik reißt ihn mit. Er möchte die Leidensgeschichte nicaraguanischer Plantagenarbeiter nach dem jahrzehntelangen gesundheitsschädigenden Einsatz des Pestizides DBCP erzählen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, dass sein neuer Film zu einer der größten Herausforderungen seines Lebens werden und er mit diesem Thema jahrelang beschäftigt sein wird.

Seit den 1950er-Jahren wurde dieses Pestizid großflächig auf Bananenplantagen in Mittelamerika, auf den Philippinen und in anderen Drittweltländern versprüht. Bereits 1961 erschien eine Studie von Shell, einem der Produzenten von DBCP, in der auf die gesundheitlichen Auswirkungen hingewiesen wurde.

Erst 1977, nachdem auch kalifornische Plantagenarbeiter gesundheitliche Schäden meldeten, kam es zu einem ersten Prozess. Der Einsatz von DBCP wurde daraufhin in den USA 1979 gerichtlich untersagt. Trotzdem verlangte die Dole Food Co. von ihrem Produzenten, der Dow Chemical, unter Androhung von Vertragsstrafen eine weitere Belieferung der mittelamerikanischen Plantagen. Krebs und Unfruchtbarkeit bei vielen Arbeitern waren zu diesem Zeitpunkt längst nachgewiesen.

Dole versprühte die Restlieferungen bis 1979 in Costa Rica und Honduras, in Nicaragua endete der Giftregen erst 1980, auf den Philippinen sogar erst 1986. Kein einziger der betroffenen Arbeiter war zu irgendeinem Zeitpunkt über die Giftigkeit von DBCP aufgeklärt worden.

In den 1980er- und 1990er-Jahren begannen die ersten nicaraguanischen Arbeiter gegen den Dole-Konzern zu prozessieren. Zwanzig Jahre lang wurde keine der Klagen von einem US-amerikanischen Gericht angenommen, da man sich auf die Regelung berief, dass derartige Prozesse in den Heimatländern der betroffenen Arbeiter geführt werden müssten – was die politischen Verhältnisse in Nicaragua in jenen Jahren verhinderten. Eine geänderte Gesetzgebung ermöglichte endlich 2001, dass den ersten Klagen in den USA stattgegeben wurde. Dole hatte bis dahin zwanzig wertvolle Jahre gewonnen.

In den folgenden Jahren des neuen Jahrtausends verhinderte politisches Gerangel zwischen den USA und Nicaragua Ausgleichszahlungen an die betroffenen Arbeiter. Einige von ihnen waren mittlerweile sowieso schon verstorben. Das Spiel auf Zeit hatte sich für Dole noch einmal ausgezahlt.

2009 zeichnete sich dann der endgültige Durchbruch in dieser abscheulichen Geschichte ab. Das Urteil im Fall Tellez v. Dole sprach sechs von zwölf nicaraguanischen Klägern eine Entschädigung von 2,5 Mio. US-$ zu. Umgehend legte Dole Berufung ein, und die Richterin Victoria Chaney, deren schillernde Auftritte in den nächsten Jahren noch oft für Aufsehen sorgten, widerrief das Urteil 2010 ganz im Sinne von Dole.

Nach der Urteilsverkündung der 1. Instanz reichte der umtriebige Anwalt der Kläger, Juan „Accidentes“ Dominguez, umgehend zwei weitere Klagen gegen Dole ein. Richterin Chaney wies beide Klagen mit der Begründung ab, dass die Zeugenaussagen in allen Verfahren von den Anwälten der Kläger gekauft und die US-Gerichte arglistig getäuscht worden seien. Dole habe mit Hilfe von anonymen Zeugen, die allerdings niemals vor einem amerikanischen Gericht aussagen mussten, belegen können, dass ein Großteil der Kläger gar nicht auf Dole-Plantagen gearbeitet habe, so Richterin Chaney. Die Anwälte Dominguez und sein Partner Hernandez bewiesen dagegen anhand von Videoaufzeichnungen und eidesstattlichen Erklärungen, dass Dole in großem Stil Zeugen in Nicaragua gekauft hatte. Richterin Chaney berücksichtigte diese Beweise in ihren Entscheidungen nicht. US-Medien berichteten überwiegend wohlwollend über den Dole-Konzern.

Fredrik Gertten dreht zunächst einen einfühlsamen Film (Bananas) über die Arbeit der nicaraguanischen Plantagenarbeiter und ihre Leiden. Sein Anliegen ist es nicht, Dole Food Co. zu verurteilen, sondern er zeigt nur auf und lässt den Zuschauer selbst urteilen. Auch Konzernsprecher von Dole kommen zu Wort, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Er begleitet den ersten Prozess in Los Angeles, der Film endet mit der Urteilsverkündung in der 1. Instanz. Ein glücklicher Ausgang, wie jeder zu diesem Zeitpunkt meint.

Der Film schafft es, in das Programm der L.A. Filmfestspiele 2009 aufgenommen zu werden. Die riesige Dole-Maschinerie mit einem Heer von Anwälten springt sofort wieder an. Bereits drei Tage nach einer offiziellen Pressekonferenz zu den Filmfestspielen in L.A. im Mai 2009 lässt Dole sich den Trailer bei einer Anhörung vor Gericht zeigen. Die zuständige Richterin in diesem Fall ist jedoch nicht bereit, das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken. In einer weiteren beispiellosen Aktion beginnen Dole-Anwälte daraufhin, den Filmemacher und seine Produktionsfirma, das L.A. Film Festival, alle (!) Sponsoren dieses Festivals und zahlreiche Journalisten zu informieren, dass der Film aus Sicht von Dole „falsche und verleumderische Aussagen“ enthalte. Die Veröffentlichung des Trailers wird sofort untersagt, das L.A. Filmfestival knickt ein und nimmt den Film aus dem Wettbewerb. Gertten gelingt es allerdings, den Film außerhalb des offiziellen Programms vor kleinerem Publikum vorzuführen. In Deutschland läuft der Film erstmals auf der Berlinale 2010.

Im letzten Schritt reicht Dole schließlich eine Zivilklage wegen Verleumdung gegen Gertten und seine Produzentin ein. Der Umfang der Klageschrift beträgt über 300 Seiten. Gertten ist verzweifelt, schließlich hat er ein Jahr lang an seinem Film gearbeitet und viel investiert. Er investiert noch einmal: in gute Anwälte, die den Kampf gegen Dole aufnehmen.

Dann wendet sich das Blatt auf überraschende Weise für ihn, und der Kampf David gegen Goliath nimmt einen dramatischen und unglaublichen Verlauf: Ein schwedischer Blogger hört von dieser Geschichte und verbreitet sie im Internet. Die schwedischen Verbraucher boykottieren daraufhin Dole-Produkte. Auch Greenpeace fordert zum Boykott auf. Die schwedische Regierung zeigt den Film im Parlament. Der Druck auf den US-Multi wächst auch durch zahllose Briefe an Dole, in denen der Eingriff des Konzerns in die Rede- und Informationsfreiheit scharf kritisiert wird. Schließlich bleibt Dole nichts Anderes übrig, als die Zivilklage zurückzuziehen. Es gibt einen gerichtlichen Vergleich, in dem Gertten die Prozesskosten erstattet werden. Ende 2010 entscheidet ein Gericht in Los Angeles zu Gunsten der Filmcrew und genehmigt damit die Veröffentlichung des Films auch in den USA. Der Imageschaden für die Marke Dole ist gewaltig.

Gertten wäre kein guter Filmemacher, hätte er nicht gleich nach der Klageerhebung gegen ihn mit der Arbeit an einem neuen Film begonnen. Big Boys gone Bananas zeigt seinen zermürbenden Kampf gegen den Großkonzern und die Finessen, mit denen Dole gegen eine Verbreitung unliebsamer Tatsachen vorgeht. Das geht z. B. so weit, dass zeitweise beim Googeln des Namens „Gertten“ Dole-Werbung erscheint, wie Gertten in einem Interview erläutert. Man hat es sich auch auf dem PR-Sektor wirklich etwas kosten lassen. Doles Aussage „Mit einem schlechten Gewissen lebt es sich leichter als mit einem schlechten Ruf“ wird in vielen Publikationen zu diesem Thema erwähnt.

Dieser zweite Film wird auf dem Filmfestival in Amsterdam 2011 uraufgeführt, 2012 darf er ohne Einschränkungen beim Sundance Film Festival in den USA gezeigt werden.

Fredrik Gertten hat es mit Ausdauer und unermüdlichem Einsatz geschafft, sich gegen den „Goliath“ Dole zur Wehr zu setzen. Sein Mut, es mit einem Weltkonzern aufzunehmen und sich nicht in seiner Meinungsäußerung einschränken zu lassen, verdient größten Respekt. Der Dole-Konzern hat viele Millionen Dollar für seine Kampagnen in den Sand gesetzt und stark an Ansehen verloren. Die eigentlichen Verlierer des Dramas, die betroffenen Plantagenarbeiter, warten jedoch noch heute auf Entschädigungen. Die Zeit arbeitet weiter für Dole.

************************

Die Informationsquellen zu den geschildeten Fakten sind mannigfaltig im Internet. Eine sehr ausführliche Schilderung der Hintergründe mit zahlreichen weiteren Quellenangaben findet sich z. B. Hier klicken

Ein sehr informatives Interview mit Gertten gibt es Hier klicken


Version vom 06. 05. 2013 17:05
Version vom 07. 05. 2013 17:19
Version vom 08. 05. 2013 09:09
Version vom 08. 05. 2013 11:31

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jon
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Erster Eindruck: Gut. Aber …

… der Einstieg mit der Beichte, dass der Autor des Textes die Filme nicht gesehen hat, diskreditiert den Text. Dadurch wird nämlich die Behauptung, "Bananes" würde urteilsfrei nur Fakten zeigen, zu bloßem Hörensagen. (Natürlich urteilt ein solcher Film schon durch die Auswahl des Gezeigten.)

… der Teil, der den Ablauf der Ereignisse zeichnet, ist zu lang, er dominiert den Text vor allem in dem Teil, in dem man als Leser drauf wartete, dass die „Geschichte des mutigen schwedischen Filmemachers" erzählt wird. Mir ist klar, dass das Neben(?)thema "die Zeit spielt für Dole" hier aufgemacht wird. Die Länge stört mich trotzdem massiv.

… die durchgängige Verwendung des Präsenz sorgt für eine ungute Verwirrung: Ohne spürbaren Schnitt springt der Text nach der Ereignis-Passage zurück – anfangs scheint es, als sei diese Teil (das Filmmachen) parallel zumindest zum letzten Teil der Ereignisse angesiedelt, dann stellt sich aber heraus, dass ausgerechnet der letzte Teil NACH dem Film(machen) passierte. Es ist generell fragwürdig, ganze "Rückblick"-Texte im Präsens zu schreiben; wenn dann noch sowas passiert, finde ich es doppelt ärgerlich.

… eigentlich hab ich hier inhaltlich gar nicht die Geschichte bekommen, wie Gertten Dole "in die Knie zwingt, sondern die, wie „die Öffentlichkeit" Dole unter Druck setzt. Der Charakteristik "Geschichte über Gerrten" entspricht der Text auch nicht (bis auf den Satz „Gertten ist verzweifelt,“ – zu wenig für die Ankündigung).


Trotzdem: Ich hab den Text gern gelesen. Die oben genannten vier Schwachstellen lassen sich – so glaube ich – leicht beheben, ohne alles ganz neu machen zu müssen. Versuchs mal!



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Ciconia
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Hallo Jon,

ich hatte gehofft, dass Du einen hilfreichen Kommentar abgibst, und ich bin nicht enttäuscht worden – herzlichen Dank dafür.

Ich habe mich mit diesem Text auf neues Terrain begeben, ich habe sehr viel recherchiert und versucht, aus den zahlreichen Interviews und Berichten, die über Gertten und seine Filme im Internet existieren, eine Kurzfassung zu basteln. Dass der „Ablauf der Ereignisse“ vielleicht ein wenig zu lang geraten ist, mag sein – aber ich halte diese Grundlagen für wesentlich, um einerseits Gerttens Motivation zu diesen Filmen klar herauszustellen und andererseits die „Krummen Dinger“ eines Großkonzern aufzuzeigen. Auch darum ging es mir.

Ansonsten habe ich den Text an einigen Stellen überarbeitet:

Den „Einstieg mit der Beichte“ habe ich in der neuen Fassung weggelassen. Deinen Einwand halte ich für gerechtfertigt.

Die „Ereignis-Passage“ habe ich jetzt ins Präteritum gesetzt, auch hier gebe ich Dir Recht.

Mit einer neuen (Unter-)Überschrift habe ich den Kampf „David gegen Goliath“ ein wenig abgeschwächt, ich hoffe, damit wird dann nicht zu viel versprochen.

Ich würde mich freuen, wenn Du mir noch mal ein kurzes Feedback geben könntest, ob der neue Text so besser geworden ist.

Liebe Grüße
Ciconia

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jon
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Gefällt mir deutlich besser. Ich würde aber die Überschrift bei "Krumme Dinger" belassen, der Text beschäftigt sich ja eigentlich auch nicht mit „Gerrten und den Filmen X und Y" sondern mit Dole und Dole vs. Gerrten. "Krumme Dinger" fasst beides prima zusammen und bezieht auch noch die Bananen ein.


Details:

quote:
Der schwedische Dokumentarfilmer Fredrik Gertten hat in seinem Leben schon viele Filme gedreht. Als er 2007 auf Anregung eines befreundeten Journalisten … DBCP erzählen. Er ahnt zu diesem Zeitpunkt nicht, dass dieses Thema in einem jahrelangen zähen Kampf enden wird, den er letztlich mit Hilfe vieler Unterstützer gewinnen kann.
Ich versteh nicht, ob er vor Bananas schon viele Filme gedreht hat (vermutlich, wenn man die Zeitschiene anschaut) oder inzwischen.
Das Thema endet - wenn ich das Textende ansehe – nicht wirklich in dem zähen Kampf, es mündet in einen.
Ich würde vorn eventuell noch nicht verraten, dass er den Kampf gewinnt. Macht es spannender


Am Rande:
quote:
Das geht z. B. so weit, dass zeitweise beim Googeln des Namens „Gertten“ Dole-Werbung erscheint.
Ich bin nicht sicher, dass Dole da was gedreht hat, Wenn der Name Gerrten oft in Zusammenhang mit Dole im Netz auftaucht, verknüpft Google beides automatisch, glaub ich. Aber ich kann mich auch irren. Du solltest das der journalistischen Sorgfaltspflicht wegen mal prüfen (wenn du's nicht schon getan hast).
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Ciconia
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Hallo Jon,

diese Arbeit macht wirklich Spaß. Vielen Dank auch für diesen Kommentar!

Ich habe auch die neuesten Anregungen von Dir umgesetzt und den Text entsprechend geändert.

Was die Dole-Werbung anbelangt: Dies ist eine Aussage von Gertten in dem unten im Text angeführten Interview. Ich habe mich (aus gutem Grund!) bemüht, alle meine Aussagen in diesem Text hinreichend zu recherchieren.
Wer sich näher mit meinem Thema beschäftigen möchte und mit Englisch keine Probleme hat, dem kann ich dieses spannende Interview sehr empfehlen.

Liebe Grüße
Ciconia

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