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Erstes Kapitel
Wölkchen wie aus Watte zogen von einem leisen Wind getrieben am Abendhimmel entlang. Die Sonne war endlich dabei, in ihrer ganzen Pracht im Meer zu versinken, aber erst, nachdem sie für einen heißen Septemberanfang gesorgt und eine Menge andalusischer Fischer den ganzen Tag zum Schwitzen gebracht hatte. Doch jetzt schaukelten die Boote verlassen in der aufkommenden Flut. Die Fischer hatten schon vor Stunden ihre Netze eingeholt.
Der Strand war menschenleer, wenn man von dem großgewachsenen jungen Mann absah, der dort mit einer Staffelei und einem Pinsel in der Hand stand, auf das Meer hinausblickte und auf etwas zu warten schien. Sein Blick galt jedoch nicht dem Sonnenuntergang, einem Naturschauspiel, wie es nur die Atlantikseite Andalusiens hervorbringen konnte, sondern den Wolkenformationen, die nur ein geübtes Auge in diesem frühen Stadium wahrnahm, genauso, wie ihm die sich bildende Gischt in der Ferne nicht entging. Es fesselte ihn so sehr, dass er den korpulenten Alten nicht bemerkte, der von Weitem rief und winkte und schließlich heftig atmend neben ihm stehen blieb.
„Buenas tarde, Papa“, wurde der Alte begrüßt. „Lass mir noch eine halbe Stunde, dann bin ich fertig.“
„Das sagst du immer“, schnaufte der Alte. Seine silberweißen Haare umrahmten ein Gesicht, das für einen Fischer ungewöhnlich fein geschnitten war. Er warf mit gerunzelter Stirn einen Blick auf das Meer, dann wieder auf seinen Sohn. „Heute ist fast kein Fisch ins Netz gegangen, Miguel, den ganzen Tag nicht. Wie kannst du also so seelenruhig dastehen?“
„Das sage ich dir gleich.“ Miguel lächelte auf eine unvergleichlich herausfordernde Art, und in seinen grünblauen Augen blitzte der Schalk. „Komm Papa, stell dich mit ins Bild. Du würdest dem ganzen mehr Fülle geben.“
„Wie meinst du das?“ Der Alte stemmte die Arme in die Seite und sah seinen Sohn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Miguels Grinsen wurde breiter und brachte ihm einen Klaps auf den Hinterkopf ein. Doch dann verzog sich auch das Gesicht des Alten zu einem Lächeln. „Also weißt du! Du kannst vielleicht respektlos sein!“
„Ich trage den Respekt im Herzen, nicht auf der Zunge. Außerdem habe ich dich zum Lachen gebracht, nicht wahr?“
„Ja das hast du. Und jetzt lass hören!“
„Ich habe gestern nicht nur Fische zum Markt gebracht, sondern auch ein paar meiner Bilder. Und ...“, Miguel machte ein feierliches Gesicht „... ich, Miguel Perez, Fischer wider Willen, habe sie alle verkauft.“
Der Alte riss die Augen auf: „Das hast du?“
„Ja!“ Miguels Blick wanderte den Horizont entlang, der einen seltsamen Anblick zu bieten begann, als ob irgendjemand die Farben durcheinander gebracht hätte.
„Richtig ... richtig verkauft?“
„Ja, richtig verkauft.“ Er nahm den Pinsel zwischen die Lippen, um eine Hand frei zu bekommen, zog ein ganzes Bündel Geld aus seiner Hosentasche und drückte es seinem Vater in die Hand. „Ich hoffe das reicht für die Dachreparatur. Wenn es nämlich noch lange hereinregnet, kann ich in meiner Schlafkammer bald Aale züchten.“
Der Alte sah verblüfft auf das Geld und gab einen anerkennenden Pfiff von sich. „Das ist ... das ist mehr als genug. Das ist ...“ Er blickte mit offenem Mund auf Miguel, dem der liebe Gott vor achtzehn Jahren eine heftige Leidenschaft für Naturgewalten in die Wiege gelegt haben musste, denn sein Sohn hielt sie mit einer Präzision, die ihresgleichen suchte, auf allem fest, was sich bemalen ließ. „Deine Mutter, Gott hab sie selig, wäre stolz auf dich.“
„Ja. Aber jetzt lass mich in Ruhe tun, wozu ich hergekommen bin.“ Seine Aufmerksamkeit wurde schon wieder von den Wolken aufgesogen, die jetzt Geschwindigkeit aufnahmen und sich in parallele Streifen zu zerteilen begannen. Er tauchte seinen Pinsel in das Blau, vermischte es mit Weiß und begann zu malen.
Dem Alten entglitt ein leiser Seufzer. Sein Blick ruhte auf Miguel, seinem klar geschnittenen, lebensbejahenden Profil, das so sehr dem der Mutter ähnelte. Lehrerin war sie gewesen, hier in diesem Dorf, an dem alle Spuren technischen Fortschritts jahrelang vorbeigegangen waren und auch heute noch fehlten. Dann blickte er misstrauisch zum Himmel und sein Stolz machte leichter Sorge Platz. „Gott segne dich und dein Talent! Aber übertreibe es nicht. Das ist kein kleiner Sturm, der sich hier anbahnt. Wenn du nicht rechtzeitig verschwindest, wird er dir deine Staffelei um die Ohren hauen.“
Miguel nickte nur, inzwischen völlig gefesselt von dem, was sich vor seinen Augen abspielte. Es spornte seine Schaffenskraft zu Höchstleistungen an. Sein Vater beobachtete noch ein paar Augenblicke die raschen Pinselstriche seines Sohnes, zuckte schließlich mit den Schultern und lief den gleichen Weg zurück, den er gekommen war.
Miguel mischte die Farben neu, war jetzt hochkonzentriert, und verlieh seinen Wellen mit einem anderen Pinsel, dessen Borsten er eigens dafür zugeschnitten hatte, das energiegeladene Aussehen. Er malte auch noch, als es windig wurde und das Meer schwarz auszusehen begann. Und er hörte auch nicht auf, als der Wind rauer und das Meer immer aufgewühlter wurde, obwohl er sich jetzt beeilte, den vielen Eindrücken mit schnellem Pinselstrich Ausdruck zu geben.
Levante nannten Sie ihn, diesen Sturm, der so oft und tagelang mit Stärken von acht und mehr über die Küste peitschte. Hinter dem Fenster einer weißen Villa, ungefähr drei Kilometer landeinwärts, stand eine Frau, blickte auf die Weite des Meeres, das sich heute so unheilvoll darbot, beobachtete die Wolken, die sich so schnell auftürmten, dass einem schwindelig werden konnte, und lauschte dem Wind, der in Böen und in den höchsten Tönen gegen das Fenster drückte. Mit ihrem feinen Dutt aus silbergrauen Haaren und ihrem offenen, warmen Blick gab sie ein Bild ab, das ganz im Gegensatz zu dem beginnenden Unwetter stand, und auch im Gegensatz zu dem dickwanstigen Mann hinter ihr, der an einem Schreibtisch saß und seine Brille putzte.
„Meine Güte, sieh dir das nur an“, sagte sie zu ihm, „Ich meine, da braut sich ein richtig Großer zusammen.“
„Hier gibt es viele große Stürme“, brummelte der Mann, hielt seine Brille gegen das Licht und putzte weiter.
„Aber das solltest du dir wirklich einmal ansehen“, beharrte sie.
Er hielt widerwillig im Putzen inne und trat gemächlichen Schrittes zu ihr ans Fenster. „Und was ist daran Besonderes?“
„Na, sieh dir nur den Himmel an! Ich denke doch, du solltest die Sturmglocken läuten lassen.“
Er setzte die Brille auf seine Knollennase. „Das sehen die Fischer selbst. Die brauchen keine Sturmglocken. Die haben Augen im Kopf.“
„Bestimmt haben sie das. Aber du als Bürgermeister solltest doch wohl ein paar Vorkehrungen treffen lassen.“
Er legte die Hände auf den Rücken und sah sie ungehalten an. „Und du als meine Schwester solltest dich doch wohl aus meinem Amt heraushalten.“
Sie senkte den Blick und er hielt es für Demut, aber in ihren Augen lag alles andere als Demut. „Wie du meinst, aber wäre es nicht besser, die Fischer würden ganz allgemein etwas mehr landeinwärts wohnen?“
„Keine der Fischerhütten steht so nahe am Strand, dass sie ernsthaft gefährdet wäre.“
„Aber es gibt Hütten, die kaum einhundert Meter davon entfernt sind.“
„Sie sind nicht bewohnt“, erwiderte er noch ungehaltener. „Die Fischer bringen dort gewöhnlich nur ihre Gerätschaften unter oder sortieren ihren Fang. Was kümmert es dich überhaupt?“
„Ich finde einfach, dass du irgendetwas unternehmen solltest!“
„Luisa, bitte!“ Er sagte es laut und er sagte es drohend, genauso wie immer, wenn ihm jemand mehr als einmal widersprach. „Du bist hier ein gern gesehener Gast. Aber halte dich aus den Angelegenheiten meines Amtes heraus.“
„Ach Carlos! Sind denn die Fluten jemals bis zu deinem Haus vorgedrungen?“
Er glaubte Besorgnis herauszuhören und das besänftigte ihn wieder. „Nein, niemals. Wir liegen fast drei Kilometer landeinwärts und recht hoch. Du bist hier also sicher. Der untere Teil der Gartenanlage wurde einmal überschwemmt. Aber damals maßen die Wellen bestimmt sechs Meter. Das wird sich sicherlich nicht wiederholen.“
Zehn Kilometer von der Küste entfernt, dort wo die Gischt jede Sicht trübte, so heftig zauste der Sturm die Meeresoberfläche, änderte sich plötzlich die Windrichtung. Hatte sich der Sturm bisher nicht entscheiden können, ob er nun schräg zum Land oder eher in den Atlantik hinaus blasen sollte, so entfesselte er jetzt seine Gewalten in Richtung auf das Land zu. Seine Energie türmte das Wasser und trieb es mit Macht vor sich her. Und dann verband sich Welle mit Welle, und in ihrer Gesamtheit entwickelten sie rasch die Kraft, die die Fischer so sehr fürchteten.
Miguel hatte alles zusammengepackt, hatte Zeit verloren, weil ein paar Sturmböen seine Staffelei mehrmals umgerissen hatten, und hatte gerade ein paar Meter zurückgelegt, als er die riesige Woge kommen sah. Er starrte ungläubig auf diese Wasserfront, die sich dunkel vor ihm erhob. Sie war schnell, so schnell, dass sie jeden Fluchtgedanken sofort im Keim erstickte. Er konnte nur noch das Bild von sich schleudern, das sofort vom Sturm erfasst und landeinwärts getragen wurde, dann war das Meer auch schon über ihm. Es riss ihn von den Beinen, zog ihn hinunter und ließ ihn sein salziges Wasser schlucken. Er schlug um sich, kämpfte sich prustend und spuckend wieder an die tobende Oberfläche. Er war von klein auf ein exzellenter Schwimmer, konnte die Luft unter Wasser länger anhalten als jeder andere, aber was das Meer ihm in diesem Augenblick abverlangte, ging weit über seine Kräfte. Immer wieder schaffte er es, seinen Kopf über die tosende Masse zu bringen, um nach ein paar Atemzügen zu ringen, immer wieder schlug das Meer über ihm zusammen und zeigte ihm, wie sehr er dieser Naturgewalt ausgeliefert war. Protest tobte in ihm, der so heftig war, dass er dem Toben des Meeres in nichts nachstand. Seine wenigen Gedanken, die er noch fassen konnte, formten ein einziges, gewaltiges „Nein!“ Und dann traf ihn die Bohle am Kopf. Sie war vom Anlegesteg abgerissen worden und ziellos umhergewirbelt. Noch bevor er die Besinnung verlor, umklammerte er sie mit aller verbleibender Kraft, und die Finger seiner beiden Hände verschlossen sich wie Stahlgeflechte ineinander. Und dann peitschte das Meer die Bohle mitsamt dem bewusstlosen Stück Mensch im Rhythmus seiner unbändigen Kraft hin und her und trieb es in jede Richtung, die ihm der Sturm auferlegte.
Zweites Kapitel
Der Alte wanderte suchend am Strand entlang. Tränen liefen über seine Wangen. Immer wieder hob er die Arme, und immer wieder kam aus seinem Mund ein lautes „Miguel“, das jenseits der Verzweiflung lag. Eigentlich hatte er es schon vor einer Stunde aufgegeben, nach seinem Sohn zu rufen. Sein gequälter Blick suchte erneut den verwüsteten Strand ab, den das Meer in einer Breite von fünfhundert Metern einfach verschlungen hatte und nur zögerlich wieder freigab. Ab und zu gab es etwas von seiner Beute zurück, spuckte hier und da sein Treibgut aus. Der Alte lief weiter, hatte schon beinahe vier Kilometer in südlicher Richtung zurückgelegt, als er abrupt stehen blieb und seine Gesichtszüge hölzern wurden. Wie gelähmt stand er da und starrte zu Boden, bis sich aus seiner Kehle ein gepeinigter Schrei löste. Da lag es, das Bild, fast unversehrt, und die Ölfarben zeigten so klar die Landschaft, wie Miguel sie kurz vor der Wut des Sturmes wahrgenommen haben musste, dass der Alte davor auf die Knie fiel, die Hände vor das Gesicht schlug und hemmungslos zu weinen begann.
So fanden ihn zwei befreundete Fischer fast eine Stunde später, zogen ihn unter gutem Zureden auf die Beine und schleppten ihn mitsamt dem Bild zu seiner Behausung, die genauso ärmlich war, wie die von allen hier im Dorf. Sie setzten ihn auf einen Stuhl und blieben betrübt neben ihm stehen. Er hielt das Gesicht in den Händen vergraben und sein Rücken bebte in unregelmäßigen Abständen.
Der eine nahm den anderen schließlich am Arm und zog ihn vor das Haus. „Lass ihn! Wir können im Moment nicht viel für ihn tun. Helfen wir lieber bei der Suche mit. Vielleicht gibt es ja noch etwas zu finden.“ Der andere warf ihm einen düsteren Blick zu und schüttelte den Kopf: „Das glaubst du doch wohl selbst nicht. Du hast doch gesehen, wie hoch die Wellen gekommen sind.“
Der Schock saß ihnen tief in den Gliedern. Sie hatten immer gewusst, dass es wieder passieren könnte, und trotzdem hatte es sie völlig unvorbereitet getroffen. Sie marschierten zum Strand zurück, schlossen sich einem der Suchtrupps an, die von einem ortsansässigen Polizisten gebildet worden waren, und suchten den halben Golf von Cadiz nach Miguel sowie zwei verschwundenen Kindern und einem der Dorfältesten ab. Überall lagen Teile von Kisten, Planken zerschmetterter Boote und sonstiger Unrat herum. Als die Dämmerung hereinbrach, gaben sie auf, so wie Miguels Vater es schon Stunden zuvor getan hatte.
Tagelang verkroch sich der Alte in seinem Haus und weigerte sich, irgendjemanden hereinzulassen oder mit irgendjemandem zu sprechen. Er stand nur drei Mal in drei Tagen von seinem Stuhl auf: Einmal, um ein Stück Brot und ein Krug Wasser zu holen, einmal um seine Notdurft zu verrichten und einmal, um die steif gewordenen Beine davor zu bewahren, völlig vom Blutkreislauf abgeschnitten zu werden. Er schlief am Tisch, er trauerte am Tisch, er fluchte am Tisch. Am Abend des dritten Tages strich er sich schließlich über den Stoppelbart und erhob sich unter lautem Ächzen. Es gab keinen Knochen in seinem Leib, der ihm nicht weh tat, und genauso gab es kein Gefühl in seinem Inneren, das nicht schmerzlich war. Er spürte genau, dass er kurz davor war, vor lauter Kummer den Verstand zu verlieren. Er musste etwas unternehmen. Irgendetwas! Er musste! Und er unternahm etwas. Er suchte Miguels Bilder im ganzen Haus zusammen und stapelte sie in einer Ecke. Dann besorgte er sich ein paar lange Scheite Feuerholz, spaltete gerade Stücke davon ab, bearbeitete diese sorgfältig und begann die Bilder zu rahmen, ohne sie auch nur einmal dabei anzusehen. Und wer auch immer an seiner Behausung vorbeikam, hörte, wie er die Nägel in das Holz trieb, und auch, wie er dabei weinte. Er weinte und rahmte, weinte und rahmte. Er war wie besessen. Er hatte sie alle hervorgeholt, die ganzen Bilder mit ihrer so kraftvollen Wiedergabe tobender Naturgewalten. Und als er zu dem Bild kam, das er am Strand gefunden hatte, schloss er die Augen und unter seinen Lidern krochen die Tränen hervor.
Drittes Kapitel
In der weißen Villa herrschte unterdessen rege Betriebsamkeit. Nichts, außer dem betroffenen Gesicht von Luisa deutete in diesen herrschaftlichen Räumen darauf hin, dass das Dorf schwer heimgesucht worden war.
Hätte man es ihr erlaubt, wäre sie hinausgegangen und hätte geholfen, die Not zu lindern. Das Wasser, das in die Fischerhütten eingedrungen war, hatte viele der Vorräte ungenießbar gemacht, und weil es nicht schnell genug abgeschöpft werden konnte, würde es früher oder später das Holz zum Faulen bringen. Außerdem war der ganze Fischfang wegen des Verlustes von Booten behindert, ganz zu schweigen vom Verlust der Menschenleben. Schon allein der Gedanke daran ließ ihr die Brust enger werden. Doch der Bürgermeister zeigte sich nur wenig berührt und hatte seiner Schwester mehrfach und klar zu verstehen gegeben, dass genügend Helfer im Einsatz waren. Und so stand sie hier und überprüfte an dem großen gedeckten Tisch im Speisezimmer Tafelgeschirr auf Fleckenlosigkeit, eine Tätigkeit, die sie in diesem Moment als so unpassend und überflüssig empfand, wie den Besuch, der erwartet wurde.
Es dauerte nicht lange, bis ein derbes Männerlachen aus der Eingangshalle tönte und gleich darauf einer der reichsten Geschäftsmänner von Cadiz seinen spitzen Bauch durch die Speisezimmertür schob, gefolgt von seinen beiden erwachsenen Söhnen, seiner Frau sowie dem Bürgermeister selbst mit Gattin und Tochter.
Höflichkeitsfloskeln wurden ausgetauscht und ein paar plumpe Scherze gemacht, bevor sich die illustre Gesellschaft niederließ. Der Spitzbäuchige griff herzhaft zu, brachte das Dienstmädchen ins Schwitzen, konnte gleichzeitig essen und reden, was er unter den missbilligenden Blicken seiner Frau auch tat, und kommentierte ihren Gesichtsausdruck mit: „Mein gutes Weib, schau mich nicht so an. Mit vollem Mund zu sprechen ist weniger unmanierlich, als es mit leerem Kopf zu tun.“ Er trieb ihr damit die Röte ins Gesicht, und wandte sich übergangslos dem Bürgermeister zu. „Nun alter Freund, wie komme ich denn zu der Ehre, heute dein Gast zu sein? Du hast doch sicherlich einen guten Grund.“
Den hatte der Bürgermeister in der Tat, und als er ihn äußerte, machte er Luisa damit noch schweigsamer, als sie es aufgrund des Verhaltens seines Gastes schon war. Geld wollte sich ihr Bruder von dem Mann aus Cadiz borgen; das Fischerdörfchen für Feriengäste, die sich ab und zu hierher verirrten, attraktiver gestalten, damit sich ein paar mehr hierher verirrten und die Kassen füllten; Boote wollte er haben, schöne große Boote, welche die Gäste zu den Tropfsteinhöhlen hinausbrachten, die diese so gerne bestaunten; doch die Gemeindekasse sei leer, vor allem jetzt, nach diesem gewaltigen Sturm, der die Abgaben der Fischer vermindert hatte. Luisa unterdrückte mit Mühe ein Aufstöhnen. Wie gefühlskalt konnte man sein? Hatten sie und ihr Bruder vor einem halben Jahrhundert wirklich denselben Mutterschoß verlassen? Oder hatte man ihn bei der Geburt vertauscht? Sowohl Gesinnung als auch Äußeres hätten nicht unterschiedlicher sein können.
„Ist dir nicht gut, meine Liebe?“ fragte ihre Schwägerin plötzlich. „Du siehst ... angespannt aus.“
„Mir ist in der Tat nicht gut.“ Luisa hatte alle Mühe, sich ihren schwelenden Groll nicht anmerken zu lassen. „Die Luft hier drinnen ist ... ist irgendwie ... drückend, geradezu zum Schneiden.“
Ihre Schwägerin runzelte die Stirn, wies das Dienstmädchen an, ein Fenster zu öffnen, während der Bürgermeister Luisas Bemerkung durchaus richtig deutete und ihr einen warnenden Blick zuwarf. „Warum gehst du nicht einfach ein wenig hinaus, und machst einen kleinen Spaziergang? Nach dem vielen Regen ist die Luft dort draußen klar und rein.“
Sie bedachte ihn mit einem eisigen Lächeln und stand tatsächlich auf. „Das werde ich tun. Vielleicht hätte man ihn hereinlassen sollen, den Regen, damit er die Luft hier drinnen ebenfalls klärt.“ Dann nickte sie höflich und verließ das Speisezimmer über die angeschlossene Veranda. Im Garten machte ihr beherrschter Gesichtsausdruck schnell dem Platz, was sie tatsächlich empfand: Rechtschaffene Empörung! Irgendwann einmal, das wusste sie sicher, würde sie ihre Meinung laut und unumwunden aussprechen, ungeachtet jeder Gefahr, dieses Haus nie mehr betreten zu dürfen. Sie ging schnell, legte ihre ganze Entrüstung in die Geschwindigkeit ihrer Schritte. Und je weiter sie sich von der hell beleuchteten Villa entfernte und auf den Kieswegen der Gartenanlage in die Nacht hinein entfloh, desto ruhiger wurde sie. Doch ihren schnellen Schritt mäßigte sie erst, als eine müßig dahintreibende Wolke den Mond erreichte, ihn auf eine Sichel zusammenschmolz und schließlich ganz verschluckte. Die riesige Gartenanlage verlor sich von einer Sekunde auf die andere im nächtlichen Schwarz und Luisa verlor die Orientierung. Dann spürte sie den weichen, beinahe schwammigen Boden unter sich, vollgesogen vom Wasser, weil die Gartenteiche bei dem Unwetter über ihre Ufer getreten waren. Sie schlug eine weiten Bogen darum, musste ihre versinkenden Absätze immer wieder aus der morastigen Erde ziehen und entdeckte endlich die Gartenpforte, deren schmiedeeisernen dicken Windungen hoch hinaufreichten und das Anwesen deutlich vom Rest des Dorfes trennten, und damit auch von der Armut und der Not, die dort draußen herrschte. Wie zum Trotz lenkte sie ihren Schritt darauf zu, entriegelte es und schlüpfte hindurch. Und sie hatte das Anwesen kaum verlassen, da trat der Mond wieder hinter der Wolke hervor, gerade so, als ob er ihr Tun unterstützen wollte. Und was er in diesem Moment in sein fahles Licht tauchte, war nicht nur Armut und Not sondern auch die ganze Idylle und Kraft, die der andalusischen Atlantikküste so eigen war. Der Anblick durchflutete Luisa mit einem drängenden Gefühl, das ihre Füße beinahe von alleine in Bewegung setzte, zuerst zum Strand hinunter und dann auf die Fischerhütten zu.
Miguels Vater war gerade dabei, eines der letzten Bilder seines Sohnes zu rahmen, als es zaghaft an die Türe klopfte. Er drehte nur kurz den Kopf, dann rahmte er einfach weiter. Das zaghafte Klopfen wiederholte sich, wurde hartnäckiger, bis er müden Schrittes zur Türe schlurfte und öffnete.
Und da stand sie, eine gepflegten Dame, und auf ihrem Gesicht, das so viele Fältchen hatte wie sein eigenes, breitete sich ein warmes und pietätvolles Lächeln aus: „Sind Sie Fernando Perez?“
„J..ja, der bin ich.“ Er sah sie aus seinen verquollenen Augen verwirrt an.
„Darf ich hereinkommen?“
„Ich weiß nicht ... ich ... „, er stockte, gab aber unwillkürlich die Türe frei. Sie war ihm keine Unbekannte.
Luisa trat ein, voller Zurückhaltung, und blickte sich betroffen um. Sie hatte von der Armut der Fischer gehört, aber ihr Auge in Auge gegenüberzustehen, war etwas anderes und tat ihr in der Seele weh. Ihr Blick glitt über die vielen Bilder und ließ ihr einen tiefen Seufzer entgleiten: „Es sind wunderbare Werke“, sagte sie leise, „Ich ... ich habe vier davon. Er hatte sie auf dem Mark angeboten ... inmitten der ganzen Fische.“
Fernando murmelte „Sie waren das“, und seine Augen suchten und fanden die Schatulle, in die er das von Miguel erhaltene Geldbündel gelegt hatte. Die Erinnerung schnürte ihm die Kehle zu. Er blickte auf die vornehme Senhora mit Augen, die unendliche Trauer ausdrückten, nahm seinen ganzen Anstand zusammen und bot ihr einen Stuhl an.
Ein paar Sekunden lang saß sie ihm schweigend gegenüber, wobei ihr die eigenen Augen feucht wurden, dann sagte sie leise: „Es ... es tut mir so unendlich leid. Ich wünschte, ich könnte rückgängig machen, was passiert ist. Kann ich ... kann ich irgendwie helfen?“
Fernando spürte ihre Anteilnahme, spürte, wie aufrichtig es gemeint war, und über seine Wangen liefen schon wieder Tränen. Luisa senkte den Blick. Beide schwiegen mehrere Minuten lang, dann hatte er seine Stimmbänder wieder unter Kontrolle: „Helfen?“, sagte er heißer. „Wie soll man jemandem helfen, dem Gott alles genommen hat. Zuerst die Frau ... und jetzt den Sohn und ...“ Er brach ab und musste erneut um seine Stimme kämpfen. „Ich weiß noch nicht einmal, wo ich einen Lebenswillen hernehmen soll ...“ Wieder versagte ihm die Stimme. Doch dann, ohne es eigentlich zu wollen, setzte er noch einmal an. Und weil Luisa zuhörte, ihn nicht unterbrach und einfach verstand, was er sagte, begann er sein ganzes Herz auszuschütten. Er erzählte mehr, als sie jemals hätte erfragen können, und beendete die sich überstürzenden Sätze schließlich mit: „... und man hat ihn nicht gefunden ... und solange ich seinen ... seinen toten Körper nicht mit meinen eigenen Augen gesehen habe, weigere ich mich ... weigere ich mich es zu glauben. Gott kann nicht so grausam sein.“
Luisa erwiderte nichts, legte nur ganz spontan ihre Hände auf die seinen und löste damit eine neue Flut von Tränen aus. Sie ließ ihn weinen, solange er mochte, dann stand sie auf. In einem Gestell über der Kochstelle fand sie ein paar getrocknete Kräuter und Pilze, bereitete daraus eine Suppe zu und bestand darauf, dass er den ganzen Teller leer aß. Es war spät, als sie Fernando Perez Haus wieder verließ, zum Strand hinunterging, dort völlig standeswidrig Schuhe und Strümpfe von den Füßen zog, durch den weichen, kalten Sand watete und eine Flut von Gedanken ordnete. Sie blickte auf das Meer hinaus, das der Mond in dieser Nacht wie schwarze Perlen glänzen ließ, und mit jedem Schritt, den sie tat, breitete sich auf ihrem Gesicht eine seltsame Entschlossenheit aus, bis sie schließlich Strümpfe und Schuhe wieder anzog und sich zielstrebig auf den Rückweg zur Villa machte.
Viertes Kapitel
Die Sonne flutete mit ihren morgendlichen Strahlen in das Arbeitszimmer des Bürgermeisters, ließ ihr Licht im Schattenspiel eines Mobiles über ein paar unordentlich auf dem Schreibtisch herumliegende Formulare tanzen und unterstrich den leuchtend roten Farbton in seinem erregten Gesicht.
„Hast du denn jetzt völlig den Verstand verloren?“ Er hielt in seinem zornigem Auf- und Abgehen, das er bestimmt schon seit fünf Minuten ausübte, für ein paar Sekunden inne und blickte seine Schwester aus stechenden kleinen Augen an. „Wie konntest du es nur wagen, gestern Nacht in unsere unbeschwerte Runde hineinzuplatzen und meinem Gast zu solch später Stunde einen derartigen Vorschlag zu unterbreiten?“
Vor Luisas geistigem Auge manifestierte sich das Bild dieses gestrigen „unbeschwerten Runde“, und sie hatte Mühe, es nicht zu kommentieren. Der Bürgermeister und der reiche Mann aus Cadiz hatten vom Alkohol rote und aufgedunsene Gesichter gehabt und ihre Hemdkragen waren weit offen gestanden. Von den Gesichtern der beiden Söhne war gar nichts mehr zu sehen gewesen, denn sie waren quer über den Tischen gelegen.
„Wenn du dich auch nur für einen Moment beruhigen und mir zuhören würdest“, erwiderte Luisa ruhig, „dann könnte ich dir erklären, dass es ein gut durchdachter Vorschlag war.“
„Gut durchdachter Vorschlag?“ Der Bürgermeister schnappte nach Luft. „Ehrlich gesagt, mag ich mir deine Rechtfertigungen nicht anhören. Dein Benehmen ist unentschuldbar.“
„Ohhh Carlos!“ Luisa sah ihn streng an. „Jetzt ist es aber genug. An meinem Benehmen gab es überhaupt nichts auszusetzen, und dein Gast hat meinen Vorschlag durchaus mit Wohlwollen aufgenommen.“
„Wohlwollen? Lustig gemacht hat er sich über dich. Ausgelacht hat er dich. Zum Narren hast du dich gemacht.“
„Das habe ich nicht. Und er hat mich nicht ausgelacht, er hat mich angelächelt. Und er war sehr wohl geneigt, das Ganze zu finanzieren. Und jetzt bleib endlich stehen und hör mir einen Augenblick lang zu. Meine Pläne kommen den deinen nämlich sehr wohl entgegen und bedeuten für dich dasselbe wie ein paar dumme Boote, die Feriengäste zu einer Tropfsteinhöhle befördern.“
Der Bürgermeister blieb tatsächlich stehen, sprühte aber vor unterdrücktem Zorn: „Na, da bin ich aber gespannt, was du den ‚dummen’ Booten gleichzusetzen hast.“
„Die Vernissage natürlich. Wie ich es bereits gesagt habe.“
Der Bürgermeister ächzte, doch Luisa fuhr unbeeindruckt fort: „Wenn wir hier eine Vernissage durchführen und Miguels Bilder ausstellen, wird sie viel eher Feriengäste anlocken als irgendwelche Tropfsteinhöhlen.“
Er ächzte erneut und seine Stimme nahm einen beißenden Klang an: „Es wird vor allem die Presse anlocken, und sie wird uns der Lächerlichkeit Preis geben und über den äußerst schlechten Geschmack des Bürgermeisters und seiner Dorftrottel berichten.“
„Das wird sie nicht. Ich habe Miguels Bilder gestern Abend alle gesehen. Das ist die Kunst eines großen Malers. Aber was den schlechten Geschmack betrifft, damit magst du nicht unrecht haben, denn sonst hättest du längst bemerkt, dass du es mit großer Kunst zu tun hast.“
„Duu ...“ Er blieb abermals stehen und starrte sie außer sich vor Zorn an. „Halte dich zurück, sonst ...“
„Sonst?“ Luisa wich und wankte nicht. „Du müsstest dich sehen. Du bist es, der sich zurückhalten muss. Außerdem ... „, versuchte sie einzulenken, „...hat es wirklich Hand und Fuß, was ich sage, und das werde ich auch unter Beweis stellen.“ Die Lippen des Bürgermeisters waren nur noch ein schmaler Strich, doch Sie fuhr unbeirrt fort: „Es gibt einen Kunstsachverständigen, den ich kommen lassen werde und der ein fundiertes Gutachten abgeben wird. Die Vernissage wird also nicht ins Ungewisse hinein stattfinden.“
„Die Vernissage wird überhaupt nicht stattfinden.“
„Oh doch! Das wird sie.“ Luisas Stimme und Haltung brachten völlige Unnachgiebigkeit zum Ausdruck. „Warum sträubst du dich so? Habe ich mich vielleicht verhört, als du darüber geklagt hast, wie leer deine Kassen sind? Hier bietet sich die einmalige Gelegenheit, die Geschichte dieses Dorfes zu verändern, und du wirst sie nicht durch deinen Eigensinn zunichte machen. Außerdem weißt du genau, dass ich etwas von Kunst verstehe, nicht wahr?“ Sie ignorierte sein vor Wut gerötetes Gesicht. „Vielleicht erinnerst du dich noch daran, dass ich vor ein paar Jahren ein Bild von Picasso erstanden und es dir geschenkt habe? Es ist bereits um das Dreifache im Wert gestiegen.“
„Picasso!“ Der Bürgermeister zog die Augenbrauen in die Höhen und hatte plötzlich ein neues Angriffsziel für seinen Zorn. „Dieser Verräter, der sich nach Frankreich abgesetzt und danach alle Dinge viereckig gemalt hat. Ich würde seine Bilder nicht einmal dann aufhängen, wenn er der einzige Maler auf Gottes Erde wäre.“
„Das brauchst du ja auch nicht. Du musst den Geschmack der Leute ja nicht teilen. Aber warum solltest du nicht Kapital daraus schlagen?“ Sie versuchte ihn an seiner Gier, die sie nur allzu gut kannte, zu packen. „Es könnte Unmengen von Menschen hierher ziehen und durchaus belebend für deine Geschäfte sein.“
„Was belebend für meine Geschäft ist, bestimme immer noch ich. Und da hat sich ganz bestimmt keine Frau und erst recht keine Schwester einzumischen.“
„Na schön. Bleib du nur stur!“ Luisa ging zur Türe. „Ich werde jedenfalls den Kunstsachverständigen bestellen. Und wenn du keinen Aufstand willst, der sich im ganzen Dorf verbreitet – und du kennst mich gut genug, um zu wissen, wann ich es ernst meine –, dann versuchst du besser nicht, mich in dieser Sache aufzuhalten.“
Fünftes Kapitel
Fernando Perez fand kaum noch Zeit geschweige denn Ruhe, um in seiner Trauer zu versinken. Kaum war er einmal ein paar Minuten für sich, platzte auch schon ein Besucher durch seine Türe, ob gebeten oder ungebeten. Am häufigsten war es Luisa, die ihm mit rücksichtsvoller Geduld die Vernissage nahezubringen versuchte und dabei jedes Mal irgend etwas mitbrachte, das es in seinem Haushalt nicht gab, aber zwei Mal auch der Kunstsachverständige, den sie tatsächlich hatte kommen lassen, und bestimmt zehn Mal irgendwelche Fischer aus dem Dorf, die sich über die vornehmen Besuche wunderten und herausfinden wollten, was hier so plötzlich vor sich ging. Und selbst wenn er einmal alleine war und sein Blick durch seine Behausung glitt, standen dort so viele neue Dinge, alle von Luisa, die seine Gedanken von den schmerzlichen Gedanken weglenkten.
Während Luisa alles tat, um ihm das Leben zu erleichtern, tat sie andererseits auch alles, um das des Bürgermeisters zur Hölle zu machen. Sie sorgte dafür, das sowohl der Kunstsachverständige heftig auf ihren Bruder einwirkte, als auch die Meinungsführer des Dorfes und der reiche Mann aus Cadiz. Alles geschah hinter verschlossener Türe, bis schließlich die Bastionen fielen, und der Geschäftssinn des Bürgermeisters in bauernschlauer Manie seine Arbeit aufnahm und begann, die geldlichen Vorteile dieser Vernissage zu berechnen.
Fernando wurde unterdessen beständig zwischen seiner Trauer und dem Trubel hin- und hergerissen, aber er ließ Luisa gewähren, schon deshalb, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Sie war der Funke, der das Leben in ihm am Glimmen hielt, und sie war die Einzige, die seine Weigerung verstand, an der Trauerzeremonie für die verschollenen Opfer der Sturmflut teilzunehmen. Er konnte es nicht. Und er wollte es nicht.
Und so nahm die Vernissage immer mehr Gestalt an. Am Tag der feierlichen Eröffnung hatte sich das ganze Dorf vor den Toren des Gemeindehauses versammelt, in ordentlicher Sonntagskleidung, drückte sich an den Fenstern die Nase platt, wurden von Ordnungshütern immer wieder weggezogen, während sie versuchten einen Blick auf die Bilder zu erhaschen, sowie auf Fernando, der in Begleitung von Luisa bereits in den hellen Räumen des Gemeindehauses stand und sich betreten und beinahe ehrfürchtig umblickte. Überall hingen Miguels Bilder, fein säuberlich angeordnet, in langen Reihen, und ihre Farben leuchteten in der Morgensonne eines milden Herbsttages. Man hatte die Räume des Gemeindehauses renoviert, frisch gestrichen und sogar Innenmauern durchbrochen, um Platz zu schaffen. Schließlich sollte es nicht nur die Dorfbewohner aufnehmen können, sondern auch Leute von Rang und Namen aus der ganzen Umgebung, einschließlich der lokalen Presse. Luisa hatte sie alle eingeladen, hatte mit Unterstützung des reichen Geschäftsmannes aus Cadiz für den ganzen Wirbel gesorgt.
Die Ordnungshüter hatten alle Hände voll zu tun, die geladenen und betuchten Gäste als erstes und ungehindert hindurchzulassen, und nicht selten blickten sie dabei in kritische und hochnäsige Gesichter; eine Borniertheit, die nicht lange anhielt. Denn nicht einer dieser Besucher war auf das gefasst, was sich ihnen in zwei großen Räumen präsentierte. Niemand hatte sich vorstellen können, dass ein unbedeutender Fischer aus einem noch unbedeutenderen Dorf zu einem solchen Ausbruch an Schaffenskraft imstande gewesen sein sollte. Ein Raunen ging durch die Menschenmenge, das immer lauter wurde, und dann leuchteten die ersten Blitzlichter auf. Eine halbe Stunde galten sie den Bildern, dann plötzlich auch Fernando. Luisa hatte alle Mühe, die Aufdringlichkeit zweier Reporter einzudämmen, deren Bleistifte vor Fernandos Nase wedelten. Sie wimmelte die beiden Herren charmant ab, genauso wie alle anderen, die Fernando mit Fragen zu bedrängten begannen. Doch genauso hatte sie es gewollt: Die Reichen und Bedeutenden standen vor den Gemälden, sinnierten, bewunderten, stellten Spekulationen über die Motive des Künstlers an, lobten, und schon zwei Stunden später waren fünf Bilder verkauft und um ein sechstes wurde gefeilscht.
Sie zog Fernando mit leuchtenden Augen auf die Seite und flüsterte ihm zu: „Ich glaube, mein lieber Freund, Sie werden sich nie wieder Sorgen darum machen müssen, ob die Fische ins Netz gehen, nicht wahr? Sie werden nicht einmal mehr fischen müssen.“
Er schwieg, dann röteten sich seine Augen unvermittelt. „Schon mein Urgroßvater war Fischer. Es gibt ... gibt keinen Grund, mit dieser von Gott gesegneten Tradition zu brechen. Diese Vernissage findet nur statt ...“, seine Augen röteten sich noch ein wenig mehr und er schluckte, „... weil ich weiß, dass Miguel es so gewollt hätte. Es ist ... es ist wohl das beste und ehrenvollste Geschenk, das ein Vater einem solchen Sohn zum Abschied machen kann.“
Sie drückte seinen Arm, erwiderte nichts. Denn er hatte alles gesagt, was es dazu zu sagen gab. Sie versuchte ihn auf andere Gedanken zu bringen, wie schon so oft in den letzten Wochen, deutete auf eine dicke Spanierin mit übermäßig bemalten Lippen in einem irgendwie eingedrückten, breiten Gesicht und einem Federhut, der schief auf ihrer hochgesteckten Frisur saß. „Sehen Sie nur, was für bunte Papageien diese Vernissage angelockt hat.“
Ihre Taktik riss ihn tatsächlich aus seinen düsteren Gedanken, zog seinen Blick auf die auffällige Frau und dann auf den bunten Menschenhaufen, in dem sie stand. Er blickte auf dünne Frauen, die sich mit voluminösen Kleidern aufgebauscht hatten, große Männer mit langen Fräcken, kleine Männer mit großen Bäuchen, Männer mit buschigen Augenbrauen und Zwicker auf der Nase, Männer mit Bärten und ... mit Bart! Ein Mann mit einem Bart und einer dunklen Brille! Drüben am anderen Ende des Raumes! Fernando starrte auf diesen Menschen, und es überkam ihn völlig unvorbereitet ein Gefühl, als ob ihm sein Herz auf Korngröße zusammengepresst würde.
„Ist Ihnen nicht gut?“ fragte Luisa und sah ihn besorgt an.
„Ich ... ich weiß nicht.“ Er schüttelte verwirrt den Kopf.
„Wird es Ihnen zu viel? Soll ich Sie vielleicht nach Hause begleiten, damit Sie sich etwas ausruhen können?“
„Nein! – Nein! Ich möchte bleiben. Ich ... ich möchte das auf keinen Fall versäumen.“
„Das verstehe ich.“ In Luisas Lächeln lag viel Wärme. „Wenn ich irgendetwas für Sie tun kann ...“
„Nein, es ist ... es ist schon in Ordnung.“ Er beobachtete immer noch den Bärtigen mit der dunklen Brille, verlor ihn kurz aus den Augen, erspähte ihn aber gleich darauf wieder. „Kann ... kann ich Sie für einen Moment alleine lassen, Luisa?“
„Nun ... schon“, sagte sie erstaunt und folgte seinem Blick verständnislos. „Wo möchten Sie denn hin?“
„Ich möchte mich nur ... Ich bin gleich wieder zurück.“ Er ließ Luisa einfach stehen, drängelte zwischen den Menschen hindurch, trat dabei auf Zehen und rempelte gegen Bäuche, bis er schließlich vor ihm stand, diesem Mann mit dem Bart, wie angewurzelt, und sprachlos in die Gläser einer dunklen Brille blickte. Auch der Bärtige schien sprachlos zu sein und starrte seinerseits auf Fernando. Doch nur ein paar Sekunden lang, dann drehte er sich um und verschwand im Gedränge. Fernando lief hinterher, so schnell ihn seine Beine trugen. Aber sie trugen ihn nicht mehr besonders schnell, und so sah er den Mann nur noch über einen Hinterausgang verschwinden. Er blieb stehen, versuchte wieder zu Atem zu kommen, versuchte sich wieder zu beruhigen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Er schüttelte den Kopf. Er schüttelte ihn mehrmals. Was für ein hässlicher Streich hatte ihm sein Verstand soeben gespielt? Woher kam dieses Hirngespinst? Er hatte doch für einen Moment tatsächlich geglaubt, in dem Bärtigen seinen Sohn erkannt zu haben. Die Größe, die Statur, die Art, wie der Mann den Kopf bewegt hatte, die Wangenknochen, alles hatte ihn an Miguel erinnert. Hatte er denn nicht erst gestern den letzten Funken unsinniger Hoffnung begraben und Luisas Rat angenommen, den sie ihm in den letzten Wochen bestimmt zwanzig Mal erteilt hatte: Gott zu danken, dass Miguel wenigstens in seinen Bildern weiterleben durfte, dass er unvergängliche Spuren hinterlassen hatte, die ihn auch noch dann zu einem Begriff machten, wenn viele Generationen nach ihm längst vergessen waren! Und hier stand er nun, mit einem erneut aufglimmenden Funken, und es drängte ihn zu diesem Hinterausgang, durch welchen der Mann verschwunden war. Es drängte ihn so sehr, dass er schließlich durch die gleiche Türe ins Freie schlüpfte. Sein suchender Blick erfasste die Umgebung und das Kiefernwäldchen, das höchstens fünfzig Meter vom Gemeindehaus entfernt begann, ohne fündig zu werden. Dennoch drängte es ihn vorwärts, immer weiter, als ob eine unsichtbare Hand ihn schöbe. Er lief auf das Kiefernwäldchen zu und dann einen schmalen, unwegsamen Pfad entlang, der sich hindurchschlängelte. Er war ihn zum letzten Mal mit Miguel gegangen – vor zehn Jahren. Er stolperte mehr als dass er ging, während immer wieder dürre, abgebrochene Zweige und Tannenzapfenreste unter seinen Füßen knirschten, sah bald das Meer in der untergehenden Sonne zwischen den Bäumen hindurchfunkeln und blieb wie gelähmt stehen. Denn dort stand er, der Bärtige, kaum zehn Meter vom Ende des Waldes entfernt, das Gesicht zum Meer gewandt. In Fernandos Brust begann es wie wild zu pochen. Alle vernünftigen Überlegungen wirbelten unaufhaltsam davon. Und dieses Mal war er schnell. Er erreichte den Mann, packte dessen Arm, noch bevor dieser wusste, wie ihm geschah, und sah ihm geradewegs ins Gesicht. Der Bärtige blickte mehrere Sekunden lang wortlos auf Fernando, murmelte plötzlich: „Nicht hier“, packte ihn am Arm und zog ihn hinter sich her, hinaus zum Strand, bis hinter die ersten Dünen. Fernando keuchte, war völlig außer Atem, als er wieder losgelassen wurde, musterte sprachlos diesen Menschen, der ihn seinerseits musterte, und schlug unvermittelt zu. Er schlug dem Mann die Brille aus dem Gesicht. Und er stöhnte, als er die Augen sah, die darunter zum Vorschein kamen. „Großer Gott, großer Gott“, brach es aus ihm heraus. „Du ... du bist es. Du ... bist es wirklich. Großer Gott! Großer Gott!“ Fernando atmete schwer und fuhr sich hektisch über das Gesicht. „Großer Gott! Alle ... alle denken, du bist tot!“
Miguel rieb sich die schmerzende Wange, auf der sich Fernandos Finger abzeichneten und sah Fernando ernst an. „Nun, das muss ich dann wohl auch sein, sonst fände diese Vernissage nicht statt, nicht wahr?“
Fernando öffnete den Mund, als ob er etwas sagen wollte, schloss ihn aber wieder. Seine Augen waren so groß, als ob er soeben so etwas Gewaltiges wie den Einschlag eines Meteoriten gesehen hätte. Dennoch rührte er sich nicht. Auch Miguel rührte sich nicht. Es war, als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Nur Fernandos Adamsapfel, der auf und nieder hüpfte, verriet das Ausmaß seiner inneren Aufruhr. Doch dann holte er erneut aus, schlug Miguel mit der flachen Hand über den Kopf, links, rechts, links, rechts, immer wieder: „Du verdammter ... du gottverdammter ... hattest du das etwa alles geplant?“ Seine Stimme überschlug sich fast.
„Hör' auf, Papa.“ Miguel schnappte nach der Hand, die einfach immer weiter darauf losschlug, und hielt sie fest. „Was soll ich geplant haben? Was denkst du nur! Mein Gott! Ich war mehr tot, als du dir vorstellen kannst. Was soll ich also geplant haben!“
Fernando sah ihn außer Atem an. „Du warst mehr tot, als ich mir vorstellen kann? Heiliger Vater im Himmel! Was ... was soll das bedeuten?“
„Das soll bedeuten, dass mich die Fluten tatsächlich fortgerissen ...“ er bückte sich nach der Brille, schüttelte den Sand heraus, und setzte sie sich wieder auf, „... und in einer kleinen Bucht bei Cadiz wieder hinausgeschleudert haben. Aber wenn dort nicht ein altes Mütterlein mit ihrer Nichte das Strandgut eingesammelt und mich zufällig entdeckt hätte, wäre es aus mit mir gewesen.“ Er zeigte seinem Vater seinen geschundenen Rücken, der von mehr als nur einer herumwirbelnden Planke getroffen worden sein musste, so rot, blau und grün leuchteten die immer noch abheilenden Striemen. „Und frag nicht nach meinem Gesicht. Es war tagelang verquollen. Ich konnte noch nicht einmal sprechen. Mit einem Strohhalm hat mir das Muttchen die Nahrung eingeflößt ... Fast zwei Wochen hat der Tod gebraucht, bis er endlich einen Bogen um mich gemacht hat und ...“ Miguel stockte, weil ihn die Erinnerungen an die durchlittenen Qualen übermannten.
Fernando stand da, mit offenem Mund, dann riss er Miguel in seine Arme, drückte ihn an sich und begann haltlos zu schluchzen. Der aufgestaute Kummer brach wie heiße Lava aus ihm heraus. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis er nicht mehr bebte und den Rest der Ewigkeit, bis er wieder sprechen konnte. Und als er etwas sagte, war es fast nicht zu verstehen, so rau klang seine Stimme, während ihm die Tränen über das Gesicht rannten: „Mein Gott, Miguel! Ich wollte es nie glauben. Ich ... ich habe deinen Tod nicht einen Moment lang akzeptiert. Aber gütiger Gott, du bist ... du bist doch tot. Alle ... alle halten dich für tot.“ Er schüttelte den Kopf. „Wie um alles in der Welt ... wir müssen sofort auf die Vernissage zurück. Wir müssen es allen sagen.“
„Müssen wir nicht!“ Miguel schob seinen Vater ein Stück von sich, hielt ihn aber fest und runzelte die Stirn. „Müssen wir ganz und gar nicht!“
„Nein?“ Fernando sah ihn verwirrt an.
„Nein! Denn der ein oder andere wird genau die gleichen Gedanken hegen, die dir gerade durch den Kopf gegangen sind, nämlich, dass Vorsatz dahinter steckt.“ Miguel rieb sich die Stirn. „Deshalb werde ich mir und dir einen Gefallen tun und tot bleiben. Um meinen Ruf wäre es mir egal, aber deiner ist mir heilig.“
Fernando schüttelte den Kopf und sein Atem ging jetzt stoßweise. „Großer Gott! Wie ... stellst du dir das vor? Das ... das geht doch nicht.“
„Oh doch. Das geht. Niemand hat mehr Narrenfreiheit als ein Totgeglaubter, vor allem, wenn seine Hinterlassenschaften für dein und mein Auskommen sorgen werden.“ Miguel setzte sich in den Sand und umschlang seine Knie.
Fernando brauchte eine Weile, bis das soeben Gehörte seinen Verstand erreichte und irgendeinen Sinn zu ergeben begann. Dann setzte er sich neben Miguel, sah auf das Meer, ohne es wirklich wahrzunehmen und blieb in sich gekehrt eine ganze Zeit lang reglos sitzen, bis er schließlich murmelte. „Heilige Mutter Maria, wenn das Wort Dilemma jemals eine tiefe Bedeutung hatte, dann heute ...“ Er nahm einen tiefen, hörbaren Atemzug. „Unser Herrgott hat bis jetzt seine schützende Hand über dich gehalten, deine Pläne nie behindert ... er ... er wird es auch weiterhin tun.“
Miguel sah seinen Vater nachdenklich an. „Gott hatte seine Hände nicht im Spiel. Nicht dieses Mal. Noch nicht einmal den kleinen Finger. Denn weißt du ...“, auf seinem Gesicht breitete sich plötzlich das herausfordernde, einnehmende Lächeln aus, das sein Vater so vermisst hatte, „... es waren meine Finger, die sich um die Planke geschlossen haben. Und die Hände zweier Frauen, die beherzt zugegriffen und sehr geschickt waren ... Und wäre da nicht ein eiserner Lebenswille meinerseits gewesen ... nein, Papa, er hatte seine Hände ganz sicher nicht im Spiel. Wenn ich diesem Drama überhaupt eine Botschaft abgewinne, dann nur eine.“
Fernando legte seine Stirn in viele kleine Falten, wusste nicht, ob er die Worte seines Sohnes als gotteslästerlich oder klug werten sollte. „Und die wäre?“
Miguel blickte in den strahlendblauen Himmel und seine Augen folgten dem Gleitflug einer Möwe, während sich seine Gedanken zu einer durchdachten, selbstsicheren Antwort formierten, die seinen Vater erneut erschütterte: „Lenke deine Geschicke selbst!“
(Ende! Oder Anfang!)
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Sanne, Löwenstein
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