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Alles was bleibt
Wie ein Geist bewege ich mich im Gefängnis meiner Gedanken – lebenslänglich -, bin auf der Suche nach einem Ausweg, einer Lücke in den Gitterstäben, die mein Gehirn umspannen.
Was bleibt mir, wenn ich es nicht schaffe ein Schlupfloch zu entdecken? Was gewinne ich, wenn es mir gelingt einen Ausweg zu finden? Vielleicht liegt er in der Malerei, meiner großen Leidenschaft, der ich Jahre folgte. Was habe ich damals gedacht, empfunden? Es ist lange her. Doch welche Bilder sind geblieben? Wirklich vorhanden?
Ich betrachte eines davon – dreißig Jahre alt - über meinem Sofa. Einer Landschaft am Rande eines Dorfes, von wogenden Kornfeldern begrenzt, menschenleer. Nur Gänse laufen frei herum, ökologisch korrekt, bestimmt für den Weihnachtsbraten. Vor langer Zeit verbrachte ich die Wochenenden mit meiner ersten langen Beziehung, meiner Tochter und befreundeten Paaren mit Kindern in einem Holzhaus in diesem Idyll, um vom Stress der Arbeit in einer Großstadt zu entspannen.
Ich lasse meine weiteren Beziehungen wie einen Film ablaufen. Welche Bilder sind mir geblieben, wirklich geblieben? … Ich werde traurig und mir wird es unangenehm, mich mit mir selbst abzugeben.
Jetzt fällt mir die alte Dame ein, die ich vor einem halben Jahr in unserem Stadtteilcafé kennenlernte. Wir treffen uns jede Woche. Das Reden mit ihr ist sehr anstrengend. Alle zwei Minuten schläft die Konversation ein, und ich muss die Frau, wie eine abgelaufene Uhr, wieder aufziehen, was aber auch wieder immer nur für zwei Minuten weiterhilft. Das erfordert viel Kraft, so wie auch das Entrinnen aus dem Gefängnis meiner Gedanken und Gefühle. Meine Uhr wird wohl auch bald ablaufen. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit Neues zu denken. Ich will jetzt kontinuierlich den Fokus darauf setzen, ein Schlupfloch finden, überlegen, welche Spuren meines Handelns Bedeutung für die Nachwelt haben.
Als Altachtundsechziger habe ich längst ausgedient, obwohl wir damals so etwas wie eine kleine Revolution ausgelöst haben. Aber wen interessiert das noch.
Ich schaue mir heute meine letzten Landschaftsbilder und Akte an. Die sitzende Gianna, nur mit einem grünen Tuch um die Beine gewickelt, weil sie kalte Füße bekam, wenn sie still sitzen sollte. Sie war eine Halbitalienerin. Ihr Gefühlsleben schwankte ständig zwischen ekstatischer Liebe und unkontrollierbarer Wut. Eine Zeitlang inspirierte sie mich, auch wenn unsere Beziehung sehr anstrengend war. Saß manchmal Modell, was mir viel bedeutete, denn dann kamen wir endlich mal zur Ruhe.
Meine folgenden Bilder waren mehr auf konträre Reaktionen angelegt, nicht auf klare Aussagen, ebenso wie meine neuen Beziehungen. Ich brauchte die Wiederholungen, wollte das Wesen von Impulsivität erforschen, habe dann aber immer wieder am eigenen Ast gesägt. Wohl deshalb – das vermute ich heute -, weil ich damals die Idee hatte, mit Säge und Holz in den Händen Neues zu gestalten, mich in die dritte Dimension vorzuwagen. Doch ich nahm Abstand davon, traute mich nicht und jetzt habe ich nicht mehr die Kraft und die ruhige Hand dafür.
Mit welchen Inhalten kann ich mein gemartertes Hirn noch füllen? Zu welchen Utopien ist es noch fähig? Finde ich Areale, die noch ausbaufähig sind? Gibt es eine Brache in ihm? Finde ich die Lücke?
Ich werde morgen weiter grübeln.
Der Text ist inspiriert von Skulpturen des Bildhauers Armin Göringer im Rahmen der Ausstellung >Verwachsen< im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch. Bilder dazu können im Internet angeschaut werden:
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Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele (Pablo Picasso)
Version vom 07. 04. 2013 08:50 Version vom 07. 04. 2013 14:23 Version vom 07. 04. 2013 17:37 Version vom 07. 04. 2013 18:42 Version vom 07. 04. 2013 22:02 Version vom 08. 04. 2013 08:42 Version vom 08. 04. 2013 10:26 Version vom 08. 04. 2013 11:59
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