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Leselupe.de > Humor und Satire
Sturm auf Wolke Neun
Eingestellt am 19. 05. 2013 18:55


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USch
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Sturm auf Wolke Neun

Wo findet das eigentliche Leben statt? Seit zwei Jahren Single hatte Manfred viel Zeit genauer und intensiver darüber nachzudenken. Nur eine Frau, die sich traut, die entscheidenden Fragen zu stellen und ihn nicht zu schonen, kann ihn dazu bringen, alles, was er ist, auszuschöpfen. Selbst das Zarte seiner Persönlichkeit ist er bereit endlich zu erforschen.

Marina, die schon seit vielen Jahren alleine lebt, macht sich zunehmend Gedanken, wie sie in ihrem schon fortgeschrittenen Alter an einen attraktiven Mann herankommen kann. Er muss ihr einigermaßen gewachsen sein. Nach dem Desaster mit ihrem Ehemann will sie keine faulen Kompromisse mehr machen. Es muss schon knistern und knastern, auch Seelenverwandtschaft möglich sein. Sie ist sich sicher, dass ihre Sinne den Mann erkennen würden, der ohne Wenn und Aber der richtige ist für einen Sprung in die rückhaltlose Liebe. Aus Angst, sich wie ein brünstiges Weibchen aufzuführen, hatte sie nach und nach die Motivation verloren, ihre sexuelle Lust mit lebenden Männern zu stillen. Ihre erotischen Anwandlungen reduzierte sie deshalb auf ein Minimum. Flüchtigere Bekanntschaften drängten eher auf schnelle Vereinigung, ohne die geringste Initiative ihrerseits. Sie hatte es als Beleidigung empfunden, dass ihre Verführungskünste so gar nicht erwünscht oder nötig waren. Kaum wagte sie eine zärtliche Geste, einen zaghaften Annäherungsversuch, brach bei den Männern bereits das ganze Ausmaß sexueller Gier durch. Sie verkrampfte sich dann, anstatt sich ebenfalls gehen zu lassen. Im tiefsten Innern wollte sie ihr Vertrauen und gleichzeitig ihren hinreißenden Körper verschenken. Manchmal traf sie auf einen zunächst sehr vielversprechenden Mann, der sich dann leider als impotent erwies oder schwul war. Auch da versagten ihre Körpergeschenke. So nahm sie Zuflucht zu Beate-Uhse-Werkzeug. Immerhin besser als nichts.

Manfred und Marina besinnen sich darauf, ihren Suchkreis auf ganz Deutschland auszudehnen, was relativ einfach über Internettereien in Kontaktbörsen möglich ist. So prallen ihre Pixelbilder und sorgfältig ausgefeilten Textprofile eines Tages vehement aufeinander. Das fühlte sich an wie eine kleine Explosion ihres Heißhungers nach dem anderen Geschlecht.
Beim Life-Date funkt es schon in den ersten berühmten zehn Sekunden, was vermutlich eine Grundvoraussetzung für gelingendes Liebesleben ist. Kaum in der Wohnung von Marina in Frankfurt angekommen, gleichgültig für alles andere, fiebert sie danach, Manfred zu verschlingen. Sie ist besessen von dem unbezähmbaren Verlangen, das Frauen zuweilen überkommt. Sofa, leidenschaftliche Küsse und das große Bett lassen nicht lange auf sich warten. Ihre erhitzte Haut und ihre Phantasie führt sie dahin, sich nicht mehr zu sträuben. Sie gibt ihren Träumen nach und gehorcht dem Fleisch. Trunkenheit mischt sich mit wohligen Schauern. Dieses triumphale berauschende Gefühl können nur wenige Männer dem anderen Geschlecht vermitteln. Manfred versteht es, ihre fast erloschene Sinnlichkeit nach und nach zu entfachen. Gleichzeitig gelingt es ihm, seine eigene Gier zu bezähmen, um das Liebesspiel in die Unendlichkeit auszudehnen. Beide überlassen sich nach dem heftigen Gipfelsturm der animalischen Wohligkeit postkoitalem Gekuschel. Langsam kommt das Gefühl abhanden, welcher Körperteil wem gehört. Sie schweben auf Wolke Neun in die Glückseligkeit.
Wieder sanft auf der Erde gelandet essen sie ein leckeres Käsebaguette mit etwas Rucola-Salat und zärteln sich dann in die Nacht hinein. Nach erneuter Leidenschaft finden sie sich wieder in der animalischen Körperwärme eines Doppelschlummers mit Dahingleiten kurz unter der Oberfläche des Schlafs - halbbewusste Reflexkuscheleien mit milden Reminiszenzen an vergangene Liebesspiele. Nur die Körper erinnern sich, nicht ihr Bewusstsein, welches sich in der Ununterscheidbarkeit der Leiber verloren hat.

Die schnelle Vertrautheit macht beiden deutlich, wie wunderbar der ehrliche Umgang mit sich selbst ist. Diese Vorstufe zur wahren Liebe. Marina ist eine Frau, die es im Gegensatz zu anderen, weniger talentierten, versteht, die Männer zu lieben. Auch das gehört zu den verschütteten Dingen, nach denen sie sich lange sehnte.

Aus Erfahrung über Liebe und Konflikte weiß Manfred, dass Liebespaare am Beginn ihrer Beziehung instinktiv alle kontroversen Themen vermeiden. Sie reden dann über vage und entfernte Gegenstände, Dinge, die mit ihrem täglichen Leben nichts zu tun haben. Wie der Mond und das Waldesrauschen, der Gesang der Vögel, die Blumen auf der Wiese und der Wind im Schilf. Darüber kann man sich beim besten Willen nicht streiten. Im Gegenteil, diese Dinge wirken als Resonanzverstärker für den Gleichklang der Seelen. Auf diese Weise verschaffen sich die Liebenden das Gefühl, dass die Herzen verschmelzen. Das ganze Verfahren ist eine Art Autosuggestion mit Hilfe des anderen. Der Partner wird dann zum Komplizen der Selbsthypnose. Je besser sie gelingt, desto härter kann später der Schock beim ersten Konflikt sein. Davor hat er Angst. Ihn hat diese Begegnung in einen Rausch versetzt. In einen Zustand der Schwerelosigkeit, den man nur erreicht, wenn einen eine Frau ganz ungeniert mit funkelnden Augen begehrlich ansieht. Je näher er dem Mann kommt, der er sein will, desto mehr dünkt ihn, dass Liebe die Kunst ist, sich aus dem eigenen Käfig zu befreien. Aus der Falle, die daran hindert, sich zu sich selbst empor zu schwingen und die Fesseln der Vergangenheit zu lösen. Unsichtbare Brücken in eine grenzenlose Zukunft zu schlagen. Allerdings weiß er auch, dass immer wieder eine nur geringfügige Änderung des Blickwinkels im Scheitern oder Gelingen gipfelt. Der Einsamkeit oder Liebe, der Enttäuschung oder Überraschung.

Und was sagt der Zensor? Wer auch nur etwas Selbstironie besitzt, wird zugeben, dass man sich zu Beginn eines großen Gefühls immer in einem Zustand verminderter Zurechnungsfähigkeit befindet.
__________________
Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele (Pablo Picasso)

Version vom 19. 05. 2013 18:55

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USch
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Hallo ironbiber,
freut mich, dass ich dich zum Schmunzeln gebracht habe. Das war der Sinn der Geschichte.

quote:
Der Zensor Ironbiber, mit einer gehörigen Portion Selbstironie sagt, dass man sich zu Beginn eines großen Gefühls immer in einem Zustand der verminderten Zurechnungsfähigkeit befindet.
Ich habe die Widerstandskraft in deinen Begriff Zurechnungsfähigkeit um gewandelt. Paßt besser, finde ich.
Der Anonyme hat sich wohl auch zum Beginn seiner/ihrer Gefühle beim Lesen der Geschichte in der Wolke der Zurechnungsfähigkeit nicht zurechtgefunden. Na ja, damit muss man halt leben. Nicht jede Wolke gefällt jedem Wind. Ich habe mich in deinem Universum auch nicht gleich zurechtgefunden, aber dann lasse ich die Finger von einer Bewertung.
Danke und liebe Grüße
Uwe
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Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele (Pablo Picasso)

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