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Leselupe.de > Erzählungen
"Cathy"
Eingestellt am 11. 02. 2003 15:37


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Cat Moon
???
Registriert: Feb 2003

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Diese Geschichte habe ich damals f√ľr einen Freund von mir geschrieben. Er wollte einen Comic dazu zeichnen, aber wir haben uns irgendwie auseinander gelebt und daher hat er den Comic niemals fertig gemacht...

Daher hat die Story eigentlich keine √úberschrift, da ich diese mit ihm zusammen finden wollte. Ich hab sie hier einfach mal \"Cathy\" genannt.

Die Abs√§tze sind entstanden, weil ich die Story auf meiner HP hatte und einfach r√ľberkopiert hab, hat also nix zu bedeuten.

Viel Spaß beim lesen



Cathy sitzt allein auf der Wiese, am Teich, als sie wieder diese Stimme h√∂rt: „Komm zu uns, Cathy! Komm schon!“ Sie blickt sich um, doch sie kann niemanden sehen. Kein Spiegel weit und breit. Sie steht auf und bemerkt, wie ein kalter Wind aufkommt. Die Oberfl√§che des kleinen Teiches kr√§uselt sich leicht.

Plötzlich ist da dieses Gesicht im Wasser: Dieses kleine, bläuliche Gesicht mit roten, schmalen Augen und dem breiten Grinsen, das die kleinen spitzen Zähne freigibt.

Cathy schrickt zur√ľck.

„Komm schon“, sagt die Stimme wieder und zu ihr bewegt sich der kleine, blaue Mund. Als Cathy sich umdrehen will, um fortzulaufen, schnellt eine Hand aus dem Teich und greift nach ihrem Kn√∂chel. Sie schreit, doch niemand kann sie h√∂re. Sie ist allein im Garten. Sie versucht, sich zu befreien, doch sie st√ľrzt und die Hand zieht sie mit einer solchen Kraft in den Teich. Sie krallt ihre H√§nde in den feuchten Boden, doch die Hand zieht unaufh√∂rlich weiter, bis sie Cathy fast im Teich hat.

Doch Cathy sp√ľrt das Wasser nicht...

-

Christian l√∂ffelt sein M√ľsli und greift nach der Zeitung, als sein Vater reinkommt und sie ihm wegnehmen will.

„Hey, ich hatte sie zuerst!“

-„Ist ja schon gut! Aber wenn du mir wenigstens den Sportteil √ľberlassen w√ľrdest?“

Ohne ein Wort zu sagen reicht Chris ihm die Hälfte der Zeitung, als sein Blick auf einer Überschrift hängen bleibt:

Catharina M. seit zwei Tagen vermisst
Ja, jetzt fällt es ihm auch auf: Cathy war weder gestern noch vorgestern in der Schule. Doch er hat sich nichts dabei gedacht, davon abgesehen, dass es ihm kaum aufgefallen ist...

Da taucht seine Mutter verschlafen in der K√ľche auf: „Es wird zeit, Chris. Du kommst zu sp√§t zur Schule.“

Chris sieht auf die Uhr. Schon so spät...

Er nimmt auf dem Weg zur Garderobe noch einige L√∂ffel M√ľsli zu sich und verschwindet dann mit einem eiligen „Tsch√ľss“.

Draußen verlangsamt er seinen Schritt. Was könnte hinter Cathys Verschwinden stecken? Es wundert ihn selbst, warum es ihn so sehr beschäftigt, schließlich hat er nie viel mit ihr zu tun gehabt.

Ist sie vielleicht abgehauen?

Pl√∂tzlich dreht er sich um. Es war ihm, als w√ľrde man ihn beobachten... Doch da ist nur dieses Schaufenster, aus dem ihm blaue Augen entgegenblicken...

Blaue Augen? Er dreht sich wieder zu dem Schaufenster um und sieht die bleiche Gestalt Cathys. Sie steht nicht hinter dem Schaufenster, sie scheint sich vielmehr nur darin zu spiegeln.

Er schaut √ľber seine Schulter, doch hinter ihm steht sie nicht. Als sein Blick wieder auf das Schaufenster f√§llt, ist sie verschwunden.

Er reibt sich die Augen, doch sie ist nicht mehr da.

Langsam setzt er seinen Weg zur Schule fort. Er wird wohl nur getr√§umt haben. Schlie√ülich ist es ja noch fr√ľh am Morgen.

-

In der Schule ist das Verschwinden Cathys Thema Nummer eins. Niemand weiß genau was mit ihr passiert ist, denn sie hatte nicht viele Freunde. Und die, mit denen sie dann manchmal zusammen war, ließ sie nicht wirklich an sich heran. Sie war immer still und in sich gekehrt.

Chris setzt sich auf seinen Platz, gerade als es zur Stunde schellt.

„Hast du es auch geh√∂rt?“, fragt Sandra und setzt sich neben ihn.

-„Das von Cathy?“

„Ja.“

-„Ich hab davon in der Zeitung gelesen.“

„Also wei√üt du auch nichts genaues?“

Doch bevor Chris antworten kann, kommt auch schon ein Lehrer in die Klasse und teilt die Arbeitshefte aus.

-

Die Zeit vergeht nur langsam und Chris kann sich kaum auf die Aufgaben konzentrieren.

Der Vorfall auf dem Schulweg lässt ich nicht los. Er kann Cathy nicht gesehen haben. Aber was, wenn es doch so war? Nur wie konnte sie sich dann in der Scheibe spiegeln? Vielleicht stand sie ja doch im Geschäft?

Vielleicht sollte er mit jemandem dar√ľber reden? Man wird ihm nicht glauben. Wie auch?
Plötzlich durchbricht das schrille Läuten der Pausenglocke seine Gedanken. Die Hefte werden eingesammelt und das Gemurmel in der Klasse steigt an.

Chris ist durcheinander. Er geht auf den Gang, kollidiert fast mit der Putzfrau, die zu so fr√ľher Stunde schon (oder noch) arbeitet, strebt die Toiletten an, stellt sich ans Waschbecken und dreht das kalte Wasser auf. Er beugt sich √ľber das Becken und l√§sst sich das Wasser ins Gesicht spritzen. Als er sich wieder aufrichtet blicken ihm blaue Augen aus dem Spiegel vor ihm entgegen. Er f√§hrt herum, doch au√üer ihm ist niemand hier. Nur das Gesicht im Spiegel: Cathy.

Ihre Lippen bewegen sich, als wolle sie ihm etwas sagen, doch kein Ton erreicht ihn.

„Was willst du von mir?“, fragt Chris und geht n√§her an den Spiegel heran.

Wieder bewegen sich ihre Lippen und er sieht die Angst in ihren Augen, doch er kann sie nicht hören.

Um sich zu vergewissern dass auch wirklich außer ihm niemand hier ist, dreht er sich noch einmal kurz um, doch als er wieder in den Spiegel schaut, sieht er nur sich selbst.

Er f√§hrt sich mit der Hand √ľber die Augen. Was ist blo√ü los mit ihm? Wird er verr√ľckt? Langsam geht er zur√ľck in die Klasse.

Geistesabwesend setzt er sich auf seinen Platz und sieht aus dem Fenster. Er sieht sein Gesicht, das sich in der Scheibe spiegelt. Schnell schaut er weg, aus Angst, Cathys Gesicht k√∂nne wieder auftauchen. Da √∂ffnet sich die T√ľr und der Direx tritt ein. Mit einem Mal verstummt das Gemurmel in der Klasse und mit lauter, tiefer Stimme verk√ľndet er: „Wie ihr vielleicht schon aus der Zeitung erfahren habt, ist Catharina Manzaneque seit einiger Zeit vermisst. Ich will nicht, dass ihr jetzt nerv√∂s werdet, aber Kommissar Parrish m√∂chte mit einigen von euch sprechen. Die anderen k√∂nnen nach hause gehen. Kommen sie doch herein, Kommissar!“

Alle Blicke in der Klasse richten sich zur T√ľr. Und wider Erwarten tritt eine Frau ein. Man sch√§tzt sie vielleicht auf 25 Jahre. Aus den hinteren Reihen pfeifen die Jungs durch die Z√§hne. Mit einem L√§cheln wie aus einer Zahnpastareklame erkl√§rt sie: „Alle, die sich gut mit Catharina verstanden haben, melden sich bitte bei meinem Kollegen“ –einem gro√üen, sch√ľchtern wirkenden Beamten neben ihr- „oder mir. Aber auch wenn ihr nicht oder kaum mit ihr befreundet seid und trotzdem etwas √ľber ihr Verschwinden wisst oder zu wissen glaubt, oder sonst etwas Mitteilungswertes zu erz√§hlen habt, w√§ren wir euch dankbar, wenn ihr uns einige Minuten eurer kostbaren Zeit widmen w√ľrdet.“

Niemand in der Klasse r√ľhrt sich. Das Thema war heute zwar gefragter als jedes andere, doch zur Realit√§t ist es erst jetzt geworden.

„Okay, keine Freiwilligen“, f√§hrt die Kommissarin fort. „Dann nehmen wir schnell alle durch. Sie sieht den Direktor fragend an. Der nickt: „Ja, wir haben eine Namensliste. Ich hoffe, ihr benehmt euch anst√§ndig. Wenn euer Name aufgerufen wird, nehmt ihr eure Sachen und geht in die Nachbarklasse. Danach k√∂nnt ihr gleich nach Hause gehen.“

Getuschel wird in der Klasse laut, während die Polizisten das Klassenzimmer verlassen. Der Direx scheint fertig mit den Nerven zu sein. Er schlägt das Klassenbuch auf und ruft den ersten Namen auf.

Langsam wird es leer in der Klasse. Einer nach dem anderen geht, doch Chris kann sich nicht vorstellen, dass sie der Polizei weiterhelfen könnten.

Schlie√ülich ist er an der Reihe. Er packt seine Sachen zusammen und begibt sich schlendernd auf den Flur, als eine Stimme ihn zusammenzucken l√§sst: „Chris, warte!“

Er dreht sich um, doch er ist allein auf dem Gang. Bis ihm der frisch geputzte Boden auffällt. Doch statt seines Spiegelbilds sieht er das Cathys.

„Chris, du musst mir helfen!“

Dieses Mal verkneift er es sich, sich umzudrehen und nach dem Menschen zu suchen, zu dem dieses Spiegelbild geh√∂rt. Er will sie ignorieren, doch er kann nicht: „Was willst du von mir?“

-„Ich brauche deine Hilfe, Chris!“

„Warum gerade ich?“

Sie druckst herum, doch bevor sie antwortet √∂ffnet sich die T√ľr der Nachbarklasse und Chris h√∂rt, wie eine andere, menschlicher wirkende Stimme seinen Namen ausspricht: „Christian? Ich darf dich doch duzen? Komm nur herein!“

Er macht sich auf den Weg. Als er die T√ľr hinter sich schlie√üt h√∂rt er Cathy nochmal seinen Namen rufen und ein Gef√ľhl von Schuld durchzuckt ihn.

Er dreht sich um und sieht der Kommissarin direkt in die bebrillten Augen. Sie l√§chelt noch immer so nett, w√§hrend sie am Pult sitzt und ihm den Stuhl davor zuweist: „Setz dich doch!“

Chris sieht sich um: Ihr Kollege sitzt ihm genau im R√ľcken. Chris f√ľhlt sich unwohl, doch er wei√ü nicht wieso.

„Kannst du uns etwas √ľber Catharinas Verschwinden erz√§hlen?“, fragt die Frau.

-„Nein. Ich hatte eigentlich keinen Kontakt zu ihr.“

„Und du hast nichts an ihr bemerkt?“

-„Nein. Wie gesagt hatte ich wenig mit ihr zu tun. Sie war auch sonst sehr ruhig und fiel nie auf. Daher habe ich auch nie so auf sie geachtet.“

Ein Schreck durchzuckt ihn, als er Cathys Augen in den Brillengläsern der Kommissarin sieht. Sie scheint verletzt, traurig zu sein. Doch als die Kommissarin ihn ansieht, ist Cathy verschwunden.

„Ja, das haben wir auch schon von anderen geh√∂rt. Gut, du kannst gehen.“ Die Frau Kommissarin f√§hrt sich durch die Haare und lehnt sich zur√ľck.

-„Danke.“ Doch bevor Chris aus der T√ľr tritt, dreht er sich nochmal um und fragt: „Werden sie sie finden?“

Sie setzt wieder ein L√§cheln auf, doch diesmal ist es anders: „Bestimmt.“

Unsicher tritt Chris auf den Flur hinaus. Er wagt es nicht, auf den Boden zu sehen. Seine Schritte hallen unheimlich laut auf dem Gang. Nie ist er ihm so lang erschienen.

Draußen angekommen atmet er auf. Langsam streicht er sich die Haare aus dem Gesicht, steckt dann die Hände tief in die Taschen und geht, stur auf den Boden blickend, nach Hause. Nur keine Glasscheiben, Spiegel oder sonstiges dieser Art.

Zu Hause ist er allein. Seine Eltern sind arbeiten. Er rennt die Treppe hoch, schmeißt seinen Rucksack in eine Ecke seines Zimmers, lässt sich auf sein Bett fallen und schaltet von dort aus die Anlage an.

Er schließt seine Augen, als er plötzlich Cathy sieht.

„Chris, es tut mir echt leid.“

-„Was?“

„Dass ich gerade zu dir komme.“

-„Warum bist du √ľberhaupt weg. Was ist los?“

„Also das ist eine lange Geschichte.“

-„Aber wenn ich dir helfen soll...“

Pl√∂tzlich greift jemand seine Schultern und sch√ľttelt ihn. Als er seine Augen √∂ffnet, sieht er seine Mutter: „hey du Tr√§umer. Geht’s dir gut?“

-„Mama?“

„Ja, wer sonst? Hast du Fieber?“ Sie legt ihre Hand auf seine Stirn. Sie f√ľhlt sich kalt an.

-„Nein. Ich war nur geschafft.“

„Trotzdem. Du scheinst dir etwas eingefangen zu haben. Und das mitten im Sommer.“

Chris wirft einen Blick aus dem Fenster. Es wird langsam dunkel.

„Wieviel Uhr haben wir?“

-„Schon neun.“

Chris schreckt auf: „Neun Uhr Abends?“ Er kann es kaum fassen: Er hat den ganzen Tag verschlafen...

-„Genau. Ich gehe jetzt in die K√ľche und koche dir einen Tee. Wenn du morgen noch Fieber hast, bleibst du Zuhause!“ Mit diesen Worten rauscht seine Mutter aus dem Zimmer.

Chris h√∂rt sie unten in der K√ľche werken und beschlie√üt dann, auch runter zu gehen. Sein Sch√§del f√ľhlt sich schwer an. Vielleicht hat er ja von vorn herein nur getr√§umt, Cathy zu sehen, schie√üt es ihm durch den Kopf.

„Du solltest im Bett bleiben“, sagt seine Mutter, als er die K√ľche betritt.

-„Wo ist Papa?“ Er setzt sich an den K√ľchentisch und versucht seine Haare irgendwie wieder in Ordnung zu bringen.

„Der sitzt im Arbeitszimmer.“

Auf einmal fällt Chris eine Bewegung am Fenster auf. Aber als er hinsieht, ist das nichts.

„Chris, ich habe von einem M√§dchen geh√∂rt, das verschwunden ist. Sie war doch in deiner Klasse, oder?“

Wieder nimmt Chris aus den Augenwinkeln eine Bewegung am Fenster wahr. Er sieht wieder hin. Dieses Mal verschlägt es ihm fast den Atem: Hat er vielleicht doch nicht geträumt? Er sieht Cathys durchscheinende Gestalt.

„Mama, glaubst du an Gespenster?“

Besorgt sieht seine Mutter ihn an. Sie folgt seinem Blick zum Fenster. Er beobachtet sie, doch sie reagiert nicht auf das M√§dchen. Statt dessen sagt sie: „Dein Fieber scheint doch h√∂her zu sein, als ich dachte. Chris, geh doch lieber wieder zur√ľck ins Bett. Wenn es nicht besser wird, rufe ich vielleicht doch besser den Arzt.“

Chris will widersprechen und sieht wieder zum Fenster. „Aber es geht mir gut. Siehst du denn nicht...“

Cathy gibt ihm durch eine Geste zu verstehen, zu schweigen.

Wieder schaut seine Mutter zum Fenster, doch sie sagt nur: „Chris, mach schon, dass du nach oben kommst!“

Ohne erneut zu widersprechen verschwindet er aus der K√ľche und trollt sich in sein Zimmer.

Er legt sich auf sein Bett und starrt an die Decke. Er muss seine Gedanken ordnen. Also ist Cathy doch da. Aber wenn es stimmt, dass er Fieber hat, kann es auch nur... Aber mal davon ausgegangen, dass sie wirklich da war: Warum hat sie gerade ihn ausgesucht? Und warum konnte seine Mutter sie nicht sehen? Er gibt sich einen Ruck und √∂ffnet eine Schrankt√ľr. An ihrer Innenseite verbirgt sich ein Spiegel, der die ganze Fl√§che einnimmt. Chris setzt sich davor und wartet. Noch sieht er nur sich selbst im Spiegel.

Pl√∂tzlich h√∂rt er Schritte auf der Treppe. Schnell steht er auf und legt sich ins Bett. Seine Mutter kommt herein: „Dein Tee ist fertig.“ Verdutzt blickt sie auf die Schrankt√ľr: „Warum ist dein Kleiderschrank offen?“

-„Ich... Ich wollte nur... Ich wollte mich gleich umziehen.“

„Aha.“ Misstrauisch stellt seine Mutter den Tee auf seinen Nachttisch und bef√ľhlt nochmal seine Stirn. „Also ich wei√ü nicht, aber so hoch f√ľhlt es sich gar nicht an. Verdammt, dass sich dein Vater gerade letzte Woche aus Versehen auf das Thermometer setzen musste... Ich werde wohl morgen ein neues besorgen m√ľssen.“ Sie verl√§sst sein Zimmer, l√§sst jedoch die T√ľr einen Spalt offen.

Kaum dass Chris sie auf der Treppe nicht mehr h√∂ren kann, steht er auf, schlie√üt die T√ľr und setzt sich wieder vor den Spiegel. Cathy ist da.

„Hi“, sagt er mit einem kleinen L√§cheln.

-„Hi.“ Sie wirkt ernst.

„Erz√§hlst du mir jetzt was los ist?“

-„Du hast mir das letzte Mal ja nicht mehr zugeh√∂rt.“

„Ja, tut mir leid. Aber warum k√∂nnen die anderen dich nicht sehen?“

-„Das hat alles miteinander zu tun. Ich muss es dir von Anfang an erz√§hlen.“

„Schie√ü los!“

-„Hast du genug Zeit?“

„Klar, ich h√∂r dir zu!“

-„Erinnerst du dich noch an Alexa Smith?“

„Klar. Sie war in unserer Klasse. Sie ist doch vor einigen Jahren verschwunden. Niemand hat sie gefunden.“

-„Ja. Wir kannten uns seit dem Kindergarten. Du hast der Polizei erz√§hlt, dass ich still und ruhig bin. Wie war ich damals?“

„Du...“ Er erinnert sich wirklich noch an eine ganz andere Cathy: „Du warst ganz anders. Du und Alexa, ihr wart unzertrennlich. Du warst aufgekratzter als viele der anderen.“

-„Ja, genau. Sagt dir Gl√§serr√ľcken etwas?“

„Ansatzweise.“

-„Das reicht auch. Alexa hatte ein Buch, in dem lauter solche Dinge drin standen. Es war schon Ewigkeiten in ihrem Familienbesitz und unheimlich alt. Wir kamen damals auf die Idee, etwas daraus auszuprobieren. Wir taten es als Schwachsinn ab und hatten damit ziemliches Unrecht. Es war das erste Jahr an der weiterf√ľhrenden Schule. Wir waren allein, ich wollte bei ihr √ľbernachten, und wir haben uns vorher einige Videos reingezogen.“ Cathy versinkt zunehmend in der Vergangenheit. „Dann haben wir also das Buch rausgekramt und irgend etwas aufgeschlagen. Ich will dir nicht alles beschreiben, das w√ľrde zu lange dauern, aber nachdem wir die Formeln ausgesprochen haben, die das Buch uns vorgab, passierte nichts. Wir waren entt√§uscht, obwohl wir genau das erwartet hatten. Also legten wir uns hin um zu schlafen. Doch mitten in der nacht h√∂rten wir auf einmal irgend welche Ger√§usche. Wir wurden beide wach und wussten nicht, was es war. Also machten wir das licht an und ich erinnere mich noch genau an den mannshohen Spiegel, den Alexa damals in ihrem Zimmer hatte.“ Sie unterbricht sich und sieht ihm in die Augen: „Kennst du Alice im Wunderland?“

Er nickt.

Sie sieht wieder an ihm vorbei. „Wir kannten es auch. Aber dass es einmal so wirklich werden k√∂nnte h√§tten wir nicht gedacht.

Zuerst war da nur diese mechanisch klingende Stimme. Hallo, rief sie. Ich kann euch sehen.

Wir bekamen Angst und wollten zum Telefon um Alexas Eltern anzurufen, doch da tauchte diese Gestalt im Spiegel auf: Ekelhaft blau, mit einem sch√§bigen Grinsen. Wir konnten uns kaum bewegen vor Angst. Die Gestalt zeigte mit dem Finger auf uns und bedeutete uns dann, zu ihr in den Spiegel zu kommen. Alexa war wie gebannt und wollte zu ihr gehen, doch ich hielt sie fest. Allerdings wehrte sie sich gegen meinen Griff und riss sich los. Ganz langsam ging sie auf den Spiegel zu, bis eine blaugr√ľne, klauen√§hnliche Hand herausschnellte und sie am Handgelenk festhielt. Erst da fing Alexa an zu schreien und wehrte sich. Doch ich habe ihr nicht geholfen. Ich hatte solche Angst. Sie hat mich angesehen wie eine Ertrinkende, die um Hilfe schreit, doch ich habe ihr nicht geholfen.“ Chris sieht die Tr√§nen, die in Cathys Augen aufblitzen und sie senkt den Blick. „Ich stand nur da und sah zu, wie sie immer weiter in den Spiegel gezogen wurde, bis ich nur noch mich selbst darin gesehen habe. Ihre Mutter ist durchgedreht, wie du vielleicht in den Nachrichten geh√∂rt hast, und ihr Vater hat daraufhin beschlossen, nach Afrika auszuwandern. Ich habe seitdem immer wieder dieses blaue Wesen aus dem Spiegel gesehen: √úberall, wo ein Spiegel, eine Glasscheibe, eine ruhige Wasserfl√§che war. Immer erst diese Stimme, dann die Angst vor dem, was in oder hinter dem Spiegel ist und dann, wenn ich nicht schnell genug weglaufen konnte, die Gestalt mit ihrem Grinsen, so wie das letzte Mal. Denn da war ich nicht schnell genug.“ Cathy sieht Chris erwartungsvoll an: „Glaubst du mir?“

Er nickt, doch dann sagt er: „Aber warum kommst du gerade zu mir?“

Cathy sieht auf den Boden: „Wir haben nicht irgendeine Seite in dem Buch damals aufgeschlagen. Sie hatte etwas mit Liebe zu tun.“ Sie sieht auf: „Ich war ich dich verliebt und wir haben dich in den Spruch miteinflie√üen lassen. Daher kannst nur du mich sehen. Bitte verzeih mir!“

Chris sieht die Ehrlichkeit in ihrem Gesicht und nickt: „Okay, aber wie kann ich dir helfen? Ist Alexa auch dort?“

Cathy seufzt: „Ja, aber sie ist langsam, im Laufe der Jahre, auch zu einem dieser Wesen geworden. Zuerst hat sie mich manchmal durch den Spiegel besucht. Erst nur optisch, dann hat sie auch gesprochen. Doch sie fing an sich zu ver√§ndern, sie bekam zuerst so unheimlich rote Augen, dann die blaue Haut und das schiefe Grinsen. Sie fing an, mich zu beschimpfen, warum ich ihr damals nicht geholfen habe und wurde immer b√∂sartiger. Ich wei√ü nicht, wieviel zeit mir bleibt, bis auch ich so mich ver√§ndere. Ich wei√ü auch noch nicht, wie du mir helfen kannst. Aber du musst das Buch finden.“

-„Dieses Hexenbuch?“

„Ja. Darin soll die Antwort sein.“

-„Woher wei√üt du das?“

„Keine Ahnung. Ich kam hierher und wusste, das nur das Buch mir helfen kann, so wie man wei√ü, wer seine Mutter ist, wenn man geboren wird.“

-„Und Alexa, wusste sie es nicht?“

„Sie hat nie dar√ľber gesprochen.“

-„Und wo finde ich das Buch?“

„Nachdem wir... Alexa hat gesagt, ich solle das Buch vernichten oder verstecken. Ich wollte er verbrennen, doch es funktionierte nicht. Also habe ich es im Wald neben dem Friedhof vergraben.“

-„Im Wald?“

„Ja. Es ist an einer Stelle direkt neben einem alten, gro√üen Baum. Ich wei√ü nicht, was es f√ľr ein Baum war, aber man konnte sich gut dahinter verstecken und er war so dick, dass ich ihn unm√∂glich umarmen konnte.“

-„Solche B√§ume gibt es viele im Wald.“

„Das kann ja sein, aber nur einen mit einem Busch von wilden Rosen um den Stamm.“

-„Kannst du dich noch ein wenig an den Standort erinnern?“

„Die kleine Kapelle auf der Lichtung wirft im Juli gegen elf ihren Schatten in die Richtung.“

Chris seufzt: „Okay, ich werd versuchen, ihn zu finden.“

„Gut. Dann schlaf jetzt! Du sollst doch nicht krank werden!“ Ein kleines L√§cheln huscht √ľber Cathys Gesicht, bevor sie verschwindet.

Chris steht auf, schließt den Schrank, legt sich ins Bett und schläft schnell ein.

-

Als Chris am nächsten Morgen aufwacht, scheint er allein zu sein.

Als er einen Blick auf seinen Nachttisch wirft, fällt ihm der Zettel mit der Handschrift seiner Mutter auf: Guten Morgen, du Langschläfer! Ich dachte, du bleibst heute besser Zuhause. Also mach dir einen schönen Tag und erhol dich gut. Wir kommen heute erst spät nach Hause. Essen steht in der Mikrowelle. Gute Besserung Mama.

P.S.: Wenn etwas los ist, ruf mich an!

Chris steht auf und begibt sich ins Bad. Er f√ľhlt sich, als w√ľrde eine ganze Fu√üballmannschaft in seinem Sch√§del nach Gold suchen.

Er geht in die K√ľche und sucht sich eine Kopfschmerztablette aus der Schublade.

Die Sonne steht schon hoch am Himmel und Chris fragt sich, ob Cathy heute noch auftaucht. Doch dann geht er wieder in sein Zimmer, zieht sich an und steckt seine Schl√ľssel und einen kleinen Taschenspiegel seiner Mutter ein, bevor er das Haus verl√§sst.

Im Wald ist es sch√∂n k√ľhl. Die kleine, alte Kapelle auf der Lichtung, umrahmt von den B√ľschen und B√§umen, sieht aus wie aus einer anderen Zeit, wie aus dem M√§rchen.

Chris kramt nach dem Spiegel. Doch Cathy ist nicht da.

„Cathy?“

Doch sie erscheint nicht.

„Cathy, komm schon!“

Nichts. Nur sein eigenes Spiegelbild.

Er ist froh, dass au√üer ihm niemand hier ist. Als er den Spiegel wieder einstecken will, h√∂rt er Cathys Stimme: „Sorry, konnte nicht schneller kommen.“

Er holt den Spiegel wieder hervor, und wirklich: Sie ist da.

„Also, wo ist der Baum?“

-„Haben wir schon so sp√§t? Es ist noch so hell.“

„Ja, ich wei√ü, aber ich wollte nicht warten.“

-„Und womit willst du graben, wenn du die Frage zul√§sst?“

Chris sieht sich um. Mist, jetzt hat er das doch wirklich vergessen...

„Okay, okay, ich werd wieder zur√ľckgehen, aber ich w√ľrd mir die Stelle trotzdem gern ansehen.“

-„Gut, kannst du die Rosen sehen?“

Chris sieht sich um, doch er kann keine Rosen entdecken.

„Nein.“

-„Dann... Ich kann mich nicht mehr erinnern... Ich glaube... Ach, ich wei√ü es einfach nicht mehr.“

„Na gut. Dann versuche ich es heute abend nochmal.“

-„Ist gut. Aber sei vorsichtig!“

„Was meinst du damit?“

Doch sie ist schon wieder weg. Chris tritt gegen einen abgebrochenen Ast: „Verdammt!“

Dann verstaut er den Spiegel wieder und begibt sich auf den Weg zur√ľck nach Hause.

Er geht √ľber den Friedhof.

Die Grabsteine sind schon alt und die Namen und Daten so verwittert, dass sie kaum noch zu erkennen sind. Auf den Gr√§bern wachsen wilde Pflanzen, die manche Grabsteine schon fast bedecken, und einige alte, hohe B√§ume spenden ein wenig Schatten. Pl√∂tzlich f√§llt Chris ein weniger verwitterter Grabstein auf. „Alexa Smith“, steht in kleinen, verschn√∂rkelten Buchstaben darauf, kein Datum, kein Spruch, nur der Name. Der Stein ist von wilden Rosen umrahmt, ansonsten passt sich die Bepflanzung der der anderen, alten Gr√§ber an.

Chris holt aufgebracht den Spiegel hervor und sagt: „Cathy, Cathy, komm sofort her!“

Er wartet in der Hoffnung, Cathy w√ľrde vielleicht wieder nur etwas l√§nger brauchen um zu erscheinen.

Doch er wartet vergeblich. Das Einzige, was er im Spiegel erblickt, ist sein eigenes Gesicht.

„Cathy!“

Nichts.

W√ľtend steckt er den Spiegel wieder weg und schaut erneut auf das Grab. Er hat sich nicht get√§uscht: Der Stein ist noch nicht so alt und es ist ihr Name! Dann hat Cathy also gelogen... Alexa ist nicht im oder hinter dem Spiegel. Sie hat sich zu keinem blauh√§utigen, rot√§ugigen Wesen verwandelt.

Mit schnellen Schritten geht Chris nach Hause. Wie erwartet ist er allein. Es ist schon Mittag und Chris schaut in die Mikrowelle: Kartoffelp√ľree mit Erbsen und M√∂hren. Er schlie√üt die Mikrowellent√ľr wieder, ohne seinen Teller anger√ľhrt zu haben, kramt sich einen Teel√∂ffel heraus und holt sich einen Joghurt aus dem K√ľhlschrank. L√∂ffelnd geht er in sein Zimmer, √∂ffnet die Schrankt√ľr und setzt sich vor dem Spiegel auf den Boden.

Langsam wird es Abend. Chris hat sich ein Buch besorgt, um sich zu beschäftigen, doch er kann sich nicht auf den Inhalt konzentrieren, denn er wartet auf Cathy, doch sie kommt nicht.

Er sieht auf die Uhr: Schon neun. Er beschließt, heute nicht mehr in den Wald zu gehen, um nach dem Buch zu suchen. Erst will er wissen, was das mit Alexas Grab zu bedeuten hat. Warum, verdammt, lässt Cathy sich nicht blicken?

Unten h√∂rt Chris, wie sich der Schl√ľssel im Schloss dreht. Kurz darauf steckt seine Mutter ihren Kopf durch die T√ľr: „Hallo, wie geht’s dir heute?“

-„Ganz gut.“ Chris steht auf um ihr in die K√ľche zu folgen.

„Hast du gegessen?“

Chris verzieht das Gesicht: „Nee, ich hatte keinen Hunger.“

„Dann bist du doch noch krank?“

-„Ach was, ich hatte nur keinen Hunger auf...“

„Jaja.“ Seine Mutter verl√§sst die K√ľche um ins Wohnzimmer zu gehen: „Also darf ich daraus schlie√üen, dass du morgen wieder zur Schule gehen willst?“

Kurz muss Chris nachdenken, doch er kommt zu dem Schluss, dass alles besser ist, als noch einen Tag vor dem Spiegel wartend zu vertrödeln. Also nickt er, bevor er sich wieder in sein Zimmer begibt.

-

Chris ist auf dem Weg zur Schule.

Vergeblich sucht er in den Schaufenstern, an denen er vorbei kommt, nach ihrem Spiegelbild.

Am vergangenen Tag hat sie sich nicht mehr gemeldet.

Chris ist w√ľtend.

Wie kann er ihr helfen, wenn sie nicht ehrlich zu ihm ist?

Als er die Klasse betritt, beachtet ihn kaum jemand. Er setzt sich auf seinen Platz. Die Stunde beginnt: Mathe. Die Arbeit wird besprochen.

Aber Chris folgt dem Gespräch kaum. Er sieht aus dem Fenster und fragt sich, warum Cathy ihn belogen hat. Oder hat sie das gar nicht?

Nachdem es zur Pause geschellt hat, geht Chris auf den Flur. Der Boden ist matt vom Schmutz. In der Hoffnung, Cathy w√ľrde im Spiegel auf den Toiletten erscheinen, begibt er sich dorthin. Doch vergeblich: Sie kommt nicht. Er sieht nur sein Gesicht, das erwartungsvoll und doch entt√§uscht in den Spiegel sieht. Er beginnt an den Dingen zu zweifeln, die ihm begegnet sind.

Zur√ľck in der Klasse wird Chris von den anderen abgelenkt. Das Thema Cathy ist schon fast vergessen. Das Wochenende ist interessanter.

Der Tag in der Schule vergeht langsam, doch er ist schließlich zu ende.

Zuhause wird Chris schon von seiner Mutter erwartet. Er setzt sich zu ihr.

„Hast du Hunger?“, fragt seine Mutter.

-„Etwas.“

„Das Essen ist gleich fertig. Ach was ich dich letztens noch fragen wollte: Ich habe da von einem M√§dchen geh√∂rt.“

-„Cathy?“

„Catharina hie√ü sie, glaube ich.“

-„Ja, das war Cathy. Sie ist verschwunden.“

„Ja, davon habe ich gelesen. Sie war doch in deiner Klasse?“

Chris nickt.

„Hast du sie gut gekannt?“

-„Weniger.“

Pl√∂tzlich ert√∂nt ein Zischen aus der K√ľche und Chris‘ Mutter springt auf: „Oh Gott, das Essen kocht √ľber.“ Und schon eilt sie den Ger√§uschen entgegen.

„Sag mal, Chris“, ruft sie aus der K√ľche. „Hast du am Wochenende schon etwas vor?“

Er zögert. Auf einmal sieht er Cathy, die sich in Fernseher spiegelt.

-„Ja“, ruft er dann zur√ľck. „Ich bleibe heute nacht bei Sebastian, warum?“

„Nur so.“

Schließlich geht er in sein Zimmer und setzt sich vor den Schrankspiegel.

Cathy ist schon dort.

„Tut mir leid“, sagt sie.

-„Warum hast du mir das nicht gesagt?“ Chris ist aufgebracht.

„Was?“

-„Warum hast du mir den Quatsch mit Alexa erz√§hlt?“

„Was meinst du?“ Cathy scheint durcheinander zu sein.

-„Ich habe ihr Grab auf dem alten Friedhof entdeckt.“

Sie versteht noch immer nicht: „Ja und?“

-„Warum die Geschichte, Alexa sei in den Spiegel gezogen worden?“

„Ach das...“ Sie l√§chelt ihn erleichtert an, bevor sie wieder ernst wird:“ Also ich habe dir doch erz√§hlt, dass Alexas Mutter durchgedreht ist, erinnerst du dich?“

Er nickt und sie f√§hrt fort: „Sie hat auf einmal davon geredet, Alexa w√§re wieder da. Sie hat darauf bestanden, dass sie Alexa beerdigen m√ľsse, um ihre Seele zu befreien, wie sie es ausdr√ľckte. Als ein Psychologer versuchte, ihr klar zu machen, dass man ohne Leiche keine Beerdigung machen kann, hat sie behauptet, die Leiche l√§ge doch bei ihnen im Wohnzimmer. Jedenfalls hat Alexas Vater dann eine Beerdigung veranstaltet, um seiner Frau ihren Willen zu lassen. Allerdings gab es keine Leiche. Der Sarg war leer, nur Alexas Lieblingskleid, ein blaues Samtkleid, lag darin.“

-„Stimmt das wirklich?“ Chris ist skeptisch.

„√Ėffne das Grab, wenn du mir nicht glaubst!“

-„Ist okay, ich glaube dir. Aber wieso gerade der alte Friedhof?“

Cathy zuckt mit den Schultern: „Keine Ahnung.“

-„Gut, dann suchen wir heute abend das Buch.“ Chris seufzt.

„Aber du hast doch gerade zu deiner Mutter gesagt, du w√ľrdest...“

-„Ja, aber ich kann ihr doch wohl kaum erz√§hlen, dass ich im Wald ein altes Hexenbuch suchen will, oder? Sie wird doch dann erst recht glauben, dass ich noch ins Bett geh√∂re oder sie macht mir gleich einen Termin beim n√§chstbesten Seelenklempner.“

„Stimmt.“

-„Also, wirst du heute Abend da sein?“

„Ja. Und vergiss die Schaufel nicht!“

-

Der Tag vergeht schneller als erwartet.

Am Abend schnappt sich Chris den kleinen Spiegel.

„Hast du die Schaufel?“, fragt Cathy.

Chris nickt.

„Und nimm noch eine Heckenschere und dicke Handschuhe mit!“

-„Wozu?“

„Wirst du sehen. Mach einfach!“

Er sucht nach der Heckenschere und den Gartenhandschuhen und steckt sie in einen Rucksack.

„Bis morgen“, ruft er noch ins Haus und begibt sich dann auf den Weg zum Wald. Pl√∂tzlich fallen ihm Cathys Worte ein, die sie gesagt hat, als er das letzte Mal im Wald war: „Abei sei vorsichtig!“

Er holt den Spiegel hervor und sieht hinein. Nach einigen Sekunden blickt er in Cathys Augen.

„Cathy, k√∂nnte es Schwierigkeiten geben?“

-„Ich wei√ü nicht. Vielleicht.“

„Was meinst du mit vielleicht?“

-„Ich wei√ü nicht, wie weit ihre Macht reicht. Vielleicht merken sie ja, dass du ihnen gef√§hrlich werden k√∂nntest.“

„Und dann?“

-„Das wei√ü ich nicht.“ Sie sch√ľttelt langsam den Kopf.

Chris seufzt, steckt den Spiegel wieder ein und geht weiter.

Als er das Tor zum Friedhof erreicht, erschaudert er ganz leicht. Er passiert Alexas Grab, begibt sich in den Wald und beginnt nach den Rosen zu suchen. Er will nicht auf Einbruch der Dunkelheit warten. Pl√∂tzlich entdeckt er einen Baum, dessen dicker Stamm von Dornb√ľschen mit Rosenbl√ľten umrankt ist. Er holt den Spiegel aus der Tasche. Cathy ist schon da.

„Ist das der Baum?“, fragt er sie.

-„Wenn ich mich recht erinnere m√ľsste er es sein.“

„Soll ich um den ganzen Stamm herumgraben?“

-„Nein. Versuch es in Richtung Kapelle, direkt da, wo der Busch gepflanzt worden ist. Wei√üt du nun, wozu die Heckenschere und die Handschuhe gut sind?“

Sie grinst und er grinst zur√ľck.

Er zieht die Handschuhe √ľber, die nach Erde und Garage riechen und umfasst den Dornbusch. Vorsichtig schneidet Chris den Busch mir Hilfe der Heckenschere weg, um dann ungest√∂rt nach dem Buch graben zu k√∂nnen.

Er gräbt und gräbt, doch das Buch kommt nicht zum Vorschein.

„Nein“, sagt Cathy dann. „So tief habe ich es nicht vergraben.“

-„Sicher?“ Chris schaut aus der Grube heraus. Sie Sonne steht schon tief.

„Ja, ganz sicher.“

-„Und das hier ist auch der richtige Baum? Die richtige Stelle?“

„Ja. Der Schatten der Kapelle f√§llt genau auf die Grube.“

Einige Zeit gr√§bt Chris noch ein St√ľck um den Baum herum, doch das Buch ist unauffindbar.

„Vielleicht ist es ja schon vermodert“, witzelt er, doch Cathy bleibt ernst: „Nein, das ist es nicht. Es war in Plastikt√ľten eingepackt. Au√üerdem war es auch nicht verbrennbar, daher habe ich es ja vergraben. Und wenn Feuer ihm nichts anhaben kann wird es ja dies ganz bestimmt √ľberleben.“

-„Es konnte nicht verbrannt werden?“

„Nein.“

-„Und du bist dir wirklich ganz sicher, dass du es hier vergraben hast? Es ist schlie√ülich schon eine Weile her.“

„Ich wei√ü, dass es hier war!“

Sie geben es auf. Nachdem Chris die Grube wieder zugesch√ľttet hat, ist es schon recht dunkel.

Den Spiegel in der Hand geht er √ľber den Friedhof: „Cathy, du musste es woanders versteckt haben.“

-„Nein, es war ganz sicher dort.“

Schlagartig bleibt Chris stehen. Es war ihm, als w√ľrde er beobachtet.

„Was ist los?“, fragt Cathy.

-„Ich wei√ü nicht.“ Er blickt sich um, doch da ist nichts. „Mir war als ob...“

Schon wieder. Chris fährt herum, doch da ist nur ein kleiner Bach...

„Cathy, kannst du dich an einen kleinen Fluss auf dem alten Friedhof erinnern?“

-„Nicht, dass ich w√ľsste, wieso?“

„Geht mit genauso. Aber jetzt ist da einer, der gestern bestimmt noch nicht da war.“

-„Sicher?“

„Ganz bestimmt.“

-„Komm, geht besser nach Hause!“

„Wieso?“

-„Ich glaube, sie wissen was wir vorhaben.“

„Sie?“

-„Ja, sie.“

„Aber woher?“

-„Keine Ahnung.“

„Vielleicht ist ja das Buch hier ganz in der N√§he?“

-„Kann schon sein.“

„K√∂nnen sie es in den Spiegel holen?“

-„Nein, das k√∂nnen sie nicht.“

„Dann muss es hier irgendwo sein. Sind sie in der Lage, es an andere Orte zu bringen?“

-„Vielleicht. Angenommen, sie haben den Fluss hergeholt... Wieso nicht?“

Chris blickt sich um: Der Fluss trennt ihn von den Grab Alexas.

„Ich glaube ich wei√ü, wo wir suchen m√ľssen.“

-„Wo?“

„Kann es in Alexas Grab sein?“

-„Ja, das k√∂nnte gut m√∂glich sein.“

Chris will auf das Grab zugehen, doch er schreckt zur√ľck: Aus dem Bach heraus spiegelt ihm eine blaue Fratze mit roten Augen und einem breiten Mund entgegen.

„Chris, sie sind hier“; sagt Cathy, doch Chris ist so gebannt von dem Bild im Fluss, dass er den Spiegel fallen l√§sst.

„Chris“, ruft Cathy, doch er reagiert nicht. „Chris, das Buch muss in Alexas Grab sein! Grab es aus, beeil dich, bitte!“

Doch er sieht nur dieses kleine, blaue Gesicht, die rotgl√ľhenden Augen, die ihn anstarren...

„Hallo Chris“, der blaue Mund bewegt sich, so dass Chris kleine, spitze Z√§hnchen erkennen kann, und eine verzerrte Stimme ert√∂nt. „Kommst du auch zu uns? Ich bin sicher, dass wir viel Spa√ü haben k√∂nnen.“

Er rei√ü sich los von dem Anblick, greift nach der Schaufel und will auf das Grab zugehen, doch bevor er auch nur zwei Schritte getan hat, verschmilzt seine Umwelt zu einem einzigen nichts, indem er nur endlose Tunnel und sich selbst sehen kann: Ein einziger Irrgarten aus Spiegeln umgibt ihn. Auch seine Schaufel ist nicht mehr in seiner Hand. Alles ist ruhig. Da ist nur diese Stimme... Sie schallt von allen Seiten auf Chris ein: „Du bist hier in meiner Welt! Du kannst mich nicht zerst√∂ren! Oder denkst du, du w√§rst m√§chtiger als ich?“

Chris irrt durch die Spiegelg√§nge, doch von einem Ausgang ist nichts zu sehen. Als er erneut ein Spiegeltor betritt, taucht die Figur auf, zu der die Stimme geh√∂rt: Sie ist etwa so gro√ü wie Chris selbst, vielleicht etwas kleiner, der K√∂rper ist mager und blau, Arme und Beine √§hneln einer Spinne und auf dem d√ľrren Hals sitzt der Kopf mit dem irren Grinsen. Dieses Etwas ist √ľberall: in jedem Spiegel, von √ľberallher schaut es Chris mit seinen rotflackernden Augen an. Und Chris versucht sich vorzustellen, dass dieses Gesch√∂pf Alexa sein k√∂nnte und sucht in der blauen Gestalt irgendetwas, was an das M√§dchen erinnern k√∂nnte, doch er findet nichts.

Ein gellendes lachen tönt aus dem aufgerissenen Mund.

„Wo ist das Buch?“, fragt Chris.

-„Du wirst es nie finden!“

Unverhofft hört Chris Cathys Stimme:

„Sieh es nicht an!“, ruft sie. Und kurz darauf erscheint ihr Bild in nur einem der Spiegel. „Es ist nur eine Illusion. Du darfst einfach nur nicht daran glauben!“

Chris ist verwirrt. Was meint sie damit?

„Greif nach der Schaufel! Dies hier ist nicht wirklich wahr!“

Das Blaue Gesch√∂pf kommt auf Chris zu und schaut ihn an, als wolle es mit seinem Blick L√∂cher in Chris‘ Stirn brennen.

„Vertrau mir!“, ruft Cathy.

Aus den Augenwinkeln nimmt Chris ihre Gestalt wahr.

Mit zusammengekniffenen Augen greift er neben sich. Als wer die Augen wieder √∂ffnet, h√§lt er die Schaufel in seiner Hand und steht auf Alexas Grab. Die Spiegel sind fort. Auch das Fl√ľsschen ist nicht mehr da.

Ohne nach dem Taschenspiegel zu suchen, um mit Cathy zu sprechen, schaufelt Chris das Grab auf. Als er etwas tiefer gekommen ist, stößt die Schaufel auf etwas hartes. Er hat den Sarg erreicht.

Im Nacken stellen sich seine Haare auf, als er ein Käuzchen schreien hört.

Langsam öffnet er den schweren Sargdeckel und der erwartete Gestank bleibt aus. Es ist so, wie Cathy es gesagt hat: Nicht die Spur einer Leiche. Nur ein blaues Kleid.

Dort, wo das Herz Alexas gesessen h√§tte, liegt ein eisernes Kreuz. Chris nimmt es in die Hand. Es ist schwer. Unter dem Kreuz ist das Kleid in rechteckiger Form angehoben: Das Buch! Chris holt es heraus. Es ist schwer und riecht nach Erde. Das muss es sein. Ein schwarzer, lederner Einband ohne jegliche Aufschrift. Er √∂ffnet es und das Papier f√ľhlt sich alt an. In der Dunkelheit erkennt Chriss, dass die Schrift sehr alt und teils verblichen, allerdings noch lesbar ist. Chris streicht das Kleid wieder glatt und legt das Kreuz zur√ľck, genau dorthin, wo es auch vorher lag. Leise schlie√üt er den Sarg. Sorgf√§ltig gr√§bt er das Grab wieder zu und hat die ganze Zeit ein unbestimmtes, schuldiges Gef√ľhl in sich.

Nachdem er das Gef√ľhl hat, das Grab sei wieder in Ordnung, pfl√ľckt er eine Blume aus dem Geb√ľsch, das den Gr√§bern gegen√ľber sind, und legt sie auf die frische Erde vor den Grabstein. Erst dann macht er sich im Schein des Mondes auf den Weg nach Hause.

Niemand kommt ihm auf der Straße entgegen. Sie ist wie leer gefegt, nicht mal eine Katze ist zu sehen.

Als er Zuhause ankommt, √∂ffnet er leise die T√ľr. Kein Laut dringt aus dem Haus und es erscheint Chris fremd. Er bringt die Schaufel, die Handschuhe und die Heckenschere in die Garage und geht dann mit dem Buch in sein Zimmer. Er hat es bisher nicht gewagt, Licht zu machen, doch hier h√§lt er es nicht anders aus. Er √∂ffnet wieder seinen Schrank und setzt sich vor den Spiegel. Cathy erscheint nur langsam, doch Chris traut sich nicht, das Buch allein durchzubl√§ttern. Wie ein Heiligtum liegt es vor ihm auf dem Boden.

„Schlag es auf!“, sagt sie.

Z√∂gernd bl√§ttert er die ersten Seiten durch. Die Schrift ist schwer zu lesen, da sie so verschn√∂rkelt ist, doch mit etwas Konzentration schnappt Chris einige W√∂rter auf, w√§hrend er die Seiten √ľberfliegt. Es ist alphabetisch geordnet.

„Warte!“

Chris hält inne. Wie gebannt schaut Cathy auf das Buch.

„Das ist die Seite“, sagt sie dann leise. „Das ist der richtige Spruch.“

-„Und wie macht man ihn r√ľckg√§ngig?“

Chris versucht zu verstehen, was dort steht, doch es ist unheimlich kompliziert geschrieben.

„Halt es mir hin, damit ich es lesen kann!“

Es dreht das Buch und Cathys Augen fliegen dar√ľber hinweg wie Schatten √ľber das Meer.

Als sie aufblickt sieht Chris sie neugierig an: „Also?“

-„Erst muss ich dir etwas sagen.“

„Sag!“

-„Wenn du das tust, wenn du mich hier raus holst, dann musst du etwas eingehen.“

„Und zwar?“

Sie holt tief Luft, bevor sie fortf√§hrt: „Dein Leben w√ľrde sich schlagartig √§ndern.“

„Inwiefern?“

-„Du m√ľsstest sowas wie ein W√§chter sein. Du m√ľsstest auf dieses Spiegel aufpassen, denn jedesmal, wenn der Mond die Form hat, die er in der Nacht hat, in der du den Spruch anwendest...“

„Also in unserem Fall bei Vollmond?“

-„Genau. Jede Nacht bei Vollmond √∂ffnet sich das Tor aus dem Spiegel in unsere Welt und du musst verhindern, dass sie hin√ľber kommen k√∂nnen. Das w√§re eine Katastrophe und w√ľrde den Untergang der Menschheit bedeuten.“

„Steht etwas √ľber sie in dem Buch?“

-„Ja.“

„Lies es mir vor!“

-„Sie, die auf der anderen Seite ihr totes Leben fristen, sie sind ausgeschlossene des Lebens. Eine h√∂here Macht erschuf Licht und Schatten, Erde und All, Tiere und Pflanzen, Gut und B√∂se, sowie auch die Menschen und die Unwesen. Die Unwesen wollten die Welt f√ľr sich haben. Die Unwesen bekamen daraufhin ihre eigene Welt. Ihre Welt aus Schatten, All und B√∂sem. Doch sie wollen zur√ľck um zu zerst√∂ren, was uns geh√∂rt. Sie wollen den Menschen besiegen. Sie wollen ihn in ihre Welt holen um in seine Welt zu siedeln und sie ihrer gleich zu machen.“ Cathy stockt. „Das Gericht √ľber sie bereitet sich seit langem vor, und ihr Verderben schl√§ft nicht. Denn Gott hat selbst die Engel, die ges√ľndigt haben, nicht verschont, sondern hat sie mit Ketten der Finsternis in die H√∂lle gesto√üen und √ľbergeben, damit sie f√ľr das Gericht festgehalten werden;...“ Cathy blickt nachdenklich in die Ferne.

„Was ist los?“, fragt Chris.

-„Der zweite Teil... Ich kenne ihn.“

„Woher?“

-„Aus der Bibel. Das ist der zweite Brief des Petrus. Bevor Alexa sich... Wir haben jeden Abend einen Teil aus der Bibel miteinander gelesen. Sie meinte, es mache ihr Hoffnung, dass es im Spiegel nicht so schlimm w√§re. Dieser Teil hat sie traurig gemacht und trotzdem wollte sie ihn wieder und wieder lesen. Sie sagte, sie w√§re jetzt auch damit gemeint. Sie w√§re nun ein Engel, der ges√ľndigt hatte.“ Cathy wirkt so unheimlich traurig.

Chris wei√ü nicht, was er tun soll. Also dreht er das Buch so, dass er es lesen kann und studiert, wie er Cathy zur√ľckholen kann.

Alles was er braucht ist ein Spiegel, das Buch und klares Wasser. Schnell geht er in die K√ľche. Dauernd hat er das Gef√ľhl, beobachtet zu werden, doch da ist nichts. Als er den Wasserhahn aufdreht, kommt ihm nur brauner Schlamm entgegen. Er versucht es im Bad, doch es ist dasselbe.

‚Sie sind es‘, denkt er. Dann erinnert er sich an das Spiegelirrgarten. Cathy sagte, es w√§re alles nur Illusion. Also f√ľllt er ein Glas mit dem Schlamm und kaum dass er das Wasser wieder abgedreht hat, wird es klar im Glas. Er geht zur√ľck zur Treppe und steigt hinauf. Er steigt und steigt doch es kommt ihm vor, als k√§me er nicht voran. Als s√§nken seine Beine immer weiter in die Treppe ein und je weiter er steigt, umso weiter nach unten kommt er. Das Glas Wasser fest in seiner Hand schlie√üt er die Augen und greift mit der freien Hand nach dem Gel√§nder. St√ľck f√ľr St√ľck zieht er sich hoch, bis er vor sich keine Stufe mehr ertasten kann. Er √∂ffnet die Augen und sieht, dass er oben ist, doch das Glas mit dem Wasser ist fort. Er blickt zur√ľck und sieht es unten, am Treppenansatz. Als er sich umdrehen und zur√ľckgehen will, um es zu holen, sieht er Cathy im blankgeputzten Gel√§nder: „Nein, geh nicht wieder runter und √∂ffne deine Hand nicht! Es ist nur Illusion! Vertrau deinem Gef√ľhl, nicht deinen Augen!“ Er sieht auf seine Hand. Ja, er hat sie nicht ge√∂ffnet. Es sieht aus, als trage er ein unsichtbares Glas. Er geht auf sein Zimmer zu und wirklich: das Glas ist wieder da. Allerdings ist seine Zimmert√ľr geschlossen. Er greift nach der Klinke und sie ist h√∂llisch hei√ü. Es verbrennt ihm fast die Hand. Er weicht zur√ľck. Als er wieder einen Schritt auf sie zu tut, flie√üt Blut aus den Ritzen. Z√§h und langsam flie√üt es das wei√üe Holz hinau bis auf den Boden. Es tropft in das Glas und das Wasser f√§rbt sich rot. Chris flucht: Er braucht klares Wasser!

Doch dann richtet er sich auf und geht auf die blutige T√ľr zu, immer n√§her, bis er den Blutgeruch und die W√§rme wahrnehmen kann, bis das Blut sein Gesicht ber√ľhrt und ihn am atmen hindert... Doch bevor er die H√§rte der T√ľr sp√ľrt, steht er in seinem Zimmer, hinter ihm die ge√∂ffnete T√ľr. Er atmet auf und setzt sich vor den Spiegel, doch das Buch ist fort. Weder Cathy noch das Buch sind da.

Chris schlie√üt die Augen. Wo lag das Buch bevor er gegangen ist, um Wasser zu holen? Wo verdammt lag es? Er tastet vor sich den Boden ab und f√ľhlt das Leder. Der schl√§gt es auf und es erscheint, doch die W√∂rter scheinen nun schwieriger zu entziffern zu sein als zuvor. Er konzentriert sich darauf, doch wo ist Cathy? Als er wieder in den Spiegel sieht, blickt er einem der blauen Wesen in die Augen. Chris springt auf und versch√ľttet dabei fast das Wasser.

„Keine Angst“, sagt das Ding mit seiner unecht wirkenden Stimme. „Ich bin es, Cathy.“

Chris zögert. Was, wenn sie es doch nicht ist?

-„Woher wei√ü ich das?“, fragt er.

„Frag mich etwas, was nur ich wissen kann!“

-„Wir hatten nie etwas miteinander zu tun. Was sollten wir schon an gemeinsamen Geheimnissen haben?“

„Dann glaub an mich!“

Chris ist verwirrt. Was soll er tun?

Plötzlich nimmt er hinter sich im Fenster eine Bewegung wahr. Er dreht sich um: Es ist Cathy.

„Komm schon, hol mich hier raus, bevor es zu sp√§t ist!“

Chris blickt wieder auf den Spiegel. Das Wesen dort nimmt Cathys Gestalt an: „Nein, Chris, mach keinen Fehler! Ich bin Cathy!“

Chris zieht wieder zum Fenster.

„Wenn du sie rausholst, ist die Menschheit verloren“, ruft die Cathy im Fenster.

„Lass dir zeit“, ert√∂nt es aus dem Spiegel. „Konzentriere dich auf dein Gef√ľhl!“

Chris schlie√üt die Augen. Er sp√ľrt, wie sein Herz in seiner Brust pocht, als wolle es hinaus.

Langsam √∂ffnet er die Augen und sieht in die Cathys. Er wirft das Glas mit dem Wasser an den Spiegel, so dass es klirrend zerschellt und sich die Fl√ľssigkeit √ľber die Scheibe und Glassplitter ergie√üt. Dann sieht er ins Buch und liest, w√§hrend ein Sturm ihm aus dem Spiegel entgegenkommt, ihm das Buch fast entrei√üt und das Atmen schwer macht:

„Wie nun durch die S√ľnde des Einen die Verdammnis √ľber alle anderen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen f√ľr alle Anderen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben f√ľhrt.“

Mit einem Mal f√§ngt es an, so laut zu donnern wie Chris es noch nie erlebt hat. Feuer spr√ľht aus dem Spiegel und Chris weicht zur√ľck, bedeckt seine Augen mit der Hand vor dem grellen Licht.

Dann ist alles still. J√§h haben Sturm und Feuer abgebrochen, ebenso wie das Donnergrollen. Es ist dunkel und nur der Vollmond erhellt die B√§ume vor Chris‘ Fenster.

Das Buch liegt auf dem Boden und nichts, kein einziger laut ist zu hören.

‚Ich habe es nicht geschafft‘, denkt er.

Niedergeschlagen setzt er sich auf sein Bett.

Doch pl√∂tzlich scheint es, als w√ľrde das Licht des Mondes heller werden. Chris blickt auf: der Spiegel f√§ngt an, von innen heraus zu leuchten und etwas wie ein Tunnel aus Licht tut sich darin auf. Es sieht wundersch√∂n aus und trotz der Helligkeit, die in seinen Augen schmerzt, kann Chris den Blick nicht abwenden.

Ein Tunnel aus Licht und Wasser, so einzigartig, wie er noch nie etwas gesehen hat. Und dann erkennt er auch die Gestalt, die langsam durch den Tunnel auf ihn zukommt: Es ist Cathy. Auch sie strahlt aus ihrem tiefsten Innern heraus. Wie gebannt steht Chris auf und geht an den Spiegel heran, als sie aus ihm heraustritt wie aus einem Nebel.

Sie fällt ihm um den Hals und er umarmt sie.

„Danke“, fl√ľstert sie in sein Ohr und sieht √ľber seine Schulter den Mond.

Chris l√§sst sie noch immer nicht los und sie kann sp√ľren, wie sein Herz klopft, w√§hrend nur der Vollmond sehen kann, dass ihre Augen in einem unheimlich tiefen rot aufflackern.

Dina


__________________
poesie ? - die Sprache der Liebe, denn wie diese, zerstoerst du sie, wenn du versuchst sie mit dem Verstand und nicht dem Herzen zu begreifen.

Ich will nicht sterben, nur tot sein...

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