Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87782
Momentan online:
369 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
"EXS" - PartII - (Der Wahn geht weiter.)
Eingestellt am 29. 05. 2001 10:29


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 115
Kommentare: 81
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Montag, 7. Mai 2001 10 : 15 Uhr
Dieses Standbild zeigt Ernst bei seiner in der Zwischenzeit zur Gewohnheit gewordenen TĂ€tigkeit, wie ein Tiger im KĂ€fig auf und ab zu laufen. Kurz zuvor hatte er, einer beunruhigenden Eingebung folgend, einen Bilderrahmen von der Wohnzimmerwand genommen. In dem Glas befand sich eine Photographie, welche er bei einem Spanienurlaub vor einigen Jahren geknipst und, zurĂŒck in der Heimat, sofort entwickelt, vergrĂ¶ĂŸert und im Schlafzimmer aufgehĂ€ngt hatte. Seitdem unberĂŒhrt hatte sie die Raufasertapete verziert und den Bewohner des Raumes in Erinnerungen an den idyllischen Hafen von Cambrils schwelgen lassen.
ZunĂ€chst hatte Ernst versucht, die schwarzen und weitaus weniger malerischen Dreckstreifen, die sich ihm beim AbhĂ€ngen auf der Tapete prĂ€sentierten, mit einem feuchten Lappen fortzuwischen. Doch hatte er beim verzweifelten Herumreiben feststellen mĂŒssen, dass sich die RĂ€nder stattdessen nur breitflĂ€chig verschmieren ließen.
Seitdem haderte er hin und her laufend mit den ihm nun zu Gebote stehenden Möglichkeiten: Er konnte es natĂŒrlich mit schĂ€rferem Reiniger versuchen. Von denen stand ihm mittlerweile ein beachtliches Sortiment zur Auswahl und die ausgiebige Verwendung derselben zeigten sich in den ausgebleichten Flecken seiner Haushose. Allerdings auch in nicht von den HĂ€nden zu weisenden roten Pusteln.
Eine weitere Möglichkeit war, die hĂ€sslichen Stellen weiß zu ĂŒbermalen. Er vermutete Ă€hnliche optische Effekte auch unter den anderen Bilder, scheute sich aber noch, sich von ihrer PrĂ€senz zu ĂŒberzeugen. Zudem befĂŒrchtete er, ein neues, helles Weiß könne auf der Tapete einen himmelschreienden Kontrast zum restlichen Nikotingelb ergeben. Dann musste er notgedrungen das gesamte Zimmer streichen. Was wiederum zur Folge hatte, die WĂ€nde der gesamte Wohnung zu tĂŒnchen, wenn nicht gar, wo er schon einmal dabei war, vollstĂ€ndig neu zu tapezieren.
NatĂŒrlich gab es noch die weitaus unaufwendigere Alternative, das Bild einfach wieder aufzuhĂ€ngen und so zu tun, als habe er den hĂ€sslichen Makel weder gesehen noch zu entfernen versucht. Doch diese Variante wurde ihm hartnĂ€ckig von etlichen flĂŒsternden und wispernden, murrenden und knurrenden, raunenden und drohenden Stimmen in seinem Kopf verboten.
So knoteten sich in Ernst die FĂŒr & Wider's seiner Auswege zu einem wirren Wust zusammen. Die einzelnen StrĂ€nge endeten in einem Gedankenwust, entweder in Ă€tzenden Schmerzen und gekrĂ€nktem Umweltbewusstsein, in kaum ĂŒberschaubarem Arbeitsaufwand oder puren Wahn. Verbissen kĂ€mpfte er gegen die frisch aufkeimende Panikattacke an - der jĂŒngsten innerhalb der letzten 42 Stunden. Irgendwann hatte er es aufgegeben, die Begebenheiten zu zĂ€hlen, zu denen immer wieder lĂ€stige Stimmen wie ein aufgeriebenes Ameisenvolk in seiner Hirnschale herumzukrabbeln begannen.
Leider ist in diesem Bild das Knacken der FingernĂ€gel zwischen seinen ZĂ€hnen nicht hörbar. Auch sein leises Murmeln ist jetzt noch nicht zu vernehmen, aber seien Sie versichert: Könnten wir es, wĂŒrden wir es nicht verstehen. Darum starten wir den Film doch einfach.
Na? Können Sie aus dem Gebrummel irgend etwas heraushören? Also, ich nicht.

Das schrille Schellen der TĂŒrklingel riss Ernst aus seinem apathischen Pendellauf. Hektisch blinzelte er um sich, als mĂŒsse er sich erst vergewissern, wo er sich befand. Dass es seine Wohnung war, beruhigte ihn nicht sonderlich.
Es klingelte noch einmal. "Herr Sacher?!" Hallendes Klopfen an der WohnungstĂŒre. "Ich bin's nur."
Ernst ging in den Flur und öffnete.

Sigrid BĂŒsch war eine bemerkenswert unattraktive Frau Ende vierzig. Sie wohnte seit fast zwanzig Jahren in diesem Haus und hatte etliche Bewohner kommen und gehen sehen. Nicht zuletzt auch ihren mittlerweile geschiedenen Mann, den sie eines abends nach verfrĂŒhter Heimkehr beim orgastischem Herumgereibe mit einer der polnischen Prostituierten erwischte, die damals in wechselnden Besetzungen illegalerweise eine Wohnung in der zweiten Etage behausten. Dass dieses von Sigrid in diesem Zusammenhang mit Vorliebe verwandte Verb durchaus seine Berechtigung hatte, begrĂŒndete sie mit der damaligen Ansammlung gefĂŒllter PlastikmĂŒlltĂŒten, die wochenlang den Hausflur schmĂŒckten und holden Duft verbreiteten.
Nun, Sigrid hatte dafĂŒr gesorgt, dass sie verschwanden. Die MĂŒlltĂŒten, die polnischen Schlampen und - erst im nachhinein auch rechtlich, doch zuallererst auf fĂŒr sie ungewohnt rabiate Weise - auch ihr Göttergatte.
Doch das gehörte der Vergangenheit an und sie redete nicht mehr mit jedem darĂŒber. Ihr Psychotherapeut sagte, er sei sehr zufrieden mit ihr, also war sie es mit sich auch. Sirgid hatte ihren Alltag wieder in Ordnung gebracht und lebte ihr ausgeglichenes Leben. Sie kĂŒmmerte sich rĂŒhrend um ihren Wellensittich und das wirbelig rote Meerschweinchen, zu denen ihr gute Freunde geraten hatten. Puppis lebendiges Zwitschern bewies ihr, dass immer jemand da war und das Streicheln in Murkels warmen weichen Fell war reinste Flaumtherapie. Sie besuchte einmal in der Woche ihre Frauengruppe und hatte sich zu einem Töpferkurs in der Toskana angemeldet, wo hoffentlich besseres Wetter herrschte als hier. Ihre lieben Kleinen konnte sie dorthin natĂŒrlich nicht mitnehmen. Doch Ernst Sacher, der seit einigen Jahren direkt neben ihr wohnte, war ein netter, zuvorkommender, junger Mann. Manchmal hörte er zwar etwas laut und noch spĂ€t abends seine 70er-Jahre-Bombast-Rockmusik, und auch mit der monatlichen Flurreinigung nahm er es nicht allzu genau, aber, na ja, musste jeder selbst wissen. Aber davon mal abgesehen, freute es sie immer, ihn zu sehen und sich mit ihm auf dem Flur ein bisschen zu verplaudern.

Sigrid bekam einen kleinen Schrecken, als sie gerade noch einmal gegen die NachbartĂŒr klopfen wollte und jene genau in diesem Moment aufgerissen wurde. Ein "Huch" entfuhr ihr und sie kicherte verlegen.
"Verzeihung, Herr Sacher, ich bin auch sofort wieder weg; ich wollte nur fragen, ob Sie vielleicht in den nÀchsten ... holla, was riecht denn da so gut bei Ihnen", unterbrach sie sich selbst, als ihr frisches Cirusaroma in die Nase schlich. "Störe ich Sie etwa beim Hausputz?"
Der junge Mann blinzelte hektisch und sein Kopf schnackte kurz zur Seite. "Ma-hmmacht nix", brachte er heraus.
"Na, dann ist ja gut", lĂ€chelte Sigrid. "'Reinlichkeit ist eine Tugend', sagte meine Mutter immer. Oh, wenn Sie schon so fleißig sind, dann können Sie eigentlich auch gleich bei mir drĂŒben weitermachen. Ich hab da so ein paar verflixte Ecken, die ..." Sie unterbrach sich und fĂŒgte ein "Ha-ha-nein-nein" hinzu.
Sie gehörte zu den Leuten, die sich ihrer UnfĂ€higkeit zum Flunkern bewusst sind und selbst alberne Scherze vorschnell als solche erklĂ€ren, noch bevor sie eine Wirkung, geschweige denn einen Lacher erzielen konnten. Aber unerwarteterweise schien sie Herrn Sacher tatsĂ€chlich kurzzeitig hinters Licht gefĂŒhrt zu haben. FĂŒr einen Sekundenbruchteil hatten sich seine Augen leidvoll geweitet und nervös geflimmert. In diesem Augenblick war sie sich unsicher, ob er nun sie verulkte und so tat, als nehme er ihren Jux fĂŒr bare MĂŒnze. "Ha-ha", wiederholte und fĂŒgte sie vorsichtshalber noch hinzu. "War doch nur'n kleiner Witz. Darf man doch mal machen, nicht?" Sie gehörte außerdem zu den Leuten, deren Sprachschatz zu einem Großteil aus unausstehlich alltĂ€glichen Floskeln und BestĂ€tigung heischenden Gegenfragen bestand.
"Aaach ..." Herr Sachers GesichtszĂŒge entspannten sich wieder etwas. "Ja, klar, ha-ha, nur'n kleiner Witz", nickte er. "Ein guter Witz, das Witzchen. Ja-ha-ha."
Sigrid blinzelte irritiert und erinnerte sich, weshalb sie eigentlich angeschellt hatte. "Ich ... Àhm ... ich habe einen Anschlag auf sie vor, Herr Sacher."
"Einen Anschlag?" Sofort war das Flimmern wieder da.
"Na, ja, wissen Sie, ich fahre heute fĂŒr ein paar Tage weg und da wollte ich sie fragen, ob sie nicht vielleicht daheim sind und ab und zu mal bei mir drĂŒben reingucken könnten. Meine Kleinen fĂŒttern, Blumen gießen und so weiter. WĂŒrden Sie das fĂŒr mich tun?"
"Oh." Eine gewisse Erleichterung glÀttete wieder sein angespannte Miene. "Ja. Ja, klar."
"Das ist lieb. Hier sind die SchlĂŒssel." Sie holte ihren Zweitbund hervor. Herr Sacher ergriff ihn schnell, riss ihn ihr förmlich aus der Hand und stopfte ihn in die Hosentasche. Sigrids Blick fiel auf die bleichen Flecken auf dem Baumwollstoff, auch die roten wunden HĂ€nde hatte sie gesehen und ĂŒberlegte kurz, ob sie nach dem Grund fragen sollte. Doch hielt sie es schließlich fĂŒr geraten, es zu unterlassen. Herr Sacher sah heute gar nicht gut aus. Er war doch deutlich blass um die Nase und ein Schmierstriemen zog sich an ihr entlang bis auf die Wange herab. Hatte er sicher noch gar nicht bemerkt. Und dann dieses Flimmern in seinen Augen und die hektischen Flecken in seinem Gesicht. Sicherlich etwas ĂŒberspannt, der Gute. Hatte sicher viel zu tun.
Eine Weile standen sie voreinander, nickten und lĂ€chelten sich an, lĂ€chelten und nickten zurĂŒck. Insgeheim wartete Sigrid auf die Frage nach dem Ziel ihrer Reise, doch Herr Sacher schien sich nicht dafĂŒr zu interessieren.
"Tja, heute abend fahr ich dann also los", erwĂ€hnte sie deshalb noch einmal. "Soll ja bilden, nicht wahr?" Aber außer weiterem Nicken und einem durch zusammenpressten Lippen gestoßenes "Ja-a" war ihrem Nachbarn offenbar nichts zu entlocken. "Und ich kann mich auf Sie verlassen, ja? Ich muss nĂ€mlich wieder rĂŒber. Ist ja doch viel Arbeit, ne? Die ganze Packerei und so. Sie wissen doch noch, wo alles steht, oder?"
Nichts als Nicken.
"Steht alles in der Kammer. Können sich auch gerne was von den Schnuckersachen nehmen, woll? Stehen auf dem Tisch. Beruhigt die Nerven. Aber dass Sie sich mir nicht zu genau umschau'n. Ich weiß nicht, ob ich noch dazu komme, richtig aufzurĂ€umen. Aber ist ja auch nur fĂŒr ein paar Tage."
"Wie lange denn?" fragte ihr Nachbar schnell. "Bleiben Sie weg. Meine ich."
Na, endlich taute er auf. "Och, wissen Sie, bloß drei Tage", verharmloste Sigrid. "Toskana." Ihre Gedanken beschĂ€ftigten sich schon mal damit, die farbenfrohen Toskana-Preisungen aus dem Reisekatalog wortgetreu und abrufbereit vorzubereiten. So bemerkte sie nur beilĂ€ufig, dass das Flackern in Herrn Sachers Augen zu funkeln begann.
"Toskana? Schön. Drei Tage?"
"Drei, mh-hm. Siena. Nee, doch, wird sicher schön. Hauptsache, ich hab eine saubere Unterkunft. Unordnung ist ja nicht sooo wichtig. Aber sauber musses schon sein, nicht? Und bei den AuslĂ€ndern weiß man ja nie, ne?"
(Ach ja. Ein weiterer von Sigrids WesenszĂŒgen war ihr nahezu unbedarfter Hang zu subtilem Rassismus.)
"Möglich", antwortete Herr Sacher, wahrscheinlich unbewusst diplomatisch. Das Flimmern in seinem Blick war gĂ€nzlich verschwunden. Als hĂ€tte das Funkeln es verschluckt. "Auf mich können Sie sich verlassen, Frau BĂŒsch. Einen schönen Urlaub wĂŒnsch ich Ihnen."
Sigrid konnte einen Anflug von EnttÀuschung nicht verbergen. "Tja, dann also ... Danke schon mal. Ich mach das wieder gut und ... ja, und lassen Sie sich nicht aufhalten, woll?"
Ein wenig gekrĂ€nkt, so abgewĂŒrgt worden zu sein, wandte sie sich ihrer WohnungstĂŒr zu. Ein leises "Nein. Lasse ich mich nicht" glaubte sie hinter sich zu hören, weigerte sich aber innerlich, dem Beachtung zu schenken. "Ach, ĂŒbrigens ...", drehte sie sich noch einmal um und tippte in ihrem Gesicht an die Stelle, an der Herr Sacher den Schmierstriemen hatte. "Schauen Sie mal in den Spiegel. Sie haben da was." Dann schloss sie lĂ€chelnd die TĂŒr. Er war ja ein netter Nachbar, aber den hatte sie ihm doch noch stecken wollen. So ein Desinteresse!

Ernst starrte die TĂŒr gegenĂŒber an. Irgendwann hob er die fleckige Hand an die Nase, rieb die ihm gewiesene Stelle und betrachtete dann seine Finger. Er japste. Der wabernde Anblick erinnerte ihn an unansehnliche Stellen in seinem Wohnzimmer. Doch nicht nur das. Er zeigte ihm auch hĂ€ssliche schwarze RĂ€nder, die sich unter den NĂ€geln seiner Finger verbargen.
Es knackte, als er wieder zu Nagen begann, als wolle er das Zittern verleugnen.

* * *

Dienstag, 08. Mai 2001 17 : 25 Uhr
Hier sehen wir Arthur Westphal bei seinem tĂ€glichen Einkauf. Gerade hielt er mit seinem Wagen an der letzten Station seines stets gleichen Parcours, dem Weinregal. Im folgenden wird er sich zwei Flaschen Rotwein herausgreifen. Er wird dafĂŒr nicht extra suchen mĂŒssen, da er ganz genau weiß, welche Sorte er nimmt und wo sie steht.
Das Einkaufen bereitete dem 75-jĂ€hrigen Rentner viel Befriedigung. Im Supermarkt hatte alles seinen zugeordneten und sinnvollen Platz. Das Obst war stets frisch und sah schön aus. Arthur konnte seine Tageszeitung erwerben und sich darauf verlassen, das Frau Schnaak fĂŒr ihn den Lottoschein richtig ausfĂŒllte. Er empfand es als Ă€ußerst angenehm, wenn das FrĂ€ulein Herbig an der Wursttheke ihn mit Namen begrĂŒĂŸte und genau wusste, was er haben wollte. (4 Scheiben gerĂ€ucherten Schinken, hauchdĂŒnn, drei Scheiben Bierwurst und jeden zweiten Montag ein PfeffersĂ€ckchen oder ein Zipfel Kalbsleberwurst.)
Ja, der Supermarkt war seine zur lieben Gewohnheit gewordene Erlebniswelt. Daher ging er auch nicht vormittags, obwohl er die Zeit dazu hatte, sondern abends, kurz bevor der Markt die elektrischen SchiebetĂŒren abschließen wollte. Da war mehr los. Er konnte sich mit seinen Wagen in aller Seelenruhe die GĂ€nge entlangbewegen und dabei sorgsam darauf achten, dass die Leute, die kurz nach Feierabend nur noch wenig Zeit zum Einkaufen hatten, nicht an ihm vorbeikamen. Wenn jemand deshalb nörgelte, tippte er an sein völlig intaktes HörgerĂ€t und gaukelte gekonnt ein entschuldigendes LĂ€cheln vor. An der Kassenschlange gönnte er sich jeden Tag den Spaß, der Kassiererin den Pfenniginhalt seiner Geldbörse in die Hand zu schĂŒtten und aus den sehr gesunden Augenwinkeln das ruhebewahrende Luftholen der nachfolgenden Kundenschlange zu beobachten. Jeder zeigte notgedrungen VerstĂ€ndnis fĂŒr sein Alter und seine offenbare SchwĂ€che.
Außerdem konnte er hier viele gute RatschlĂ€ge verteilen. Gute RatschlĂ€ge waren Arthur Westphals SpezialitĂ€t. Er war seit nunmehr fĂŒnfundzwanzig Jahren Witwer und tĂ€tigte seitdem ohne Hilfe und dementsprechend stolz seinen Haushalt alleine. Wenn es um sinnvolles Einkaufen ging, konnte ihm niemand etwas vormachen. In seinem Ratschlag-Lager befand sich eine Unmenge Tipps, Energie zu sparen, Lebensmittel richtig zu lagern und gesund einzukaufen. Er wusste, wie sich Brot anzufĂŒhlen und Obst auszusehen hatte und vor allem, ab welchem Haltbarkeitsdatum man welche Produkte billiger bekam. Zudem verließ er nicht eher den Laden, bis er sich nicht genauestens von der Richtigkeit des Kassenbons ĂŒberzeugt hatte. Jawohl, Arthur Westphal genoss es, dass die Angestellten der Supermarktfiliale ihn bis aufs Blut hassten und er bemĂŒhte sich rege, diese Genervtheit auch auf die Kunden zu ĂŒbertragen. Jederzeit, und meist, wenn sie nicht wollten, stand er jedem mit aufdringlichem Rat und nahezu penetranter Tat zur Seite. Mit unglaublicher Vehemenz erklĂ€rte er wie man Sauce Hollandaise selbst machen konnte, ohne nach diesen abgepackten Konservierungsmitteltunken zu greifen. Oder er schrieb, ohne Widerworte zu dulden, vor, welche Salatsorte man doch unbedingt zu nehmen hatte.
Mit Genuss dachte Arthur an jenen Abend zurĂŒck, an dem es ihm durch unbarmherziges Zureden gelungen war, einem verschĂŒchterten Studenten nicht nur Erbsensuppe auf den Speiseplan des folgenden Tages zu zwingen, sondern ihn zudem auch noch widerwortlos dazu gebracht zu haben, sich von ihm das beste Rezept auf einen Schmierzettel diktieren zu lassen. Daraufhin hatte der Rentner den hilflos stammelnden JungpĂ€dagogen durch die Regalreihen geschoben und ihm sĂ€mtliche Zutaten in den Wagen geworfen. Inklusive BrĂŒhwurst. Dass sein bald völlig entnervtes Opfer Vegetarier war, hatte Arthur nicht die Dicke Bohne interessiert. - So viel zu Herrn Westphal.
Doch richten wir doch einmal unser Augenmerk auf das Regal dort vorne links. Sehen sie den Bug des Einkaufswagens, der da um die Ecke lugt? Gleich neben dem Sonderangebotstand fĂŒr Waschmittel.
Nun, sehen wir mal, was passiert.

Die Weinflaschen in Arthur Westphals Karren dengelten leise aneinander, als er weiterfuhr. Er holte einen zerknĂŒllten Zettel aus der Jackentasche, schob seine Brille in die Stirn und betrachtete eingehend die Notiz der außernormalen Besorgungen fĂŒr diesen Tag. Margarine? Hatte er. Milch? Auch. Tube Senf? Arthur kramte und fand sie unter dem Wurstbeutel. Toilettenpapier? Fehlt noch. Wumms! - Sein Wagen krachte mit einem anderen zusammen. Vor Schreck rutschte die Brille des alten Herrn wieder auf die Nase zurĂŒck.
Die beiden Karamboleure gafften sich ein, zwei Momente lang verdutzt an. Arthurs GegenĂŒber, ein junger Mann mit fleckiger GesichtsfĂ€rbung, schaute noch etwas verstört drein und wankte, da ihm die eine Ecke des gegnerischen Wagens empfindlich in der Leistengegend getroffen hatte.
"Da schau her! Der Herr Junggeselle aus der Nummer 57! Na, was machen die Fenster?"
"Sauber", kam es wie aus der Pistole geschossen. "Sauber! Alles sauber!"
"Wirklich? Na, wenn Sie sich da aber mal nicht tĂ€uschen. Ich hab Sie von meinem Fenster aus genau im Blick. Und als ich sie letztens putzen sah, dachte ich mir gleich, dass das nichts wird. Schauen Sie, wenn sie daheim sind, ihre ‚sauberen' Scheiben mal genauer an."
"Wie ... wieso?"
"Na, Schmierstreifen!" Arthur war von der Reaktion, die diesem mit Bedacht laut und wohl betonten Wort folgte, höchst entzĂŒckt. Der junge Mann zuckte zusammen und weitete die geröteten Augen in einer Weise, die seine Mimik zu sprengen drohte. Jede Fensterputzmittel-Werbesendung-Aktrice hĂ€tte sich daran ein Beispiel nehmen können. "Ich sag Ihnen was. Diese Kunstleder-Dinger, die taugen nix. Wissen Sie, was Sie nehmen mĂŒssen?" Arthur ließ eine durch intensives Werbeblockstudium anerlernte Kunstpause folgen und neigte verschwörerisch den Kopf, als wolle er ein großes Geheimnis anvertrauen. Der junge Mann kam ihm entgegen. "Zeitungspapier", zischte der Rentner. "Stink-nor-ma-les Zeitungspapier. Ist das beste, wo gibt, sag ich Ihnen."
"Zeitungspapier", wiederholte sein Opfer. Es hörte sich nicht nach einer Frage an, mehr nach einer geistigen Notiz.
"Ja, genau. Billig und grĂŒndlich. Fragen Sie mich mal."

Nun liebe Leser, hier folgte Arthurs mit den Jahren auswendiggelernter Vortrag ĂŒber "SelbststĂ€ndigkeit und Behauptung in hohem Alter", den ich Ihnen nicht in voller LĂ€nge antun möchte. Vielleicht ist Ihnen der Inhalt auch bereits bekannt, denn oftmals Ă€ndert sich an diesen Monologen nur der Name der Interpreten. Die Themen bleiben hĂ€ufig die gleichen. Aber den Ablauf und die ÜbergĂ€nge so geschickt und virtuos zu harmonieren, um das Höchstpensum an zu vermittelnden Informationen loszuwerden, ohne dem meist unwilligen Zuhörer eine Chance zum GesprĂ€chsabbruch zu bieten, ja, darin liegt die wahre Kunst der alternden Profilneurose. Und Arthur Westphal war ein ganzer Mann. Der diese Kunst sehr wohl umzusetzen wusste.
Zu Anfang kamen die enormen Leistungen des greisen Herrn zur Geltung, der gezwungen war, nun die Dienste seiner verstorbenen Frau - Gott habe sie selig! - selbst und allein zu verrichten und es vortrefflich verstand mit diesen niedrigen Arbeiten fertig zu werden. (Er betonte ein subtiles UnverstĂ€ndnis darĂŒber, wie seine Gemahlin - Gott behalte sie gnĂ€dig! - zu Lebzeiten stets ĂŒber die Belastungen des Alltags klagte, welche er nun "mit links" erledigte.) In Folge dieser AufzĂ€hlungen ging der Redefluss mit "Das mach ich alles nebenher" ĂŒber in den Hauptstrom der Informationen. In ihm auftauchende Wortwendungen wie "fit wie ein Turnschuh" und einhergehende, beĂ€ngstigend heftige Fausthiebe gegen Brustkorb und Muskulatur widersprachen sich wenig spĂ€ter mit der AufzĂ€hlung aus harter Arbeit und noch hĂ€rterer Kriegsjahre resultierten Altersbeschwerden. Diese setzten sich mit einer detailliert beschriebenen Krankheitsgeschichte fort, welche den Patienten Westphal trotz aller selbsterhaltenden Anstrengungen und Resistenz, offenbar als medizinisch hoffnungslosen Fall erscheinen lassen sollten.

Arthur war viel zu sehr in seiner Litanei vertieft, um das immer hektischer werdende Kratzen, das zuckende Nicken und das nervöse Augenknibbeln seines GegenĂŒbers zu bemerken. Auch das genervte Fingertrommeln auf den LaufbĂ€ndern der Kassenschalter im Hintergrund störte ihn nicht im geringsten.
Niemand traute sich, den alten Mann auf den fĂ€lligen Ladenschluss aufmerksam zu machen. Himmel, sah man mal von den spĂ€teren Beschwerdebriefen ab: Die Schimpftirade hatte das letzte Mal lĂ€nger gedauert, als wenn man den Alten einfach hĂ€tte reden lassen. Also ergab sich die Belegschaft ihrem Überstundenschicksal.
Den Protokollen der letzten Krankenhausaufenthalte mit ausfĂŒhrlichen Beschwerden ĂŒber stĂŒmpernde, kurpfuschende und vor allem viel zu jungen Ärzte, folgten schließlich die VerwĂŒnschungen ĂŒber die zu WĂŒnschen ĂŒbrig lassenden Krankenbesuche der undankbaren Westphal-Kinder. "Ich sag Ihnen was: Heiraten Sie! Suchen Sie sich ein angenehmes und sparsames Weibchen, haben Sie nicht nur ein paar amĂŒsante Jahre mit nicht zu verachtenden Steuervorteilen, Sie ersparen sich in dieser Zeit auch den Haushalt. Aber schaffen Sie sich um Gottes Willen keine Kinder an. Heiraten ist völlig in Ordnung, wenn Sie sich den Pantoffel gleich richtig herum anziehen. Aber Kinder - ob als kleine Kröten oder große Geier - Kinder verarbeiten Ihre Nerven zu Hackepeter. - Erinnern Sie sich meiner Worte: SpĂ€ter, wenn Sie so alt sind wie ich, sind Sie fĂŒr ihre Brut nur der letzte Dreck."
"Dreck?" Der junge Mann zuckte zusammen.
"Ja, Dreck, sag ich Ihnen. Scheiße zum AbspĂŒlen. Mehr nicht. Die wĂ€ren doch alle froh, wenn ich nur endlich weg vom Fenster wĂ€r."
Hinter den Kassen konnte man schwelgerisches Seufzen vernehmen. Arthur registrierte es unwillig und sandte einen missbilligenden Blick ĂŒber die Schulter. So bekam er das leise, fiebrig genuschelte "Fffenster ..." seines Opfers nicht mit.
"Ach, a propos Scheiße zum AbspĂŒlen", wandte sich der alte Herr wieder um. "Darf ich mal eben." Er langte an dem Mann vorbei ins untere Regal und bereicherte seine Warenkorbbeute um ein Paket Billigmarken-Klopapier. "So, die sind gut genug. Doppellagig und ungebleicht. Was soll's, hm? Geht doch am Arsch vorbei sag ich immer." Stolz auf seinen sprachlich ausgefeilten Schenkelklopfer rammte er dem bestĂ€ndig Nickenden einen Ellenbogen in die Rippen. "Meine Frau war da damals ja anderer Meinung. Die wollte immer dieses weiche Zeug da vorne. Unmengen hat sie davon verbraucht. Ich hab ihr damals schon gesagt, du machst das ganz falsch, hab ich gesagt, du musst das dreimal um die Finger drehen. So." Der Rentner wirbelte eine imaginĂ€re Klopapierrolle um Ring-, Mittel- und Zeigefinger. "Dann kommt man damit auch gut in die Mokkaritze rein. Aber nein, sie knĂŒllte sich so'n ganzes KnĂ€uel in die Hand. Hauptsache schön weich. Pah! Diese Frauen! Haben Angst, einen roten Hintern zu bekommen. Aber Sie, sagen Sie mal, haben Sie sich eigentlich mit Sandpapier abgetrocknet?"
Vor lauter VerblĂŒffung, plötzlich konkret angeredet worden zu sein, bekam der junge Mann bloß ein irritiertes "Was?" heraus.
"Na, ihre Haut. Da. Überall rot." Arthur tippte sich mit dem Zeigefinger im Gesicht herum. "Wurden Sie mit Brennnesseln gegeißelt. Sieht ja schrecklich aus. Was nehmen Sie denn da fĂŒrn Zeugs?" Mit einem schnellen Griff holte er eine Flasche Waschlotion aus dem Warenkorb des Mannes. Der Rentner schob die Brille in die Stirn und betrachtete skeptisch das Etikett. "Mensch, so was dĂŒrfen Sie auch nicht nehmen. Schon mal auf den ph-Wert geguckt? Das ist ja fast SĂ€ure." (Wer Arthur nĂ€her kennenlernte, wusste oftmals nicht, was schockierender war: Sein Chemie-Allgemeinwissen oder sein Sinn fĂŒr Relationen.) Der alte Herr ließ das Kassengestell wieder auf die Nase rutschen. "Wenn Sie eine gesunde Hautfarbe und zudem eine gute Durchblutung bekommen wollen", fuhr er fort, "dann mĂŒssen Sie Trockenduschen." Kunstpause. "Wissen Sie, was das ist?" Selbst wenn der junge Mann es gewusst hĂ€tte, wĂ€re er kaum zu Wort gekommen. "Hat man mir in der Kur 19-73 gezeigt. Morgens um sechs. Vors offenen Fenster. Und dann mit der KratzbĂŒrste drĂŒber. Ü-ber-all." Er demonstrierte es mit einem unsichtbaren Objekt. Seine Bewegungen ließen die wartenden Kassiererinnen auf Selbstkasteiungstechniken schließen. Die Ablenkung durch ihr hĂ€misches Grinsen schien den jungen Mann einen Augenblick aus der Sprachlosigkeit zu locken. "Eigentlich wollte ich nur einen einfachen Einmalrasierer, um ..."
Doch ein Arthur Westphal ließ sich nicht so einfach vom einmal bestiegenen Rednerstatus vertreiben. "Ach, Sie auch?! He, sie werden mir je richtig sympathisch!"
Dem erfreuten Ausruf folgte ein Referat ĂŒber die Vorteile der Nassrasur. Also, wenn man Arthur fragte, so mochte er diese elektrischen Apparate nicht. (Danach wurde er auch nie gefragt, doch war das auch unerheblich.) Richtiges Rasieren, so lernte der junge Mann, sei eine der letzten, rein mĂ€nnlichen DomĂ€nen und mĂŒsse ergo auch richtig mĂ€nnlich von statten gehen. Mit Klinge und Schaum, angerĂŒhrt selbstverstĂ€ndlich, nicht aus der SprĂŒhflasche, dieses sauige Zeug. "Und dann nachher schön frisch mit Aftersheef. - Ach, darum sind sie auch so rot um die Nase, was? Mensch, Sie dĂŒrfen auch nicht diesen billigen Pansch nehmen."
Nach einer Exkursion ĂŒber das beste Rasierwasser, welche ich hier aus MarktwettbewerbsgrĂŒnden nicht wiedergeben darf, entließ der alte Herr sein Opfer. Allerdings nicht ohne vorher noch dem jungen Mann eben jenes beste Aftershave aufzuzwingen. Daraufhin ließ er ihn einfach stehen und ĂŒberließ ihn seinem hektischen Nicken und HandflĂ€chenschubbern.
Arthur hĂ€tte es niemals zugegeben, doch ihm war der JĂŒngling ein wenig unheimlich geworden. Kinder! Kaum noch belastbar. Haben alle kein RĂŒckgrad.
Mit einem so freundlichen "Hallo, die Damen!", dass es den Kassiererinnen ein durch und durch verdorbenes LĂ€cheln in die Mundwinkel Ă€tzte, schob er seinen Einkaufskarren neben die Kasse. "Tippen Sie schon mal. Es sind exakt fĂŒnfzehn Mark fĂŒnfundsiebzig." Dann schĂŒttete er den Inhalt seines Portemonnaies auf dem Fließband aus. "Können Sie wohl mal eben ... Sie wissen ja, meine Augen ..."

Ernst hielt die eine Hand vors Gesicht, wĂ€hrend er sich mit der anderen am Einkaufswagen festkrallte und auf dessen Standhaftigkeit hoffte. Sein Blick hatte so gezittert, dass der ganze Supermarkt zu beben schien. Alles drehte sich und schwankte noch dabei. In seinem Kopf kĂŒndigte sich eine Sturmflut an, die sein ganzes Hirn zu ĂŒberschwemmen drohte. Tosendes Rauschen, Heulen und Knacken, dazu ein Ziehen, als werde sein Verstand notdĂŒrftig mit NervenstrĂ€ngen festgezurrt.

(Fortsetzung folgt ...)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 87
Kommentare: 1122
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Willi Corsten eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
hallo Markus

ich warte auf die Fortsetzung, schreibe dann etwas dazu.
bis dahin grĂŒĂŸt dich
Willi

Bearbeiten/Löschen    


Der Denker
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2001

Werke: 22
Kommentare: 113
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Der Denker eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Willie,

du hast einen wirklich ungemein unterhaltsamen ErzÀhlstil.
Und wie du alltĂ€gliche Dinge so treffend und zugleich komisch beschreibst... ich hatte direkt das GefĂŒhl, Arthur schonmal begegnet zu sein.
Hab gleich Part I und Part II in einem Rutsch gelesen.
Warte geabannt auf die Fortsetzung.


Libe GrĂŒĂŸe,
der Denker
__________________
"Ist das alles, was ich bin? Ist da sonst gar nichts mehr?"


Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!