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Leselupe.de > Kurzprosa
"Goethe oder Tigerpenis"
Eingestellt am 08. 08. 2007 18:30


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Carlo Ihde
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Oktober 2006




Alle die sie an die Existenz gleich welcher Fabelwesen glaubten, blieben die jeweiligen Beweise schuldig. Doch durch die Schuldigkeit entstand kein Versäumnis.
Eine kleine, alte, faltige Chinesin, die Gl√ľckseligkeit spendende, Lendenkraft schenkende P√ľlverchen mit Drachenknochenmehl als besonderer Zutat anbot: sie konnte nur an m√∂gliche Interessenten appellieren, gleichsam wohlwollend zu glauben, zwar br√§chte auch der Selbstversuch keinen endg√ľltigen Beweis. Hexenfl√ľche, von Einhorn bis Yeti: was soll's, ein netter Zeitvertreib, spannend wenn's so w√§r, be√§ngstigend, dass viele ernsthaft glauben, es w√§r so oder zur Zeit ihres Glaubens so gewesen, und dann als Frucht dieser Glaubenszeit: erlogene weil ertr√§umte Begegnungen mit dem Schrecken, dem Wunder, der Macht, dem m√∂glichen Tod, dem vielleicht ewigen Leben.
In den kleinen T√ľtchen mit curmingelben, beigebraunen, moccafarbenen oder altgr√ľnen F√ľllungen war vielleicht der schnellere Tod, eine k√ľrzere Nacht, eine l√§ngere Nacht mit mehr Freuden oder nur eine Beigabe f√ľr begabtere Mittagsmahlzeiten enthalten. Menschen gab's viele, die durch ihren Bedarf nach √§lteren Weisheiten erm√∂glichten, dass auf Altstadtm√§rkten auch immer so ein exotisches Gew√ľrzl√§dchen war, das scheinbar die L√∂sung vieler europ√§ischer Gegenwartsprobleme in T√ľtchen abgepackt, und mit alten chinesischen Zeichen beschriftet, anbot. Die alte, chinesisch aussehende Dame vermied es, allzuviel zu sprechen, schaffte es die Diskretion moderner Sexshoparbeiterinnen zu wahren, die eh wissen worauf es derlei begierigen Blicken ankommt. H√§tte sie gesprochen, w√§re ihr akzentfreies Deutsch aufgefallen, ihr unromantisches Deutsch. Goethe, Heine, Schiller sprachen romantisches Deutsch, weil's um Liebe ging, glaubte man, ja sicher, Goethe war ein alter Bock, der siebzehnj√§hrige M√§dchen mit Sonetten √ľberforderte und folglich bet√∂rt zu haben glaubte. Wof√ľr?
F√ľr das Eine. Um sich zu zeigen, dass der Dichter noch Mensch ist und damit halb Tier und das taugt nicht f√ľr K√§fighaltung bei gleichbleibend √∂dem Futter.
Und der Mensch von heute?
Eh in K√§figen gehalten von Geburt an, das Erwachsenwerden ein einziger K√§fig. Dann im Beziehungsgeflecht zu anderen Artgenossen scheinen K√∂rperfunktionen, die von Dichtern geliebten und gehassten Triebe, sich nicht mehr beherrschen und wie gewohnt bedienen zu lassen. Darauf folgt der Griff zur Hilfsmittelpalette und in unserem Fall lie√ü sich die kleine Chinesin finden, die eigentlich in Deutschland geboren wurde und die von der Kultur, die man ihr vom Antlitz ab erwartet, so gut wie nichts mitbekommen hat, die aber f√ľr Geld, wie ihre Deutschen Landsleute, den Zauber aufrecht erh√§lt oder √ľberf√ľhrt in ein anderes Vokabular, weil vielen Landsleuten, vielen Sprachgenossen, Heine und Schiller schon lange nicht mehr als Medizin ausreichen.

Kein "Vielen Dank f√ľr ihren Einkauf", denn da w√§re der Placebo-Effekt dahin, keine der modernen Floskeln, da der ganze Vorgang an sich schon eine ist. Nur diese Wahrheit bleibt ungeh√∂rt, was ihr wiederum ihre Wirkung garantiert.

Die junge, intelligente Frau ging an dem L√§dchen vor√ľber, sie sah sich z√∂gernd in den kleinen Auslagen um, die mit rotem Samt bezogen waren. Die Chinesin, zwar unromantische Deutsche aber auch in Deutschland nicht fern von Lebenserfahrungen gealtert, sah der jungen Frau an, wonach sie sogleich fragen w√ľrde. Jaja, die Weiblichkeit unterst√ľtzen, das Altern aufhalten. In Europa galt n√§mlich die intelligente Frau als Erkenntnisf√§hig, besonders in Bezug auf den Verfall ihres Materials und dass sie dieser Grenze notwendigerweise schon sehr nahegekommen sein muss, wenn sie Erkenntnisse dieser Art bem√ľhen kann. Bereit zu einem, zum Himmel schreienden, Jahresvorrat an allem, was sie als Frau bei der Altersvorsorge vergessen hatte. Die Chinesin h√§tte sagen k√∂nnen:

"Ach Kindchen, wenn ich dich so h√∂re und sehe, Frauen deines Schlages bedenke...Ihr f√ľhrt die Emanzipation ad absurdum. Ich bin alt und hab gem√§√ü eures Strebens nach vermeintlich ewig m√∂glicher Jugend kein Recht auf mein jetziges, altes Leben in W√ľrde? Ich k√∂nnte auf die Auslage kotzen. Weil ihr so bl√∂d seid und klemmig und euer momentan unerf√ľlltes Sexleben erf√ľllen wollt durch zeitliche Verl√§ngerung und M√∂glichkeitenh√§ufung in der Verl√§ngerung - selbst wenn niedrige Erfolge erst √ľber l√§ngere Zeitr√§ume eine annehmbare Gesamtbilanz erzeugen - weil ihr so bl√∂d seid, vermutet ihr hinter jeder alten Chinesin eine kryptische Mythendienerin, der ihr wohlgesonnen sein wollt? Ihr macht mir nichts vor. Ich hasse eure Hoffnungen, die ihr immer an anderen Menschen festmacht oder in Selbstgespr√§chen keiner Kl√§rung entgegen treibt!!!"

Aber die liebe, kleine Chinesin sagte nichts, auch wenn ihr ihre Landsleute befremdlich vorkamen. Das Volk, das Goethe und Schiller hatte und geriebenen Tigerpenis brauchte, um sich groß vorzukommen....
Und gleichzeitig schw√§rmten viele echte Chinesen f√ľr dieses romantische, waldreiche, seenreichen, schneereiche, kirchen- und sagenreiche Deutschland und f√ľr sie h√§tte sich die Frage "Goethe oder Tigerpenis" vielleicht gar nicht gestellt...

Gew√ľrz und Geld wechselten die Besitzerin und die weiterschlendernde, junge deutsche - sich als Europ√§erin begreifende - Frau war die letzte Kundin. Die Chinesin schloss sofort ihr L√§dchen, sie hatte umgehend beschlossen, noch heute ein anderes Leben f√ľhren m√ľssen, fernab von diesem Mechanismus, der kleine, angenehme L√ľgen verteilt. Belehren kann sie wohl kaum einen mehr. Belehrt werden will auch niemand, nur L√∂sungen finden von solch einem Leichtigkeitsgrad, f√ľr die man selbst nach einem harten europ√§ischen Arbeitstag noch genug Energie zum Ertragen hat.

"ABER DAS IST EIN IRRTUM!", br√ľllte die Chinesin pl√∂tzlich. Die junge, deutsche Frau war schon zu weit weg, um das Gesicht der da hinten br√ľllenden Person noch zu erkennen, die Stimme hatte sie ja vorher nicht geh√∂rt, die hatte keinen Erkennenswert. Und deshalb glaubt sie bis heute, die alte Chinesin umwehte eine geheimnisvolle Aura und sie h√§tte kein Wort des unromantischen, deutschen Gegluckses verstanden.
Das war ein Irrtum.

Das Gew√ľrz bewirkte nichts. Aber Deutschland glaubte, weil es sich fremdl√§ndisch ber√ľhrte Speisen vorsetzte, es h√§tte seinen Standpunkt ge√§ndert und seinen Blickwinkel erweitert.
Das blieb ein Irrtum.

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