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Leselupe.de > ErzÀhlungen
"Opa" Ville - eine Personenbeschreibung aus Finnland
Eingestellt am 06. 10. 2001 13:00


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Intonia
One-Hit-Wonder-Autor
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"Opa" Ville

Ville wurde unser Nachbar, als wir 1980 nach Finnland zogen. Er lebte als Einsiedler in einem kurz nach dem Krieg erbauten Holzhaus, das inzwischen ziemlich verwittert und herunter gekommen war. Modernisierungen waren nie vorgenommen worden und das Klo befand sich auf dem Hof in einem kleinen Verschlag, der frĂŒher auch noch als Stall gedient haben mochte. Ausserdem gab es einen Holzschuppen fĂŒr Brennholz und einen zusammengefallenen Erdkeller, der inzwischen von wilden Himbeeren völlig ĂŒberwuchert war. Zum Ufer des grossen Sees waren es 150 Meter, wo ein kleines, baufĂ€lliges SaunahĂ€uschen direkt am Wasser lag.

Ville stammte aus Karelien, vom Ladogasee. Er war Jahrgang 1903 und konnte sich noch an den russischen Zaren erinnern, sprach auch Russisch und hatte in seiner Kindheit oft St. Petersburg besucht. Davon sprach er gerne, auch von den Zarenkindern, besonders von Anastasia, fĂŒr die er geschwĂ€rmt hatte. Finnland war ja bis zu seiner UnabhĂ€ngigkeit 1917 unter russischer Verwaltung, und St. Petersburg war nĂ€her als Helsinki. So war es kein Wunder, dass den Kareliern das ĂŒbrige Finnland ziemlich fremd blieb. Um so grösser war der Schock, als sie nach der Abtretung Kareliens an Russland, im Zweiten Weltkrieg, fliehen mussten und ĂŒber ganz Finnland verstreut wurden. Ihre heitere, von Lebensfreude geprĂ€gte MentalitĂ€t vertrug sich nicht mit der reservierten Haltung der ĂŒbrigen Finnen. Man merkt sogar heute noch den Unterschied zwischen karelienstĂ€mmigen Finnen und Zentral- oder Westfinnen.

Als ich Ville kennen lernte, verstand ich noch kaum ein Wort Finnisch, aber er hat mich vieles Praktische gelehrt, obwohl wir uns anfangs nicht verstĂ€ndigen konnten. Er war leidenschaftlicher Fischer und ich fuhr mit ihm hinaus, Netze auslegen und wieder einholen. Dabei sang er 'Stenka Rasin' oder fluchte schon mal krĂ€ftig auf Russisch, wenn sich das Netz in einem versunkenen Baumstamm verhakt hatte. Er war ein grossartiger ErzĂ€hler und spĂ€ter, als ich die Sprache gelernt hatte, konnte er auch mich mit seinen wilden Geschichten aus den karelischen WĂ€ldern begeistern. Dabei gab er sich den Anschein, dass er in seiner Jugend ein ganz toller Hecht, ein DraufgĂ€nger und wĂŒster Bursche gewesen war. Er arbeitete als HolzfĂ€ller und Flösser, lebte in Camps mit anderen wilden MĂ€nnern, was natĂŒrlich zu Spannungen fĂŒhrte. DarĂŒber konnte Ville immer wieder neue Geschichten erzĂ€hlen, in denen er als Held auftrat. Beispielsweise hatte er 5 Angreifer auf einmal mit einer SĂ€gekette in die Flucht geschlagen. Nur gab es damals noch keine MotorsĂ€gen. Oder er schnappte bei Wochenendgelagen in den umliegenden Dörfern seinen Kumpels regelmĂ€ssig die schönsten Frauen weg. Nun muss man wissen, dass Ville in der Höhe höchstens 160 cm maß und seine KörperfĂŒlle mĂŒhelos hinter einer etwas mehr als armdicken Fichte verbergen konnte. Aber vielleicht hatte er andere QualitĂ€ten, die sich bei den MĂ€dchen wie ein Lauffeuer rumgesprochen hatten.

Ville sprach gern dem Alkohol zu. Dabei spielte es keine Rolle, womit er sich betrank, sondern allein die VerfĂŒgbarkeit des Stoffes war maßgebend. Das Alkoholmonopol lag beim Staat und bis zum nĂ€chsten Alko-Laden waren es 50 km. So braute er sich schon mal selbst berauschende GetrĂ€nke aus allen möglichen Zutaten, kelterte Wein aus Himbeeren, der in seiner Kehle verschwand, bevor die Hefe sich am Boden abgesetzt hatte. Dass er die Maden in den Himbeeren mitvergoren hatte, störte ihn nicht. Mich schon, wenn er mir von seinem GebrĂ€u anbot und ich den Fleischzusatz mit meinen Fingern unbemerkt heraus angeln musste.

Ville war ein gutmĂŒtiger Kerl und trotz seines Alters und immensen Alkoholkonsums immer fit und gut gelaunt. Vielleicht lag es an seiner ErnĂ€hrung, die hauptsĂ€chlich aus selbst gefangenen Fischen bestand, oder an der Sauna, die er tĂ€glich genoss. Zum Saunabaden gehörte das Schlagen mit der Birkenrute genauso dazu, wie der Sprung in den See, egal welche Jahreszeit es war. Im Winter hackte er stĂ€ndig das Eis auf, denn er bekam auch sein Trinkwasser aus dem See, das er im Eimer in sein HĂ€uschen schleppte.

Als 1981 mein Sohn geboren wurde, ĂŒbernahm Ville ohne weiteres die Rolle des Grossvaters. Er war sehr kinderlieb und hatte selber sieben Kinder grossgezogen. Er spielte bei uns den Weihnachtsmann, und als mein Sohn zwei Jahre alt war, fanden wir im Gabensack auch ein paar nagelneue Skier, die wir nicht bestellt hatten. Warum auch, denn Timo hatte ja gerade mal laufen gelernt. Da es auch keine passenden Ski-Schuhe fĂŒr Kinder dieses Alters gab, mussten die Skier zurĂŒck gelegt werden. Villes GutmĂŒtigkeit und Kinderliebe war beeindruckend. Er kam nie ohne BonbontĂŒte und bewirtete Timo stets mit Saft und Keksen, wenn er zum "Opa" zu Besuch ging, und das war tĂ€glich, manchmal mehrmals.

Ville war selbst der Meinung, dass er sehr gut zu recht kam in seinem einsamen, komfortlosen HĂ€uschen. Er sprach stets davon, wie glĂŒcklich und zufrieden er mit seinem Leben war. FĂŒr die Gemeindeverwaltung galt er jedoch als Sozialfall. Das lag auch daran, dass er fast nie seine Wohnung sĂ€uberte, und natĂŒrlich an seinem maßlosen Alkoholkonsum. Eine Sozialarbeiterin kĂŒmmerte sich um ihn und putzte einmal in der Woche. Ville rauchte auch stark und hatte einen allergischen Raucherhusten, den er auf sehr unhygienische Weise pflegte. Dazu stand ein Eimer neben seinem Bett, der mit etwas Wasser gefĂŒllt war. Darin entsorgte er nicht nur den klebrigen Belag seiner Atemwege, sondern auch seine Kippen, denn er rauchte auch noch im Bett.

Das Fischen liess er auch nicht, als er langsam schwĂ€cher wurde. Oft wurde mir ganz mulmig, wenn ich ihn bei Sturm hinaus auf den See fahren sah. Da stand er aufrecht in seinem kleinen Holzkahn, der wie eine Nussschale auf und ab tanzte und nur sein Kopf war zu sehen, wenn der Kahn sich im Wellental befand. Er kĂ€mpfte mit den Wellen und den Netzen und ich war mir ganz sicher, dass er einmal sein Ende auf dem Grund des Sees finden wĂŒrde. Aber es sollte anders kommen.

Seine Kinder lebten weit weg und als sie glaubten, Ville wĂŒrde nicht mehr allein sein Eremitendasein meistern können, kamen sie mit der Gemeinde ĂŒberein, dass es das Beste fĂŒr ihn wĂ€re, ihn im Altenheim im Dorfzentrum unterzubringen. Sie wussten nicht, dass sie damit Villes Todesurteil fĂ€llten. Und, dass mir das schrecklichste Erlebnis meines Lebens bevor stand. Es passierte im Sommer des Jahres 1986.

Als Ville erfuhr, was man mit ihm vorhatte, war er sehr niedergeschlagen. Er sprach stĂ€ndig davon, dass man ihn nicht ins Altersheim abschieben könnte. Was sollte er da? DafĂŒr liebte er den See viel zu sehr, seine Strandsauna, sein Boot und die Fischerei. Das war sein Leben und es wĂŒrde ihm genommen werden. Das Schlimme war, dass er anfing, noch mehr zu trinken als schon zuvor und sich dadurch noch mehr vernachlĂ€ssigte. Er stand kaum noch auf und man merkte, dass er zum Leben keine Lust mehr hatte.

Dann kam die laue, helle Sommernacht Nacht im Juli, die ich nie vergessen werde. Es war an einem Sonntag, und wir schliefen bei offenem Fenster. Es war kurz nach Mitternacht, als ich langsam durch ein merkwĂŒrdiges GerĂ€usch aus dem Schlaf erwachte. Ich hatte bestimmt minutenlang zwischen Wachen und TrĂ€umen gelegen, aber irgendwie passte das GerĂ€usch nicht in meine TrĂ€ume. Es klang so, als fielen dicke Hagelkörner sehr unregelmĂ€ssig auf das Glasdach meines GewĂ€chshauses. Als ich endlich soweit klar denken konnte, dass mir die Unwahrscheinlichkeit dieses Naturereignisses bewusst wurde, setzte ich mich mit einem Ruck im Bett auf, um aus dem Fenster zu schauen. Was ich sah, liess mir das Blut in den Adern stocken. Zwischen Villes Haus und meinem war ein 100 Meter breites WaldstĂŒck. Und hinter dem Wald tobte eine glutrote Feuersbrunst. Die GerĂ€usche waren Funkenflug des wie Zunder brennenden Holzhauses. Mit einem Satz war ich aus dem Bett, schrie meine schlaftrunkene Frau an, sie solle die Feuerwehr anrufen und war auch schon draussen, rannte, so wie ich war in meinem Schlafanzug, barfuss durch den Wald, um vielleicht noch rechtzeitig zur Stelle zu sein, um Ville aus den Flammen zu retten. Aber ich kam zu spĂ€t. Die Fensterscheiben waren in der Hitze geborsten und aus den Höhlen schlugen meterhohe Flammen. Mehr als bis auf fĂŒnf Meter kam ich nicht an das Haus heran. Dort herrschte schon eine Temperatur von ca. 200Âș C. Das Feuer musste schon stundenlang geschwelt haben.

Langsam ging ich zurĂŒck, diesmal auf dem Weg, und weinte. Zuhause zog ich mich an. Als ich fertig war, hörte ich die Feuerwehr eintreffen und ging zurĂŒck zur UnglĂŒcksstĂ€tte. Man fand die verkohlte Leiche am anderen Tag bei den AufrĂ€umungsarbeiten. Eines war Ville vergönnt gewesen, was nicht vielen Menschen vergönnt ist. Er starb zuhause in seinem eigenen Bett.
__________________
"Liebe kostet nichts und ist doch das Teuerste auf der Welt."

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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
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Hallo Intonia,
eine wunderschön geschriebene ErzÀhlung.
Der sozialkritische Aspekt kommt deutlich herĂŒber, jedoch ohne erhobenen Zeigefinger.
Kompliment!
Herzliche GrĂŒĂŸe
Willi

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Intonia
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2001

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Hallo Willi,

hier bewahrheitet sich mal wieder die alte Binsenweisheit, dass die besten Geschichten das Leben selbst schreibt. Wie Du wahrscheinlich gemerkt hast, ist diese Geschichte von Anfang bis Ende wahr.

Liebe GrĂŒsse
Intonia
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Kadra
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Registriert: Not Yet

Lieber Intonia!

Eine wunderschöne Geschichte hast du da geschrieben. Mein Kompliment an dich. Ich kann den alten liebenswerten Mann vor mir sehen. Wie hat dein Sohnen seinen Tod aufgenommen? ErzĂ€hl doch noch mehr Geschichten aus Finnland - ein Land das mir so fremd ist und ĂŒber das ich gerne mehr erfahren wĂŒrde.

Eine Kleingikeit ist mir beim Lesen aufgefallen, die sich sicher leicht Ă€ndern lĂ€ĂŸt:

"Es war an einem Sonntag, und wir schliefen bei offenem Fenster. Es war kurz nach Mitternacht, als ich langsam durch ein merkwĂŒrdiges GerĂ€usch aus dem Schlaf erwachte."

Lieben Gruss von
Kadra

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Intonia
One-Hit-Wonder-Autor
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Werke: 85
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Liebe Kadra,

es freut mich, dass Dir die Geschichte so gut gefĂ€llt. Danke fĂŒr den Hinweis; wird geĂ€ndert. Es kommt sicher noch mehr von Finnland, aber es braucht seine Zeit. Meinem Sohn ist das UnglĂŒck bestimmt noch nĂ€her gagangen als mir und es bedurfte vieler GesprĂ€che, um den Schock zu verarbeiten.

Liebe GrĂŒsse
Intonia
PS! Danke auch fĂŒr den Tip bezgl. justbooks
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