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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
..und die Friedenspfeife baumelt
Eingestellt am 29. 06. 2008 07:48


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Balu
???
Registriert: Nov 2006

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Dicke Freunde sind der Heini und ich nie gewesen, aber eine Br├╝cke aus Respekt verband uns.
Wir lebten beide in der Arbeitersiedlung, besuchten die selbe Klasse und hatten am selben Tag Geburtstag. Mehr Gemeinsames gab es nicht zwischen uns. Ich war zeitweise der Klassenprimus, Heini war froh, wenn er mehr als ein halbes Jahr ohne blauen Brief ├╝berstand. Ich sch├Ąmte mich f├╝r meine Herkunft und den Geruch von Bratkartoffeln, der ewig in meinen Kleidern hing, Heini hatte mit zw├Âlf einen stolzen, aufrechten Gang und um seine Mundwinkel spielte immer ein sp├Âttisches L├Ącheln, manchmal gar ein Hauch von Verachtung. Ich sa├č am Mittag ├╝ber meinen B├╝chern, Heini half den Bauern oder dem Dorfschmied und kam am n├Ąchsten Tag ohne Hausaufgaben zur Schule. Er hatte immer Geld in der Tasche und w├Ąhrend ich noch mit dem alten "Vaterland" mit dem Gsundheitslenker durch unser Dorf radelte, hatte Heini sich ein gebrauchtes Rennrad mit eigenem Geld gekauft.

Das Rennrad tauschte er gegen mein altes Rad, weil ich ihm bei den Mathearbeiten die Ergebnisse zugeschmuggelt hatte. Heini hatte nie um die Ergebnisse gebeten, ich nie das Rad daf├╝r verlangt. Heute, f├╝nfzig Jahre danach, sehe ich das Bild vor mir, wie Heini mit meinem alten Damenrad davon f├Ąhrt und mir lachend zuwinkt.
Viel geredet haben wir selten miteinander, allenfalls, wenn er mir schilderte, was in dem Aufsatz stehen sollte, wenn ich mal wieder zwei Aufs├Ątze schrieb, einen f├╝r mich, einen f├╝r Heini. Ich bin sicher, dass die Lehrer wussten, woher Heinis Aufs├Ątze kamen. Wann h├Ątte er sie auch schreiben sollen? Mittlerweile trug er morgens um f├╝nf die Zeitung aus und die Mittage verbrachte er in der Schmiede. Ich brachte ihm teilweise die fertigen Hausaufgaben mit, er schenkte mir hier ein Zweimannzelt, dort eine neue Schulmappe oder einen neuen Patronenf├╝ller.
Einmal nur hat er einen Ansatz von Dank ausgesprochen. Als wir unsere Abschlussfeier in der Schule hatten, lud er mich danach in die Eisdiele ein. Ich a├č einen Fr├╝chtebecher, Heini trank Bier und ich frage mich heute noch, wie er den Giovani dazu gebracht hatte, ihm Bier auszuschenken.
"Dass ich die siebte Klasse nicht zweimal machen musste, das hast du sch├Ân hingekriegt."
Damit war alles gesagt und der Heini hat das Eis bezahlt.

Danach sind wir unsere Wege ins Leben gegangen und ich habe nur von ihm geh├Ârt, wenn ich meine Eltern besuchte. Heini hatte beim Schmied eine Lehre angefangen und irgendwann hat ihm der alte Dorfschmied den Betrieb vererbt. Noch w├Ąhrend der Lehrzeit hatte er begonnen, Autos zu reparieren und Autos zu verkaufen und das so erfolgreich, dass er ein paar Jahre sp├Ąter f├╝r zehn Menschen Arbeit und Brot bieten konnte.

Ich hatte eine Lehre im Gartenbau begonnen und meine Gesellenpr├╝fung mit Auszeichnung bestanden. Mein Herz aber schlug nur bei den sch├Ângeistigen Dingen h├Âher. Und als die ersten Demonstranten durch die Stra├čen zogen, ich war gerade siebzehn geworden, da erwachte eine gro├če Sehnsucht in mir, die Welt zu ver├Ąndern. Ich marschierte f├╝r eine saubere Umwelt und f├╝r den Frieden, sang "Give Peace a Chance" und erschrak, als die ersten Molotowflaschen explodierten.
Als man die ersten Leichen aus zerschossenen Autos zog, war ich betroffen, aber ich k├Ąmpfte weiter und hielt die Transparente weiter hoch und warf Steine auf Polizeiautos.
Zu der Zeit erhielt ich die Einladung zu Heinis Hochzeit.

Am Tag zuvor hatte ich "H├Âret die Signale" gesungen und nun stand ich in der Kirche, in der "Opium f├╝r das Volk" verbreitet wurde. Verstohlen murmelte ich das Vater Unser mit.
Es war ein Riesenfest mit allem, was der Kapitalismus zu bieten hatte. Und mitten drin Heini und seine wundersch├Âne Braut.
"Mach weiter so!" sagte er beim Abschied ,"du hast immer noch dieses Blitzen in den Augen, wenn du sprichst. Es muss sich was ver├Ąndern in diesem Land, damit unsere Kinder noch im Sand spielen k├Ânnen."
Wenig sp├Ąter hallten seine Worte in meinen Ohren, als die ersten Nachrichten ├╝ber Tschernobyl zu uns drangen.

Mittlerweile hatte ich geheiratet und eine richtige Familie ger├╝ndet. Und ich wollte beweisen, dass Unternehmer nicht gleich Ausbeuter ist. Bitter musste ich erfahren, dass meine Solidarit├Ąt mit dem Proletariat von den Proletariern missverstanden wurde.
Als ich pleite war, und meine Familie sich von mir getrennt hatte, stand Heini eines Abends in der T├╝r und bot mir seine Hilfe an.
Ich beschimpfte ihn, als Kriegsgewinnler, weil er zu Spottpreisen Immobilien nach der Wende in Dresden gekauft hatte und nun enorme Gewinne machte. Im Dorf wurde von "ganzen Stra├čenz├╝gen" erz├Ąhlt

"Immer noch die rote Fahne?" Er l├Ąchelte genauso sp├Âttisch, wie damals und ging ohne Abschied."

Das war vor acht Jahren. Der Rebell in mir wird langsam ruhig und ich habe nichts ver├Ąndert an dieser Welt. Weder der Primus in der Schule noch das Tragen von Transparenten und das Rufen von Parolen hat wen hinter dem Ofen hervorgelockt.
Oder doch?
Wir haben eine Frau an der Spitze der Regierung und an vielen Schaltstellen in Politik und Wirtschaft. Wir haben eine Autoindustrie, die massiv unter Druck steht, damit Klima und Energievorr├Ąte geschont werden und wir sind sensibel gegen Terror geworden.

Schade, dass wir so schnell m├╝de geworden sind, bestimmt h├Ątten wir noch mehr f├╝r unsere Kinder herausholen k├Ânnen.

Heini hat inzwischen ein Kinderdorf gebaut und der Gemeinde geschenkt.


Nun ist seine Frau gestorben. Ein Leben lang war Heini der Erfolgreichere von uns beiden, und ich habe nie so etwas wie Neid oder Missgunst empfunden. Als ich ihn am Grab habe stehen sehen und gesp├╝rt, wie echt seine Gef├╝hle sind, da habe ich ihn um seine Tiefe beneidet und die Br├╝cke war wieder da.

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Nihrys
Schriftsteller-Lehrling
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Einfach wundersch├Ân...

Beim Lesen hat man das Gef├╝hl als w├Ąre man dabei gewesen.
Meiner Meinung nach, ist diese Geschichte wirklich sch├Ân, auch wenn ich ab und an ├╝ber ein paar Dinge gestolpert bin, aber nennenswerts sind diese auf gar keinen Fall.

Wirklich sch├Ân!!

Ich finde besonders die ├ťberschrift passend..
Sie macht Lust zum Weiterlesen und steht ein bisschen im Kontrast mit dem eigentlichen Text.
Zu erst dachte ich an Indianer oder so etwas, auf so eine Geschichte war ich nicht gefasst.
Diese Geschichte bringt mich auch ein kleinwenig zum Nachdenken.
Rebellen sind meistens erfolglos, aber irgendetwas erreichen sie doch auch

Und diese Br├╝cke aus Respekt die haben heute wenige Menschen...
__________________
Und fall ich auch brennend dem Meere entgegen, ist Freiheit niemals ein vermessenes Streben...

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Rumpelsstilzchen
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Registriert: Sep 2003

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Jau Balu, h├╝bsches Textlein, da jibbet nix.

Allerdings w├╝rde ich es lieber bei den 'Erz├Ąhlungen' einordnen, denn eine klassische Kurzgeschichte ist das nicht.

Verschwand ungeh├Ârt, damit er nicht das Endspiel st├Ârt
__________________
Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

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Balu
???
Registriert: Nov 2006

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@ redakteur
ich fand, als erz├Ąhlung m├╝sste es mehr handlungsstr├Ąnge haben
und einen ausgepr├Ągten schluss

aber wenn es dort besser zuhause ist, verschieb es bitte

LG
Knut

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Rumpelsstilzchen
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So, verschoben.

Zur Begr├╝ndung meiner Einsch├Ątzung verweise ich aus Faulheit einfach mal auf meinen Forentext und auch auf die dort zitierte Definition, die Monfou Nouveau mir freundlicherweise hinterlie├č.

Na gut, ein wenig textbezogener:
Dein Text besteht aus einzelnen Episoden, die dann in ihrer Gesamtheit ein recht geschlossenes Charakterbild Deiner Prots ergeben. Dieses ist ├╝brigens nicht statisch, sondern entwickelt sich mit den Pers├Ânlichkeiten und ihren Lebensumst├Ąnden im Verlauf ihres Lebens. Merkmal des klassischen Entwicklungsromans und Deine kleine Erz├Ąhlung st├Ąlle ein prima Rahmenger├╝st daf├╝r, entschl├Âssest Du Dich zu solcher Schreibe.

Definitiv verneigt konjunktivierte er zur Unwahrscheinlichkeit
__________________
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