Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87732
Momentan online:
489 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
1. Kapitel meines Romans
Eingestellt am 05. 02. 2005 13:06


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Amy
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Feb 2005

Werke: 4
Kommentare: 5
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Amy eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

1

Da war nichts in ihrem Kopf. Gedanken, wenn sie ├╝berhaupt zu ihr durchdrangen, formten sich zu einem grausamen Wirrwarr aus Verzweiflung, Angst und der schlimmen Gewissheit, dass es unab├Ąnderlich war. Endg├╝ltig. Ein k├╝hler Luftzug wehte durch die T├╝r hinein in die K├╝che. Ihre Brust zog sich zusammen, die linke Hand begann zu zittern. Beinahe h├Ątte sie die Teetasse fallen lassen.
ÔÇ×Ich muss mich zusammen rei├čenÔÇť, sagte sie zu sich selbst ohne die Worte auszusprechen, w├Ąhrend sie wie erstarrt ihre eigene Hand beobachtete, das Zittern verfolgte.

Lena sah sich selbst beim leben zu. Jeden Tag, 24 Stunden. Wenn sie Schlaf fand, waren ihr wenige Stunden Ruhe verg├Ânnt, eine Zeit der Flucht vor dem eigenen Dasein. Doch der Morgen kam immer wieder. Wie eine sich aufb├Ąumende Welle brach er ├╝ber sie herein und holte sie zur├╝ck aus den Tr├Ąumen, aus der anderen Welt, in der ihr Leben als Schatten verblasste und nur der Himmel ├╝ber ihr zur├╝ckblieb. Jedes Mal lag sie da, in der roten Bettw├Ąsche, wie in ihrem eigenen Sarg, und begr├╝├čte den Morgen als w├Ąre er ein alter Begleiter, den man nicht los wurde, ein schlechtes Essen, das gegessen werden mu├čte. Sie lag dann einfach da und wartete, was passieren w├╝rde, wenn sie einfach gar nichts t├Ąte. Nur liegen bleiben. Tot sein. Drau├čen wurde es immer heller. Die Sonne warf ihre Strahlen wie hei├če Pfeile auf Lenas erstarrtes Gesicht und sommerliche W├Ąrme begann sich auf der schl├Ąfrigen Haut auszubreiten, sie zu kitzeln. Doch meist registrierte sie es kaum. Die Raphael-Engel auf dem Poster an der Decke starrten sie an. Fragend, besorgt und naiv, mit ihren dicken Ober├Ąrmchen und dem rotgelockten Haar, das ihnen bis auf die Schultern fiel. Lena starrte mit demselben hoffnungslos unschuldigen Blick zur├╝ck, als hoffe sie auf ein Gespr├Ąch, eine Antwort auf all ihre Fragen, ihre Verwirrung, ihr Tod-Sein. Sie lag lange so da, w├Ąlzte sich von Zeit zu Zeit auf die andere Seite, starrte auf den Computer, danach auf den gr├╝n bemalten Holzstuhl in der Ecke, dann wieder auf die Engel. Jeden Tag. Die Wochen z├Ąhlte sie nicht mehr. War es schon Juli? Oder noch nicht? Der Kalender an der Wand zeigte das Bild einer verschneiten Landschaft in Alaska und darunter stand ÔÇ×Januar 2004ÔÇť. Er hing einfach da und sie hatte ihn seit Anfang des Jahres nicht mehr ber├╝hrt. War Zeit nur ein Begriff? F├╝r sie war es so. ÔÇ×Wieso gibt es eigentlich Uhren, wo die Zeit doch nur ein Wort mit vier Buchstaben ist?ÔÇť fragte sie sich und f├╝hlte sich wie ein Kind. Das Fragen und Zweifeln war ein Spiel, durch das sie sich wie ein kleines M├Ądchen in die wohlige Watte der Naivit├Ąt betten konnte, als letzte verzweifelte Rettung vor der tiefen seelischen Zerst├Ârung. Die Ziffern auf dem Funkwecker verloren ihre Bedeutung, waren ohne Sinn und konkreten Einfluss auf ihre Realit├Ąt.
Erschien morgens auf dem Display 08.15, drang lebendiges Kindergeschrei von drau├čen durch das gekippte Fenster. Um 08 Uhr 30 wurde es unertr├Ąglich. Die j├╝ngeren Stimmen schrieen, weinten oder lachten herzhaft und ausgelassen. Die ├Ąlteren waren laut, bestimmend und sagten ÔÇ×Lass das!ÔÇť, ÔÇ×die Mama holt dich heut Mittag wieder abÔÇť oder blieben stumm und lie├čen die Schreie unkommentiert.
Die Stimmen wurden lauter. Lena verbarg ihren Kopf unter dem riesigen Kissen und presste die m├╝den H├Ąnde aufs Ohr. Sie wollte die Stimmen vertreiben, ungeschehen machen, ihre Existenz genauso anzweifeln k├Ânnen wie die der Zeit. Und jeden Morgen wusste sie aufs neue, dass nur ein kurzer Handgriff n├Âtig war, um das Fenster zu schlie├čen und die Stimmen wirkungsvoll zum Schweigen zu bringen. Es waren zwei Schritte bis zum Fenster. Doch sie blieb liegen. Sie qu├Ąlte sich. Sie hasste die Stimmen und ersehnte sie doch jeden Morgen herbei, verzehrte sich nach dem Kinderlachen, das ihr wie ein Messer die Seele zerstach. Sie lauschte, presste das Kissen erneut aufs Gesicht, kr├╝mmte sich in den Laken wie ein verwundetes Reh, lauschte wieder. Ihr K├Ârper wollte zerflie├čen, nicht mehr Teil von ihr sein. Lena rang nach Luft und hoffte, das etwas geschehen w├╝rde. Vielleicht w├╝rde sie sich einfach aufl├Âsen wie ein schlechter Gedanke und nicht mehr da sein.
Das Zittern begann meist in den Beinen, die sich wei├č und nackt ihrem Schmerz hingaben. Sie sp├╝rte das Beben in ihrer Brust, f├╝hlte, wie es sich erbarmungslos dem Rhythmus der Beine anzupassen versuchte. Ein Rhythmus ohne Zeit. Dann lauschte sie wieder. Die Engel starrten noch immer wortlos vor sich hin. Sie vernahm ein Ger├Ąusch, das nicht von drau├čen zu kommen schien. Es war im Zimmer. Es brach direkt durch sie hindurch, durch ihren um Erl├Âsung bittenden K├Ârper. Das hilflose Schluchzen bahnte sich seinen Weg und der Schrei ihrer eigenen Stimmer drang an Ohren, auf die sich noch immer zwei magere H├Ąnde pressten.
Dann kamen die Tr├Ąnen. Salzige Tropfen, angef├╝llt mit dem Schmerz ihrer verwundeten Seele, der alles verzehrenden Traurigkeit, die sich wie das eigene Blut in all ihren Gliedern ausgebreitet hatte. Immer wieder zuckte sie vor Schreck heftig zusammen, aus Furcht vor ihrem eigenen Schluchzen. Sie weinte herzzerrei├čend und klagend wie ein Kind, nur dass es ihr eigenes Herz war, das dabei zerbrach und ihre eigene Existenz, die sie beklagte. Diese Gabe war einem Kind verwehrt.
Lena klagte jeden Morgen und wusste am einen Morgen, dass es am n├Ąchsten nicht anders sein w├╝rde. Irgendwann wurden die Tr├Ąnen kraftlos, brachen nicht mehr wie ein Gewitter aus ihr heraus, sondern wurden zu einem lauen Sommerregen, nass und leise und ohne Gefahr. Dann war es vorbei. Sie f├╝hlte nichts mehr. Nicht sich selbst und auch den Schmerz nicht. Nicht einmal die Baumwollfasern des von unz├Ąhligen Tr├Ąnen durchtr├Ąnkten Kopfkissens konnte sie auf der Haut sp├╝ren. ÔÇ×Ich bin ein lebloser Gedanke in einem m├╝den K├Ârper.ÔÇť dachte Lena und das zarte Empfinden des Selbstmitleids, das ihr noch geblieben war, h├╝llte sie in einen vor├╝bergehenden Zustand von Infantilit├Ąt und Geborgenheit, wie eine warme Wolke inmitten des riesigen dunklen Universums. Meist blieb sie dann liegen und lie├č sich einfach treiben. Egal wie, egal wohin, einfach nur weg sein. Nicht mehr ans Leben denken. Leben, was war das?
Irgendwann rang sich dann eines der menschlichsten Urgef├╝hle ├╝berhaupt bis zu ihrem Bewu├čtsein hindurch und holte sie zur├╝ck in die Wirklichkeit ihres sonnendurchfluteten Zimmers: Hunger. So endete ihr morgendliches Ritual. Jeden Tag.

Und jetzt sa├č sie da, an dem gro├čen Holztisch in der K├╝che, mit der Teetasse in der zitternden Hand und einem angebissenen K├Ąsebr├Âtchen auf dem Teller. Es war eine sehr kleine K├╝che, eine viel gr├Â├čere h├Ątte sie gar nicht ben├Âtigt und auch nicht gewollt. Es gab eine kleine Kochnische in der Ecke, die zwei Herdplatten und einen winzigen Backofen umfa├čte. Dieser eignete sich hervorragend daf├╝r, hei├če Seelen mit viel K├Ąse zu backen. Lena lie├č die Seelen immer absichtlich ein wenig zu lang im Ofen, mindestens eine halbe Stunde, so da├č der K├Ąse dunkel und knusprig wurde und sich beim Kauen wie Bl├Ątterteig anf├╝hlte. Einmal hatte sie sogar einen kleinen Kuchen in den winzigen Ofen gezw├Ąngt. F├╝r Bennys Geburtstag im vergangenen Oktober. Die Schokost├╝ckchen an der Oberfl├Ąche waren ein wenig angebrannt gewesen, aber Benny hatte sich trotzdem gefreut und so viel davon gegessen bis ihm schlecht geworden war.
Als die Erinnerungen daran in ihr hochkamen, sp├╝rte sie, wie sie ruhiger wurde und sich das Zittern der H├Ąnde legte, wie ihre Seele begann aufzuatmen und ihre Gedanken neue Schritte wagten.
Seine Augen hatten den ganzen Mittag lang geleuchtet und seine Backen, die ganz rot von der frischen Herbstluft gewesen waren, hatten sich aufgebl├Ąht wie zwei dicke runde ├äpfel, als er den Schokoladenkuchen in den Mund geschoben hatte. Sie hatte ihn geschimpft, weil er seine H├Ąnde nicht gewaschen und sich unter den Fingern├Ągeln noch s├Ąmtliche Mitbringsel aus der Natur befunden hatten. Aber als er neben ihr am K├╝chentisch gesessen und vor lauter Gl├╝ck gestrahlt hatte, hatte auch bei ihr das L├Ącheln den Kampf mit der Vernunft gewonnen und die dreckigen Finger hatten das bleiben d├╝rfen, was sie gewesen waren: ein Teil der wunderbaren, kindlichen Unvernunft, gen├Ąhrt aus den Wurzeln der Natur.

Lena goss sich etwas Tee nach. Er schmeckte s├╝├č und lieblich und sie ha├čte ihn daf├╝r. Es gab viele verschiedene Teesorten, angereichert mit allen erdenklichen Aromen und Geschmacksverst├Ąrkern, je nach Bedarf des Konsumenten. So war diese Gesellschaft. Wieso hatte sie nur geraden diesen gekauft? Sie w├╝nschte sich einen anderen Tee, w├╝nschte sich an einen anderen Ort, in ein anderes Leben, oder zumindest raus aus diesem, ihrem Leben.
Sie fing an, ohne Interesse in einem EINE WELT - Bestellkatalog zu bl├Ąttern, der am Tag zuvor mit der Post gekommen war. Auf den hinteren Seiten wurden Kaffeesorten und Tee angeboten. Ein dunkelh├Ąutiges M├Ądchen, das auf dem Foto inmitten von gef├╝llten Jutes├Ącken sa├č, und der Kamera ein P├Ąckchen mit Kaffeebohnen entgegenstreckte, blickte sie aus wachen Augen an. Wie es wohl w├Ąre, den ganzen Tag lang Tee zu verpacken? Diesen s├╝├čen Tee, den sich die Menschen der westlichen L├Ąnder dann in ihre Teek├╝chen und Pubs und Studentenbuden holten, um ihre Nachmittage am PC und ihre Abende vor dem Kamin s├╝├čer und lieblicher zu gestalten.
Ihre Gedanken ├╝berschlugen sich und wie durch einen Sog wurde sie angezogen von den Bildern eines Lebens, das sich in ihrer Vorstellung spiegelte.
Mit so einem Leben w├Ąre alles ganz anders gekommen. Sie h├Ątte andere Eltern gehabt, andere Geschwister. Vielleicht w├Ąre ihr Vater Alkoholiker gewesen oder ihre Mutter eine Prostituierte, oder gar sie selbst. Sie h├Ątte sich am einen Tag ├╝berlegt, ob sie f├╝r den n├Ąchsten genug zu essen haben w├╝rde, h├Ątte sich das Bett mit 2 oder 3 Geschwistern geteilt und w├Ąre mit 16 von der Schule gegangen, weil sie mit dem Jungen aus dem Nachbardorf verheiratet werden w├╝rde.
In der 10. Klasse hatte Lena ├╝ber mehrere Wochen hinweg eine Brieffreundschaft zu einem M├Ądchen aus Sri Lanka aufgebaut, die Krishanthi gehei├čen hatte. Die Adressen waren von der Englischlehrerin verteilt worden. Sie hatte zu Hause den gro├čen Atlas vom obersten Regal genommen, in auf dem Wohnzimmerboden ausgebreitet und sich stundenlang einer gedanklichen Weltreise gleich um den gesamten Globus getr├Ąumt. Sie hatte sich alle L├Ąnder auf unz├Ąhligen Karten angesehen, die Legenden studiert und die Namen leise vor sich hin gemurmelt. Sri Lanka hatte nach S├╝dsee geklungen, nach Kokosn├╝ssen, duftenden Gew├╝rzen und Menschen mit sch├Ânen und leicht bekleideten K├Ârpern.
Als sie den ersten Brief von Krishanthi in den H├Ąnden gehalten hatte, hatte sie vorsichtig daran gerochen, in der Hoffnung, dass der herbe Duft des K├╝stensands oder gar der s├╝├čliche Geruch von Kokosn├╝ssen bis zu ihr gelangt war.
Etwa 3 Monate sp├Ąter war ein Brief gekommen, in dem Krishanthi geschrieben hatte, dass sie den Kontakt nicht weiter aufrecht erhalten k├Ânne, weil sie geheiratet h├Ątte und nun andere Verpflichtungen wichtiger w├Ąren. Sie m├╝├čte sich um die Diener im Haus k├╝mmern wenn ihr Mann im B├╝ro war und sich sch├Ân machen, sobald er nach Hause kam, und beides w├╝rde viel Zeit in Anspruch nehmen. Dem Brief war ein Hochzeitsfoto beigelegt gewesen, auf dem die sch├Âne Krishanthi, geh├╝llt in einen leuchtend bunten Sari, neben einem Mann jenseits der 30 abgebildet gewesen war. Neben dem Brautpaar hatten vier Hunde gesessen, die sehr gepflegt und wertvoll und gehorsam ausgesehen hatten. Im Hintergrund hatten sich etwa f├╝nfzig Hochzeitsg├Ąste zusammen gedr├Ąngt, jeder einzelne ein breites aber s├╝├čliches L├Ącheln auf den Lippen. Es hatte den Anschein gehabt, als h├Ątten alle dasselbe L├Ącheln gelernt, wodurch es ihr schwer gefallen war, die verschiedenen Gesichter auseinander zu halten. Nachdem sie den Brief gelesen hatte, hatte sie ihn zusammen mit den anderen in den Papierkorb geworfen.
Nun war sie sich nicht sicher , welches Gef├╝hl sie damals dazu verleitet hatte. War es die Wut darauf gewesen, dass Krishanthi pl├Âtzlich in die Welt der Erwachsenen eingetreten war und sie sich dadurch dumm und kindlich vorkam? Oder war ihr pl├Âtzlich bewu├čt geworden, dass sich hinter Sri Lanka doch nicht nur Kokosn├╝sse und sonnengebr├Ąunte, nackte K├Ârper verbargen, sondern auch steife Traditionen, egoistisches Prestige-Denken und eine konsumorientierte Hochzeitsgesellschaft mit k├╝nstlichem L├Ącheln auf den eingefrorenen Gesichtern. Gab es das exotisch duftende Sri Lanka vielleicht nur in Lenas Tr├Ąumen?
Sie versp├╝rte pl├Âtzlich die Sehnsucht, diese Briefe noch einmal zu lesen, in ein anderes Leben, eine andere Welt einzutauchen und sich darin zu vergessen. Alles zu vergessen.
Wie ein schwarzes Loch machte sich der Schmerz der Erinnerung erneut in ihr breit und der ferne Klang der S├╝dsee verstummte als leerer, dumpfer, niemals dagewesener Ton in ihrer Seele.
M├╝de hob Lena den Kopf und blickte aus dem Fenster. Es war schon mittag geworden und die Sonne stand als gro├čer, runder Feuerball am Himmel und blendete sie durch die Scheiben hindurch. Keine einzige Wolke konnte sie entdecken und sp├╝rte erschreckt, dass die grenzenlose Weite des blauen Horizonts ihr Angst einjagte. Sie klammerte sich an der Teetasse fest und versuchte einfach nur still zu sein, glaubte, die Ger├Ąusche ihres eigenen Atems k├Ânnten sie verschrecken und das hilflose Erstarren in Gefahr bringen. Ganz leise und behutsam versuchte sie, Luft zu holen, um nicht zu ersticken. Nur das regelm├Ą├čige Ticken der Uhr an der Wand war zu h├Âren und wirkte beinahe ein wenig einschl├Ąfernd.
Pl├Âtzlich konnte Lena die Stille nicht mehr ertragen, schnappte sich aus einem blitzartigen Impuls heraus Teetasse und Teller, warf das Br├Âtchen in den Abfall und lie├č Wasser ins Sp├╝lbecken laufen. Der heisse Strahl str├Âmte auf ihre H├Ąnde und sie geno├č den Schmerz, blickte wie gebannt auf die roten Flecken, die sich auf der zarten Haut bildeten. Mit einer einzigen Bewegung fegte sie das gesamte verbliebene Geschirr der letzten Woche in das Wasser, sah es darin einsam schwimmen, betrachtete den Schmutz und Dreck und empfand dabei ein Gef├╝hl der Wertlosigkeit.
Lena kippte den Rest des Sp├╝lmittels dazu und verteilte es im Wasser, bis sich eine dicke, ├Âlig gl├Ąnzende Schaumschicht gebildet hatte. Verbissen und mit Leidenschaft begann sie, alles Festgeklebte und Eingetrocknete von den Tellern zu kratzen als w├Ąre es das einzige, wonach sie sich jemals gesehnt h├Ątte. Sie schrubbte mit dem Schwamm, kratzte wieder und sp├╝rte das Brennen ihrer Fingerkn├Âchel kaum, lie├č das Einrei├čen ihrer vom hei├čen Wasser geschwollenen Nagelhaut einfach geschehen und sog den Schmerz gierig in sich auf wie die z├Ąrtliche Liebkosung eines Geliebten. Gl├╝cklich und erstaunt entdeckte das kleine M├Ądchen, das sie jetzt war, den Schmerz als Spielzeug des Selbstschutzes, als Leidenschaft des kleinen Wahnsinns in ihr, der die ungebrochenen Wellen der Angst nicht mehr ertragen konnte und glaubte, sich darin aufl├Âsen zu m├╝ssen. Sie durchst├Âberte im hei├čen Wasser rastlos die G├Ąnge und H├Âhlen ihrer eigenen Seele, kratzte den Schmutz von den W├Ąnden, um nicht darin zu ersticken und f├╝llte die Leere aus mit Verletzung und Kampf, den sie gegen die eigene leblose H├╝lle austrug. Dann lag das Geschirr zum Abtropfen in dem wei├čen Gitter, und genauso wie das Wasser von den dampfenden Tellern herab floss, lie├čen sich Tropfen warmen Blutes von ihren Fingern in das hei├če Sp├╝lwasser fallen, und sie schaute stumm dabei zu, wie sich r├Âtliche Wolken in der von So├čen und Essensresten getr├╝bten Fl├╝ssigkeit zu bilden begannen. Es erinnerte sie an das Malen mit Wasserfarben, den Moment, wenn man zum ersten Mal den von Farbe durchtr├Ąnkten Pinsel in das klare Wasser tauchte, das nach und nach desto dunkler wurde, je mehr Farben hinzukamen.
Es tat gut, das eigene Blut zu sehen.
Sie erinnerte sich an Arztbesuche in ihrer Kindheit, wenn ihr Blut abgenommen worden war.
W├Ąhrend sie ins Sp├╝lbecken starrte, spielten sich diese Ereignisse wie ein hektisch abgespielter Kurzfilm vor ihren Augen ab.
Im Wartezimmer konnte man bereits die Schreie und das Schluchzen der Kinder aus dem Behandlungszimmer h├Âren, was meist so schrecklich und herzzerrei├čend klang, dass die M├╝tter nicht nur ihre Kinder, sondern auch sich selbst beruhigen mussten. Ihre Mutter hielt ihre Hand, die dadurch ganz feucht wurde. Doch sie hatte keine Angst. Als sie an der Reihe war, sa├č sie still da und blickte gebannt auf den roten Strahl, der durch die d├╝nne Nadel in die Spritze floss, stellte sich vor, wie diese Fl├╝ssigkeit literweise durch ihren eigenen K├Ârper floss und sie am Leben erhielt.
ÔÇ×Gleich ist es vorbei.ÔÇť Sagte der Arzt mit v├Ąterlicher Stimme und t├Ątschelte Lenas kleinen Kopf. Sie blickte ihn erstaunt an, aus grossen, dunklen Kinderaugen, die gierig waren nach Leben. Sie wunderte sich und hoffte, dass es noch eine Weile dauern w├╝rde, dass sie noch ein bisschen zuschauen d├╝rfe, mit ihren Augen aufsaugen k├Ânne, was da aus ihr herausfloss. Als alles vorbei war, bekam sie ein P├Ąckchen Gummib├Ąrchen, weil sie so tapfer gewesen war.

Die Farbe des Wasser im Sp├╝lbecken ging in ein zartes rosa ├╝ber, als sich ihr Blut verteilt hatte. Ja, sie hatte sich gut gef├╝hlt nach diesem ersten Blutabnehmen. Beschwingt und mit den Gummib├Ąrchen in der kleinen, feuchten Hand war sie mit der Mutter aus der Praxis gegangen.
Daraufhin hatte sie beschlossen, dass Arztbesuche etwas Wunderbares waren, eine Reise ins eigene Ich, w├Ąhrend der sie all ihre Wahrnehmung auf den eigenen K├Ârper lenken und sich Best├Ątigung daf├╝r holen konnte, dass sie einzigartig und am Leben war. Lenas K├Ârperbewusstsein war immer mehr gewachsen, hatte sie stark und lebendig gemacht und war beinahe zu einer unstillbaren Sucht geworden. Und da sie ja noch ein Kind gewesen war, hatte man sie obendrein noch f├╝r all diese Erfahrungen belohnt. Mal waren es Gummib├Ąrchen, ein anderes Mal eine Tafel Schokolade gewesen, die ihr die Mutter nach dem Arztbesuch gekauft hatte.
Sie musste schmunzeln.
Eines Tages, wenige Wochen nach ihrem zw├Âlften Geburtstag, war Lena allein in der Stadt unterwegs gewesen. Sie war durch die Strassen geschlendert, um sich nach einem passenden Geschenk f├╝r eine Freundin umzusehen. Als sie neben sich pl├Âtzlich das silbern leuchtende Praxisschild des Kinderarztes aufblitzen sehen hatte, war sie wie magisch angezogen stehen geblieben, hatte entschlossen die Klingel gedr├╝ckt, das Summen abgewartet und mit aller Kraft die schwere T├╝r aufgestemmt.
Dann hatte sie auf einmal dagestanden, konfrontiert mit ihrem Vorhaben und einer gelangweilten, sie mit einem fragenden Blick pr├╝fenden Sprechstundenhilfe.
ÔÇ×Ich bin krank, der Doktor muss mir Blut abnehmen.ÔÇť hatte sie der dunkelhaarigen und stark geschminkten Dame entschlossen ins Gesicht geplappert.
ÔÇ×Ist deine Mutter auch hier?ÔÇť war sie von der verdutzten Frau gefragt worden und hatte den Kopf gesch├╝ttelt. Als sie gesehen hatte, wie die Frau zum Telefonh├Ârer griff und sie bat, die Telefonnummer ihrer Eltern zu nennen, war etwas in Lena aufgestiegen, das ihre Pl├Ąne durchkreuzt hatte: Panik. Wut. Ohnmacht. Die Einsicht, dass sich diese h├Ąssliche, unwichtig scheinende Frau so ohne weiteres ihrer Leidenschaft entgegenstellen konnte.
Mit dieser Erkenntnis war sie aus der Praxis gest├╝rmt, nach Hause gerannt und hatte sich w├╝tend aufs Bett geschmissen und geweint und geschluchzt wie die ├Ąngstlichen Kinder in der Praxis, deren Heulen ihr stets auf die Nerven gegangen war.
Ab diesem Tag war all der Zauber verflogen gewesen. Sie hatte begonnen, alle Sprechstundenhilfen und ├ärzte und alles, was mit ihnen zu tun hatte, zu hassen. Der n├Ąchste Arztbesuch war f├╝r Au├čenstehende recht normal abgelaufen. Lena hatte geweint, als sie die Spritze samt Nadel in der Hand des Arztes aufblitzen gesehen hatte und geschrieen, als er sie in die Armbeuge gestochen hatte. Und als er sie gefragt hatte, was denn passiert sei, weshalb sie pl├Âtzlich so grosse Angst h├Ątte, hatte sie ihn aus zusammengekniffenen, listig w├╝tenden Kinderaugen angeblickt und sich vorgestellt, wie sie dem freundlich blickenden Mann durch den wei├čen Kittel hindurch eine riesige Spritze direkt in den leicht gew├Âlbten Bauch stie├č.
Mit dieser Phantasie hatte ihre Sucht ein f├╝r alle mal der Vergangenheit angeh├Ârt. Doch gestillt war sie nie gewesen. Und manchmal, wenn sie abends im Halbschlaf vor sich hin tr├Ąumend dagelegen hatte, waren zwei kindliche Fingerspitzen an die Schl├Ąfe geglitten und hatten genussvoll, Haut auf Haut, gesp├╝rt, wie das Blut regelm├Ą├čig wie ein Uhrwerk und vor Kraft strotzend durch ihre Gedankenwelt pochte und ihren K├Ârper mit Leben durchstr├Âmte.
Lena stand da und wollte all ihre Erinnerungen in dem r├Âtlich gef├Ąrbten Wasser ertrinken sehen, stellte sich vor, wie sie sich langsam darin aufl├Âsten und unsichtbar wurden. Doch sie waren da, unausl├Âschbar und auf unertr├Ągliche Weise an ihr nagend und der Anblick ihres eigenen Blutes versuchte vergeblich, ihr ins Ged├Ąchtnis zu rufen, dass sie am Leben war und das Leben durch ihren K├Ârper str├Âmte, regelm├Ą├čig und unaufhaltsam. Au├čer sie w├╝rde.......sie erstarrte innerlich und erschrak bei dem Gedanken, sich selbst das Leben zu nehmen. Nicht, weil sie Angst davor versp├╝rte. Nein, sie war ├╝berrascht, wie einfach es war, sich alles vorzustellen und sich bewusst zu machen, dass ES m├Âglich war. Sie allein hatte es in der Hand. In ihrem Kopf spielten sich die Bilder ab und jedes einzelne war wie ein inneres Aufleuchten eines Feuers, das ihre Seele zum Lodern brachte, hei├č und unberechenbar.
Lena stellte sich das leise Ger├Ąusch vor, den Moment, in dem das Messer die Zellen ihrer Haut teilen w├╝rde. Danach w├╝rde alles rot sein. Rot und warm. Und dann nichts mehr. Dunkelheit. Stille. Pures Nichts. Jemand w├╝rde sie finden. Tot, hier auf dem Boden in ihrer K├╝che. Vielleicht schon morgen. Ihre Eltern wollten sie besuchen kommen. Sie w├╝rden klingeln und warten. Auf ihrem Handy anrufen. Noch einmal klingeln. Sie w├╝rden die T├╝r einbrechen und sie finden. Neben dem Sp├╝lbecken und dem abtropfenden Geschirr. Ihre Mutter w├╝rde ├╝ber ihrem leblosen K├Ârper zusammen brechen. Vielleicht w├╝rde sie ohnm├Ąchtig werden. Ihr Vater w├╝rde sie in den Arm nehmen, sie festhalten und die Nummer des Notfalldienstes w├Ąhlen.
Es w├╝rde eine Beerdigung geben und sie einen eigenen Grabstein bekommen. Vielleicht w├╝rde es regnen an diesem Tag und alle m├╝ssten schwarze Schirme mitbringen und sich unter den schwarzen, tropfenden Schirmen kauernd um ihren Sarg stellen.
Jonas w├╝rde mit Sicherheit ein Lied auf der Gitarre spielen und dazu singen. ÔÇ×Valley`s deep and the mountains so high...ÔÇť, wie auf der letzten Klassenfahrt vor zwei Jahren. Sie waren alle am Strand gesessen und hatten Marshmellows gegrillt. Der Sand war nachts noch warm gewesen und Lena hatte ihn durch ihre nackten Zehen rieseln lassen und gelacht, weil es so gekitzelt hatte und auch wegen desWeins.......lachen, lachen.....auch als das Kitzeln vorbei gewesen war. Sie hatte sich an Jonas Schultern gelehnt, die Weinflasche in der einen Hand, die fertigen Marshmellows in der anderen und hatte das Vibrieren seiner Gitarre gesp├╝rt, die Bewegungen seines Armes, wenn er die Tonart gewechselt hatte.
W├╝rde Susa ein Gedicht vortragen? Oder von den Sommern├Ąchten im Heu erz├Ąhlen, damals, als sie kleine M├Ądchen mit gro├čen Tr├Ąumen und langen Z├Âpfen gewesen waren und die Ferien bei Susas Tante auf dem Land verbracht hatten.
Und was w├Ąre mit den Eltern? Lena versuchte, sich ihre Mutter vorzustellen, in ihrem schwarzen Samtkleid, das sie schon einmal getragen hatte. Sie sah ihren abwesenden Blick, sp├╝rte ihre krampfhaft m├╝hevollen und vom Leiden gel├Ąhmten Bewegungen, eine zitternde Hand, die Erde auf den Sarg mit der Tochter darin warf. Dann sah sie einen starken Arm, der sich um die Mutter legte und sie vom Grab wegf├╝hrte. Ihr Vater sah m├╝de aus. Er hatte einen Drei-Tage-Bart und beinahe ├╝bersah man dadurch die zwei tiefen Furchen, die sich von seinen Mundwinkeln weg am Kinn entlang gebildet hatten und die letztes Jahr noch nicht da gewesen waren. Sein Kummer hatte ihn alt gemacht und seine innere St├Ąrke schien unter diesen Falten zu verblassen.
Sie sah all ihre Verwandten unter den schwarzen Schirmen. Ihre Gro├čmutter, grauhaarig und zerbrechlich, auf einen Stock gest├╝tzt. Alle w├╝rden sie dasselbe denken, sich dieselbe Frage stellen und zu dem Schluss kommen, dass es keine Antwort darauf gab.
Auch ihre Eltern w├╝rde immer und immer wieder derselbe Gedanken plagen, inmitten aller Trauer und Verzweiflung w├╝rde er sie qu├Ąlen, sie um den Verstand bringen und ihnen keine M├Âglichkeit lassen, das Geschehene anzunehmen.
Bis an ihr Lebensende w├╝rden sie Morgen f├╝r Morgen erwachen und sich fragen, weshalb sie die Auserw├Ąhlten dieses schrecklichen Schicksals waren, weshalb Gott, wenn es ihn gab, zugelassen hatte, dass ihnen das Liebste und Wichtigste, die Freude ihres Daseins, die Fr├╝chte ihrer gemeinsamen Liebe, genommen worden waren. Und wenn man sie sp├Ąter einmal fragen w├╝rde, was das schlimmste Ereignis in ihrem Leben gewesen sei, w├╝rden sie sich m├╝de anblicken und antworten: Der Tod unserer beiden Kinder.

__________________
Wir komponieren unser Leben nach den Gesetzen der Sch├Ânheit, auch in Momenten tiefster Hoffnungslosigkeit (Milan Kundera)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!