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Leselupe.de > ErzÀhlungen
11 Zigaretten eine Mark
Eingestellt am 26. 08. 2003 23:59


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tokolit
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Ich habe den Blick aus meinem Zimmer zu Hause noch genau vor mir: die schmale Straße der kleinen Siedlung entlang bis zum „Platz“, der durch ein kleines, etwas erhabenes ovales und gepflastertes Rondell mit zwei Birken gebildet und von der Straße eingekreist wurde und auf dessen Mitte eine „klassische“ gelbe Telefonzelle stand. Die Erinnerung geht in eine Zeit, in der noch niemandem eingefallen wĂ€re, von einer gelben Telefonzelle zu sprechen, weil es noch keine gelbe und graue oder sonstige bunte Post gab - die Post war gelb, und Telefonzellen waren gelb. Punkt. Auf der linken Seite der Straße schrĂ€g gegenĂŒber unseres Hauses lag etwas zurĂŒck mit einigen FahrradstĂ€ndern davor der „Konsum“ - mit Betonung auf dem „o“ und kurzem „u“ - rĂŒckblickend ein „Tante-Emma-Laden“ mit allem tĂ€glichen Haushaltsbedarf auf einer FlĂ€che, die kleiner war als heute mein Wohnzimmer. Vor dem Eingang draußen seitlich des Schaufensters zur Rechten ein Briefkasten, ja - auch gelb - , zur Linken ein Zigarettenautomat, bescheiden wie die Umgebung, mit 8 Sorten, darunter Reval ohne Filter in kleinen Packungen, 11 StĂŒck fĂŒr eine Mark. Dahinter kamen einige kleine EinfamilienhĂ€user mit uns nur flĂŒchtiger bekannten Leuten, ganz hinten an der Ecke und gegenĂŒber dem Rondell das EckgrundstĂŒck, wo der Polizist wohnte, dessen etwas dicklicher Sohn in meiner Klasse war. Auf unserer Seite der Straße kamen nur noch zwei HĂ€user. Der direkte Nachbar war irgendwie interessant, wenn auch fĂŒr uns eher entfernt, fremd - er hatte einen kleinen Anbau am Haus mit einem Schweinestall, dahinter noch ein Laufgehege fĂŒr ein Dutzend HĂŒhner und drumrum ein ziemliches GerĂŒmpel, in dem man gerne mal gestöbert hĂ€tte. Davor - zwischen unseren HĂ€usern - lag sein umfangreicher GemĂŒsegarten, der den ganzen Sommer irgendetwas nĂŒtzliches Eßbares hervorbrachte. „Nur nĂŒtzlich“ nach meinem Geschmack - der fruchtbare Anteil unseres eigenen Gartens lag hinter unserem Haus und beschrĂ€nkte sich seit langem auf Erdbeeren und einige ObstbĂ€ume, nicht ganz so „nĂŒtzlich“, eher etwas fĂŒr’s Dessert, das damals bei uns „Nachtisch“ hieß. In der Zeit, in die meine Erinnerung schweift, hatte mein Blick aus dem Fenster als Ziel stets die Telefonzelle am Rondell; sie war mit ihrer Beleuchtung auch abends und selbst im gerade ausklingenden Sommer durch die noch voll im GrĂŒn stehenden VorgĂ€rten hindurch gut zu sehen und stand in dieser bestimmten Zeit fĂŒr den Kontakt zu meiner großen Liebe.

Sie hieß Linda, war Amerikanerin aus Los Angeles und wohnte zu der Zeit in MĂŒnchen - das war fĂŒr mich im norddeutschen Flachland so ziemlich am anderen Ende - nicht der Welt, aber doch der Republik. Es war die Zeit vor dem Abitur, und Linda war im vergangenen Jahr als Gast an unserer Schule gewesen. Sie hatte viele Kontakte mit Anderen aus meiner Klasse, dennoch hatten wir uns eigentlich erst gegen Ende ihres Aufenthaltes und außerhalb der Schule wahrgenommen. Sie wohnte gegenĂŒber den SchulgebĂ€uden in der Villa eines Unternehmers, der mir in seiner Eigenschaft als Musikliebhaber und -förderer angeboten hatte, an seinem FlĂŒgel zu ĂŒben, nachdem ich bei einem seiner Hauskonzerte einem Pianisten die Noten umgeblĂ€ttert hatte. Das gesamte Anwesen war tagsĂŒber bis auf die HaushĂ€lterin und einen gelegentlich tĂ€tigen GĂ€rtner praktisch ungenutzt, so daß ich nach Belieben zum Üben kommen und gehen konnte. Wenn Linda - eher selten - zu Hause war, hörte sie schon mal zu und wir unterhielten uns, aber das passierte wenige Male und auch jeweils nur kurz, oberflĂ€chlich und ohne irgendwelche aufregenden Ereignisse. Mein bester Freund in der Schule war hĂ€ufiger mit ihr zusammen und hatte ganz offenbar eine SchwĂ€che fĂŒr sie, in den letzten Wochen ihres Aufenthalts gingen sie miteinander. Es gab eine große Abschiedsfete in den KellerrĂ€umen der Villa, es wurden tausend Versprechungen gemacht, wie man den Kontakt halten wollte, wie und wo man sich besuchen und wiedersehen wollte - - - Linda war fĂŒr die Schule oder jedenfalls fĂŒr den Jahrgang, den sie besucht hatte, ein ziemliches Ereignis gewesen, „Besuch aus Amerika“ eben. Ich sah das eher gelassen, konnte das Ausmaß der allgemeinen Euphorie und fĂŒr mich z. T. aufgesetzt scheinenden Vertrautheit und Freundschaft nicht recht nachvollziehen.

Nach der Zeit bei uns ging sie fĂŒr einige Wochen nach Heidelberg - Amerikaner mĂŒssen halt einfach dahin, wenn sie in Deutschland sind. Mein erwĂ€hnter Freund besuchte sie dort, erzĂ€hlte viel von ihr, schließlich auch, daß sie nun fĂŒr lĂ€ngere Zeit nach MĂŒnchen gehe. Irgendwann und aus mir nicht mehr erfindlichen GrĂŒnden schrieb ich den ersten Brief. Sie antwortete. Einfach so - ganz unverfĂ€nglich, Bericht von hier, Bericht von da. Allerdings kamen bald sehr persönliche Ansichten und Gedanken in den Briefen vor - von einer Art und IntensitĂ€t, wie ich sie aus GesprĂ€chen in jener Zeit kaum kannte. Ich machte mir - immer schon - viele Gedanken, sie war ein gutes Jahr Ă€lter, reifer, hatte vieles gesehen und erlebt im letzten Jahr ihrer Europareise, kannte außerdem als Heimat ein ganz anderes Land, brachte mir eine andere Denkweise nĂ€her. Wir entdeckten Gemeinsamkeiten, hatten den gleichen Humor - manches Mal erst mit Verzögerung verstanden zwar aufgrund sprachlicher Vertracktheiten - und die Briefe wurden lĂ€nger, gingen bald wenigstens 3x pro Woche, manchmal tĂ€glich hin und her.

Ich hatte bis dahin nicht geahnt, daß man sich ĂŒber 800 km hinweg so verlieben konnte, ohne sich wĂ€hrend dieses Vorgangs einmal zu sehen, ohne ein einziges Mal auch nur Hand gehalten oder gar einen einzigen Kuß gewechselt zu haben. Es war ein einmaliges Erlebnis und ungeheuer aufregend, wie wir uns einander annĂ€herten, ganz vorsichtig die zunehmende Sympathie zu beschreiben suchten, wie die Briefe immer vertrauter und intimer wurden, wie wir uns schließlich unserer großen Zuneigung ergaben und gegenseitig unsere Liebe erklĂ€rten, uns offenbarten. Das Leben bestand wesentlich - neben der völlig nebensĂ€chlichen Schule und meinen sonstigen AktivitĂ€ten - nur aus der Sehnsucht nach dem nĂ€chsten Brief, dem allmittĂ€glichen Blick auf die Post und stundenlangem TrĂ€umen und Schreiben, virtuellen Dialogen und dem Niederschreiben der daraus gewonnenen Erkenntnisse in seitenlangen Briefen. Diese Briefe waren ebenso spontan und emotional entstandene wie dann doch sorgfĂ€ltigst ausformulierte ErklĂ€rungen, Bekenntnisse, Beschwörungen, Phantasien, Versprechungen und ErlĂ€uterungen von unendlich vielen Fragen und Antworten - das ganze im stĂ€ndigen Wechsel zwischen deutsch und englisch, durchmischt mit ErzĂ€hlungen aus dem Alltag, Zitaten aus Gelesenem und vielem mehr. Es war eine spannende Zeit, auf- und erregend, getragen von einer völlig undefinierten, niemals ausgemalten, noch weniger ausgesprochenen Hoffnung auf zukĂŒnftige reale Gemeinsamkeit, geprĂ€gt durch ĂŒberwĂ€ltigende GefĂŒhle der ZĂ€rtlichkeit und NĂ€he, ausgedrĂŒckt durch ebenso zarte wie glutvolle LiebeserklĂ€rungen. Gleichwohl - diese Entwicklung und GefĂŒhle waren wohl nicht das wirklich Besondere an unserer Beziehung, ich denke, das erleben und durchleben viele Jugendliche in dieser Zeit. Das Spezifische war die wahrhaftige UnerfĂŒlltheit und voraussichtliche UnerfĂŒllbarkeit und Unmöglichkeit, unsere Gedanken und GefĂŒhle jemals greifbar, jemals RealitĂ€t werden zu lassen. Schon die aktuelle Entfernung war angesichts der ĂŒbrigen UmstĂ€nde, des Alters, der finanziellen und sonstigen AbhĂ€ngigkeiten praktisch vorerst unĂŒberwindbar, in nicht so ganz ferner Zukunft drohte darĂŒber hinaus Lindas unzweifelhafte RĂŒckkehr in die USA, die sie dann fĂŒr mich endgĂŒltig unerreichbar machen wĂŒrde. Der Briefwechsel war mehr Traum als alles Andere, und so wandelte ich wochenlang wie schwerelos auf diesen Wolken, die aus nichts Anderem bestanden als aus Gedanken, Tinte und Papier.

Heute kaum noch denkbar, dauerte es damals tatsĂ€chlich wohl zwei Monate, bevor es nicht mehr vermeidbar war, daß wir endlich mal telefonieren mußten. Es war einfach zwingend nach unserer Entwicklung, endlich direkt miteinander zu sprechen, die geliebte und doch kaum noch erinnerte Stimme zu hören, uns auch auf diese Weise zu vergewissern, daß wir es mit einem realen Wesen zu tun hatten und nicht mit einem ĂŒber der eigenen Wolke schwebenden, mit verzauberter Tinte schreibenden Engel. „Nicht mehr vermeidbar“ war in etwa das, was ich vor dem ersten Telefonat so empfand, obwohl ich es natĂŒrlich auch sehnlichst erwartete und eigentlich eher als unertrĂ€glich hĂ€tte empfinden sollen, noch lĂ€nger darauf zu verzichten. Ich hatte jedoch ziemliches Lampenfieber vor diesem ersten GesprĂ€ch, durchspielte in Gedanken alle möglichen Varianten und steigert im Grunde nur meine Unsicherheit. Bisher hatte ich die ganze Beziehung von der sicheren Position hinter meinem Schreibtisch mit unendlicher Bedenkzeit vor jedem Satz gestalten können - und ich wußte, daß ich diese Zeit oft genug gebraucht und trĂ€umend und ĂŒberlegend ausgenutzt hatte, um genau das Richtige zum Ausdruck zu bringen. Am Telefon wĂŒrde ich nichts korrigieren können, wĂŒrde die Zeit laufen und schweigendes Überlegen womöglich falsche SchlĂŒsse auslösen. Kein LĂ€cheln, keine Geste kann so ein Schweigen am Telefon ĂŒberbrĂŒcken. Es war damals noch ausgeprĂ€gter bei mir und hat mich bis heute begleitet, daß ich mich mit dem FĂŒller in der Hand oder an der Schreibmaschine sehr viel wohler, vor allem sicherer fĂŒhlte als in der Situation, akut meine Gedanken und Absichten formulieren und aussprechen zu mĂŒssen. Kalte HĂ€nde, keine „Schmetterlinge im Bauch“, sondern eher einen Schwarm Hornissen - wir hatten einen Zeitpunkt fĂŒr den Anruf vereinbart, ich stand in der Telefonzelle und hatte Angst. Es ging vorbei, und es ging gut. Sie war göttlich - so liebevoll, so locker, so lustig, so sicher auch, und natĂŒrlich war die Zeit dann viel zu kurz, das Kleingeld viel zu wenig. Ich konnte auf den Wolken bleiben und ging auf ihnen den kurzen Weg zurĂŒck vom Platz unter den Birken, hatte das GefĂŒhl, als könnte ich direkt durchs Fenster in mein Zimmer im ersten Stock einsteigen. Ich mußte dringend einen Brief schreiben . . .

Wir telefonierten nun hĂ€ufiger, mußten das aber doch begrenzen, denn FerngesprĂ€che waren damals noch teuer - zu teuer jedenfalls fĂŒr SchĂŒler und brotlose Studenten - und die Briefe blieben unser wichtigstes Medium. Diese Vorliebe ist mir lange erhalten geblieben, das ganze Studium hindurch hatte ich intensive Briefwechsel mit ganz verschiedenen Partnerinnen, allerdings nie mehr mit einer aktuellen Freundin. Da gab es nur noch einige wenige lange Schreiben in Krisen oder zum Ende von Beziehungen. VorlĂ€ufig war das Schreiben an Linda noch das Lebenselixier schlechthin. WĂ€hrend einer Reise von ihr nach Salzburg war es etwas schwierig wegen wechselnder Adressen, aber ich schrieb einfach jeden Tag nach MĂŒnchen - bei der RĂŒckkehr hatte sie wohl einen halben Tag zu lesen. Sie schrieb von unterwegs etwas seltener, aber dafĂŒr kam eines Tages ein besonders dicker Brief, so ein dicker, gepolsterter Umschlag, und ich war völlig aus dem HĂ€uschen. Darin fand sich neben einem wunderbaren Brief mit vielen „x“en eine kleine Packung mit einem Dutzend Mozartkugeln. Ich liebte Mozart, ich liebte alles SĂŒĂŸe und ganz besonders meine Linda. Ich aß jeden Tag eine dieser Köstlichkeiten und so reichten sie fast die zwei Wochen, bis meine Angebetete wieder zurĂŒck in MĂŒnchen war. Noch heute sind der Anblick oder die ErwĂ€hnung von Mozartkugeln fĂŒr mich automatisch und untrennbar mit der Erinnerung an diese wunderbare Zeit mit Linda verbunden.

Die Monate gingen ins Land, es ging bei mir auf das Abitur zu, die Zeit von Linda in Deutschland drohte abzulaufen, und wir wußten beide, daß es uns gelingen mußte, uns vor ihrer Abreise wenigstens noch einmal zu treffen. Es war unvorstellbar, daß sie so verschwinden sollte, ohne daß wir uns einmal tatsĂ€chlich umarmt hatten, ohne daß wir auch nur einen Kuß ausgetauscht hĂ€tten. FĂŒr mich seltsamer- und ĂŒberaus ĂŒberraschenderweise fand ich bei der ersten Andeutung meiner ReiseplĂ€ne sofort volle UnterstĂŒtzung von meinen Eltern. Fast ohne weiteres Zutun plante mein Vater in den nĂ€chsten Ferien einen kurzen Urlaub in Bayern. Er wollte ein paar Seen und Berge besuchen und erwandern, mich auf dem Hinweg in MĂŒnchen absetzen und am Ende dort wieder abholen. Das Leben war herrlich - wenn nur die Zeit nicht so entsetzlich langsam gekrochen wĂ€re ... Linda malte in ihren Briefen schon aus, was sie mir von MĂŒnchen alles zeigen wĂŒrde, wohin wir zusammen gehen mĂŒĂŸten usw., und ich war zunehmend ungeduldig, konnte die Reise kaum noch erwarten.

Wir sagten es nicht, aber wir wußten natĂŒrlich im Grunde beide, daß diese Woche in MĂŒnchen unsere einzige Chance war, daß wir uns wahrscheinlich nie wieder sehen wĂŒrden danach, daß wir nur diese eine Gelegenheit hatten und genießen mußten. Und diese Woche war wie ein einziger, endloser Liebesbrief - nur noch intensiver und auch noch sĂŒĂŸer als selbst die göttlichen Mozartkugeln aus Salzburg. Wir lagen uns endlos in den Armen, ließenkeine Sekunde unsere HĂ€nde los, liefen stundenlang durch MĂŒnchen, durchquerten den Englischen Garten in allen Richtungen. Linda hatte neben ihrer einfach wunderbaren Art zu sprechen und zu lachen und ihrer Leidenschaft zu kĂŒssen einen Lippenstift - eine Art lip gloss - mit einem Geschmack, den ich bei der Erinnerung noch heute spĂŒre. Und sie hatte etwas gegen das Rauchen - und so wurde ich eine Woche lang zum Nichtraucher. Um nichts in der Welt hĂ€tte ich auch nur auf einen einzigen Kuß von ihr verzichtet !
Wir durchstreiften die Stadt, ich bewunderte die ersten EindrĂŒcke von einer „richtigen Großstadt“, die beeindruckenden GebĂ€ude, den Viktualienmarkt; wir genossen die CafĂ©s und Restaurants in Schwabing, wir besuchten den Zoo und hatten großen Spaß an einem schielenden Leoparden und und und ... Vor allem aber hatten wir uns und als einziges Problem, dass man nicht gleichzeitig reden und kĂŒssen kann. Im Zweifelsfall entschieden wir uns meistens fĂŒrs KĂŒssen. Die Tage vergingen - natĂŒrlich - viel zu rasch, Momente der Wehmut schlichen sich ein. Am vorletzten Tag gingen wir ins Kino, „Last Picture Show“, ein Film aus einem Kaff im amerikanischen Westen in der Originalfassung. Die Sprache war entsetzlich, vom Text verstand ich nicht allzu viel, und es erleichterte mich enorm, dass Linda bestĂ€tigte, selbst sie hĂ€tte so ihre Schwierigkeiten mit dem Slang. Immerhin kriegte ich mit, daß es ein trauriger Film war, und mir wurde bewußt, daß es auch fĂŒr uns irgendwie die „last show“ - der letzte Abend war. Über die Zukunft machten wir uns - was uns beide betraf - keine Illusionen. Sie wĂŒrde bald zurĂŒckfliegen in die USA, dort ihr „altes Leben“ wieder aufnehmen und studieren, ich wĂŒrde nach dem bevorstehenden Abitur wohl zielstrebig ebenfalls eine Ausbildung bzw. das Studium anvisieren - Geld fĂŒr Interkontinentalreisen war nicht in Sichtweite, und so planten wir auch in keiner Weise irgendetwas Gemeinsames. Das war zugleich natĂŒrlich traurig, da irgendwie endgĂŒltig, aber auch gut so, daß wir nicht unsere verbleibende Zeit mit unwahrscheinlichen Geschichten und verzweifelten PlĂ€nen verschwendeten, sondern einfach jede Stunde genossen, die wir noch miteinander hatten. Unsere HĂ€nde waren wie zusammengewachsen, nie vergesse ich ihre Augen, immer wieder versanken wir in unseren Blicken, ihr unwahrscheinlich ansteckendes Lachen sehe ich noch heute vor mir - es waren schöne und bleibende Erinnerungen, die wir in diesen Tagen schufen.

Der Reiseplan war inzwischen etwas geĂ€ndert, ich wĂŒrde ein StĂŒck mit dem Zug fahren und meinen Vater unterwegs bei Verwandten treffen. Der Abschied auf dem Bahnsteig ging noch ganz gut. Als dann aber der Zug rollte und SIE allmĂ€hlich außer Sichtweite geriet, war es mit der Fassung vorbei. Die Bahn war ziemlich voll, und ich rannte heulend und schwitzend mit meinem Koffer durch die Wagen, um einen einigermaßen ruhigen Platz zu finden. Warum hatten wir nur sowenig Zeit gehabt zusammen, nur diese wenigen Tage, warum konnte es nicht doch irgendwie weitergehen ? Mußte sie denn tatsĂ€chlich zurĂŒck oder konnte ich nicht auswandern ... was man eben so VerrĂŒcktes denkt, wenn eine große Liebe plötzlich vor dem Aus steht. Das erste Positive, was mir auffiel, war daß ich wieder rauchen konnte. In ihrer Gesellschaft hatte ich es eigentlich fast nicht vermisst, aber jetzt war es plötzlich wieder ein dringendes BedĂŒrfnis. Seit diesem Tag sind Bahnhöfe fĂŒr mich vor allem ein Symbol des Abschiednehmens, wenn ich mit GepĂ€ck durch einen Zug gehen muß auf der Suche nach einem freien Abteil, denke ich noch heute an diese Fahrt, und wenn sie die Raucherabteile eines Tages ganz abschaffen, werde ich keinen Zug mehr betreten.

An die folgende Phase habe ich vergleichsweise wenig Erinnerungen. Die Zeit verging so irgendwie, es gingen noch etliche Briefe hin und her, aber sie wurden weniger, es war irgendwie ein „geordneter RĂŒckzug“, und mit Lindas Abreise in die USA hörte der Briefwechsel auf. Es war einfach vorbei, „es schrieb sich nicht mehr“, einige Wochen spĂ€ter war alles nur noch ferne Erinnerung. Ich dachte noch an sie, wenn ich zu Hause aus meinem Fenster sah, wenn in der AbenddĂ€mmerung das Licht der Telefonzelle heraufschimmerte und trĂŒgerisch lockte. Wenn ich dann hinausging, fĂŒhrte mein Weg nur noch bis gegenĂŒber zum Automaten, der bald darauf umgestellt wurde auf die neuen Großpackungen. Eine Zeit war vorbei, bald startete ich ins Berufsleben, zog zu Hause aus, und es begann etwas Neues. Die Jugend war vorbei, unwiderbringlich und endgĂŒltig. Vorbei die vielleicht aufregendste wie auch harmloseste Liebe, vorbei die Schule, vorbei die Zeit der Freizeit, der Ahnungslosigkeit vom Leben. Vieles wĂŒrde nie wieder so sein, einfach aus und vorbei - nur noch Bild, GefĂŒhl, Erinnerung - wie elf Zigaretten fĂŒr eine Mark.

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tokolit

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Minds Eye
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Registriert: Not Yet

Hi Tokolit.
Total schön, dieser "nostalgische" RĂŒckblick.
Fesselnd und mit Herz geschrieben.
Gruß,
ME.

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tokolit
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Hallo Minds Eye -

danke fĂŒr das "Echo" ! Ich war ziemlich unsicher, wie das "ankommt", weil es doch eigentlich ziemlich persönlich ist. - Ich hab die Idee und den Titel fĂŒr diese Geschichte seit bestimmt 20 Jahren, und jetzt musste es einfach geschrieben werden.

Gruß -
tokolit
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majissa
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Gut, dass du es aufgeschrieben hast.

Lieber tokolit,

keine Sorge – diese Story kommt an. Ich habe sie bis zur letzten Zeile genossen und kann mit Überzeugung behaupten, dass hier eine große Liebe mal ganz ohne Kitsch und Schnörkel beschrieben ist. Wohl mit einem gewissen Hang zur Redundanz, die aber nicht umstĂ€ndlich wirkt, sondern fesselt und tief in das Geschehen hineinzieht. Vorsichtig gefĂŒhlvoll und verhalten wehmĂŒtig bewegst du dich durch die einzelnen Stationen der Handlung, ohne je den Faden zu verlieren, ohne auch nur im Geringsten langweilig zu klingen. Dein ErzĂ€hlstil wirkt sicher und – was besonders schön ist – auf seine Art einzigartig. Deine zyklische Gliederung gefĂ€llt mir. Die 11 Zigaretten fĂŒr eine Mark bilden ja fast eine Art Rahmenhandlung. Man merkt, dass du sehr sorgfĂ€ltig vorgegangen bist.

Einige Kleinigkeiten, die mir auffielen:

„Der direkte Nachbar war irgendwie interessant“

Das ist mir zu vage. Inwiefern war er interessant? Das wird hier nicht nĂ€her erlĂ€utert. Wenn es fĂŒr den Handlungsablauf nicht wichtig ist, könnte das „irgendwie“ doch wegfallen. So weckt es nur eine Neugierde, die nicht weiter befriedigt wird.

„In der Zeit, in die meine Erinnerung schweift, hatte mein Blick aus dem Fenster als Ziel stets die Telefonzelle am Rondell; sie war mit ihrer Beleuchtung auch abends und selbst im gerade ausklingenden Sommer durch die noch voll im GrĂŒn stehenden VorgĂ€rten hindurch gut zu sehen und stand in dieser bestimmten Zeit fĂŒr den Kontakt zu meiner großen Liebe.“

Ein weiterer Beweis dafĂŒr, dass lange SĂ€tze durchaus ihre Berechtigung haben, wenn sie so elegant „gewebt“ sind wie dieser hier.

„...ich denke, das erleben und durchleben viele Jugendliche in dieser Zeit.“

Dieser Satz wirkt deplaziert. Er passt nicht in die Handlung und durchbricht die ErzĂ€hlung. Der Leser möchte hier an dieser Stelle nicht wirklich mit den Vermutungen des Autors konfrontiert werden. Weißt du, was ich meine?

„Heute kaum noch denkbar, dauerte es damals tatsĂ€chlich wohl zwei Monate, bevor es nicht mehr vermeidbar war, daß wir endlich mal telefonieren mußten.“

Das gibt es auch heute noch!

„Ich konnte auf den Wolken bleiben und ging auf ihnen den kurzen Weg zurĂŒck vom Platz unter den Birken, hatte das GefĂŒhl, als könnte ich direkt durchs Fenster in mein Zimmer im ersten Stock einsteigen. Ich mußte dringend einen Brief schreiben . . . „

Schön! Das nenne ich doch mal Literatur...

„Diese Vorliebe ist mir lange erhalten geblieben, das ganze Studium hindurch hatte ich intensive Briefwechsel mit ganz verschiedenen Partnerinnen, allerdings nie mehr mit einer aktuellen Freundin. Da gab es nur noch einige wenige lange Schreiben in Krisen oder zum Ende von Beziehungen.“

Dieser RĂŒckblick passt nicht in den Ablauf der Handlung. Gerade noch ist da der intensive Briefkontakt mit Linda und plötzlich erfolgt ein Zeitsprung, der völlig unvermittelt von spĂ€teren Kontakten erzĂ€hlt. Ich dachte schon, die Geschichte findet hier ihr Ende.

„ein besonders dicker Brief, so ein dicker, gepolsterter Umschlag,...“

dicker – dicker – unschöne Wiederholung.

„Noch heute sind der Anblick oder die ErwĂ€hnung von Mozartkugeln fĂŒr mich automatisch und untrennbar mit der Erinnerung an diese wunderbare Zeit mit Linda verbunden.“

Das ist zauberhaft!

„Die Monate gingen ins Land, es ging bei mir auf das Abitur zu, ...“

gingen – ging – Wiederholung

„Linda hatte neben ihrer einfach wunderbaren Art zu sprechen und zu lachen und ihrer Leidenschaft zu kĂŒssen einen Lippenstift - eine Art lip gloss - mit einem Geschmack, den ich bei der Erinnerung noch heute spĂŒre.“

Schön, aber der Leser möchte dennoch wissen, wie Linda nun genau gesprochen hat. Was in ihrer Art zu sprechen machte sie so wunderbar?

Und sie hatte etwas gegen das Rauchen - und so wurde ich eine Woche lang zum Nichtraucher. Um nichts in der Welt hĂ€tte ich auch nur auf einen einzigen Kuß von ihr verzichtet !

Das ist durchaus nachvollziehbar.

„Immerhin kriegte ich mit, daß es ein trauriger Film war, und ...“

Na ja, „kriegte mit“ klingt nicht besonders fein. Es wird der dem Text immanenten Wortgewandtheit nicht gerecht.

„Das war zugleich natĂŒrlich traurig, da irgendwie endgĂŒltig, aber auch gut so, daß wir nicht unsere verbleibende Zeit mit unwahrscheinlichen Geschichten und verzweifelten PlĂ€nen verschwendeten, sondern einfach jede Stunde genossen, die wir noch miteinander hatten.“

Diese Textstelle habe ich herausgepickt, weil sie gleichzeitig so traurig und doch auf brutale Art abgeklÀrt erscheint. Das gefÀllt mir.

LG
Majissa


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tokolit
Manchmal gelesener Autor
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Danke fĂŒr die Tips !

Liebe Majissa -

ganz herzlichen Dank fĂŒr das aufmerksame Lesen und die gezielten Hinweise auf einige "Unebenheiten". Ich werde die entsprechenden Stellen ĂŒberarbeiten.
Im Übrigen freut mich besonders, dass Dir die Geschichte insgesamt so gut gefallen hat.

Ich hoffe und nehme an, dass wir uns hier noch öfter austauschen werden.

Schöne GrĂŒĂŸe schickt Dir

tokolit
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tokolit

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