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Leselupe.de > Erzählungen
17 Tage, die mein Leben vollkommen veränderten
Eingestellt am 16. 03. 2002 20:03


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Chippo
Wird mal Schriftsteller
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17 Tage, die mein Leben vollkommen veränderten

Tag 1
Ich flog mit Wolf nach Stuttgart.
Wir hatten dort eine Besprechung mit den Adler-Werken. Eine Fabrik für völlig sinnlose Metallgegenstände, diese verkauften sie dann an andere Fabriken weiter, die sie wiederum in irgendwelche sinnlosen Geräte einbauten. Wir gehörten mit unserer Firma zu einer dieser Gruppe .
Ich hatte schlecht geschlafen, gestern Abend hatte ich noch mit Kowalski und seiner Freundin seinen vierzigsten Geburtstag gefeiert und hatte jetzt einen Schädel , der wie die Berliner Freiheitsglocke klang.
Der Flug ging bereits um 7 Uhr von Köln los und ich entdeckte zuerst Wolf, wie er im Warteraum rumhing. Immer ging er in irgendwelche Sonnenstudios und sein Gesicht sah aus, wie eine verbrannte Handtasche.
Sein Grinsen , als er mich sah , stimmte mich auch nicht fröhlicher und ich holte mir einen Kaffee aus dem Automaten.
Wolf war unser Abteilungsleiter im Einkauf und sollte mich bei diesem Gespräch unterstützen. Henzel hatte das veranlasst, Walter Henzel, Geschäftsführer unseres Saftladens.
Nehmen Sie mal den Wolf mit, Herr Cramer, das ist ein Fuchs,ha ha ha, und er lachte sich schlapp über seinen eigenen Witz. Ja, mach’ ich, sagte ich und dachte gleichzeitig: prima Alter, endlich steckst du mal die richtigen Leute zusammen. Wölfi war in Ordnung. Im Grunde genommen war er das, was man einen Freund nennt.
Manchmal jedenfalls.
Jetzt saßen wir nebeneinander und glotzten auf die 737, die draußen auf uns wartete. Auch das Flugzeug sah ziemlich müde aus.
Ich überlegte, was ich ihm erzählen sollte, um seinen Kreislauf anzukurbeln. Sag mal Wölfi,- wir nannten ihn alle so in der Firma- Wölfi, was sagen dir die Worte Lockerby oder Birgin Air oder ....
Wölfi sah mich mit seinen Kuhaugen an ohne ein Wort zu sagen.
O.k. vergiss es, sagte ich dann schnell; unsere Namen wurden aufgerufen und wir stellten uns in die Schlange von Passagieren an, ließen uns von der freundlichen Bodenstewardess mit den schiefen Zähnen die Bordkarte abreißen und pflanzten uns auf unsere Plätze in der Business-Class.
Vor uns verstaute ein Mann umständlich seine Angeber-Aktentasche im oberen Fach und blockierte mit dieser Aktion den Mittelgang für eine Ewigkeit. Hinter ihm stauten sich fünftausend andere Passagiere, aber der Mann ließ sich extra Zeit mit dieser Aktion und als er die Tasche endlich verstaut hatte, zog er noch sein 500 Dollar Jackett aus, faltete es so umständlich , dass der Name Boss für jeden gut sichtbar war und legte dann auch dieses im oberen Fach ab.
Ich hatte mir schon vor Jahren diesen umständlichen Quatsch abgewöhnt und flog nur noch mit dem Nötigsten durch die Gegend. Das einzige, was ich wirklich brauchte, waren meine Kreditkarten.
Der Flug verlief ruhig, ab und zu erinnerte ich Wölfi an Lockerbie und Birgin Air. Rechts neben mir saß ein dünner Mann, - er las die ganze Zeit in seiner Angeber-Zeitung, die er zwölf Quadratmeter vor sich ausgebreitet hatte. Dabei tat er so, als würde er die Börsenberichte und Aktienkurse studieren. Ab und zu kam ein leises „tsss tsss“ aus seinem Mund, wobei er aber stets lächelte, was den anderen Passagieren wohl signalisieren sollte: alle Aktien sind gesunken, aber ich, der große tsss tsss tsss- Manager, habe natürlich Glück gehabt, weil ich mal wieder mit den richten tsss tsss tsss Papieren spekuliert habe. Es war zum heulen. Die Maschine befand sich jetzt im Landeanflug auf den Münchner Flughafen, wir verloren an Höhe, schaukelten dabei beträchtlich , ich schaute auf die Alpen und Wölfi schüttete sich den restlichen Kaffee über die Hose.
Vielleicht sollte dieser Tag doch noch erfreulich werden,

Die Adler Werke lagen etwas außerhalb von München, wir nahmen ein Taxi, das uns 150 Mark kostete, und waren knapp 45 Minuten später dort. Wir hatten eine Besprechung im Raum „Kassel“ und dieser Raum sah auch aus wie Kassel.
Ich bediente mich mit großzügig mit Kaffee, aß 8 Kekse und trank hastig 3 Gläser Orangensaft, als die ganze Horde hereinkam: Der Geschäftsführer Kohlke mit seiner Sekretärin Naumann. Auf einer Skala von 1-10, wobei die zehn Marilyn Monroe und die eine zhanlose alte Hexe war, gab ich ihr die Gesamtnote 2,5, und das war noch ziemlich geschmeichelt.
Zwei Produktmanager, der technische Leiter Karbuffke, der Einkäufer, und noch ein oder zwei zwielichte Gestalten, die sich äußerlich so ähnlich waren, dass ich sie, sollte ich sie jetzt noch identifizieren, nur an ihrem Mundgeruch unterscheiden könnte. Ich wusste, dass Knuffke immer die besten Umsätze hatte, und fragte mich, wie er das anstellte. Ich hatte in der Zwischenzeit noch zwei weitere Gläser Saft getrunken, und verspürte plötzlich das unwiderstehliche Verlangen nach einer guten Toilette. Ich stand einfach auf und ging raus. Es gibt verschiedene Methoden während eines Meeting aus dem Raum zu gehen; man kann es laut ankündigen. Meine Herren, Sie entschuldigen mich bitte für einen Moment, man kann sagen, Ich muss mal kurz telefonieren, oder man einfach aufstehen und rausgehen. Im Grunde interessiert es keinen Menschen wirklich, was da abläuft.
Ich ging ein paar Schritte den langen Gang hinunter und fand dann auch endlich die Tür mit dem Mann drauf. Die riesige Toilette war leer, 3 Pinkelbecken und 6 Türen hinter denen sich auch wieder 6 Toiletten befanden. Ich beschloss zur Feier des Tages etwas auszuspannen , setzte mich auf die hinterste der Toiletten, schloss die Tür hinter mir, und dachte an gar nichts.
Es vergingen keine 2 Minuten, als ich zwei Männer, hörte, die den Raum betraten. Sie waren offensichtlich sehr mit sich selber beschäftigt und ziemlich in Eile, jedenfalls unterhielten sie sich laut und deutlich, so dass ich jedes Wort verstehen konnte. Vermutlich hatten sie übersehen, dass die letzte Toilettentür jemand befand.
Ich mach das jetzt nicht mehr lange mit, sagte der eine, mit der tieferen Stimme., entweder wir kriegen bald das Geld von Henzel oder ich lass ihn auffliegen.
Mach mal halblang, antwortete der zweite von ihnen, bisher hat er noch immer gezahlt.
Das Geld von Henzel? Meinem Chef ,- ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was sie meinten. aber schon ging es weiter:
Heute sind doch zwei von seiner Firma hier bei uns. Den einen kenn’ ich: Cramer, die letzte Gurke....
Die beiden lachten wie die Hyänen und jetzt hörte man nur noch das Wasser rauschen, so dass ich nichts mehr genau verstehen konnte, und sie verließen kurz darauf den Raum.
Ich ging auch wieder zurück in meinen Konferenzraum, und setzte mich auf meinen Platz.
Die Diskussion war nicht sonderlich weit fortgeschritten; wir redeten weiter über unsere Verkaufspreise, aber ich konnte mich nicht mehr konzentrieren, weil mir diese Geschichte von eben nicht aus dem Kopf gehen wollte.
Was hatten die bloß gemeint ?
Hatte unsere Firma noch andere Geschäfte mit den Adler-Werken? Möglich war alles, aber es war gleichzeitig unwahrscheinlich, dass ich davon nichts wusste.
Und wieso sollte Hentzel nicht zahlen?
Unsere Zahlungsmoral war nicht schlecht, jedenfalls besser als das Kantinenessen und das war relativ leicht zu übertreffen.
Wir redeten noch ca. eine Stunde über irgendwelche Lieferbedingungen, vereinbarten dann die Liefer-Konditionen und dann das nächste Treffen bei uns in Hamburg in drei Monaten.
Wölfi hatte dem Treffen wie üblich mit stoischer Ruhe beigewohnt. In der Regel sagte er nicht viel; in der Regel sagte er überhaupt nichts.
Er hatte die Fähigkeit, immer und überall einen Eindruck zu machen, als hätte er alles verstanden. Fragte man ihn etwas, antwortete er völlig nichtssagende Sätze wie: Das ist doch kein Thema. Oder er gab einfach die Frage zurück und sagte:
Wieder nahmen wir ein Taxi. Ich sagte dem Fahrer, der solle uns zum Flughafen bringen. Es war ein hässlicher, zahnloser, unrasierter Mann, mit einem Ring im linken Ohrläppchen. Er antwortete nicht und fuhr nur wortlos drauflos. Hey, sagte ich zu ihm nach zehn Minuten, wie laufen die Geschäfte? Ich wollte etwas Schwung in diese Bude bringen. Wölfi stellte sich wie gewohnt schlafend, er lag mit dem Gesicht zum Fenster und rührte sich nicht – er sah aus wie eine anästhesierte Pestbeule. Ich hatte wenig Lust, die ganze Fahrt über sinnlos aus dem Fenster zu schauen. Die Geschäfte verlaufen suboptimal, antwortete der Halbaffe hinter dem Steuer. Immerhin, ein so schwieriges Wort wie suboptimal war nicht jedermanns Sache: Suboptimal, wiederholte ich und blickte ihm dabei in die Augen. Was ist denn für Sie optimal, Meister?
Es vergingen ca. 2 Minuten bis er antwortete. Das heißt, er antwortete nicht direkt auf meine Frage, sondern brummelte nur undeutlich: scheiß verkehr. Ich vermutete bei ihm einen IQ von elf, zwölf braucht man um eine Banane zu schälen. Vermutlich konnte er weder lesen noch schreiben Aber er schaffte es trotzdem bis zum Flughafen, indem er immer dem Bild mit dem Flugzeug nachfuhr. So erreichten wir letztlich unsere Maschine, zwängten uns in unsere Sitze und kurz bevor Wölfi einschlief, rief ich ihm ein leises „Flug TWA von New York nach......“ ins Ohr“.

Tag 2
Jetzt lag ich in meinem Bett , es war halb zehn morgens; ich hatte mir für heute frei genommen ; ich sah mir meine Kontoauszüge an und erkannte eine unangenehm hohe Zahl mit einem Minuszeichen davor. Scheiße mit Reisse, fluchte ich leise vor mich hin, knüllte die Auszüge zusammen und versuchte sie in den Papierkorb zu schmeißen, der in der linken Zimmerecke stand. Natürlich traf ich nicht und der Knäuel landete irgendwo im Raum. Die philosophische Frage war: hätte ich getroffen, würde mein Leben dann anders verlaufen? Wohl kaum, - ich regte mich daher nicht besonders über mein Missgeschick auf, drehte mich um und schlief bis zum frühen Nachmittag.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit Fernsehen, zappte von einer Talkshow in die andere und überlegte, ob ich nicht selber mal in einer Talkshow auftreten sollte, irgendetwas perverses würde mir schon einfallen. Vom Manager zum Penner- eine steile Karriere:
Bin ich heute noch im Nadelstreifen, schlaf ich morgen zwischen alten Autoreifen.
Oder : Im 7er - BMW zum Sozialamt- die Knete hol ich mir.
Irgend so etwas würde ich machen. Ich öffnete eine Dose Bier, ich hatte noch nie Bier im Bett getrunken und das am frühen Nachmittag, aber es passte gut zusammen: ich liege im Bett, sehe banale Talkshows und trinke Bier aus einer Dose.
Nach der vierten Dose verwerfe ich die Idee mit den Talkshows und beschließe, Medizin zu studieren. Mein Plan ist es, wie ein moderner Albert Schweitzer in den Urwald zu ziehen, und aus einem fahrbaren OP- die notleidende Bevölkerung zu versorgen Hallo. Du da, was brauchst du? Eine Nierentransplantation? Kein Problem, steig ein in meinen Bus.
Nach dem sechsten Bier verwerfe ich auch diese Idee als reine Zeitvergeudung und beschließe, schon morgen eine Würstchenbude aufzumachen; Curry-Wurst, rot-weiß im Angebot.
Nach dem achten Bier erscheint mir der profane Broterwerb überhaupt nicht mehr notwendig. Stattdessen verfolge ich mit meinem Blick eine Fliege und sehe, wie sie an der Zimmerdecke landet. Hervorragend. Ich war begeistert. Eine Fliege landet verkehrt herum, mit den Füßen nach oben, an der Zimmerdecke. Wer hatte ihr das beigebracht? Unglaublich! In diesem Moment erschien mir die Fliege - neben mir selbst- als das am höchsten entwickelte Wesen auf dieser Welt. Hatte Gott gewusst, dass Fliegen eines Tages an Zimmerdecken landen würden?
Was wusste er noch? Wusste er auch, dass mein Konto immer in den Miesen war? Vielleicht ja, aber was hat er dagegen unternommen? Vielleicht hatte er mich mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet, von denen ich bisher nichts ahnte? Ich sah auf meine Finger; sie sahen nicht so aus, als könnte ich damit problemlos auf Zimmerdecken landen. Es musste also etwas anderes sein. Mit diesem beruhigenden Gefühl schlief ich ein und wurde erst wieder wach, als das Telefon klingelte. Es war bereits neun Uhr abends und ich nahm den Hörer nicht ab.
Tag 3
Die Geschäfte verliefen schleppend und es war ein Dienstag, als ich nach Schweden flog. Ich hatte vorher noch einen Abstecher nach Köln gemacht und saß jetzt in der Wartehalle für den Flug nach Stockholm. Wartehalle, Wartecafe, Selfservice. Gleichzeitig warteten 26 Passagiere mit mir, 22 männliche, 4 weibliche, 1 Undefinierbarer; 20 davon mit Krawatte. Ich reiste nie mit Krawatte.
7 tranken Kaffee. 3 Bier, 8 Wasser. Ich trinke nie etwas in Flughafen-Wartehallen, Wartecafes, Selfservice.
18 machten einen mürrischen Eindruck, nur zwei unterhielten sich entspannt: es waren natürlich die Biertrinker. 15 hatten noch volles Haar, 6 mit einer Halbglatze und 2 mit der totalen Pläte. Ich langweilte mich und versuchte durch telepatische Fähigkeiten jetzt einzelne Gruppen zu manipulieren.
Der Glatzkopf soll sich jetzt an der Nase kratzen.
1 Minute Bedenkzeit: Der Glatzkopf kratzt sich. Ein voller Erfolg.
Die Biertrinker mit Krawatte sollen mich angucken: Ergebnis; nach nur 20 Sekunden schauen beide zu mir rüber. Wahnsinn.
Die Raucher mit Krawatte und dunklen Haaren (3) sollen alle zur gleichen Zeit die Zigarette in den Mund nehmen: Ergebnis; es klappte, wobei eigentlich alle ihre Zigarette immer im Mund hatten.
Ich beschloss, nicht so kleinlich mit der Auslegung meiner Anweisung zu sein.
Das war der totale Hammer und ich überlegte, wie ich mal etwas grandioses anstellen könnte. Da kam mir der geniale Gedanke:
Alle Männer, die rechts von mir saßen, sollten aufstehen und laut rufen: Ich bin schwul und das ist gut so!

30 Sekunden Zeit!
Nach 10 Sekunden: ein Mann steht auf und blickt sich um,
20 Sekunden, 3 weitere Männer stehen auf ; jetzt gleich ist es soweit; ich kann die Spannung kaum noch ertragen.
In diesem entscheidenden Moment klingelt mein Handy und zerstört diesen Vodoo –Zauber. Alle sehen mich an, einige stehen auf und verlassen die Wartehalle, Wartecafe, Selfservice. Es ist zum heulen.
Zu allem Elend ist jetzt auch noch Wölfi am Apparat.
Hey Wölfi, sag mal, bist du zufällig schwul?
Wölfi beschimpfte mich in zuerst in übelster Weise, nannte mich abwechselnd einen perversen Penner und einen hirnlosen Affen, machte dann ein paar blöde Witze, wobei er sich selbst am meisten über seinen billigen Humor amüsierte und sagte dann aber zum Schluss den entscheidenden Satz:
Ich bin nicht schwul, und das ist gut so.
Da wusste ich, dass ich etwas besonderes sein musste.

Wölfi erzählte mir dann mit aufgeregter Stimme eine Geschichte, die so verrückt klang, dass ich sie einfach nicht glauben konnte. Gerade heute, an dem Tag an dem ich auf Geschäftsreise war, nicht in der Firma hatte es einen Toten in der Firma gegeben. Es war einfach unfassbar. Einmal bin ich nicht da und schon bringt sich jemand um. Nie ist etwas los in dieser Penner.Bude und da gibt es einen Toten.
Es war Holger Jacobi, Abteilungsleiter aus der Fertigung. Wölfi erzählte mir die ganze Story aus 25 verschiedenen Kamaraperspektiven, so, als wenn er selbst dabei gewesen wäre, - sozusagen Premiere World live fürs Management.
Es soll Selbstmord gewesen sein: Man hatte ihn morgens gefunden, halb über seinen Schreibtisch gebeugt. Die Putzfrau hatte ihn zuerst gesehen. Kein Blut, kein verwüstetes Büro, nur Jacobi tot überm Tisch.
Wie langweilig, dachte ich mir.
Wenn schon eine Leiche, dann aber eine anständige: Kopf ab, Finger ab, ein Feuereisen im Rücken, eine Plastiktüte über dem Kopf, ein Schraubenzieher im Gehirn, Zyankali unter der Zunge, Toilettenreiniger im Magen, - es vielen mir in Bruchteilen von Sekunden Duzende von attraktiven unnatürlichen Todesursachen ein, aber Jacobi die alte Schreibtischratte war dahingeschieden wie ein Beamter. Nicht mal sterben konnte er anständig– ich hatte ihn nie richtig leiden können, und jetzt begann ich ihn langsam zu hassen.
Alles stand Kopf in der Firma, so Wölfi in seinen Ausführungen. Kripo, Arzt, Leichenwagen, alles sei schon da gewesen. Die haben den so in die Blechkiste geschmissen, mit Klamotten, der hatte sogar noch die Kugelschreiber in der Hemdtasche. Ob sie den wohl so begraben?
Ja, wahrscheinlich, antwortete ich, Falls Jacobi zwischendurch mal wieder aufwachen sollte, könnte er ja so an seinem Baby weiterarbeiten. Carpe diem! Nutze den Tag.
Ich wusste, dass Jacobi seilt einigen Monaten sehr intensiv an einem Projekt arbeitete, über das er nie besonders viel gesprochen hatte, er hatte es immer nur sein „Baby“ genannt, aber keiner wusste so genau, was sich dahinter verbarg. Im Grunde genommen war es uns auch allen vollkommen egal, da Jacobi der geborene Langeweiler war. Wenn er mir ab und zu etwas auf meine Mailbox sprach, drückte ich beim Abhören immer zweimal die 6, das entsprach der doppelten Wiedergabe-Geschwindigkeit. In dieser Geschwindigkeit schlief mal wenigsten nicht sofort ein und mit etwas Glück war man mit dem Abhören der Nachricht fertig, bevor die Dämmerung anbrach.
„Ach, übrigens, sagte Wölfi zum Schluß: der Alte will dich sprechen.
„Hentzel ? „
„Yep!“.
„Was will der Idiot ?
„Keine Ahnung, du sollst mal zu ihm kommen, wenn du wieder in Deutschland bist .“
Wir wechselten noch ein paar belanglose Worte, und ich drückte dann auf den Taste mit dem roten Hörersymbol.

Tag 3

Heute war mal wieder ein toller Tag, Teambildung, Präsentationsseminar, wie nutze ich meine Fähigkeiten. Schon 1000 mal hatte ich das mitgemacht. Wir waren 12 Mitarbeiter, alles Kollegen aus dem Management, Kaiser und Koloski aus der Personalabteilung, die alten Schnüffelhunde, die Schöne aus der Buchhaltung, deren Namen ich nicht kannte, und die erst seit 4 Monaten bei uns arbeitete, Rache, Jäger und Kahle aus dem Produktmanagement und Wolfi und ich. Der Trainer hieß Loberg, Inhaber der gleichnamigen Schulungsabteilung. Ich kam eine Minute vor Neun, um neun sollte der Krampf beginnen. Die Veranstaltung fand im größten Raum der Firma statt, und man hatte die Tische herausgetragen, übriggeblieben waren nur noch die zwölf Stühle der Teilnehmer, die man sorgfältig im Halbkreis aufgestellt hatte, der Stuhl des Referenten gegenüber, ein Overheadprojektor, an der Wand tausenden von schlauen Sprüchen: Große Dinge entstehen oft durch kleine Dinge (Bild daneben= eine Mücke, kurz bevor sie dir in die Backe sticht), oder Diskussionskiller:
Es langweilte mich zu Tode. Gleich würde der Trainer reinkommen, und uns wieder erzählen, was wir alles nicht wussten: Unsere Art uns zu bewegen, unsere Körperhaltung war falsch, der Blickkontakt zu den Teilnehme war nicht intensiv genug. Im Grund genommen lebten wir das falsche Leben und Leute wie Lohberg hatten das wahre Innere erkannt.
Der Trainer kam rein, begrüßte uns alle mit Vornamen, weil das dynamischer klingt, nannte uns Dieter, oder Frank, das ist ja schön dass sie auch da sind oder Walter, ich freue mich, sie zu sehen. Ich konnte glatt kotzen, mir war das egal
Die erste Übung bestand darin herauszufinden, wie wir uns fühlten.
„Bitte nennen Sie ein Tier, das Sie gerne sein möchten und was Sie gut beschreibt:
Da war nicht besonders schwer zu beantworten, ich hatte gestern Abend mit Wolfi zusammengesessen und ein paar Flaschen Wein gelehrt. Wir fühlten uns beide dementsprechend ziemlich armselig, er grüßte mich noch nicht mal, als er in den Raum kam und setzte sich wortlos auf seinen Stuhl, den er kurzerhand verkehrt herum stellte, die Lehne als Kopflehne nutze und auf der stelle einschlief. Ich hatte den leeren Stuhl vor mir als Fußablagen benutzt.
.
Beschreibt, wie ihr euch fühlt, hieß es jetzt. Nennt ein Tier, das euch am besten beschreibt, oder das ihr sein möchtet.
Ich fühle mich wie eine beknackte Ratte zwischen idiotischen Kakerlaken, dachte ich mir, sagte aber: ich fühle mich wie ein Schmetterling, so leicht und unbeschwert. Und ich tue keinem Menschen was zu leide.
Die Worte kamen irgendwo aus dem Innersten meines Kleinhirns und breiteten sich jetzt wie schmieriger Schleim aus meinem Mund heraus- ernteten allerdings allgemeinen Beifall. Nur Wölfi sah mich an als wollte er sagen: bist du noch bei Sinnen, du Schleimer? Jetzt war er dran :“ich fühle mich wie Schmetterling, allerdings wie einer ,der gerade von einem Autoreifen plattgemacht wurde;. Allgemeines Gelächter.
Nur der Trainer schaute indigniert:
Wölfi, ich darf Sie doch so nennen, oder? Ach, gut, dass Sie so ehrlich sind, sagte der verdammte Trainer; aber ich denke, da sollten wir noch mal drüber reden, nicht wahr?
„Is mir ziemlich egal, antwortete Wölfi,
und ich dachte: leck mich doch am Arsch, sagte dies aber nicht, da diese Typen anschließend ja immer zu der Geschäftsführung rennen, und da wird ja immer völlig diskret diskutiert: ach, übrigens, wie hat sich denn der Cramer auf dem Seminar gemacht? Der Cramer?
Na , sie wissen schon, dieser verrückte Vogel aus dem Marketing
Ach, der Cramer, na das sag ich lieber nicht, wenn Sie wissen was ich meine.
„Aha, ich verstehe, der Cramer, ich denke, das war doch nicht die richtige Wahl, seltsam dieser Mensch, seltsam.“
Die Psychositzung konnte beginnen. Die erste Übung bestand darin, sich selbst den anderen Teilnehmern der Übung in maximal fünf Minuten vorzustellen; eine sehr sinnvolle Übung, da hier jeder jeden kannte, und wir teilweise seit zehn, ja fünfzehn Jahren zusammen arbeiteten; manche hier kannten sich besser als ihren Ehepartner.
Um nicht endgültig in einen Tiefschlaf zu verfallen, kam mifr plötzlich die Idee zu unserem beliebten Spiel; wir nannten es Mabingo, als Abkürzung von Manager –Bingo.
Es war ganz einfach, jeder der Teilnehmer bekam ein Kärtchen mit 9 Feldern, die quadratisch angeordnet waren. Auf jedem dieser Felder stand ein Begriff aus dem allgemeinen Phrasenkatalogs des Topmanagements:
Zeitfenster, proaktiv, topdown, targetgroup, um nur eiunige begriffe zu nennen. Das Spiel war Wölfis erfindung, dabei hatte er lediglich die gebräuchlichsten immer wiederkehrenden Begriffe aus langweiligen Meetings notiert und auf kleine Pappkärtchen geschrieben. Wurde ein Begriff genannt, durfte man ihn markieren, und wer als erster drei Begriffe in einer beliebigen Richtung auf seinem Kärtchen wiederfand, hatte gewonnen. Mabingo war einfach göttlich.
Wölfi teilte die Kärtchen aus. Kluffke loui
Und ghuz spielten auch mit. Ich sah mir meine Karte an:

Potential Proaktiv Kunden
Markt Preisgruppe Strategie
Kostenkontrolle Segment Scheisse

Kein leichtes Spiel; es ging los, Koloski aus der Personalabteilung war der erste der Selbstdarstellung.
Schon der erste Satz ging an mich: ich liebe es, die Dinge probaktiv anzugehen; wunderbar , dieses beknackte Wort war seit etwa 6 Monaten zu den Favoriten in unserer Firma und wurde im Topmanagement als eine Art geheime Parole benutzt: Du Freund oder Feind? Ich proaktiv. Aha, du guter Mann, du Freund. Wer proaktiv war, konnte gar nicht falsch sein, er war eigentlich immer gut, es war im Grunde genommen noch besser als gut: aktiv alleine reichte nicht mehr; so wie die Klementine kopfschüttelnd sagt: na ja, sauber ja sauber , aber nicht rein; sagte der Topmanager: aktiv na ja, aktiv sein ist gut, ist aber nicht genug, proaktiv musst du sein. Der proaktive Manager nahm den Telefon-Hörer immer schon einige Sekunden vor dem Klingeln ab.
Und weiter gings. Koloski erzählte jetzt einige Episoden seines langweiligen Lebens, ich ahnte bereits was jetzt kommen musste, und genau, nach einigen Sekunden schlief ich ein.


Tag 4
Flug; Nach Hamburg. Sitzplatz 22a, viel Platz um mich herum. Die Tabletts vor den Passagieren im Sitz des Vordermannes werden durch eine kleine blaue Klammer festgehalten. ich drehe sie zur Seite und das graue Plastiktablett fällt auf meine Beine. Ich versuche von oben herab mir bekannte Punkte auf dem Boden zu erkennen. Die A3, der Rhein, das Bayer-Hochhaus., ansonsten sieht alles gleich aus. Kurz vor dem Start hatte ich eine sms bekommen. Hungry for you, Sehr seltsam. Die Nachricht war übers Internet, Lycos, abgeschickt worden, so dass der Absender, der sich hier mit 12345 ausgab, nicht so einfach zu identifizieren war. Ich überlegte und die einzige, der hier in Frage kam, war die schöne Isolde aus der Buchhaltung .Ich hatte letztens in der Kantine mit ihr rumgeschäkert und ich fand sie ziemlich scharf. Im Allgemeinen wurde sie in der Firma als die unnahbare bezeichnet; eine Aura des Geheimnisvollen umgab sie. Schwarze halblange Haare, lange Beine, kleiner Busen. Ich hätte gute Lust, sie mal anständig zu vernaschen.. Ob sie es war, die mir geschrieben hatte?
Gleich nach der Landung in Hamburg wählte ich ihre Nummer im Büro und fragte sie direkt, ob sie mir eine sms geschickt hätte.
Natürlich war die Antwort: nein, ich hatte es nicht anders erwartet.
Ich sprach noch ein paar belanglose Worte mit der schwarzen Schönen, beendete das Gespräch und es vergingen keine 10 Minuten, bis ich eine weitere sms auf meinem Display sah:
Still hungry, mein kleiner Prinz.
Da wusste ich es, das sie es war .und ich freute mich schon jetzt auf den morgigen Tag im Büro.
Der Grund meiner Reise nach Hamburg war ein Gespräch mit dem alten Karger, ein netter Produktmanager eines Industrieunternehmens, mit dem wir schon seit Jahren zusammenarbeiteten. Karger war in Ordnung und wir gingen erst mal in das Flughafenrestaurant und bestellten uns was anständiges zu essen.
Wie hingen dort einfach rum und erzählten uns was und mir fiel das alte Kinderlied ein: Drei Chinesen mit dem Kontrabass, die saßen auf der Strasse und erzählten sich was...
Karger erzählte mir von seinen nächsten Projekten, in die ich auch eingebunden war. Unsere beiden Firmen entwickelten in einem Jointventure gemeinsam Maschinenbauteile für eine Firma in Südamerika...

Tag 5
Wenn Ihr wissen wollt, wie es weitergeht, schreibt mir. Es ist der Anfang meines neuen Buches...

__________________
Chippo

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GabiSils
???
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Hallo Paul,

wird das die Fortsetzung zur Schloßallee? Ich mag Deinen Stil, er liest sich flüssig und ist schön trocken.

Mir scheint das Buch auch wichtig, ich werde meinen Mann zwingen, es zu lesen :-)

Gruß
Gabi

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NILIDIME
Hobbydichter
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Hallo Chippo,
ein vielversprechender Anfang. Mach weiter!
Aber wer bist Du? Von Dir erzählst Du kaum etwas in der Story. Bist Du verheiratet, wie alt??
Wenn Du an ein paar kleinen Anregungen zu Deiner Story interessiert bist, schick mir eine mail.
Viele Grüße
Ni li Di me

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knychen
Routinierter Autor
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Hallo Chippo
schöne Geschichte, mit Sicherheit, aber als Fernfahrer, der bei bekannten Ortsnamen sofort eine Landkarte vor Augen hat, stellt sich mir eine Frage.
Geflogen wird am Anfang nach Stuttgart, zwecks Besprechung in den Adler-Werken, der Landeanflug hat jedoch das Ziel München und etwas außerhalb liegen dann auch die bewußten Werke. Nun ist die Entfernung von München nach Stuttgart nicht weit wenn man sich die Unendlichkeit des Universums betrachtet, aber irgendwie beißt sich das doch, oder?
bin trotzdem gespannt, wie es weitergeht.
Gruß knychen
__________________
kny

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Chippo
Wird mal Schriftsteller
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München oder was?

knychen, Du hast ja recht. War im Manuskript noch nicht geändert. Der Text war sozusagen noch ofenfrisch.Trotzdem danke für den Hinweis.Werde die Maschine einfach kurzfristig nach München entführen lassen, dann stimmts dann wieder. Chippo
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Chippo

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