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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
2. Kapitel "Scharlatane, Schurken und Schamanen"
Eingestellt am 30. 01. 2001 10:03


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Tobias
Hobbydichter
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2. Lahme Fl├╝gel

ÔÇ×Ich hau┬┤ einfach ab, Baba-life!ÔÇť sagte ich und knallte mit ungewollt heftiger Bewegung den H├Ârer auf. Hilflos sa├č ich da, atmete sto├čweise, wie in Panik. Mein Gesicht hatte sich zu einer sp├╝rbaren Grimasse verzogen, die meine innere Zerrissenheit plastisch greifbar machte. W├Ąhrend sich mein Puls schier unaufhaltsam beschleunigte, sah ich mich, wie aus mir selbst herausgetreten, da zusammengesackt auf dem durchw├╝hlten Bett hocken. Bis an die Grenze des Ertr├Ąglichen gepeinigt von den unabl├Ąssig kollidierenden Gedanken, die mit panischer Geschwindigkeit durch meinen gemarterten Kopf rasten.
Viel zu laut und aufdringlich klingelt das bl├Âde Ding Sekunden sp├Ąter erneut, zerrt mich gewaltsam zur├╝ck in ein Jetzt, das ich nicht wahr haben wollte. Widerwillig hebe ich trotzdem ab, melde mich aber nicht. Kann mir ja ohnehin denken, wer dran ist. Einige bange Sekunden Stille, dann h├Âre ich Anettes vertraute Stimme, fast flehend: ÔÇ×Ey, Mann, mach┬┤ jetzt bitte keinen Schei├č, ja?ÔÇť Sie wartet ab, ich erwidere aber nichts. ÔÇ×Ich komm┬┤ gleich vorbei.ÔÇť Setzt sie mit fragendem Ton fort, dann folgt wieder eine gespannte Pause. ÔÇ×O.k.?ÔÇť Sorge schwingt jetzt in ihrer bebenden Stimme, als bef├╝rchte sie, ich sei l├Ąngst schon ├╝ber alle Berge. ÔÇ×Ja, jaÔÇť sto├če ich schlie├člich heraus. Dabei klinge ich genervt, was ich gar nicht beabsichtige, es ist ja nicht ihre Schuld. Blo├č nicht die Nerven und damit die letzten Freunde verlieren. Hastig versuche ich ÔÇ×Du bist echt liebÔÇť so ├╝berzeugend wie m├Âglich anzuf├╝gen. Aber sie hat l├Ąngst schon eingeh├Ąngt, sich die Jacke ├╝bergestreift und die Haust├╝r ohne abzuschlie├čen hinter sich zugeknallt. Wird gleich hier sein, sind kaum zehn Minuten Fu├čweg.
Irgendwie freut mich ihre Anteilnahme. Aber gleichzeitig f├╝hle ich mich eingeengt, verletzt in meiner Autonomie als Todkranker meine verbleibende Zeit so auszuleben, wie ich es f├╝r richtig hielt. Aber was ist schon richtig in dieser ausweglosen Situation? ÔÇ×Gottverdammter Schei├čÔÇť br├╝lle ich in die Leere um mich. Sie hat ja recht, irgendwie jedenfalls, ├╝berlege ich. So einfach mir nichts dir nichts abhauen, das ist nat├╝rlich nicht mein Ernst. Kann es einfach nicht sein. Aber was sollte jetzt auch noch einfach sein? Ich seufze laut und herzzerrei├čend. Stelle unmittelbar fest, wie wenig ich mich leiden kann in meinem Selbstmitleid. Meine Gedanken schlagen doppelt und dreifache Loopings. Reflexhaft springe ich aus dem Bett auf, gehe zum Fenster. Mit verschr├Ąnkten Armen blicke ich in das trostlose Grau des Kalker Hinterhofs. Die Wohnung, so was musste man k├╝ndigen, die M├Âbel einlagern. Nein, gleich entsorgen. Es w├╝rde sowieso eine Reise ohne Wiederkehr sein. Meine Mutter. Die Arme. Litt sicher mehr als ich. So ┬┤n Quatsch, denke ich ├Ąrgerlich. ÔÇ×Das ist dann wohl kaum mein ProblemÔÇť sage ich erneut seufzend zu mir selbst. Und, klar, Maiko. Ach. Wenigstens eine Erkl├Ąrung war ich ihr wohl unausweichlich schuldig. Ach, leckt mich doch alle! In letzter Konsequenz war jeder mit sich selbst allein. Sp├Ątestens im Angesicht des Todes fallen die Masken. Diese drecks Erkrankung. So sch├Ân das ja w├Ąre, von allem losgel├Âst nur mit ein paar Flocken und ┬┤nem Pass, ab auf den Berg und in die H├Âhle. Aber, ein Schreck f├Ąhrt mir durch Mark und Bein, w├╝rde ich es ├╝berhaupt noch dahin schaffen?
Ich hatte zwar von irgendwem geh├Ârt, dass man jetzt in mein geliebtes Hochlandtal eine Stra├če gebaut hatte, wollte mir das aber nicht so recht vorstellen. Zu sehr kollidierte es mit meiner jetzt so wichtigen Erinnerung an jene so unvorstellbar ungest├Ârte Idylle. Und selbst wenn, denke ich weiter, selbst wenn sie dieses waghalsige Unterfangen tats├Ąchlich durchgezogen haben sollten, ohne dass ihnen die Br├╝ckenpfeiler an den steilen H├Ąngen durch die Wucht des Monsuns eingest├╝rzt waren, selbst wenn, nie w├╝rden sie bis ganz oben, dort, wo die hei├če Quelle war, wo die Saddhus genannten Wanderasketen in ihren H├Âhlen hausten, wo ich mein Leben in Frieden beschlie├čen w├╝rde. Nein. Niemals, bis dorthin konnte doch unm├Âglich eine Stra├če auch nur geplant sein? Wenigstens einige Stunden w├╝rde ich also ├╝ber unebene Pfade bergauf kraxeln m├╝ssen, bevor ich mich endlich erleichtert am Lagerfeuer der heiligen M├Ąnner niederlassen k├Ânnte. Und dann?
Ich konnte beim besten Willen nicht sagen, was daran mich eigentlich so faszinierte, in mir eine tiefliegende romantische Ader anzapfte, die eigentlich so gar nicht zu meinem k├╝hlen rationalen Kopf passen wollte. Schon in der Schulzeit, ich erinnerte mich ganz deutlich, f├╝nfte Klasse, bei der todtrockenen Frau Oeshey, hegte ich eine sonderbare Affinit├Ąt zum steinzeitlichen H├Âhlenmenschen. Mit Begeisterung st├╝rzte ich mich auf Exkursion ins nahe dem Museum des Neandertals gelegene B├Ąchlein, um mit h├Âchster Konzentration nach einem Faustkeil zu sp├Ąhen oder sogar selbst zu versuchen, mit einem verdorrten St├╝ck Rinde und einem Ast ein wenig Glut zu erzeugen, bis die Finger lahm wurden. Geschichte, ein Fach das mich k├╝nftig immer zu Tode langweilen w├╝rde, weil das alles so urlange her war und nichts mit mir zu tun haben schien. Als es aber um das m├╝hsame Leben des H├Âhlenmenschen ging, da kam ich voll in Fahrt. Vor meinem geistigen Auge, das gew├Âhnlich in straffen Strukturen projizierte und h├Âchst selten in plastischen Bildern f├╝hlen konnte, entstanden ganze Traumwelten romantischster Steinzeitphantasie. Wie die das Feuer kultiviert hatten! Schl├Ągt w├Ąhrend eines eiszeitlichen Unwetters ein gewaltiger Blitz in einen knorrigen Urzeitbaum ein. Mit dumpfem Hall schl├Ągt die Krone auf den starr gefrorenen Boden, der geborstene Stumpf brennt lichterloh. In der N├Ąhe kauern ein paar fellbekleidete Gestalten mit derben Gesichtern in ihrem Unterschlupf und schlottern vor K├Ąlte. Der verkohlte Baumstumpf glimmt noch knisternd, als der Regen, der bereits ihre H├Âhle zu ├╝berfluten drohte, endlich nachl├Ąsst. Jemand l├Âst sich aus der Gruppe, wagt es zaghaft, sich dem dampfenden Etwas zu n├Ąhern. Begreift schlie├člich, nachdem er sich zun├Ąchst die Hand versengt hat und schreiend zur sch├╝tzenden H├Âhle zur├╝ck gerannt war, wagt sich erneut vor und sammelt die Glut, tr├Ągt sie im Lederbeutel zur Lagerstatt. Staunend dr├Ąngelt man sich um die Leben verhei├čende W├Ąrme, mit der man rasch den Umgang lernt. Und bald schon riecht es ├╝berall im Neandertal nach gebratenem Mammut. Eine Spezialisierung entsteht, der Feuerw├Ąchter. Er (bzw. Sie, ist ja klar. In meiner kindlichen Vorstellung handelte es sich aber glasklar um einen b├Ąrtigen Mann mit zotteligen Haaren.) sorgt daf├╝r, dass das W├Ąrme spendende Medium nicht stirbt, h├╝tet die geheimnisvolle Kunst es zu pflegen, wie seinen Augapfel. Der erste Schamane. Ein schlauer Fuchs, erobert er doch eine komfortable Position: gebraucht und gef├╝rchtet, von seiner Sippe unweigerlich mit der geb├╝hrenden Ehrerbietung und Respekt behandelt ...
Eine gute Freundin, die sich schon zu jenen Schulzeiten intensiv mit Esoterik, namentlich dem Rebirthing besch├Ąftigte, veranlasste mein Bericht ├╝ber diese eigenartigen romantischen Regungen mal zu der Mutma├čung, dass ich eine alte Seele sei, die schon seit eben diesen Urzeiten auf dem Planeten weilte. Dabei zwinkerte sie mir verschw├Ârerisch zu, als sei ihre Vermutung eine Art Auszeichnung. ÔÇ×Nicht besonders weit gekommen seitdem, was?ÔÇť hatte ich ihre Bemerkung sp├Âttisch abgetan, denn f├╝r derartigen spekulativen Unsinn hatte ich wirklich nicht das geringste ├╝brig. Selbst, wenn all der Kram, den sich die Gruppe, zu der ich durch Sanni kurzzeitig Kontakt pflegte, zurechtspann, Wiedergeburt und so, zu beweisen gewesen w├Ąre, was h├Ątte es mit mir, dem heutigen mir zu tun? Eben. Nichts. Ebenso wenig, wie Karl der Gro├če, Otto der Gefr├Ą├čige und wie sie alle sonst noch hei├čen mochten. Solche Information taugte schlichtweg nicht zur Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten. Jede weitere Vertiefung war somit reine Zeitverschwendung. Meinte ich jedenfalls. Nichtsdestotrotz, der Gedanke an eine m├Âgliche fr├╝here Existenz schlug irgendwie trotzdem Wurzeln. Nat├╝rlich nur als rein hypothetisches Denkmodell, das versteht sich ja von selbst. Hatte ich vielleicht durch eine zuf├Ąllige Kombination einen hohen Anteil origin├Ąrer Neandertaler-DNS abbekommen, so dass meine Zellen eine Art genetische Erinnerung wachrufen konnten? Faszinierend. Damit k├Ânnte man eine ganze Reihe au├čergew├Âhnlicher Ph├Ąnomene erkl├Ąren. Oder so ├Ąhnlich. Und damit verga├č ich die ganze Sache zwischen Pubert├Ąt und Abiturpr├╝fung, legte sie ab in der Schublade mit der Aufschrift `nicht relevant┬┤.
Bis ich dann, viel sp├Ąter und g├Ąnzlich unerwartet, die eingestaubte Liebe zum H├Âhlenmenschen bei meinen Reisen durch den Himalaya, die mich letztlich auch in jenes unbeschreiblich sch├Âne Hochgebirgstal f├╝hren sollten, wiederentdeckte. Denn die sogenannten Saddhus, besitzlose Wanderm├Ânche, mit denen ich hier und da wie zuf├Ąllig in Kontakt kam, sie h├Ątten gut und gern direkt meiner kindlichen Steinzeitvorstellung entsprungen sein k├Ânnen. Mit ihren zu langen W├╝rsten verfilzten Zottelhaaren, den ungestutzten B├Ąrten, als seien sie direkt einer Zeitmaschine entstiegen. Dazu die gew├Âhnlich orangefarbene, derbe Baumwollkluft, die keinerlei Anzeichen von Taschen, Kn├Âpfen und ├Ąhnlichen modernen Accessoires zeigte, sondern ganz ohne jede Naht ein einziges, kunstvoll gebundenes St├╝ck Stoff war. Filmreif erg├Ąnzt durch die einem Tanga ├Ąhnelnde Unterhose, die ebenfalls aufwendig geknotet werden musste. Dazu noch den obligatorischen Umh├Ąngebeutel, der wahrscheinlich all das enthielt, was ein Asket zum Leben ben├Âtigte. Wahrscheinlich sogar das St├╝ck Leder, in das dereinst die hei├čen Kohlen gewickelt worden waren! Oft begegnete ich einem dieser seltsamen Wesen. Nicht immer gelang die Kontaktaufnahme, h├Ąufig wurde ich unwirsch abgewiesen. Hatte ich aber das Gl├╝ck, an einen Auskunftsfreudigen Vertreter geraten zu sein, dann war ich wie im Rausch brennend daran interessiert zu erfahren, welche Lebensphilosophie sich dahinter verbergen mochte, in moderner Zeit ein derart entbehrungsreiches Leben zu f├╝hren.
Einmal, es war in Benares, an den Ghats am heiligen Ganges, dort wo die Toten verbrannt werden und gaffende Touristen mit ihren penetrierenden Kameraobjektiven l├Ąngst schon keinen Zutritt mehr hatten, war es mir trotz alledem gelungen mich im schemenhaften Halbdunkel des aufglimmenden Morgenrots mit einer Gruppe Indern durch die verwinkelte Gasse hineinzuschleusen. Alsbaldige Entdeckung f├╝rchtend trat ich deshalb nicht auf den allzu freien Verbrennungsplatz, sondern hielt mich gleich rechts, entlang einer Backsteinmauer. Suchte aufgeregt nach einer unauff├Ąlligen Ecke, damit man mich erst m├Âglichst sp├Ąt bemerken w├╝rde. Hier hinten stand etwas erh├Âht und ├╝ber ausgetretene Stufen zu erreichen ein Pavillon, der mir als Versteck geeignet schien. Ohne weiter zu ├╝berlegen sa├č ich schon mit dem R├╝cken zur Wand in der hintersten Ecke an einem sp├Ąrlich z├╝ngelnden Feuer. Ich mutma├čte, dass es sich hier also um einen ├╝berdachten Lagerplatz f├╝r Saddhus handeln musste und schaute scheu umher. Schemenhaft konnte ich bald die Umrisse eines Saddhu erkennen, der an der Wand im rechten Winkel von mir hockte. Er hatte mich nat├╝rlich gleich bemerkt und beobachtete mit ungl├Ąubig hochgezogenen Brauen, wie ich vor dem Hinsetzen dem Feuer, das ├╝berall ├╝bereinstimmend von allen Saddhus als heilig bezeichnet und behandelt wurde, meine Ehrerbietung zu Teil werden lies, bevor ich mich setzte. Freundlich aber bestimmt gab er mir zu verstehen, dass Ausl├Ąnder nicht erw├╝nscht seien, mit ihren respektlosen Fotoapparaten, Schuhen an den F├╝├čen und was nicht alles. Mit v├Ąterlichem Wohlwollen musterte er mich im flackernden Schein der vereinzelten Flammen, aus seinen unvergesslich glasklaren Augen, die viel j├╝nger und wacher zu sein schienen, als das der Rest seiner vom Alter gebrochenen Erscheinung erwarten lie├č.
Ich versuchte ihm klar zu machen, dass ich kein Tourist mit Kamera war und konnte durch das Rezitieren einiger Spr├╝che, die ich anderswo aufgeschnappt hatte, scheinbar glaubhaft machen, dass ich durchaus das Recht hatte, dort zu sitzen. Er jedenfalls lie├č mich gew├Ąhren, dr├╝ckte die Wirbels├Ąule kerzengerade durch und schloss die Augen, als meditiere er. So bekam ich die f├╝r Ausl├Ąnder wohl h├Âchst seltene Gelegenheit, meinen Blick ungehindert ├╝ber den Verbrennungsplatz schweifen zu lassen, der jetzt zunehmend in das warme rote Licht der aufgehenden Sonne eintauchte. Am nachhaltigsten blieben mir allerdings nicht die deutlich in den Flammen erkennbaren K├Ârper in Erinnerung, die eigenartig unwirklich wirkten, wie im Film, oder die selbstverst├Ąndliche Gelassenheit, mit der die Angeh├Ârigen die verkohlten ├ťberreste in den Ganges schaufelten. Was sich am tiefsten eingrub war diese scheinbar selbstmitleidsfreie Ruhe aller Anwesenden. Dieses bei uns so v├Âllig abhanden gekommene Annehmen des Todes als unausweichlichem Bestandteil des Lebens, ein klagloses Trauern. So wunderbar nat├╝rlich und frei, unbehaftet von unseren kl├Ąglichen Versuchen, den Tod zu verstecken, mit Schminke zu ├╝bert├╝nchen, um ihn zu ignorieren. Hier war tot tot. Und mit den Strudeln, die die Asche im tr├╝ben Wasser des Flusses nachzeichnete, war die Sache erledigt. Kein Grabstein zwang die Hinterbliebenen sich r├╝ckw├Ąrtsgekehrt der Vergangenheit zu erinnern, statt vorw├Ąrtsorientiert im Jetzt zu leben. In dem Moment, da mir gewahr wurde, wie t├Âricht und lebensfern unser abendl├Ąndischer Totenkult war, beschloss ich, dass es nach meinem Ableben nichts geben sollte, das an mich erinnern w├╝rde.
Bei├čend stieg mir der Rauch des Lagerfeuers in die Augen. Auf der Zunge hinterlie├č er einen eigenartig staubigen, leicht s├╝├člichen Nachgeschmack. Der war m├Âglicherweise von den Scheiterhaufen herbeigeweht worden, ein unangenehmer Gedanke. Ich ├╝berlegte schon, ob ich nicht bereits die Nase voll hatte und gehen sollte, solange mich noch niemand entdeckt hatte. Doch im gleichen Moment ├Âffnete der steinalte Saddhu seine Augen und wandte sich an mich. Aus seinem Mund, in dem sich nur noch braune ├ťberreste von Z├Ąhnen befanden, begann er mich ungefragt zu belehren. Er berichtete ├╝ber die Besonderheiten gerade dieses Verbrennungsplatzes, die angeblich irgendwas mit lange vergagenen mythischen Ereignissen zu tun hatten, die ich mir nicht merken wollte. Als er aber schlie├člich dazu ├╝berging, die Bedeutung des Feuers zu erkl├Ąren, hing ich mit gro├čem Interesse an seinen spr├Âden Lippen. Das Feuer werde seit Urzeiten an genau dieser Stelle gen├Ąhrt. Lange noch bevor es je eine Stadt namens Benares mit ihren Ghats und Tempeln gegeben habe, sei dies bereits ein heiliger Ort gewesen. Nie sei das Feuer verloschen.
Unwillk├╝rlich musste ich an das olympische Feuer denken. Da war doch auch so was gewesen, die Flamme des olympischen Geistes musste jeweils an den Ort des Geschehens getragen werden und war bezeichnenderweise erst j├╝ngst auf dem Wege mehrfach verloschen. Die Symbolik lag auf der Hand, ich schmunzelte.
Er nun stehe in jener uralten Tradition, lenkte der Saddhu meine Aufmerksamkeit fast fl├╝sternd wieder auf sein Thema zur├╝ck. Denn er sei derjenige, dem die gewichtige Aufgabe zukomme, das Feuer, das er immerzu liebevoll `Shakti┬┤ nannte, zu h├╝ten. Nur mit Glut aus diesem Feuer, erkl├Ąrte er nuschelnd, d├╝rfe der Stapel Holz zur Totemverbrennung entz├╝ndet werden. F├╝r diesen Dienst m├╝ssten ihn die Verwandten bezahlen. Wie viel? Ja, das h├Ąnge von der Position des Verstorbenen ab. Er wiegte den Kopf und setzte fort: Bei einem armen Mann, da ├╝berreichte er die Glut auch mal umsonst. Sei es hingegen ein Reicher, da w├Ąren schon mal erhebliche Betr├Ąge f├Ąllig. Er nannte eine astronomisch hohe Summe, die mir v├Âllig aus der Luft gegriffen erschien, wie um die Wichtigkeit seiner eigenen Rolle zu belegen. Einer dieser Wichtigtuer, grummelte ich. Gleich w├╝rde er mich anschnorren.
Dennoch, er hatte mir mit seinen Ausf├╝hrungen zweifelsfrei einen tragenden Grundsatz des indischen Religionssystems erschlossen. Dass n├Ąmlich im Gegensatz zu unserer Religion keine anonyme Kirchensteuer erhoben wird, sondern dessen ├ťberleben ausschlie├člich von den direkten Gaben der Gl├Ąubigen abh├Ąngt. Korrupte Priester erhalten nichts, schlecht gepflegte Tempel verk├╝mmern zur Belanglosogkeit. Eine wunderbare Art, das Erstarren des Systems zumindest zu verz├Âgern. Was mir allerdings erst Jahre sp├Ąter aufging.
Jetzt nahm ich diese Besonderheit nur am Rande wahr, so sehr war ich eingefangen vom eint├Ânigen Gemurmel der Gebetsformeln, dem Rot des Sonnenaufganges und von den herbeigewehten dicken ru├čig schwarzen Rauchschwaden, die den Hintergrund f├╝r ein plastisches Szenario boten, das mich zusehends in seinen Bann zu ziehen vermochte. Geradezu ma├člos faszinierte mich der Gedanke, dieses Feuer, das jetzt, da der Saddhu es behutsam sch├╝rte, meine Wangen glutrot erhitzte, sei genau das Feuer, das direkt von dem zerschmetterten Baumstumpf jenes eiszeitlichen Blitzschlages meiner kindlichen Phantasie abstammte. Ich sah es f├Ârmlich vor mir, wie es von Generation zu Generation durch unz├Ąhlige ru├čgeschw├Ąrzter H├Ąnde glitt, schwebte gleichsam mit durch ├äonen von Zeiten hin zu dem ganz und gar nicht zu meiner Stimmung passender scharfen Ton, der mir unangenehm bis tief ins Mark drang. Abrupt riss der Faden und ich sah vor mir einen hageren Inder mit dunkler Haut und Schnauzbart mit wild fuchtelnden H├Ąnden stehen. Mit zornig blitzenden Augen herrschte er den alten Mann an und deutete wild gestikulierend auf mich. Offensichtlich war ihm meine Pr├Ąsenz ein Dorn im Auge. Der Saddhu erwiderte zwar kleinlaut etwas, gab mir aber gleichzeitig mit f├Ąchelnder Hand zu verstehen, dass meine Zeit nun um sei. Ich sprang auch sofort auf die F├╝├če, verlie├č den Platz allerdings nicht ohne die vorgeschriebene Drehung um die eigene Achse (die ich mir irgendwo abgeguckt hatte) und die respektvolle Verbeugung vor heiligem Mann und heiligem Feuer. Mit weichen Knien machte ich mich schleunigst von dannen. H├Ąmisch freute mich der verdatterte Gesichtsausdruck des Schnauzbarts, den ich belustigt aus dem Augenwinkel noch erhascht hatte, mein korrektes Einhalten der Etikette sprengte offenbar seine Raster.
Ich hatte es n├Ąmlich mittlerweile gelernt, mich unter den Saddhus so zu bewegen, dass man mir im allgemeinen Sympathie entgegenbrachte, denn ich verstand f├╝r einen Au├čenseiter und obendrein Nicht-Inder einigerma├čen viel von ihren Verhaltensnormen. Bei jeder Gelegenheit beobachtete ich, was zu welchem Zeitpunkt getan wurde und imitierte es einfach. Man k├Ânnte es als eine Art Respektbezeugung vor der alten Kultur bezeichnen oder, weniger wohlmeinend, schlicht ein hohles Nach├Ąffen. Denn, offen gestanden, nicht mal im Ansatz verstand ich die dazugeh├Ârige Religion mit ihrem schier unendlichen G├Âtterpantheon, ich wollte es auch gar nicht. Meine Sympathie galt den Saddhus und das Einhalten gewisser Formen hatte sich als Schl├╝ssel dazu erwiesen, von Ihnen nur selten abgewiesen zu werden. So irrational meine z├Ąrtliche Sympathie gegen├╝ber diesen kurzen Einblicken, die ich ├╝ber die Jahre erhalten durfte, f├╝r meine sonst so n├╝chterne Logik war, um so mehr passte dazu die unbewusste Abneigung diese unergr├╝ndliche Gef├╝hlsregung durch Wissen zu kategorisieren. Dieser Prozess, dessen Anfang noch vor meinem Schulabschluss zu finden war, hatte klammheimlich daf├╝r gesorgt, dass sich neben dem weltoffenen Rationalist ein schw├Ąrmerischer Romantiker eingenistet hatte. Tief in meinem Herz war der Mystiker erwacht. Die wenngleich sporadischen Ber├╝hrungen mit den heiligen M├Ąnnern, dieser extremen Str├Âmung der hinduistischen Kultur, hatten mich ergriffen und Zwiespalt in mein Innerstes getragen.

Das erste mal, dass ich einen echten Saddhu treffen durfte, das war mit gerade zwanzig in Nepal.
Damals, es war 1988, war Katmandou noch nicht wie heute zu einer Art Au├čenposten der Disneylandkulisse verkommen. Die Stra├čen der Altstadt waren gerade erst im zweiten Jahr elektrisch erleuchtet. An jeder Ecke roch es f├Ârmlich noch nach dem Ru├č der Fackeln aus versunkener Zeit. Saddhus wurden nicht als arbeitsunwillige Schnorrer betrachtet, sondern waren heilige M├Ąnner mit gewichtiger Funktion. Schw├Ącher werdend loderte noch der Geist des einst stolzen K├Ânigreichs mit seiner selbstgen├╝gsamen Geisteshaltung.
Im gesamten Stadtgebiet war kaum je das Hupen eines Autos zu h├Âren, der Himmel war klar und hatte jenes tiefe dunkle Blau der Gebirgswelt, das sich mit jedem H├Âhenmeter verdichtet und mehr und mehr dem unergr├╝ndlichen Schwarz des Universums angleicht. Von dem erst k├╝rzlich zum neuen Touristenzentrum avancierenden Tamel zum Dubarsqaure, dem Hauptplatz gleich beim alten K├Ânigspalast, war man mit dem Fahrrad durch die schmalen Gassen auf holprigem Untergrund in gerade mal zehn Minuten geradelt. Eine angesichts des tosenden Verkehrschaos heute unvorstellbare Traumzeit, die vielleicht noch mitten in der Nacht erreichbar sein k├Ânnte. Kein Smog, der scharf die Nase reizt. Jede Nische ein Geheimnis. Sp├Ąrlich beleuchtete Seitengassen, k├Ąrgliche Teebuden, ├╝berall knisternde Mystik. Auch die ÔÇ×PigalleyÔÇť, die schmutzigste Stra├če Katmandous ???TEMPELBAU??? hie├č nicht ohne triftigen Grund so und der Euphemismus, sie Piealley zu nennen, war noch nicht aufgekommen.
Freundliche Menschen traten einem ├╝berall aufgeschlossen und interessiert entgegen, beantworteten geduldig auch die obskursten Fragen des Reisenden, machten sich aus Freude am eigenen Leben gern zum F├╝hrer und verabschiedeten sich als Freunde. Die letzten Zuckungen eines gro├čartigen Kulturerbes, das zwischenmenschliche Beziehungen ganz anders zu definieren wusste, als durch unsere herzlos-modernen, angebliche Notwendigkeiten der Wirtschaftlichkeit. Ein selbstgen├╝gsames Land wie gesagt, dazu f├Ąhig sich am Gegebenen zu erfreuen, statt dem M├Âglichen hinterherzuhasten. Ein weises Land, in dem Zeit haben als das hohe Gut galt, nicht Effizienz und das ewige Streben nach mehr. 1988, kurz vor dem massiven Einsetzen der viel beschworenen Globalisierung, die nur ein anderes Wort war f├╝r die grausamen Riten der gierig um sich greifenden neuen Religion, dem Kult des furchterregenden Gottes Geld. ???Geldgott??? Zum gro├čen Bedauern meiner romantischen Ader geh├Ârt das materialistische Glaubensbekenntnis nun unumst├Â├člich auch zur nepalesischen Litanei ...
Auch die von den Einwohnern selbst liebevoll `Freakstreet┬┤ (da die Nepalesen scharfe Konsonanten am Silbenanfang nur schwer aussprechen k├Ânnen, klingt das Wort aus ihrem Mund noch niedlicher: Freak-i-street) getaufte kleine Stra├če an der R├╝ckseite des Palastes, nahe dem Hauptplatz verdiente ihren Namen noch. Hier wimmelte es nur so von den buntesten Paradiesv├Âgeln. Auch die m├Ąnnlichen Vertreter dieser Spezies schm├╝ckten sich ├╝ber und ├╝ber mit Ringen, Ketten, Amuletten und Ohrringen aus Silber und schwerem Halbedelstein. Kunstvoll bestickte Westen und fransige T├╝cher aus leichter Baumwolle um die Stirn gebunden geh├Ârten zum obligatorischen Outfit. So behangen und fast ausnahmslos langhaarig wirkten sie allesamt, als seien sie direkt dem Musical `Hair┬┤ entsprungen. Wie sie mit wiegendem Schritt und wehenden Gew├Ąndern da langstolzierten, sich untereinander gr├╝├čend oder ein kurzes Schw├Ątzchen haltend, als sei man hier zu hause.
Vermochte die Reise in die andere Kultur zu fesseln, so war es zumindest f├╝r mich dieser v├Âllig unerwartete Zeitsprung, der zu den bleibendsten Erinnerungen z├Ąhlen w├╝rde. Fasziniert lauschte ich Geschichten von `damals┬┤, als die Beatles selbst angeblich irgendwo im Himalaya am Lagerfeuer sa├čen, und merkte mir bis dahin unbekannte Namen wie Tim Leary und die Merry Pranksters. Leute aus diesem `damals┬┤, die eigenartig pr├Ąsent und immens wichtig zu sein schienen. Unmerklich sachte wurde ich eingeh├╝llt in ein lebendiges ├ťberbleibsel eines eigentlich vergangenen Zeitabschnittes, der das `here and now┬┤ zu seinem Motto erkl├Ąrt hatte. Dies in offenkundiger Anlehnung an die Weisheiten der ├╝berlieferten Traditionen des indischen Subkontinents. Wie ich erfuhr war die Freak(-i-)street in den fr├╝hen Sechzigern eine der ersten Anlaufstellen jener au├čergew├Âhnlichen Generation gewesen. Auf der Suche nach Alternativen war f├╝r die revoltierende Jugend das Erforschen anderer Kulturen fr├╝her oder sp├Ąter zwangsl├Ąufig. Man war geleitet von dem Wunsch, in die andere Kultur einzutauchen, sie wahrhaftig von innen zu erfahren und m├Âglichst mit ihr zu neuer Einheit zu verschmelzen.
Und zu der Zeit, da ich durch das sich wandelnde Katmandou streifte, war die Freakstreet ein Refugium f├╝r solche Menschen mit dem erhabenen Geist jener Bem├╝hungen um Synthese. Kurz bevor sich dieser verfl├╝chtigte und nichts als leere Phrasen und Kulisse hinterlie├č. Einem neuen Geist wurde Platz gemacht, dem Geist der Globalisierung mit ihrer ganz anderen Art des Reisens, dem Abenteuertourismus. Lediglich danach trachtend, Fremdartigkeit als Attraktion zu konsumieren, um den m├╝den, reiz├╝berfluteten Nerven noch ein kleines Kitzeln abzutrotzen. Aber das ist wirklich eine Geschichte f├╝r sich ...
Was mich selbst betraf, so hatte ich zun├Ąchst mit diesen archaisch anmutenden ├ťberresten wenig gemein. Die Freakstreet kam mir vor wie ein Zoo und ich glaubte zu wissen, auf welcher Seite der Gitterst├Ąbe ich mich befand. So entsprach mein Vorhaben denn auch ganz und gar dem Zeitgeschmack des aufkommenden Rucksacktourismus: Bergwandern, Neudeutsch: Trekken. M├Âglichst extrem. Je h├Âher, je weiter, je besser. In dieser Saison war gerade der Jompson Treck erstmalig freigegeben worden, und so h├Ątte ich also mit nahezu unber├╝hrtem Originalnepal in Kontakt treten k├Ânnen, doch verpasste ich die Chance in meinem blinden Exotikwahn. Denn Jompson, das klingt eben nach nichts besonderem, barg nicht den rechten Reiz, den der Extremtourismus fordert. Au├čerdem hie├č es obendrein, der Weg sei beschwerlich und die Versorgung ├Ąu├čerst schlecht. Das klang nach Reis und Linsen, Reis und Linsen, Reis und Linsen. Wer wollte das schon? Was ein richtiger Trekker ist, der trinkt schon mal gern eine Cola im Gegenlicht der untergehenden Sonne und l├Ąsst sich dabei fotografieren. So war es quasi vorbestimmt, dass die Wahl auf etwas wohlklingenderes fallen sollte: Mount Everest. Basecamp, f├╝nftausenddreihundert Meter ├╝ber Null. Das macht doch was her! Mount Everest Basecamp, jawohl. Und so entschied ich mich nach kurzer Beratung in einem der wie Pilze aus dem Boden schie├čenden Trekkingl├Ąden, wo man die notwendige Ausr├╝stung leihen konnte, f├╝r diese Variante. F├╝nftausenddreihundert Meter ├╝ber dem Meeresspiegel, das sollte es sein.
Nat├╝rlich hei├čt weder der Jompson Jompson noch der Everest Everest. Das sind nur die eher willk├╝rlichen Namen aus der Zeit arroganter Kolonialisten. In der Vorstellungswelt der Nepalis hat jeder Berg seine spezielle Bedeutung. Animistische Ideen, also die Gleichsetzung eines Berges mit einer personifizierten Naturgewalt, flie├čen hier m├╝helos zusammen mit der Mannigfaltigkeit des hinduistisch und tibetobuddhistischen Pantheons. Um sich interessanterweise in synergetischer Symbiose letztlich mit modernen Konzepten wie dem Umweltschutz zu assoziieren. Denn bis heute ist es von der Regierung noch niemand genehmigt worden, den Machapuchare (den wir lieblos Fishtail nennen, weil er von einer Seite aufgrund seines Doppelgipfels tats├Ąchlich ein bisschen wie ein Fischschwanz aussieht) zu besteigen. Das war in alter Zeit begr├╝ndet mit seiner erhabenen Heiligkeit, wohingegen heute haupts├Ąchlich mit Erw├Ągungen des Naturschutzes argumentiert wird. Gegen eine finanzstarke Bergsteigerlobby, die ach so gerne auch diesen jungfr├Ąulichen Berg `bezwingen┬┤ m├Âchte. (Ich denke mit Mitgef├╝hl an die bedauernswerten Gemahlinnen der M├Ąnner, die solches Vokabular zur Beschreibung ihrer Sportart verwenden ...)
Wer mal wie ich bei dieser `Expedition┬┤ die M├╝llberge gesehen hat, die eine einzige der unz├Ąhligen Gipfelst├╝rmerattacken hinterl├Ąsst, wird seine Meinung ├╝ber die propagierte Reinhold-Me├čmer-Idylle geh├Ârig ├Ąndern und sich mehr oder minder meiner ann├Ąhern: n├Ąmlich das Bergsteigen eine widerliche Freizeitbesch├Ąftigung f├╝r Geistesgest├Ârte ist. Da werden Tonnen an Material von krummgebeugten Sherpas ins Gebirge getragen, zehntausende von Mark pro Expeditionsmitglied ausgegeben und alles, wirklich alles, was man f├╝r dieses zweifelhafte Vergn├╝gen braucht, Zelte, Spezialnahrungsverpackung aus Alu und Plastik, ganze Gaskocher, neuwertige Schlafs├Ącke, einfach alles bleibt dann dort liegen, wo es zuletzt benutzt wurde. Der Auftrag an die Tr├Ąger, den Mist wenigstens wieder zu Tal zu tragen, w├╝rde vielleicht ein paar unwesentliche Mark mehr kosten, aber in der Gipfelst├╝rmereuphorie wird eine solche Kleinigkeit gew├Âhnlich ├╝bersehen. Man kommt ja nur h├Âchst unwahrscheinlich ein zweites Mal, ist ja schon auf dem Weg, die n├Ąchste Jungfrau zu bezwingen. Bis zu drei solch waghalsiger Expeditionen t├Ąglich muss der Saggarmatha, wie der Mount Everest wirklich hei├čt, heute ├╝ber sich ergehen lassen. Als ich das Basecamp erreichte war es vielleicht eine oder zwei die Woche. Und trotzdem, das M├╝llfeld das sich mir darbot war das Erb├Ąrmlichste, was ich bis dahin gesehen hatte. Erb├Ąrmlich, weil so einfach zu vermeiden. Ich will gar nicht wissen, wie es da heute aussieht.
Gesegnet sei mir deshalb jener helle B├╝rokratenkopf, der, sei es aus religi├Âsen oder aus Erw├Ągungen des Umweltschutzes, den Fischschwanz noch nicht zur H├Ąutung freigegeben hat. Wobei ich hier zugeben muss, dass derartige Einsichten nat├╝rlich nur langsam und deutlich nach dieser ersten Reise in mein Bewusstsein sickerten. Damals war ich ganz und gar geistiges Kind meiner Erziehung. Als solches neigte ich selbstverst├Ąndlich zu ├Ąhnlich schizophrenen Verhalten und warf meinen M├╝ll achtlos in die Hochgebirgswelt. (Interessanterweise kann ich mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wie ich ein Zigarettenp├Ąckchen den Hang hinunter schnippe, mein Unterbewusstsein blockiert da v├Âllig. Ich war aber starker Raucher und h├Ątte ich die leeren P├Ąckchen ins Tal zur├╝ckgetragen, daran m├╝sste ich mich doch zweifelsfrei erinnern k├Ânnen.) Dass ich dabei tats├Ąchlich noch den `tropischen Regen- und Nebelwald┬┤ durchwandert habe, ist gesicherte Tatsache, wenn auch eher Zufall denn gewollt.
Dieser wirkliche Urwald ist heute bedauerlicherweise nur noch auf den Landkarten verzeichnet. Auch hier bedurfte es einiger Jahre, bis mir aufging, wie phantastisch dieses Kleinod der Natur wirklich gewesen ist. Es war der Kontrast, als ich mich aus anderen Gr├╝nden Jahre sp├Ąter im gleichen Gebiet aufhielt und mir physisch schmerzhaft als ein Stich im Herz bewusst machte, dass diese kahlen H├╝gel noch vor wenigen Jahren dicht mit jenem sagenhaften Urwald bewachsen gewesen waren.
Massentourismus bedarf massenhaft Unterkunft, warmem Essen und, unerl├Ąsslich, warmem Wasser zum Duschen. Die Geschwindigkeit, mit der wir das Antlitz der Erde zu ver├Ąndern verm├Âgen, ist einfach atemberaubend. Der tropische Urwald ist naturgem├Ą├č auf die niederen Bergregionen begrenzt, so dass die wenigsten Trekker, schon gar nicht die Gipfelst├╝rmer, ihn je zu Gesicht bekommen h├Ątten. Denn schon einige Jahre vor 1988, als ich zum Everest vordringen wollte, bestand bereits die M├Âglichkeit, die halbe Strecke nach Lukla einzufliegen und sich dadurch den angeblich weniger imposanten Aufstieg durch den flacheren Gebirgsteil zu sparen. Aus den fr├╝her f├╝r die Tour erforderlichen drei bis vier Wochen wurden so leicht zehn Tage. Endlich passte der Trekkingtrip ins Programm gew├Âhnlicher Drei-Wochen-Urlauber. Entsprechend vervielfachte sich die Zahl der Bergwanderer in dieser Region binnen k├╝rzester Zeit.
Seit einem ├Ąu├čerst unangenehmen Zwischenfall in Indonesien, der leider hier keinen Platz finden kann, fliege ich selbst allerdings h├Âchst ungern. Je kleiner die Maschine, um so ungem├╝tlicher wird mir. Propeller erinnern mich grunds├Ątzlich an sprotzende, Rauchschwaden verbreitende Unget├╝me aus den Katastrophenfilmen meiner Kindheit. Der Gedanke, mit so einem klapprigen Propellerger├Ąt auch noch ├╝ber die haifischzahngleichen Bergkuppen nach Lukla zu schaukeln, veranlasste mich, den erheblich l├Ąngeren Weg in Kauf zu nehmen. Zum Gl├╝ck, wie ich heute sagen darf. Da die meisten meiner artgen├Âssischen Extremtourismusfreunde alles gern im Schnellspurt durchzogen, um mehr Attraktion pro Zeit einzuheimsen, kam es so, dass ich w├Ąhrend der ersten Tage ein nahezu touristenfreies Gebiet durchstreifte. Und das, trotz der Popularit├Ąt des Everest. Nur ein oder vielleicht zweimal kam mir eine Gruppe Wanderer entgegen. Kurz, wie diese Begegnungen waren, erinnere ich mich nur schemenhaft. Ansonsten war ich allein mit mir und den immerzu freundlich winkenden Bergbewohnern, dem fabelhaften tropischen Hochlandnebelwald und der sich von ihm stetig behutsam ausbreitenden Ruhe, die tiefer und tiefer in mich einfloss und schlie├člich unbekanntes Ausma├č annahm. Tropischer Nebelwald, das Wort zergeht mir auf der Zunge. Majest├Ątische B├Ąume ungeahnter H├Âhe. Das dem rauen Bergwind trotzende knorrige Ge├Ąst sanft ummantelt von leuchtend gr├╝nem Moos. Moos, wie man es noch nie gesehen hat: Zentimeterdick, in langen F├Ąden, die bisweilen wie B├Ąrte aussahen, herabh├Ąngend, im Wind wie Wimpel flatternd. Sich Sanft ├╝ber die St├Ąmme zum Boden und ├╝ber schwere Felsbrocken ausbreitend, m├Ąrchenhaft alles einh├╝llend in unendliche Nuancen satten Gr├╝ns. Gr├╝n, gr├╝n und noch mehr davon, den m├╝den Wanderer zum Verweilen einladend. Derart in sich ruhend, als sei er ein organisches Ganzes, das sehr wohl um die Anwesenheit des Fremden wusste, vermochte der Wald einen freundlich, aber dennoch unmissverst├Ąndlich darauf hinzuweisen, dass hinter diesem unendlich gr├╝nen Vorhang, auf diesem federweichen Teppich aus Moos, Gr├Ąsern und Blumen eine M├Ąrchenwelt beginnt, die nicht gest├Ârt zu werden w├╝nscht. Man rechnete f├Ârmlich jede Sekunde damit, dass man um die n├Ąchste Wegbiegung einem jener sagenumwobenen Fabelwesen begegnen m├Âge. Ein zotteliger Yeti vielleicht, der einem ein gut gelauntes ÔÇ×NamasteÔÇť entgegenrufen w├╝rde. Oder eines jener tolkienschen Wesen w├╝rde mit pinkfarbenen Ohren zwischen dem samtweichen Moos aufschauen und seine Geschichte erz├Ąhlen ... Es war einfach phantastisch.
Ohne es richtig zu bemerken wuchsen die Eindr├╝cke dieser Tage in mich hinein und erzeugten eine schleichende Sehnsucht nach Ausgleich und Eintracht, diesem naturverbundenem Gef├╝hl der Ruhe, das so ganz im Gegensatz zu dem Dominanz- und Wettbewerbsverhalten stand, das man mir in der Schule eingebl├Ąut hatte. Solchen feingliedrigen Verschiebungen gegen├╝ber im h├Âchsten Ma├če unsensibel, schlenderte ich tr├Ąllernd durch die Tage und erfreute mich an der F├╝lle dieser gottgegebenen Stille. Kontrastiert dann um so deutlicher von dem Get├╝mmel, dass mich nach dem Erreichen Luklas zu erschlagen drohte. Wo man obendrein alle drei Meter von einem ungezogenen Kind nach Bonbons, Stiften oder eben dem obligatorischen ÔÇ×One RupeeÔÇť gefragt wurde.
Aber in jenem sph├Ąrischen Gebiet sollte ich meinen ersten echten Saddhu treffen. Besser wohl: er sollte mich treffen, mitten ins Zentrum meiner romantischen Ader. Ich erinnere mich wie gestern, es war noch ziemlich kalt. Ich war sehr fr├╝h in der Saison gestartet, schon Mitte M├Ąrz, als die P├Ąsse gerade schneefrei waren. Beschwerlich war der vom Tauwasser matschige Weg und mit jedem Meter H├Âhe wurde es deutlich k├Ąlter. Ich schwitzte des Tages, in d├╝nner Luft hyperventilierend vor mich hin stolpernd, die Haut ausgek├╝hlt vom unabl├Ąssig pfeifenden Wind. Ich fror des Nachts, feucht-klamme Kleidung in zu d├╝nnem Schlafsack in ungeheizter Absteige.
Acht Tage anstrengendes Bergauf waren so schon vergangen. Es war erst drei Uhr Nachmittags, doch war die Sonne bereits hinter den Bergkuppen verschwunden. Die eiskalte Gipfelluft str├Âmte wieder unbarmherzig herab und vertrieb das bisschen Warm des matten Fr├╝hlingstages. Noch gut drei Stunden strammer Marsch bis zum n├Ąchsten Dorf lagen vor mir, Dunkelheit drohte. Da sa├č rechts von meinem Eselspfad, leicht bergan, erh├Âht auf einem grauen Fels unter majest├Ątischen Pinien ein wunderliches Wesen. Nackter Oberk├Ârper, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, die Beine zum Schneidersitz gekreuzt, aufrecht, wie eine Statue. Kaum f├╝nfzig Meter weg von mir und doch so unendlich weit entfernt. Seine lange M├Ąhne geschmeidig ├╝ber die Schultern nach hinten gleitend hatte es sich wohl gesonnt und gar nicht bemerkt, dass die Sonne bereits verschwunden war. Ich selbst hatte mir gerade meinen zweiten Wollpullover ├╝bergezogen und die M├╝tze aufgesetzt, es war ja schlie├člich s├Ąuisch kalt und der raue Wind schwoll von Minute zu Minute an. Wieso ich da eigentlich nicht gleich innerlich geschaltet und die Besonderheit des Mannes und der Situation erfasst habe, heute ist mir das schleierhaft. V├Âllig gefesselt im verstockten Materialismus meines Schulweltbildes, dass es mir heute unvorstellbar scheint. Einen anderen als mich selbst w├╝rde ich bei solchem ignoranten Verhalten am treffendsten als bornierten Hornochsen bezeichnen.
Wer nicht an Wunder glaubt, der kann auch keine sehen. Also habe ich mich auch nicht weiter gewundert, sondern fand den Mann, ob seiner au├čergew├Âhnlichen Haartracht und Pose, ein gelungenes Fotoobjekt. Gerade erw├Ągte ich die Frage, ob ich ohne seine Erlaubnis gleich ein Foto von dem kuriosen Anblick schie├čen sollte, besann mich eines besseren und stapfte ein paar Schritte in seine Richtung. Tief sank ich in den schmatzenden Matsch des weichen Hangbodens. Ich wusste nicht recht, wie ihn ansprechen, deshalb war ich erleichtert, als er gleich zu mir r├╝ber schaute und mich freundlich winkend einlud, mich zu ihm zu gesellen. Viel Zeit glaubte ich ja nicht zu haben. Eigentlich hatte ich ja gar keine, denn ich musste vor dem Dunkel der mondlosen Bergnacht noch die n├Ąchste Siedlung erreichen. Dabei habe ich v├Âllig ├╝bersehen (und ├Ąrgere mich noch immer ein wenig dr├╝ber), dass mein Gegen├╝ber ja irgendwo in der N├Ąhe hausen musste. Sicher h├Ątte auch ich dort lagern k├Ânnen und h├Ątte zweifelsfrei Erz├Ąhlenswertes erlebt. Zumindest im Vergleich mit der M├╝llhalde, die mich am Ziel meiner Wanderung erwartete. Aber, blind, wie ich nun mal war, interessierte mich nur das m├Âgliche Foto.
Ich bot dem Baba (so die intim-freundliche Anrede f├╝r alle Saddhus) noch unschl├╝ssig vor dem etwa kopfhohen Felsen stehend eine Zigarette an. Eine Marlboro, s├╝ndhaft teures Kraut f├╝r einheimische Verh├Ąltnisse, die er auch dankbar annahm. Mit dem Feuerzeug in der Hand als Alibi kletterte ich eilig zu ihm und lie├č mich etwas steif auf dem nasskalten Fels nieder. Wir rauchten ohne weitere Worte getauscht zu haben. Viel zu sprechen gab es ohnehin nicht, denn bald stellte ich fest, dass sein Englisch gegen Null zu tendieren schien. ÔÇ×Angrezii nei samaj haiÔÇť war die Antwort auf meine Frage nach seinem Namen. So blickten wir beide in die milchig blaue Ferne. Zugegeben, es war schon ein grandioser Anblick, wie sich da das Tal bereits zur Nacht verdunkelte, w├Ąhrend die granitgrauen Berggipfel zu unserer Rechten noch in kr├Ąftigem Orange der nachmitt├Ąglichen Sonne erstrahlten. Rasant ├Ąnderte sich die Farbkomposition des Bildes vor uns, wie im Zeitraffer oder bei einer Lasershow. Besser als Fernsehen schoss mir durch den Kopf. Aber nur allzu kurz hielt mich das Schauspiel in seinem Bann, denn ich hatte ja Grund zur Eile, mahnte mein nie m├╝de werdender innerer Organisator unaufgefordert. Bei diesem Gedanken sogleich von Unrast durchdrungen wechselte ich ungem├╝tlich von einer Pobacke zur anderen.
Nach einer mir viel zu langen weiteren Weile des Schweigens versuchte ich erneut eine Konversation anzuzetteln. Wenigstens um dann nicht so ganz unvermittelt `Photo possible?┬┤ fragen zu m├╝ssen, was mir unh├Âflich vorkam. So fragte ich ihn, was nahe lag, aber mir so gar nicht nahe ging: ÔÇ×Don┬┤t you feel cold?ÔÇť und bekam auch prompt meine Antwort: ÔÇ×Don┬┤t you know, you choose?ÔÇť brummte er, drehte mir dabei den Kopf zu und riss die Augen unter den buschigen Augenbrauen weit auf, als erstaune ihn meine Frage zutiefst. Zwischen seinen wulstigen Lippen zischte Luft hervor und noch einen kurzen Moment starrte er mich tadelnd an, dann wandte er sich wieder der Ferne zu, in die er immerzu stierte.
Seine Antwort in flie├čendem Englisch, auch das ├╝berraschte mich erst im Nachhinein. Einen echten Sinn wollte mir seine Antwort jedenfalls nicht machen, ich suchte ja keine Antworten. Gedankenlos erwiderte ich ÔÇ×Ja klar, ich wei├čÔÇť. Mir war es egal, was er sagte, Hauptsache er sagte was. Ich war nur darauf erpicht, das Photo zu bekommen. Das w├Ąre ein Bild! Er m├╝sste sich zwar herumdrehen, damit statt der Bergwiese das Tal und dessen traumhaftes Farbspiel im Hintergrund w├Ąre, aber das w├╝rde ich auch noch hinbekommen. Ich stellte mir die Gesichter meiner Freunde vor, wenn dieses Bild vom Projektor auf die Leinwand geworfen w├╝rde. Mensch w├╝rden die Augen machen! Wenn es unbedingt sein musste eben gegen Bezahlung. Die Nacht im Tal vor uns breitete sich in bedrohlichen Schatten aus und kroch unaufhaltsam die Bergh├Ąnge nach oben. Ich lie├č den Gedanken, ein Gespr├Ąch zu f├╝hren schlie├člich fallen. Das war einfach zu zeitaufwendig. Mit klammen Fingern fummelte ich die Kamera aus meiner Jackentasche, erhielt aber gleich ein abweisendes ÔÇ×Nein, neinÔÇť ohne ├╝berhaupt gefragt zu haben. Alibihalber fotografierte ich v├Âllig sinnlos den riesenhaften Bergschatten vor uns und steckte den Apparat wieder ein. Jedoch nicht ohne ihm vorher die Beziehung Foto-gegen-Geld mittels einer entgegengestreckten 10 Rupee Note deutlich gemacht zu haben. Er lehnte h├Ąnderingend ab, schien unerkl├Ąrlicherweise ziemlich ver├Ąrgert. Na, mir doch egal. Das Foto, das ich mir ausgemalt hatte, gab der d├╝stere Hintergrund jetzt ohnehin nicht mehr her, Chance verpasst. Bald darauf verzog sich mein Gef├Ąhrte. Ohne Abschied war er auf der R├╝ckseite in Windeseile vom Fels geklettert und im Dickicht verschwunden.
Ich sputete mich weiter Richtung Norden. Missmutig trollte ich mich vermeintlich unverrichteter Dinge meines Weges, hier und da einen Kiesel aus dem Wege kickend. Mich fr├Âstelte am ganzen K├Ârper. Ich w├╝rde mich ganz sch├Ân ranhalten m├╝ssen, wenn ich nicht im Dunkeln vor mich hinstolpern wollte. Ich zwang meine matten Glieder zum Dauerlauf. Der Weg machte jetzt eine letzte Biegung um eine Bergkuppe. Von dort aus ging es entlang der rechten Flanke stetig bergab ins Tal. Irgendwo dort weiter unten w├╝rde die n├Ąchste Siedlung liegen, aber der Weg verlor sich in der Schw├Ąrze der Schatten. Ich hatte das dumpfe Gef├╝hl, beobachtet zu werden und sah mich um. Der Platz, an dem ich mit diesem Typ gehockt hatte, lag verlassen da. Was war das ├╝berhaupt f├╝r ein Kerl, der sich da nicht fotografieren lassen wollte?
Ich wusste nat├╝rlich aus Katmandou, dass es sich bei den M├Ąnnern in den orangenen Roben um eine Art M├Ânch oder Priester handelte, hatte mich aber nie besonders um die zotteligen M├Ąnner geschert. Eher noch waren sie mir l├Ąstig, denn sie waren noch aufdringlicher als die Bettler, von denen immer ein paar die Hotels in Tamel umlagerten. Einmal kam einer mit einladendem L├Ącheln auf mich zu, wies bedeutungsvoll auf ein Tablett, das er in der Hand hielt. Hier brannte eine kleine ├ľllampe und stand ein kleines gerahmtes G├Âtterbild. Von dem anderen Schnickschnack konnte ich so schnell nicht viel erkennen, denn kaum war ich abgelenkt, nutzte der Mann die Gelegenheit und strich mir mit einer gewandten Bewegung mit einem Finger ├╝ber die Stirn, dass ich zur├╝ckschrak. Bevor ich weiter reagieren konnte hob er die Hand mit nach oben gestrecktem Zeigefinger, als wolle er `Obacht┬┤ sagen. Ich erkannte den von schmieriger roter Masse umh├╝llten Zeigefinger als den, der mir die gleiche Masse auf die Stirn geschmiert hatte. Noch immer die Hand gen Himmel weisend erhoben sprach der Mann, der mir gerade bis zur Brust reichte, mit bassbebender Stimme ein lautes ÔÇ×Siva!ÔÇť und blickte mich an, als h├Ątte er in mir den Messias gefunden. Alsdann verwies die knorrige Hand sogleich wieder auf das Tablett, auf dem ich jetzt wie herbeigehext eine verbeulte Blechschale stehen sah, in der sich ein paar M├╝nzen befanden. Ich hatte nicht im geringsten die Absicht irgendeinem Bettler Geld zu geben, dazu hatte ich mich vor der Reise fest entschlossen. Schon gar nicht dann, wenn ich damit eine Leistung bezahlen sollte, die ich gar nicht haben wollte und die ohnehin von zweifelhaftem Wert war. Ich sch├╝ttelte energisch den Kopf und ging meines Weges, was dazu f├╝hrte, dass der Alte grimmig gestikulierend neben mir herlief. Immer wieder h├Ârte ich sein ÔÇ×Siva, Prasad, BaksheeshÔÇť, als seien es Synonyme f├╝r einen hypnotischen Befehl, dessen Inhalt etwa `Tu mal Kohle┬┤ war. Und der seine Wirkung nicht verfehlte, denn schlie├člich beugte ich mich seiner k├╝hnen Penetranz und gab ihm etwas Kleingeld.
In irgendeinem Cafegespr├Ąch irgendwo im ersten Stock eines bauf├Ąlligen Hauses entlang der Freakstreet hatte ich die Geschichte, die mich sehr ge├Ąrgert hatte, meinem langhaarigen Gegen├╝ber erz├Ąhlt, Norbert aus M├╝nchen. Der hatte mich mit einer langen Erkl├Ąrung ├╝ber diese Typen gelangweilt, deren Quintessenz zu sein schien, dass es echte Babas, wie er sie immerzu nannte und eben falsche gab. Echte waren offenbar selten und Baba blablabla, Norbert redete unabl├Ąssig wie ein Wasserfall. Ich entschuldigte mich mit meinem fr├╝hen Aufbruch zum Everest am n├Ąchsten Morgen, woraufhin Norbert meinte, wir k├Ânnten das Thema ja fortsetzen, wenn ich wieder da sei. Er jedenfalls habe nicht vor sich bald aus `seinem┬┤ Katmandou zu entfernen. ÔÇ×Ja gernÔÇť erwiderte ich mechanisch und war froh, endlich weg zu kommen. Dieses abgedrehte Gequassel von angeblich heiligen M├Ąnnern bedeutete mir sowieso nichts. Echt oder nicht, ich hatte mir meine Meinung bereits gebildet: Diese Bettelm├Ânche waren nichts als einfach nur eine abgewandelte Spielart von Bettlern. Eine Art Verkleidung, die es schwer machte, sie direkt aus dem Weg zu scheuchen, geschickte Tarnung sozusagen.
Jetzt, frierend bergab trabend, fiel mir Norbert wieder ein. Ich musste eingestehen, dass mich der fast unbekleidete Mann auf seinem Stein m├Ąchtig beeindruckt hatte. Ohne es zu wollen hatte ich st├Ąndig seine ausdrucksvollen Augen im Kopf, die ich doch eigentlich nur einen Moment lang w├Ąhrend seiner verwunderten Antwort erblickt hatte. Als beobachtete er mich von einem sicheren Versteck aus, dachte ich. Ich versuchte krampfhaft, das unangenehme Gef├╝hl abzusch├╝tteln, wurde es jedoch beim besten Willen nicht los. Zugegeben, Norbert, dieser Saddhu war also offenbar echt, in deinem Sinne. Erstens sa├č er dort sicherlich nicht f├╝r Touristen. Dazu war es weder die richtige Jahres- noch Tageszeit, ich war ja gleichzeitig sehr fr├╝h als auch sehr sp├Ąt dran. Au├čerdem war es der denkbar d├╝mmste Platz, um auf die Saddhutour Geld zu erbetteln. Nur zwei Tagesm├Ąrsche bergan lag ja Lukla, voll von gerade eingeflogenen, fetten, kamerabehangenen Kurzzeittouris. Zugegeben, gebettelt hatte er auch nicht. Eher das Gegenteil war der Fall, stellte ich best├╝rzt fest. Auch gegen Geld verweigerte er mir das erhoffte Foto, ganze zehn Rupees! Davon konnte man in einem einheimischen Restaurant satt werden, oder gar zwei Tage lang selber kochen. (Oder eine halbe Packung Marlboro kaufen ...) ÔÇ×O.k.ÔÇť brummte ich an der Grenze zwischen Gedanken und gesprochenem Wort ÔÇ×das wirst Du mir erkl├Ąren m├╝ssen, Norbert.ÔÇť Was machte der Kerl denn in drei Teufels Namen auf dem Stein? Sich sonnen kam die simple Antwort.
Ja, aber ..., mein Kopf war jetzt voll von sich aufdr├Ąngenden `Ja-abers┬┤.
Irgendwie lebte der ja hier in der Wildnis. Im Winter? Wie und wo, was, aber wenn? Ich ergab mich. Hast recht, Norbert, dachte ich, es gibt echte `Babas┬┤ und das war einer. Na ja, h├Ątte mich ja sowieso mit ihm nicht unterhalten k├Ânnen. Wenn Du echt noch in Katmandou bist, dann werde ich dir noch mal ┬┤ne Chance geben mich voll zus├╝lzen.
Damit glaubte ich den Saddhu wenigstens vorl├Ąufig hinter mir lassen zu k├Ânnen. Ich blieb stehen, zog die Handschuhe aus und versuchte mit steifen Fingern den Schal unter der Jacke enger an den Hals zu ziehen, als mich pl├Âtzlich ein Blitz, wie von einer Kamera durchzuckte. Sogleich blickte ich wieder in die Augen dieses Mannes, die mich scheinbar belustigt musterten. Die Perspektive ├Ąnderte sich wie bei einer Aufblendung im Film. Vor meinem geistigen Auge sah ich ihn da sitzen, mit seinem entbl├Â├čten Oberk├Ârper. Sein ÔÇ×Don┬┤t you know you choose?ÔÇť klirrte in meinen steifkalten Ohren. Fern in meinem Innern klang Bedeutungstiefe an und echote durch ungeahnte R├Ąume meiner Seele. Mir wurde fast schwindelig bei der Erkenntnis, wie echt der Mann gewesen sein musste. Ich ahnte dunkel, dass ich ihn nie g├Ąnzlich w├╝rde hinter mir lassen k├Ânnen. Der Kerl fror nicht bei den knapp acht Grad oder weniger. Das also war ein echter Fakir, Schamane oder sonstsowas gewesen! Das war etwas, an das ich gew├Âhnlich nur im Zusammenhang mit Kino oder Sensationsberichten unseri├Âser Magazine gedacht h├Ątte. Ich erinnerte mich noch mal an Norbert, der berichtet hatte, dass die echten Saddus Yoga machen und so. Mir fiel allerdings nicht mehr ein zu welchem Zweck. Noch eine ganze Zeit hing ich in Gedanken der Idee nach, dass ich vielleicht dumm gewesen war, mich von dem Kerl so schnell ins Bockshorn jagen zu lassen und ich penetranter h├Ątte nachfassen sollen. `DonÔÇÖt you know you choose?┬┤ Ich meine, der hatte doch echt was drauf, oder? Schlie├člich lebte er ja irgendwie hier in den Bergen. Zwangsl├Ąufig lebte er also von dem, was ihm der Hochlandwald spenden konnte. Moossuppe mit Pinienkernen beispielsweise. Humbug genug, ihn mindestens f├╝r total beknackt und somit origin├Ąr zu halten. Was mir ├╝brigens dann auch endlich gelang, vornehmlich ersteres. Verr├╝ckte gab es schlie├člich ├╝berall. Denn was sollte das ganze Geyoga, wenn das Ergebnis war, dass man w├Ąhlen konnte, ob man fror oder nicht. Hatte ja wenig praktischen Nutzen, wenn man doch eine mollig warme Heizung bezahlen konnte. Eben. Punktsieg f├╝r rationale Gegebenheiten.
Damit hielt ich die Sache f├╝r abgeschlossen, verga├č, wie tief ersch├╝ttert ich noch Minuten vorher gewesen war, legte ab in der so unglaublich praktischen Schublade mit der Aufschrift ÔÇ×nicht relevantÔÇť. Und setzte meinen Weg planm├Ą├čig fort. DonÔÇÖt you know you choose? Die kleine Begebenheit verblasste im Strudel der Zeit.

Aber Anette hatte schlichtweg recht. Ich konnte ja gar nicht f├╝r mich sorgen, zumindest dann nicht, wenn ich einen Anfall habe. Nette Idee, ab in die Berge, einen heiligen Mann finden und bei dem die Kunst erlernen, selbst zu w├Ąhlen, ob es mir nun dreckig geht oder nicht. Ganz recht, das war vorstellbar. Das musste mittlerweile auch meine k├╝hle Logik zugeben.
Wir nehmen sowieso immer nur Bruchst├╝cke der Realit├Ąt war, k├Ânnen es gar nicht anders, weil unsere Sinnesorgane so begrenzt sind. Sehen zum Beispiel kein Infrarot, obwohl es da ist und die Bienen es sehen k├Ânnen. Obendrein filtert dann noch unabl├Ąssig das Unterbewusstsein, selektiert, hebt hervor, verdr├Ąngt, vergisst. Nat├╝rlich, das wei├č auch die moderne Wissenschaft, man kann in gewissem Ma├če seine eigene Wahrnehmung kontrollieren. In gewissem Ma├če. Aber ich, ich bin schlie├člich todkrank! Daran gab es beim besten Willen nichts zu deuteln. Tolle Idee, ins Himalaya auf die Suche nach einem Wunder zu gehen. Glatter Selbstmord war das. Auch der, ├╝berlegte ich fieberhaft, auch der war nat├╝rlich eine m├Âgliche Variante, dem verheerenden Unheil zu entgehen, das die Zukunft f├╝r mich bereit hielt. Ich legte die Stirn auf meinen Handteller und st├╝tzte so meinen schweren Kopf auf dem Tisch ab. Schwermut verdunkelte meine Seele, graue Nebel wollten nach mir greifen und mich hinabziehen in einen Schlund, der kein Ende zu haben schien. Ja, Selbstmord war eine diskutable Alternative zu langj├Ąhrigem Leid im Rollstuhl. Wobei ich dem allzu pl├Âtzlichen, wirklichen Mord eine andere Version vorziehen w├╝rde, die mit Sicherheit mehr Spa├č versprach: Ab nach Goa, Party ohne Ende. Techno am Strand in lauen N├Ąchten. Frisches Seafood nach Belieben. Ecstasy-gedopte Schwedinnen auf silbernem Tablett. Haush├Ąlterin und Zimmerservice. Wozu hatte ich schlie├člich ├╝ber die Jahre meine Kreditlinie auf der Visakarte best├Ąndig ausgebaut? Ich konnte mich f├╝nfstellig bedienen, erinnerte ich mich dunkel an den letzten Schriftverkehr, bevor ich zum Studium nach China ging. Hatten die Deppen anstandslos gefressen. Hatten sich Glauben machen lassen, ich sei wichtig genug f├╝r eine Goldkarte, wo doch eigentlich nur ein paar Mark im Kreise dreier Konten liefen.
Sofort alles cashen! Schneider l├Ąsst gr├╝├čen. Das w├╝rde eine Weile reichen, in Indien lang genug. Wenn┬┤s mir richtig schlecht geht, Koks und Speed zum durchhalten. In ausreichender Dosierung w├╝rde das selbst Tote auferwecken. Um dann endlich, am Ende der Fahnenstange, wenn gar nichts mehr geht, im LSD-Rausch die Fl├╝gel auszubreiten und von den palmenbewachsenen Klippen durch den blutroten Sonnenuntergang in andere Welten hin├╝bergleiten.
Warum eigentlich nicht?



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So. Mehr gibt es nicht, weil mich der Verlag, mit dem ich in Verhandlung stehe ausdr├╝cklich vor Ideen + Textklau gewarnt hat. Werde (wenns klappt) irgendwann mal Bescheid geben, wenn das Buch k├Ąuflich zu erwerben ist.
Kommentare, Kritik und Anregung w├Ąre aber herzlich erbeten!
So long.
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Ich raff┬┤s nicht. Wenn 16 Leute das zweite Kapitel aufrufen, dann haben doch wahrscheinlich die mei├čten das erste gelesen. Ihr Nasenb├Ąren! Wo bleiben die Kommentare, auch die schlechten? Daf├╝r steht das hier!
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hallo, tobias!

da hat sich eine die m├╝he gemacht, deinen text durch den drucker zu jagen und gr├╝ndlich zu lesen.ich konnte keinen schurken erkennen, aber vielleicht sind die ja im 1. kapitel, das hab ich n├Ąmlich nicht gelesen. ich finde deine geschichte etwas z├Ąhfl├╝ssig, aber interessant, obwohl einiges ├╝bererkl├Ąrt wird. habe 42 hoffentlich fl├╝chtigkeitsfehler gesehen - nicht akribisch gesucht, mir sticht sowas nur immer gleich ins auge - und ein paar ung├╝nstige formulierungen. wo solltest du die idee geklaut haben? ich w├╝rde schon gern wissen, wie es weitergeht. lieben gru├č
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Old Icke

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Tobias
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Lieber Flammarion,

ich konnte erst jetzt antworten, obwohl ich im Urlaub schon gesehen hatte, dass endlich einmal jemand was geschrieben hat. (Hatte kein Passwort)
Daf├╝r erstmal danke sch├Ân.
Fehler: So, da schaust Du gar nicht genau hin und findest 42 (hast Du genau gez├Ąhlt?) Fehler. Nein, das sind leider keine Fl├╝chtigkeitsfehler, sondern echte Orthografieschw├Ąchen. Schade, dass Du nicht gleich korrigieren kannst ...
├ťbererkl├Ąrt: Das mag sein, passiert mir auch im richtigen Leben. Interessant w├Ąre zu wissen, wo. Zu bedenken gebe ich, dass es sich um eine nicht g├Ąnzlich ├╝berarbeitete Version handelt, will sagen, ich habe vor, nach Fertigstellung erheblich rumzustreichen. Was mich zum Punkt
Z├Ąhfl├╝ssigkeit bringt: Das mag so nicht besonders taktisch klug sein, ist aber nicht unbeabsichtigt. Das Buch hat insgesamt am Ende 450 Seiten (nach K├╝rzung, bisher 350 real existent) und die Hauptperson macht eine innere Wandlung durch. Dazu geh├Ârt auch der Erz├Ąhlstil. Jedenfalls versuche ich das r├╝ber zu bringen.
Wie es weiter geht?
Da es Dich interessiert, Kapitel 3a. steht ab sofort drin.

TT

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Manic Mango

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Tobias
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Ich verga├č:
Die Scharlatanen findest Du tats├Ąchlich im Kapitel 1. Auf die Schamanen mu├čt Du allerdings noch warten und die Schurken sind einfach ├╝berall dazwischen!
TT
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Manic Mango

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