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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
ANASTASIA LEBT NICHT MEHR
Eingestellt am 23. 03. 2001 23:59


Autor
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Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

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"Anastasia haben sie eingeschl├Ąfert." - "So?" - "Ja, weil sie immmer nach Russland wollte und nicht mehr Ruhe gegeben hat. Oh, nicht da├č sie etwas zertr├╝mmert oder jemanden t├Ątlich angegriffen h├Ątte; nicht das, nein. Aber geschrien hat sie, ├╝ber eine Stunde lang, "ich bin Anastasia, mu├č heim, heim in's Zarenreich". Die hier sagen, da├č das eine Auflehnung gegen die hiesigen Umst├Ąnde sei; vor allem in ihrem Alter und dazu noch als Sozialfall. Dabei bekommt sie hier umsonst, wof├╝r drau├čen ihre Rente niemals ausreichen w├╝rde, sagt Herr Heinrich, der Pfleger: ein Dach ├╝ber dem Kopf, Bettw├Ąsche, Nahrung und dann die viele, teure Arznei. Und wir sollten auch nicht das Personal vergessen, das uns vierundzwanzig Stunden lang vor der Welt drau├čen und den Dummheiten hier drinnen bewahrt, sagt er. Oh ja, sie haben sich wirklich gek├╝mmert um Anastasia, haben ihr sogar einmal w├Âchentlich das Haar geduttet, weil's hygienischer aussieht, als wenn's so wei├č und wirr ├╝ber die knochigen Schultern f├Ąllt. Fr├╝her hat sie sich ja richtig kindisch dagegen gewehrt, das mu├č schon mal gesagt sein, da ging es nur mit Gurt oder wenn sie schon halb im Jenseits war. Aber inzwischen... Der Heinrich sagt immer, wenn man nach Anastasias Pfeife tanzen w├╝rde, m├╝├čte jeden Morgen einer an ihrem Bett stehen und sich zuallererst mit ihrem langem Haar besch├Ąftigen; was nat├╝rlich v├Âlliger Bl├Âdsinn w├Ąre, schlie├člich seien sie nicht ihre Kammerzofen. Einmal hat der Heinrich richtig geschimpft, als er gesehen hat, wie ein neuer Pfleger der Anastasia ein paarmal ├╝ber die Hand gestrichen hat, z├Ąrtlich, verstehst du. So ein unn├╝tzer Aufwand wird hier gar nicht eingef├╝hrt, hat er den andern zusammengestaucht. Dabei hat es ihren H├Ąnden bestimmt gut getan, die waren doch immer so kalt und blau und ganz zerstochen. Ich glaub fast, der Heinrich hat sich vor Anastasia geekelt. Er hat n├Ąmlich immer so komisch den Mund zusammengekniffen, wenn sie gespritzt worden war. Dann war n├Ąmlich mit ihrer Hoheit gar nichts mehr los. Wie in einer Leichenhalle, hat er zu dem Neuen gesagt, wenn man auf sie herunterschaut; nur, da├č die Blumen fehlen, das ganze Feierliche drumherum; die Musik, verstehst du. Gestern hat mir Anastasia noch zugefl├╝stert, da├č sie alte russische Volksweisen so gerne mag, weil sie die quasi mit der Muttermilch aufgesogen h├Ątte. Da hab ich es schon mal wissen wollen und hab sie gefragt, ob sie nicht auch eine franz├Âsisch Gouvernante gehabt h├Ątte, das war doch so gang und g├Ąbe an den damaligen H├Âfen. Da hat sie mich mit ihrem Greisenl├Ącheln ganz seltsam angeschaut, so, als w├╝rde sie ├╝ber den Dingen stehen, wei├č du. Ja, und in dem Moment hab ich alles geglaubt, und es ist wahr, da├č sie aus politischen Gr├╝nden in die Anstalt gekommen ist, damals, als sie noch j├╝nger war. Um sie wegzuhaben, ist doch klar. Na ja, mit der Musik war ja nun nichts. Der Weg in den Aufenthaltsraum ist f├╝r so ein Alter zu weit und mit einem Rollstuhl kann von uns doch keiner richtig umgehen. Ich h├Ątt sie ja gern mal hin├╝bergef├╝hrt und ihr was Russisches eingespielt oder zumindest etwas, was so geklungen h├Ątte, es gibt ja genug fremde Musik. Aber erstens bekommt sie so starke Arznei, da├č sie sp├Ątestens schon vor der T├╝r eingenickt w├Ąre, und zweitens funktioniert das Radio seit Wochen nicht mehr. - Warum es nicht repariert wird? - Ach wei├čt du, die Oberschwester sagt, wir h├Ątten schon Ger├Ąuschkulisse genug; und wir, ach, man ist ja den ganzen Tag so m├╝de, da muntert einen das Radio auch nicht mehr auf. Und f├╝r was auch? - Hast du ├╝brigens auch l├Âslichen Kaffee eingepackt? Ich freu mich doch immer so auf deine monatliche Ration. - Nein, sonst hab ich nicht zu klagen. Seit drei Wochen probieren wir wieder ein neues Medikament aus. Von den letzten Kapseln, du wei├čt schon, die kleinen gelben, da hatte ich so zugenomen, da├č der Stationsarzt sich schon Sorgen um mein Herz machte; Gef├Ą├čkranzverengung, hat er gemeint, und da├č ich mich mehr bewegen m├╝sse. Aber wohin, immer nur die G├Ąnge auf und ab? - Nein, Depressionen habe ich schon lange nicht mehr. Manchmal bin ich sogar richtig fr├Âhlich und wei├č gar nicht, warum; ob das die neue Arznei ist?

"Du, Mutti, die Kinder warten." - "Ach, ist es schon wieder so weit? Sonst vergeht die Zeit hier ├╝berhaupt nicht. Vergi├č dein M├╝tterchen nicht, ja?" - "Nat├╝rlich nicht. Heute in genau vier Wochen bin ich wieder da. Vier Sonntage, damit l├Ą├čt sich's doch leben, oder? Bring dir auch wieder Kaffee mit und Pralinen. Aber jetzt heul doch nicht, das ├Ąndert doch nichts. Drau├čen haben die Menschen auch ihre Probleme, glaub's mir. Allein was wir abzuzahlen haben, den letzten Urlaub, und nun das neue Auto. Hast doch selbst gesagt, da├č deine Depressionen weg sind. In Gedanken bin ich doch immer bei dir, wei├čt du doch." - "Ja, ich wei├č, ich wei├č ja. Gr├╝├č die Kinder von mir, ja? Hab sie doch so lange nicht mehr gesehen. Kannst du sie nicht mal mitbringen, wenigstens den Gro├čen?" - "Mutti, dar├╝ber haben wir doch schon lange genug diskutiert. Die ganze Atmosph├Ąre hier, das ist f├╝r Felix nichts, wo er doch so sensibel reagiert, das w├╝rde etwas hinterlassen bei ihm, das nicht gut ist und das willst du doch nicht, oder? Du, ich mu├č jetzt aber, Herbert wartet im Wagen und ich bin schon ├╝ber die Zeit. Tsch├╝├č, Mutti. Und gr├╝├č deine Freundin, die Zarentochter, von mir..."

"Aber Anstasia lebt doch gar nicht mehr, die ist doch heim in's Zarenreich...Tsch├╝├č, meine Kleine. Und komm mich wieder besuchen,...und bring Kaffee mit...und die Kinder...ja?...


24.04.1988

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