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Leselupe.de > Erzählungen
Aaron (Auszug)
Eingestellt am 11. 06. 2004 15:52


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Nicholas Cyphre
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 11
Kommentare: 4
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Es handelt sich um den Anfang einer längeren Erzählung.

1.
Aarons Literaturverliebtheit war immer auch Selbstverliebtheit, und erst aus der Literaturverliebtheit der Prager Hinterhöfe wurde die Juliaverliebtheit der Wiener Jahre.
Die Prager Hinterhöfe rochen nach Leder, Scheiße, Rost und Pferden. Aarons Vater war ein mittelbegabter Schuster; nach 1945 blieben ihm die Kleider, die er am Leib trug, und seine eigenen Schuhe, keine anderen. Er suchte sich Gelegenheitsarbeiten, wie es ging – in den Prager Hinterhöfen, wo heimlich und schweigsam ein grotesker Schwarzmarkt aufblühte. Französische Hemden, österreichisches Besteck, italienische Schallplatten, deutsche Nazi-Orden, deutsche Sträflingshosen, amerikanische Helme, Hefte in Sprachen, die kein Prager Hinterhöfler je gesehen hatte, Uhren, Messer, Puppen, Wein, Öllampen, Talglampen, Kerzen, elektrische Lampen, Kästchen, Truhen, Särge, Mützen, blutfleckige Uniformen, Glasaugen, Gebisse, Wehrmachtsstiefel, Armbinden, Rasierwasser, Tee, Zigaretten, amerikanische Comichefte, Pfannen, Klaviernoten, Zigeunerschrumpfköpfe ( und Zigeunerschrumpfhände), Meerkatzen, Filmbänder, Federn, Goethes Tagebücher, chinesische Wundermittel in kleinen Kristallfläschchen, Teddybären, Bilder, Haustiere – kurz alles, was irgend verkäuflich war. An manchen Tagen schienen die Prager Straßen wie ausgestorben, wenn alle Menschen (inklusive die Ordnungshüter, die zur Bekämpfung der Schwarzmärkte eingesetzt waren) sich in den Hinterhöfen umtrieben, Geschäfte zu machen. Aarons Vater ging jeden Morgen zu einem anderen Hinterhof : Es gab wohl einige Dutzend in der ganzen Stadt, und so kam es, dass er an keinem öfter als einmal monatlich zu finden war. Dort bot er seine mittelbegabten Schusterfertigkeiten feil. Der fünfjährige Aaron begleitete ihn auf seinen Streifzügen. Nachts schliefen sie in einem alten Stall, den sie mithilfe der anderen Bewohner zu einem windgeschützten Unterschlupf ausgebessert hatten. Allerdings hielten die Ausbesserungen selten länger als drei oder vier Tage, und anschließend begannen die Arbeiten von vorne. „Eigentlich“, sagte Aaron später, wenn er neben Julia lag, „war es nur ein Stall. Aber da wir ständig daran herumbastelten, schien es uns bald wie ein Zuhause. Natürlich krachte dann alles wieder ein.“ Dann schliefen sie nebeneinander ein, und nichts verstörte ihre geteilte Einsamkeit. Morgens kam das Zimmermädchen mit dem Kaffee, und Aaron weckte Julia auf.
„Erzähl mir“, sagte sie verschlafen und gähnte herzhaft, „wie war es damals in Prag? Was hast Du gemacht?“
Niemals antwortete Aaron ganz wahrheitsgemäß auf diese Frage, denn sie wäre viel zu schockierend für Julias Ohren gewesen. Statt dessen sagte er: „Ich habe eine Menge Leute kennen gelernt“ oder „Wir hatten viel Spaß“.
An einem Morgen, Aaron konnte sich genau daran erinnern, hatte er, fünfjährig oder wenig älter, mit ein paar Jungen im Schutz einer kleinen Einfahrt gespielt, mit Murmeln. Es regnete in Strömen, dicke Tropfen zerplatzten auf dem grauen Pflasterstein, die Zeit schien kaum zu vergehen. Einige Leute kamen vorbei – sie hetzten und rannten fluchend unter dem Wolkenbruch hin und her und zogen ihre Jacken und Mäntel über die Köpfe. Nur einer, der vom Fluss heraufkam, ging langsam und steif, stockend wie Einer, der sich nicht sicher ist, was er tut. Er war klein und trug einen langen Mantel und einen schwarzen Hut. Er achtete nicht auf Pfützen und Pferdescheiße. Als er auf Höhe der spielenden Jungen angekommen war, hielt er inne und wandte ihnen sein triefendes Gesicht zu. Es war Adolf Hitler, dessen war sich Aaron im ersten Moment bewusst.
„Sagt mal, Jungs.“, sagte Hitler, „Ich will zum Bahnhof.“ Aaron war starr vor Schreck. Blass und wie betäubt streckte er den rechten Arm von sich und wies in irgendeine Richtung. Abends wusste er nicht mehr zu sagen, ob er in die richtige oder in die falsche Richtung gezeigt hätte – es machte ihm entsetzliche Angst, Hitler könnte wiederkommen und sich rächen wollen dafür, dass er ihn in die Irre geführt hatte. Aber Hitler kam nicht wieder, und mit der Zeit hörte Aaron auf, davon zu sprechen. Niemals zweifelte er daran, den lebendigen Adolf Hitler nach Kriegsende in Prag im durchnässten Mantel vom Fluss herauf kommen gesehen zu haben, aber niemals mehr erzählte er es, und wenn, dann unter vorgehaltener Hand und mit einem ironischen Lächeln, damit ihn seine Freunde nicht für verrückt hielten.
Als er neun Jahre alt war, starb der Vater. Die Männer, die den Abend mit seinem Vater gezecht hatten, behaupteten, er sei auf dem gefrorenen Fluss eingebrochen und ertrunken. Der Vater war „sehr besoffen“, und der Sturz ins eiskalte Wasser hatte ihn wahrscheinlich „von Jetzt auf Sofort“ getötet, erklärten die Freunde Aarons Mutter und tätschelten ihm dabei den Kopf. Er läge „auf dem Grund des Flusses“, sagten sie, man könne „im Frühjahr daran denken, die Leiche zu bergen“, sagten sie, aber nicht jetzt, sagten sie, und tätschelten Aarons Kopf. „Ein niedlicher kleiner Junge“, sagten sie.
„Was hast Du gedacht?“, fragte Julia und nippte an ihrem Kaffee.
„Ich weiß nicht. Jedenfalls hab ich ihnen nicht geglaubt. Ich dachte, sie hätten ihn umgebracht. – aber warum? Vielleicht haben sie sich besoffen geprügelt, und er ist gestorben.“, antwortete Aaron.
„Einfach so? Einfach so kommt der Tod?“
„Ja. Er kommt einfach so, wenn man nicht an ihn denkt. Es heißt, Sterbende spüren, dass ihre Zeit abläuft. Das ist falsch. Die Leute, die ich habe sterben sehen, waren von ihrem eigenen Tod sehr überrascht.“
„Was war mit Deiner Mutter?“
„Vielleicht hat sie es geglaubt. Wahrscheinlich nicht. Vielleicht wusste sie, wie es wirklich gewesen ist.“
Julia küsste ihn auf den Mund. „Heute wird ein schöner Tag werden. Die Sonne scheint durchs Fenster“, sagte sie, „wollen wir nicht ausgehen?“
Sie verließen das Hotel und suchten ein Café auf. Sie frühstückten lange und lasen dabei die Zeitungen.
Seine Mutter fand keinen Lebenswillen mehr, als der Vater fort war. Ständig sprach sie von ihm, und ein paar Mal belauschte er sie, und sie erklärte einer Freundin, wie sehr sie sich wünschte, das „alles vorbei wäre“. Es dauerte eine Weile, ehe er begriff, was sie damit gemeint haben könnte. Von diesem Tag an lebte er in entsetzlicher Angst um seine Mutter. Indessen suchte sie Arbeit, fand aber keine. Alle Arbeit schien vergeben. Die Mutter, an der vier Geburten (und vier Totgeburten) nicht spurlos vorübergegangen waren, resignierte. Aaron wusste nicht, wie er ihr helfen konnte. Er klaute Früchte, aber sie befahl ihm, sie zurück zu bringen. Er wollte arbeiten, sie wollte, dass er zur Schule ging. Seine große, fünfzehnjährige Schwester schüttelte den Kopf und sagte: „Aaron, Du bist wie Papa“. Die dreijährigen Zwillinge sagten: „Aaron, hol Apfel“. Aaron verstand die Welt nicht mehr.

(Vier Geschwister waren tot geboren worden; die Leichen wurden dem Mutterleib mit Ekel entwunden und rasch begraben. Aaron fragte sich, was wohl aus ihnen geworden wäre. In seinem Empfinden waren sie die verzerrten, grinsenden Spiegelbilder der vier lebenden Kinder; jeder Tote entsprach einem Lebenden. Welcher war sein Toter? In flüchtigen Träumen begegnete er ihr. Es war ein Mädchen, namenlos wie die drei anderen. Es schien seine Größe zu haben, seine Haare, seine Züge, seine Gesten, seine Sprache – sein ganzes Wesen. Sie war nackt, und Aaron fand sie schön. Die Haut blutleer, die Rippen wie dürre Äste, weiß die Brüste und schlaff, schwarz die Augen. Auf ihrem Rücken entfalteten sich große, zarte Schmetterlingsflügel. In ihren gemeinsamen Träumen schliefen sie miteinander, zitternd, heulend, und das Mädchen flüsterte merkwürdige Worte, die Aaron nicht verstand.
Das Mädchen war ein Schmetterling und träumte das Leben.
Aaron träumte den Tod.
Hätte einer von beiden tauschen wollen?)

Schließlich fand die Mutter Arbeit bei einem Bäcker. Sie musste die Stube putzen, backen und verkaufen, zehn Stunden täglich, und um drei Uhr nachts aufstehen. Aber sie beschwerte sich nicht. Sie ging hin, stoisch, Tag um Tag, und leistete ihren Teil. Mit dem wenigen Geld, das sie verdiente, ernährte sie ihre und ihres toten Mannes Kinder. Manchmal hörte Aaron sie nachts weinen und in ihr Kopfkissen schluchzen. Nach und nach erfuhr er, dass der Bäcker ein hünenhafter, etwas blöder Witwer war, der ein kindliches Vergnügen daraus zog, seine Mutter überflüssige und anstrengende Arbeiten verrichten zu lassen. Er begann, den Bäcker zu hassen.

2.
Die Sache mit den Büchern entwickelte sich so nach und nach. Die Armut und die Vernichtung hatten zur Folge, dass Aaron keine Schule besuchte. (Später behauptete er zwar, dass er die fehlende Schulbildung jederzeit mit seinem Bücherwissen wettmachen könnte, doch immer, wenn er sich mit einem ehemaligen Schüler unterhielt, verspürte er einen Stich im Herzen – nicht der intellektuellen Überlegenheit des Anderen wegen (die im Übrigen nicht gegeben war), sondern wegen des melancholisch-träumerischen Untertons, den dessen Stimme hatte, wenn er von seiner Schülerzeit sprach. Auch wusste Aaron bis an sein Lebensende nicht, was ein Lehrer war – in allem war er Autodidakt.)
Die Prager Hinterhöfe waren, im Gegensatz zum Vater, nicht verschwunden. Aaron trieb sich dort gerne herum. Er liebte die merkwürdigen Waren, die Gerüche und Geschmäcker dieser Halbwelt. „Eigentlich“, erzählte er Julia, „war es eine Unterwelt, eine Hölle – es bereitete mir ausgezeichneten Spaß, all die toten und halbtoten Gestalten im Dämmer der Hinterhöfe zu beobachten.“ Jene, die vom Krieg nicht zurückkehren konnten, die eine fürchterliche Metamorphose durchlebt hatten, wagten sich nicht mehr ans Licht des Tages. Sie kauerten grinsend, bleckend in den Verschlägen – der „Hundemann“, der keine Beine hatte und auf einer mit fleckigen Kissen ausgepolsterten Schubkarre von seinen Doggen gezogen wurde; ein schwachsinniger deutscher Soldat, der den jungen Mädchen geil nachstierte; Rubens, der Holzbeine baute (und darüber reich wurde); Josef, der glaubte, die ganze Welt sei ein Konzentrationslager.
„In Gesellschaft dieser Wesen“ sagte Aaron, „fand ich Bücher.“
Nicht einfach so, in einem verwitterten Pappkarton, sondern im Schoß eines Mädchens. Das Mädchen hieß Irina und war drei, vier Jahre älter als Aaron. Sie konnte nicht lesen. Die Bücher – drei an der Zahl – hatten ihrem Vater gehört, der erschossen worden war. Verhaftet hatte man ihn, wegen seinen Büchern, die sie unter ihrem lumpigen Rock verbarg. Man hatte sie nicht gefunden. Das mochte daran liegen, dass Irina entsetzlich stank und sehr krank war, in einer Art und Weise, die Männer abschreckt. Sie galt als Aussätzige, und ihre Haut war grau und welk. Niemand erkannte, dass sie ein Schmetterling war. Ihre Kleidung, das waren Tücher und Decken, die sie fand oder gestohlen hatte. Die Bücher in ihrem Schoß waren alt, vergilbt, und sie rochen nach Irinas Krankheit. Irina saß immerzu am Boden, in einem Prager Hinterhof, und summte und wiegte ihren mageren, grauen Körper vor und zurück.
Eines Tages im Spätsommer setzte binnen Minuten ein heftiger Wolkenbruch ein. Alle, die sich in dem Hinterhof aufhielten, rannten in den Schutz eines Daches oder versuchten, ihre Ware zu retten. Nicht der Schmetterling. Irina blieb im Schneidersitz, wo sie war, mitten auf dem Hof. Sie wiegte ihren traurigen, kleinen Kinderkörper vor und zurück. Irgendwann hörte sie auf. Dann fiel sie um. Als sie aber umfiel, rutschten die drei Bücher unter ihrem Rock hervor, und obwohl Aaron es besser wusste, musste er daran denken, wie Kinder geboren wurden. Irina hatte die Bücher geboren, dachte Aaron noch Jahrzehnte später. Von einer unbegreiflichen Laune ergriffen (vielleicht vom Schicksal selbst?), eilte Aaron zu der Toten, ergriff die Bücher, steckte sie unter sein Hemd und rannte nach Hause, in den Stall. Durchnässt und frierend, begutachtete er seinen Schatz. Natürlich verstand er kein Wort. Er wusste mit den Zeichen nichts anzufangen. Enttäuscht und gleichermaßen begierig, einen Erwachsenen zu fragen, was es damit auf sich habe, versteckte er sie zwischen seinen Sachen. Er fürchtete die Reaktion, wenn er erklären müsste, woher die Bücher stammten. Was konnte er aber sagen, als die Wahrheit? Und gehörten sie ihm denn nicht, jetzt da Irina tot war? Natürlich! Die Erwachsenen aber würden ihm befehlen, sie zu verbrennen, weil sie in Irinas Schoß gelegen hatten. Deshalb durfte er nicht gestehen, woher er sie hatte.
Wochen- und monatelang („Eine längere Weile“, sagte Aaron) dachte er nicht mehr an die schimmelnden Bücher. Irina war fort. Der Vater war fort. Die Mutter starb, allmählich. Alles, was ihm blieb, waren drei Bücher.
(In welcher Beziehung aber standen die BĂĽcher, aus einer Leiche geboren, zur Schwester, tot aus der Mutter geborgen?)

Der Bäcker indessen begann, sich ernsthafte Dinge auszumalen mit der Mutter. Seine wirren Kinderphantasien, seine schleimige Geilheit, waren der Mutter nicht unbekannt – allein, sie hatte ja keine andere Wahl. Das Wohl ihrer Kinder stand weit über ihrem eigenen, und so ertrug sie seine Blicke, seine absichtlichen Berührungen, seinen Schweiß, und versuchte, ihn zu ignorieren. Sie würde sich nicht zur Hure machen, sagte sie sich. Nicht das. Ihr Körper verfiel zusehends, die Wangen wurden hohl, sie wurde mager, die Haare fielen ihr aus, die Haut wurde gelblich und fleckig. Einzig ihre kräftigen Zähne blieben, was sie immer gewesen waren: gesund und stark. „Gesund und stark waren ihre Zähne“, sagte Aaron, „sie waren wirklich sehr stark.“ Der Bäcker war zwar blöde, aber in seiner dümmlichen Schlauheit hatte er zumindest lesen und schreiben gelernt. Als Aaron das bemerkte, hatte er nur noch ein Ziel. Der Bäcker musste es ihm beibringen – ohne irgendjemandem etwas darüber zu verraten. Wie sollte er das anstellen?

3.
Julia spielte gerne Klavier.
Sie spielte ganz fĂĽr sich allein, ohne Publikum, in einem abgeschlossenen Raum, bei geschlossenen Fenstern. Auf dem Klavier stand eine Tasse Kaffee. Nur Aaron durfte anwesend sein, wenn sie spielte. Selbst den uralten Kater schickte sie hinaus.
„Wann hast Du begonnen, Klavier zu spielen?“, fragte Aaron und rührte in seinem Kaffee herum. Julia hörte nicht auf zu spielen.
„Als ich sieben war. Ich war wirklich sehr klein, das kleinste Mädchen der Klasse, und ich hatte viele Sommersprossen, aber sie standen mir gut, denn sie hatten dieselbe Farbe wie mein Haar.“ Ihre Finger glitten traumtänzerisch über die Tasten.
„Damals ging ich in die Schule – eine Nachkriegsschule, eine einzige Klasse für alle von fünf bis vierzehn. Es war chaotisch. Ich glaube nicht, dass wir irgendwas gelernt haben. Bis aufs Klavierspielen. Das begann in einer Mathematikstunde.“
„Mathematik ? Ausgerechnet ?“ Sie lächelte sanft. „Ja. Weißt Du, es war sehr laut in der Schule – das lag daran, dass wir so viele waren (40 oder 50 Kinder), und an dem alten, staubigen Haus, in dem Unterricht gegeben wurde. Es hatte einer Schauspielerin gehört, die in den Zwanzigern große Erfolge feierte, in Paris und New York. Ich weiß nicht mehr, wie sie hieß – sie war ja so alt ! Im Krieg hat sie sich vergiftet, es war sehr scheußlich, sie war ganz blau im Gesicht, ein fürchterliches Gift... Na ja, und nun, da sie keine Erben hatte und überhaupt nichts, wurde der Unterricht in ihrem Haus gehalten, denn die Schule gab es nicht mehr. Wir mussten auf dem Boden sitzen, es gab keine Stühle – überhaupt keine Möbel, denn jeder aus dem Viertel hatte sich genommen, was er brauchte, und so blieb nur ihr altes Klavier, kein sehr schönes Klavier, eher hässlich. Wenn wir nun sehr laut waren (es kam oft vor), setzte sich der Lehrer ans Klavier und spielte uns etwas vor. Er war nämlich eigentlich Klavierlehrer, gar kein Schullehrer, aber er sprach französisch, und das Konservatorium war fortgegangen nach Russland. Er blieb, weil er alt war und lungenkrank. Zum Unterricht erschien er im Morgenmantel, ein bisschen heiser, weil ihm die Luft fehlte, und dann erzählte er uns von Alexander dem Großen, unregelmäßigen Verben, oder von Chopin. Er ging am Stock. Manchmal brachte er zwei oder drei Kannen schwarzen Kaffee mit, wenn es kalt war. Dort hörte ich zum ersten Mal den großen Klavierkomponisten, und er ließ mich nicht mehr los. Ich wollte selbst spielen können, mehr als alles andere (es gab ja nichts, wofür es sich wirklich zu leben lohnte), und ich bat den Lehrer, es mir beizubringen. Chopin klang so einfach, so schön.“ Währenddessen hatte sie immerfort gespielt, schneller und langsamer, und ihre Stimme lag weich über den Noten.
Aaron betrachtete sie nachdenklich. Julia war klein und schlank, fast zart. Ihre langen, blassen Finger huschten spielerisch über die Tasten. Klare, samtene Töne perlten aus dem Klavier. Sie trug ihr rötlichbraunes Haar offen, und es fiel glatt um ihr Gesicht. Dies war ein Anblick, woran er sich berauschte. Sie schien ihn nicht zu bemerken. Ein paar Sommersprossen waren übrig geblieben aus der Kindheit. Während sie spielte, presste sie ihre schmalen Lippen zusammen. Aaron mochte den konzentrierten Ausdruck ihrer halbgeschlossenen, braunen Augen. Ein wenig ähnelte sie noch dem siebenjährigen Mädchen, das zum ersten Mal Chopin hört, dachte er.



__________________
von Christophe B

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