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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Aketimes Versklavung - Zumbi dos Palmares
Eingestellt am 19. 02. 2007 11:45


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Nimroc
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2004

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Prolog

Aketimes Gefangenschaft

1666 n.Ch.

Aketime rannte weiter. Sie lief kopflos in der Nacht hinein. Der Angriff kam ohne Vorwarnung und sie floh aus ihrem Dorf. Alle versuchten in den umliegenden WĂ€ldern zu verschwinden. Die Schatten der BĂ€ume und das Dunkel der Nacht machten jeden Schritt zu einem halsbrecherischen Manöver. Das Klopfen ihres Herzens erschwerte ihr Denken und sie verlor immer wieder die Orientierung. Sie kĂ€mpfte hart um jeden Atemzug, der viel zu laut in ihren Ohren dröhnte. Eine Baumwurzel, ĂŒber die sie stolperte, erinnerte sie daran, sich auf das Laufen zu konzentrieren. Aketime lief um ihr Leben.
Das Brennen in ihren Beinen verschlimmerte sich. LĂ€nger wĂŒrde sie dieses Tempo nicht halten können. Sie suchte vergeblich nach einem Versteck, um sich zu erholen. Als sie erneut stolperte, rammte sie ihren Fuß gegen einen Baumstumpf und fiel mit einem leisen Fluchen. Orundo, ihr BeschĂŒtzer, half ihr hoch. ÜberflĂŒssigerweise klopfte sie den Dreck von ihren HĂ€nden.
„Danke“, sagte Aketime.
Ein Ruf, von GelĂ€chter begleitet, kam aus dem GebĂŒsch. Orundos Augen dehnten sich aus, wie die einer Antilope, bevor sie losspringt. Er ließ sie los, stellte sich beschĂŒtzend vor sie und schrie:
„Lauf! Versteck dich! Lauf, Aketime!“ Orundo brachte seine Hiebwaffe in Stellung.
„Hier sind sie!“, rief einer der drei weißen MĂ€nner, die bewaffnet auf die kleine Lichtung traten. Sie zĂŒckten ihren SĂ€bel und kreisten Orundo langsam ein. Ihre Absicht war deutlich. Der BeschĂŒtzer wĂŒrde sich lieber töten lassen, bevor er sich ergab. Die verĂ€ngstigte Antilope weidete durch Orundos Augen, und sie las den Todeswunsch in seinem Gesicht. Sie fĂŒrchtete sich nicht mehr alleine. Sie war den TrĂ€nen nahe, und schĂ€mte sich dafĂŒr, dass sie Angst hatte. Sie fĂŒhlte sich ihres Mutes beraubt.
‚BedrĂ€nge nie ein verletztes Tier, es wird dich kratzen!’ Ein Messer blitzte in ihrer Hand. Sie drehte die Messerspitze nach oben, wie man es ihr beigebracht hatte. Sie vertraute der SchĂ€rfe des Messers. Aketime war trainiert zu töten und wollte sich mit ihrem Leben verteidigen. Die Angreifer sollten teuer zahlen fĂŒr das, was sie ihrem Volk angetan hatten. Sehr unklar ausgedrĂŒckt.
Unerwartet schloss sich um Aketimes Hals eine kraftvolle Hand. Eine harte BerĂŒhrung einer Messerspitze an ihrer Kehle ließ sie auf der Stelle erstarren. Sie fĂŒhlte kaum den Stichschmerz, sondern das feuchte Klebrige ihres eigenen Blutes rinnen. Ein ekeliger Schweißgeruch stieg ihr in die Nase. Der Stoppelbart, der an ihrer Wange kratzte, brandmarkte sie. Durch den festen Druck auf ihren Hals konnte Aketime kaum atmen und schnappte laut nach Luft. Aketimes Furcht wuchs und sie spĂŒrte den Drang ihren Kopf zu bewegen, aber der Griff um ihren Hals verhinderte es.
„Waffe fallen lassen!“, zischte die Stimme bedrohlich leise. Orundo verstand die Worte offensichtlich nicht, dennoch tat er wie geheißen und ergab sich. Das Laub auf dem Waldboden dĂ€mpfte das GerĂ€usch seiner fallenden Lanze. FĂŒr Aketime klang es so laut wie ein Trommelschlag.
Schnell fesselten die anderen MĂ€nner Orundos HĂ€nde an seinem Nacken. Die weißen MĂ€nner lĂ€chelten, wĂ€hrend sie Aketime in gleicher Weise schnĂŒrten. Sie verstand wenig, was sie mit einander redeten, aber sie schienen zufrieden zu sein. Mit dem gelegentlichen Stoß der Breitseiten der SĂ€bel fĂŒhrte man sie zurĂŒck ins Dorf. Die Nebel zeigten sich hartnĂ€ckig an diesem Morgen, aber beim ersten Licht erreichten sie den Ort des Massakers.
Ein unterdrĂŒckter und verzweifelter Schrei kĂŒndigte ihre Ankunft an. Es dauert etwas, bis sie erkannte, dass sie selbst geschrieen hatte. Das halbe Dorf war abgebrannt. Verraucht stachen die Bilder in ihr Auge. Das Ausmaß der VerwĂŒstung war enorm. Überall lagen Leichen. Mehr als die HĂ€lfte aller Einwohner lag tot am Boden, Kinder, Frauen und Greise. Auch die Weisen und Ältesten des Dorfes hatten sie niedergemetzelt. Sie schloss ihre Augen, aber die Bilder der Toten verfolgten sie in Gedanken. Der Tod nahm heute fĂŒr Aketime viele bekannte Gesichter, Gesichter, die sie liebte, erstarrt im Moment des Todes. Sie bezeugten den Schmerz und die BrutalitĂ€t ihres letzten Atemzuges in dieser Welt. Das Entsetzen um den Raub ihres Lebens, gemalt in Blut. Manche lĂ€chelten noch im Tode, als blickten sie gestĂ€rkt durch ihren Glauben in die nĂ€chste Welt. Sie konnte das Schluchzen nicht mehr zurĂŒckhalten und schrie ihren Schmerz frei. Ihr Atem geriet ins Stocken, und sie beruhigte sich mit ein paar tiefen AtemzĂŒgen.
„Mamuku? Wo bist du?“, schrie Aketime ihrer Mutter nach. Ihr Klageton blieb nicht unbeantwortet. Das Wimmern, die Wut und die Verzweifelung widerhallten aus jeder Ecke des abgebrannten Dorfes.
Die Stimme ihrer Mamuku rief sie aus ihrem Schock heraus. Sie schĂŒttelte sich von ihren WĂ€chtern frei und kniete sich neben eine alte Frau, die auf dem Boden lag. Sie lag im Sterben, fĂŒr jeden ersichtlich, und hielt ihr Eingeweide mit geröteten Fingern. Die sterbende Frau war fĂŒr Aketime wie eine Mutter, ihre Mutter-im-Glauben, gewesen. Blut blubberte aus ihrem Mundwinkel, und jeder Atemzug schwĂ€chte sie mehr. Aketime versuchte instinktiv ihre Arme um Mamuku zu legen, aber ihre HĂ€nde waren gebunden. Wut stieg in ihr hoch und ihr Körper bebte. Das GefĂŒhl der Ohnmacht ĂŒberfiel sie und sie weinte.
„Mamuku! Mamuku!“, rief sie verzweifelt.
Mamuku Lider flatterten. Das Leben verließ rasch den zerbrochenen Körper, und Blut gurgelte aus Mamukus Mund. Ihre letzten Worte kamen gequĂ€lt aus ihr heraus.
„Aketime ... mein Licht ... du lebst ...“ „Ja, Mamuku, bitte, sprich nicht, alles wird wieder gut!“, flĂŒsterte Aketime. „Aketime 
 ich verlasse dich nicht ... alle deine Ahnen sind bei dir ... ‚Ihr Geist wird im Körper schwĂ€cher.’ „Ruhig, Mamuku! Ruhig!“ Mamuku nahm einen kleinen Beutel und stopfte ihn in Aketime’ GĂŒrtel. Sie starb kurz darauf mit einem entspannten LĂ€cheln im Gesicht.
Einer der MĂ€nner zog Aketime grob auf ihre FĂŒĂŸe. Unkontrollierte Wut explodierte in Bewegung. Sie nutzte den krĂ€ftigen Zug des Mannes und schmetterte ihren Kopf gegen seinen Kiefer. Er ging zu Boden. Ein lauter Knall hĂ€mmerte an ihre Ohren, und die HĂ€rte der SchlĂ€ge war das einzige, was sie noch mitbekam. Alles, was dann geschah, erlebte sie wie in Trance. Als ob alles in weiche Watte gehĂŒllt wĂ€re. Alles erschien grell und gleichzeitig weich gezeichnet. Sie konnte kaum atmen. Alles klang zu laut in ihren Ohren, bis sie endlich in der Dunkelheit eines Schiffbauches erwachte.

Sie kannte solche Schiffe durch HĂ€ndler, die ab und zu im Dorf vorbeikamen. Die SklavenjĂ€ger benutzten kleine und ĂŒberfĂŒllte Fischerboote, die aus allen Fugen zu platzen drohten. Diesmal wĂŒrde ihr Volk die Ware dieser HĂ€ndler sein. Zusammengepfercht auf engstem Raum, konnte sie sich kaum bewegen, ihr Kopf tat höllisch weh und sie fĂŒhlte sich innerlich tot, begraben und vergessen.
Sie legten in einem grĂ¶ĂŸeren Hafen an, jenseits des Flusses. Dort wurden sie abgeladen. UnfĂ€hig zu jeglichem GefĂŒhl folgte sie widerstandslos den Anweisungen. Sie nahm das Geschehen um sich wahr wie in einem bösen Traum, den man zu vergessen sucht. Sie und alle anderen Gefangenen wurden zusammen getrieben und zum Hafen gebracht. Sie warteten lange Zeit in der Sonne sitzend auf irgendetwas. Die GerĂ€uschkulisse einer Hafenstadt erfĂŒllte alle Winkel. Fischerweiber rollten ihr Wagen herbei und priesen ihre Waren an. Emsige Matrosen verluden GepĂ€ck aus ihren Schiffen. Der aufgewirbelte Staub, die Insekten, die man mit gefesselten HĂ€nden nicht verjagen konnte, und die angestaute Hitze des Nachmittags quĂ€lten sie. Der Durst trocknete ihre Lippen. SpĂ€ter wurden sie auf ein grĂ¶ĂŸeres Schiff geladen, in dessen Bauch gezwĂ€ngt und angekettet. Das alles wurde zu einem einzigen Nebel in ihrem Kopf. Die Pumpe in ihren Ohren ĂŒbertönte das Geschrei und den Schmerz um sie herum.
In diesem Schiffsbauch saßen bereits gefangene Bantos aus anderen Flussdörfern. Ein alles beherrschender Geruch ĂŒberwĂ€ltigte Aketime. Ein Geruch der Gefangenschaft, durchdrungen mit Gestank von FĂ€kalien, Schweiß, Krankheit, Angst, Tod und Salz. Die Gefangenen lebten schon lange in ihrem eigenen Kot. Das verzweifelte GefĂŒhl, das sich in Aketimes Herz bohrte, war diesem Geruch sehr Ă€hnlich. Ein lebendiger Ausdruck ihres Inneren. ÜbermĂŒdet versuchte sie zu schlafen 


 ExĂș lachte ihr ins Gesicht, mĂ€chtig in seinen Farben. Das Rot des Blutes war ĂŒberall zu sehen, vermischt mit dem Dunkel der GefĂŒhllosigkeit in ihrem Herzen und in der Magengrube. Er trug seine Hörner mit schrĂ€gem Humor zur Schau. ExĂș in voller Pracht.
’Was willst du wirklich von mir, ExĂș? Lass mich in Ruhe!’, sie stöhnte im Schlaf. ExĂș ließ ungern los. Sein spottendes Grinsen trieb sie zum Weinen. Sie weinte ihren Verlust hinaus, und je mehr sie weinte, desto mehr schien sich ExĂș darĂŒber zu amĂŒsieren. Der OrixĂĄbote beschnupperte ihr Zweifeln, streckte seine lange Zunge und trank aus ihr TrĂ€nen. ‚Köstlich!’

 Ihre Verzweiflung schmeckte bitter, unertrĂ€glich und scharf genug, um sie doch noch aus ihrer GefĂŒhllosigkeit zu wecken. Sie fĂŒhlte sich elend und klammerte sich daran wie ein Matrose bei hohem Seegang. Die Gedanken an die Toten und Verlust kreisten in ihr Kopf herum. Alles, was sie kannte, gehörte jetzt der Vergangenheit an. Ihre Ausbildung zur „Mutter der Götter“, ihr Dorf, ihre Freunde ... Alles, was sie bis dahin kannte, war vernichtet innerhalb eines Tages. Aketime stellte sich vor, wie dieses Schiff zu sein, dem Wind folgend ĂŒber die Wellen zu fahren, tĂ€nzelnd, befreit von allen Sorgen, wie ein Kind, das sein Spielzeug dem Wellengang des Strandes anvertraute. Wie um sie zu necken, begann sich das Schiff geduldig von rechts nach links zu schaukeln.
‚Wohin werden diese MĂ€nner mich und mein Volk bringen, ExĂș?’, sie bekam keine Antwort auf ihre Frage. War ExĂș nicht der Bote der Götter? Er war verpflichtet, ihre Fragen zu beantworten.
Doch er antwortete nicht. ExĂș wollte nicht reden. Wo verlor sie ihr Vertrauen an ihre OrixĂĄs? Sie spĂŒrte nur diese Leere. Dieser unbeschreibliche Verlust breitete sich wie ein GeschwĂŒr in ihrer Magengrube aus.
Sie massierte ihren Bauch, um diese Leere zu verbannen, und fand die kleine Tasche, die Mamuku ihr noch einsteckte bevor sie starb. Ein dĂŒnnes LĂ€cheln der Sehnsucht breitete sich in ihrem Gesicht aus, als sie den kleinen Lederbeutel, der Mamukus IfĂĄ enthielt, liebkoste. Es war tatsĂ€chlich Mamukus Tasche, in der sie ihr BĂșzios Muschelspiel aufbewahrte und die weich vom hĂ€ufigen Benutzen jetzt in ihren HĂ€nden lag. Die IfĂĄ, das Muschelspiel, wurde von Generation zu Generation der Mamukus weitergereicht und diente dem Kontakt mit ihren Ahnen und Göttern. ExĂș wachte ĂŒber das Spiel. Mamuku konsultierte ihr Orakel jeden Tag und warf die BĂșzios nach Antworten auf die Fragen ihres Kunden.. Sie trug diesen kleinen Beutel stets bei sich, wie ein PatuĂĄ.
‚In jeder Kurve oder Kreuzung deines Weges wartet dein Schicksal, dein AxĂ© auf dich. Es gibt keinen Zufall, Aketime. Alles fĂ€llt dir zu! Du hast die Wahl selbst schon vor lĂ€ngerer Zeit getroffen!’
Mamukus tadelnde Stimme zu hören, auch wenn nur im Geist, war fĂŒr Aketime wie der Anblick eines Regenbogens. Ihre GesichtszĂŒge erhellten sich. Wenn Mamukus Geist wirklich bei ihr weilte, wĂŒrde sie ihr, Aketime, den richtigen Weg durch das Orakelspiel zeigen? Aketime öffnete den Beutel, nahm die Muscheln heraus und begann mit den BĂșzios zu spielen.
Sie klĂ€rte ihren Geist von aller Furcht und unnötigen Gedanken, so wie sie es gelernt hatte, und bat ihre Ahnen um Hilfe. Gespannt wĂŒrfelte sie die erste „Welle“.
StĂ€ndig begleitet von Mamukus Stimme suchte Aketime ĂŒber das IfĂĄ die Antwort auf ihre Fragen. Nach einiger Zeit begann sie die Muster der Muscheln zu erkennen. Ihre Zukunft breitete sich vor Aketime aus wie ein Buch. Das Muschel-Orakel formte Bilder in ihrem Geist. Je öfter sie wĂŒrfelte, desto mehr durchblickte sie den trĂŒgerischen Willen der Götter und Ahnen. Die Ergebnisse schockierten sie. Aketime, in Afrika geboren, um Königin zu sein, sie, die ihre Ausbildung genoss, um „Mutter-der-Götter“ zu werden, die so viele MĂ€nner haben könnte wie sie wollte, sie hatte einen Auftrag. Die OrixĂĄs brachten sie als Sklavin in neue LĂ€nder, um dort wieder Königin und Mutter-der-Götter zu werden. Die OrixĂĄs wollten dieses neue Land erobern, und Aketime war ihr Instrument dazu. Sie sollte dort dienen.
Die Prophezeiung, der IfĂĄ, nahm ihren Lauf, und Aketime fĂŒhlte sich wie ein Blatt im Wind. Durch Gewalt aus ihrem Baum gerissen, geschĂŒttelt und hin und her geworfen. Durch diesen Wind wĂŒrde sie an einen neuen fruchtbaren Boden gebracht werden. Aketime mĂŒsste dort einen neuen Baum ihres Lebens pflanzen.
‚Der Wille meiner Ahnen!’, dachte sich Aketime.
Sie konnte hören, wie ExĂș ĂŒber sie lachte. Die Zukunft sprach zu ihr. Sie musste nur genug Kraft besitzen und das Hier und Jetzt ĂŒberleben! So waren die Spiele von ExĂș. Das Wissen ĂŒber den Willen der Götter erleichterte ihr nicht, die Geschehnisse zu ertragen. Aketime war erst sechzehn Jahre alt. Sie weinte sich mit ihren letzten TrĂ€nen in den Schlaf. Von Schmerz erfĂŒlltes Weinen und Schreie rissen sie mit Gewalt aus ihrem unruhigen Schlaf. Sie erwachte mit schmerzenden Gliedern. Die Ketten rieben unertrĂ€glich an ihren Knöcheln und Handgelenken. Ihre Lippen waren mittlerweile vor Durst geschwollen und aufgeplatzt. Sie stellte ĂŒberrascht fest, dass sich zumindest ihre Kopfschmerzen gebessert hatten, da ihrer Körper sich ĂŒber so viele andere Dinge zu beklagen hatte.
Es dauerte sehr lange, bis irgendeine Form der Verpflegung kam. Den Matrosen schien das Überleben der Sklaven nicht so wichtig zu sein. Einmal am Tag bekamen sie zu essen und zu trinken. Keiner wusste zu sagen, was sie hier aßen. Den Geschmack kannten sie nicht. Das Wenige, das sie erhielten, wurde verteilt. Manche der Gefangenen beĂ€ugten gierig ihren Anteil. Aketime zwang sich, so rasch, wie es ihr die Ketten erlaubten, zu essen. Am Anfang lebte Aketime von einem Tag zum anderen. Je mehr sie das ZeitgefĂŒhl verlor, um so mehr trat ihr Hunger in den Vordergrund. Tage, vielleicht Monaten verstrichen, und Aketime fĂŒhlte sich körperlich immer schwĂ€cher. Die tĂ€gliche Essenszeit wurde langsam zum Mittelpunkt ihres Daseins. Schlafen, aufwachen, schlafen, essen, trinken, schlafen und bis zur nĂ€chsten Mahlzeit ĂŒberleben. Ein Rhythmus, der seinen Platz fand. Monoton, und doch etwas, an das zu klammern es sich lohnte. Langsam fĂŒllte der fĂŒrchterliche Hunger alles aus und wich nie aus ihren Gedanken. Sie fĂŒhlte sich kraftlos und missbraucht, gezwungen, jeden Tag aufs Neue zu beginnen.
Das Leben auf dem Schiff war geprĂ€gt von fremdartigen GerĂ€uschen. Holz knirschte oder zerbarst, die Segel sangen mit dem Wind, die Matrosen riefen sich Kommandos zu oder sangen Lieder in unbekannten Sprachen. Das Leben auf dem Schiff wurde nicht leichter, sondern von Tag zu Tag schwieriger. Das Wenige an Essen und Wasser und der feuchte, dreckige, von menschlichen AusdĂŒnstungen gefĂŒllte Schiffsbauch war Quelle fĂŒr viele Krankheiten. Manche der Älteren und Schwachen trieb die Hoffnungslosigkeit in den Wahnsinn. Das Schmerzen der Gliedmaßen, die kleinen AbschĂŒrfungen, die sich sofort entzĂŒndeten und eitrig wurden, zerrte stĂ€ndig an den verbliebenen KrĂ€ften der Gefangenen.
Eines Tages bemerkte sie, dass sie so abgestumpft war, dass sie den Geruch nicht mehr wahrnahm. Es wurde ihr nicht mehr bewusst. Kurz danach starben die Ersten von ihnen. Der Tod nahm zuerst die Älteren und die JĂŒngeren zu sich. Freunde, Familienmitglieder und zusammen gewĂŒrfelte Fremde mussten Tag fĂŒr Tag mit ansehen, wie andere „Malungos“ in diesen Tagen der Reise ins neue Land ihr Leben aushauchten. Malungos, das Wort fĂŒr die Verdammten in ihrer Sprache.
Wenn jemand starb, durchbrach dieses Ereignis die Monotonie des Tages. Erst nach Stunden kamen die Matrosen herunter und schleppten die Leiche hoch auf das Deck. SpĂ€ter hörte man etwas ins Wasser platschen. Die Augen der Gefangenen spiegelten ihre verzweifelten Gedanken: „Danke, meinen Ahnen, dass ich noch am Leben bin“, sagte ein Unbekannter.
“Dies ist das Schiff der Untoten! Das Schiff der Verdammten, das mich in die Unterwelt bringen soll!“, schrie ein Anderer.
„Dies ist das Schiff der Malungos, der Verdammten!“, schrieen so manche ohne Hoffnung zu den WĂ€nden, die ihnen sowieso kein Gehör schenkten.

Die SchwĂ€che ihres Körpers schien jedoch Aketimes Geist zu klĂ€ren. Visionen holten sie in eine andere Welt. Sie sah ihr Dorf, bevor es zum Angriff kam. Mamuku erklĂ€rte ihr manches ĂŒber das Feuer, Wasser, Erde, und Himmel. Und ĂŒber das Land der Geister und ihrer Ahnen. Mamuku erzĂ€hlte, wie Gott den OrixĂĄs befahl, Teile der Erde zu regieren. Die krĂ€ftige Stimme Mamukus erfĂŒllte Aketime mit Freude und hinterließ sie in nostalgischen TrĂ€umen. Diese etwas dicke, gedrungene, bunt gekleidete alte Frau diente ihr als Mamuku, ihre Mutter in der Spirituellen Welt. Sie erzĂ€hlte ihr, wie Gott den OrixĂĄs Aufgaben zuteilte.
„Die OrixĂĄs sollten der Menschheit zeigen, auf welche Art und Weise sie ĂŒberleben sollen“, lehrte Mamuku sie in ihrer liebevollen Art.
„Aber Mamuku, ist diese Aufgabe nicht erledigt?“, fragte Aketime. Selbst in ihren Ohren klang ihre kindliche Stimme fremdartig. „Wir ĂŒberleben doch!“
Mamuku lachte und sagte: „Gewiss, mein Kind, aber die OrixĂĄs begleiten uns noch weiter. Damit du das verstehen kannst, benötigst du das Wissen ĂŒber die verschiedenen Welten. Sie sind alle miteinander verbunden und trotzdem können sie getrennt gesehen werden.“ „Welche Welten Mamuku?“
„Alle anderen Welten, Aketime. Die schnelle und die langsame, die dichte und die luftige, die pflanzliche oder erdige, selbst die der Untoten oder die der Geister.“ „Als du geboren wurdest,Aketime, standen dir gleich drei OrixĂĄs zur Seite, und diese begleiten dich dein Leben lang weiter. Der Erste ist mit deinem Körper verbunden. Er hilft dir deinen Charakter zu entwickeln, deine Körperkraft zu steigern, und deine Verbindung zum anderen Geschlecht aufzubauen. Der zweite OrixĂĄ ist dein Geist, er gibt dir deine eigene IdentitĂ€t. Dein AxĂ©.
Der dritte OrixĂĄ ist dein Gottesfunke, deine Seele. Du trĂ€gst ihn in dir. Jeder trĂ€gt diesen Funken mit sich. Er scheint sehr hell. Er lenkt dein Schicksal„ und fĂŒhrt dich durch deinen Weg zur Erleuchtung, auch AxĂ© genannt!“ Aketime, sah, hörte, und fĂŒhlte diese ewigen Wahrheiten in ihrem Herzen, ohne daran zu zweifeln. Ihr GefĂŒhl von StĂ€rke und Geborgenheit wurde in diesem Moment allmĂ€chtig. Ungewollte TrĂ€nen stiegen ihr in die Augen. Sie erwachte aus ihrem Traum, denn Orundo schĂŒttelte sie. Sie stöhnte leise, öffnete die Augen und sah Orundo vor sich knien. Er sah schrecklich aus. Seine Augen brannten in Feuer. Sie legte ihre Hand auf seine Stirn und spĂŒrte, wie Orundo sich heiß anfĂŒhlte. Seine Stimme war sehr schwach. Er hatte viel Gewicht verloren. Der muskulöse Mann war zur HĂ€lfte seines Körpers geschrumpft. „Du hast im Schlaf gesprochen“, sagte er. Aketime wurde erst jetzt bewusst, dass viele der Gefangenen sie anstarrten. Die Augen ihres Volkes waren, seit sie im Bauch des Schiffes gefangen waren, dunkel und traurig geworden. Der Traum mit Mamuku öffnete ihre Augen erneut fĂŒr ihre Umwelt und ihre Mitmenschen. Wo waren ihr Mut, ihre WĂŒrde und Freude geblieben?
Sahen sie in Aketimes Augen jetzt ebenfalls die Angst widergespiegelt? „Orundo, ich sprach in meinem Traum mit Mamuku. Sie erzĂ€hlte mir vieles ĂŒber die Götter und unsere Ahnen. Es war wunderschön.“ Husten schĂŒttelte Orundos Körper, bevor er antworten konnte. „Ah, hĂ€tte doch ich auch solche TrĂ€ume“, flĂŒsterte Orundo leise zu Aketime. „Alles, was ich denken kann, ist: weiteratmen und weiter essen. Aketime, wie lang werden wir das noch ertragen können? Wie lange sind wir schon hier drinnen? Eingekerkert wie Tiere, die in ihrem eigenen Dreck schlafen mĂŒssen. Ich kann das alles nicht lĂ€nger ertragen.“ „Gib die Hoffnung nicht auf, Orundo! Ich brauche dich! Es kann nicht mehr lange dauern, bis wir unser Ziel erreichen. Halte bitte durch!“ Aketime merkte, dass mehrere der Mitgefangenen ebenfalls Husten hatten. Wenn sie alle das hier ĂŒberlebten, wĂ€re das wirklich ein Wunder. Sie hatte selbst wenig Kraft. Alle bewegten sich nur noch sparsam, langsam. Menschen mit glasigen Augen, aller Hoffnung und Richtung beraubt. Auch die Essensverteilung verlief anders, manche verweigerten das Essen. Sie beschloss, dass die Zeit reif fĂŒr Geschichten und Gesang war. Mamukus Geschichten hatten Aketime stets geholfen.
‚Wer singt, verjagt seinen Ängste!’, Aketime begann leise zu singen: „É BabĂ  OjĂȘ ĂŽĂŽ Ă© Ă© RuĂ© É BabĂ  OjĂȘ ĂŽĂŽ Ă© Ă© RuĂ© È Guni Guni É BabĂ  OjĂȘ ĂŽĂŽ Ă© Ă© RuĂ© È Guni Guni“ „Oxalufan OxĂĄ BabĂĄ OxalĂĄ Salufan SabarĂĄ e Sagrian“ Als Aketime die zweite Strophe wiederholte, stimmten mehrere Stimmen mit ein. Sie klangen schwach, aber man fĂŒhlte noch einen Funken Hoffnung darin. „É BabĂ  OjĂȘ ĂŽĂŽ Ă© Ă© RuĂ© É BabĂ  OjĂȘ ĂŽĂŽ Ă© Ă© RuĂ© È Guni Guni É BabĂ  OjĂȘ ĂŽĂŽ Ă© Ă© RuĂ© È Guni Guni“ „Oxalufan OxĂĄ BabĂĄ OxalĂĄ Salufan SabarĂĄ e Sagrian“ Nachdem der Gesang abstarb, fĂŒhlte sich Aketime etwas besser.
“Wieso singst du diese Melodie?“, fragte ein Mann, den Aketime nicht kannte.
Sie erzĂ€hlte ĂŒber ihren Traum und ĂŒber die Prophezeiung, die sie durch das BĂșzios-Spiel gesehen hatte. Sie erzĂ€hlte ĂŒber ihre Ausbildung zur „Mutter-der-Geister“. Der Mann lachte.
„TrĂ€ume weiter, liebliche Aketime, viel mehr bleibt uns nicht mehr ĂŒbrig ...“ Aketime entgegnete:
„ Ist OxalĂĄ nicht der OrixĂĄ, der den Menschen in die Nase atmete und sie alle zum Leben erweckte? Ohne OxalĂĄ wĂ€ren wir alle nur Puppen aus Lehm. Er gab uns Leben und Vielfalt. OxalĂĄ gab uns die FĂ€higkeit, uns zu vermehren und das Leben zu genießen. Wenn ich um mich schaue, sehe ich nur Tote. Ihr lebt nicht mehr. Ihr verleugnet den OxalĂĄ in euch. Ihr habt eure Hoffnung verloren." Der Mann lachte gequĂ€lt und gab seiner Hoffnungslosigkeit Ausdruck, indem er seine Ketten schĂŒttelte. „Welche Hoffnung können wir hiermit noch haben? Wir sind im Bauch eines Schiffes, das uns irgendwohin verschleppt. Wir schlafen in unserem eigenen Kot!“, entgegnete er wĂŒtend. Alle um ihn herum nickten. Sie gaben dem Mann Recht. „Wie heißt du, mein Freund?“
“Oxaguianketu, ist mein Name“, antwortete er. „Oxaguianketu, ein wahrer Kriegername.“ Aketime legte ihre Hand auf Oxanguianketus Schulter und lĂ€chelte ihn an. „So wie du mich bekriegst, mein Freund, so solltest du die da oben, die uns entfĂŒhrt haben, bekriegen. Diese Wut und das Feuer, das ich in dir entfache, dieses Feuer gab dir OxalĂĄ. Richte es auf die da oben, die unser Volk in Ketten legen. Solange es dauern mag, solange sie uns gefangen halten, solange werden auch wir nicht aufgeben. Das Feuer muss brennen. Das Feuer muss bleiben. Wo Leben ist, gibt es auch Hoffnung! Wer keine Hoffnung hat, ist schon verloren! Das ist die Wille der Götter!“, sagte Aketime.

Aketime versuchte danach ihr Schicksal und das ihrer Mitreisenden, vor allem der Kinder, zu erleichtern, indem sie Geschichten erzÀhlte oder sie auch zum Singen animierte, manchmal mit mehr, manchmal mit geringerem Erfolg.
Umso erschreckender war fĂŒr alle Verschleppten, als es eines Tages plötzlich ganz still um sie wurde. Kein GerĂ€usch war mehr zu hören. Man hörte außer schmerzvollen Seufzern und dem Atmen der Gefangenen nicht viel. Die Welt oben an Deck schien zu warten. Aber worauf?
„Der Wind! Sie warten auf den Wind. Wir stehen inmitten einer Flaute.“
SpĂ€t am Nachmittag, durch die Flaute beunruhigt und auch um ihre Langeweile zu bekĂ€mpfen, begannen die Matrosen sich zu betrinken. Sie wurden laut, es gab ein Handgemenge, das man sich unter Deck nur durch die KampfgerĂ€usche vorstellen konnte. Ein Mann wurde auf dem Oberdeck ausgepeitscht. Seine Schmerzschreie fĂŒgten sich nahtlos an die der Sklaven. SpĂ€t am Abend kamen die Matrosen in ihr GefĂ€ngnis getorkelt, um holten sich eine junge Frau. Dann wurde jedem klar, dass es doch noch schlimmer kommen könnte. Jeder verdrĂ€ngte die Gedanken an das Schlimmste. Jeder wusste, was gerade geschah. Ihr Schreien der Furcht blieb unbeantwortet. Sie hatten selber Angst, und jeder wurde sich seiner Scham gewahr. Aketime war froh, dass sie nicht zum VergnĂŒgen der Matrosen ausgewĂ€hlt wurde. Scham brannte sich in ihre Seele wie Feuer. Ihre Wut bekĂ€mpfte ihre Angst und verlor.
Die Flaute dauerte noch mehrere Tage an. Es waren merkwĂŒrdige Tage. Sie waren alle gezwungen, darĂŒber zu grĂŒbeln, weshalb man eine solche PrĂŒfung zu bestehen hatte. Aketime schwebte dauernd zwischen Angst und Glaube. Nur, es machte alles keinen Sinn. Sie nahmen in Ohnmacht alles hin, wie es kam. Aketime sorgte sich viel mehr um Orundo, weil sein Zustand sich erheblich zu verschlechtern schien.
Auch die MĂ€dchen und die Jungen, die von den Matrosen Nacht fĂŒr Nacht nach oben zum „Spielen“ geholt wurden, waren Grund genug fĂŒr Aketime, sich zu sorgen. Sie kamen zurĂŒck, apathischer, melancholischer, verrĂŒckter, als sie schon zuvor waren. Jedes Mal wĂŒnschte sich Aketime irgendetwas tun zu können, aber was? Sie hatte noch nie solche GefĂŒhle der Bedeutungslosigkeit erlebt. Waren die Schreie der Lust den schmerzvollen so Ă€hnlich? Oder bildete sie sich das ein? Tag fĂŒr Tag wurden die Opfer der Vergewaltigungen mehr und ließen Aketime erkennen, dass sie selbst bald an der Reihe sein musste. Umso mehr wuchs ihre Angst davor.
Was wĂŒrde sie tun? Was taten diese MĂ€nner da oben? Sie sah die geschwollenen MĂŒnder und die blauen Flecken im Gesicht der Opfer, die bezeugten, wie brutal diese Matrosen die Gefangenen benutzten. Sie verglich in Gedanken, wie liebvoll ihre Einweihung in das Erwachsenenalter war, nachdem sie ihre ersten Blutungen gehabt hatte. Sie musste zwar die Tage der Blutungen allein in einer HĂŒtte mit den anderen MĂ€dchen verbringen, aber danach erlebte sie die Wollust mit einem Ă€lteren Mann ihrer Wahl. Damit war ihre Kindzeit vorbei und sie wurde ein angesehenes Mitglied des Frauenrates. Eine CandomblĂ© Eingeweihte, die zukĂŒnftige „Mutter–der–Geister“. MĂ€chtiger als jeder Mann. Der Mann war sehr zĂ€rtlich zu Aketime gewesen, und sie genoss an diesem gemeinsamen warmen Sommerabend ihren ersten Höhepunkt. Welche Freude war dieses Erlebnis gewesen. Die Wonne, zwischen Mann und Frau geteilt, wenn sie sich gegenseitig rĂŒcksichtsvoll verhielten.
Welch ein Unterschied zu den Erlebnissen dieser MĂ€dchen hier. Von einem Fremden mit Gewalt gezwungen, etwas zu tun, was Mann und Frau nur freiwillig tun sollten. Es war fĂŒr Aketime entsetzlich darĂŒber nachzudenken.
Die Windflaute dauerte fast einen ganzen Monat. Aketime hoffte, als sie eines Tages aufwachte und den Wind in den Segeln hörte, sich dieses Vergewaltigungsschicksal zu ersparen. Sie spĂŒrte, wie das Schiff endlich wieder in Bewegung kam. Die GeschĂ€ftigkeit der Schiffsbesatzung ĂŒber ihren Köpfen nahm wieder ihren gewohnten Lauf. Der Abend kam, und obwohl der Wind in einer stetigen Brise wehte, erkannten alle im Schiffsbauch, dass sich oben etwas geĂ€ndert hatte. Die Matrosen betranken sich weiterhin. Sie spielten grob miteinander und amĂŒsierten sich vorerst auf Kosten der Schiffsjungen. Doch es dauerte nicht lange, und schon kamen Matrosen unter Deck. Ihre ehemaligen Opfer versuchten, als sie die Gier in ihren Augen erkannten, sich tot zu stellen. Alle hatten große Angst.
Aketime verachtete diese MĂ€nner. Ihr Hass war so groß, er sprudelte förmlich aus ihr heraus. Wenn sie könnte, wĂŒrde sie jeden einzelnen dieser MĂ€nner zusammenschlagen und ihm die Ohren abschneiden. Sicher nicht nur die Ohren. Sie wĂŒrde alles klein zerhacken und den Fischen vorwerfen.
Die MĂ€nner bemerkten ihren hasserfĂŒllten Blick, dieses Feuer, das aus ihren Augen leuchtete. So manchen von ihnen Ă€ngstigte dieser Blick, der soviel KĂ€lte und Hass verströmte, doch sie ĂŒberwanden ihre Angst und antworteten mit roher Gewalt. Sie packten Aketime und zerrten sie lachend an Deck.
Dieses „Spiel“ war einfach.
Aketime wehrte sich nicht. Es hatte ja doch keinen Sinn. Sie wollte endlich diese Furcht hinter sich bringen und sich nicht Tag fĂŒr Tag quĂ€len, ob und wann es passieren könnte. Vielleicht war die RealitĂ€t weniger erschreckend als ihre Vorstellungskraft. Wie oft hatte sie darĂŒber nachgedacht? Wie oft hatte sie sich ausgemalt, wie diese MĂ€nner sie mit Gewalt nahmen?
Wie oft hatte sie sich vorgestellt, wie sie diese MĂ€nner, einen nach dem anderen, umbringen, das Schiff kapern und alle Mitgefangenen befreien wĂŒrde? Wie oft hatte sie enttĂ€uscht erkennen mĂŒssen, dass dies alles nur in ihrer Vorstellung möglich war.
Die MĂ€nner waren viel kleiner als in ihren AlptrĂ€umen, aber nicht hĂ€sslicher. Sie gewann durch ihren Hass etwas Abstand. WĂ€hrend diese MĂ€nner sie an Armen und Beinen festhielten, und einer nach dem anderen ĂŒber sie herfiel, benutzte Aketime ihren Hass wie eine RĂŒstung. Wieviel Positives wĂŒrde in ihrem Leben geschehen, nach solchen PrĂŒfungen! Sie klammerte sich an ihren Hass wie ein SchiffbrĂŒchiger an eine Planke.
‚Das wird dich teuer zu stehen kommen, ExĂș! Das sollst du wissen!’, Aketime schrie ihren Zorn, ihre Wut und Ohnmacht laut aus sich heraus. So laut, damit ExĂș es hörte. Die Matrosen, durch ihre Schreie aufgestachelt, feuerten sich gegenseitig an. Sie dachten, Aketime schrie aus Angst. Das schĂŒrte ihre Wollust noch mehr.
In ihrer Not erkannte sie, dass diese MĂ€nner nur ihrem Körper Gewalt antun konnten, ihre Seele jedoch, ihr wahres Ich, blieb unbefleckt. Dieser Teil trieb ihre Wut an, Ohnmacht in Macht umzuwandeln. Sie hatte gelernt, mit Magie umzugehen. Sie musste sie jetzt einfach nur nutzen! Mit jedem Stoß beraubte Aketime die Matrosen ihrer Lebensenergie. Sie benutzte ihre eigene sexuelle Energie wie einen Schwamm. Die Matrosen erkannten nicht, dass sie diejenigen waren, die vergewaltigt wurden. Aketime beraubte sie ihrer Lebensenergie.
Nachdem sie sich befriedigt hatten, fĂŒhlten sie sich kraftlos und mĂŒde, und manche Schreie von Aketime waren eher kriegerisch als schmerzvoll. Als ihr das Spiel der Magie kein VergnĂŒgen mehr bereitete, setze Aketime die angesammelte sexuelle Energie um. Sie blickte den Matrosen der Reihe nach genau in die Augen und ließ wie einen Schlangenbiss ihre Energie auf den letzten von ihnen, der an der Reihe war, los. Zur Belustigung seiner Kameraden bekam er keine Erektion.
Aketime verspottete ihn in ihrer eigenen Sprache. Nur ihre Zeichen waren den anderen verstÀndlich.
Der Matrose, sichtlich durcheinander und erniedrigt, wollte nun allen seine MĂ€nnlichkeit zeigen und verpasste Aketime einen Schlag ins Gesicht. Ihr rechtes Auge begann sofort zu bluten und sie konnte kaum noch sehen. Der Matrose zog sein Messer, und als er sich nĂ€herte, um sie zu erledigen, trat Aketime mit voller Wucht in seine Geschlechtsteile. Er fiel mit einem leisen Aufschrei zu Boden. Seine Schiffskameraden wussten nicht, ob sie lachen oder sich vereint auf Aketime stĂŒrzen sollten. Manche zogen ihre Messer. Ein riesiger schwarzer Matrose drĂ€ngte sich vor und baute sich vor Aketime auf. Er schrie ihr Drohungen ins Gesicht, dass die Spucke flog, hob sie aber danach vorsichtig auf und trug sie aus dem Raum zurĂŒck in den Schiffsbauch. Die anderen MĂ€nner waren ermĂŒdet und zu ĂŒberrascht oder betrunken, um zu reagieren.
Auch Aketime ĂŒberraschte es. Jemanden wie ihn, als freien Mann, als Matrosen, auf so einem Schiff arbeiten zu sehen, war völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Wie konnte einer ihrer eigenen Rasse bei so etwas mitmachen? Wie konnte er die Versklavung ihres Volkes zulassen?
Als sie das Klicken ihrer Eisenketten hörte, ließ die Neugier ihre Zunge endlich frei.
„Wie heißt du?“
Der schwarze Matrose zögerte, senkte seinen Blick zu Boden und rang sichtlich innerlich aufgewĂŒhlt und zerrissen um Worte.
„Ich heiße Baga. Und ich weiß was du gerade denkst. Aber es ist besser, du vergisst das schnell wieder. Ich bin ein Sklave, so wie du. Ich darf da oben nur mein Leben riskieren, weil ich stark bin und ein anderer Matrose wĂ€hrend meiner „Malungo“ Reise starb. So wurde ich gezwungen hier zu arbeiten. WĂ€hrend ihr bald wieder Festland sehen werdet, werde ich noch lange Jahre hier Gefangener sein.“
„Baga, schau dich hier um. Mach deine Augen auf. Das sind Kinder hier! Mein Freund dort stirbt gerade, weil keine Medizin vorhanden ist! Ha! Keine Medizin, kein Wasser, kein Essen, nichts außer Tod, Wahnsinn, Vergewaltigung und Krankheit. Du musst fĂŒr uns etwas unternehmen.“ Aketime blickte ihn eindringlich an.
„Ich kann nichts fĂŒr euch tun.“
Daraufhin drehte sich Baga um und verließ den Raum.

Orundo sah Aketimes geschundenen Körper und ihr geschwollenes Gesicht. Er fĂŒhlte sich elend, aber wie wĂŒrde Aketime sich jetzt fĂŒhlen?
Orundo wusste es nicht. Sie war fĂŒr ihn wie eine jĂŒngere Schwester oder Tochter. Er liebte sie wie ein Vater. Er war ihr BeschĂŒtzer fĂŒrs Leben. Er wĂŒrde bereitwillig sein Leben fĂŒr das ihre geben. Das, was diese MĂ€nner ihr angetan hatten, war unertrĂ€glich. Orundo brannte innerlich darauf, sie alle in seine Finger zu kriegen. Er brannte nicht aus Fieber, sondern aus Hass, aus gerechtem Zorn. Diese Wut wĂŒrde seine Rettung sein. Er konnte unmöglich sein Leben aufgeben, solange Aketime hier war und selbst weiter kĂ€mpfte. Sie ging diesem schrecklichen Schicksal mit einer WĂŒrde entgegen, die Orundo nur von ErzĂ€hlungen kannte. Sie war wie ein König der Legenden und Mythen, aber hier war sie und lebte auf diese Weise, direkt vor seinen Augen. Der ganze Dreck, der ihre lieblichen GesichtzĂŒge verdeckte, war nicht genug, um ihre WĂŒrde und ihren Mut vor Orundo zu verstecken. Er wurde seines eigenen Stolzes auf sie noch nie so bewusst wie in diesem einen Moment.
Er hasste diese MĂ€nner fĂŒr das, was sie Aketime angetan hatten.
Er versprach sich insgeheim, alle diese MÀnner, einen nach dem anderen, zu töten. Zu Ogum, dem Orixå der Eisen, besiegelte er seinen Schwur mit einen Kuss auf die Ketten, die ihn gefangen hielten.
SpĂ€t am Abend des nĂ€chsten Tages, öffnete sich die Luke wieder. Alle warteten gespannt, wer diesmal zum Opfer gemacht werden wĂŒrde. Anstatt dessen tauchte Baga wieder auf. Er trug ein Wasserfass mit sich. Er kam zu Aketime und streckte ihr zerstampfte KrĂ€uter und Knoblauch entgegen.
„Das sollte deinem Freund helfen, diese Reise zu ĂŒberleben. Lang kann es nicht mehr dauern, wir haben gerade das Äquatorfest gefeiert. Wenn der KapitĂ€n nicht besoffen ist, traut sich keiner der Mannschaft mehr solche Spiele zu spielen. Bete nur zu deinen OrixĂĄs, dass es keine Windflaute mehr gibt. Dann ist alles nur mehr halb so schlimm.“ Ohne weitere Versprechungen ging Baga, der schwarze Matrose, wieder.
Aketime war ihren Göttern dankbar. War Baga der Grund, weshalb sie soviel ĂŒber sich ergehen lassen musste?
Das Leben der Sklaven wurde mit der Hilfe dieses Mannes von nun an ein wenig ertrĂ€glicher. Sie bekamen regelmĂ€ĂŸiger zu essen und hatten gerade ausreichend zu trinken, um zu ĂŒberleben. Immer, wenn es regnete, brachte Baga danach ein frisches Wasserfass hinunter.
Orundo ging es mit Bagas KrĂ€utern langsam besser. Orundo war ein Krieger. Gewohnt, wie ein Löwe um sein Leben zu kĂ€mpfen. Langsam fing sein Fieber an zu sinken, seine Augen wurden klarer, und er fĂŒhlte sich besser. Sein Körper war noch schwach, aber er wusste, dass er ĂŒberleben wĂŒrde.

Ihre Reise kam zu Ende, so plötzlich, wie sie begann. Ein ferner Ruf, der Land ankĂŒndigte, die Vorbereitungen, die fĂŒr das Einlaufen des Schiffes getroffen wurden, und endlich das Andocken mit lautem Getöse im Hafen der Kolonie. Da der SklavenhĂ€ndler sich die Steuern an die Krone ersparen wollte, gingen sie nicht gleich in Recife, dem Haupthafen, an Land, sondern steuerten ihr Schiff etwas sĂŒdlicher in eine Bucht namens „Porto de Galinha“ – der HĂŒhner-Hafen. Die HĂ€ndler aus Pernambuco wussten, wenn es hieß: „Es sind HĂŒhner aus Angola eingetroffen“, dass neue Sklaven in „Porto de Galinha“ angekommen waren. Sie wussten auch, dass sie hier Sklaven gĂŒnstiger kaufen konnten. Es war ein wohlbekanntes Geheimnis.
Die Sklaven, angetrieben durch Peitschenhiebe, verließen so schnell ihre Ketten es zuließen, das Schiff. Ihre HĂ€nde als Schutz vor der Sonne vor die Augen haltend, atmeten sie gierig die erste frische Luft in Monaten. Es fĂŒhlte sich an, als hĂ€tte ihre Reise sehr lange gedauert. Zwei, drei Monate? Aketime schĂ€tzte diese Reise durch die Hölle auf Erden auf drei Monate.
‚Was wird jetzt passieren?’, dachte sich jeder, der noch bei Sinnen war.
Sie wurden in zwei Reihen aufgestellt. Die StĂ€rksten unter ihnen mussten die Leichen aus dem Schiffsbauch tragen, die respektlos direkt am Strand in den Sand geworfen wurden. Riesige blĂ€uliche Krebse mit einer einzigen großen Schere begannen gleich an den Leichen zu fressen. Manche der Matrosen fĂŒtterten gerne diese „Guaiamuns“, wie sie die Krebse nannten. Aketime ekelte beim Gedanken, dass diese Krebse auch gefangen, gekocht und verspeist wurden. Sie wĂŒrde sich hĂŒten, einen von denen jemals wieder zu essen. Schwarze geierartige Vögel und weiße Möwen gesellten sich dazu, um das gruselige Bankett zu genießen.
Aketime fĂŒhlte, wie ihre Kraft langsam schwand. Die Hitze stieg im Verlauf des Tages an, und sie fĂŒrchtete sich vor der Distanz des Weges, den sie zu gehen hatten. Zu ihrer grĂ¶ĂŸten Überraschung war ihr neues „Zuhause“ aber nicht weit von der Andockstelle entfernt. Gleich rechts nach der Straße, die zur Bucht fĂŒhrte, befand sich, in weißen Mauern erbaut, eine Farm. Dort gab es KĂŒhe und sogar Schweine und HĂŒhner zu sehen.
Sie wurden zuerst zum nahen Fluss getrieben und unsanft in das Wasser gestoßen, um sich zu waschen. Das Wasser war kalt und sehr erfrischend. Aketime weinte ĂŒber dieses GefĂŒhl. Das erste Mal durfte sie sich wieder reinigen, und obwohl die von Ketten verletzten Stellen auf ihrem Körper brannten wie der Teufel, war das GefĂŒhl unvergleichlich. Sie sog dieses Moment der Frische und Klarheit gierig in sich ein. Sie trank das Wasser, in dem sie bis zu ihrem Bauch stand und pantschte. Danach trockneten sich die Gefangenen in der Sonne und bekamen leichte Bekleidung aus weicher Wolle, die ihren Oberkörper frei ließ. Dann brachte man sie erneut zur Farm, wo sie in ein unterirdisches GefĂ€ngnis getrieben wurden. Die MĂ€nner nannten diese Behausung „Senzala“. Allein der Eingang war einladend wie ein Grab. Ein dunkles Loch, in den Boden gegraben und verstĂ€rkt mit Putz und Lehm. Es war dunkel, dreckig und erdig, aber dafĂŒr angenehm kĂŒhl. Sie machten es sich auf dem nackten Boden bequem, und als die TĂŒr verschlossen wurde, erlosch alles Licht. Ein Klagen ertönte in die Dunkelheit. Nach dem Erlebnis, wieder die Sonne zu spĂŒren, im Fluss zu baden und sich zu reinigen, war es nicht leicht, wieder in einem finsteren Verlies zu verweilen. Aketime tastete die kĂŒhle nackte Erde mit ihren HĂ€nden, fĂŒhlte sich trotz allem geborgen und schlief ein. Sie war endlich angekommen. Sie hatte alle ihre PrĂŒfungen bis jetzt ĂŒberstanden. Ihr neues Leben wĂŒrde hier beginnen. Was jetzt kam, konnte nicht schlimmer sein, oder?





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„Alles beginnt mit einem MĂ€rchen, weil MĂ€rchen TrĂ€ume sind, die die RealitĂ€t beherzigen. Einmal Augen auf, einmal Augen zu 
, ein Augenblick genĂŒgt, um die Ewigkeit zu verbergen, oder zu verĂ€ndern.

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Nimroc
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Ein Schiff mit gefĂŒlltem Segel steuerte zu einen Versteckte Bucht. Ein ferner Ruf kĂŒndigte das Land an. Die Vorbereitungen fĂŒr das Einlaufen des Schiffes wurden geschrieen, und das Andocken mit lautem Getöse im Hafen der brasilianischen Kolonie raubte den Möwen ihre Ruhe die sich laut beschwerten. Die Sklaven, angetrieben durch Peitschenhiebe, verließen so schnell ihre Ketten es zuließen, das Schiff. Ihre HĂ€nde als Schutz vor der Sonne vor die Augen haltend, atmeten sie gierig die erste frische Luft in Monaten. Sie wurden in zwei Reihen aufgestellt und an lange Hölzer zusammen gebunden. Die StĂ€rksten unter ihnen mussten die Leichen aus dem Schiffsbauch tragen, die respektlos direkt am Strand in den Sand geworfen wurden. Riesige blĂ€uliche Krebse mit einer einzigen großen Schere begannen gleich an den Leichen zu fressen. Schwarze geierartige Vögel und weiße Möwen gesellten sich dazu, um das gruselige Bankett zu genießen.
Die Hitze stieg im Verlauf des Tages an und sie fĂŒrchteten sich vor der Distanz des Weges, den sie zu gehen hatten. Sie wurden zuerst zum nahen Fluss getrieben und unsanft in das Wasser gestoßen, um sich zu waschen. Das Wasser war kalt und sehr erfrischend.
Aketime weinte ĂŒber dieses GefĂŒhl. Das erste Mal durfte sie sich wieder reinigen, und obwohl die von Ketten verletzten Stellen auf ihrem Körper brannten wie der Teufel, war das GefĂŒhl unvergleichlich. Sie sog dieses Moment der Frische und Klarheit gierig in sich ein. Sie trank das Wasser, in dem sie bis zu ihrem Bauch stand und planschte. SpĂ€ter trockneten sich die Gefangenen in der Sonne und bekamen leichte Bekleidung aus weicher Wolle, die ihren Oberkörper frei ließ. Dann trieb man sie zur einen unterirdischen GefĂ€ngnis. Die MĂ€nner nannten diese Behausung „Senzala“. Der Eingang war einladend wie ein Grab. Ein dunkles Loch, in den Boden gegraben und verstĂ€rkt mit Putz und Lehm. Es war dunkel, dreckig und erdig, aber dafĂŒr angenehm kĂŒhl. Sie machten es sich auf dem nackten Boden bequem, und als die TĂŒr verschlossen wurde, erlosch alles Licht.
Ein Klagen ertönte in die Dunkelheit. Nach dem Erlebnis der Versklavung und der Qual der Schiffsreise von Afrika nach Brasilien, wieder die Sonne zu spĂŒren, im Fluss zu baden und sich zu reinigen, war es nicht leicht, wieder in einem finsteren Verlies zu verweilen. Aketime tastete die kĂŒhle nackte Erde mit ihren HĂ€nden. Sie hatte alle ihre PrĂŒfungen bis jetzt ĂŒberstanden. Ihr neues Leben wĂŒrde hier beginnen. Sie war endlich angekommen. Was jetzt kam, konnte nicht schlimmer sein, oder?
Sie schlief trotz allem ein und trÀumte.


 Aketime rannte weiter. Sie lief kopflos in der Nacht hinein. Sie floh aus ihrem Dorf. Der Angriff kam ohne Vorwarnung und alle versuchten in den umliegenden WĂ€ldern zu verschwinden. Die Schatten der BĂ€ume und das Dunkel der Nacht machten jeden Schritt zu einem halsbrecherischen Manöver. Das Klopfen ihres Herzens erschwerte ihr Denken und sie verlor immer wieder die Orientierung. Sie kĂ€mpfte hart um jeden Atemzug. Aketime lief um ihr Leben.
Das Brennen in ihren Beinen verschlimmerte sich. LĂ€nger wĂŒrde sie dieses Tempo nicht halten können. Sie suchte vergeblich nach einem Versteck, um sich zu erholen. Als sie stolperte, rammte sie ihren Fuß gegen einen Baumstumpf und fiel mit einem leisen Fluchen. Orundo, ihr BeschĂŒtzer, half ihr hoch. ÜberflĂŒssigerweise klopfte sie den Dreck von ihren HĂ€nden.
„Danke“, sagte Aketime. Orundos Augen dehnten sich aus, wie die einer Antilope, bevor sie losspringt. Ein Ruf, von GelĂ€chter begleitet, kam aus dem GebĂŒsch. Er ließ sie los, stellte sich beschĂŒtzend vor sie und schrie:
„Lauf! Versteck dich! Lauf, Aketime!“ Orundo brachte seine Hiebwaffe in Stellung.
„Hier sind sie!“, rief einer der drei weißen MĂ€nner, die bewaffnet auf die kleine Lichtung traten. Sie zĂŒckten ihren SĂ€bel und kreisten Orundo langsam ein. Ihre Absicht war deutlich. Der BeschĂŒtzer wĂŒrde sich lieber töten lassen, bevor er sich ergab. Die verĂ€ngstigte Antilope weidete durch Orundos Augen, und sie las den Todeswunsch in seinem Gesicht. Sie war den TrĂ€nen nahe, und schĂ€mte sich dafĂŒr, dass sie Angst hatte.
‚BedrĂ€nge nie ein verletztes Tier, es wird dich kratzen!’ Ein Messer blitzte in ihrer Hand. Sie drehte die Messerspitze nach oben, wie man es ihr beigebracht hatte. Sie vertraute der SchĂ€rfe des Messers. Aketime war trainiert zu töten und wollte sich mit ihrem Leben verteidigen.
Ein ekeliger Schweißgeruch stieg ihr in die Nase aber kam als Warnung zu spĂ€t. Eine kraftvolle Hand packte sie am Hals. Durch den festen Druck auf ihren Hals konnte Aketime nicht atmen und schnappte laut nach Luft. Aketime spĂŒrte den Drang ihren Kopf zu bewegen, aber der Griff um ihren Hals verhinderte es. Einer Messerspitze an ihrer Kehle ließ sie auf der Stelle erstarren. Sie war kurz davor OhnmĂ€chtig zu werden. Sie fĂŒhlte kaum den Stichschmerz.
„Waffe fallen lassen!“, zischte die Stimme bedrohlich leise. Orundo ergab sich. Das GerĂ€usch seiner fallenden Lanze klang so laut wie ein Trommelschlag.
Schnell fesselten die MĂ€nner Orundos HĂ€nde an seinem Nacken. Die weißen MĂ€nner lĂ€chelten, wĂ€hrend sie Aketime in gleicher Weise schnĂŒrten. Mit dem gelegentlichen Stoß der Breitseiten der SĂ€bel fĂŒhrte man sie zurĂŒck ins Dorf.
Sie erreichten den Ort des Massakers beim ersten Licht. Die Nebel zeigten sich hartnĂ€ckig an diesem Morgen. Ein unterdrĂŒckter und verzweifelter Schrei kĂŒndigte ihre Ankunft an. Sie schriee selbst. Ihr Atem geriet ins Stocken, und sie beruhigte sich mit ein paar tiefen AtemzĂŒgen. Die Bilder wie der Rauch stachen ihr in Auge. Das halbe Dorf war abgebrannt. Das Ausmaß der VerwĂŒstung war enorm. Überall lagen Leichen. Viele der Einwohner lagen tot am Boden, Kinder, Frauen und Greise. Sie schloss ihre Augen, aber die Bilder der Toten verfolgten sie in Gedanken. Der Tod nahm heute fĂŒr Aketime viele bekannte Gesichter, Gesichter, die sie liebte, erstarrt im Moment des Todes. Sie bezeugten den Schmerz und die BrutalitĂ€t ihres letzten Augenblicks in dieser Welt. Das Entsetzen um den Raub ihres Lebens, gemalt in Blut. Sie konnte das Schluchzen nicht mehr zurĂŒckhalten und schrie ihren Schmerz frei. Ihr Klageton blieb nicht unbeantwortet. Das Wimmern, die Wut und die Verzweifelung widerhallten aus jeder Ecke des zerstörten Dorfes.
Die Stimme ihrer Mamuku rief sie aus ihrem Schock heraus.
„Mamuku? Wo bist du?“, schrie Aketime ihrer Mutter nach. Sie schĂŒttelte sich von ihren WĂ€chtern frei und kniete sich neben eine alte Frau, die auf dem Boden lag. Sie lag im Sterben, fĂŒr jeden ersichtlich. Die sterbende Frau war fĂŒr Aketime wie eine Mutter, ihre Mutter-im-Glauben, ihr YalorixĂĄ gewesen. Blut blubberte aus ihrem Mundwinkel, und jeder Atemzug schwĂ€chte sie mehr. Aketime versuchte instinktiv ihre Arme um Mamuku zu legen, aber ihre HĂ€nde waren immer noch gebunden. Wut stieg in ihr hoch und ihr Körper bebte. Das GefĂŒhl der Ohnmacht ĂŒberfiel sie und sie weinte.
„Mamuku! Mamuku!“, rief sie verzweifelt.
Mamuku Lider flatterten. Das Leben verließ rasch den zerbrochenen Körper, und Blut gurgelte aus Mamukus Mund. Ihre letzten Worte kamen gequĂ€lt aus ihr heraus.
„Aketime ... mein Licht ... du lebst ...“ „Ja, Mamuku, bitte, sprich nicht, alles wird wieder gut!“, flĂŒsterte Aketime. „Aketime 
 ich verlasse dich nicht ... alle deine Ahnen sind bei dir ... ‚Ihr Geist wird im Körper schwĂ€cher.’ „Ruhig, Mamuku! Ruhig!“ Mamuku nahm einen kleinen Beutel und stopfte ihn in Aketime’ GĂŒrtel. Sie starb kurz darauf mit einem entspannten LĂ€cheln im Gesicht.
Einer der MĂ€nner zog Aketime grob auf ihre FĂŒĂŸe. Unkontrollierte Wut explodierte in Bewegung. Sie nutzte den krĂ€ftigen Zug des Mannes und schmetterte ihren Kopf gegen seinen Kiefer. Er ging zu Boden. Ein lauter Knall hĂ€mmerte an ihre Ohren, und die HĂ€rte der SchlĂ€ge war das einzige, was sie noch mitbekam. Alles, was dann geschah, erlebte sie wie in Trance. Als ob alles in weiche Watte gehĂŒllt wĂ€re. Alles erschien grell und gleichzeitig weich gezeichnet. Sie konnte kaum atmen. Alles klang zu laut in ihren Ohren, bis sie endlich in der Dunkelheit eines Schiffbauches erwachte.
Sie kannte solche Schiffe durch HĂ€ndler, die ab und zu im Dorf vorbeikamen. Die SklavenjĂ€ger benutzten kleine und ĂŒberfĂŒllte Fischerboote, die aus allen Fugen zu platzen drohten. Diesmal wĂŒrde ihr Volk die Ware dieser HĂ€ndler sein. Zusammengepfercht auf engstem Raum, konnte sie sich kaum bewegen, ihr Kopf tat höllisch weh und sie fĂŒhlte sich innerlich tot, begraben und vergessen.
Nach mehrere Stunden Fahrt legten sie in einem grĂ¶ĂŸeren Hafen an, jenseits des Flusses. Dort wurden sie abgeladen. UnfĂ€hig zu jeglichem GefĂŒhl folgte sie widerstandslos den Anweisungen. Sie nahm das Geschehen um sich wahr wie in einem bösen Traum, den man zu vergessen sucht. Sie und alle anderen Gefangenen wurden zusammen getrieben und zum Hafen gebracht. Sie warteten lange Zeit in der Sonne sitzend auf irgendetwas. Die GerĂ€uschkulisse der Hafenstadt Benin erfĂŒllte alle Winkel. Fischerweiber rollten ihr Wagen herbei und priesen ihre Waren an. Emsige Matrosen verluden GepĂ€ck aus ihren Schiffen. Der aufgewirbelte Staub, die Insekten, die man mit gefesselten HĂ€nden nicht verjagen konnte, und die angestaute Hitze des Nachmittags quĂ€lten sie. Der Durst trocknete ihre Lippen. SpĂ€ter wurden sie auf ein grĂ¶ĂŸeres Schiff geladen, in dessen Bauch gezwĂ€ngt und angekettet. Das alles wurde zu einem einzigen Nebel in ihrem Kopf. Die Pumpe in ihren Ohren ĂŒbertönte das Geschrei und den Schmerz um sie herum.
In diesem Schiffsbauch saßen bereits gefangene Bantos aus anderen Flussdörfern. Ein alles beherrschender Geruch ĂŒberwĂ€ltigte Aketime. Ein Geruch der Gefangenschaft, durchdrungen mit Gestank von FĂ€kalien, Schweiß, Krankheit, Angst, Tod und Salz. Die Gefangenen lebten schon lange in ihrem eigenen Kot. Das verzweifelte GefĂŒhl, das sich in Aketimes Herz bohrte, war diesem Geruch sehr Ă€hnlich. Ein lebendiger Ausdruck ihres Inneren. Sie mĂŒsste sich ĂŒbergeben und den bitteren Geschmack haftete an ihr. ÜbermĂŒdet, durstig, und im Schock versuchte sie zu schlafen 



 ExĂș lachte ihr ins Gesicht, mĂ€chtig in seinen Farben. Rot und Dunkelheit. Das Rot des Blutes war ĂŒberall zu sehen, vermischt mit dem Dunkel der GefĂŒhllosigkeit in ihrem Herzen und in der Magengrube. Er trug seine Hörner mit schrĂ€gem Humor zur Schau. ExĂș in voller Pracht.
’Was willst du wirklich von mir, ExĂș? Lass mich in Ruhe!’, stöhnte sie im Schlaf. ExĂș ließ ungern los. Sein spottendes Grinsen trieb sie zum Weinen. Die Gedanken an die Toten und Verlust kreisten in ihr Kopf herum. Alles, was sie kannte, gehörte jetzt der Vergangenheit an. Ihre Ausbildung zur „Mutter der Götter“, ihr Dorf, ihre Freunde ... Alles innerhalb eines Tages vernichtet. Sie weinte ihren Verlust hinaus, und je mehr sie weinte, desto mehr schien sich ExĂș darĂŒber zu amĂŒsieren. Der OrixĂĄbote beschnupperte ihr Zweifeln, streckte seine lange Zunge und trank aus ihr TrĂ€nen. ‚Köstlich!’


 Ihre Verzweiflung trieb sie aus dem Schlaf. Sie fĂŒhlte sich elend und klammerte sich daran wie ein Matrose bei hohem Seegang. Aketime stellte sich vor, wie dieses Schiff zu sein, frei dem Wind ĂŒber die Wellen zu folgen, tĂ€nzelnd, erleichtert von allen Sorgen, wie ein Kind, das sein Spielzeug dem Wellengang des Strandes anvertraute. Um sie zu necken, begann sich das Schiff geduldig von rechts nach links zu schaukeln.
‚Wohin werden diese MĂ€nner mich und mein Volk bringen, ExĂș?’, sie bekam keine Antwort auf ihre Frage. War ExĂș nicht der Bote der Götter? Er war verpflichtet, ihre Fragen zu beantworten.
Doch er antwortete nicht. ExĂș wollte nicht reden. Wo verlor sie ihr Vertrauen an ihre OrixĂĄs? Sie spĂŒrte nur diese Leere. Dieser unbeschreibliche Verlust breitete sich wie ein GeschwĂŒr in ihrer Magengrube aus.
Sie massierte ihren Bauch, um diese Leere zu verbannen, und fand die kleine Tasche, die Mamuku ihr noch einsteckte bevor sie starb. Ein dĂŒnnes LĂ€cheln der Sehnsucht breitete sich in ihrem Gesicht aus, als sie den kleinen Lederbeutel liebkoste, der den IfĂĄ enthielt. Es war tatsĂ€chlich Mamukus Tasche, in der sie ihr BĂșzios Muschelspiel aufbewahrte und die weich vom hĂ€ufigen Benutzen jetzt in ihren HĂ€nden lag. Die IfĂĄ, das Orakel aus Muschel gemacht, wurde von Generation zu Generation der YalorixĂĄs weitergereicht und diente dem Kontakt mit ihren Ahnen und Göttern. ExĂș wachte ĂŒber das Spiel. Mamuku konsultierte ihr Orakel jeden Tag und warf die BĂșzios nach Antworten auf die Fragen ihres Kunden.. Sie trug diesen kleinen Beutel stets bei sich, wie ein Talisman.
‚In jeder Kurve oder Kreuzung deines Weges wartet dein Schicksal, dein AxĂ© auf dich. Es gibt keinen Zufall, Aketime. Alles fĂ€llt dir zu! Du hast die Wahl selbst schon vor lĂ€ngerer Zeit getroffen!’
Mamukus tadelnde Stimme zu hören, auch wenn nur im Geist, war fĂŒr Aketime wie der Anblick eines Regenbogens. Ihre GesichtszĂŒge erhellten sich. Wenn Mamukus Geist wirklich bei ihr weilte, wĂŒrde sie ihr, Aketime, den richtigen Weg durch das Orakelspiel zeigen? Aketime öffnete den Beutel, nahm die Muscheln heraus und begann mit den BĂșzios zu spielen.
Sie klĂ€rte ihren Geist von aller Furcht und unnötigen Gedanken mit einem tiefen Atemzug so wie sie es gelernt hatte, und bat ihre Ahnen um Hilfe. Gespannt wĂŒrfelte sie die erste „Welle“.
Nach einiger Zeit begann sie die Muster der Muscheln zu erkennen. Ihre Zukunft breitete sich vor Aketime aus wie ein Buch. Das Muschel-Orakel formte Bilder in ihrem Geist. Je öfter sie wĂŒrfelte, desto mehr durchblickte sie den trĂŒgerischen Willen der Götter und Ahnen. Die Ergebnisse schockierten sie. Aketime, in Afrika geboren, um Königin zu sein, sie, die ihre Ausbildung genoss, um „Mutter-der-Götter“ zu werden, die so viele MĂ€nner haben könnte wie sie wollte, sie hatte einen Auftrag. Die OrixĂĄs brachten sie als Sklavin in neue LĂ€nder, um dort wieder Königin und Mutter-der-Götter zu werden. Die OrixĂĄs wollten dieses neue Land erobern, und Aketime war ihr Instrument dazu. Sie sollte dort dienen.
Die Prophezeiung, der IfĂĄ, nahm ihren Lauf, und Aketime fĂŒhlte sich wie ein Blatt im Wind. Durch Gewalt aus ihrem Baum gerissen, geschĂŒttelt und hin und her geworfen. Durch diesen Wind wĂŒrde sie an einen neuen fruchtbaren Boden gebracht werden. Aketime mĂŒsste dort einen neuen Baum ihres Lebens pflanzen.
‚Der Wille meiner Ahnen!’, dachte sich Aketime.
Sie konnte hören, wie ExĂș ĂŒber sie lachte. Die Zukunft sprach zu ihr. Sie musste nur genug Kraft besitzen und das Hier und Jetzt ĂŒberleben! So waren die Spiele von ExĂș. Das Wissen ĂŒber den Willen der Götter erleichterte ihr nicht, die Geschehnisse zu ertragen. Aketime war erst sechzehn Jahre alt. Sie weinte sich mit ihren letzten TrĂ€nen in den Schlaf 



 Von Schmerz erfĂŒlltes Weinen und Schreie rissen sie mit Gewalt aus ihrem unruhigen Schlaf. Sie erwachte mit schmerzenden Gliedern. Die Ketten rieben unertrĂ€glich an ihren Knöcheln und Handgelenken. Ihre Lippen waren mittlerweile vor Durst geschwollen und aufgeplatzt. Sie stellte ĂŒberrascht fest, dass sich zumindest ihre Kopfschmerzen gebessert hatten, da ihrer Körper sich ĂŒber so viele andere Dinge beklagte.
Das Leben auf dem Schiff war geprĂ€gt von fremdartigen GerĂ€uschen. Holz knirschte oder zerbarst, die Segel sangen mit dem Wind, die Matrosen riefen sich Kommandos zu oder sangen Lieder in unbekannten Sprachen. Es dauerte sehr lange, bis irgendeine Form der Verpflegung kam. Den Matrosen schien das Überleben der Sklaven nicht so wichtig zu sein. Einmal am Tag bekamen sie zu essen und zu trinken. Keiner wusste zu sagen, was sie hier aßen. Den Geschmack kannten sie nicht. Das Wenige, das sie erhielten, wurde verteilt. Manche der Gefangenen beĂ€ugten gierig ihren Anteil. Aketime zwang sich, so rasch, wie es ihr die Ketten erlaubten, zu essen.
Am Anfang lebte Aketime von einem Tag zum anderen. Je mehr sie das ZeitgefĂŒhl verlor, um so mehr trat ihr Hunger in den Vordergrund. Tage, vielleicht Monaten verstrichen, und Aketime fĂŒhlte sich körperlich immer schwĂ€cher. Die tĂ€gliche Essenszeit wurde langsam zum Mittelpunkt ihres Daseins. Schlafen, aufwachen, schlafen, essen, trinken, schlafen und bis zur nĂ€chsten Mahlzeit ĂŒberleben. Ein Rhythmus, der seinen Platz fand. Monoton, und doch etwas, an das zu klammern es sich lohnte. Langsam fĂŒllte der fĂŒrchterliche Hunger alles aus und wich nie aus ihren Gedanken. Sie fĂŒhlte sich kraftlos und missbraucht, gezwungen, jeden Tag aufs Neue zu beginnen.
Das Leben auf dem Schiff wurde nicht leichter, sondern von Tag zu Tag schwieriger. Das Mangel an Essen und Wasser und der feuchte, dreckige, von menschlichen AusdĂŒnstungen gefĂŒllte Schiffsbauch war Quelle fĂŒr viele Krankheiten. Manche der Älteren und Schwachen trieb die Hoffnungslosigkeit in den Wahnsinn. Das Schmerzen der Gliedmaßen, die kleinen AbschĂŒrfungen, die sich sofort entzĂŒndeten und eitrig wurden, zerrte stĂ€ndig an den verbliebenen KrĂ€ften der Gefangenen.
Eines Tages bemerkte sie, dass sie so abgestumpft war, dass sie die GerĂŒche nicht mehr wahrnahm. Es wurde ihr nicht mehr bewusst. Kurz danach starben die Ersten von ihnen. Der Tod nahm zuerst die Älteren und die JĂŒngeren zu sich. Freunde, Familienmitglieder und zusammen gewĂŒrfelte Fremde mussten Tag fĂŒr Tag mit ansehen, wie andere „Malungos“ in diesen Tagen der Reise ins neue Land ihr Leben aushauchten. Malungos, das Wort fĂŒr die Verdammten in ihrer Sprache.
Wenn jemand starb, durchbrach dieses Ereignis die Monotonie des Tages. Erst nach Stunden kamen die Matrosen herunter und schleppten die Leiche hoch auf das Deck. SpĂ€ter hörte man etwas ins Wasser platschen. Die Augen der Gefangenen spiegelten ihre verzweifelten Gedanken: „Danke, meinen Ahnen, dass ich noch am Leben bin“, sagte ein Unbekannter.
“Dies ist das Schiff der Untoten! Das Schiff der Verdammten, das mich in die Unterwelt bringen soll!“, schrie ein Anderer.
„Dies ist das Schiff der Malungos, der Verdammten!“, schrieen so manche ohne Hoffnung zu den WĂ€nden, die ihnen sowieso kein Gehör schenkten.

Die SchwĂ€che ihres Körpers schien jedoch Aketimes Geist zu klĂ€ren. Visionen holten sie in eine andere Welt. Sie sah ihr Dorf, bevor es zum Angriff kam. Mamuku erklĂ€rte ihr manches ĂŒber das Feuer, Wasser, Erde, und Himmel. Und ĂŒber das Land der Geister und ihrer Ahnen. Mamuku erzĂ€hlte, wie Gott den OrixĂĄs befahl, Teile der Erde zu regieren. Die krĂ€ftige Stimme Mamukus erfĂŒllte Aketime mit Freude und hinterließ sie in nostalgischen TrĂ€umen. Diese etwas dicke, gedrungene, bunt gekleidete alte Frau diente ihr als Mamuku, ihre Mutter in der Spirituellen Welt. Sie erzĂ€hlte ihr, wie Gott den OrixĂĄs Aufgaben zuteilte.
„Die OrixĂĄs sollten der Menschheit zeigen, auf welche Art und Weise sie ĂŒberleben sollen“, lehrte Mamuku sie in ihrer liebevollen Art.
„Aber Mamuku, ist diese Aufgabe nicht erledigt?“, fragte Aketime. Selbst in ihren Ohren klang ihre kindliche Stimme fremdartig. „Wir ĂŒberleben doch!“
Mamuku lachte und sagte: „Gewiss, mein Kind, aber die OrixĂĄs begleiten uns noch weiter. Damit du das verstehen kannst, benötigst du das Wissen ĂŒber die verschiedenen Welten. Sie sind alle miteinander verbunden und trotzdem können sie getrennt gesehen werden.“ „Welche Welten Mamuku?“
„Alle anderen Welten, Aketime. Die schnelle und die langsame, die dichte und die luftige, die pflanzliche oder erdige, selbst die der Untoten oder die der Geister.“ „Als du geboren wurdest,Aketime, standen dir gleich drei OrixĂĄs zur Seite, und diese begleiten dich dein Leben lang weiter. Der Erste ist mit deinem Körper verbunden. Er hilft dir deinen Charakter zu entwickeln, deine Körperkraft zu steigern, und deine Verbindung zum anderen Geschlecht aufzubauen. Der zweite OrixĂĄ ist dein Geist, er gibt dir deine eigene IdentitĂ€t. Dein AxĂ©.
Der dritte OrixĂĄ ist dein Gottesfunke, deine Seele. Du trĂ€gst ihn in dir. Jeder trĂ€gt diesen Funken mit sich. Er scheint sehr hell. Er lenkt dein Schicksal„ und fĂŒhrt dich durch deinen Weg zur Erleuchtung, auch AxĂ© genannt!“ Aketime, sah, hörte, und fĂŒhlte diese ewigen Wahrheiten in ihrem Herzen, ohne daran zu zweifeln. Ihr GefĂŒhl von StĂ€rke und Geborgenheit wurde in diesem Moment allmĂ€chtig. Ungewollte TrĂ€nen stiegen ihr in die Augen. Sie erwachte aus ihrem Traum, denn Orundo schĂŒttelte sie. Sie stöhnte leise, öffnete die Augen und sah Orundo vor sich knien. Er sah schrecklich aus. Seine Augen brannten in Feuer. Sie legte ihre Hand auf seine Stirn und spĂŒrte, wie Orundo sich heiß anfĂŒhlte. Seine Stimme war sehr schwach. Er hatte viel Gewicht verloren. Der muskulöse Mann war zur HĂ€lfte seines Körpers geschrumpft. „Du hast im Schlaf gesprochen“, sagte er. Aketime wurde erst jetzt bewusst, dass viele der Gefangenen sie anstarrten. Die Augen ihres Volkes waren, seit sie im Bauch des Schiffes gefangen waren, dunkel und traurig geworden. Der Traum mit Mamuku öffnete ihre Augen erneut fĂŒr ihre Umwelt und ihre Mitmenschen. Wo waren ihr Mut, ihre WĂŒrde und Freude geblieben?
Sahen sie in Aketimes Augen jetzt ebenfalls die Angst widergespiegelt? „Orundo, ich sprach in meinem Traum mit Mamuku. Sie erzĂ€hlte mir vieles ĂŒber die Götter und unsere Ahnen. Es war wunderschön.“ Husten schĂŒttelte Orundos Körper, bevor er antworten konnte. „Ah, hĂ€tte doch ich auch solche TrĂ€ume“, flĂŒsterte Orundo leise zu Aketime. „Alles, was ich denken kann, ist: weiteratmen und weiter essen. Aketime, wie lang werden wir das noch ertragen können? Wie lange sind wir schon hier drinnen? Eingekerkert wie Tiere, die in ihrem eigenen Dreck schlafen mĂŒssen. Ich kann das alles nicht lĂ€nger ertragen.“ „Gib die Hoffnung nicht auf, Orundo! Ich brauche dich! Es kann nicht mehr lange dauern, bis wir unser Ziel erreichen. Halte bitte durch!“ Aketime merkte, dass mehrere der Mitgefangenen ebenfalls Husten hatten. Wenn sie alle das hier ĂŒberlebten, wĂ€re das wirklich ein Wunder. Sie hatte selbst wenig Kraft. Alle bewegten sich nur noch sparsam, langsam. Menschen mit glasigen Augen, aller Hoffnung und Richtung beraubt. Auch die Essensverteilung verlief anders, manche verweigerten das Essen. Sie beschloss, dass die Zeit reif fĂŒr Geschichten und Gesang war. Mamukus Geschichten hatten Aketime stets geholfen.
‚Wer singt, verjagt seinen Ängste!’, Aketime begann leise zu singen: „É BabĂ  OjĂȘ ĂŽĂŽ Ă© Ă© RuĂ© É BabĂ  OjĂȘ ĂŽĂŽ Ă© Ă© RuĂ© È Guni Guni É BabĂ  OjĂȘ ĂŽĂŽ Ă© Ă© RuĂ© È Guni Guni“ „Oxalufan OxĂĄ BabĂĄ OxalĂĄ Salufan SabarĂĄ e Sagrian“ Als Aketime die zweite Strophe wiederholte, stimmten mehrere Stimmen mit ein. Sie klangen schwach, aber man fĂŒhlte noch einen Funken Hoffnung darin. „É BabĂ  OjĂȘ ĂŽĂŽ Ă© Ă© RuĂ© É BabĂ  OjĂȘ ĂŽĂŽ Ă© Ă© RuĂ© È Guni Guni É BabĂ  OjĂȘ ĂŽĂŽ Ă© Ă© RuĂ© È Guni Guni“ „Oxalufan OxĂĄ BabĂĄ OxalĂĄ Salufan SabarĂĄ e Sagrian“ Aketime fĂŒhlte sich etwas besser nachdem Gesang.
“Wieso singst du diese Melodie?“, fragte ein Mann, den Aketime nicht kannte.
Sie erzĂ€hlte ĂŒber ihren Traum und ĂŒber die Prophezeiung, die sie durch das BĂșzios-Spiel gesehen hatte. Sie erzĂ€hlte ĂŒber ihre Ausbildung zur „Mutter-der-Geister“. Der Mann lachte sarkastisch.
„TrĂ€ume weiter, liebliche Aketime, viel mehr bleibt uns nicht mehr ĂŒbrig ...“ Aketime entgegnete verĂ€rgert:
„ Ist OxalĂĄ nicht der OrixĂĄ, der den Menschen in die Nase atmete und sie alle zum Leben erweckte? Ohne OxalĂĄ wĂ€ren wir alle nur Puppen aus Lehm. Er gab uns Leben und Vielfalt. OxalĂĄ gab uns die FĂ€higkeit, uns zu vermehren und das Leben zu genießen. Wenn ich um mich schaue, sehe ich nur Tote. Ihr lebt nicht mehr. Ihr verleugnet den OxalĂĄ in euch. Ihr habt eure Hoffnung verloren." Der Mann lachte gequĂ€lt und gab seiner Hoffnungslosigkeit Ausdruck, indem er seine Ketten schĂŒttelte. „Welche Hoffnung können wir hiermit noch haben? Wir sind im Bauch eines Schiffes, das uns irgendwohin verschleppt. Wir schlafen in unserem eigenen Kot!“, entgegnete er wĂŒtend. Alle um ihn herum nickten. Sie gaben dem Mann Recht. „Wie heißt du, mein Freund?“
“Oxaguianketu, ist mein Name“, antwortete er. „Oxaguianketu, ein wahrer Kriegername.“ Aketime legte ihre Hand auf Oxanguianketus Schulter und lĂ€chelte ihn an. „So wie du mich bekriegst, mein Freund, so solltest du die da oben, die uns entfĂŒhrt haben, bekriegen. Diese Wut und das Feuer, das ich in dir entfache, dieses Feuer gab dir OxalĂĄ. Richte es auf die da oben, die unser Volk in Ketten legen. Solange es dauern mag, solange sie uns gefangen halten, solange werden auch wir nicht aufgeben. Das Feuer muss brennen. Das Feuer muss bleiben. Wo Leben ist, gibt es auch Hoffnung! Wer keine Hoffnung hat, ist schon verloren! Das ist die Wille der Götter!“, sagte Aketime.

Aketime versuchte danach ihr Schicksal und das ihrer Mitreisenden, vor allem der Kinder, zu erleichtern, indem sie Geschichten erzÀhlte oder sie auch zum Singen animierte, manchmal mit mehr, manchmal mit geringerem Erfolg.
Umso erschreckender war fĂŒr alle Verschleppten, als es eines Tages plötzlich ganz still um sie wurde. Kein GerĂ€usch war mehr zu hören. Man hörte außer schmerzvollen Seufzern und dem Atmen der Gefangenen nicht viel. Die Welt oben an Deck schien zu warten. Aber worauf?
„Der Wind! Sie warten auf den Wind. Wir stehen inmitten einer Flaute.“
SpĂ€t am Nachmittag, durch die Flaute beunruhigt und auch um ihre Langeweile zu bekĂ€mpfen, begannen die Matrosen sich zu betrinken. Sie wurden laut, es gab ein Handgemenge, das man sich unter Deck nur durch die KampfgerĂ€usche vorstellen konnte. Ein Mann wurde auf dem Oberdeck ausgepeitscht. Seine Schmerzschreie fĂŒgten sich nahtlos an die der Sklaven. SpĂ€t am Abend kamen die Matrosen in ihr GefĂ€ngnis getorkelt, um holten sich eine junge Frau. Dann wurde jedem klar, dass es doch noch schlimmer kommen könnte. Jeder verdrĂ€ngte die Gedanken an das Schlimmste. Jeder wusste, was gerade geschah. Ihr Schreien der Furcht blieb unbeantwortet. Sie hatten selber Angst, und jeder wurde sich seiner Scham gewahr. Aketime war froh, dass sie nicht zum VergnĂŒgen der Matrosen ausgewĂ€hlt wurde. Scham brannte sich in ihre Seele wie Feuer. Ihre Wut bekĂ€mpfte ihre Angst und verlor.
Die Flaute dauerte noch mehrere Tage an. Es waren merkwĂŒrdige Tage. Sie waren alle gezwungen, darĂŒber zu grĂŒbeln, weshalb man eine solche PrĂŒfung zu bestehen hatte. Aketime schwebte dauernd zwischen Angst und Glaube. Nur, es machte alles keinen Sinn. Sie nahmen in Ohnmacht alles hin, wie es kam. Aketime sorgte sich viel mehr um Orundo, weil sein Zustand sich erheblich zu verschlechtern schien.
Auch die MĂ€dchen und die Jungen, die von den Matrosen Nacht fĂŒr Nacht nach oben zum „Spielen“ geholt wurden, waren Grund genug fĂŒr Aketime, sich zu sorgen. Sie kamen zurĂŒck, apathischer, melancholischer, verrĂŒckter, als sie schon zuvor waren. Jedes Mal wĂŒnschte sich Aketime irgendetwas tun zu können, aber was? Sie hatte noch nie solche GefĂŒhle der Bedeutungslosigkeit erlebt. Waren die Schreie der Lust den schmerzvollen so Ă€hnlich? Oder bildete sie sich das ein? Tag fĂŒr Tag wurden die Opfer der Vergewaltigungen mehr und ließen Aketime befĂŒrchten, dass sie selbst bald an der Reihe sein musste. Umso mehr wuchs ihre Angst davor.
Was wĂŒrde sie tun? Was taten diese MĂ€nner da oben? Sie sah die geschwollenen MĂŒnder und die blauen Flecken im Gesicht der Opfer, die bezeugten, wie brutal diese Matrosen die Gefangenen benutzten. Sie verglich in Gedanken, wie liebvoll ihre Einweihung in das Erwachsenenalter war, nachdem sie ihre ersten Blutungen gehabt hatte. Sie musste zwar die Tage der Blutungen allein in einer HĂŒtte mit den anderen MĂ€dchen verbringen, aber danach erlebte sie die Wollust mit einem Ă€lteren Mann ihrer Wahl. Damit war ihre Kindzeit vorbei und sie wurde ein angesehenes Mitglied des Frauenrates. Eine CandomblĂ© Eingeweihte, die zukĂŒnftige „Mutter–der–Geister“. MĂ€chtiger als jeder Mann. Der Mann war sehr zĂ€rtlich zu Aketime gewesen, und sie genoss an diesem gemeinsamen warmen Sommerabend ihren ersten Höhepunkt. Welche Freude war dieses Erlebnis gewesen. Die Wonne, zwischen Mann und Frau geteilt, wenn sie sich gegenseitig rĂŒcksichtsvoll verhielten.
Welch ein Unterschied zu den Erlebnissen dieser MĂ€dchen hier. Von einem Fremden mit Gewalt gezwungen, etwas zu tun, was Mann und Frau nur freiwillig tun sollten. Es war fĂŒr Aketime entsetzlich darĂŒber nachzudenken.
Die Windflaute dauerte fast einen ganzen Monat. Aketime hoffte, als sie eines Tages aufwachte und den Wind in den Segeln hörte, sich dieses Vergewaltigungsschicksal zu ersparen. Sie spĂŒrte, wie das Schiff endlich wieder in Bewegung kam. Die GeschĂ€ftigkeit der Schiffsbesatzung ĂŒber ihren Köpfen nahm wieder ihren gewohnten Lauf. Der Abend kam, und obwohl der Wind in einer stetigen Brise wehte, erkannten alle im Schiffsbauch, dass sich oben etwas verĂ€nderte. Die Matrosen betranken sich weiterhin. Sie spielten grob miteinander und amĂŒsierten sich vorerst auf Kosten der Schiffsjungen. Doch es dauerte nicht lange, und schon kamen Matrosen unter Deck. Ihre ehemaligen Opfer versuchten, als sie die Gier in ihren Augen erkannten, sich tot zu stellen. Vielleicht waren sie wirklich tot. Alle hatten große Angst.
Aketime verachtete diese MĂ€nner. Ihr Hass war mittlerweile so groß, dass es förmlich sprudelte aus ihr. Sie wĂŒrde jeden einzelnen dieser MĂ€nner zusammenschlagen und ihm die Ohren abschneiden. Sicher nicht nur die Ohren. Sie wĂŒrde alles klein zerhacken und den Fischen vorwerfen.
Der Hass leuchtete aus ihren Augen. Die MĂ€nner bemerkten ihren Blick und antworteten mit roher Gewalt. Sie packten Aketime und zerrten sie lachend an Deck. Dieses „Spiel“ war einfach.
Aketime wehrte sich nicht. Es hatte ja doch keinen Sinn. Sie wollte endlich diese Furcht hinter sich bringen und sich nicht Tag fĂŒr Tag quĂ€len, ob und wann es passieren könnte. Vielleicht war die RealitĂ€t weniger erschreckend als ihre Vorstellungskraft. Wie oft hatte sie darĂŒber nachgedacht? Wie oft hatte sie sich ausgemalt, wie diese MĂ€nner sie mit Gewalt nahmen?
Wie oft hatte sie sich vorgestellt, wie sie diese MĂ€nner, einen nach dem anderen, umbringen, das Schiff kapern und alle Mitgefangenen befreien wĂŒrde? Wie oft hatte sie enttĂ€uscht erkennen mĂŒssen, dass dies alles nur in ihrer Vorstellung möglich war.
Die MĂ€nner waren viel kleiner als in ihren AlptrĂ€umen. Sie gewann durch ihren Hass etwas Abstand. WĂ€hrend diese MĂ€nner sie an Armen und Beinen festhielten, und einer nach dem anderen ĂŒber sie herfiel, benutzte Aketime ihren Hass wie eine RĂŒstung. Wieviel Positives wĂŒrde in ihrem Leben geschehen, nach solchen PrĂŒfungen! Sie klammerte sich an ihren Hass wie ein SchiffbrĂŒchiger an eine Planke.
‚Das wird dich teuer zu stehen kommen, ExĂș! Das sollst du wissen!’, Aketime schrie ihren Zorn, ihre Wut und Ohnmacht laut aus sich heraus. So laut, damit ExĂș es hörte. Die Matrosen, durch ihre Schreie aufgestachelt, feuerten sich gegenseitig an. Sie dachten, Aketime schrie aus Angst. Das schĂŒrte ihre Wollust noch mehr.
In ihrer Not erkannte sie, dass diese MĂ€nner nur ihrem Körper Gewalt antun konnten, ihre Seele jedoch, ihr wahres Ich, blieb unbefleckt. Dieser Teil trieb ihre Wut an, Ohnmacht in Macht umzuwandeln. Sie bediente sich ihre FĂ€higkeiten als Mutter-der-Geheimnisse. Sie benutzte ihre eigene sexuelle Energie wie einen Schwamm und beraubte mit jedem Stoß die MĂ€nner ihrer Lebensenergie. Die Matrosen waren diejenigen die vergewaltigt wurden. Nachdem sie sich befriedigten, fĂŒhlten sie sich kraftlos und mĂŒde, und manche Schreie von Aketime waren eher kriegerisch als schmerzvoll. Sie setzte die angesammelte sexuelle Energie um. Sie blickte den Matrosen der Reihe nach und ließ wie einen Schlangenbiss ihre Energie auf einen von ihnen, der an der Reihe war, los. Zur Belustigung seiner Kameraden bekam er keine Erektion.
Aketime verspottete ihn in ihrer eigenen Sprache. Nur ihre Zeichen waren den anderen verstÀndlich.
Der Matrose, sichtlich durcheinander und erniedrigt, verpasste Aketime einen Schlag ins Gesicht. Er wollte nun allen seine MĂ€nnlichkeit zeigen. Ihr rechtes Auge begann sofort zu bluten und sie konnte kaum noch sehen. Der Matrose zog bedrohlich sein Messer. Es war unglaublich lang und spiegelte sich scharf im Licht. Als er sich nĂ€herte, um sie zu erledigen, trat Aketime mit voller Wucht in seine Geschlechtsteile. Er fiel mit einem leisen Aufschrei zu Boden. Seine Schiffskameraden wussten nicht, ob sie lachen oder sich vereint auf Aketime stĂŒrzen sollten. Manche zogen ihre Messer. Ein riesiger schwarzer Matrose drĂ€ngte sich vor und baute sich vor Aketime auf. Er schrie ihr Drohungen ins Gesicht, dass die Spucke flog, hob sie aber danach vorsichtig auf und trug sie aus dem Raum zurĂŒck in den Schiffsbauch. Die anderen MĂ€nner waren ermĂŒdet und zu ĂŒberrascht oder betrunken, um zu reagieren.
Auch Aketime ĂŒberraschte es. Jemanden wie ihn, als freien Mann, als Matrosen, auf so einem Schiff arbeiten zu sehen, war völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Wie konnte einer ihrer eigenen Rasse bei so etwas mitmachen? Wie konnte er die Versklavung ihres Volkes zulassen?
Als sie das Klicken ihrer Eisenketten hörte, ließ die Neugier ihre Zunge endlich frei.
„Wie heißt du?“
Der schwarze Matrose zögerte, senkte seinen Blick zu Boden und rang sichtlich innerlich aufgewĂŒhlt und zerrissen um Worte.
„Ich heiße Baga. Und ich weiß was du gerade denkst. Aber es ist besser, du vergisst das schnell wieder. Ich bin ein Sklave, so wie du. Ich darf da oben nur mein Leben riskieren, weil ich stark bin und ein anderer Matrose wĂ€hrend meiner „Malungo“ Reise starb. So wurde ich gezwungen hier zu arbeiten. WĂ€hrend ihr bald wieder Festland sehen werdet, werde ich noch lange Jahre hier Gefangener sein.“
„Baga, schau dich hier um. Mach deine Augen auf. Das sind Kinder hier! Mein Freund dort stirbt gerade, weil keine Medizin vorhanden ist! Ha! Keine Medizin, kein Wasser, kein Essen, nichts außer Tod, Wahnsinn, Vergewaltigung und Krankheit. Du musst fĂŒr uns etwas unternehmen.“ Aketime blickte ihn eindringlich an.
„Ich kann nichts fĂŒr euch tun.“
Daraufhin drehte sich Baga um und verließ den Raum.

Orundo sah Aketimes geschundenen Körper und ihr geschwollenes Gesicht. Er fĂŒhlte sich elend, aber wie wĂŒrde Aketime sich jetzt fĂŒhlen?
Orundo wusste es nicht. Sie war fĂŒr ihn wie eine jĂŒngere Schwester oder Tochter. Er liebte sie wie ein Vater. Er war ihr BeschĂŒtzer fĂŒrs Leben. Er wĂŒrde bereitwillig sein Leben fĂŒr das ihre geben. Das, was diese MĂ€nner ihr angetan hatten, war unertrĂ€glich. Orundo brannte innerlich darauf, sie alle in seine Finger zu kriegen. Er brannte nicht aus Fieber, sondern aus Hass, aus gerechtem Zorn. Diese Wut wĂŒrde seine Rettung sein. Er konnte unmöglich sein Leben aufgeben, solange Aketime hier war und selbst weiter kĂ€mpfte. Sie ging diesem schrecklichen Schicksal mit einer WĂŒrde entgegen, die Orundo nur von ErzĂ€hlungen kannte. Sie war wie ein König der Legenden und Mythen, aber hier war sie und lebte auf diese Weise, direkt vor seinen Augen. Der ganze Dreck, der ihre lieblichen GesichtzĂŒge verdeckte, war nicht genug, um ihre WĂŒrde und ihren Mut vor Orundo zu verstecken. Er wurde seines eigenen Stolzes auf sie noch nie so bewusst wie in diesem einen Moment.
Er hasste diese MĂ€nner fĂŒr das, was sie Aketime angetan hatten. Er versprach sich insgeheim, alle diese MĂ€nner, einen nach dem anderen, zu töten. Zu Ogum, dem OrixĂĄ der Eisen, besiegelte er seinen Schwur mit einen Kuss auf die Ketten, die ihn gefangen hielten.
SpĂ€t am Abend des nĂ€chsten Tages, öffnete sich die Luke wieder. Alle warteten gespannt, wer diesmal zum Opfer gemacht werden wĂŒrde. Anstatt dessen tauchte Baga wieder auf. Er trug ein Wasserfass mit sich. Er kam zu Aketime und streckte ihr zerstampfte KrĂ€uter und Knoblauch entgegen.
„Das sollte deinem Freund helfen, diese Reise zu ĂŒberleben. Lang kann es nicht mehr dauern, wir haben gerade das Äquatorfest gefeiert. Wenn der KapitĂ€n nicht besoffen ist, traut sich keiner der Mannschaft mehr solche Spiele zu betreiben. Bete nur zu deinen OrixĂĄs, dass es keine Windflaute mehr gibt. Dann ist alles nur mehr halb so schlimm.“ Ohne weitere Versprechungen ging Baga, der schwarze Matrose, wieder. Aketime war ihren Göttern dankbar. War Baga der Grund, weshalb sie soviel ĂŒber sich ergehen lassen musste?
Das Leben der Sklaven wurde mit der Hilfe dieses Mannes von nun an ein wenig ertrĂ€glicher. Sie bekamen regelmĂ€ĂŸiger zu essen und hatten gerade ausreichend zu trinken, um zu ĂŒberleben. Immer, wenn es regnete, brachte Baga danach ein frisches Wasserfass hinunter.
Orundo ging es mit Bagas KrĂ€utern langsam besser. Langsam fing sein Fieber an zu sinken, seine Augen wurden klarer, und er fĂŒhlte sich besser. Sein Körper war noch schwach, aber er wusste, dass er ĂŒberleben wĂŒrde. Orundo war ein Krieger. Gewohnt, wie ein Löwe um sein Leben zu kĂ€mpfen.

Ihre Reise kam zu Ende, so plötzlich, wie sie begann. Ein ferner Ruf, der Land ankĂŒndigte, die Vorbereitungen, die fĂŒr das Einlaufen des Schiffes getroffen wurden, und das Andocken mit lautem Getöse im Hafen der Kolonie.
Da der SklavenhĂ€ndler sich die Steuern an die Krone ersparen wollte, gingen sie nicht gleich in Olinda, dem Haupthafen, an Land, sondern steuerten ihr Schiff etwas sĂŒdlicher in eine Bucht namens „Porto de Galinha“ – der HĂŒhner-Hafen. Bald wĂŒrde den Ruf erhört werden: „Es sind HĂŒhner aus Angola eingetroffen!“ Die HĂ€ndler aus Pernambuco wussten dann, dass neue Sklaven in „Porto de Galinha“ angekommen waren. Sie wussten auch, dass sie hier Sklaven gĂŒnstiger kaufen konnten. Es war ein wohlbekanntes Geheimnis.



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„Alles beginnt mit einem MĂ€rchen, weil MĂ€rchen TrĂ€ume sind, die die RealitĂ€t beherzigen. Einmal Augen auf, einmal Augen zu 
, ein Augenblick genĂŒgt, um die Ewigkeit zu verbergen, oder zu verĂ€ndern.

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