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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Aljoscha
Eingestellt am 03. 02. 2012 20:26


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Gernot Jennerwein
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Aljoscha


Es war in Sankt Petersburg, an einem Tag im Fr├╝hling. Drau├čen am Horizont ging gerade zinnoberrot die Sonne auf. Ein lauer Wind aus der Ebene fiel in die Stadt ein, am Stadtrand h├Ârte man den tiefen Glockenschlag der Kasaner Kathedrale. Auf den D├Ąchern der H├Ąuser schmolz der Schnee, von den Kanten und Traufen tropfte das Wasser herab, das sich im Matsch auf den Pflastersteinen sammelte, ├╝berlief und in beachtlichen Rinnsalen abw├Ąrtsfloss.

F├╝r die B├╝rger der Stadt, f├╝r die einfachen Leute, f├╝r die Tagel├Âhner, Taugenichtse und armseligen Bettler, und auch f├╝r die Adeligen, die mit ihren Automobilen angefahren kamen, war dieser Tag ein Tag, der gro├čartig war. Sie hasteten und rannten, sie hetzten und stolperten, sie humpelten und krochen durch die Stra├čen und Gassen, als w├Ąre der Lohn am Ende Gold und Silber oder gar das eigene Seelenheil.

Bereits zu Hunderten hatten die Schaulustigen sich vor dem Winterpalast des Zaren eingefunden. Mit staunenden Gesichtern verfolgten sie die K├╝nste der Gaukler, die aus dem fernen Moskau gekommen waren, um ihre Taschenspielerei und Akrobatik in die Welt hinaus zu tragen. Niemals zuvor, da gab ein jeder jedem Recht, war in der Stadt solch wundervoller Schabernack getrieben worden. Die Menge klatschte und jubelte, und ohne Unterlass wurden anerkennende Worte lauthals ├╝ber den Platz gerufen.

Ein kleiner Junge, dessen Schuhe von Lumpen zusammengehalten wurden, und der obendrein recht schlank und schmutzig war und in viel zu gro├čer Kleidung steckte, lief zwischen den l├Ąrmenden Leuten umher, wobei er nach Herren suchte, die ihm nobel schienen. Und fand er einen Mann in feinem Tuch und mit Zylinderhut, warf er sich sogleich vor ihm in die Hocke und begann eifrig, ihm die Schuhe mit B├╝rste und Spucke zu putzen. An manchen Tagen erhielt er daf├╝r eine halbe Kopeke, an manchen sogar eine ganze, aber an diesem einen Tag wurde er nur ein ums andere Mal mit b├Âsen Tritten vertrieben.

So war der Knabe seiner Arbeit bald ├╝berdr├╝ssig. Er steckte die B├╝rste in die Hosentasche und mit ihr all seine Sorgen. Wie ein kleines V├Âgelchen pfeifend kroch er unter einen der Zirkuskarren. Auf dem Bauch liegend und mit rollenden Augen verfolgte er das Treiben der Schausteller bei ihrem Spiel. Nie in seinem Leben hatte er einen solch herrlichen Zeitvertreib gesehen. Was waren das f├╝r Attraktionen, so etwas gab es bestimmt kein zweites Mal auf der ganzen Welt zu sehen. Eine Zigeunerin, sie sah aus wie eine alte Hexe, drehte die Kurbel an einem Leierkasten, daneben auf dem Podest tanzte ein B├Ąr auf seinen Hintertatzen an der langen Leine gehalten. Ein pechschwarzer Mann spuckte spr├╝hendes Feuer aus seinem Mund, hoch und weit, dann fra├č er Flamme um Flamme vom Holz, uners├Ąttlich, dass es nur so zischte. Ein h├╝nenhafter Kerl, er trug das Haar zu Z├Âpfen geflochten wie ein Husar, hielt in beiden H├Ąnden B├╝ndel von Schn├╝ren, an denen unz├Ąhlige Luftballons angebunden waren, die seine Arme hoch nach oben zogen. Der Gaukler brauchte all seine Kraft, um die Luftballons bei sich ├╝ber seinem Kopf zu behalten. Aber dann sprang er selbst in die Luft, h├Âher als ein Pferd samt Reiter zusammen, und schwebte an den Ballons zappelnd wieder langsam auf die B├╝hne herab.

Immer aufs Neue, h├Âher und h├Âher flog der Husar in die L├╝fte. Das Herz des Jungen schlug ganz schnell. Mit ger├Âteten Wangen sa├č er da und war gl├╝cklich unter seinem Karren. Er klatschte in die H├Ąnde, jauchzte ├╝berschw├Ąngliche Worte, und auf einmal, ehe er sich versah, machte er einen Purzelbaum, ohne dass er es merkte. Aber bald war es mit seiner Unbek├╝mmertheit vorbei. Ein Mann b├╝ckte sich und br├╝llte ihn von der Seite an. Der tobende Mensch erwischte ihn am Ohr und zerrte ihn unter dem Karren hervor.

Vladimir, sein Vormund, hielt ihn am Kragen gepackt. Er war erz├╝rnt ├╝ber des Jungen Faulenzerei und leere Taschen. ├ťble Worte sagend, schaffte er den Knaben fort und sperrte ihn wie so oft in das gro├če Fass, in dem das alte Fell eines Schafes lag, damit der magere Knirps nicht erfror. Doch ohne Wasser, ohne Brot und in die allerschlimmste Dunkelheit.

In der Nacht tr├Ąumte sich der Junge als einen Husaren, der mit seinen Freunden durch die Lande zieht und immer und immer lacht. Er wachte auf und sprang hoch und h├Âher, wie in seinem Traum, dabei zitterte und wackelte das Fass, als w├╝rde die Erde erbeben. Immerfort schlug er mit seinen Handfl├Ąchen gegen den morschen Deckel, bis er pl├Âtzlich brach.

Fr├╝h in den Morgenstunden suchte Vladimir nach seinem M├╝ndel, doch vergeblich war seine M├╝he. Gleichfalls zur selben Zeit stellte der gaukelnde Husar fest, dass seine Luftballons davongeflogen waren. Er schimpfte ohne Unterlass und gab dem Wind die Schuld, der sie wohl losgerissen haben musste.

Sp├Ąter standen die beiden M├Ąnner auf dem Alexanderplatz. Ihr Fluchen und Jammern nahm kein Ende. Aber mit einem Male verstummten sie, denn sie glaubten, ├╝ber sich, von ganz hoch oben kommend, leise eine Kinderstimme glucksen und lachen zu h├Âren.


Version vom 03. 02. 2012 20:26
Version vom 04. 02. 2012 18:43
Version vom 06. 02. 2012 19:24

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Moony
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Eine bunt erz├Ąhlte Kindergeschichte, lieber Gernot Jennerwein, mit ein paar verzeihlichen sprachlichen Holpern (der Wind f├Ąllt in die Ebene ein, aber nicht heraus; Glocken klingen eigentlich nie dumpf, jedenfalls nicht, wenn sie am Abend bimmeln; aus dem Matsch kann eigentlich nichts "├╝berlaufen"; und so weiter).

Was gar nicht geht, ist, dass Du es gleich zu Beginn Abend werden l├Ąsst und dann doch Szenen beschreibst, als w├Ąr's hellstes Tageslicht. Und das mit den Luftballons am Zarenhofe - glaubst Du wirklich, dass es die da - als gasgef├╝lltes Spielzeug - schon gegeben hat?

Ich glaub nicht.

Da solltest du noch ein bisschen dran arbeiten. Vielleicht l├Ąsst du die Sonne aufgehen (dann wird auch das Schmelzwasser plausibler) und sp├Ąter ein Automobil durch die Menge knattern - dann denkt man an Zar Nikolaus und die Februarrevolution und h├Ąlt das mit den Luftballons f├╝r m├Âglich.

lg

Moony

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Gernot Jennerwein
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Kindergeschichte, ab welchem Alter? Sind heutzutage solche Kindergeschichten ├╝berhaupt noch zul├Ąssig?
Ich wei├č es nicht. Daher als Erz├Ąhlung gepostet.

Der Wind, der einf├Ąllt, er f├Ąllt in die Stadt ein - aus der Ebene kommend. Kann ich umschreiben.
Dumpfes L├Ąuten: Empfindungssache.
Wenn unter dem Matsch der Boden gefroren ist, also eine Eisschicht vorhanden ist, wo soll sich das Wasser denn sonst noch sammeln, au├čer im Matsch?
Eine Änderung in Sonnenaufgang überdenke ich.
Die ersten gasgef├╝llten Ballons wurden etwa 1850 - 70, ich bin mir nicht mehr sicher, in den Himmel entlassen. Die Geschichte spielt um 1900.
Ich ├╝berlege einmal, wie ich diese Zeit pr├Ązise darstellen k├Ânnte.

Danke f├╝r den Kommentar und deine Anregungen.

Gr├╝├če
Gernot




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der Sibirier

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Moony
Guest
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Das ist die richtige Einstellung, lieber Gernot Jennerwein.
Wenn Du schriftstellerisch weiterkommen m├Âchtest, helfen nur n├╝chterne Betrachtung und ehrliches Bem├╝hen. In Deiner gut erz├Ąhlten Geschichte schneit es nicht, und es hat auch keinen Nebel. Die Glocke hat daher gar keine Veranlassung, dumpf zu klingen.

Im Einzelnen sind solche Ausrutscher keine schwerwiegenden Fehler, aber in der Summe k├Ânnen sie einen Text entwerten.

lg

Moony

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flammarion
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na

gut, es schneit nicht und es ist auch kein nebel, aber tauwetter. auch bei so viel luftfeuchtigkeit k├Ânnen glocken dumpf klingen und einem bedr├╝ckten gem├╝t sowieso. f├╝r mich sind diese dumpf klingenden glocken eine einf├╝hrung in die stimmung von diesem kleinen aljoscha, somit also eigentlich eine gekonnte formulierung, ohne die der text in meinen augen verlieren w├╝rde.
da w├Ąre schon eher der Match in der 4. zeile mit einem s zu versehen . . .
lg
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Old Icke

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Gernot Jennerwein
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hallo @GerhardBakenfalter,
vielen Dank f├╝r das Hinterlassen deiner Gedanken und die lobeneden Worte.

liebe flammarion,
oh ja, da fehlt ein "s", danke f├╝r den Hinweis.

Meine Antwort bez├╝glich "dumpf" war: Empfindungssache.

Und das ist es auch. Es steht eine mittelpr├Ąchtige Kirche ganz in meiner N├Ąhe. Wenn sie zur viertelten, halben oder ganzen Stunde schl├Ągt, und man nicht weiter als hundert Meter enfernt ist, dann klingen die einzelnen Schl├Ąge der Glocke recht dumpf. Ich denke auch, je wuchtiger und kolossaler eine Glocke gegossen ist, um so tiefer h├Ârt sich ihr Glockenschlag an.
Das "dumpf" bot sich daher an, und ich verwendete es, um die Stimmung ein wenig unheilverk├╝ndent darzustellen, wie du richtig erkannt hast.

beste Gr├╝├če
Gernot


__________________
der Sibirier

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