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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Alla Fugato (Selbstverdoppelung)
Eingestellt am 14. 09. 2002 08:05


Autor
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Rolf-Peter Wille
???
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Alla Fugato


┬ę Rolf-Peter Wille

Ich bin Gesch├Ąftsmann von Beruf. Mein Name ist von geringer Bedeutung. Hinzuf├╝gen lie├če sich noch, da├č ich aus dem Braunschweigischen stamme. Aber nichts verbindet mich eigentlich mehr mit jenem tr├╝ben Landstrich, der sich doch meist nur unter einer dichten Wolkendecke verbirgt. Und obwohl ich im Jahr gewi├č vier- oder f├╝nfmal dar├╝ber hinwegfliege, so halte ich es doch selten der M├╝he wert, aus dem Fenster zu schauen. Ohnehin bevorzuge ich 'Aisle Seats'.

Seit fr├╝hester Kindheit hatte ich einen ausgepr├Ągten Hang zum Reisen und hielt es mit jenem gefl├╝gelten Wort aus dem 'Plisch und Plum' von Wilhelm Busch: "Sch├Ân ist es auch anderswo ÔÇö und hier bin ich sowieso!" Immer fand ich die andere Seite der Welt attraktiver, und so war es auch das Reisen, das mich im wesentlichen am Beruf des Gesch├Ąftsmanns interessierte. Dabei war es merkw├╝rdigerweise weniger der Bestimmungsort als vielmehr der Akt des Reisens selbst, der Wechsel des Ortes, der mich im Bann hielt. "See you in Hongkong tomorrow!" Wer w├╝rde nicht f├╝r diesen einen Satz gern alle Strapazen des Reisens auf sich nehmen?!

Wie nun der Raucher, zun├Ąchst eine Packung pro Tag rauchend, allm├Ąhlich zwei und sogar drei Packungen rauchen mu├č, um den Genu├č nicht zu verlieren, so vermehrte sich auch die Anzahl meiner j├Ąhrlichen Reisen in ganz unheimlichem Ma├č. Siebenundzwanzigmal flog ich allein nach Caracas im letzten Jahr, achtzehnmal nach Singapore (ganz zu schweigen von Tokyo oder New York). Man wei├č, da├č dem Kettenraucher die Hand zittert, wenn sie zuf├Ąllig keine Zigarette h├Ąlt. Ich hingegen f├╝hlte mich nur wohl in der Luft, der Pariser Metro oder einem Taxi in Taipei. Eine ganz grauenvolle Unrast befiel mich, wenn ich mich nicht fortbewegte, und jeder Ort schien ein trostloses Zuchthaus, war ich einmal gezwungen, l├Ąnger als zwanzig Minuten zu verweilen.

Alle meine Therapeuten hatten mir dringend geraten, ein Ferienjahr einzuschalten. Einige von ihnen hatten mir sogar die schlimmsten Folgen prophezeit. Von meiner Frau w├Ąre ich l├Ąngst geschieden, h├Ątte ich nur die Zeit dazu gehabt.

Trotzdem! Man kennt den 'Geist des B├Âsen', wie er so treffend bei Edgar Allan Poe beschrieben ist. Ein gewisser Hang zum Verderben war auch sicherlich mir eigen. Und so hatte ich aus reiner Bosheit noch zehn zus├Ątzliche Fl├╝ge nach Korea zu meinem diesj├Ąhrigen Pensum hinzugef├╝gt, obwohl es theoretisch gar keine Zeit mehr h├Ątte geben sollen.

Bei dieser Entwicklung der Dinge ist es eigentlich eher verwunderlich, da├č sich nicht schon fr├╝her ereignete, was mir dann endlich am 9. 4. bei meiner Ankunft auf dem Kimpo Airport widerfuhr: Beim Eintritt in die VIP-Lounge stie├č ich mit einem Mann meiner Gr├Â├če zusammen. Er hatte auch durchaus den gleichen Anzug an wie ich, besa├č denselben Attach├ę-Case und war ├╝berhaupt bei n├Ąherer Betrachtung kein anderer als ich selbst - ; bereits wieder bei der Abreise.

Obwohl ich nun unter anderen Umst├Ąnden gewi├č achtlos an mir vorbeigerannt w├Ąre, so fand ich doch, da├č solche Vorf├Ąlle bei First Class Passengers, und besonders auch in der VIP-Lounge des Kimpo Airports, nicht passieren d├╝rften und beschlo├č kurzerhand, mich zu beschweren.

Man schickte mich zuerst zur Gep├Ąckaufgabe, von dort zur Direktion und schlie├člich zur Fluggesellschaft, wo man mir versicherte, da├č ich mich bereits seit siebzehn Minuten auf dem Weiterfluge nach Mauritius bef├Ąnde. Auf den Hinweis, da├č ich es doch selbst sei, der fragte, und folglich hier sein m├╝sse, wurde mir entgegnet, da├č sich der Computer in 30 Millionen Jahren nur 0,4mal irren w├╝rde, ich folglich also nicht mehr hier sei sondern - nach nun bereits achtzehn Minuten - auf dem Wege nach Mauritius.

Was blieb mir nun anderes ├╝brig, als ein Ticket nach Mauritius zu kaufen und mir mit anderthalbst├╝ndiger Versp├Ątung nachzufliegen? (Ich ├╝berlebte die zweiundsiebzig Minuten auf dem Kimpo Airport nur dadurch, da├č ich st├Ąndig die Rolltreppe zur Waiting Lounge hinan- und hinabfuhr.)

Bei der Ankunft in Pt. Louis erkundigte ich mich sofort nach meinem Befinden. Wer jedoch kann sich mein Entsetzen vorstellen, als mir mitgeteilt wurde, da├č ich bereits zur Expo nach Vancouver weitergereist sei.

Was soll ich weitererz├Ąhlen davon, wie ich mir von Ort zu Ort nachjagte, ohne mich je wieder zu erreichen. Schweigen will ich davon, wie wir 'alla fugato', m├Âchte man sagen, mehrmals den Globus umzirkelten. Nur Langeweile w├╝rde ich ernten, berichtete ich davon, wie ich mich noch zwei weitere male spaltete und als drittes und sogar viertes Thema das Gewebe ins Unendliche verwickelte. In Rio gab es ein Zwischenspiel, und in Mexico City kam es wegen der dortigen Verkehrsstauungen zu einer Engf├╝hrung, bei der ich mich fast wieder eingeholt h├Ątte.

Endlich jedoch riet mir mein Therapeut in Reykjavik, mich nicht l├Ąnger zu verfolgen, da dies nur ein unendliches accelerando bewirken k├Ânne. Ich solle mich stattdessen ganz passiv verhalten und von meinen anderen Ichs einholen lassen.

Ich begab mich also im Krebsgang zur├╝ck zum Kimpo Airport und wollte bangen Herzens die VIP-Lounge aufsuchen. Da erfuhr ich denn, da├č der Kimpo Airport wegen der bevorstehenden Sommerolympiade v├Âllig umgebaut sei. D├╝sterste Vorahnungen befielen mich, die sich nur allzu bald durch den niemals irrenden Computer der Fluggesellschaft aufs Grauenvollste best├Ątigten: Ich war bereits abgereist, ohne ├╝berhaupt angekommen zu sein!

So bin ich denn verloren! Nie werde ich mich wieder einholen k├Ânnen. Ich tippe diese Zeilen in meinen Notebook Computer, w├Ąhrend ich hier nun stehe, auf der neu renovierten Rolltreppe des Kimpo Airports; dieser Rolltreppe, die ich in alle Ewigkeit auf- und abfahren mu├č.




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Parsifal
Guest
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Alla fugato

Hallo Peter,

ich finde Deine skurile Erz├Ąhlung k├Âstlich, treffend, aber auch nachdenklich machend. Mir f├Ąllt dabei ein Satz aus Rudolf Hagelstanges "Spielball der G├Âtter" ein:
┬╗Ich wollte, ich w├Ąre zwei V├Âgel; dann k├Ânnte ich sehen, wie ich hinter mir her fliege.┬ź

Herzlichst
Parsifal

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Till Braven
Manchmal gelesener Autor
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Selbstverdoppelung

Hallo Peter,

eine grandiose Idee, und eine wundersch├Ân verschrobene Erz├Ąhlung. Ich hab sie mit Spa├č gelesen. Zum Gl├╝ck fliege ich nicht gern...

Gr├╝├če von der K├╝ste

Till

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Rolf-Peter Wille
???
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Hallo Parsifal, Hallo Till,

vielen Dank! Ich stehe hier noch, mir hinterherfahrend, auf der Rolltreppe...

Herzliche Gruesse,
Rolf-Peter

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Till Braven
Manchmal gelesener Autor
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Schiffsreise

Hallo Peter,

steig einfach vom Flugzeug auf's Schiff um...

Gr├╝├če von der K├╝ste

Till

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Rolf-Peter Wille
???
Registriert: Apr 2002

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Hallo Till,

ist das Schiff wirklich besser? Da muss man um 5 Uhr morgens schon zur See... (...oder 5 Uhr nachts noch zur See?) :-)

Gr├╝sse aus Taipei,

Rolf-Peter

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