Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5249
Themen:   86836
Momentan online:
362 Gäste und 19 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Alleinunterhalter
Eingestellt am 16. 02. 2012 17:05


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

Werke: 746
Kommentare: 4361
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Karl Feldkamp eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Harald Hartung gibt es ungern zu. Eigentlich ist er nichts weiter als ein ungeschickter Perfektionist. Und die Erkenntnis erschreckt ihn.
Zudem ist er auf dem RĂŒckzug. Auf dem RĂŒckzug in sich hinein. In seine perfekte Innenwelt. Halbe Sachen hasst er nun mal.
Ulrike hat ihn deswegen vor drei Jahren verlassen. „Du bist ein widerlich arroganter Wortverdreher“, schrie sie und warf die gemeinsame WohnungstĂŒr zum letzten Mal ins Schloss.
Sie war elf Jahre jĂŒnger als er und sein unperfektes Gegenteil.
Seitdem findet er nur noch in sich einen GesprÀchspartner. Und der bleibt ihm die wichtigste Antwort schuldig. Die auf die Frage, wie er perfekt wieder aus sich herauskommen könnte.

Rein Ă€ußerlich wird Harald von Tag zu Tag schweigsamer, verweigert Worte, hĂ€lt sie fĂŒr ĂŒberflĂŒssig, da sie ohnehin nicht wiedergeben, was er wirklich sagen will. Irgendwann wird er ĂŒber diese UnfĂ€higkeit verstummen. Total. Es werden ihm einfach nicht mehr die richtigen Worte einfallen.
Es könnte in eine selbst gewĂ€hlte Demenz ausarten. Immerhin wird er in drei Wochen siebzig. Zeit fĂŒr eine Vorform von Alzheimer, hoffentlich eine, die zunĂ€chst nur unbedeutende Worte verschwinden lĂ€sst, damit ihm die bedeutungsvollen bleiben.
Harald spĂŒrt Trotz. Einen, zu dem ihn sein innerer GesprĂ€chspartner anstachelt. „Sei stolz. Stell dich den SchwĂ€tzern einfach nicht mehr zur VerfĂŒgung. Sie wollen deine Worte nur missbrauchen. Behalte alle bedeutenden Worte fĂŒr dich. Es sind deine. Allein deine.“
Stolz tat er bisher als Eitelkeit und Einbildung ab. Im Grunde war er ein perfekt liebevoller Mensch. Wollte er einer sein. Ein zurĂŒckhaltender zwar, denn Bescheidenheit passt seit jeher zu ihm.
„Du hĂ€ltst dich besser zurĂŒck!“ Wie oft hatte seine Mutter ihm das empfohlen? Und dann redete sie fĂŒr ihn. Einfach, bedenkenlos und nicht selten mit peinlich unpassenden Worten. Wie spĂ€ter Ulrike. Die redete viel und ohne großartig zu ĂŒberlegen.

Harald brauchte Zeit, bis er seinen inneren GesprÀchspartner duzen konnte. Es liegt ihm nicht, jemandem zu nahe zu treten. Distanz und langsame AnnÀherung haben sich in seinem bisherigen Leben bewÀhrt.
Sicherlich werden auch bei ihren Unterhaltungen irgendwann die Worte ausgehen.
Auf Zeichensprache wird der da drinnen, den er inzwischen „Du“ nennt, nicht reagieren können. Kann Du doch aus seinem Inneren nicht sehen, wenn er draußen herumgestikuliert.
„Ich glaube, ich winke Leute herbei, die mir helfen sollen.“
„So. Glaubst du? Sind denn ĂŒberhaupt welche in deiner NĂ€he?“
„Sehen kann ich gerade keine. Es ist dunkel in meinem Wohnzimmer.“
Schon lange macht er am Abend kein Licht mehr an. Es lenkt ihn nur von ihnen beiden ab.
Außerdem, wenn er alle Rollos herunterzieht, herrscht perfekte Dunkelheit. Nur Stille will nicht eintreten.
In der Single-Wohnung ĂŒber ihm scheppert es. Vermutlich ist dieser Frau da oben, Ingrid Haspel heißt sie, wieder mal ein Topf auf den Boden gefallen. Öfter beobachtet er von seinem Schlafzimmerfenster aus, wie sie AbfĂ€lle zu den MĂŒlltonnen bringt. Dabei fĂ€llt ihr grundsĂ€tzlich etwas daneben. Ist irgendwie ungeschickt. HĂŒbsch, aber vermutlich nicht gerade intelligent.
Selten hebt sie an den MĂŒlltonnen etwas wieder auf. Meistens rĂ€umt es der Hausmeister fĂŒr sie weg. Der schĂ€kert sowieso gern mit jĂŒngeren Frauen.

„Du?“
„Ja.“
„Ich kann ungeschickte Frauen nicht ausstehen. Denke immer, die lernen es nie.“
„Was lernen die nie?“
„Naja, Denken und Geschicklichkeit. Bleiben einfach unelegant.“
„Und du hast Angst, dich nicht elegant ausdrĂŒcken zu können, mein Lieber.“
Plötzlich verspĂŒrt Harald keine Lust mehr, sich mit Du zu unterhalten.
Und da Du Gedanken lesen kann, versucht er nicht zu denken.

Es scheppert an der WohnungstĂŒr. Ingrid Haspel ist vermutlich mal wieder mit ihrem metallenen Papierkorb daran entlang geschrammt.
Eigentlich mĂŒsste Harald ihr mal die Meinung sagen, damit sie in Zukunft besser aufpasse. Aber wie soll er ihr das vermitteln. In seinem gehobenen Wortschatz kommen passende Worte, die sie verstehen könnte, kaum vor.
Du hat mitgedacht. „Wegen solcher Lapalien lohnt keine Aufregung.“
Harald schweigt ohne zu denken.
Im Treppenhaus scheppert es schon wieder.
Er rennt in den schmalen Flur, um zu lauschen.
Vorsichtig öffnet er die TĂŒr. Die Treppenhausbeleuchtung ist eingeschaltet.
Ingrid Haspel steigt gerade die Treppe zum nÀchsten Stockwerk hinauf. Sie stolpert.
Ihr leerer Papierkorb rollt Stufe fĂŒr Stufe herab. Auf Haralds halb geöffnete WohnungstĂŒr zu.
„Entschuldigung!“ Die Stimme der Nachbarin klingt belustigt. Sie bĂŒckt sich nach dem Papierkorb. Ihr kurzer Rock und ihr nicht minder kurzes T-Shirt legen ein StĂŒck gebrĂ€unten RĂŒcken frei, ebenso zwei GrĂŒbchen ĂŒber ihrem Hintern und das Oberteil eines dĂŒnnen schwarzen mit Spitze besetzten Slips. Bis auf zwei Muttermale hat sie makellose Beine.
Viel zu schnell richtet sie sich wieder auf, streicht sich mit dem HandrĂŒcken die lockigen blonden Haare aus dem Gesicht, lacht und sieht ihn an. „Habe heute einen meiner ungeschicktesten Tage.“
Harald nickt und sieht sie an.
„Sind Sie stumm, Herr
“ Sie runzelt die Stirn und greift sich in ihre blonde Lockenpracht. „Wie heißen Sie doch gleich? Ach ja, 
Hartung. Können Sie nicht reden, Herr Hartung?“
Achsel zuckend stellt er ihr den Papierkorb vor die FĂŒĂŸe, zieht sich in die Wohnung zurĂŒck und versucht, die TĂŒr lautlos ins Schloss zu ziehen.
Vor der TĂŒr scheppert es noch einmnal.

Langsam geht Harald in sein dunkles Wohnzimmer und setzt sich in den alten Sessel. Ein ErbstĂŒck aus einem Pfarrhaushalt. Seine verstorbene, unverheiratete Großtante war HaushĂ€lterin bei einem katholischen Dechanten. Soll ein perfekter Prediger gewesen sein und in dem Sessel seine Predigten vorbereitet haben.
„Warum hast du die Wohnung ĂŒberhaupt verlassen?“ will Du wissen.
Harald hebt die Schultern. „Das Leben ist so ungeschickt.“
Du erwidert eisig: „Du bist perfekt und kein fauler Kompromissler!“
Harald lĂ€sst seine Schultern wieder fallen, steht langsam auf, geht noch langsamer durch das dunkle Wohnzimmer in den Flur, öffnet die WohnungstĂŒr, steigt die Treppe hinauf und klingelt bei Ingrid Haspel.
Du lacht hĂ€misch. „Willst du dich erniedrigen?“
Drinnen scheppert es.
Die Nachbarin öffnet und lÀchelt ihn an. Sie hat ein unglaublich junges Gesicht.
„Na, wollen Sie doch mit mir reden?“
„Wenn Sie erlauben?“
„Was reden Sie fĂŒr‘n Unsinn?“ Ingrid Haspel zeigt ihm einen Vogel.
„Siehst du.“ Wendet Du triumphierend ein.
Harald will umkehren.
Ingrid lĂ€chelt noch immer. „Ja, was denn jetzt?“
„Darf ich Unsinn mit Ihnen reden?“
Ingrid Haspel zieht ihn in ihren Flur. „Ich liebe Unsinn. Kann gar nicht genug davon kriegen.“


__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Mir gefĂ€llt die Leselupe, deshalb unterstĂŒtze ich sie... ... indem ich bereits regelmĂ€ĂŸig die Leselupen-Shop-Links nutze.
... indem ich die Leselupen-Shop-Links in Zukunft nutzen werde.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Helfen



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!