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Leselupe.de > Erzählungen
Alleinunterhalter
Eingestellt am 16. 02. 2012 17:05


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Harald Hartung gibt es ungern zu. Eigentlich ist er nichts weiter als ein ungeschickter Perfektionist. Und die Erkenntnis erschreckt ihn.
Zudem ist er auf dem Rückzug. Auf dem Rückzug in sich hinein. In seine perfekte Innenwelt. Halbe Sachen hasst er nun mal.
Ulrike hat ihn deswegen vor drei Jahren verlassen. „Du bist ein widerlich arroganter Wortverdreher“, schrie sie und warf die gemeinsame Wohnungstür zum letzten Mal ins Schloss.
Sie war elf Jahre jünger als er und sein unperfektes Gegenteil.
Seitdem findet er nur noch in sich einen Gesprächspartner. Und der bleibt ihm die wichtigste Antwort schuldig. Die auf die Frage, wie er perfekt wieder aus sich herauskommen könnte.

Rein äußerlich wird Harald von Tag zu Tag schweigsamer, verweigert Worte, hält sie für überflüssig, da sie ohnehin nicht wiedergeben, was er wirklich sagen will. Irgendwann wird er über diese Unfähigkeit verstummen. Total. Es werden ihm einfach nicht mehr die richtigen Worte einfallen.
Es könnte in eine selbst gewählte Demenz ausarten. Immerhin wird er in drei Wochen siebzig. Zeit für eine Vorform von Alzheimer, hoffentlich eine, die zunächst nur unbedeutende Worte verschwinden lässt, damit ihm die bedeutungsvollen bleiben.
Harald spürt Trotz. Einen, zu dem ihn sein innerer Gesprächspartner anstachelt. „Sei stolz. Stell dich den Schwätzern einfach nicht mehr zur Verfügung. Sie wollen deine Worte nur missbrauchen. Behalte alle bedeutenden Worte für dich. Es sind deine. Allein deine.“
Stolz tat er bisher als Eitelkeit und Einbildung ab. Im Grunde war er ein perfekt liebevoller Mensch. Wollte er einer sein. Ein zurückhaltender zwar, denn Bescheidenheit passt seit jeher zu ihm.
„Du hältst dich besser zurück!“ Wie oft hatte seine Mutter ihm das empfohlen? Und dann redete sie für ihn. Einfach, bedenkenlos und nicht selten mit peinlich unpassenden Worten. Wie später Ulrike. Die redete viel und ohne großartig zu überlegen.

Harald brauchte Zeit, bis er seinen inneren Gesprächspartner duzen konnte. Es liegt ihm nicht, jemandem zu nahe zu treten. Distanz und langsame Annäherung haben sich in seinem bisherigen Leben bewährt.
Sicherlich werden auch bei ihren Unterhaltungen irgendwann die Worte ausgehen.
Auf Zeichensprache wird der da drinnen, den er inzwischen „Du“ nennt, nicht reagieren können. Kann Du doch aus seinem Inneren nicht sehen, wenn er draußen herumgestikuliert.
„Ich glaube, ich winke Leute herbei, die mir helfen sollen.“
„So. Glaubst du? Sind denn überhaupt welche in deiner Nähe?“
„Sehen kann ich gerade keine. Es ist dunkel in meinem Wohnzimmer.“
Schon lange macht er am Abend kein Licht mehr an. Es lenkt ihn nur von ihnen beiden ab.
Außerdem, wenn er alle Rollos herunterzieht, herrscht perfekte Dunkelheit. Nur Stille will nicht eintreten.
In der Single-Wohnung über ihm scheppert es. Vermutlich ist dieser Frau da oben, Ingrid Haspel heißt sie, wieder mal ein Topf auf den Boden gefallen. Öfter beobachtet er von seinem Schlafzimmerfenster aus, wie sie Abfälle zu den Mülltonnen bringt. Dabei fällt ihr grundsätzlich etwas daneben. Ist irgendwie ungeschickt. Hübsch, aber vermutlich nicht gerade intelligent.
Selten hebt sie an den Mülltonnen etwas wieder auf. Meistens räumt es der Hausmeister für sie weg. Der schäkert sowieso gern mit jüngeren Frauen.

„Du?“
„Ja.“
„Ich kann ungeschickte Frauen nicht ausstehen. Denke immer, die lernen es nie.“
„Was lernen die nie?“
„Naja, Denken und Geschicklichkeit. Bleiben einfach unelegant.“
„Und du hast Angst, dich nicht elegant ausdrücken zu können, mein Lieber.“
Plötzlich verspürt Harald keine Lust mehr, sich mit Du zu unterhalten.
Und da Du Gedanken lesen kann, versucht er nicht zu denken.

Es scheppert an der Wohnungstür. Ingrid Haspel ist vermutlich mal wieder mit ihrem metallenen Papierkorb daran entlang geschrammt.
Eigentlich müsste Harald ihr mal die Meinung sagen, damit sie in Zukunft besser aufpasse. Aber wie soll er ihr das vermitteln. In seinem gehobenen Wortschatz kommen passende Worte, die sie verstehen könnte, kaum vor.
Du hat mitgedacht. „Wegen solcher Lapalien lohnt keine Aufregung.“
Harald schweigt ohne zu denken.
Im Treppenhaus scheppert es schon wieder.
Er rennt in den schmalen Flur, um zu lauschen.
Vorsichtig öffnet er die Tür. Die Treppenhausbeleuchtung ist eingeschaltet.
Ingrid Haspel steigt gerade die Treppe zum nächsten Stockwerk hinauf. Sie stolpert.
Ihr leerer Papierkorb rollt Stufe für Stufe herab. Auf Haralds halb geöffnete Wohnungstür zu.
„Entschuldigung!“ Die Stimme der Nachbarin klingt belustigt. Sie bückt sich nach dem Papierkorb. Ihr kurzer Rock und ihr nicht minder kurzes T-Shirt legen ein Stück gebräunten Rücken frei, ebenso zwei Grübchen über ihrem Hintern und das Oberteil eines dünnen schwarzen mit Spitze besetzten Slips. Bis auf zwei Muttermale hat sie makellose Beine.
Viel zu schnell richtet sie sich wieder auf, streicht sich mit dem Handrücken die lockigen blonden Haare aus dem Gesicht, lacht und sieht ihn an. „Habe heute einen meiner ungeschicktesten Tage.“
Harald nickt und sieht sie an.
„Sind Sie stumm, Herr…“ Sie runzelt die Stirn und greift sich in ihre blonde Lockenpracht. „Wie heißen Sie doch gleich? Ach ja, …Hartung. Können Sie nicht reden, Herr Hartung?“
Achsel zuckend stellt er ihr den Papierkorb vor die Füße, zieht sich in die Wohnung zurück und versucht, die Tür lautlos ins Schloss zu ziehen.
Vor der Tür scheppert es noch einmnal.

Langsam geht Harald in sein dunkles Wohnzimmer und setzt sich in den alten Sessel. Ein Erbstück aus einem Pfarrhaushalt. Seine verstorbene, unverheiratete Großtante war Haushälterin bei einem katholischen Dechanten. Soll ein perfekter Prediger gewesen sein und in dem Sessel seine Predigten vorbereitet haben.
„Warum hast du die Wohnung überhaupt verlassen?“ will Du wissen.
Harald hebt die Schultern. „Das Leben ist so ungeschickt.“
Du erwidert eisig: „Du bist perfekt und kein fauler Kompromissler!“
Harald lässt seine Schultern wieder fallen, steht langsam auf, geht noch langsamer durch das dunkle Wohnzimmer in den Flur, öffnet die Wohnungstür, steigt die Treppe hinauf und klingelt bei Ingrid Haspel.
Du lacht hämisch. „Willst du dich erniedrigen?“
Drinnen scheppert es.
Die Nachbarin öffnet und lächelt ihn an. Sie hat ein unglaublich junges Gesicht.
„Na, wollen Sie doch mit mir reden?“
„Wenn Sie erlauben?“
„Was reden Sie für‘n Unsinn?“ Ingrid Haspel zeigt ihm einen Vogel.
„Siehst du.“ Wendet Du triumphierend ein.
Harald will umkehren.
Ingrid lächelt noch immer. „Ja, was denn jetzt?“
„Darf ich Unsinn mit Ihnen reden?“
Ingrid Haspel zieht ihn in ihren Flur. „Ich liebe Unsinn. Kann gar nicht genug davon kriegen.“


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Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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