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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Alleinunterhalter
Eingestellt am 11. 05. 2007 19:33


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Nat├╝rlich hatte auch Valerian Wolther kleine Schw├Ąchen und trat gern als jemand auf, der Lebensweisheiten von sich gab. Gelang ihm das im Kreise and├Ąchtig zuh├Ârender Leuten, h├Ârte er stets seine innere Stimme. Wiederholte sie seine Worte, konnte er sicher sein, einen bedeutenden Satz gelassen ausgesprochen zu haben. Wiederholte die innere Stimme seinen Ausspruch gar mehrfach, musste es ein au├čergew├Âhnlich bedeutender Satz gewesen sein.
Die besondere W├╝rde des zunehmenden Alters ÔÇô trug Wolther, inzwischen immerhin 68, mit getragener Stimme vor, bestehe darin, die von Lebensjahr zu Lebensjahr schneller wachsende Ohnmacht mit W├╝rde zu ertragen. Die Leute in seinem Seniorenkreis im evangelischen Gemeindehaus nickten anerkennend. Doch seine innere Stimme schwieg. Hastig erg├Ąnzte er, mit besonderer W├╝rde zeichnen Alte sich nat├╝rlich nur aus, wenn sie nicht allzu w├╝rdevoll daher schwafeln.
Wieder nickten die Alten im Gemeindehaus anerkennend. Doch sein inneres Echo blieb stumm und er f├╝hlte sich pl├Âtzlich m├╝de und innerlich leer.
Nun eignet sich gerade Valerian Wolther als geborenes Einzelkind ideal f├╝r das Leben in unserer allzu individualistischen Konkurrenzgesellschaft. Seine Mutter erz├Ąhlte immer wieder, er habe sich wenige Monate nach seiner Geburt, als er noch nicht ohne fremde Hilfe gehen und stehen konnte, im Laufstall unter Aufwand all seiner kleinkindlichen Kraft an den Gitterst├Ąben hochgezogen haben. Und immer wenn er den Halt verlor, begann er w├╝tend zu kreischen und sich die Wangen aufzukratzen.
Zudem hatte sein Vater quer ├╝ber den Hof hinter dem Teil des Reihenhauses, der seinen Eltern zu eigen war, einen dicken verzinkten Draht gespannt, ├╝ber den Valerians Mutter ihre Wohn- und Schlafzimmerteppiche h├Ąngte, um aus ihnen mit einem Klopfer aus Bambus auch die allerletzten Staubteilchen herauszudreschen. Dabei schlug sie so heftig zu, dass Valerian bisweilen glaubte, sie stellte sich vor, anstatt des Teppichs seinen Vater vor sich h├Ąngen zu haben. Der war einer jener kleinw├╝chsigen Tyrannen, die mangelnde K├Ârpergr├Â├če durch cholerisches Machtgehabe ausglichen.
Valerian diente der schmale Hof mit dem quer gespannten verzinkten Draht in sp├Ąteren Kinderjahren als Spielfeld f├╝r Sportarten, die alle irgendwie dem Volleyball ├Ąhnelten und zu denen er st├Ąndig neue Regeln erfand, die ihn am Ende unweigerlich immer und immer wieder siegen lie├čen. Da er f├╝r seine Einzelsportart ├╝ber keinen Schiedsrichter verf├╝gte, war er gezwungen, dessen Rolle mit zu ├╝bernehmen und sich durch unbestechliche Entschlusskraft und absolute Aufmerksamkeit auszuzeichnen.
Vor allem aber galt es als Spieler und Gegenspieler, den Ball mit der flachen Hand oder mit der Faust so ├╝ber den Draht zu schlagen, dass er ihn auf der anderen Seite noch, wenn auch nicht ganz problemlos, erreichen konnte. Das gelang ihm am besten, sobald er sich nahezu gleichzeitig auf Angriff und Verteidigung einstellte. Schlug er als Angreifer den Ball zu aggressiv und unberechenbar, hatte er als Verteidiger und Gegenangreifer auf der anderen Seite des Drahts keine Chance, sich erfolgreich zu wehren. Schlug er den Ball zu sanft, war er als Angriffsspieler auf der einen Seite unterlegen.
Damit er sich mit sich nicht langweilte, musste er jeweils auf der einen und der anderen Seite auch unberechenbare B├Ąlle aufschlagen oder retournieren. Das schaffte Valerian nur, wenn der Zufall mitspielte und er aus Ungeschicklichkeit den Ball nicht besonders platziert in die vorausberechnete Richtung schlug. Manchmal versuchte er weitere Feldspieler zu beteiligen. Allerdings verkomplizierte das seine Spielweise. Und so gab er sich in der Regel mit einem Gegenspieler zufrieden.
Ein Unentschieden befriedigte ihn nie, da er als Sonntagskind im Sternzeichen L├Âwe der geborene Siegertyp war. Somit lie├č er sich, ganz seinem Gerechtigkeitsempfinden folgend, abwechselnd mal auf der einen und dann wieder auf der anderen Seite gewinnen und riss jubelnd die Arme hoch.

Vor vier Jahren, als er nach seiner dritten fast zwanzig Jahre andauernden Ehe Witwer wurde, entschied er sich f├╝r die zeitgem├Ą├česte aller individualistischen Lebensformen und blieb Single. W├Âchentlich besuchte er ÔÇô obwohl katholisch - die Single-Party 50 plus im Gemeindesaal der evangelischen Christuskirche.
Selten nahm er eine attraktive Seniorin mit nach Hause und lie├č sich mit ihr f├╝r die eine oder andere Nacht auf das ein, was seine sich allm├Ąhlich ersch├Âpfende Potenz noch zulie├č.
Besonders genoss er das morgendliche Zusammensein mit f├╝lligeren Seniorinnen, die sich am Abend zuvor in seiner K├╝che zeigen lie├čen, wo sie alles Notwendige f├╝r das Fr├╝hst├╝ck fanden, um es ihm am sp├Ąten Vormittag am Bett zu servieren. War das Fr├╝hst├╝ck gut, verbrachte er mit ihnen noch die eine oder andere Nacht.
Zumeist einmal im Monat, beehrten ihn zwei Zeugen Jehovas. Besonders wenn er ihnen verriet, Probleme mit der katholischen Amtskirche zu haben, weil sie unter anderem gegen Verh├╝tung sei und er deswegen aus der Kirche austrat, wurden die zwei M├Ąnner besonders eifrige Prediger. Fast bei jedem Besuch kamen zwei andere, zumeist ein j├╝ngerer und ein ├Ąlterer. Und alle behaupteten sie nahezu wortgleich, das sprach f├╝r ihre Teilnahme an Predigerkursen, gerade Zweifler w├Ąren Suchende und deswegen besonders gl├Ąubige Menschen. Dabei l├Ąchelten ihre rosigen jungen und ├Ąlteren Unschuldsgesichter milde und zugleich fanatisch. Redlich m├╝hten sie sich, ihm einen Weg aus seiner inneren Leere zu zeigen, die sie selbstredend als Gottlosigkeit auslegten.
Vor f├╝nf Wochen bekam er pl├Âtzlich hohes Fieber und heftigen Husten. Sein inneres Echo hatte schon lange nicht mehr geantwortet. Elend f├╝hlte er sich. Blieb tagelang im Bett.
Verena, vollschlank, achtundf├╝nfzig, die offenen blonden Haare viel zu lang f├╝r ihr Alter, war seine letzte Errungenschaft von der 50plus-Party. F├╝r sonderlich intelligent hielt er sie nicht. Schw├Ątzte viel Belangloses. Kam ihn aber t├Ąglich besuchen, kochte ihm Tee, brachte ihm Hustenbonbons und kochte leichte Kost, obwohl er keinen Hunger versp├╝rte. ├ťber Nacht blieb sie selten.
Schlie├člich erz├Ąhlte Valerian Verena von seiner Leere, obwohl er sicher war, sie w├╝rde ihn nicht verstehen.
ÔÇ×Ich komme mir vor wie ein Niemand, ohne Mitte, ohne Boden unter den F├╝├čen. Wohl f├╝hle ich mich nur, wenn ich im Bett liege. Ich glaube, der Tod kommt von innen.ÔÇť
Obwohl Verena immer wieder beteuerte, f├╝r sie sei er kein Niemand, behauptete er klagend, er umh├╝lle bald nur noch ein Nichts. Dieses wachsende Vakuum fresse ihn von innen auf.
Als Verena, die in der Nacht zuvor im Bett neben ihm geschlafen hatte, sich besorgt nach seinem Zustand erkundigte, erkl├Ąrte er ihr unmissverst├Ąndlich, sie werde seine zunehmende Leere nicht aufhalten. Erschrocken sah sie ihn an und empfahl ihm w├╝tend, endlich zum Psychiater zu gehen.
Er verschluckte sich, br├╝llte heiser, f├╝r wen sie ihn denn halte. Auf ihre nutzlosen Ratschl├Ąge k├Ânne er verzichten. Verr├╝ckt sei er allenfalls, weil er sich mit ihr eingelassen habe.
Verena, die inzwischen nur noch auf der Kante seines Bettes hockte, stand schweigend auf und verlie├č eine Viertelstunde sp├Ąter gru├člos und mit gepackter Reisetasche seine Wohnung.

F├╝r ihn sei es ohnehin besser, allein zu leben. Frauen wollen M├Ąnner nur ausnutzen. Er lasse sich nicht l├Ąnger als Unterhaltungsknabe und Bettgenosse missbrauchen. Doch seine Selbstgespr├Ąche blieben ohne Echo.
Schon ├Âfter hatte er daran gedacht. Doch allein die Idee fand er schon l├Ącherlich. Dennoch stellte er sich jetzt vor, vom Balkon seiner Wohnung zu springen. Um Tatkraft zu beweisen, erhob er sich entschlossen, ging um das Bett herum, ├Âffnete die Balkont├╝r, trat an das Gel├Ąnder. F├╝nf Stockwerke unter ihm lagen wei├če kinderfaustgro├če Steine, die Regenwasser, das aus Wasserspeiern von den Balkonen lief, hindern sollten, das Erdreich wegzuschwemmen. Er atmete tief ein, hielt die Luft an, z├Ąhlte bis einundzwanzig, drehte sich abrupt um, ging ins Schlafzimmer zur├╝ck und lie├č sich laut lachend auf sein Bett fallen.
Zum richtigen Leben geh├Âren nun einmal ein paar ordentliche Identit├Ątskrisen, behauptete einst Kollege Fritz Wiefelsp├╝tz nach dessen Scheidung. Bei der Goliath AG bearbeiteten sie Lebensversicherungen. ├ťber 12 Jahren in einem gemeinsamen B├╝ro.
Wiefelsp├╝tz z├Ąhlte bereits f├╝nf Jahre vor seinem Renteneintritt jeden Tag, den er bis zu seinem Ruhestand noch im Versicherungsb├╝ro zu arbeiten hatte. Zwei Wochen, bevor er in Rente gehen konnte, starb er abends w├Ąhrend einer ├ťberstunde an seinem Schreibtisch. Schlaganfall. Und in der Todesanzeige der Goliath stand: Er verlie├č uns zu fr├╝h.

Valerian Wolther tr├Ąumte in der Nacht von einem alten Mann mit grauem Vollbart.
Der Alte schwieg, griff ihm unter das Kinn, hob Valerians Kopf, zwang ihn, ihm in die Augen zu blicken.
Am n├Ąchsten Tag wachte Valerian mit steifem Nacken auf. Er blieb im Bett. Nachmittags klingelte es. Im Morgenmantel ging Valerian an die Wohnungst├╝r. Die beiden Zeugen Jehovas sahen aus wie Vater und Sohn. L├Ąchelnd blickte der ├ältere Valerian in die Augen, r├Ąusperte sich ger├Ąuschvoll, um mit vollt├Ânendem Bass zu sagen, die besondere W├╝rde zunehmenden Alters bestehe darin, die von Lebensjahr zu Lebensjahr schneller wachsende Ohnmacht gegen├╝ber sich selbst mit der notwendigen W├╝rde und mit Gott zu ertragen.
Valerian schloss die Augen.
Als er sie ├Âffnete, h├Ârte er, wie zwei Personen langsam die Treppen hinab stiegen.
Er wollte ihnen hinter her rennen, ein Krampf im rechten Bein hinderte ihn. Langsam humpelte er in die Wohnung zur├╝ck zum Telefon, rief Verena an, meldete sich mit seinem Vornamen und bat sie, nicht aufzulegen. Er brauchte lange. ÔÇ×Ich glaube, ich kann nichtÔÇŽÔÇť, stotterte er und seine innere Stimme wiederholte den Satz.

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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