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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Allerheiligen
Eingestellt am 25. 06. 2004 11:17


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Dorian Jenersfeld
Hobbydichter
Registriert: Jun 2004

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Allerheiligen
Verfasst zum Literarischen Themensalon \"Halloween\"
Herbst 2001


Der menschliche Geist ist unergr├╝ndlich in seinen Schattenseiten. Die Geheimnisse darob versuchen Philosophen und jene Wissenschaftler, die sich der Psyche verschrieben haben, seit Jahrhunderten zu entschl├╝sseln, und sind doch immer wieder an ihre eigenen Grenzen gelangt. Denn wie kann ein Mensch, dessen eigenes Wesen ihm mysteri├Âs und verborgen ist, jene Abgr├╝nde verstehen, die den Geist eines anderen verschleiern? Dennoch werden Thesen erstellt, und inzwischen gibt es wie bei anderen Wissenschaften auch in der Psychologie Regeln, die uns die Illusion geben, eines anderen Wesen analysieren und verstehen zu k├Ânnen.
Ich selbst hatte mich mehrere Jahre mit jenen Richtlinien besch├Ąftigt, hatte die Lehren von Freud und Jung als eine Offenbarung empfunden und war jedem in der irrigen Annahme begegnet, ich k├Ânne ihn in meiner n├╝chternen Abgekl├Ąrtheit besser Erfassen, als er selbst je in der Lage sein w├╝rde. Diese unschuldige Arroganz, mit der ich das Mysterium meiner Mitmenschen betrachtete, hatte mein eigenes Selbstbewu├čtsein derart gest├Ąrkt, da├č ich mich f├╝r unbeirrbar hielt ÔÇô hatte ich doch meine eigenen Abgr├╝nde ebenso objektiv analysiert und in Kategorien eingeteilt, da├č mich die ├ängste, die bis dahin mein Leben bestimmten, endlich verlassen hatten und ein neuer, starker Mensch aus meinen Augen blickte, die vorher unsicher und schwach in der Welt umhergeirrt waren.
Doch wie fragil sind die Lehren, denen wir unser ganzes Selbst anvertrauen. Wenn die Wissenschaft uns keine Antwort auf unsere Fragen mehr gibt, st├╝rzt unser Weltbild gleich einem Kartenhaus ein, und zur├╝ck bleibt nur eine Ruine von dem, was wir als einen starken Menschen bezeichnen. Diese Erfahrung mu├čte ich selbst schmerzhaft machen, als ich mich auf jenen schmalen Grad begab, der den gesunden Geist von dem Wahnsinn trennt, der jeden von uns zu zerst├Âren droht und der wie ein unsichtbarer Nemesis in jedem Menschen lauert, ohne da├č es uns bewu├čt ist.

Zwei Jahre sind vergangen, seit dem ich mich auf den verh├Ąngnisvollen Weg begab, den ich bereits angedeutet habe. Ich hatte eine Studienreise durch England hinter mir: angefangen bei der Londoner Universit├Ąt reiste ich durch Oxford, Cambridge und endete schlie├člich in Glasgow, wo ich feststellen mu├čte, da├č mir all meine Kenntnisse der Englischen Sprache nicht dabei halfen, auch nur einen einzigen Schotten zu verstehen. So brach ich nach kurzer Zeit wieder auf und verk├╝rzte meinen geplanten Aufenthalt in der Hafenstadt, deren graue Fabriken mich jeden Tag mit ihrem Anblick ein St├╝ck weiter in eine tr├╝be Stimmung st├╝rzten, die vom anhaltenden Regen und den verwitterten Gesichtern auf den Stra├čen nur verst├Ąrkt wurde. Ich hatte mich entschlossen, als Ausgleich f├╝r meinen so kurzen Aufenthalt in Glasgow das Trinity College in Dublin zu besuchen, und als mich in den fr├╝hen Morgenstunden eine Droschke von Dun Lagoire, in die Stadt brachte, f├╝hlte ich meine gewohnten Lebensgeister wieder aufleben.
Ich verbrachte drei Wochen in Dublin und fand alle Geschichten ├╝ber die Irische Gastfreundschaft best├Ątigt. Es verging kein Abend, an dem mich nicht der eine oder andere Professor oder Student auf ein Ale in einen der unz├Ąhligen Pubs einlud, wo ich die Liebe der Iren zu ihrem Land kennenlernte und mich mehr und mehr davon begeistern lie├č. Und so beschlo├č ich ein weiteres Mal, meine Reisepl├Ąne zu ├Ąndern um mehr von der gr├╝nen Insel zu sehen. Besonders hatten es mir die Geschichten ├╝ber die Halbinsel Dingle in Kerry angetan, die sich s├╝dlich von Limerick an der Westk├╝ste Irlands in den Atlantischen Ozean erstreckte und an deren Ende Slea Head, der westlichste Punkt der Insel und damit Europas, lag. Nach einem herzlichen Abschied von meinen Gastgebern bestieg ich eine Postkutsche, die mich durch die Grafschaft Cork nach Kerry bringen sollte.

Je weiter ich in die l├Ąndlichen Gebiete Irlands vordrang, desto mehr umfing mich eine Ahnung nach etwas Unbegreiflichem, das seinen Ursprung in den kleinen D├Ârfern und ihren Bewohnern hatte. Es hatte den Anschein, als w├Ąre der technische Fortschritt, der unser Leben in den gro├čen St├Ądten pr├Ągt und der f├╝r uns selbstverst├Ąndlich ist, irgendwo in den gr├╝nen H├╝geln und schroffen Klippen halt gemacht. Die H├Ąuser, deren Mauern bestimmt seit ├╝ber Hundert Jahren standen, wurden noch mit qualmenden ├ľllampen erhellt, und Automobile hatte ich seit Dublin nicht mehr zu sehen bekommen. Der kalte Oktober lie├č die Bewohner jener H├Ąuser allabendlich zuflucht am Feuer des ├Ârtlichen Pubs suchen (denn dieser fehlte in keiner Ortschaft), wo je nach der Stimmung der Trinker laute Lieder in der rauhen G├Ąlischen Sprache, die uns fremd und alt in den Ohren klingt, oder schwerm├╝tige Balladen gesungen wurden. Ich sa├č mitten unter ihnen, ein Fremder, der jedoch mit einer f├╝r uns ungewohnten Selbstverst├Ąndlichkeit in ihrer Mitte akzeptiert wurde, und lauschte den rauhen Stimmen und der Stille, die nach den Liedern folgte. Der Herbstwind, der schon den Eishauch des bevorstehenden Winters in sich trug, heulte um die Mauern und pfiff durch die Fensterl├Ąden, w├Ąhrend einer der G├Ąste vielleicht anfing, eine Geschichte ├╝ber das Feenvolk zu erz├Ąhlen, die einem seiner Verwandten im Nachbardorf geschehen war.
Und hier, in den kleinen D├Ârfern mit ihren schiefen Mauern und verwitterten keltischen Kreuzen, die die Grabsteine zierten, erfuhr ich, da├č die M├Ąrchen als wahre Geschichten empfunden wurden. Die Bauern und Handwerker nahmen die Existenz solcher Wesen als gegeben an und stellten die Wahrheit der Legenden, die erz├Ąhlt wurden, nicht in Frage. Ja, nicht einmal die Skepsis eines studierten Menschen wie ich es war konnte sie von ihrem Aberglauben abbringen. Wenn ich in den Gespr├Ąchen klar wiederlegte, da├č es so etwas wie Feen und Elfen, Gnome und Kobolde ├╝berhaupt geben konnte, zuckten sie die Schultern und betrachteten mich mit einem fast mitleidigen Gesicht. Und ich hatte nicht das Herz, sie von ihrem kindlichen Glauben zu befreien, schadete er ihnen doch nicht. So blieb ich Zuh├Ârer und versuchte, diese unschuldigen Gem├╝ter nicht zu bel├Ącheln.

Die Postkutsche, mit der ich seit Dublin gereist war, lie├č mich an der Stra├če nach Limerick zur├╝ck, da sie dorthin weiterfahren sollte. Ich mu├čte also meinen restlichen Weg auf die Halbinsel und in das Dorf Dingle zu Fu├č zur├╝cklegen. Der Kutscher hatte mit versichert, da├č ich noch vor Anbruch der Nacht ein kleines Dorf erreichen w├╝rde, von dem aus ich am n├Ąchsten Morgen zu den ÔÇ×Drei SchwesternÔÇť, jenen drei Klippen, die an der n├Ârdlichen K├╝ste der Halbinsel hundert Meter ins Meer abfallen, wandern konnte. Ich dankte dem Kutscher und machte mich auf den Weg.
Die D├Ąmmerung lie├č ich bald hinter mir, als ich dem steinigen Weg durch steile H├╝gel folgte, die mich zu beiden Seiten einschlossen. Kein Licht eines Hauses wies mir die Richtung, nur der volle Mond erleuchtete ab und an meinen Pfad, wenn die Wolken ihn freigaben. Doch so sehr ich die Idyllische Nachtlandschaft geno├č, konnte ich mich doch nicht eines irrationalen Gef├╝hls erwehren, das in mir eine Angst hervorrief, deren Ursache ich nicht ergr├╝nden konnte. Ob es nun die seltsam geformten Steine waren, die sich ab und zu aus der Dunkelheit sch├Ąlten und die an knochig verformte Gestalten anmuteten, denen ein eigenes Leben durch die Schattenspiele den Mondlichts innewohnte, oder die Schreie eines Nachtvogels, denen einer klagenden Frauenstimme so ├Ąhnlich, blieb mir verborgen. Doch ich rief mich trotz des Schauers, der mir den R├╝cken herunter lief, zur Ruhe und bald war ich gefa├čt wie immer, ja, konnte meine ├ängste, die ich gerade noch empfunden hatte, bereits bel├Ącheln. Trotzdem war ich erleichtert, als ich die Lichter eines Gasthauses in der Ferne erblickte und freute mich darauf, mir endlich die m├╝den F├╝├če am Feuer w├Ąrmen zu k├Ânnen.
Das Gasthaus entpuppte sich beim n├Ąherkommen als ein kleiner Pub, der von wenigen windschiefen H├Ąusern umgeben war. Als ich vor der schweren Holzt├╝r stand und noch einen letzten Blick die Stra├če hinunter warf, zog die Wolke, die den Mond seit einiger Weile bedeckt hatte, an ihm vorbei und ich sah in der Schlucht, durch die sich der Weg schl├Ąngelte, ein seltsam geformtes Gebilde herausragen, von dessen plumpen Leib sich knochige Ausl├Ąufer wie Arme in den Himmel reckten. Ein Schreck fuhr mir durch die Glieder, denn das konnte kein Felsen sein, zu filigran waren die Finger, und mir war, als w├╝rden sie sich nach mir ausstrecken und mich greifen wollen. Blind tastete ich nach der T├╝r vor mir, stie├č sie mit einer Heftigkeit auf, die sie mit einem lauten Knall gegen die Wand schlagen lie├č und stolperte in den Schankraum. Stille umfing mich mit der pl├Âtzlichen Helligkeit der Lampen, die Gesichter der Trinkenden waren mir zugewandt und trugen alle eine Spur des Schreckens, der mir noch in den Knochen lag. Bleich ging ich mit unsicheren Schritten zum Feuer, wo ich mich auf eine Bank sinken lie├č, die tr├Âstlich fest unter mir war. Bald wandten sich die G├Ąste wieder ihrem Ale und ihren Gespr├Ąchen zu, die fl├╝sternd vonstatten gingen. Ich winkte mit noch immer zitternder Hand der Bedienung, die vor mir ein Glas Dunkles auf den Tisch stellte und mich ernsthaft fragte, warum ich die G├Ąste so erschrecken mu├čte. Da ich mich inzwischen wieder beruhigt hatte, fragte ich sie, was das denn f├╝r ein Gebilde sei, das dort drau├čen auf die Wanderer lauerte. Ich gab dabei ein kleines, unsicheres Lachen von mir, das von ihr nicht erwidert wurde. ÔÇ×Das ist die alte M├╝hle, mein Herr.ÔÇť antwortete sie. Dann beugte sie sich zu mir herunter und fl├╝sterte: ÔÇ×es ist besser, ihr an N├Ąchten wie dieser nicht nahe zu kommen. Der Geist des alten Holl├Ąnders soll dort umgehen!ÔÇť Nun f├╝hlte ich mich wieder sicher und dankte ihr f├╝r die Auskunft. Ein weiteres M├Ąrchen, dachte ich bei mir, und ich hatte mich wie Don Quichotte von einer Windm├╝hle schrecken lassen. ├ťber meine eigene Dummheit und Furcht l├Ąchelnd lie├č ich mir das Ale munden und gab mich ganz der wohligen W├Ąrme hin, die meine durchgefrorenen Glieder durchstr├Âmte. Die fl├╝sternden Stimmen der anderen G├Ąste lullten mich ein, bis ich in jenem Zustand zwischen Schlafen und Wachen geglitten war, der die Grenzen von Traum und Wirklichkeit durchl├Ąssig werden l├Ą├čt, bis sich die Schlafgespinste so mit der realen Umgebung mischen, da├č sie unserem Geist als nat├╝rlich erscheinen. So tr├Ąumte mir, da├č neben mir auf der Bank das Gespenst des alten Holl├Ąnders, der ein trauriges M├Ąnnchen in abgerissenen Kleidern war, sa├č und den Verfall seiner M├╝hle beweinte. Gro├če Geistertr├Ąnen fielen in sein gef├╝lltes Glas, das eine gr├╝nliche Fl├╝ssigkeit enthielt, in der sich Bilder von Windm├╝hlen bewegten. Dann war mir, als w├╝rde es um uns still werden, und der Holl├Ąnder deutete mit einem verkr├╝mmten Finger auf einen Tisch in einer dunklen Ecke, von dem sich eine Frauengestalt erhob und auf uns zuging. Nein, mir war vielmehr, als schwebte sie, so leicht und ├Ątherisch schien sie in ihrem wei├čen Kleid, das ihre zarten Glieder wie ein Gespinst aus Altweiberf├Ąden umflo├č. Ihre Haut war bleich wie der Mond, und die Augen gro├č und dunkel; schwarzes Haar rahmte ihr feines Gesicht wie ein Portr├Ąt aus Alabaster, doch auf ihren Z├╝gen lagen dunkle Schatten der Ersch├Âpfung oder einer Krankheit, die den Menschen dahinschwinden l├Ą├čt. Dennoch erschien sie mir sch├Âner als jede Frau, die ich bisher gesehen hatte, zugleich zerbrechlich und geheimnisvoll, als sie sich auf einen Schemel vor das Feuer setzte und mit leiser Stimme anfing, den stummen Zuschauern eine Ballade zu erz├Ąhlen.
An ihre Worte kann ich mich nicht mehr erinnern, doch ihr Inhalt ergriff mich wie nie ein M├Ąrchen zuvor. Ich hing an den Lippen der Fremden, von denen die Verse perlten gleich Regentropfen von den Bl├Ąttern einer Trauerweide, und ihr Ausdruck war so traurig, da├č ich mit ihm litt, als w├Ąre ihr Schmerz der meine. Von einer Dame erz├Ąhlte sie, deren Vater vor langer Zeit das Land hier geh├Ârte, und deren Sch├Ânheit in ganz Kerry gepriesen wurde. Es fehlte ihr nicht an Bewunderern, doch sie wies jeden mit einem hochm├╝tigen L├Ącheln ab, und ihr Vater, dessen gr├Â├čter Schatz sie war, lie├č sie gew├Ąhren. Eines Abends in der D├Ąmmerung, es war im Sp├Ątsommer, ging sie hinaus, um Weidenk├Ątzchen f├╝r einen Kranz zu pfl├╝cken, und kam zu einer Felsigen H├Âhle, an deren Rand Weidenzweige wie Efeu wuchsen. Doch kaum hatte sie einige von ihnen gebrochen, stand auf einmal ein junger Mann vor ihr und fragte sie, wie sie es wagen k├Ânnte, seine Weiden anzur├╝hren. Obwohl die Gestalt des Mannes ihr angenehm war und ihr Herz in jenem Moment an ihn verloren war, antwortete sie hochm├╝tig, da├č dieses Land ihrem Vater geh├Ârte, und sie die Weiden brechen k├Ânne, wie es ihr gefiel, ohne den jungen Mann um Erlaubnis zu fragen. Da nahm er sie bei ihrer Hand und in seine Arme, und sie gaben sich einander am Fu├če der Weiden hin, bis der Morgen graute. Doch als sie das Gesicht ihres Geliebten in den ersten Strahlen der Sonne betrachten wollte, war er verschwunden, und die H├╝gel um sie herum wurden dunkel und grau.
Lady Margaret, denn so war ihr Name, war seit jenem Abend bla├č und traurig, kein Lachen erhellte mehr ihr Gesicht, und obwohl ihr Vater alles tat, um sie zu erheitern, blieben ihre Augen doch tr├╝be und leer. Als die Dienstm├Ądchen anfingen zu reden, da├č die Lady ein Kind erwarte und es nicht leiden wolle, ging eine Zofe zu ihrer Herrin und erz├Ąhlte ihr von einem Kraut, das in den H├╝geln wuchs, und das ihr das Kind nehmen w├╝rde, wenn sie es a├č. So ging Margaret wieder in die H├╝gel und suchte das Kraut, doch als sie eines davon gefunden und gebrochen hatte, stand ihr Geliebter Tamlin vor ihr und fragte sie, warum sie das Kraut breche um die Frucht ihrer Liebe zu t├Âten. Sie jedoch sah ihn an und fragte ihn, ob er denn von dieser Welt w├Ąre oder einer anderen geh├Âre. Da gestand er ihr, da├č er ein Mensch wie sie gewesen war, bis er in diesen H├╝geln bei einer Jagd vom Pferd fiel und die K├Ânigin der Elfen ihn gefangen h├Ątte, auf da├č er immer in diesen H├╝geln bleiben m├╝sse und doch kein Teil der Menschenwelt mehr war. Doch heute abend, so sagte er Margaret, sei All HallowÔÇÖs Eve, der Abend vor Allerheiligen, an dem der Hof der Elfen durch die H├╝gel reiten w├╝rde. Wenn sie ihn f├╝r sich gewinnen wollte, m├╝├čte sie sich bei der alten M├╝hle verstecken und warten, bis die Pferde der Elfen an ihr vorbeirennen w├╝rden, und das dritte Pferd, das wei├če, solle sie festhalten, denn das w├╝rde er sein. Und was immer geschehe, sie m├╝sse ihn festhalten, welche Gestalt er auch immer annehmen w├╝rde. Da ging Margaret nach Hause und tat am abend, wie Tamlin ihr gehei├čen, und als das wei├če Ro├č an ihr vorbeisprengen wollte, griff sie nach seiner M├Ąhne und hielt es fest. Die K├Ânigin der Elfen schrie f├╝rchterlich und verwandelte Tamlin in einen wilden L├Âwen, der Margaret zu verschlingen drohte. Doch so gro├č war ihre Liebe, da├č sie ihn weiter umfing. Da verwandelte er sich in einen Barren gl├╝henden Eisens, der ihre H├Ąnde zu verbrennen drohte. Doch sie hielt ihn trotz ihrer Schmerzen fest und die Glut tat ihren H├Ąnden nichts. Darauf hielt sie eine zischende Schlange in den Armen, deren Giftz├Ąhne sich in ihren Hals bohrten. Doch sie hielt ihn weiter fest, denn er war der Vater ihres Kindes, und sie liebte ihn. Als die K├Ânigin der Elfen dies sah, wu├čte sie, da├č Tamlin f├╝r sie verloren war und gab ihm seine wahre Gestalt wieder, und Margaret warf ihren Mantel um ihn und rief: wir haben gesiegt, mein Geliebter! Die Elfenk├Ânigin aber war starr vor Wut und schrie: ich h├Ątte dir die Augen ausrei├čen sollen, Tamlin, und dir Augen aus Holz geben sollen! Und mit diesem Fluch war sie verschwunden.
Als die Fremde die Ballade beendet hatte, schien es mir, als w├╝rde ich aus jener Welt wiederkehren, in der ihre Geschichte geschehen war. Ich hatte die Z├╝ge der Elfenk├Ânigin vor meinen Augen und die Tr├Ąnen der Dame, und ihr Gesicht mischte sich mit dem meiner Erz├Ąhlerin, deren Blicke auf mir ruhten und mich unendlich traurig ansahen. Ich wollte sie tr├Âsten, denn die Geschichte war ja gut ausgegangen, und als ich aufstand merkte ich, da├č ich nicht mehr Tr├Ąumte und die Fremde wirklich am Feuer sa├č.
Die Erleichterung, die mich daraufhin durchstr├Âmte vermag ich nicht auszudr├╝cken, hatte ich doch die ganze Zeit in halbwachem Zustand verbracht und gef├╝rchtet, da├č sie so verschwinden w├╝rde wie ein Spuk am hellichten Tag. So aber ging ich zu ihr und bat ihr mit leiser Stimme einen guten Abend und fragte sie, ob ich ihr Gesellschaft leisten d├╝rfe. Sie nickte und ich setzte mich zu ihr, bot ihr einen hei├čen Kr├Ąuterwein, den sie mit ihren blassen Fingern umklammerte wie eine Ertrinkende einen Strohhalm. Jetzt, da ich mich nicht mehr im Halbschlaf befand, erschien mir ihre Kleidung seltsam: Sie trug nichts als ein wei├čes Nachtgewand, das bis zu ihren baren Kn├Âcheln reichte, ├╝ber dem kein Rock, keine Jacke, ja , nicht einmal ein Wollenes Tuch lag. In Anbetracht der K├Ąlte, die selbst durch das Feuer nicht aus dem Raum vertrieben werden konnte, war es mir unerkl├Ąrlich, da├č sie nicht zitterte. Auch warfen die anderen G├Ąste ihr Blicke zu, die mi├čtrauisch und furchtsam waren, wo sie h├Ątten voll Mitleid sein sollen. ├ärgerlich ├╝ber so wenig Manieren und R├╝cksicht bot ich der Fremden meinen Rock an, den sie kopfsch├╝ttelnd abwies. Nicht einmal ein paar wollene Socken, wie ich sie immer dabei hatte, wollte sie annehmen, und so sa├č ich hilflos da und wunderte mich einmal mehr ├╝ber ihre Erscheinung. Ich fragte sie, wo sie herkomme und ob ich sie sp├Ąter nach Hause bringen k├Ânne, da sie ja nicht mutterseelenallein in der Dunkelheit herumwandern k├Ânne. Sie sagte leise, da├č sie in den H├╝geln wohne und immer allein ginge. So viel Wehmut lag in ihrer Stimme, da├č mir die Tr├Ąnen in die Augen stiegen, und ich heftig antwortete, da├č eine so sch├Âne und zarte Dame nicht allein in dieser rauhen Umgebung wohnen solle. Ich nahm an, da├č ihre Eltern gestorben seien und sie ein Leben in Einsamkeit fristete, die sie langsam zerst├Ârte wie der Frost eine Lilie, und das konnte ich nicht mit ansehen.


So bot ich ihr an, sie nach Dublin mitzunehmen, wo ich ihr eine Anstellung finden k├Ânne, und vielleicht, wenn sie wolle, auch zur├╝ck mit nach Deutschland, wo ich immer ├╝ber sie wachen k├Ânnte. Ja, so ein tiefes Gef├╝hl der Liebe ├╝berkam mich beim Anblick ihrer zarten Z├╝ge, da├č ich mit dem Gedanken spielte, ihr die Heirat anzubieten, um sie immer an meiner Seite zu haben. Ich w├╝rde die Krankheit und die Trauer von ihr nehmen und sie gl├╝cklich machen. Doch je mehr ich sie dr├Ąngte, sich aus der Trauer zu befreien und ein neues Leben anzufangen, desto verschlossener wurde ihr Gesicht, bis sich irgendwann helle Tr├Ąnen aus ihren Augen l├Âsten und ihre Wangen herabrannen. Erschrocken hielt ich inne und schalt mich selbst ob meines Ungest├╝ms. Ich trocknete ihr die Tr├Ąnen mit einem Taschentuch und redete beruhigend auf sie ein, die noch immer kaum ein Wort an mich gerichtet hatte. Dann fragte sie mich z├Âgernd, ob ich einen Ort w├╝├čte, wo wir allein w├Ąren ÔÇô was ich ihr ob der drohenden Blicke der rauhen Bauern im Schankraum nicht verdenken konnte. Allerdings hatte ich bisher selbst keine Bleibe, und so fragte ich die Bedienung nach einem Zimmer, das ich ├╝ber Nacht mieten k├Ânne. Der Blick, den sie meiner Begleitung zuwarf war kalt, dennoch f├╝hrte sie uns eine schmale Stiege in eine Dachkammer hinauf, die anscheinend ab und zu Reisenden als Unterkunft diente. Im Schein der Flackernden Kerze, die die Bedienung uns dagelassen hatte, und des Mondes, der nun am klaren Himmel durch die Dachluke fiel, bot ich meiner Fremden ÔÇô denn ihren Namen wu├čte ich noch immer nicht ÔÇô den einzigen Stuhl an und lie├č mich selbst auf der Kante der Pritsche, die als Bett diente, nieder. Die Dunkelheit und das fahle Licht lie├čen die Z├╝ge des M├Ądchens noch umschatteter, ihre Haut noch blasser und durchscheinender werden. Wie eine Puppe sa├č sie auf dem wackligen Stuhl und sah mit verlorenem Blick in sich hinein, doch als ich anhob, etwas zu sagen, stand sie auf und schritt auf mich zu, um mir ihren schmalen Finger auf die Lippen zu legen und mich so zum Schweigen zu bringen. Ein Schauer durchfuhr mich bei der Ber├╝hrung, und ich sah in ihren unergr├╝ndlichen Augen wieder die Trauer, die wie ein dunkles Tuch auf ihr lag. Doch schien dort auch Liebe zu liegen, die mich mit Hoffnung erf├╝llte, als sie sich zu mir niederbeugte und mir von ihren weichen Lippen einen Ku├č auf meine Stirn hauchte, und so umfingen sie meine Arme und sie lie├č sich hineinsinken.
Der Zauber dieser Nacht schien unendlich, und bald hatte ich den Schmerz vergessen, der mich bei ihrem Anblick erf├╝llt hatte. Ich wollte ein L├Ącheln auf ihrem Gesicht sehen, und als sie es das erste mal erstrahlen lie├č, war sie mir sch├Âner als je zuvor. Die Kerze war bald heruntergebrannt, und nur der Mond war unser stummer Zeuge, bis auch ihn seine Bahn von uns forttrug und ich in einen seligen Schlummer fiel, ihre feinen Glieder an mir liegend, ihren leichten Herzschlag an meiner Brust.

Wie lange ich geschlafen hatte, wu├čte ich nicht. Irgendwann glitt ich aus dem Vergessen des Traumdunkels in einen Halbschlaf, in dem mir war, als w├╝rde sich meine Geliebte neben mir erheben. Als ich die Augen aufschlug, stand sie mitten im Raum, der von der fr├╝hesten D├Ąmmerung fahl erhellt wurde, und ich wu├čte, da├č sie mich verlassen wollte. Schnell sprang ich auf und lief zu ihr hin, umfing sie fest mit meinen Armen und fragte sie heftig, wohin sie wolle. Sie versuchte sich meinem Griff zu entwinden und fl├╝sterte verzweifelt, da├č sie gehen m├╝sse, bevor die ersten Morgenstrahlen den Tag trafen. Ich flehte sie an, bei mir zu bleiben, ihre Trauer zu vergessen, und mich zu heiraten. Doch so schwach sie schien, so fest blieb ihr Entschlu├č, bis ich sie nur noch bat, mir den Grund f├╝r ihr Gehen mitzuteilen. Daraufhin gab sie nach und erz├Ąhlte mit leiser, schwerer Stimme ihre Geschichte, den Kopf an meiner Brust liegend, als w├╝rde sie ihre Worte direkt an mein Herz richten. Sie sei vor zehn Jahren mit ihrem Vater und ihrer Mutter durch ebendieses Dorf gereist, doch entschied ihre Familie trotz der Warnungen der Bauern weiter durch die st├╝rmische Nacht zum n├Ąchsten gr├Â├čeren Ort zu reisen. Es war die selbe Nacht wie gestern, der Abend vor Allerheiligen, als der Kutscher die kleine Droschke durch die Schlucht an der alten M├╝hle vorbei lenkte, bis sie durch einen Engpa├č kamen, der die Fahrt verlangsamte. Da fuhr ein pl├Âtzlicher Windsto├č so heftig durch die Schlucht, da├č sich ein gro├čer morscher Baum oberhalb der Kutsche l├Âste und mit einer derartigen Wucht auf das kleine Gef├Ąhrt niederfiel, da├č der Kutscher und ihre Eltern davon sofort erschlagen waren. Voller Angst und Verzweiflung lief sie davon, bis mit einem Mal eine wundersch├Âne Frau vor ihr stand und sie bei der Hand nahm, sie mit ihrem L├Ącheln beruhigte und ihr versprach, f├╝r sie zu sorgen. Doch das war die Elfenk├Ânigin, sagte sie zitternd, die ihr seitdem nicht mehr erlauben w├╝rde, die Welt der Menschen zu betreten. Nur einmal im Jahr, am All HallowÔÇÖs Eve, d├╝rfe sie nach der Jagd des Elfenhofes den Rest der Nacht in den D├Ârfern zwischen den H├╝geln verbringen, doch m├╝sse sie vor den ersten Sonnenstrahlen wieder zur├╝ck sein, sonst k├Ânne sie nie mehr einen Menschen sehen.
Erleichtert lachte ich ob dieser Geschichte, waren doch irgendwelche Elfen und sonstige Hirngespinste kein Grund f├╝r mich, meine Geliebte aufzugeben. Ich versicherte ihr, da├č diese Geschichten nicht real seien, da├č sie aufgrund des Traumas, das der Tod ihrer Eltern in ihrem armen Geist hinterlassen hatte, sich die Elfen einbilden w├╝rde und ich ihr helfen k├Ânne, sich davon zu l├Âsen, wenn sie nur einwilligen w├╝rde, mit mir zu kommen. Doch keines meiner Worte hatte die gew├╝nschte Wirkung auf sie, ja, sie geriet regelrecht in Panik und flehte mich unter Tr├Ąnen an, sie gehen zu lassen, sonst k├Ânne sie mich nie wiedersehen. Wenn ich sie wirklich lieben w├╝rde, wie ich sagte, solle ich in einem Jahr am All HallowÔÇÖs Eve zur alten M├╝hle kommen und auf sie warten: sie w├╝rde in einer anderen Gestalt sein, aber ich w├╝rde sie erkennen, und dann solle ich sie festhalten, was auch geschehen m├Âge, bis sich der Zauber gel├Âst h├Ątte. Dann entwand sie sich mit einer so schnellen Bewegung meiner Umklammerung und floh den Raum, da├č ich ihr nicht mehr folgen konnte, und als ich allein auf der d├Ąmmrigen Stra├če stand, war sie nirgends zu sehen.
W├Ąhrend ich mich ankleidete und ein deftiges Fr├╝hst├╝ck halb in mich hineinzwang, machte ich mir die ganze Zeit ├╝ber bittere Vorw├╝rfe. Ich h├Ątte sie bei mir halten, ihr einen Beruhigungstrank einfl├Â├čen, ja, sie sofort in der Nacht aus dieser unseligen Gegend bringen sollen, in der sie ihr eigener Geist gefangen hielt. Die Bedienung antwortete auf meine dr├Ąngenden Fragen zur├╝ckhaltend: nein, sie habe die Frau noch nie gesehen, wisse auch nicht, wie sie hie├če. Sie fl├╝sterte etwas von Todesfeen, die in dieser einen Nacht des Jahres umgingen und sah mich an, als tr├╝ge ich schon eine t├Âdliche Krankheit in mir. Ungehalten bezahlte ich mein Essen und die Kammer und machte mich auf den Weg, um mehr ├╝ber meine Geliebte herauszufinden. Ein alter Mann, der am Weg verschnaufte wollte sich erinnern, da├č vor zehn Jahren eine Kutsche in ebendieser Nacht durch das Dorf gereist war. Er sch├╝ttelte den Kopf ob der Unwissenheit der Fremden, da├č man in der Nacht zu Halloween nicht reisen d├╝rfe, weil die wilde Jagd dann umgehen w├╝rde und das Feenvolk sich einen Spa├č daraus machte, den Menschen b├Âses anzutun. Doch von einem M├Ądchen, das in den H├╝geln lebte, wu├čte er nichts.

Ich wanderte wochenlang ├╝ber die Halbinsel, stand an den Klippen der drei Schwestern und sah die Brandung tief unter mir gegen die Felsen schlagen, betrachtete das graue Meer vom Slea Head aus und fragte in jedem Dorf, durch das ich kam, nach meiner geliebten Fremden. Einige sagten, da├č sie sie geh├Ârt hatten, wie sie die Geschichte von Tamlin erz├Ąhlte, und machten das Zeichen gegen den b├Âsen Blick. Andere wollten ihre Gestalt des Nachts klagend durch die Felsen wandern gesehen haben, doch Niemand kannte ihren Namen oder wu├čte, wo sie wohnte. Ja, meine Fragen daraufhin hatten immer einen ungl├Ąubigen Blick zur Folge, und eine gefl├╝sterte Warnung, da├č man sich mit dem unirdischen Volk nicht einlassen d├╝rfe, sonst koste es einen die Seele. Und immer wieder rief ich mir ins Ged├Ąchtnis, da├č dies alles Einbildung sei, da├č sich in diesen rauhen H├╝geln ein kleines M├Ądchen vor zehn Jahren verirrt hatte, dessen Geist ob des tragischen Schicksals seiner Familie verwirrt war und die Geschichten und der Aberglauben der Einwohner aus dieser sch├Ânen Frau wirklich einen lebenden Geist gemacht hatte.
Irgendwann schienen mich die Einwohner zu kennen und wichen mir aus, als sei ich selbst einer vom Feenvolk, und meine Fragen blieben unbeantwortet. So lie├č ich schweren Herzens die Halbinsel hinter mir und reiste n├Ârdlich durch Galway nach Donegal, bis hinauf nach Letterkenny. Auch hier fragte ich in jedem Dorf nach meiner Geliebten, aber keine Seele hatte von ihr geh├Ârt. Nur die Geschichten ├╝ber Wechselb├Ąlger, die von den Elfen ausgetauscht wurden, so da├č den Eltern ein verkr├╝ppeltes, b├Âsartiges Wesen blieb und die sch├Ânen Kinder von den Feen gefangen gehalten wurden, und anderen, die sich in die Feenwelt begeben hatten und nie wieder gesehen wurden, schienen unersch├Âpflich. Nach ├╝ber drei Monaten, in denen sich eine kleine Dorfsch├Ąnke an die andere reihte, die Balladen zu einem einzigen Singsang wurden und ich zeitweise nicht mehr gewahr war, in welcher Welt ich mich befand, wu├čte ich, da├č ich die Insel verlassen mu├čte, sonst w├╝rde ich selbst meine geistige Gesundheit verlieren. Immer wieder wurden meine Tr├Ąume vom blassen Gesicht meiner Geliebten heimgesucht, ihre Gestalt schien in jeder dunklen Ecke der Pubs zu warten und doch sofort zu verschwinden, wenn ich nach ihr greifen wollte.

Anfang Februar kehrte ich also nach Deutschland zur├╝ck, und an den Gesichtern meiner Freunde sah ich, wie ich mich ver├Ąndert hatte: eine Besessenheit hatte von mir Besitz ergriffen, die meine Wangen hohl und meine Augen wild werden lie├č, und manch ein Professor riet mir, mich zur Kur in ein Sanatorium zu begeben. Ich lehnte ab. Wissend, da├č ich wie schon zuvor meine D├Ąmonen selbst besiegen mu├čte zwang ich mich in einen geregelten Tagesablauf, hielt mich an kleinen Gewohnheiten fest und war bald wieder f├Ąhig, die Welt rational zu betrachten. Nat├╝rlich hatten keine M├Ąrchen Teil an der tragischen Geschichte meiner Liebe. Wahrscheinlich wohnte sie in einem verlassenen Cottage irgendwo auf der Halbinsel und wurde von ihrem verwirrten Geist dort festgehalten. Die abergl├Ąubischen Einwohner waren sicher mit schuld an ihrem Wahnsinn, und best├Ąrkten sie noch darin, indem sie sie mieden und ihr jenes Mi├čtrauen entgegenbrachten, dessen Zeuge ich geworden war. Doch auch ich hatte sie davon nicht befreien k├Ânnen, und im laufe der Monate wuchs in mir der Entschlu├č, zu Allerheiligen wieder in das Dorf zu der M├╝hle zur├╝ckzukehren und auf sie zu warten, vielleicht w├╝rde ich sie damit von ihrem Wahnsinn befreien. Warum ich nicht schon fr├╝her daran gedacht hatte, war mir unklar, war es doch bekannt, da├č man auf die geistig verwirrten eingehen mu├čte, um sie zu verstehen und letztlich von ihrem Wahn zu heilen. Was auch immer mir an dieser M├╝hle begegnen w├╝rde: ich w├╝rde es festhalten, damit meine Geliebte den Beweis sah, da├č ich zu ihr hielt und sie damit aus ihrer Tragik erl├Âst wurde.

Der Sommer verging, und als ich mich Anfang September auf den Weg machte, war ich wieder ganz der Alte, den keine M├Ąr schrecken konnte. Doch war mir nicht bewu├čt, auf welch unsicheren Pfeilern ich meinen Mut gebaut hatte, bis ich wiederum an der Stra├če nach Limerick stand und der verschlungene Pfad sich wie vor einem Jahr in die H├╝gel wand, die von der Abendsonne in rotes Licht getaucht waren. Meine F├╝├če schienen mit der steinigen Stra├če verwachsen und in mir stieg der Gedanke auf, da├č mein n├Ąchster Schritt mich wieder in jene Gebiete des Aberglaubens und der Irrationalit├Ąt f├╝hren w├╝rde, denen ich vor ein paar Monaten erst so knapp entronnen war. Doch meinem Unwohlsein zum Trotz bezwang ich meine Angst und ging schnell auf die H├╝gel zu, um die Sch├Ąnke noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen.
Obwohl mir der Anblick der verfallenen M├╝hle inzwischen fast vertraut war, drohte mich wieder eine Angst zu ergreifen, denn allzu sehr ├Ąhnelten ihre morschen Fl├╝gel einer Totenhand, die drohend ihre Finger nach meiner Seele ausstreckte. Ich sch├╝ttelte das Bild ab, das in meinem Geist gewachsen war und betrat den Schankraum, in dem sich wie vor einem Jahr nur wenige Bauern befanden, die fl├╝sternd die K├Âpfe zusammensteckten. Einige schienen mich zu erkennen und wandten sich mit dunklen Gesichtern von mir ab, und als ich der Bedienung sagte, da├č ich die Kammer f├╝r die heutige Nacht mieten wolle, sah es fast so aus, als wolle sie mir dies abschlagen. An der Theke lehnte ein junger Bursche, der mir unbekannt war und mich als einziger mit der f├╝r die Iren typischen Freundlichkeit ansah, so da├č ich mich zu ihm gesellte und ihn auf ein Ale einlud, das er gerne annahm. Bald kamen wir ins plaudern, er erz├Ąhlte mir, da├č er aus Cork komme und morgen weiter auf die Halbinsel reisen wolle, nur von dem anbrechenden Abend gezwungen, die Nacht in diesem ├Âden Dorf zu verbringen. Bei meinem Gespr├Ąch mit ihm verflog ein Teil der Beklemmung, die mich seit der D├Ąmmerung ergriffen hatte, und ich war froh dar├╝ber, einen rationalen und gebildeten, wenn auch etwas rauhen jungen Mann vor mir zu haben. Als er mich fragte, was mich in diese Gegend verschlagen habe, sagte ich ihm nur, da├č ich jemanden suchen w├╝rde und lehnte sein Angebot, mir dabei zu helfen, freundlich ab. Die Dunkelheit war inzwischen ganz ├╝ber das Land eingebrochen, und ich verabschiedete mich von dem jungen Iren mit den Worten, ich m├╝sse der alten M├╝hle einen Besuch abstatten. Das lie├č ihn zwar etwas verwirrt zur├╝ck, aber er sagte nichts darauf. Die Blicke der Bauern, die ich bis zur T├╝r in meinem R├╝cken sp├╝rte, lie├čen dagegen offene Feindseligkeit und Angst erkennen, war ich doch darauf und dran, mich dem zu stellen, vor dem sie sich allj├Ąhrlich in ihren H├Ąusern versteckten.
Als ich auf die Stra├če trat, hatten sich dunkle Wolken vor den Mond geschoben, so da├č ich nur aus der Erinnerung wu├čte, welchen Weg ich einschlagen mu├čte. Der Herbstwind ri├č an meinem Gehrock, dessen Kragen ich hochgeschlagen hatte, um mich vor der K├Ąlte zu sch├╝tzen. So stemmte ich mich gegen die stetig aufwehenden B├Âen, die schon die ersten Tropfen eines kalten Regens mit sich trugen, und hatte bald die letzten H├Ąuser des kleinen Dorfes hinter mir gelassen. Die Nacht war pechschwarz und ich schalt mich innerlich, da├č ich nicht wenigstens eine Laterne mitgenommen hatte. Doch ich setzte weiterhin einen Fu├č vor den anderen, bis ich unvermittelt eine dunkle Masse nahe bei mir aufragen sah: ich hatte die M├╝hle erreicht. Als ich an ihrer rauhen Wand ankam und mich gegen sie lehnte, h├Ârte ich das Knarren der alten Fl├╝gel wie das ├ächzen eines alten Riesen ├╝ber mir, und wieder ├╝berlief mich ein Schauer, der nicht allein vom eisigen Wind herr├╝hrte. Doch ich blieb fest und lie├č mich am Fu├č der M├╝hle nieder, versuchte dem Regenwind, der mich schon fast v├Âllig durchn├Ą├čt hatte, so wenig Ziel wie m├Âglich zu bieten und harrte aus.

Wenn man auf etwas wartet werden Minuten zu Stunden, und ich hatte bald jegliches Zeitgef├╝hl verloren. Ich sp├Ąhte angestrengt in die Dunkelheit vor mir und lauschte auf das Heulen des Windes und das Klatschen der Tropfen gegen das alte Gem├Ąuer, sprang manchmal auf, weil ich etwas in der Dunkelheit zu sehen glaubte, nur um mich entt├Ąuscht wieder hinzukauern, weil ich von einem vorbeihuschenden Nachtvogel genarrt worden war. Der Regen h├Ârte nach einer Ewigkeit, wie mir schien, auf, nur der Sturm lie├č mich mit unverminderter St├Ąrke frieren. Irgendwann fingen nagende Zweifel an, in mir hochzusteigen: was, wenn sie nicht herkommen w├╝rde? Wenn sich nichts ereignen w├╝rde und ich am n├Ąchsten Morgen wie ein abergl├Ąubischer Narr in die Sch├Ąnke zur├╝ckkehren mu├čte, bis auf die Knochen durchweicht und keinen Funken kl├╝ger? Waren denn die Ereignisse im letzten Jahr, das schon so lange her war, wirklich gewesen, und war ich nicht nur einem sch├Ânen Traum, der von einer Geschichte gepr├Ągt war, gefolgt? War heute denn auch wirklich der Abend vor Allerheiligen, hatte ich mich nicht im Datum geirrt? Vielleicht hatte sich auch nur ein Dorfm├Ądchen einen Scherz mit mir erlaubt ÔÇô doch zwischen all diesen Gedanken sah ich wieder ihr Gesicht, das so ernst und voll Trauer war, die nicht gespielt sein konnte. Ich mu├čte weiter warten, Gewi├čheit konnte ich erst am n├Ąchsten Morgen haben.
Ich mu├čte irgendwann in einen Halbschlaf gesunken sein, denn als ich aufblickte sa├č neben mir wieder die kn├Âchrige Gestalt des Holl├Ąnders, der mich aus leeren Augen ansah. Seine Finger waren wie die Fl├╝gel seiner alten M├╝hle, die meinen Arm mit klammem Griff hielten. Dann wandte sich sein Gesicht der Dunkelheit zu und wie schon einmal deutete er von uns weg in die Finsternis, aus der eine kleine Tiergestalt auf uns zu trat: ein Reh mit dunklem Fell, die Fesseln so d├╝nn als ob sie beim n├Ąchsten Schritt durchbrechen w├╝rden, die Augen gro├č und unergr├╝ndlich. Ich sprang auf und st├╝rzte auf das Tier zu, fiel bei ihm auf die Knie und umklammerte seinen Hals mit meinen Armen. Die nasse Tierflanke war warm an meiner Wange, und ich konnte das schnelle Schlagen des Herzens sp├╝ren, das wie ein Vogel gegen meine Rippen flatterte. Erst war das Reh starr vor Schreck, dann versuchte es, meinem Griff zu entkommen und hielt schlie├člich ersch├Âpft inne. Ich warf einen Blick zur├╝ck zur M├╝hle: der Holl├Ąnder war verschwunden, und ich wu├čte nun, da├č ich wach war. Ich blickte dem Tier in die Augen und mir wurde pl├Âtzlich gewahr, da├č sie ihren Blick in sich trugen: es war, als w├╝rde ich meiner Geliebten in die Augen sehen. Vergessen waren meine Theorien von ihrer geistigen Umnachtung: ich war fest davon ├╝berzeugt, da├č ich jenes Wesen in den Armen hielt, das mir vor einem Jahr so schnell entkommen war. Tr├Ąnen flossen ├╝ber meine Wangen, und wie von Sinnen stammelte ich z├Ąrtliche Worte zu dem Tier, das mich nur weiter ruhig ansah, w├Ąhrend ich seine Flanken mit K├╝ssen bedeckte.
Als ich mich etwas beruhigt hatte, kniete ich still neben dem Reh und sah in seine dunklen Augen, w├Ąhrend in mir die Sehnsucht nach meiner Geliebten, die ich in all den einsamen Monaten gen├Ąhrt hatte, bis ins Unendliche wuchs. Der Moment schien ewig zu w├Ąhren, bis ich pl├Âtzlich anderer Laute als denen des Windes gewahr wurde, und mit eisigem Schreck wurde mir bewu├čt, da├č dort drau├čen die Gefahr lauerte, jene Schauergestalten, vor denen ich mich in meiner Kindheit so gef├╝rchtet hatte. Die Angst aus all den finsteren N├Ąchten drohte mich zu ├╝bermannen. Ich glaubte nun an all diese Dinge: den Spuk und die b├Âsen Geister, die die Menschen plagen, und mir war, als w├╝rden sie hinter mir in den Schatten nur darauf warten, ├╝ber mich herzufallen. Hilfesuchend wandte ich mich wieder den Tieraugen zu, doch ich konnte in ihnen nicht mehr den vertrauten Blick entdecken, den sie vorher innehatten. Ja, das Tier schien mich vielmehr boshaft zu fixieren, als w├╝rde es mich verh├Âhnen, die Augen glommen von innen mit einem d├Ąmonischen Licht, und ich taumelte stumm vor Schrecken von der Kreatur fort. Doch sobald meine Arme das Tier freigegeben hatten, verschwand es mit ein paar schnellen Spr├╝ngen in der Dunkelheit, w├Ąhrend ich in meiner Panik im Wind meinen Namen zu vernehmen glaubte. Blind stolperte ich durch die Dunkelheit wie von allen Teufeln der H├Âlle gehetzt, verfolgt vom h├Âhnischen Knarren der Windm├╝hle, bis ich vor mir den Schein von Laternen wahrnahm, dem ich die ganze Zeit entgegen gelaufen war. Das letzte, was ich sah, bevor ich in schwindelnde Finsternis fiel, war das besorgte Gesicht des jungen Iren, das von einer ├ľllaterne beleuchtet war.

Ich wachte erst zwei Tage sp├Ąter mit hohem Fieber aus meinem Koma auf und lag noch weitere Tage und N├Ąchte im Delirium. Die Bedienung des Gasthauses pflegte mich gesund, offensichtlich von Schuld getrieben, da├č sie mich in jener Nacht nicht davon abgehalten hatte, zur M├╝hle zu gehen. Sie erz├Ąhlte mir, wie mich mein Retter gefunden habe, der sich auf den Weg gemacht hatte, weil ihn mein langes Fortbleiben beunruhigt hatte. Als er meine durchn├Ą├čte, totenbleiche Gestalt auf sich zutaumeln sah, f├╝hlte er seine Bef├╝rchtungen wahr geworden und brachte mich sofort in den Gasthof. Ich habe wirres Zeug geredet (hier bekreuzigte sich meine unfreiwillige Krankenpflegerin) von D├Ąmonen und Teufeln in Tiergestalt. Teilnahmslos h├Ârte ich mir ihre Geschichten an und starrte dann wieder an die Zimmerdecke. Mein Leben war ohne Inhalt seit jener Nacht. Ich wu├čte nicht mehr, was wirklich und was Fiebertraum gewesen war, und ob ich die letzte M├Âglichkeit, meine Liebe zu sehen, vertan hatte, als ich das Reh loslie├č. Doch vielleicht war es wirklich alles ein Traum gewesen, der mich besessen hatte, und in den ich mich in all den Monaten so sehr hineingesteigert hatte, da├č ich schlie├člich beinahe an meinem Wahn gestorben w├Ąre. Doch ich konnte keine Gewi├čheit haben, denn die Grenzen zwischen Rationalit├Ąt und Wahnsinn waren schon seit langer Zeit in meinem Geist verschwommen.

Bis heute wei├č ich nicht zu sagen, was davon Wahrheit und was M├Ąrchen war. In mir bleibt nur das Gef├╝hl, da├č ich das einzig erstrebenswerte im Leben verloren habe ÔÇô selbst, wenn es nur ein Traum war. Ich bin aus ihm erwacht und f├╝rchte, da├č ich nie wieder schlafen werden kann.

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AndreasGaertner
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Hallo,

das ist wohl wahr, da├č einem das Selbststudium der Psychologie eine tr├╝gerische, omnipotente und ├╝berpers├Ânliche Sicherheit verleiht.
Man deutet das geistige Verhalten des Menschen in Extremsituationen, und schliesst sich selbst dabei aus.

Das gl├╝ckt so lange, bis man selbst in die F├Ąnge des Wahnsinns gelangt(..niemand ist davor gefeit und die einzige "Therapie" gegen Wahnsinn ist die ruhige Bewegung!)

Und in dieser Wahnsinnsverfassung hilft einem weder Freud noch C.G.Jung(--> wobei ich Jung f├╝r das wahre Genie halte und dessen Ziehvater lediglich f├╝r den Impulsgeber)

Hat der Betroffene, in diesem Fall, der Liebe Wahnsinn erst mal ber├╝hrt, dann wird es schwer, den Teufelskreis
wieder zu verlassen, da besonders die Erinnerung an die Angst, den "R├╝ckfall" sch├╝rt.
Diesen Konsenz hast Du, finde ich, sehr gut mit dem
folgenden Satz eingeleitet:
Warum ich nicht schon fr├╝her daran gedacht hatte, war mir unklar, war es doch bekannt, da├č man auf die geistig verwirrten eingehen mu├čte, um sie zu verstehen und letztlich von ihrem Wahn zu heilen.

Das Problem:

Geht man auf den Wahnsinn ein und beginnt die innere Logik
dieses Zustandes zu begreifen hat man ihn selbst verinnerlicht, beginnt ihn wom├Âglich mitzuleben.

Diese Selbstverinnerlichung hast Du gl├Ąnzend beschrieben.

Ein weiteres Bild, da├č auf den Wahnsinn einer zu intensiv in ihrer Vorstellung, bez├╝glich der Idealvorstellung der Liebe hinweist, ist das Festhalten des Rehs.
In diesem Augenblick verschmelzen Realit├Ąt und Illusion!
Sind das die Augen des M├Ądchens, oder doch nicht?

Als der Protagonist das M├Ądchen in dem Reh wiedererkennt,
ist dieser in diesem Moment im Ideal der Liebe gefangen.
Er hat einen gef├Ąhrlichen Totalzustand erreicht, der nicht
existieren darf, da alles relativ sein muss, um ├╝berhaupt
da sein zu k├Ânnen--> Ein jedes Total im Universum w├╝rde, es selbst in sich zusammen fallen lassen.Er sucht diesen Zustand jedoch! Er sucht den Wahnsinn!!!

Der Protagonist verl├Ąsst diesen Totalzustand Augenblicke sp├Ąter wieder, und vermag das aufprojezierte M├Ądchen nicht mehr zu erkennen.


Nun ist er verwirrt, ob der Unvollkommenheit der Realit├Ąt
ausserhalb des Ideals, au├čerhalb des Wahnsinns.
Diese sehr sch├Âne Parabel auf das eigentliche M├Ąrchen in
dieser Geschichte zeigt auch sehr eindrucksvoll den
Zwiespalt des Liebenden:

Lasse ich das Reh los, verliere ich dann die Liebe?
Ist es andererseits nicht verr├╝ckt, ein Reh festzuhalten,
aufgrund einer ├╝berlieferten Sage?
Erf├╝llt sich die Liebe nur ├╝ber den Wahnsinn, also ├╝ber den totalen Glauben an sie? Testet die Liebe meinen Glauben?

Sehr sch├Ân ist auch die Wildromantik Irlands beschrieben,
auch die Charakt├Ąre der Menschen hast du interessant und authentisch eingefangen.
Die Atmosph├Ąre in der Gastst├Ątte projeziert sich beim Lesen ins eigene Wohnzimmer.

Klasse Geschichte mit "unheimlich" viel Tiefgang!

Gr├╝sse

Andreas

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