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Leselupe.de > Erzählungen
Alles wird gut (Die ganze Geschichte)
Eingestellt am 10. 05. 2003 12:13


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Kelly Cloud
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2003

Werke: 15
Kommentare: 12
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Prolog

Da sitz ich nun und weiss nicht, was schreiben. Hinter mir läuft das Fernsehen. Müsste ja total inspirierend sein. Aber soll ich denn all das Schreckliche dieser Welt wiedergeben? Was gäbe es denn sonst?

Advent, Advent
Ich sitz vor leerem Pergament
Es ist Weihnachtszeit
Und die Lebenszeit geht viel zu weit

Ende November

Es ist Weihnachtszeit, oder wenigstens nahe davor. Die Strassen sind nass, die Menschen machen sich auf zum Langlauf auf den weissen Loipen. Weiss? Es regnet. Die nette Dame an der Hotelrezeption fragt die Gäste beim Herausgehen: „Geht ihr schwimmen?“ Die Gäste finden diesen Spruch überhaupt nicht komisch. Na ja, was wahr ist, ist wahr. Im Schwimmbad wären die Skatingschuhe der Gäste nicht so nass geworden, wie auf dem karg beschneiten Golfplatz.
Regen hier, Erdrutsche da. Die Dorfbewohner im Oberland leben nun in Mehrzweckhallen, ausserhalb der Täler. Der Gemeindepräsident und Bauer ist entsetzt: „Vor 20 Jahren ist es normal gewesen, dass am Samichlaus ein Meter Schnee auf den Wiesen lag.“
Vor 20 Jahren war es auch noch nicht normal, dass Ende November die nächtlichen Strassen von Millionen winzigen, stromfressenden Lämpchen beleuchtet wurden. Der Busfahrer wundert sich über den riesigen Pneukran, der die Durchgangsstrasse behindert. Fünf Uhr, der Feierabendverkehr ist enorm. Logisch. Wer will denn bei diesem Sauwetter zu Fuss gehen oder sich an der Haltestelle von vorbeifahrenden Weihnachtsfrusties anspritzen lassen? Der Bus ist auch nicht schlecht besetzt. „Da pflanzen sie schon wieder einen riesigen Baum voll mit Spargeln,“ sagt ein Passagier. Spargeln? Ach so, die elektrischen Kerzen am Baum. Spargeln wären tatsächlich witterungsgerechter!
„Spargeln,“ denkt Hampi. Er findets überhaupt nicht komisch. Hunger hat er. Noch 3 Stationen, dann ist er beim McDonalds. Vorher geht er nie nach Hause. Da gibt’s eh nichts gescheites. Ärger auch nicht. Die Mutter arbeitet, der Vater auch. Seine Schwester wird wohl mit ihrem Kind bei einer Kollegin sein. Und er? Egal, solche Leute sind da und keinen störts. Plötzlich ein Ruck, 3 Schritte vor. Der Bus steht und einer flucht. „Scheiss Biker um diese Jahreszeit ohne Licht!“
Gott sei dank, McDonald.

Krieg oder Frieden

Im Wüstensand steht Jean-Jacque und schaut in den Nachthimmel. Es ist warm. Nicht so heiss wie am Tag. Ende November. Standen da, vielleicht am selben Ort, vor über 2000 Jahren nicht auch schon Menschen und schauten in den Himmel? Was für ein Gedanke in Anbetracht der Mission, die Jean-Jacque zu erfüllen hat. Im Namen der UNO über Krieg und Frieden entscheiden. So stand es jedenfalls in der Zeitung, die ihnen täglich zugestellt wurde. Krieg und Frieden, Ende November... die another day. Das hat auch in der Zeitung gestanden. Ihm wird plötzlich mulmig im Magen. Zigarettenrauch steigt in seine Nase. „Hi John,“ sagt er, ohne sich umzudrehen, der Blick in die Ferne ist zu schön.
„Die Klimaanlage ist ziemlich beschissen da drin. Und schlafen kann ich sowieso nicht.“ John schaut auch über den Wüstensand zum Horizont. Sie denken beide dasselbe. Den ersten Inspektionstag haben sie überstanden. Alles ruhig und freundlich, alle gewünschten Türen wurden geöffnet, alle Tests waren negativ...positiv? Schizophren diese Welt. Negativ ist positiv und positiv ist negativ!
In einer anderen Ecke dieser Welt ist es zur selben Zeit Morgen. Little Kev steht vor dem Schaufenster. Ketchup rinnt zwischen seinen Fingern durch und tropft auf den Boden. Barbie guckt ihn an. Rümpft sie die Nase? Little Kev bewundert das knallrote Ferraricabriolet, in dem Ken sitzt. „Mom, den wünsch ich mir zu Weihnachten.“ „Sicher,“ macht sie und nimmt noch einen Biss von einem Schokoladenriegel. Hinter dem Schaufenster flimmert ein grosser 16 zu 9 Fernseher. Aus dem Gebäudekomplex raucht es. Fenster sind ausgebrochen. Schwarze Rotkreuzmitarbeiter tragen Schutt und weisse Leinensäcke herum. Am unteren Bildrand steht ein Text: Selbstmordattentat in israelischem Hotel. Al Quaida?

Nicht vergessen

Nach dem ausgiebigen Tauchausflug sassen wir noch zusammen bei einem gemütlichen Bier. Natürlich sprach man übers Tauchen. Das rote Meer ist halt schon eine traumhafte Tauchregion und günstig. „Türkei ist auch gut,“ warf Toni ein, „und noch günstiger.“ Wo er recht hat, hat er recht, dachte ich und sagte: „Ja schon, aber in diese Region geh ich bestimmt nie zum Tauchen. Eher fliege ich 15 Stunden. Dem islamistischen Fundamentalismus traue ich schon lange nicht mehr.“
Damit habe ich es geschafft, das Thema zu wechseln. Passieren könne ja schliesslich überall etwas. Was die Koranverdreher sich leisteten sei schon nicht in Ordnung. Und überhaupt wäre die Globalisierung an allen schuld. Ich tat, nachdem ich mein letztes Bier bestellt hatte, meiner Meinung kund: „Wenn es einen dritten Weltkrieg geben sollte, dann wird der Ursprung bestimmt im Islam liegen.“

Nun steh ich auf der Treppe vor dem Haupteingang. Dieses Gespräch hatte am 10. September 2001 auf Malta stattgefunden. Am nächsten Abend nach dem Tauchgang erfuhren wir, was geschehen war. Meine Freunde hatten mich angestarrt. Mir fiel nur noch einen Satz ein: „So habe ich es nicht gemeint!“
Und heute denke ich zurück. Alle hatten wir gedacht, dass es nun so weitergehen würde. Schlag auf Schlag. Zum Glück lagen wir falsch. Bis jetzt jedenfalls. Und ausgestanden ist es wahrscheinlich noch lange nicht. Bei diesem US-Präsidenten....Aber das ist sowieso nur meine subjektive Meinung.
Sollte ich nicht besser versuchen eine lustige Weihnachtsgeschichte zu schreiben? Es ist ja zum Glück richtig schön kalt geworden. Der Schnee hängt tiefgefroren in den Tannenästen. Es weihnachtet wirklich sehr.

Da steh ich im WĂĽstensand
Eine Sternschnuppe fliegt vorbei
Ich spĂĽre im Nacken eine Hand
Sie fĂĽhlt sich an so zart wie Salbei

Krieg oder Frieden

Der grosse Geländewagen schiesst staubaufwirbelnd zwischen den Sanddünen durch, Richtung Norden. Die verschleierte Begleiterin sitz neben mir im Fond. Sie spricht nicht. Sie reagiert auch nicht auf meine Fragen. Wird schon seine Richtigkeit haben. Sie ist ja in erster Linie nur der Schlüssel zu unseren Objekten. Irgendwie bin ich beruhigt. Aus dem Fenster schauend, sehe ich über mir einen Kometen vorbeizischen. Fliegt er Richtung Westen? Nein, muss wohl eher Nordwesten sein. „Lassen sie uns doch dem Kometen folgen,“ sage ich, ohne irgendwelchen Grund. Die Verschleierte schaut ruckartig zu mir rüber. Unsere Blicke treffen sich. Eine wohlige Wärme fliesst durch meinen Körper. Diese Augen. Ich kann das Gefühl überhaupt nicht richtig einordnen. Aber es ist gut. „Alles wird gut,“ flüstert eine Stimme in meinem Kopf. Die Verschleierte sagt in ihrer Muttersprache etwas zum Fahrer. Die Fliehkraft des abdrehenden Wagens zieht mich leicht zu ihr rüber. Ich glaube, sie riecht ganz gut.
„Um diesem Komet zu folgen, müssen wir auf Kamele umsteigen,“ meint der turbantragende Herr auf dem Beifahrersitz. Er dreht sein dunkelgebranntes Antlitz zu mir. Ich nicke nur. Alles wird gut. Wir setzen uns auf die hölzernen Hochsitze der Kamele. Dann geht es schwankend durch den Wüstensand. Der Wind bläst sanft und angenehm kühl um meinen Kopf. „Gut, dass wir nachts reisen,“ sagt der Fahrer, der die Karawane zu führen scheint. Er hat sich wohl umgezogen. Sein fürstliches Gewand ist mir vorher gar nicht aufgefallen. Zu meiner Rechte trottet ein weiteres Kamel. Ein dunkelhäutiger Araber unter einem mächtigen Turban guckt mich an. „Jean-Jacque, mein Name ist Jean-Jacque. Ich bin hier....“
„Freut mich,“ fällt dieser mir ins Wort. „Ich bin Melchior Ben Ali. Heute zu reisen ist etwas ganz besonderes. Alles wird gut.“ „Ja,“ hauch ich in die schwüle Nacht, „es ist der Komet.“ Melchior nickt.
Der Komet ist immer noch ĂĽber uns. Fliegt er wirklich Richtung Nordwesten?
Ein Handy klingelt. Ich kann meins nicht finden. Es müsste doch am Gurt hängen. „Haben sie vielleicht mein Handy gesehen, Miss Fatima?“ War sie die ganze Zeit zu meiner Linken geritten? Sie dreht ihren Kopf und schaut mich mit ihren wunderschönen grünen Augen an. Was steckt nur unter diesem Schleier? Und dann, plötzlich fällt der Schleier von ihrem Gesicht. Ich rechne schon damit, dass sie sich mit einem lauten Aufschrei abwendet. Aber dann bin ich es, der aufschreit. Auf dem Kamel sitzt nun eine wunderschöne Frau mit unvergleichlich schönen grünen Augen. Meine Frau!
Jean-Jacques spürt eine Hand in seinem Nacken. Das Handy hat aufgehört zu klingeln. „Machst du denn deinen Wecker nie mehr aus, Jean-Jacque?“ John steht neben ihm am Bett. „Ich habe von Elenore geträumt,“ murmelt er. „Ja, es ist nicht einfach,“ hört er John antworten, „fernab von der Heimat. Lass uns Kaffee trinken.“

Mitte Dezember

So endet mein Versuch einer beinahe idyllischen Weihnachtsgeschichte. Die Inspektoren in der syrischen WĂĽste in ungewisser Mission.
Zum Glück sitze ich an meinem Schreibtisch und schau zum Fenster hinaus. Es schneit friedlich vor sich hin. Ein lebhaftes Treiben auf der Strasse unter mir. Hektik? Scheint so. Ist ja bereits der 2. Advent und die Nervosität steig. Ein Auto nachdem andern fährt vorbei. Menschen hechten zwischen ihnen durch. Ein Linienbus hält an der Bushaltestelle. Dutzende Fahrgäste strömen aus den automatisch geöffneten Türen in das Schneetreiben und einige direkt auf das McDonalds zu. Der Hampi auch. Hampi, so früh schon? Wen interessierts? Ich sollte ihn wohl mal ansprechen. Ziemlich zugenommen hat er. Wann habe ich ihn das letzte Mal schlank und rank gesehen? Im Frühjahr? Wahrscheinlich. Und dann wahr er plötzlich nicht mehr da. Es fiel mir gar nicht auf. Es fällt einem sowieso nicht auf, wenn jemand verschwindet. Erst wenn dieser Jemand wieder da ist, denkt man: „Lang nicht gesehen, eigentlich.“
In einem WeltEventOrt wie diesem, ist es sowieso schwierig, die Übersicht zu behalten. Ein kommen und gehen. Manche bleiben 3 Monate, andere ein halbes Jahr und wieder andere ein und einige Jahre. Nicht wenige bleiben für immer oder waren schon immer da. In einem Ort dieser Grösse ist es wichtig, dass man auf dem neuesten Stand ist. So zum Beispiel, ist es ein Muss, dass alle Haushalte, Hotels und öffentlichen Gebäude verkabelt sind, sodass man überall und zu jederzeit online ist. Natürlich müssen auch die Naherholungsgebiete mit modernsten Mitteln und schnell und bequem erreichbar sein. Hierfür steht seit kurzem der moderne und ultraschnelle Hochalpinexpress zur Verfügung. Das Herzstück der hiesigen Tourismusförderung. Dass die Winter garantiert schneesicher sein müssen, scheint so selbstverständlich zu sein, wie der Käse im Käsefondue. Dass hierfür alle Berge verkabelt sind und vor allen „verschlaucht“, ist auch logisch. Es braucht alles, dass so ein WeltEventOrt funktioniert. Die Infrastruktur reicht von der funktionierenden Toilettenspülung über den uneingeschränkten Internetzugang bis hin zu den reibungslosen Verbindungen des öffentlichen Verkehrs. Dazu braucht es natürlich auch eine sichere Umgebung. Die Topografie muss so sein, dass die Natur von allem genug hat, aber nie zu viel. Diese Anforderungen benötigen sehr viel Wasser und zur richtigen Zeit Schnee und Sonne. Dass das hier geklappt hat, hat dieser Herbst wieder eindrücklich gezeigt. Zur richtigen Zeit am richtigen Platz in den Alpen zu liegen, macht sich eben schon bezahlt! Da kann man mit dem Gemeindepräsidenten vom Bergdorf im Oberland nur verbarmen haben. Aber die können sich ja mit ihrem zukünftig zentralst gelegenen U-Bahnhof der Alpen trösten. Das wird der Hammer. Mit dem TGV und dem ICE mit 200 Sachen und nach 800 Meter hoher Liftfahrt direkt ins Skigebiet von Sedrun. Sedrun, wir setzen uns für euch ein. Und wenn es soweit ist, brauchen die dann auch viel Wasser und Hunderte von Kilometern Schläuche und Stromkabel, um ihre dannzumal begehrten Skipisten einzuschneien. Diese Attraktion würde der ganzen Region gut tun. Genauso, wie unser WWF (WeltWirtschaftForum) auch die ganze Region bereichert!

Hier und da

Bald ist Weihnacht. Die Lebkuchen und Gritibänzen sind zusammen mit den Erdnüssen und Mandarinen im Jutesack verstaut. Der Santa Claus setzt sich neben seinen dunkel gekleideten Gehilfen in den Kleinwagen. „Na dann los zu dem nächsten Kunden,“ sagt er und kramt in seiner weiten Kutte herum. Er holt schliesslich sein grosses Notizbuch heraus und blättert drin. “Mount Eden Drive, bitte!“
“Little Kev?” Sie grinsen sich an und sagen wie aus einem Mund: “Oh Gott!“

Die Vorbereitungen laufen auch andernorts auf vollen Touren. Das Konferenzgebäude wird bereits jetzt Tag und Nacht bewacht. Das Hotelpersonal wurde aus Sicherheitsgründen auch schon fichiert! Das alles gehört zu einem WeltEventOrt. Auch das internationale Eishockeyturnier und der Langlauf Weltcup Lauf wird selbstverständlich in die ganze Welt live ausgestrahlt. Verkabelung sei dank!
Hampi steht vor dem Grillstand im Zielgelände. Eigentlich interessiert er sich überhaupt nicht für Langlauf, aber so eine schwarz verbrannte Bratwurst ist halt schon was gutes. Von irgendwas muss man ja leben. Die krebserregenden Stoffe in der angebrannten Kruste stören ihn schon lange nicht mehr. Könnte zwar schon beunruhigend sein, aber Hampi hat mittlerweile andere Sorgen. Um seine Nichte sollte man sich sorgen machen, denkt er. Was hat die denn für eine Zukunft. Er schaut auf die angebrannte Kruste seine Wurst und unweigerlich kommen ihm die Bilder der nordspanischen Küste hoch. Die freiwilligen Helfer des spanischen und internationalen FiG (Friede in Grün), die schwarz verklebt von dem unaufhörlich herantreibenden Öl versuchen, die Steine und den Strand von den Ölmassen zu befreien. „Eine scheinbar unlösbare Aufgabe,“ hat der Nachrichtensprecher gesagt. „Wenn man weiss wie viel 1000 Tonnen noch auf die Küste zutreiben!“
Hampi beisst genüsslich in die schwarze Wurst. Beim Nachhausegehen stolpert er über einen Strang dicker Stromkabel. In seiner 1-Zimmerwohnung entledigt er sich seiner „schweren“ Kleidung.

Ă–l

In La Coruna sitzt Jose vor einem grossen Glas Bier. „Das haben wir uns redlich verdient,“ prostet ihm sein deutscher Kollege zu. „Salut, Harald,“ (sprich Charald) antwortet er und denkt dabei an die schwarzverklebte Möwe, die er heute Morgen geputzt hat. Hoffentlich lebt sie noch. Sie hat ja so geduldig stillgehalten...

Vom Lesen und Träumen

Fletcher sah seinen Lehrer an. In seinen Augen blitzte sekundenlang die Angst auf. „Ich- sie führen? Was meinst du damit, dass ich sie führen soll? Du bist hier der Lehrer. Du könntest sie nie verlassen.“
„Könnte ich nicht? Zahllose Schwärme gibt es und zahllose ruppiger Möwen wie einst jener Fletcher. Meinst du nicht auch, dass sie mich mehr brauchen als diese da, die schon unterwegs sind zum Licht?“
„Aber ich? Jon, ich bin nur eine gewöhnliche Möwe, du...“
„...bist ein Göttlicher, willst du sagen?“ Jonathan seufzte und sah über das Meer hinaus. „Du brauchst mich nicht mehr. Was du brauchst, ist Selbstvertrauen. Finde täglich ein wenig mehr von dir selbst. Finde die wahre, unbegrenzte, freie Möwe Fletcher. Sie wird dein Lehrer sein.“ Und Jonathans Körper flimmerte in der Luft, erstrahlte und wurde durchsichtig.
„Lass nicht zu, dass sie dumme Gerüchte über mich verbreiten oder mich zum Gott erklären. Ich bin nur eine Möwe. Ich liebe das fliegen, vielleicht...“
„Jonathan!!“
„Mein armer Sohn, trau deinen Augen nicht. Was immer sie dir zeigen, es ist nur Begrenztheit. Trau deinem Verstand, hebe ins Bewusstheit, was in dir ist, und du wirst wissen und fliegen.“ Der Strahlenglanz erlosch. Die Möwe Jonathan hat sich in Luft aufgelöst. Und ihr Schüler flog schwerfällig auf, wandte sich unter grauem Himmel heimwärts und nahm seine Pflicht bei neuen Schülern auf, die begierig auf ihre erste Lehrstunde warteten. Ernst und bedrückt begann er: „Ihr müsst vor allem verstehen, dass die Möwe die absolute Idee der Freiheit ist, das Abbild der grossen Möwe. Und der Körper ist von Flügelspitze zu Flügelspitze nichts weiter als der Gedanke selbst.“
Die jungen Möwen blickten ihn unsicher an. Hallo, dachten sie, das klingt aber gar nicht nach Flugregeln. Fletcher seufzte und wollte noch einmal von vorne anfangen. „Ja- na schön“, sagte er plötzlich und musterte sie kritisch. „Fangen wir mit dem Tiefflug an.“ Und in dem er das sagte, begriff er urplötzlich, dass sein Freund wahrhaftig nicht um ein Haar göttlicher gewesen war als er selbst. Keine Grenzen, Möwe Jonathan, dachte er. Die Zeit ist nicht mehr fern, da auch ich aus der durchsichtigen Luft heraus auf deinem Strand erscheinen und dir zeigen kann, was Fliegen in Freiheit bedeutet. Und obwohl er sich vor seinen Schülern streng gab, sah er sie plötzlich alle so, wie sie wirklich waren. Und was er in ihnen sah, erfüllte ihn über Anerkennung hinaus mit tiefer Liebe. Grenzenlos. Jonathan, dachte er und war glücklich. Der Weg zur Erkenntnis war beschritten, der Kampf in ständigem Lernen hatte begonnen.
„Na schön,“ denkt Jose und fährt sich mit dem Handrücken über sein tränennasses Gesicht. „Fangen wir mit dem Tiefflug an.“ Er legt das Buch von Richard Bach auf den Nachttisch und fällt in einen tiefen, ruhigen Schlaf, in dem er von grenzenloser Leichtigkeit in die Welt der schönen Träume getragen wird. Am nächsten Morgen wartet wieder viel Arbeit auf ihn und seine Freunde. Er träumt von seiner Freundin, die im Landesinneren wohnt und arbeitet. Sie sind beim Skifahren.
(Weihnachtsferien in Andorra!) Sie kurvten von einer gigantischen Schneewolke umhüllt durch den Tiefschnee. Schneetauben stoben auf, Schneehasen suchten erschreckt das weite und die Eichhörnchen schauten bestürzt von den hohen Tannenzweigen hinunter. Sie stoppten vor einem einsam verlassenen Stall, sprangen hastig aus ihren Skibindungen, liessen die Stöcke neben den Skiern stecken und drangen polternd in den Stall ein. Sie fiel über ihn her, riss seine Skihose zu den Knöcheln herunter. Er liess es entspannt geschehen. Warum wurde sie nie müde, fragte er sich glücklich. Sie streichelte seine Bällchen, berührte ihn zärtlich mit ihren Lippen, umrundete ihn mit ihrer feuchten Zunge und liess ihn in sich hineinwachsen. Er stöhnte und streichelte durch ihr Haar. Sie liess nicht von ihm ab. Sie drängte mit ihrer freien Hand in ihre Skihose und unter das Höschen. Stöhnend und lutschend massierte sie sich ihre Knospe, drängte mit den Fingern in sich hinein und bewegte sich zitternd hoch und runter bis...
...Schweissgebadet wacht Jose auf. Die Luft in diesem Massenlager ist ziemlich stickig. Lieber wäre er jetzt mit seiner Freundin zusammen. Schneehasen und schwarz verklebte Möwen, was für eine schreckliche Bildkombination in seinem Kopf. Er steht auf und wankt ins Badezimmer. Er schüttet sich eine handvoll verkalktes Hahnenwasser ins Gesicht. Langsam fühlt er sich wieder besser.

Juanita schlägt die Augen auf. Hat sie etwas geträumt? Sie kann sich nicht mehr erinnern, aber ihre Gedanken sind nur an einem Ort. Wie sie ihren Jose in diesem Moment doch liebt. „Grenzenlos. In Gedanken sind wir immer zusammen. Wenn ich ganz fest an dich denke, dann bin ich auch ganz nah bei dir, Bella mia,“ hat er einmal gesagt.
Hat er wirklich schön gesagt, dieser Jose. In diesem Moment ist er wahrscheinlich wieder an der nordspanischen Küste beim Möwen putzen. Vielleicht hat er sich auch der FiG-Demonstration gegen die alten Tanker auf den Weltmeeren angeschlossen. Nur leider wird das genau so wenig bringen, wie die Schellte der Opposition im spanischen Parlament gegen die Regierung, weil die es verhindert haben, den Tanker rechtzeitig in einen Hafen einlaufen zu lassen, um das Rohöl vor dem endgültigen Zerbarsten auszupumpen. Und gelernt hat diese Regierung immer noch nichts. Jetzt scheren sie sich keinen Deut um die Aufräumarbeiten und die Fischer. Alle Regierungen der Welt sind da genau gleich. Kaum an der Macht, schauen sie nur noch auf die eigene Tasche, diese Säcke. Also, Oppositionen dieser Welt, wenn ihr glaubwürdig bleiben wollt, dann bleibt in der Opposition und kämpft für das Gute! Denn kaum an der Macht, seid ihr die gleichen Säcke. Deutschland ist das traurigste Beispiel dafür.
Die deutsche Regierung interessiert Jose nicht. Er möchte hier in Spanien etwas bewirken. Er möchte, dass es in Spanien genug Arbeit für alle gibt. Er möchte, dass die spanische Tourismusbranche funktioniert. Dazu braucht es aber garantiert saubere Strände. Und um das zu garantieren, muss die Schifffahrt auf allen Weltmeeren sicher werden. Dafür kämpft er mit seinen bescheidenen Mitteln, als unbedeutender, kleiner Bürger, der sein Land und die ganze Welt liebt. Bald ist Weihnacht und Jose wird wieder mit seiner Geliebten zusammen mit Familie und Verwandten feiern. Die Liebe am Fest der Liebe. Wie viele Weihnachten hat es in Joses Leben gegeben, da er sich nichts sehnlicher gewünscht hat, als eine ihn liebende. Nun hat er Juanita, schon seit zwei Jahren und eigentlich stimmt alles. Sie haben so zu sagen nur Gemeinsamkeiten. Im Winter nimmt sie ihn mit zum Skifahren, was er ohne sie wahrscheinlich gar nie gelernt hätte. Im Gegenzug hat er ihr das Schwimmen beigebracht und das gemeinsame Wandern in den Pyrenäen macht zu zweit auch viel mehr Spass, als alleine.

Am Fusse des pyrenäischen Westhanges im kleinen Städtchen denkt Juanita auch über die Liebe nach. Sie liebt seine Eltern genau so wie die eigenen. Auch Jose ist für ihre Eltern wie ein Sohn. Und trotzdem, manchmal, ist sie hin und her gerissen. Seit zwei Jahren leben sie nun zusammen und eigentlich stimmt alles. Sie akzeptiert seine Macken und er die ihren wahrscheinlich auch. Aber jetzt, wo er an der Nordküste im Auftrag der FiG die Küste vom ausgelaufenen Öl reinigt und sich vielleicht irgendwelchen Gefahren aussetzt, macht sie sich eigentlich keine, oder irgendwie zuwenig Sorgen um ihn. Sie fühlt sich wohl in der gemeinsamen Wohnung. Ihre eigenen vier Wände, irgendwie. Irgendwie steigt ein ungutes Gefühl in ihr hoch. Sie stellt fest, dass sie sich viel zu wohl fühlt, so alleine und unabhängig. Fast hat sie Angst vor der Zweisamkeit. Das Leben ist schon komisch, denkt sie so. Sie konnte nach dem Schwimmen mit Freunden einfach noch ausgehen, ohne sich irgendwelche Gedanken zu machen. Wenn Jose da gewesen wäre, hätte sie wohl angerufen, um zu fragen, ob er auch noch nachkommen wolle. Wahrscheinlich hätte er dann abgelehnt und dann hätte sie ihm versichert, dass sie nicht zulange wegbleiben würde und er sich keine sorgen machen bräuchte. Nein, wenn er da wäre, dann wären sie natürlich gemeinsam zum Schwimmen gegangen und danach wahrscheinlich gleich nach Hause. Was ihr auch immer recht war. Er war ja immer so zärtlich und entsprach genau ihren Bedürfnissen. Eigentlich ein Traummann, aber irgendwie war bei ihr das Feuer aus. Dafür zieht sich ihr Herz schmerzhaft beim blossen Gedanken an einem anderen Mann zusammen. Sie fühlt sich total unwohl in ihrer Haut. Sie will das alles ja gar nicht. Es wäre alles so gut. Seine Eltern... die gemeinsamen Freunde...

Jose sitzt auf der Hafenmauer und schaut in den Sonnenuntergang. Was war das wieder für ein Tag heute. Erst die Demo und danach drei weitere Möwen gereinigt. Wie geduldig die doch immer stillhalten. Das packt ihn doch an. Und die drei Möwen, die er gestern gereinigt hat, hatte er heute noch besucht. Sie scheinen sich schon gut erholt zu haben. Gott sei dank. So kleine Freuden und unscheinbare Taten sind es, die schlussendlich die Welt retten. Daran glaubt Jose ganz fest. Auch an seine Liebe. Die Liebe zu Juanita gibt ihm die Kraft das alles auszuhalten. Schliesslich möchte er mit ihr mal viele kleine Kinder haben und das in einer guten, schönen, lustigen und sauberen Welt. Dafür lohnt sich jeder Aufwand. Ach, wie er doch Juanita liebt. Sterben würde er für sie. Dieses Gefühl, das er Tag und Nacht verspürt, ist unbeschreiblich schön. Da kann er Gott nur dankbar sein. Und er wird auch nichts tun, um den Herrn zu erzürnen. Jeden Tag etwas Gutes tun. Für die Welt und für Juanita. Anrufen wird er sie um zehn. Von ihr träumen bis dahin und in Gedanken sie ganz fest halten. Dieses Glück macht ihn stark. Sein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen beim Gedanken, dass sie so weit von einander entfernt sind. Dass sie getrennt schlafen müssen. Aber es ist nun mal so. Sie weiss wie wichtig ihm die Arbeit in der FiG ist. Solange die Menschen nichts dazu lernen, müssen sie um so aktiver sein. Aktiv, diesen wunderschönen Sonnenuntergang zu erhalten. Ein Wunder, ein wunderschöner Anblick, wie diese blutorangerote Kugel langsam im Meer versinkt. Noch schöner ist nur seine Juanita.

Frohe Weihnacht

Ich sitze auf der Terrasse der Bergstation des Hochalpinexpress. Wir prosten uns zu. Ein Hoch auf die geglückte Investition. Über 2000 Wintersportler schafft dieses Konzept alle zehn Minuten über 1000 Höhenmeter hoch. „Pro Stunde 12000 zahlende Gäste. Das macht zwischen neun und Mittag 36000,“ frohlockt der Betriebsleiter. „Ist doch so, oder?“
Er hebt das Glas Champagner nochmals hoch. „Hoch!“
„Hoch, hoch!“ entgegnen wir im Chor. Die Fernsehkamera des öffentlich Rechtlichen surrt. Die Zeitungsjournalisten sind fleissig am schreiben. Was für eine Werbung für die Region. Alle, die ganze Welt soll wissen, wo sie die Weihnachtstage am besten verbringen würden. Von jetzt an muss es wirtschaftlich wieder nach oben gehen.
Beim runtergehen durch die Eingangshalle zum Hochalpinexpress begegne ich einem alten Bekannten. „Hallo, schön dich hier zu sehen,“ begrüsse ich ihn. Durch die ganzen Umstrukturierungen wurde seine Arbeitsstelle am Berg überflüssig. Wir geben uns die Hand. „Ja, bin schon froh, dass es hier geklappt hat,“ entgegnet er mir. Wir gehen zusammen zur Front des Express und steigen ein. „Ich führe euch,“ sagt er und nimmt, beinahe stolz, im „Cockpit“ platz. „Was macht die Familie?“ frage ich, als sich die Komposition lautlos in Bewegung setzt. „Ganz gut alles, danke,“ meint er und schaut in die Tiefe. Die Tochter sähe ich des öfteren, sag ich. Die sei noch zu Hause mit der Kleinen, entgegnet er mit. Arbeite mit der Mutter zusammen in dem kleinen gemeinsamen Lädelchen. „Oh, schön. Und dein Sohn ist auch wieder zurück. Es ist immer nett, wenn die Einheimischen in die Heimat zurückkehren.“ Ist irgendwie die Leute ausgefragt, denk ich so bei mir. Aber er meint: „Ja, er lebt nun in seinen eigenen vier Wänden...“ (schluckt) „...Wird auch endlich Zeit.“ Er lacht kurz auf und wir fahren sanft in die Station ein.

Das Handy vibriert zweimal und verbindet. Der Gemeindepräsident vom Bergdorf ist am andern Ende des Äthers. Die Konversation zwischen ihm und dem Katastrophenkoordinator ist beruhigend einfach. Es hat seit langem nicht mehr geschneit. Es war einfach sehr kalt, so dass die umliegenden Skigebiete ihre Pisten gut beschneien konnten und die Aufräumarbeiten im Unglücksgebiet gut voran gingen. Man bedankt sich gegenseitig und wüscht sich schöne Festtage und ein gutes neues Jahr. Und einmal mehr die Erkenntnis: Man muss einfach topografisch am richtigen Ort in den Alpen liegen.

Hassan liegt auch völlig richtig. Er ist der Star seiner Freunde und Familie. Ihn interessieren die ölverschmierten Meerestiere genau so wenig, wie die Obdachlosen von Bihar am Ganges. Das Essen war ausgiebig und gut. Kebabs und Fallafel waren köstlich. Er fühlt sich wie im Paradies. „Und verkünde die frohe Botschaft denjenigen, die glauben und Gutes tun, auf dass ihnen Gärten zuteil werden, in deren Niederungen Bäche fließen...“(Quran, 2:25), sagt Allah im Koran. Hassan hat es geschafft in seinem Leben. Er wusste immer, was er wollte. Ein Leben für und mit Allah, denn der Herr sagt: „Wetteifert denn miteinander um die Vergebung eures Herrn und um das Paradies, dessen Größe gleich der Größe des Himmels und der Erde ist. (Es ist für) jene bereitet, die an Gott und seine Gesandten glauben...“(Quran, 57:21). Er kniet sich gen Osten nieder und betet: „Wer das Paradies betritt, wird glücklich leben, ohne Krankheit, Schmerzen, Trauer oder Tod; Gott wird zufrieden mit mir sein und ich werde für immer leben.“
Hassan zieht sich nun an, verabschiedet sich von seiner Mutter und seinem Vater, die so stolz auf ihren Ă„ltesten sind. Er nickt dem Rest seiner Verehrer zu und steigt in den kleinen unscheinbaren Koreaner.

Jerome und Anita, Ibrahim und Sharona, Andy und Fatma sitzen auf der Terrasse eines Cafes am Strand einer kleinen Hafenstadt in der Nähe von Telaviv. Es ist zwar ziemlich kühl, aber sie geniessen die Atmosphäre und das Rauschen des Meeres. Als Stundenten einer amerikanischen Universität und zu Gast bei Sharonas Familie verbringen sie den Weihnachtsurlaub in Israel und beschäftigen sich nun studienhalber mit der angespannt politischen Situation dieser Region. Für Anita aus Deutschland und Andy aus Ohio ist es etwas ganz besonderes, die Weihnachtstage hier zu verbringen. Nicht, dass sie sehr gläubig wären. Aber Atheisten sind sie bestimmt auch nicht. Es ist einfach unbeschreiblich, in diesen Tagen auf israelischem Boden zu stehen und sich die x-mal gehörte Weihnachtsgeschichte abermals durch den Kopf gehen zu lassen. Ihre Freunde kennen die Geschichte natürlich auch und sie wissen um die Bedeutung des heiligen Landes für die westlich Welt. Sharona und Ibrahim haben damals als Kinder in einem sogenannten Gemischtendorf gemeinsam die Primarschule besucht, wurden dann aber bei einer militärischen Aktion im Jahre `79 getrennt. Damals kam niemand physisch zu schaden. Es war einfach eine politische Aktion zur sogenannten Ordnungserhaltung des Landes. Es war ein riesen Zufall, Zufälle, die nur das Leben schreiben kann, dass sie nach über 15 Jahren plötzlich wieder gemeinsam die Schulbank drückten und nun gemeinsam, kurz vor ihrem gemeinsamen Abschluss in der gemeinsamen Heimat beisammen sassen. Über solche und andere Dinge unterhalten sie sich ständig. Jeder kennt jeden und diesen multikulturellen Austausch schweisste sie total zusammen und hält sie zusammen. Jerome, seineszeichen amerikanischer Jude und kennt das gelobte Land auch nur vom Hörensagen, ist hier und möchte endlich mal die Klagemauer von Jerusalem mit eigenen Augen sehen und den eigenen Händen spüren. Seine Hand ruht auf dem muskulösen, durch Basketball trainierten, Oberschenkel seiner Freundin Fatma und schaut auf die gigantischen Wellen, während sie ein von ihr selbst verfasstes Gedicht vorliest:

„Ich wünsche dir, dass du immer wieder erkennst,
welche Kostbarkeit dein Leben darstellt: Wirklich einen ganzen Haufen
kannst du fĂĽr Geld wohl kaufen,
doch es gibt auf dieser Welt
auch viel schönes ohne Geld:
Sternenhimmel, Sonnenstrahlen,
dafĂĽr brauchst du nichts zu zahlen,
dazu als Geschenk gegeben
ist dir das Kostbarste: Dein Leben.“

Sie applaudieren und Ibrahim sagt: „Der Applaus ist dir gewiss, denn ich will dies Gedicht nie vergiss.“ Schallendes Gelächter in der Runde. Am lautesten Ibrahim selbst. So muss das wohl sein, eine multikulturelle Weihnachtszeit.

In seinem Studio steht nur ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl und ein Computertisch mit seinem Laptop drauf. Der Wandschrank reich für seine paar Klamotten. Es ist Heiligabend und Hampi ist alleine zuhause. So soll es auch sein. Er will es gar nicht anders. Er hat noch einiges zu erledigen. Als Sprachrohr zur Aussenwelt – so sehen es wenigstens seine Verbündeten – hat er auf feindlichem Territorium alle Hände voll zu tun. Noch ist er nicht aufgeflogen. Er hat auch nicht vor aufzufliegen, denn ausser dass er für seine Genossen arbeitet, braut er auch noch sein eigenes Süppchen. Dass seine Verkleidung ihn so unscheinbar und harmlos macht, hätte er nicht für möglich gehalten. Aber mittlerweile kennt man ihn hier als übergewichtigen Hamburgerfresser, der ziemlich introvertiert zu sein scheint. Seine stählerne mit Hartgummi überzogene dicke, schwere Weste lässt ihn nicht nur dick aussehen, sondern verhilft ihm auch noch, sich konditionell auf Hochform zu bringen. Er tippt noch einige E-Mails und verschickt sie. Die Versuche, seine Truppe am Tag X zum entscheidenden Punkt Zero zu bringen sind bis anhin fehlgeschlagen. Aber er hat noch Zeit, dieses Problem zu lösen.

Fatma, die westtürkische Freundin von Jerome, dem amerikanischen Juden bestaunt die jahrtausende alte Architektur der israelisch palästinensischen Hauptstadt. Vieles erinnert sie an ihre Heimatstadt und doch ist auch vieles anders. Hier hat es auch noch Synagogen neben Gebäuden mit dem Christuskreuz. Auch die Weihnachtsbeschmückung gibt es in ihrer Stadt nicht. Jerome hat gesagt, dass diese Beschmückung eigentlich gar nicht in diese Stadt passe. Aber stören tut es Jerome genau so wenig, wie es Fatma fasziniert. So schlendern sie durch diese multikulturelle Stadt und essen an einer Ecke Fladenbrot mit einheimischem Trockenfleisch. Es schmeckt. Auch den umstehenden Menschen scheint der einheimische Imbiss zu munden. Sie schauen sich um. Hier hat es westlich gekleidete Touristen aller Rassen. Asiaten, Schwarze und auch Weisse. Hauptsächlich Weisse. „Und da drüben geht noch eine Gruppe ultraorthodoxer Juden vorbei,“ macht Jerome Fatma darauf aufmerksam. „Die kennt man an ihrer schwarzen Kleidung.“
„Die sind ja im Stadtbild fast so rar wie die Muslime,“ stellt sie. Sie schauen sich tief in die Augen und umarmen sich innig. Ihre Welt ist grenzenlos und tabulos offen. In der Weihnachtszeit machen sich die Ultraorthodoxen so rar wie möglich und Muslime gibt sowieso immer weniger in Jerusalem. Wie Sharona und der Palästinenser Ibrahim erzählt haben, ist die sogenannten Ordnungserhaltung des Landes immer noch Realität. Die beiden begleiten zur Zeit Anita und Andy zum See Genezareth, eine Gegend die sie an die Kindheit erinnert. Klassenausflüge, Familientreffen. Sie schwammen in dem See, wo damals der Messias übers Wasser ging. „Auf diese verrückte Idee sind wir damals natürlich nie gekommen,“ hatte Sharona einmal gesagt, „unser Rabbiner konnte nicht mal schwimmen!“ Und lachte dabei ihr schönes, helles und ansteckenden Lachen.

Fatma und Jerome wandern über den Kreuzweg den Ölberg hinunter. Sie geniessen die Aussicht über die weite Ebene und wissen natürlich, dass man gar nicht weit kommen würde, würde man bis zum Horizont wandern wollen. So ist das im Leben. Die Politik begrenzt immer mehr die Freiheiten der Menschen. Hier bekommen die Bewohner das ganz speziell zu spüren. Nicht nur die Palästinenser, die speziell, denn sie werden militärisch eingeschränkt. Wie oft haben sie doch mit ihren Freunden dagegen demonstriert und natürlich demonstrierten sie auch gegen den Fundamentalismus im Islam, der so viele junge Menschen in den Selbstmord trieb.
„Da,“ Fatma packt Jerome am Hemdsärmel, „da, sieht man von hier nicht die Klagemauer?“
„Ja, doch, das ist sie,“ haucht er. „Ist sie nicht gigantisch schön? Und darüber die Stadt mit ihren riesigen Kuppeln und orientalischen Türmen.“ Er hat ganz feuchte Augen bekommen. Ihre Stadt. Die Stadt des Islams und des Judentum, denkt er und Fatma drückt ihre Wange an seinen Arm. Sie denkt genau dasselbe. Irgendwann...
Ein kleiner koreanischer Wagen schneidet ihnen den Weg ab, als sie die Strasse überqueren wollen. „Hier sind sie genauso rücksichtslos, wie bei uns,“ schüttelt Jerome den Kopf.

An einem anderen Ort der Welt krachen zwei Autos zusammen. Little Kev verschwindet beinahe hinter seinem Berg Geschenke. Das Batmobil und der Kenferrari krachen laut und wiederholt zusammen. Das erinnert seine Mutter daran, dass Kevin noch wach ist. Eigentlich sollte er schon längst hinter seinem Berg Spielzeuge eingeschlafen sein. „Kev, schlaf endlich. Es ist schon spät. Morgen ist auch noch ein Tag!“ ruft sie durch den Flur. Champagnernachschub ist verlangt. Jetzt hat sie keine Zeit ins Zimmer zu gehen und den Kleinen ins Bett zu stecken. Erst die Gästen, dann halt in Gottes Namen der Kleine. „Ich liebe mein Spielzeuge, meine, meine...“ ruft er zurück und lässt johlend Ken in seinem Ferrari durchs Zimmer fliegen. Mit einem lauten Knall schlägt dieser an der Wand auf und die Plastikmotorhaube splittert auseinander. Aber das bemerkt er gar nicht, denn schon hat er die Fernbedienung des ferngesteuerten Trucks in der Hand. Zum Glück noch nicht ausgeschaltet, sonst wäre wahrscheinlich noch etwas in der Gegend rumgeflogen. Der Truck schiebt brummend und mühelos drei Teddies aus dem Weg. Im Wohnzimmer sagt Little Kevs Vater leicht beschwitzt zu seinen Gästen: „Schön, d - dass es W – Weihnachten gibt für die Kinder. D - das i - ist mein Sohn.“ Betonung auf mein, natürlich.

„Irgendwann,“ sinnt Andy nach. Er und seine Studienfreunde stehen im Stadtzentrum von Nazareth. Ihr und andere Touristenbusse wurden durch Militärs vom See ins Ortszentrum eskortiert. „Irgendwann muss das einfach ein geeintes freies Land werden, oder?“ Sharona, Ibrahim und Anita nicken ihm zu. Sie bewundern zusammen mit der grossen Masse die weihnachtlich geschmückte Innenstadt. Schade, dass es notwendig ist, die christusgläubigen Touristen mit einem so grossen Sicherheitsapparat an die Stätten Jesu zu führen. Klar, ohne diese Sicherheitsvorkehrungen wären sie überhaupt nicht angereist. Wie viele Hundert andere auch nicht. Plötzlich zerreisst ein lauter Knall die sinnliche Atmosphäre des Wohnorts von Josef, dem Schreiner und seiner Maria. In einer Ecke des Ortszentrums steigt eine Stichflamme in die Höhe. Scherben und Fahrzeugteile fliegen durch die Gegend. Blutüberströmte Menschen und alle auf dem Platz befindlichen Menschen rennen instinktiv von dem detonierten Kleinwagen in die selbe Richtung davon. Andy, Sharona, Anita und Ibrahim waren zum Glück weit genug weg von der Explosionsstelle und rennen mit schreckverzehrten Gesichtern mit der Masse mit. Die, auf den Dächern platzierten Scharfschützen schauen machtlos der Szenerie zu. Jedem Soldat blieb nichts anderes übrig, als sich vor den herumfliegenden Trümmerteilen zu schützen. Jetzt, wieder in Position liegend, sehen sie machtlos zu, wie ein Mann schreiend gegen den Strom der Menschenmassen rennt. Keine Chance ihn ins Visier zu nehmen.
Hassan rennt gegen den Strom der Menschenmassen. Die ganzen Sicherheitsvorkehrungen der Israeli haben nichts genützt. Er hat’s tatsächlich geschafft. Schreiend stürmt er an den Studenten vorbei und Ibrahim schnappt die arabischen Worte auf: „...Krankheit, Schmerzen, Trauer oder Tod; Gott wird zufrieden mit mir sein und ich werde für immer leben.“
Dann löst dich Hassan in eine rote Masse auf. Die Menschen in unmittelbarer Nähe hören nicht einmal mehr den Knall der Explosion. Trommelfelle platzen und Stahlsplitter durchbohren duzende Menschen. „Das heisst: Gott wird zufrieden mit dir sein und du wirst für immer leben. Nicht „Ichform“, du Depp,“ denkt Ibrahim bevor er blutüberströmt in sich zusammenbricht.
Da sitz ich nun am Schreibtisch und frage mich: „Muss das sein?“

Happy New Year

„Im Koran steht auch:“ schluchzt Fatma Jerome an seine wollene Brust. „Diejenigen aber, die glauben und gute Werke tun, wollen Wir in Gärten eingehen lassen, durch die Bäche fließen, darin werden sie ewig weilen...“(Quran, 4:57) Sie sitzen im Spital, wo ihre Freunde eingeliefert wurden und warten auf weitere Nachrichten der Ärzte. „Wie schafft man es, Menschen in ihrem Glauben so zu manipulieren?“ fragt sich Jerome. Die Frage bleibt unbeantwortet im Raum stehen. Er wischt sich eine weitere Träne vom Gesicht und drückt seine weinende Fatma an sich. Sein Pullover ist bereits von ihren Tränen durchtränkt.

Die Ängste, die wir hierzulande haben, sind leider andernorts Realität. Das Wort Terror erschreckt heutzutage die Menschen auf der ganzen Welt. Von der globalen Wirtschaftsflaute ganz zu schweigen. Aber eben: Glück und Leid sind oft nah beieinander. Deshalb liess ich meine Sekretärin folgenden Text tippen:

Liebe Mitarbeiterin, lieber Mitarbeiter
Freud und Leid liegen nahe beieinander. Von einem Augenblick auf den andern kann sich unser Leben grundlegend verändern. Kinder verlieren ihre Mutter durch eine schwere Krankheit, Eltern ihr Kind durch einen Unfall. Das sind Schicksale, die uns betroffen machen.
Kumuliert mit den Berichten aus aller Welt über Kriege, Hunger, Flüchtlinge, Terror, Betriebschliessungen, steigende Arbeitslosenzahlen, Missmanagement usw. könnten wir leicht vergessen, dass es auch Positives und Schönes gibt.
Zum Beispiel in unserem Betrieb. Weder Arbeitsplatzabbau noch LohnkĂĽrzungen waren je ein Thema. Sicher, die Wirtschaftslage findet ihren Niederschlag auch in unserem Betrieb. Wir sind alle aufgerufen zu sparen und die vorhandenen Mittel noch gezielter einzusetzen. Wir sind bereit, uns den neuen Herausforderungen zu stellen, im Wissen, dass Sie uns dabei unterstĂĽtzen. DafĂĽr und fĂĽr die im zu Ende gehenden Jahr geleistete Mitarbeit danken wir Ihnen herzlich.
Wir wünschen Ihnen und Ihren Angehörigen ein gutes neues Jahr, Gesundheit, Wohlergehen und viel Lebensfreude.

Der Vater und seine drei Kinder werden dieser Tage auch eine schwere Zeit durchmachen. Die erste Weihnachtszeit ohne die geliebte Mutter. Wie man das nur schafft? Aber für so schwere, scheinbar unlösbare Probleme hat man ja Freunde. Wie wichtig einem Freunde sind, musste ich dieses Jahr auch erfahren.
Ich habe einen Freund im Spital besucht, es ging ihm sehr schlecht, es war schlimm für mich – jetzt geht es ihm besser, mir auch. „Mein Freund“, ein eigenartiges Wort, viel zu gross für unsere kleinen Feste, die wir feiern, wenn wir uns treffen. Nein, ich glaube, wir nennen uns gegenseitig nicht so. Das Wort taugt nichts in der Einzahl. In der Mehrzahl geht es: „Meine Freunde“ ist viel unverbindlicher als „mein Freund“, und „befreundet sein“ heisst bereits nicht viel mehr, als sich einigermassen zu kennen und ab und zu, eher selten, zu sehen.
Ich habe meinen Freund im Spital besucht, ich habe um ihn gezittert. Er ist wieder gesund – erst jetzt weiss ich, was ich verloren hätte, ich wische eine Träne vom Auge. Wie lange kennen wir uns schon? 30 Jahre! Aber seit wann eigentlich sind wir Freunde? Sind wir es noch?

„Sind wir es noch?“ denkt Hampi in der kleinen Bar im Ortszentrum des WeltEventOrts, wo er lebt, schon immer gelebt hat. Er sitzt neben Lili. Lili, das Mädchen aus der Primarklasse, das ihn schon als zehnjähriger das Herz schneller schlagen liess. Damals, als kleiner Schüler, war die Freundschaft zu einem Mädchen gar nichts anderes als eine Behauptung. Lili, das war eine tiefernste Liebe. Und sie beschränkte sich darauf, dass Hampi ihr ein kleines Zettelchen nicht etwa selbst überreichte, sondern auf komplizierten Wegen zuspielen liess. Auf dem Zettelchen standen die Worte: „Willst du mich für den Schatz haben?“ Auch das eine Floskel, die nur so und nicht anders heissen konnte, und vielleicht nicht einmal unterschrieben war, vielleicht nicht einmal beantwortet. Aber ab dann war Lili die Liebe. Die Behauptung hatte stattgefunden. Gesprochen hatte er mit ihr wohl nie. Höchstens rote Ohren bekommen, wenn er sie sah und unter einem Vorwand wegrannte. Aber die reine und vorpubertäre Behauptung hat sich in seine Seele eingebrannt. Sie ist noch da. Er hat Lili nach deren Schulzeit nie mehr gesehen. Aber sie ist noch da – nicht Lili, aber die Behauptung Lili, der Beschluss Lili. So ernsthaft können wohl nur Kinder sein. Und Hampi.
Und die Behauptung Lili wird jetzt plötzlich wieder Lili. Sie erzählt von ihrem Studium und dass ihre Eltern vor einigen Jahren auch von hier weggezogen seien. Aber sie käme immer wieder gerne in die alte Heimat zurück, erzählt sie. Zum Snowboarden natürlich. Ob er denn auch snowboarde, fragt sie ihn. „Oh, äh, ja, früher,“ stottert er. Er ist ganz hin und weg von dieser überraschenden Begegnung. Er könnte seine Gefühle gar nicht in Worte fassen, müsste er. „Heute geht das nicht mehr.“ Er schaut beinah beschämend an sich runter. „Ja, stimmt. Ich habe dich eigentlich auch als grosser Spargel in Erinnerung,“ erwidert sie spontan und hebt im selben Moment prophylaktisch entschuldigend die Hand und lacht dabei entwaffnend. „Nein, nein. Ist schon so,“ entgegnet er ihr und ärgert sich innerlich, dass er ihr die Wahrheit nicht sagen kann. „Jetzt ist es halt anders.“ Sie schaut ihn nun etwas bedrückt an. Nett, alte Bekannte zu treffen und sogar einen aus der Kindheit. Irgendwie passt es zu ihrer momentanen Situation. Vor kurzem hat ihr Freund mit ihr Schluss gemacht. Schon komisch, das Leben. Hat sie ihn dazu getrieben? Irgendwie schon. Man hat sich auseinandergelebt, wie man so schön sagt.
„ Die Drüsen, oder?“ fragt sie ihn. Ja genau, das ist es, denkt Hampi. „ Ja, die Drüsen. Aber ich arbeite daran.“ „Ja, mit den Ärzten,“ lacht sie und legt ihm spontan die Hand auf die Achsel. Sie kenne das. Eine Bekannte hätte auch plötzlich Gewichtsprobleme bekommen. Sei schon eine erschreckende Sache. Aber heutzutage gäbe es ja zum Glück Mittel und Wege das Problem wieder zu beseitigen auch wenn es eine langwierige Sache sei. Hampi wird beinahe schwindelig. Dass er dieses Gefühl nochmals erleben darf. Zum Glück ist heute Sylvester und sie wird nicht auf die Idee kommen zu ihm nach Hause zu wollen. Wenigstens nicht vor dem Morgengrauen. Dass er nur eine Attrappe unter sich trägt, darf natürlich auch das Lili nicht erfahren. Zum Glück öffnet um 22 Uhr die Disco. Dann werden sie bis in das Morgengrauen zusammen tanzen und ins neue Jahr anstossen. Kondition hat Hampi ja genug zum rumhopsen mit seiner stählernen mit Hartgummi überzogenen dicken, schweren Weste. Dass er noch einen so schönen und unterhaltsamen Jahreswechsel haben wird, hätte er sich ja nie erträumen lassen.
Na dann, ein schönes Fest und einen lustigen Rutsch ins neue Jahr, meine treuen Leser. Es geht weiter.

Ă–lpest...

Der Regen plätschert ans Fenster von Joses Schlafzimmer. Erbärmliches Wetter für diese Jahreszeit. Eigentlich sollte man, wenn man aus seinem Fenster herausschauen würden, in der Ferne die verschneiten Bergspitzen der Pyrenäen sehen. Aber die Temperaturen sind eindeutig noch zu hoch. Auch mit dem Andorraurlaub wird wohl nichts, wenn die Temperaturen nicht bald drastisch fallen. Vielleicht gibt es in den Skiregionen im Süden des Landes bald mehr Schnee als hier. In dieser verrückten Welt ist ja bald alles möglich. Solche Dinge gehen Jose durch den Kopf und hustet dabei wieder erbärmlich, so dass es wieder schrecklich schmerzt in seiner Lunge. Und immer dieses viele Blut, das er dabei spuckt. Da geht man voller Tatendrang los, um Gutes zu tun und danach kommt man todkrank nach Hause. Die Türe zum Zimmer öffnet sich und eine wunderschöne junge Frau tritt an sein Bett. „Kann es denn sein, dass ich nicht träume, mia Bella?“ flüstert er ganz vorsichtig, um die Atemwege nicht noch mehr zu belasten. Juanita küsst ihn zärtlich auf die Stirn. Im Stillen hat sie angst sich anzustecken. Dieses Scheissgift, das seinen ganzen Körper verseucht hat, könnte durchaus über Bazillen weiterverbreitet werden. Aber sie würde es nie wagen, ihrem Geliebten mit einer Maske gegenüberzutreten. Ihr ist sowieso schon die ganze Zeit so mies zumute. Beinahe hätte sie ihn betrogen und wegen so einem Möchtegernmacho fast vergessen. Ob die Medikamente wohl helfen? Der Arzt sagte, dass damit das Gift im Körper über die natürlichen körperlichen Ausscheidungen ausgeschieden werden sollte und dann der Körper sich selber wieder regenerieren würde. Das Gift im Körper ist das eine, aber das Gift, das seine Haut zersetzt hat, oder viel mehr in einem langsamen Prozess zersetzt, ist das andere Problem, das es zu bewältigen gilt. Juanita und Joses Mutter pflegen ihn abwechselnd und wenn’s ums Waschen und neu einsalben geht, dann machen sie es gemeinsam. Der Geliebte und Sohn soll auch ganz schnell wieder gesund werden. „Kann ja nicht angehen, dass einer, der den Schlammassel gewissenloser Menschen ausbügeln will, mit dem Leben bezahlen muss!“ hat die Mutter eindrücklich gesagt, als sie erfahren hat, dass das Schweröl nun auch ihren Sohn geschafft hat.

...und Kriegswahn

Auch andernorts schaffen gewissenlose Menschen einiges...
In der saudischen Wüste schmoren Hunderte von US – Soldaten in der Sonne und wundern sich über den Santa Claus, der sich elegant aus dem grossen Geländewagen der US – Army schwingt. Eigentlich wären die meisten von ihnen jetzt doch lieber zu Hause, obwohl sie im Grunde stolz darauf sind, dem Vaterland zu dienen. Aber erstens kommt irgendwie in dieser kargen Wüste keine Weihnachtsstimmung auf und zweitens weiss keiner wann der Krieg denn nun endlich losgehen sollte, denn dafür sind sie ja schliesslich da. Auch Flyer, einer der grandiosen Kampfjetpiloten, verspürt in diesem weihnächtlichen Moment ein bisschen Heimweh. Er denkt an die Zeit zurück, wo er sich für diesen Einsatz qualifizieren musste.
Jon kreiste langsam über den fernen Klippen und sah aufmerksam in die Höhe. Dieser widerborstige junger Flugschüler war, wie man ihn sich besser nicht wünschen konnte. Er bewegte sich leicht und kräftig und flink in der Luft, aber weit wichtiger war, dass er nichts sehnlicher wünschte, als richtig fliegen zu lernen.
Da tauchte er auf, ein verwischter grauer Fleck im sausenden Sturzflug. Er schoss an seinem Lehrer vorbei, zog sich dann unvermittelt wieder hoch zu einem neuen Versuch mit einer vertikalen langsamen Rolle mit sechszehn Umdrehungen. Er zählte die Umdrehungen laut durch den Funk mit. „acht...neun...zehn...Jon, Jon, die Geschwindigkeit reicht nicht aus...elf...ich will kurze scharfe Stops wie du...zwölf...verdammt ich krieg’s nicht hin...dreizehn...noch...drei ohne...vierzehn...aaakk!“
Die letzte Drehung schlug durch seinen Ärger und seine Wut über sein Versagen völlig fehl. Flyer kippte nach hinten um, taumelte, trudelte, warf dich wutentbrannt in einen einwärtsdrehenden Kreiselflug und fing sich endlich krächzend einige hundert Meter unterhalb von seinem Lehrer ab.
„Du vergeudest deine Zeit mit mir, Jon! Ich bin zu dumm! Ich bin ein Idiot! So oft ich es auch probiere, ich kriege es nicht hin!“
Jon blickte zu ihm herab und nickte. „Du wirst es bestimmt nicht schaffen, so lange du so scharf hochziehst. Du verlierst zu viel Geschwindigkeit, bevor du die Rolle beginnst. Du musst weicher fliegen! Energisch aber nicht krampfhaft! Denk daran.“ Er senkte sich zu dem jungen, hoffnungsvollen Flugschüler hinab. „Versuchen wir es gemeinsam in Formation. Achte genau auf das Hochziehen. Man muss weich und leicht hineingehen.“
Das war vor drei Monaten ĂĽber der amerikanischen PazifikkĂĽste. Und nun ist Flyer bereit fĂĽr den Ernstfall.

Die Könige

Elenore sitzt alleine im Wohnzimmer auf dem grossen, weichen Ecksofa und schaut die Hauptausgabe der Tagesschau am Fernsehen an. Die beiden Kinder sind schon im Bett. Ihre Schwiegereltern haben sich heute nach zwei Wochen auch wieder abgemeldet. Dieses Jahr war sie dankbar darüber, dass Jean-Jacques Eltern da waren. Sie bildeten eine traurige Symbiose besorgter Angehöriger eines UN – Mitglieds, das im fernen Morgenland einer zum scheitern verurteilten Mission nachgehen musste. Und weil diese Aufgabe scheinbar so wichtig ist, konnte Jean-Jacque über die Feiertage nicht nach Hause kommen. Eigentlich sind die Angehörigen, die Ehefrau, die Eltern, stolz auf ihren Allerliebsten, dass er in diese Mission reinbeordert wurde.
Elenore hatte, als sie mit den Kindern das Krippenspiel einübte, plötzlich einen komischen Gedanken. Ihr Mann war wie einer der drei Könige, die loszogen, einer Sternschnuppe folgend, um den friedenerhaltenden Messias zu finden und zu beschenken. Aber wenn man täglich die Meldungen aus den USA hörte, die Aussagen des US-Präsidenten mitverfolgte und nebenbei noch erfuhr, wie die Kriegsmaschinerie in der Region massiv aufgestockt wird, musste sie sich schon fragen, ob sich diese Trennung lohne und, was wirklich beunruhigte, dieser Job wirklich so gefahrlos ist, wie man ihnen damals versichert hatte. Seine Telefonate und E-Mails sind immer so enthusiastisch. Er ist selber positiv überrascht über die Kooperationsbereitschaft der inspizierten Behörden, so dass er immer noch daran glaubt, dass es eine friedliche Lösung des Konflikts geben wird. Natürlich erhalten er und seine Kollegen die Meldungen aus aller Welt auch und die Meldungen über Betrügereien der hiesigen Regierung können sie weder bestätigen noch dementieren. Sie können einfach feststellen, dass an den vermuteten Orten alles sauber ist und den Kopf schütteln, wenn gewisse Personen ziemlich haltlose Eventualitäten in die Welt hinaus posaunen.
„Hat man früher solche undifferenzierte Äusserungen nicht als Kriegstreiberei bezeichnet?“ sagte mal ein Kollege bei einem abendlichen Briefing hinter verschlossenen Türen, denn selbstverständlich dürfen solche Aussagen nie an die Öffentlichkeit kommen. Aber Intern diskutiert man natürlich schon immer die täglichen Berichte aus den westlichen Tageszeitungen und ist beunruhigt über die momentane Entwicklung. Gerade am heutigen Tag haben sie ein Communiqué an die UN-Führung in New York gesendet, in dem sie beteuern, nach wie vor sehr objektiv und gewissenhaft ihre Kontrollen weiterzuführen.
„Wir lassen euch hoffen“ ist ein berühmter Buchtitel, der so ziemlich die Situation der UN-Kommissare trifft.

Hampis Welt

Auch hier in einem WeltEventOrt wie diesem, wo Hampi wohnt und schon seit Menschengedenken lebt, machen sich die Menschen Gedanken darüber, was in der grossen weiten Welt wohl passiert. Eine militärische, blutige Intervention würde wahrscheinlich auch hier die Wirtschaftslage ins Wanken bringen. Das WeltWirtschaftForum (WWF) findet auf alle Fälle statt. Das wissen auch die Globalisierungsgegner und kämpfen fieberhaft gegen die Mühlen der regionalen und nationalen Behörden. Natürlich plant man eine friedliche Demonstration, einen Strassenumzug mit Parolen und Transparenten. Genau aus diesem Grund fordert die Spitze der Verbündeten eine freie und unkontrollierte Anreise seiner Mitglieder. Es soll eine vollumfängliche Kundgebung mit Antiglobalisierungsgegnern aus aller Welt geben. Da kann es nicht angehen, dass die Behörden Personenkontrollen durchführen und Menschen mit einem nicht sehr bürgerlichen Lebenslauf gewaltsam vom Ort des Geschehens fernhalten.
Mit den Diskussionen zwischen den Behörden und den Verbündeten hat Hampi nichts zu tun. Er gehört dem sogenannten harten Kern an. Er hat als Chamäleon auf feindlichem Territorium das Maximum an Aufsehen zu erreichen. Das wird er auch schaffen. Davon ist er felsenfest überzeugt. Das erste Mal in seinem Leben wird er im Zentrum der Weltöffentlichkeit stehen. Damals, als er in die Armee eintrat, wusste er, dass das der Ort war, in dem er sich zu Hause fühlte. Dort ergab vieles einen Sinn. Der Kampf gegen das Böse, der absolute Gehorsam gegenüber Vorgesetzten und die eiserne Disziplin jeden einzelnen prägten sein weiteres Leben und machten ihn selbstsicher und erfolgreich im Erreichen seiner Ziele. Er hat sich hochgearbeitet, wurde Gruppenführer und Leiter des Munitionsmagazins. Sein Gehorsam und seine Disziplin verlangten absolute Loyalität. Und das war auch richtig so, denn selbstverständlich wurde er von Spitzeln kontrolliert. Aber es gab nie etwas zu bemängeln in seinem Tun. Die Buchhaltung stimmte immer und zu jederzeit mit den tatsächlichen Beständen überein. Seine Gewissenhaftigkeit fielen auch anderen Leuten auf.
Hampi verfolgt täglich interessiert das Weltgeschehen. Er ist davon überzeugt, dass die Landesregierungen mehr soziale Verantwortung gegenüber dem Volk tragen müssten und auch davon, dass die Mächtigen dieser Welt dafür sorgen sollten, dass die Umweltverschmutzung drastisch reduziert wird. Er glaubt auch fest daran, dass es irgendwann einmal einen weltweiten Frieden geben wird. Dass der Weg dahin noch weit ist, weiss er mittlerweile auch. Und auch, dass man auf Eingeständnisse der Regierungen vergebens hofft. Deswegen müssen die Kleinen zusammenhalten. Nur so kann alles gut werden. Damals in der Armee hatte er Gleichgesinnte gefunden. Eigentlich haben die Leute der Verbündeten ihn gefunden. Aber das war auch nicht allzu schwer, denn mit seinem Rang und Namen stand er bald selbstbewusst für seine Meinungen ein. Das gefiel auch seinen militärischen Vorgesetzten, denn schliesslich wollen ja alle Gerechtigkeit. Und Hampi hatte die Fähigkeit entwickelt, sich so zu formulieren, dass jedermann ihn verstand und jeder seine eigene Interpretation aus Hampis Worten nehmen konnte, ohne seine Meinung zu hinterfragen. So spielte er bald auf verschiedenen Schienen seine Rollen.
Das Vertrauen der militärischen Vorgesetzten nutzt er mittlerweile für sein Engagement für eine gerechte, gewaltfreie und umweltfreundliche Welt schamlos aus. Um diese Ziele zu erreichen, ist es leider unumgänglich Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen. Und genau das ist Hampis Hauptaufgabe. Militärische Ressourcen für den Kampf gegen die Weltmächte abzuzügeln.

Jetzt, nach seinem Feierabend, steht Hampi wieder vor dem McDonalds und beisst heisshungrig in den BigMac. Er beobachtet die unaufhörliche Autoschlange, die an ihm vorbeizieht. Auch die tausend Wintersportler, die aus der Talstation des neuen Hochalpinexpress stürmen, um noch den nächsten Ortsbus ins Zentrum zu erwischen. So ist das in einem weltberühmten Sport- Event- Konferenz Ort. Nach dem internationalen Eishockeyturnier, dem pompösen Eiskunstlaufwettbewerb, des Nordic Weltcups folgen nun Kongresse für Ärzte und Apotheker gefolgt vom WeltWirtschaftForum. Als ob das noch nicht genug wäre, findet hier anschliessend auch noch die diesjährige alpine Skiweltmeisterschaft statt. Ja, man muss einiges für den Ruf bieten, den man hat.

Ich steh unter dem Torbogen des Hotels und schaue durch den vor mir stehenden Eisenzaun über die Menschenmassen und Autoschlange hinweg zur Imbissbude. Der Sohn meines alten Bekannten, der diesen Winter den Hochalpinexpress „pilotiert“, beisst genüsslich in seinen grossen Hamburger. Ob der Junge, wie hiess er noch, sich wohl entsetzt über dieses Verkehrschaos? Er setze sich ja rigoros für den Umweltschutz ein, hat sein Vater mir bei einem Bier erzählt. Es ist auch auf den ersten Blick erschreckend. Aber übers Ganze gesehen ist das Verkehrsvorkommen für eine Metropole wie diese gar nicht so hoch. Wenn man bedenkt, dass es kaum einen anderen Ort gibt mit einem so massiv ausgebauten öffentlichen Verkehrnetz, dann kann man sich einfach ausmalen, wie es hier aussehen würde ohne diesen. Und an solchen Spitzentagen ist Stau nicht zu verhindern. Es gibt halt immer noch zu viele Leute, die stur auf ihr Auto beharren. Ich denke, da bin mit... ach ja... Hampi einig.
Und jetzt, wo die Sicherheitsvorkehrungen auf ein Maximum hochgeschraubt wurden, ist es für Einheimische und Gäste sowieso kein Vergnügen mehr, sich im Ort zu bewegen. Aber seit das WWF an Bedeutung gewonnen hat und die linken Kräfte sich zum Teil gewaltsam Gehör verschaffen, sind die ganzen Sicherheitsmassnahmen zum Schutze von Bevölkerung und Kongressteilnehmer nötig geworden. Vom Schutz gegen mögliche Terrorattacken ganz zu schweigen. Diese Tatsache macht natürlich den Spagat der Behörden zwischen der Bewilligung einer Antiglobalisierungsdemonstration und dem Schutz für Volk und Teilnehmer ungemein schwierig.
Auf welcher Seite dieser Hampi wohl steht, frag ich mich. Als Grüner ist er wohl eher ein Linker aber andererseits sind die FiGs ja am WWF auch integriert. Für mich und meine Hotels ist ein Kongress in dieser Grössenordnung natürlich ein Glücksfall. Vollbesetzte Häuser und gratis weltweite Werbung, was will man mehr. Und bei den anderen bedeutungsvollen Events in diesem Ort kann ich mich natürlich auch nicht beklagen. Glücklich schätzen kann ich mich auch noch, dass ich nicht nur Erbe von zwei Hotelketten bin, sondern auch noch eine weltweit bedeutungsvolle Luftfahrt- und Raumfahrttechnologiefirma mein eigen nennen kann. Da die Firma „Starscience“ den Rumpf der Segelyacht des schweizerischen Teams des America´s Cups konstruiert hat und im selben Zeitraum dieses Finales die von der gleichen Firma konstruierte Sonde für Kometenforschung von der Ariane Rakete der ESA aus der Südsee ins All geschossen wird, bin ich in den nächsten Tagen ein geladener Gast in Auckland und der ESA- Weltraumbasis auf Kourou. Irgendwie bin ich beinah froh, dass ich jetzt weg kann. Ich weiss auch nicht, woher mein ungutes Gefühl über das diesjährige WWF kommt. Schliesslich stehen dem Ort ja Tausende von Soldaten und Sicherheitskräfte zur Verfügung. Vielleicht ist es deshalb, weil dieses Jahr eine für diesen Ort ungewöhnlich grosse Demo bevorsteht. Und woher meine Gedanken über irgendwelche Minenwerfer kommt, kann ich mir auch nicht erklären. Na ja, vielleicht bin ich einfach ein bisschen überarbeiten. Tropisches Klima tut mir da vielleicht ganz gut.

„Dann geh doch, du reicher Sack, du,“ denkt Hampi und schaut zum Haupteingang des gegenüberliegenden Hotels. Er kann sich diesen Blitzgedanken eigentlich gar nicht erklären, aber das stört ihn im Moment gar nicht. Er denkt an Lili. Lili, wie nett sie doch in der Silvesternacht zu ihm war. Nur schade, dass sich die Zeiten geändert haben und nun alles beschlossene Sache war. Wie gerne hätte er doch seine Erfolge mit ihr geteilt. Aber seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, wäre jetzt völlig fehl am Platz gewesen und hätte das ganze Unternehmen gefährdet.
Im letzten November hat er es mit Freunden geschafft, drei Minenwerfer aus dem Zeughaus zu schmuggeln und sie auf einer 300 Höhenmeter höher gelegenen Alp zu deponierten. Und mittlerweile waren auch die dazugehörigen Geschosse an Ort und Stelle gebracht worden und die Schützen waren auch schon unerkannt an den Sicherheitskräften vorbeigeschleust worden. Ja, und die Dynamitpäckchen hat Hampi auch schon eigenhändig während seiner Hilfe bei Bauten am Konferenzcenter verstaut.
Er geht an den Gittern vor dem Hotel vorbei. Die Scharfschützen dahinter beachtet er schon gar nicht mehr. „Ihr werdet bluten,“ denkt er mit einem hämischen Grinsen. „Und jetzt auf zum Airport.“ Bei diesem Gedanken vergeht ihm das Grinsen wieder. „Langsam werde ich, glaube ich, verrückt. Woher kommen denn diese seltsamen Gedanken?“

Die Reise

Am Fusse des Westhanges der Pyrenäen ist Jose wieder soweit auf den Beinen, dass er sich seinen Reiserucksack selber packen kann. An der Reise der Organisation „Frieden in Grün“ in die Schweizer Alpen will er auf alle Fälle teilnehmen. Seine Familie hat zwar alles probiert, ihm das auszureden, aber ohne Erfolg. Nach allem, was geschehen war, ist er mehr denn je davon besessen, sich lauthals gegen die hemmungslose Piraterie der grossen Reedereien in vorderster Front aktiv zu beteiligen.
Das diesjährige WWF ist die einzige und nächste Gelegenheit, um dieses noch aktuelle Thema auffällig und nachhaltig in die Welt hinauszutragen. Die FiG Spanien hat sich entschlossen mit drei Bussen und fast 200 Mitgliedern nicht nur gegen die Raubritterei auf den Weltmeeren zu demonstrieren, sondern auch gegen die Teilnahme der FiG International am WWF. Und genau in diesem Punkt sind sie sich mit den anderen Nichtregierungsorganisationen einig. Es warf nicht sein, dass die international bedeutendste Nichtregierungsorganisation als offizieller Teilnehmer am WeltWirtschaftForum teil nimmt.
Joses Haut hat sich zum Glück schon ein bisschen gebessert. Auch seine Lunge hat sich ein bisschen beruhigt. Das Atmen fällt ihm noch ziemlich schwer, aber die Blutungen aus der Lunge haben aufgehört. Wahrscheinlich ist er noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Er fühlt sich schon wieder so fit, dass er auf eigene Faust einiges in die Wege geleitet hat, um dann am Tag X an der bewilligten Demo teilnehmen zu können. Denn schliesslich weiss man ja nie, was den Behörden einfallen könnte, wenn plötzlich ein 200 Menschen Konvoi am Taleingang zum WeltEventOrt steht, trotz offizieller Demobewilligung.
Der WeltEventOrt ist nicht nur ein bekanntes Wintersportgebiet und Beherberger wichtiger Kongresse, sondern auch Standort grosser Kliniken. Die Reihenfolge des letzten Satzes entspricht der heutigen Situation. Aber historisch gesehen hat der WeltEventOrt seinen Ursprung als weltbekannter Kurort und erst daraus sind dann weitere Aspekte gewachsen, die mit den Jahren dann bedeutungsvoller wurden als der Kur- und Heilbereich. Aber auch heute noch ist dieser Ort eine bekannte und wichtige Kur- und Heilstätte.
Jose konnte sein Glück kaum fassen, als er sich über den Austragungsort des heurigen Weltwirtschaftforums erkundigte. Wer könnte einen Menschen mit einem so geschundenen Körper, wie der seinige, daran hindern, an einem Ort zu kuren, an dem Kliniken für Hautkrankheiten neben Kliniken für Asthmatiker stehen?
Zu Hause küsst er seine Mutter auf die Stirn mit den Worten: „Es wird alles gut, Mama.“
Er schultert den grossen Reiserucksack und stampft mit Juanita zum Busbahnhof. Dort umarmt er seine Geliebte innig. „Danke für alles, ma Bella,“ sagt er und sie schauen sich tief in die Augen. „Ich werde ganz gesund werden und wir werden die Welt aufrütteln. Bald müssen die Mächtigen dieser Welt einsehen, dass es nicht so weitergehen kann. Keine Kriege und keine Umweltverschmutzungen mehr!“ Nach diesen Worten steigt er in den Überlandbus ein, der ihn nach San Sebastian bringt. Juanita winkt und ruft ihm hinterher: „Alles wird gut!“
Glücklich und zugleich besorgt läuft sie nach Hause zurück. Weit oben über dem Dorf sind die Spitzen der Pyrenäen in weissen Schnee gehüllt. Jetzt könnten sie in Andorra beim Skifahren sein. Aber das Schicksal liess es nicht zu. Und Jose hat ihr erklärt, dass es vielleicht so sein musste. Wenn er nicht krank geworden wäre durch das Schweröl, wäre er wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, in die Alpen zu reisen. Denn da sie am Tage X wahrscheinlich sowieso von der Polizei vom WeltEventOrt ferngehalten würden, hätte er sich den Weg wahrscheinlich erspart. Aber jetzt, mit den Buchungsunterlagen des Sanatoriums in der Tasche, hatte er eine todsichere Fahrkarte ins Zentrum des Geschehen.
Und hoch über diesem Zentrum des Geschehens sind drei nette unauffällige Paare beim Skifahren.

Der Countdown

Also genauer gesehen sind sie bereits beim Apres Ski und schauen von der Schneebar hinunter ins Tal auf das WeltEventOrt.
Als gewöhnliche Wintergästen haben sie zwei Wochen vor dem Tag X drei Zimmer im Berghotel, das 300 Meter über dem Ort liegt, bezogen. In der Nacht ihres dritten Ferientages hatten die drei Männer nach dem ausgiebigen Barbesuch das Versteck in unmittelbarer Nähe des Berghotels inspiziert. Alles war komplett. Nun konnten sie entspannt die Ferien geniessen bis sie dann am Tag X die drei Einheiten zusammensetzen und aufmunitionieren würden.
„Super organisiert,“ meinte einer der Drei beim Rückweg zum Berghotel, „auf diesen Hampi scheint wirklich verlass zu sein.“
„Ja, echt geil,“ frohlockte der Zweite, „das wird eine echt geile Schau. Macht mich voll spitz. Werde gleich meine Tussi besteigen!“
Lachend gingen die Drei in die Hotelbar und bestellten nochmals drei Flaschen Bier.
Und nun sitzen sie mit ihren Freundinnen an der Schneebar und bewundern das Panorama unter dem beinahe kitschig blauen Himmel. Inspiriert von der überwältigenden Atmosphäre tippt die eine junge Dame ein SMS.
„Schau mal in den Himmel und versink in diesem unendlichen Blau. Lass deinen Gedanken freien Lauf und schwebe in dein Glück. Out of the dark, into the blue.”
Falco sei dank, denkt sie und schickt ihre Kreation an ihre Freunde und Bekannten weiter. Auch Hampis Handy piepst, aber das hört er gar nicht. Er ist noch damit beschäftigt, ein paar Latten zusammen zu schrauben. Bald sind die handwerklichen Arbeiten am Kongresshaus beendet. Mittlerweile beobachten rund um die Uhr einige Scharfschützen mit Sperberaugen die Arbeiten und selbstverständlich die Arbeiter. Richtig provozierend, denkt Hampi, wie diese bewaffneten faulen Säcke da blöd rumstehen. Er hatte sich schon überlebt, wie er es anstellen könnte, einen Hammer auf dem Schädel eines dieser Soldaten einzuschlagen. Aber es war klar, dass es eine aufreizende Idee bleiben musste denn schliesslich wollte er nicht unnötig auffallen. Seine grösste Sorge ist sowieso die, dass niemand seine Dynamitpäckchen entdecken würde. Aber zum Glück hatte er die Dinger frühzeitig in den Hohlräumen verstaut. Seine andere Sorge gilt den ferngesteuerten Zündmechanismen. Ob die Batterien noch genug Saft hätten, wenn dannzumal das Signal ausgesendet wird?
Und endlich geschafft. Hampi legt die Bohrmaschine zu den anderen Zimmereigeräten und macht sich auf, an den Sicherheitskräften vorbei, zur Bushaltestelle. Er verspĂĽrt ein HungergefĂĽhl und freut sich auf seinen Hamburger. Heute wieder mal ein Cheese, denkt er und schaut auf sein Handy. „Mitteilung erhalten“. Schön, er lächelt. Eins ist von Lili. Dass sie immer noch an ihn denkt? Das andere ist von einer Bekannten von den VerbĂĽndeten. „Du sitzt wohl in der Sonne. Ich beneide dich, denn hier scheint die Suppe kein Ende zu nehmen“, schreibt Lili.
Die andere Mitteilung ist auch ganz nett. Muss direkt an Lili weiterschicken, denkt er. Die wird sich freuen. Und grinst dabei.
„Schau mal in den Himmel und versink in diesem unendlichen Blau. Lass deinen Gedanken freien Lauf und schwebe in dein Glück. Out of the dark, into the blue.”
Das grinsen vergeht Hampi gleich wieder. Warum denkt er jetzt plötzlich wieder ans Segeln. Eigentlich interessiert er sich überhaupt nicht fürs Segeln und trotzdem ist er total fasziniert von den Siegen der Schweizer Segelyacht bei Auckland. Er träumt nachts sogar davon!

Am andern Ende der Welt sitze ich bei einem echt guten neuseeländischen Frühstück im Lager der Schweizer Segelcrew. Es ist schon erstaunlich, was dieses Team zustandegebracht hat. Fünf Siege in Serie gegen die scheinbar unschlagbare Superyacht des Teams aus den vereinigten Staaten. Ein riesiger Erfolg dieses unbekannten aber sehr motivierten Teams aus einem Binnenland. Ich bin wirklich glücklich, dass ich bei diesem Erfolg live dabei sein durfte. Glücklich und stolz auf meine Forschungsabteilung, die den Schiffsrumpf konstruiert hatte. Der Schiffsrumpf: Zugegeben nur ein kleiner Teil dieser Segelyacht, aber schliesslich kommt es auf jedes einzelne Teil eines Puzzles an. Und dank diesem erfolgreichen Gesamtwerk segelt nun am kommenden 15. Februar ein Binnenland gegen das seit langem unschlagbare Neuseeland.
In Gedanken versunken nehme ich den letzten Bissen Rühreier mit Speck zu mir und denke an Lili. Lili?! Wieso Lili? Ich kenne doch keine Lili. Na ja, die Liliana in der Wäscherei im heimischen Hotel. Aber dieses Gefühl...der Klos im Hals...wie wenn ich...aber das ist ja quatsch. Ohne mir dieses Gefühl erklären zu können und mit einem mulmigen Gefühl im Magen (vielleicht doch das nahrhafte Frühstück) bedanke ich mich für die Gastfreundschaft, wünsche der Crew noch viel Erfolg und mache mich auf zum Flughafen. Ich muss wieder zurück in meine turbulente Heimat, wo das WeltWirtschaftForum bei meinem Eintreffen in vollem Gange sein wird.

Die spanischen Umweltaktivisten hofften eigentlich, dass sie problemlos wenigstens bis 50 Kilometer vor das WeltEventOrt hinkommen würden. Nun sassen die drei spanischen Reisebusse schon an der französisch- schweizerischen Grenze fest. Dies mit der Begründung, dass die FiG International schliesslich am WWF teilnehmen würden und deswegen Mitglieder dieser Organisation überhaupt keinen Grund hätten, an einer Gegendemo teilzunehmen. Die Beteuerungen, dass sie nur in den Berner Alpen Winterurlaub machen wollten fruchteten natürlich nichts. Die Grenzbeamten lächelten nur vielsagend und meinten, dass es ihnen in diesem Falle wohl nichts ausmachen würde, erst am Tag nach der Demonstration in die Schweiz einzureisen. So ein Witz! Nach dem vierten Versuch am vierten und kleinsten Grenzübergang gaben es die Aktivisten dann schliesslich ganz auf. Offensichtlich waren sie mittlerweile bei der gesamten Grenzpolizei registriert.
Also kam nun Plan B in Kraft. Das hiess, dass der Jose mit seinen Buchungspapieren nun alleine per Bahn die Schweizergrenze ĂĽbertreten musste, um als Kurgast termingerecht im WeltEventOrt einzutreffen.

Am vereinbarten Ort wartet nun Hampi auf einen spanischen Aktivisten, der es auf ziemlich abenteuerliche Weise geschafft hat, als normaler Tourist ans Ort des Geschehens zu gelangen. Hampi wird ihm ein Sturmgewehr mit drei geladenen Patronenmagazinen überreichen. Damit wird sich der spanische Aktivist unauffällig unter die Demonstranten mischen und zum vereinbarten Zeitpunkt das Hotel, in dem die Führung der FiG International wohnt, stürmen.
Hampi hat nun das ganze geschehen unter Kontrolle. Jetzt hängt alles von seinen Entscheidungen ab. Sein Handy wird sicherlich nicht abgehört, weil er als unbescholtener Bürger an seinem Heimatort wohnt und arbeitet.
Nach der erfolgreichen Waffenübergabe sprintet er nach Hause, wo er am Fernsehen den lokalen Sender der Liveschaltungen ins Konferencecenter einschaltet und daneben hört er noch das Lokalradio, das den Demonstrationszug direkt kommentiert. Er weiss nun genau, wann der Demonstrationszug am Kongresshaus ankommt und in welche Richtung die WWF- Teilnehmer rennen werden, nachdem Hampi die Sprengsätze an den Zusatzbauten des Zentrums zur Explosion gebracht hat. So kann er dann die metergenauen Koordinaten an seine Schützen weitergeben, so dass diese innert Minutenfrist ihre zielgenauen tödlichen Schüsse mit den Minenwerfern abgeben können.

The Final

Natürlich wurde die Stellung der drei Minenwerfer nach dem fünften Schuss durch die Kampfhubschrauber eliminiert. Aber durch die zielsicheren Treffer wurden die Sicherheitskräfte rund ums Konferencecenter so sehr abgelenkt, dass Jose es schaffte das Hotel der FiG International zu stürmen und ein Dutzend Personen der FiG - Geschäftsführung zu erschiessen, bevor er selbst durch Scharfschützen erschossen wurde. In dem ganzen Chaos schafften es die 6000 Demonstranten das Konferencegelände zu stürmen und den weltweit vertretenen Globalplayer mehr oder weniger persönliche physische Schäden zuzuführen.
Hampi in seiner Wohnung schaute dem Massaker auf verschiedenen Fernsehkanälen gelassen zu und explodierte beinahe vor stolz. Die Telefonate, SMS und E-Mails, die er nun laufend von bekannten Verbündeten erhielt schürten seinen Stolz noch mehr. Was er an diesen Abend noch zu erledigen hatte, wusste er ganz genau, um entgültig zum Märtyrer zu werden.
Er füllte seine stählerne mit Hartgummi überzogene dicke, schwere Weste mit den übriggebliebenen TNT- Päckchen und machte sich auf in die Bar, in der um Zehn die Disco öffnete. Nach ein paar Bieren mischte er sich gegen zwei Uhr morgens unter die tanzenden Massen auf der Tanzfläche (die Disco war an diesem Abend pumpenvoll, denn alle Einheimischen und Gäste waren froh, dass sie das Inferno dieses Tages überlebt hatten) und sprengte sich mit einem einzigen Riemenzug in die Luft...
Ich sass im selben Moment in der Boing 747 auf dem Landeanflug auf Zürich und dachte: “Lili ich liebe dich, aber es gibt keinen anderen Ausweg!“ Und ich wusste, dass es der letzte Gedanke meiner telepatischen Verbindung war.

Epilog

Nun sitz ich wieder an meinem Schreibtisch und habe eigentlich keine Idee, was ich schreiben könnte. Als eine Person, die gerne schreibt, macht man sich wahrscheinlich nie grosse Gedanken darüber, woher die komischen Fantasien kommen. Man hat sie und ist froh, dass man sie hat. Denn das ist es ja, was einem zum Schreiben animiert. Heute weiss ich natürlich, dass die zum Teil schrecklichen Fantasien keine Fantasien waren sondern eine telepatische Verbindung. Eine Verbindung, die seit Hampis Geburt bestanden haben musste. Ich war 13, als er zur Welt kam. Damals habe ich angefangen zu schreiben. Ich interessierte mich für Mitschüler aus ärmeren Verhältnissen und habe darüber geschrieben. Nichts ungewöhnliches, denn man träumt ja immer von dem, was man nicht hat. Dem Hampi erging es wahrscheinlich genauso. Er hat sich bestimmt auch nie gefragt, warum er von Luxus, Ruhm und Reisen um die halbe Welt träumte?
Ich denke, dass ich mitschuldig bin an seinem Tod. Die Gedanke, die ich in sein Hirn übermittelte, mussten ihn wohl zum Wahnsinn getrieben haben. Und weil er nicht im Stande war, diesen Lebensstandart zu erreichen, hat er gegen diesen gekämpft. Die Plattform dazu ist ja heutzutage gross genug. Sein militärischer Aufstieg und sein Erfolg in der linksradikalen Szene, geeint mit den Ereignissen des 11. Septembers und den tödlichen Ereignissen in Israel sind wahrscheinlich der Grund, dass sein Wunsch den Märtyrertod zu sterben, entstanden ist. Ich glaube, dass mit seiner steigenden Todessehnsucht die telepatischen Signale verstärkt wurden. Leider habe ich diese Gedanken nur als schizophrene Fantasien eines Möchtegern- Schriftstellers abgetan. Aber auch wenn ich diese Gedanken ernst genommen hätte, hätte ich die Ereignisse nicht verhindern können, denn auf den Sohn meines „Feierabendbierkumpels“ wäre ich wohl nie gekommen. Eher hätte ich den Psychiater aufgesucht und der hätte mir weiss- der- teufel- was eingeredet!
Ich wünschte mir natürlich, ich hätte dieses Blutbad verhindern können. Auf diese Weise möchte kein WeltEventOrt in die Weltpresse kommen. Aber The show must go on. Das nächste Topevent steht unmittelbar bevor und die Aufräumarbeiten sind im vollem Gange. Es wird ein friedlicher Event werden!
Alles wird gut!

__________________
kelly cloud

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Zarathustra
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Kelly Cloud

jetz bin ich mit deiner Geschichte fertig:

Also
... leider ein paar Schreibfehler...
Aber:
ich finde, es is eine "richtige" Erzälung.

Viele Schauplätze, und viele Menschen, ... man meint fast den Überblick zu verlieren,..
aber dann:
Die Gegensätze die Pole bilden
Westliche Lebens/-Wohlsdands und way-of-live Philosophie mit all ihrem Schnickschnack und "alles verstehen/interpretieren wollen Syndrom". Der Gipfel der Absurdität ist für mich der Öko - Freak...

Der Islam, der Terror (blutiger als der westliche Konsumterror... ) der 11.September... Ground Zero ist immer und ĂĽberall.

Und von diesem Absatz an, meine ich, habe ich deine Geschichte verstanden:
Die Ängste, die wir hierzulande haben, sind leider andernorts Realität. Das Wort Terror erschreckt heutzutage die Menschen auf der ganzen Welt. Von der globalen Wirtschaftsflaute ganz zu schweigen. Aber eben: Glück und Leid sind oft nah beieinander. Deshalb liess ich meine Sekretärin folgenden Text tippen...

Dass alles um Weihnachten herum handelt ist gut. Macht die Gefühle erklärbar, aber auch die Oberflächlichkeit der Menschen von denen du erzählst.

... so das wars fĂĽrs erste einmal

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Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

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