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Leselupe.de > Erzählungen
Alptraum
Eingestellt am 12. 03. 2001 00:45


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Frank Zimmermann
Junior Mitglied
Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 1999

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Alptraum

Ich sitze im Wartezimmer meines Lebens und friere. Auf dem Boden kauere ich, die Wand im R√ľcken. Unter mir ein alter Teppich. Das Radio l√§uft die ganze Zeit, obwohl ich die Musik nicht mag - aber die Stille ist mir unertr√§glich. Mir gegen√ľber h√§ngt das Naziplakat: der Bomber mit dem Totensch√§del statt Cockpit und der blauwei√üroten Trikolore aller Feinde des Reiches. "Verdunkle - der Feind sieht dein Licht!" Eigentlich will ich aufstehen und das Plakat abrei√üen, die Propaganda, alle Propaganda will ich aus meinem Leben tilgen, doch mir fehlt die Kraft...

W√§hrend ich still gegen das Nichts k√§mpfe, nicht gewinne und nicht verliere, heult die Sirene los und wie selbstverst√§ndlich wanke ich wie ein Zombie in den Luftschutzraum, von dem ich bis gerade nicht mal wu√üte, da√ü er existiert. Meine Nachbarn, allesamt Fremde, sind schon dort und der alte Mann, der den Luftschutzwart gibt, dr√§ngelt, ich m√∂ge mich beeilen. In dem feuchtkalten Kellerraum laufen nackte, tropfende Rohre an Wand und Decke entlang; auf dem Boden an den W√§nden liegen ein paar Sands√§cke. Ich lasse mich auf einen freien Platz sacken. Sofort kriecht mir die Feuchtigkeit aus dem Sackleinen in den Hosenboden und mir erw√§chst das Gef√ľhl, als h√§tte ich vor Stunden eingen√§√üt und w√ľrde jetzt in meinem eigenen, erkalteten Urin sitzen. Eine verlorene Gl√ľhbirne schwebt knapp unter der Decke und k√§mpft mit wenig Erfolg gegen die Dunkelheit an. Erst durch das Schnaufen neben mir registriere ich den Mann, der dort sitzt. Ich k√∂nnte nicht sagen, ob er sich gerade erst dort hingesetzt hat oder schon dort sa√ü, als ich noch in einem kalten Uterus schwamm. Aus den Augenwinkeln betrachte ich ihn: er ist knochig und fahl und in seinem Mundwinkel h√§ngen einige Tabakkr√ľmel. Seine Haare sehen aus wie ein Unfall: neben fast kahlen Stellen h√§ngen lange, fettige Str√§hnen. Jetzt sp√ľre ich seinen Blick auf meinem Kopf und als unsere Augen sich begegnen, liest er die Frage in meinen und sagt: "Ich war beim Friseur, als der Alarm losging." Mein Kopf nickt leicht, um Verst√§ndnis zu signalisieren. Nun ruht sein Blick auf meinen Haaren und seine Sprache ist ver√§ndert, klingt auf einmal nach Balkan, so da√ü ich nur noch Fragmente verstehe; "Faschista" f√§llt mehrfach. Ich m√ľhe mich ab ihm zu erkl√§ren, da√ü ich zwar ein Hautkopf bin, da√ü dies aber nicht Ausdruck meiner politischen Gesinnung ist, sondern genetisch bedingt ist. Ich erz√§hle von den Geheimratsecken v√§terlicherseits und der Tonsur m√ľtterlicherseits, die mir mein italienischer Opa vererbt hat. Besonders deutlich betone ich, da√ü mein Opa Italiener ist, doch mein Nachbar sagt nur: "Mussolini!" und verzweifelt breche ich meine Erkl√§rung ab und starre wieder vor mich hin und mir gegen√ľber h√§ngt wieder das Plakat mit dem englischen, amerikanischen, franz√∂sischen Totenkopfbomber.

Ich sitze alleine im kalten Wartezimmer meines Lebens und in der Ferne höre ich das Pfeifen der fallenden Bomben und die dumpfen Detonationen und ich frage mich, was ich morgen machen soll, falls ich nicht getroffen werde und kein Wecker befreit mich mit seinem Klingeln.

__________________
fz

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Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

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Du kämpfst still gegen das NICHTS?

- Ich glaube, du k√§mpfst hier gegen die Schuld bzw. die Schuldzuweisung - und das ist doch recht viel. Und zu gewinnen g√§be es vielleicht die Selbstachtung (zur√ľck), wer wei√ü, vielleicht. Hat mir jedenfalls gefallen.

Liebe Gr√ľ√üe

Birgit


(und jetzt wirklich "Gute Nacht"!; macht ja s√ľchtig, die Leselupe...!!!)

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beisswenger
???
Registriert: Jan 2001

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Respekt, Herr Poet: das ist wirklich gut und könnte in ein
tragisch-komisch-lustiges Anti-Kriegs-Filmchen, wie z.B.
"La vita e bella" eingebaut werden. Leider k√∂nnen die Deutschen mit ihrer zwischen Gro√ükotz und Minderwertigkeitskomplex k√§mpfenden "Rassenseele" (Psychologie der Massen/Gustave LeBon) so ein Filmchen nie produzieren. Das k√∂nnen die S√ľdl√§nder viel besser!

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Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

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Ja, der Film hat Klasse!

Birgit

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Sansibar
Guest
Registriert: Not Yet

Alptraum

Hallo Frank,
wenn du ein Zeuge jener Zeit warst, so bitte ich dich inst√§ndig alles aufzuschreiben. Mir ist das aus vielerlei Gr√ľnden wichtig. Die meisten haben derart verdr√§ngt das sie sich noch nicht einmal an Bombenangriffe erinnern wollen, geschweige denn dar√ľber reden. Ich werde mir alles ausdrucken f√ľr den Fall das es authentisch ist und du es erlaubst.
Gruß
Sansibar

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Frank Zimmermann
Junior Mitglied
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Kein Zeitzeuge

Hallo Sansibar,

es freut mich, da√ü meine Erz√§hlung bei Dir den Eindruck erweckt hat, ich h√§tte selbst etwas so schreckliches wie einen Bombenangriff erlebt, das spricht f√ľr mich daf√ľr, da√ü mir die Schilderung sehr authentisch geraten ist.

Tatsache ist aber, da√ü ich Jahrgang 1971 bin und deshalb nichts dergleichen erleben mu√üte. Mein Wissen √ľber diese Ereignisse habe ich aus den Medien, dem Geschichtsunterricht und von meinen Gro√üeltern, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben.

MfG
__________________
fz

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