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Leselupe.de > Erzählungen
Am Abgrund
Eingestellt am 11. 03. 2012 11:39


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ebbajones
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2012

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Am Abgrund

Der Blick auf das azurblaue Meer ist atemberaubend schön.
Die Linie, an der Himmel und Wasser sich treffen, ist fast nicht zu erkennen.
Nur das leuchtend weiße Segel eines Bootes unterbricht das ineinander fliesen der zwei Elemente. Heftiger Wind zerrt an meiner Kleidung, so als will er mich warnen, nicht zu nahe an den Abgrund zu geraten.
Tief unter meinen rot lackierten Zehnägeln schlagen die Wellen im Takt ihrer ganz eigenen Melodie gegen die schroffen Felsen.
Doch der Blick in diesen Schlund ängstigt mich nicht sonderlich, denn der Abgrund in meinen Inneren ist wesentlich bedrohlicher.
Das hässliche Klatschen mit dem meine nagelneue rote Reisetasche auf dem Asphalt gelandet ist, noch in den Ohren, drehe ich mich langsam zu ihr um.
Erst jetzt fällt mir auf, dass sie dieselbe Farbe wie meine Zehnägel hat.
Mit aufheulendem Motor ist der zitronengelbe Citroen auf der kurvenreichen Strasse verschwunden, w√§hrend ich das kurze St√ľck zu dem Steilhang gefl√ľchtet bin.
Langsam gehe ich wieder zur Strasse.
Zur√ľckgeblieben ist nur der penetrante √Ėlgeruch und ein h√§sslicher √Ėlfleck an der Stelle, an der er kurz angehalten hat. Lange noch stehe ich in der sengenden Sonne, auf diesen Fleck stierend, als k√∂nne ich ihn mit blo√üen Augen weg brennen und damit alles ungeschehen machen.
Der Schrei einer einzelnen Möwe reißt mich aus meiner Erstarrung.
Einen kurzen Moment schenke ich ihrem lautlosen Kampf gegen die heftigen Windb√∂en meine ganze Aufmerksamkeit. Fast neidisch folgen ihr meine Blicke, als sie sich todesmutig mit einem heiseren Schrei in den Abgrund st√ľrzt, um im n√§chsten Moment wie Ph√∂nix aus der Asche wieder emporzusteigen.
Entschlossen greife ich nach meiner Tasche.
Das billige Plastik ist so aufgeheizt, dass ich mir die Finger verbrenne.
Erst jetzt registriere ich auch das unangenehme Pochen in meinen Schläfen und meinen ausgetrockneten Mund. Suchend sehe ich mich um, doch Jacke, Sonnenhut und Wasserflasche liegen offensichtlich noch immer auf dem Beifahrersitz des Citroens und sind auf dem Weg nach - ja wohin eigentlich?
Zum eigentlichen Ziel, dass f√ľr mich als √úberraschung gedacht war.
Oder direkt zur√ľck in sein straff durchorganisiertes Leben, endlich befreit von der Unberechenbarkeit meiner Pers√∂nlichkeit?
Mit den ersten Anzeichen einer beginnenden Dehydratation halte ich Ausschau nach einem schattigen Pl√§tzchen. Die Sch√∂nheit der schroffen kargen Landschaft wird pl√∂tzlich zur Bedrohung. Die d√ľrren fast kahlen √Ąste eines entwurzelten Baumes ragen wie anklagend gen Himmel und scheinen mir in der flirrenden Hitze zu zuwinken. Mit raschen Schritten suche ich ihren d√ľrftigen Schatten auf und lehne mich Trost suchend, an die harte vertrocknete Rinde.
Ich versuche mich zu erinnern, wann wir dem letzten Auto begegnet sind, doch es fällt mir schwer, zu groß ist die Anspannung während der Fahrt gewesen.
Jedes Wort, jeden Blick und jede Geste abwägend habe ich verzweifelt versucht, eine Eskalation zu vermeiden. Schon bei der Erinnerung daran bricht mir der kalte Schweiß aus. Das bunte, enge, mädchenhafte Sommerkleid klebt an mir wie eine zweite Haut. Es ist eines seiner Lieblingskleider. Er hat es selbst ausgesucht.
Als Zeichen meines guten Willens habe ich es heute Morgen angezogen, doch es hat mir kein Gl√ľck gebracht.
Am liebsten w√ľrde ich es mir vom Leib rei√üen, um mich davon zu befreien. Inzwischen gl√ľht mein Kopf und meine Haut f√ľhlt sich an, als st√ľnde sie in Flammen. Wenn er in den n√§chsten zwei Stunden nicht zur√ľckkommt, werde ich den Rest meines Lebens nie wieder mit ihm sprechen!
Habe ich die Worte laut ausgesprochen?
Doch der Zustand meiner Zunge, macht nur noch ein unverst√§ndliches Lallen m√∂glich. Der modrige Geruch des alten Holzes steigt mir in die Nase, als ich ersch√∂pft meinen Kopf an den Stamm lehne. Von Wind und Trockenheit ger√∂tet folgen meine Augen einer flie√üenden Kette arbeitsamer Ameisen, die sich direkt vor meiner Nase unerm√ľdlich den Baumstamm hoch und hinunter bewegt.
Wenn ich meinen Kopf nur ein klein wenig nach vorne beuge, wird ihr Weg sie in mein Innerstes f√ľhren und sie werden ertrinken in dem Meer ungeweinter Tr√§nen. Das durchdringende Zirpen einer Grille weckt mein Interesse und zieht mich f√ľr einen Moment aus der Lethargie, die mich zunehmend erfasst.
Ermutigt durch meine Bewegungslosigkeit hat sie sich neugierig auf meinen Kn√∂chel niedergelassen. Ihr gr√ľner schlanker K√∂rper sieht aus wie gepanzert - eine wesentlich sinnvollere Schutzh√ľlle als eine d√ľnne Haut.
Die langen F√ľhler sind steil und bewegungslos nach oben gerichtet, so als warte sie atemlos auf irgendeine Reaktion meinerseits.
Ihre Augen scheinen mich anzustarren.
Ganz leicht nur, wie ein Hauch, sp√ľre ich ihr Gewicht auf meinem Bein.
Es f√ľhlt sich k√ľhl und rau an.
Als trotz der Hitze eine leichte G√§nsehaut meine Haut √ľberzieht, macht sie Anstalten sich an meinem Fu√ü aufw√§rts zu bewegen.
Ich springe erschrocken mit einem lauten Schrei auf.
Mir wird schwindelig und ich muss mich an der morschen Rinde des Baumes festhalten, während ich mit einer plötzlichen Übelkeit kämpfe.
Dabei fällt mein Blick auf meine Reisetasche, die wie ein Fremdkörper vor mir auf dem ausgedörrten Boden liegt. Einem Impuls folgend werfe ich sie, meine ganze Kraft zusammen nehmend, mitten auf die Fahrbahn direkt vor mir.
Ein ged√§mpftes Klirren erinnert mich an die Flasche Parf√ľm, die ich im letzten Moment eingepackt habe.
Es ist von ihm. Er mag diesen Duft.
Als ich mich wieder erschöpft auf den Boden sinken lassen will, zerrt mich jemand brutal an den Haaren.
Verzweifelt und mit krächzender, fremder Stimme rufe ich um Hilfe.
Der Schmerz ist fast unerträglich.
Nur ged√§mpft dringt unvermittelt seine Stimme zu mir durch, w√§hrend er mit ruhiger Hand meine Z√∂pfe aus den starren √Ąsten des Baumes befreit.
Erst im k√ľhlen Inneren des Wagens komme ich wieder halbwegs zur Besinnung. Besorgt und voller Liebe sieht er mich an.
Das Geräusch des startenden Motors klingt wie das Einläuten einer neuen Dimension.
Ich bin mir sicher, ich werde in Zukunft eine noch gehorsamere Tochter sein.

__________________
ebbajones

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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

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hallo ebbajones,

die geschichte ist spannend erzählt.
das zusammmenspiel aus innerer weltansicht der
protagonistin und naturbeobachtung
scheimt mir gelungen.
dadurch bleibt es spannend.

allerdings hänge ich ein wenig durch,
was es mit dem plot auf sich hat.

werde noch mal nachdenken.

ein herzliches willkommen
von mir in der leselupe

lg
ralf
__________________
RL

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