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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Am Ende der Welt
Eingestellt am 15. 11. 2002 21:50


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tinta
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Warnung! Diese Erz├Ąhlung ist etwas l├Ąnger ausgefallen. Aber es lohnt sich! Ich freue mich ├╝ber jeden Kommentar. Ehrlich! Liebe Gr├╝├če, Tinta
........ :-)

Eigentlich hei├če ich Carlotta. Und ich mag es gar nicht, wenn Cynthia mich „Kalli“ nennt. Da denkt doch jeder gleich an einen fettwanstigen Fernfahrer im rotbeige kariertem Hemd! Ich habe es meiner Schwester nie ganz austreiben k├Ânnen. Immer, wenn etwas Hochdramatisches passiert ist, wenn ihr der Nagellack in der Handtasche ausgelaufen ist oder wenn sie mich halbnackt, nur mit einem Frottier-Bademantel bekleidet vom Nachbarn aus anruft, weil sie sich aus ihrer Wohnung ausgesperrt hat – das waren die M├╝llm├Ąnner schuld, nur die M├╝llm├Ąnner - dann nennt sie mich „Kalli“. Gerade eben war wieder so ein Fall. Mein Handy klingelte und kaum dass ich abhob, ert├Ânte sirenenhaft, laut und vernehmlich, so dass es wirklich jeder in dem Fris├Ârsalon h├Ârte: „Kalliiii! Ich mu├č Dir etwas erz├Ąhlen...“ Wie peinlich. Ich verkroch mich mit meinem Handy, das Handtuch auf dem Kopf, ohne viel Federlesens im Damenklo. Was dann kam, lie├č mich meinen unliebsamen Spitznamen schnell vergessen. Ich meine, wann passiert es schon einmal, dass die eigene Schwester auf einer Incentivereise in der T├╝rkei ist und dort beim Muschelessen eine interessante Entdeckung macht?

„Cynthia, kreisch doch nicht so in den H├Ârer! Ich verstehe Dich ja kaum. Nun fang bitte noch mal von vorne an.“
Cynthia schnappt nach Luft. „Ich war heute mittag in einem Restaurant. Zum Muschelessen. Und dann bei├č ich pl├Âtzlich auf etwas Hartes. Eine Unversch├Ąmtheit! Ein s├╝ndhaft teures Restaurant und die machen die Muscheln noch nicht mal or-dentlich sauber. Ich nehme also das Teil aus dem Mund, um
es dem Ober um die Ohren zu werfen. Und was glaubst
Du, was es war?“
„Ein Ehering?“ K├Ânnte ja sein, dass die Muschel diebisch war.
„Was soll ich denn damit? Eine Perle, Kalli. Eine Perle!“ Huhu, denke ich, andere Leute tauchen danach.
„Und da wu├čte ich es.“
„Was?“
„Das dies mein Gl├╝ckstag ist.“
Das leuchtet ein. „Und? Ist es Dein Gl├╝ckstag?“
„Wart’s ab! Heute abend fand eine Verlosung statt. Das Reiseb├╝ro, wo mein Chef auch diese Incentivereise gebucht hatte, war ├Ąu├čerst gro├čz├╝gig. Zu verlosen hatten sie einen Flug nach Manhattan, einen nach London und eine Kreuzfahrt in die Karibik. Ich zog also ein Los und polierte meine Perle.“
„Du poliertest Deine Perle?“
„Na klar, ich hab‘ sie feste gerubbelt wie ein Gl├╝ckslos. Und jetzt kommt’s: Rate mal, wer den Hauptpreis gewonnen hat?“
„Nein!“
„Doch!“
„Nein! Du hast den Hauptpreis gewonnen? Eine Kreuzfahrt in die Karibik?“
„F├╝r zwei Personen. Jawohl. Und jetzt rate mal, wen ich mit-nehme?“
„Nein!“
„Doch!“
„Neiiiin! Ich fasse es nicht!“
„S├╝├če, wirf alle Di├Ąten ├╝ber Bord. Falls Dir nichts mehr
pa├čt, in der Karibik gibt es Hullahuppr├Âckchen!“

Was dann kam, wei├č ich nicht mehr so genau. Jedenfalls stand pl├Âtzlich der Fris├Âr (ein Mann!) in der Damentoilette und erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei. Vielleicht habe ich gekreischt. Eventuell auch einen H├╝pfkreiseltanz vollf├╝hrt. Vermutlich auch ein paar Mal an die T├╝r getrommelt bei meinem Rapsong. Jedenfalls lag das Handtuch auf dem Boden, ich rauchte mit zitternden H├Ąnden eine Zigarette und verlangte gebieterisch nach Champagner.

„Welcome to Miami Airport!“ Cynthias Koffer kommt sofort. Wo bleibt meiner? Wir warten und warten. Die Leute rei├čen ihre Gep├Ąckst├╝cke vom Band. Na bravo! Mein Koffer wurde geklaut. Das f├Ąngt ja gut an.
„Sieh mal. Dieses gr├Ą├čliche Teil da vorne. Ist das nicht Dein Koffer?“
Tats├Ąchlich. Ganz allein steht er da auf seinen R├Âllchen, genau zwischen den Gep├Ąckb├Ąndern und wartet auf mich. Erleichtert schlinge ich meine Arme um ihn.
„Hach! Ich h├Ątte wenigstens einen Adressaufkleber dran machen k├Ânnen. Jetzt mu├č ich ihn ├Âffnen und nachsehen, ob es auch mein Koffer ist.“
„Unsinn! Wer au├čer Dir sollte sonst so einen h├Ą├člichen Koffer haben?“ Hm. Sch├Ân ist er wirklich nicht. Dunkelblau mit lila Ecken und pinkfarbenen Rollen. Au├čer mir l├Ąuft keiner mit solch einem Koffer herum. Ich zerre ihn also hinter mir her.

Verdammt schwer, so ein Koffer. Kein Wunder bei den Kleidervorschriften auf einem Kreuzschiff. In dem Prospekt war die Rede von Cocktailkleidern zum Captains Dinner, von Kost├╝men bei halboffiziellen Abenden und „leg├Ęrer Sommerkleidung“ bei den „casuals“. Da mu├č man f├╝r jeden Fall ger├╝stet sein, ist doch klar. Pumps, Federboa, Glitzerhandt├Ąschchen, Pareos f├╝r das Sonnendeck. Da kommen schnell 34 Kilos zusammen. Jedenfalls bin ich froh, als unser Taxifahrer unser Gep├Ąck im Kofferraum verstaut. Unser Driver ist ganz nett und f├Ąhrt schnittig, die Fahrt vergeht rasend schnell. Pl├Âtzlich sind da diese Schiffe. Riesig gro├č. Unglaublich. Das letzte in der Reihe ├╝berragt seine Vorderm├Ąnner um einiges. Es ist die „Voyager of the Seas“. Unser Schiff.
„Gute G├╝te“, hauche ich und nehme meine Sonnenbrille ab.
„Oh! You’ve got blue eyes“, ruft der Taxifahrer entz├╝ckt.
„Ich kotz gleich!“ antworte ich und hechte aus dem Taxi raus. Nat├╝rlich habe ich schon Kreuzfahrtschiffe gesehen, ich meine, jeder kennt schlie├člich das „Traumschiff“, oder? Aber noch nie, noch nie in meinem ganzen Leben, habe ich vor einem derartigen Kolo├č gestanden. Selbst Cynthia ist sprachlos.

„To the ship!“ steht auf wei├čen Schildern. Sie weisen uns den Weg in eine Halle, wo wir mit „Ma’am“ angesprochen werden und eine „Bluecard“ verpa├čt bekommen. F├╝rs bargeldlose Zahlen und f├╝r unser Kabine. Dann besteigen wir einen Aufzug. Auf dem Teppich steht, dass heute Sonntag ist. Ob die den Teppich jeden Tag wechseln? F├╝r diesen Fall nehme ich mir vor, s├Ąmtliche Teppiche als Souvenir mitgehen zu lassen. Alles ist perfekt organisiert, ruckzuck werden wir zu unserem Zimmer geleitet. Von Verena, das ist unsere „Cabin Assistant“.

„Hast Du geh├Ârt? Ein Zimmerm├Ądchen f├╝r uns ganz allein!“
„Na, die wird viel zu tun bekommen“ kichert Cynthia.
Die Kabine ist gem├╝tlich. Am besten gef├Ąllt mir das Bullauge zwischen den beiden Betten. Ein kleines Sofa, ein Glastisch, eine Minibar...
„Ist das nicht ein Traum?“ haucht Cynthia.
„Kneif mich! Oder nein, kneif mich besser nicht, das gibt blo├č blaue Flecken. La├č uns lieber gleich die Koffer auspacken.“
„Okay. Viel Zeit haben wir nicht. In einer Stunde m├╝ssen wir zur Rettungs├╝bung in dem Speisesaal.“
1407. Das ist mein Code. Das wei├č ich genau, ist schlie├člich mein Geburtstag. Ich drehe an den R├Ądchen und dr├╝cke auf den lila Knopf. Doch mein Koffer, das Biest, l├Ą├čt sich nicht ├Âffnen. Verdammt warm hier. Cynthia r├Ąumt bereits den Kleiderschrank ein. Hoffentlich l├Ą├čt sie mir noch Platz in dem Schrank.
„Der bl├Âde Koffer geht nicht auf!“
„Gottchen! Er ist nicht nur h├Ą├člich, er klemmt auch noch!“
„Cynthia! Das ist nicht witzig. Er geht nicht auf!“
„La├č mich mal. Welchen Code hast Du?“
„1407.“
Sie nestelt an dem Schlo├č herum. Und ist genauso erfolglos wie ich.
„Vielleicht hast Du ja gar keinen Code eingerichtet. Mache
ich auch nie. Warte mal...“ Sie dreht alle R├Ądchen auf Null
und siehe da – der Deckel springt auf. Dem Himmel sei Dank!

„Kalliiii! Was hast Du denn f├╝r Sachen mitgenommen?“
„Wieso?“
Oben auf liegt ein beiger Pullover mit einem blauen Streifen vorne. Gestrickt. Olivgr├╝ne Shorts. Birkenstocks.
„K├Ârnerfresserklamotten!“ Ich greife wahllos hinein, schreie „NEIIIN!“ und pfeffere eine Herrenunterhose durch die Luft. Sie trifft das Bullauge und f├Ąllt schlapp hinunter. Auf dem Hosenlatz ist ein Smiley. Frech grinst es mich an. Oh nein! H├Ątte ich nur nie auf meine Schwester geh├Ârt!

„Das ist nicht mein Koffer“, japse ich.
„Das sehe ich auch.“
Gute G├╝te! Was mache ich denn jetzt blo├č? Was soll ich nur tun? Auf einem Kreuzschiff. Mit Kleiderordnung. Und ich habe noch nicht mal Unterw├Ąsche dabei! Geschweige denn Nagellack!
„Jetzt gehen wir erst mal zur Rettungs├╝bung und danach den-ken wir in Ruhe nach“, bestimmt Cynthia und weil ich sonst nichts Besseres wei├č, machen wir das auch.

Gleich nach der Rettungs├╝bung haben wir uns zielstrebig zur Cocktailbar begeben. Nach dem dritten Glas geht es mir bedeutend besser.
„Die hamm hier best‘mt ‚ne Shoppingmeile.“
„Meinsse?“
„H├Âmal, ts gr├Â├čte Kreuzschiff vonner Welt. Ham die doch gesach! Da wer‘n se ja wohl auch G‘sch├Ąfte hier ham.“
„Stimmt. Wof├╝r habbich denn ‚ne bluecard?“
Das Skyline von Miami r├╝ckt immer weiter weg, die Sonne plumpst gerade ins Meer, als Cynthia und ich die erste Boutique betreten. Es folgen acht weitere Gesch├Ąfte. Sie sehen wundersch├Ân aus, die Kleider und Hosen. Sie haben nur einen Haken. Die Preise machen mich wieder n├╝chtern.

„Das krieg’n wir schonn hin. Nimmse einfach ‚n bi├čchen ab. Dann passen Dir mein‘ Kl‘motten wie ang‘gossen.“
Unser erstes Dinner an Bord verpassen wir, allerdings nicht wegen meiner Di├Ątpl├Ąne, sondern weil wir unseren Rausch ausschlafen. Kurz vor Mitternacht wollen wir zum Deck 14,
das ist das Sonnendeck. Den Aufzug k├Ânnen wir nicht nehmen, denn in Cynthias Kleid sieht man meinen Bauch. Von jetzt an werden s├Ąmtliche Treppen genommen. Bei Deck 5 f├Ąllt mir etwas ein. In irgend einem Prospekt ├╝ber die „Voyager of the Seas“ habe ich gelesen, dass hier t├Ąglich 24000 Gerichte f├╝r die rund 6000 Menschen an Bord zubereitet werden. 24000 Mahlzeiten am Tag! K├Âstlichkeiten rund um die Uhr. Wie soll man dabei abnehmen?
„La├č uns doch lieber den Lift nehmen. Au├čerdem will ich wissen, ob die bereits den Teppich gewechselt haben.“
Sie haben. Der Teppich unter unseren F├╝├čen informiert uns, dass ein neuer Tag beginnt.

Eine sternenklare Nacht, zwei Diven auf Sonnenliegen, ├╝ber uns Sirius, Orion und Beteigeuze, der gro├če und der kleine Wagen und... „Da! Eine Sternschnuppe!“
„W├╝nsch‘ Dir schnell was, Cynthia!“
Stille. Das Meer, Cynthia und ich. „Und? Hast Du?“
„Hm.“
„Wie sieht er aus?“
„Gro├č. Dunkelhaarig. Braune Augen. Einer von der Sorte, wie man sie hier garantiert nicht trifft. Eher der Abenteuer-Mann.“
„Camel oder Marlboro?“
„Camel nat├╝rlich. Was soll ich mit einem Westernheld?“
„Weiter.“
„Er sieht mich an. Lange. Dann nimmt er meine Hand und haucht: So lange habe ich auf Dich gewartet. Mit Dir will ich bis ans Ende der Welt...“
„Ha! Wo hast Du das denn her? Bestimmt aus einem Roman
von Barbara Cartland!“
„Kalli! Das habe ich mir selbst ausgedacht! Und ├╝berhaupt, Barbara Cartland ... ich wei├č nicht mal, wer das ist!“
„Glaube ich Dir nicht. Mir ist kalt. Dir auch?“
„Hm.“
„Ich besorg‘ uns was Warmes. Bin gleich wieder da.“
Auf dem Weg zu unserer Kabine treffe ich Verena. Freundlich nicke ich ihr zu. Ich f├╝hle mich bereits upperclassm├Ą├čig. Ein eigenes Zimmerm├Ądchen! Als ich unsere Kabine betrete und meinen Koffer durchw├╝hle und zwei Baumwollpullis heraus-
ziehe, flattert mein H├Âhenrausch allerdings rasant schnell zum Bullauge heraus. Strickpullis zum Abendensemble. Gl├╝cklicherweise ist es dunkel. L├Ąssig werfe ich sie mir ├╝ber die Schulter, bis zur Cocktailbar mu├č ich halt noch frieren. Cynthia und ich h├╝llen uns in die Pullis und s├╝ffeln unsere Margheritas. „Geht’s uns gut!“ seufzt Cynthia.
„Das sieht man.“ Eine dunkle Stimme l├Ą├čt uns hochfahren. Gleich an meiner Liege steht ein Mann. Sieht gut aus. Zumindest in der Dunkelheit. Er hat ein Pareo um die H├╝ften gebunden. T├╝rkis mit Seesternen drauf.
„Das ist mein Pareo!“
„Oh! Und Du tr├Ągst meinen Pullover!“ Er schaut zu Cynthia und ruft: „Und Du auch! Ich vermute, Ihr habt meinen Koffer und ich Euren?“
„Gute G├╝te. Ja! Mein Koffer ist wieder da! Wunderbar! Stimmt. ├ähm, ja. Bist Du auch sicher, dass es wirklich meiner ist? Ich meine, hast Du ihn ├╝berhaupt aufgekriegt? Aber klar, nat├╝rlich, Du tr├Ągst ja meinen Pareo. Entschuldige, mir f├Ąllt nur gerade ein zentnerschwerer Stein vom Herzen. Bin nur etwas durcheinander, ja, das wird es sein“, stottere ich und dann f├Ąllt mir wieder ein, was ich noch sagen wollte: „Ich hei├če ├╝brigens Carlotta. Und das ist meine Schwester Cynthia.“
„Salut, Cynthia. Ich bin Jean-Jacques.“
„Salut“, haucht Cynthia.
„Bist Du Franzose?“ Himmel! Setzt jetzt ihr Denken aus?
„Oui! Ich lebe in Paris.“
„Paris!“ echot Cynthia und es h├Ârt sich an wie „Pariiiie“.
„Darf ich mich zu Euch setzen?“ Am liebsten w├╝rde ich ihn gleich in die Kabine jagen, meinen Koffer zu holen, aber die H├Âflichkeit verbietet das nat├╝rlich. Abgesehen davon steht meine Schwester neben sich. Sie bittet ihn zu sich auf die Liege. Eindeutig zu viele Margheritas.
„Wie hast Du ihn aufgekriegt?“
„Wen? Den Koffer?“ Ich nicke. Wie ein K├Ârnerfresser sieht er nicht aus. H├Âchst dubios, das Ganze.
„1407. Das ist das Datum f├╝r jeden Franzosen!“
Spinnt der? „Wieso?“
„Franz├Âsischer Nationalfeiertag, Sturm auf die Bastille“, spult Cynthia herunter und r├╝ckt n├Ąher an Jean-Jacques heran. „Ach so, nat├╝rlich, klar.“
„Bist Du ein echter Pariser?“ Ich mu├č mich schon sehr ├╝ber
meine Schwester wundern. Was die alles wissen will!
Immerhin entspannt sich ein lebhafte Unterhaltung. Jean-Jacques beherrscht die Kunst des Erz├Ąhlens recht gut. Er berichtet von Ferien bei seiner Oma in der Bretagne, wo er
als Kind seine Initialien in die Felsen ritzte. Und Krebse fing. Und wie seiner Tante Mathilde in Marseille auf dem Markt ein Fisch in den Korb h├╝pfte. Gleich neben die ├äpfel. Jean-Jacques untermalt die Geschichte mit entsprechenden Gesten und Ger├Ąuschen. So ganz nebenbei stelle ich fest, dass wir an seinen Lippen h├Ąngen. Cynthia noch mehr als ich.

„Wollt Ihr noch etwas zu trinken? Ich hole mir noch einen Gute-Nacht-Trunk.“
„Willst Du schon zu Bett?“ fragt Cynthia. Als ich mich aufmache, Harry an der Bar noch einen Besuch abzustatten, frage ich mich, ob das Einbildung war. Oder haben ihre Augen tats├Ąchlich geblitzt, als ich ging?

„Nun sag‘ schon! Habt Ihr geknutscht?“ Cynthia grinst und fr├╝hst├╝ckt weiter. Wir hocken auf dem 13. Deck und blicken ├╝bers Meer. Unergr├╝ndlich. Weit und ├╝berall. Doch mich interessiert im Moment etwas anderes.
„Habt Ihr oder habt Ihr nicht?“
„Ja, meine S├╝├če. Wir haben.“
„Nein!“
„Doch!“
„Mit dem K├Ârnerfresser?“
„Ist er gar nicht. Er ist Journalist.“
„Na klar. Und als n├Ąchstes erz├Ąhlst Du mir, dass er eine Reportage schreibt. ├ťber die Mi├čhandlung von K├Ârnerfressern auf einem Kreuzschiff mit Kleiderordnung. Klar, klar! Ich hole mir jetzt erst mal ein Croissant. Und dann will ich alles wissen!“ Unterwegs f├Ąllt mir ein, dass Jean-Jacques Unterhosen im Koffer ganz apart waren. Wenigstens etwas.
Als ich zur├╝ck komme, sitzt Jean-Jacques an unserem Tisch. Cynthia h├Ąngt an seinen Lippen, dies Mal buchst├Ąblich. Aha.

„Bonjour!“ fl├Âte ich.
„Bonjour, Callie“, antwortet Jean-Jacques. Vor lauter Schreck lasse ich fast meinen Teller fallen. Wie hat der mich genannt? Kalie? Die Betonung auf dem ‚I‘ bringt es aber. Das klingt eher nach einem schlanken Seilt├Ąnzer als nach einem fettwanstigen Fernfahrer.

Ich will es kurz machen, Jean-Jacques wich in den folgenden Tagen nicht mehr von unserer Seite. Genauer gesagt war es eher Cynthias Seite. Aus unserer Reise zu Zweit wurde nichts, fortan traten wir als Trio auf. Anf├Ąnglich bereitete mir das wenig Freude, allerdings entpuppte sich Jean-Jacques als ├Ąu├čerst am├╝santer Begleiter. So warf ich also meine Bedenken und er seine Birkenstocks ├╝ber Bord (Cynthia hasst diese Schlappen). Auf Jamaica suchten wir zu Dritt eine Kaffeebohnenkette f├╝r Tante Mathilde aus und auf Labadee, einer kleinen Insel, teils haitianisch, teils „dom-reppisch“, ergab sich etwas, dass ich unbedingt noch loswerden will:

„Wei├čt Du, wie ich mich f├╝hle?“ Cynthia schaukelte in einer H├Ąngematte zwischen Palmen, w├Ąhrend ich mit einem St├Âckchen Wolken in den Sand malte. „Hm. Ich versuch’s mal, mir vorzustellen. Du schwebst zwischen Himmel und Erde. Du glaubst, Du wirst den Boden niemals ber├╝hren. Alles ist unwirklich....“
„Wie im...“ begann Cynthia.
„Tackatuckaland“, schaltete Jean-Jacques sich ein.
„Genau! Genau das wollte ich sagen“ kreischte Cynthia. „Gibt’s Pippi Langstrumpf auch in Frankreich?“
Gute G├╝te! Bei Verliebten setzt der Verstand einfach aus. Das wei├č doch jedes Kind, dass Astred Lindgrens B├╝cher in s├Ąmtlichen Sprachen dieser Welt zu haben sind. Nur in Esperanto vielleicht nicht. Trotzdem, das war der Moment, als ich diese Eingebung hatte. Ich sah meine Schwester vor mir, ganz in Wei├č gekleidet, ein Pfennig-Absatz ihres Pumps hatte sich in das Kopfsteinpflaster gleich vor der Kirche gebohrt und sie br├╝llte nach Leibeskr├Ąften: „Kalliiii! Kalliiiie! Ich bin so gl├╝cklich!“

Aber ich wollte mich ja kurz fassen. Eine Woche w├Ąhrte unser Traumurlaub in jenem Sommer. Sieben Tage k├Ânnen gleichzeitig so kurzweilig wie f├╝nf Minuten und so intensiv wie ein ganzer Monat sein. Oder so lang wie ein Flug von Miami nach D├╝sseldorf. Meiner unsagbar traurigen Schwester konnte ich w├Ąhrend des gesamten R├╝ckflugs kein einziges W├Ârtchen entlocken. S├Ąmtliche Formalit├Ąten, Antworten an die Stewardessen und dergleichen mu├čte ich f├╝r sie erledigen. Sie hatte beschlossen, fortan nicht mehr zu reden. Vermutlich h├Ątte sie es verlernt, wenn nicht Jean-Jacques angerufen h├Ątte, kaum, dass sie ihre Wohnung betrat. Da hat sie alles nachgeholt und stundenlang mit ihm telefoniert. Es folgten Besuche. Mal war Jean-Jacques hier, mal besuchte Cynthia ihn in Paris. Auf dem Eiffelturm, da hat er ihr dann erz├Ąhlt, dass er als Journalist viel auf Reisen sei. Seit er Cynthia kenne, k├Ânne er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. Mein Handy klingelt. Ich geh mal rasch dran.
„Ja?“
„Kalliiii? Ich mu├č Dir etwas erz├Ąhlen!“
„Cynthia. Ich hei├če Carlotta. Ich sag‘ ja auch nicht Cindy zu Dir.“
„Ach, darum geht’s doch jetzt gar nicht! Ich hab‘ jetzt auch keine Zeit...“
„Wo steckst Du?“
„Im Badezimmer. Im Kowloon Hotel in Hongkong.“
„Wie? Was machst Du im Badezimmer?“
„Dich anrufen! Jean-Jacques ist nebenan. Rate mal, was er gerade zu mir gesagt hat?“
„Keine Ahnung, woher soll ich das wissen?“
„Wei├čt Du noch, als wir auf dem Kreuzschiff waren?“
„Nat├╝rlich! Wie k├Ânnte ich das vergessen?“
„Kannst Du Dich noch daran erinnern, was ich mir gew├╝nscht habe? Als ich die Sternschnuppe sah?“
„Nein!“
„Doch!“
„Nein!“
„Doch!“

Das nenne ich wirklich eine aktuelle Berichterstattung: Nachdem er Cynthia soeben ins Ohr fl├╝sterte, dass er auf sie gewartet habe, sein Leben lang (Hilfe! Mir stehen die Haare zu Berge!) und dass er mit ihr bis ans Ende der Welt wolle (und jetzt kriege ich auch noch eine G├Ąnsehaut), stellte Jean-Jacques seine Frage:

„Meinst Du, Du k├Ânntest eine Fischsuppe ├á la Marseillaise machen?“
„Bitte was?“
„Meinst Du, Du k├Ânntest das? Eine Fischsuppe ├á la Marseillaise?“
Meine Schwester hatte zwar keine Ahnung, wovon er sprach, nickte aber trotzdem mit dem Kopf.
„Merci, mon dieu!“ rief Jean-Jacques. „Daf├╝r wird Tante Mathilde Dich lieben!“

Mist! Das Handy klingelt schon wieder. Sekunde, ich geh mal ganz rasch dran.

„Kalliii! Ich bin’s noch mal. Ich mu├č Dir noch etwas erz├Ąhlen!“
„Was denn jetzt schon wieder? Cynthia, Du rufst aus Hong Kong an. Das ist sicher teuer!“
„Das ist nebens├Ąchlich. Immerhin habe ich eine ganz beson-dere Nachricht f├╝r Jean-Jacques Schw├Ągerin. Du ahnst nicht, was Jean-Jacques mich gerade gefragt hat! Du ahnst es einfach nicht! Rate mal!“
„Nein!“
„Doch!
„Nein! Ehrlich? Ohne flunkern?“
„Ja! Ja! Ja!“


Epilog:
Anscheinend war das eine echte Vision, dich ich auf Labadee hatte. Am 14. Juli diesen Jahres, knapp zwei Jahre, nachdem sie sich auf der „Voyager of the Seas“ kennengelernt hatten, heirateten Cynthia und Jean-Jacques. Die Trauzeugen waren Tante Mathilde und ich. Kurz nach Verlassen der Kirche, blieb Cynthias Absatz tats├Ąchlich stecken. W├Ąhrend Cynthia sich halbtot lachte, brachen Mathilde und ich jeweils einen Pfennigabsatz resolut vom Schuh ab. Auf flachen Schuhen kann man ohnehin besser tanzen.




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majissa
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Es hat sich

wie versprochen gelohnt. Deine Story gef├Ąllt mir. Sie ist erfrischend, witzig und charmant. Die Dialoge haben genau die richtige L├Ąnge und wirken lebendig. Nicht zuletzt durch das stets wiederkehrende "Nein!Doch!Nein!Doch!...".
Eigentlich bekannt daf├╝r, n├Ąchtens zum Lachen in den Keller zu gehen, habe ich an einigen Stellen heftig geschmunzelt. So beispielsweise beim t├╝rkisfarbenen Pareo. Apart auch der Teppich mit aktueller Tagesangabe.
Die ├Ąu├čere Form des Textes ist der bewegten Handlung gekonnt angepasst.

Ein wenig gestolpert bin ich nur ├╝ber den Dialog zwischen den betrunkenen Schwestern. Da w├Ąre weniger mehr gewesen. Und auf die Hinweise, es kurz machen zu wollen, w├╝rde ich verzichten. Sonst hat man unweigerlich den Eindruck, da├č du ├╝bereilt zum Ende kommen wolltest, keine Lust mehr hattest. Das schadet dieser sch├Ânen Geschichte nur, zu der es hoffentlich noch weitere Kommentare geben wird.

Liebe Gr├╝├če
Majissa

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Am Ende der Welt. Zum Lachen in den Keller...

Liebe Majissa, ich habe mich nicht nur sehr gefreut ├╝ber Deinen Kommentar, sondern hocke auch noch grinsend vor dem Bildschirm (dabei kann der doch nun mal ├╝berhaupt nix damit anfangen). Zum Lachen in den Keller, so so. Freut mich, dass Du dies Mal nicht ein Stockwerk (oder gar zwei) tiefer gewandert bist und Dich genauso am├╝siert hast wie ich beim Schreiben :-). Danke auch f├╝r Deinen Tipp, ich werde dr├╝ber nachdenken. Lieben Gru├č, Tinta
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