Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87755
Momentan online:
324 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erzählungen
Am Ende war die Tat
Eingestellt am 11. 07. 2010 15:37


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

Werke: 767
Kommentare: 4439
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Karl Feldkamp eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Eigentlich war ich schon immer ein Mörder, aber ich traute mich vorher einfach nicht. Dabei hatte ich immer schon genügend kriminelle Energie. Machte es mir doch als Kind bereits teuflischen Spaß, damit zu drohen, gewisse moralische Grenzen anstandslos zu überschreiten. Allerdings ging es dabei um kaum mehr als um jene Spiele, in denen ich die Polizistenrolle meinen Spielkameraden überließ, während ich liebend gern den hinterlistigsten aller Banditen gab. Manchmal gewannen auch Restteile meiner besonderen Moral und meines Gerechtigkeitsempfindens die Oberhand. Dann spielte ich eine Art Robin Hood mit Vorliebe für die Nöte jener, die unverschuldet an Armut litten.
Ernster, viel ernster wurde es Jahrzehnte später. Nachdem ich als Pensionär der vorschriftenreichen Arbeitswelt des städtischen Sozialamts entkommen war, steigerte sich meine Lust auf skrupellose Abenteuer ins Unermessliche. Einen echten Mord hätte ich mir unmittelbar danach allerdings auch noch nicht zugetraut, obwohl sich meine deutschen Vorfahren bekanntlich von einem tatkräftigen Massenmörder und seinen Kumpanen in einen nahezu weltweiten Vernichtungskrieg führen ließen. Bin immerhin eine Kriegsgeburt. War jedoch zum Kriegsende erst knappe zwei Jahre alt.

Seit meiner Pensionierung lese ich, wenn ich morgens die Zeitung zur Hand nehme, immer zuerst die Todesanzeigen. Es interessiert mich brennend, wen ich überlebt habe. Bei jedem, der jünger starb als ich, fühle ich mich als Sieger. Heute Morgen fand ich auf der üblichen vorvorletzten Seite nur vier Todesanzeigen und dreimal Werbung von örtlichen Bestattungsunternehmen. Die schwarz umrandeten Todesmitteilungen wiesen alle einen fett gedruckten Namen auf - jeweils in ihrer oberen Hälfte: Werner Fahrenholz. Eine Anzeige von seiner Frau Elena und den Verwandten in verschnörkelter Schrift, eine vom Schützen- und eine vom Karnevalsverein in schmalen steilen Druckbuchstaben sowie eine für ihn als Ex-Chef des Bauunternehmens seines Sohnes. Die Anzeige war in breiten fett gedruckten Buchstaben gesetzt. Am Tag als Werner fünfundsechzig wurde, hatte er nämlich das Unternehmen umgehend seinem einzigen Sohn übergeben und sein ehemaliges Büro nicht mehr betreten. Sein Junge müsse sehen, wie er allein klar komme, sagte er mir bei einem unserer letzten Kneipenbesuche und versuchte, sich unbemerkt die Augen mit dem Handrücken trocken zu wischen.
Plötzlich, unerwartet und außerordentlich tragisch sei sein Tod gewesen, war in den Todesanzeigen zu lesen. Und dankbar seien sie alle, ihn erlebt zu haben. Die Familie, die Verwandten, die Schützenbrüder, die Karnevalisten und seine einstigen Mitarbeiter.

Trauer empfand ich keine. Nur eine Art Genugtuung. Und die nicht nur, weil er vor mir zu Tode kam.

Deutschland vergreist und folglich ist auch die Alterskriminalität stark im Kommen. Als mordender Rentner würde ich durchaus im Trend liegen. Immerhin planen deutsche Landesjustizminister bereits Justizvollzugsanstalten für Senioren. Und ich bin mir sehr sicher, im Altenknast unter lauter Verbrechern ist es allemal spannender als in einem Altersheim der Kirche oder des Deutschen Roten Kreuzes.
Von langweilenden gesetzestreuen Alten, die sich aus lauter Angst an Recht und Ordnung klammern, gibt es ohnehin viel zu viele. Diese kleinmĂĽtigen Untertanen.
Aber welche von denen sollte ich ermorden? Immerhin verändert bereits ein Greis weniger die Statistik zu Gunsten der Bevölkerungsverjüngung. Wenn auch nur minimal.
Sollte ich jemanden, den ich kenne oder doch lieber mir Unbekannte ins Jenseits befördern?
Meine Frau jedenfalls nicht. Mit ihr bin ich weitgehend glücklich verheiratet und im Altenknast muss mich schließlich auch noch jemand besuchen können.

In meinem bisherigen Leben hatte ich ausreichende Gelegenheiten, mir Feindbilder zuzulegen. Reich, eingebildet, arrogant und rücksichtslos sollten meine bevorzugten Opfer sein. Und Männer. Einer Frau konnte ich noch nie Gewalt antun.
Werner Fahrenholz sprach laut, hatte breite Schultern und spitze Ellenbogen und
setzte beide ein. Aber er war ehrlich. Brutal ehrlich. Wenn ich mit ihm in der Kneipe saß, sagte er nicht selten irgendwelchen schwatzhaften Geschlechtsgenossen schonungslos mitten ins Gesicht, was er von ihnen hielt. Nämlich nichts. Frauen hingegen machte er lieber schmeichelhafte Komplimente. Umso erstaunter war ich, als er mir vor gut drei Wochen bei unserem letzten gemeinsamen Kneipenbesuch noch weismachen wollte, Frauen seien wie Honigbienen. Sie schmieren dir Honig um den Bart, bringen aber ihre Drohnen nach dem Sex um. Lachend trank er danach noch ein Bier mit mir, zahlte unsere gemeinsame Zeche und ging, ohne sich von mir zu verabschieden.

Seit vielen Jahren bin ich ein schlechter Schläfer. Es gab Nächte, da sah ich ihn plötzlich im unruhigen Halbschlaf vor mir. Einen mir – äußerlich zu mindestens - vollkommen Unbekannten. Stets stand er im Zwielicht und drehte mir seinen breiten Rücken zu. Und da er sich mir nur schemenhaft zeigte, steigert sich mein Hass gegen ihn umso mehr.
Bald nahm ich mir jeden Abend beim Einschlafen vor, in der Nacht endlich zur Tat zu schreiten. Entweder hinterhältig mit Gift oder frontal mit einem Messer. Auch an ein Brandattentat dachte ich schon. Allerdings war mir das dann doch zu grausam. Und im übrigen konnte ein Feuer auch unschuldige Opfer kosten.
Mir legal eine Pistole zu beschaffen, konnte ich mir selbst im Traum nicht vorstellen, denn wer wĂĽrde einem alten Mann wie mir noch einen Waffenschein ausstellen?
Und Geld fĂĽr eine Schusswaffe auf dem schwarzen Markt auszugeben? Das war mir weder der Mord noch mein weiterhin unerkannter Feind wert.
Schließlich entschied ich mich für ein Brotmesser, das weitgehend unbenutzt in der Schublade unserer Anrichte lag, da wir längst eine elektrische Brotschneidemaschine besaßen. Vollkommen unerwartet wollte ich es zücken, sobald er nahe genug vor mir stand, um ihm in die arrogante Visage zu sehen.
Am liebsten hätte ich mit der Faust zugeschlagen. Mitten auf die Zwölf. Aber dadurch würde ich ihn sicherlich nicht sofort außer Gefecht setzen. Und bekommt der die Chance zurückzuschlagen, könnte das sowohl meinen Mordplan als auch mein Weiterleben vereiteln.

Wahrscheinlich habe ich ihm das Messer exakt in Herzhöhe in den Rücken gerammt. Er war sofort tot. Und als ich am Tag nach dem Mord aufwachte, fühlte ich mich frisch und befreit wie lange nicht mehr. Nicht einmal mein Rheumaschmerz in Schultern und Handgelenken plagte mich. Leichtfüßig ging ich ins Bad. Aus dem Spiegel sah mir ein unrasiertes, aber ungewohnt gelassenes Siegergesicht entgegen. Wortlos verlangte es nach einem überschwänglichen Glückwunsch. Selbstverständlich genehmigte ich meiner Frau Eva und mir beim anschließenden Frühstück jeweils ein Glas Sekt. Als Eva den Grund dafür erfahren wollte, antwortete ich schlagfertig: „Im Alter sei einfach jeder weitere Überlebenstag ein Grund zum Feiern.“
Sie nickte, stieß mit mir an und verabschiedet sich nach dem Frühstück, um zum Friseur und anschließend zum Klamottenkauf zu gehen, den sie regelmäßig mit mindestens einem Besuch im Café unterbrach. Also, ein Tagesprogramm, das bei ihr mindestens bis in den frühen Abend andauerte.

Gerade hatte sie die Wohnung verlassen, klingelte es an der Wohnungstür. Als ich nicht sofort öffnete, klingelte es zwei weitere Male, beim letzten Mal stürmisch.
Zwei Männer begrüßten mich förmlich, sahen mich kurz von oben bis unten an. Der ältere der beiden zeigte auf das Namensschild an der Tür und wollte wissen, ob ich derjenige da wäre. Nickend nannte ich meinen Namen. Sie fragten, ob sie eintreten dürften.
Der Ältere hielt mir dabei eine Dienstmarke hin. „Hauptkommissar Wölke, Mordkommission. Das ist mein Kollege Kommissar Schartmann. Wir ermitteln im Mordfall Werner Fahlenholz.“
„Werner Fahlenberg, der hier unter uns, in Parterre? Unser Vermieter?“
Der Hauptkommissar nickte und sein Begleiter lächelte verlegen.
„Ist Ihnen vorgestern Nacht irgendetwas aufgefallen?“
„Kommen Sie.“ Ich winkte den beiden.
Sie folgten mir in mein Arbeitszimmer, sahen sich interessiert um, blieben vor meinem BĂĽcherregal stehen und Kommissar Schartmann legte den Kopf schief, um murmelnd ein paar Titel von den BuchrĂĽcken abzulesen und schlieĂźlich zu fragen, ob ich Krimifan sei.
Zögernd bejahte ich, bot beiden jeweils einen Stuhl an und setzte mich hinter meinen Schreibtisch.
„Mit Irene, seiner Lebensgefährtin, die vor gut zehn Jahren bei ihm in die Parterrewohnung links einzog, hatte Werner Fahrenholz in letzter Zeit einige lautstarke Auseinandersetzungen.“
„Und vorgestern, haben sie vorgestern was gehört?“ Hauptkommissar Wölke knetete nervös seine Hände.
Ich zuckte mit den Schultern. „Wie ist er denn… , ich meine, womit hat man ihn denn umgebracht?“
„Brotmesser“, knurrte der Hauptkommissar, als hätte er mir das lieber nicht verraten wollen.
Automatisch schüttelte ich den Kopf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Irene, also, dass seine Frau ihn umgebracht hat. Meines Wissens hatte Werner zwar ziemlich viel Geld, das er ihr hätte hinterlassen können… . Manchmal haben wir beide, also Herr Fahrenholz und ich, in unserer Stammkneipe über den Tod und danach gesprochen. Da hat er immer mit seinem Reichtum geprotzt und betont, er wolle noch möglichst lange etwas davon haben. Ihm gehören dieses Haus und noch ein paar weitere Häuser. Und ich denke, auf der Bank hat er etliche Hunderttausend.“
Der Hauptkommissar nickte. „Sie vermuten als Tatmotiv, dass Frau Fahrenholz hinter dem Geld ihres Mannes, ihres verstorbenen Mannes, her war? Aber hätte sie es nicht sowieso geerbt?“
„Sie war noch jung. Vielleicht wollte sie einfach nicht bis nach seinem Tod warten. Irene ist ein echtes Luxusweib, wenn Sie verstehen?“
Der Hauptkommissar nickte. „Aber das reicht doch noch nicht wirklich für ein Tatmotiv.“
Schulter zuckend entschuldigte ich mich für meinen Verdacht. „Jedenfalls starb Werners erste Frau vor gut zehn Jahren. An Krebs. Meine übrigens auch. Vor knapp neun Jahren. Irene, also seine Neue und Jetzige, ich meine, seine jetzige Witwe, zog nur wenige Wochen nach dem Tod seiner ersten bei ihm ein. Ziemlich überhastet, finde ich. Immerhin habe ich fünf Jahre gewartet, bis eine neue Frau, also, die Eva, bei mir einziehen durfte. Gut, Werner ist einfach kein Typ, der allein leben kann. Er würde sich eher umbringen, als ohne Liebe zu leben, hat er mir mal gesagt. Selbst wenn die Frau nur auf Liebe mache…“
Die beiden Polizisten nickten mir zu, als wollten sie jetzt mich zu einem spontanen Geständnis ermuntern.
Nun habe ich durchaus schon gehört, dass selbst Leute im Alter von knapp siebzig Jahren - wie ich und Werner Fahrenholz - dement sein und in vollkommen eigenen Welten leben können, die sie verlassen und betreten, ohne es selbst zu bemerken. Allerdings, dass in diesen Welten zwei reale Polizisten vorkommen, hätte ich nicht gedacht.
„Ja gut, als Vermieter war der Fahrenholz mir nicht gerade sympathisch. Die Miete erhöhte er, immer wenn er eine Gelegenheit dazu sah. Und die sah er verdammt oft. Aber das wäre für mich noch kein Grund, jemanden umzubringen. Als Nachbar und Mensch war er gar nicht so übel. Sagen wir so: den Vermieter Fahrenholz hätte ich umbringen können, den Menschen Werner bestimmt nicht.“
Hauptkommissar Wölke runzelte die Stirn. „Haben wir Sie etwa beschuldigt?“
„Weiß nicht!“
Dann fragte er mich, ob sie beide sich noch einmal grĂĽndlich in meiner Wohnung umsehen dĂĽrften.
In der Küche wunderten sie sich über meine beachtliche Sammlung von Küchenmessern aller Größen, besonders über das große Brotmesser.
Als wir endlich wieder im Flur standen, tippte Hauptkommissar Wölke sich an die Stirn. „Also dann, auf Wiedersehen. Und wir kommen ganz bestimmt noch mal vorbei.“
„Bin ich denn nun tatverdächtig?“
Der Hauptkommissar zuckte mit den Schultern und ging.

An dem Abend war ich ungewöhnlich müde und ging unmittelbar nach der Tagesschau ins Bett. Eva hatte mich angerufen, um mir mitzuteilen, dass sie die Nacht bei ihrer Freundin Anna bleiben würde.

Die beiden Polizisten kamen erstaunlich schnell wieder. Diesmal drängten sie sich ohne zu fragen in unsere Diele.
„Wir haben eine mögliche Mordwaffe gefunden.“ Hauptkommissar Wölke hielt mir ein Brotmesser hin. „Kennen Sie dieses Messer?“
„Ja, mit so einem schneide ich morgens immer meine Brötchen auf.“
„Haben Sie damit zugestoßen?“
Bevor ich antworten konnte, wachte ich auf und meinte Irene und Werner, die zu jeder Jahreszeit bei offenem Fenster schliefen, laut streiten zu hören. Im Hinterhof hallte Irenes Stimme. „Du Wüstling, du elender Widerling, du, du…!“
Und Werners arroganter Bass dröhnte: „Lass mich, Liebling. Lass mich einfach nur…!“
Danach brach Werners Stimme ab. Es herrschte Stille, bis der Nachtbus quietschend an der Haltestelle vor dem Nachbarhaus hielt und umgehend wieder anfuhr.
War das nun etwa einer, dessen Bass-Stimme nur der von Werner ähnelte. Man munkelte in der Nachbarschaft, dass Irene Fahrenholz gelegentlich junge Liebhaber zu Besuch hatte.
Ich nahm mir jedenfalls vor, falls Werner doch nicht tot war, ihn und Irene, falls sie nicht verhaftet war, am Vormittag zu besuchen.

Irene öffnete lächelnd. „Komm rein. Ich freue mich. Kann ich dir einen Kaffee anbieten?“
„Gern. Ist Werner nicht da?“
„Ihm geht es nicht so gut. Wollte im Bett liegen bleiben. Er schläft gerade.“ Irene drehte mir den Rücken zu. Sie ist mehr als dreißig Jahre jünger als Werner und weiß, ihre üppigen, jedoch nicht maßlosen Rundungen zu präsentieren. Werner stand auf Vollweiber, wie er stets und ungefragt betonte.
Hüft wedelnd ging sie vor mir her ins Esszimmer. Nein, es war ein großzügiger offener Koch-Wohn-Ess-Bereich. So jedenfalls bezeichnete Werner ihn, als er vor zwei Jahren bei mir damit angab, was er aus den drei biederen Parterrewohnungen für eine großartige Bleibe mittels einer teueren Innenarchitektin zu schaffen gedachte. Allein der offene Koch-Wohn-Ess-Bereich war einst die gesamte Parterrewohnung rechts. Parterre Links lagen noch zwei Schlafzimmer, da Werner es ab einem gewissen Alter, das er nie verriet, für angebracht hielt, getrennt zu schlafen. Darüber hinaus gab es dort noch ein Arbeitszimmer für ihn sowie eine Badelandschaft, die das jetzt mit handgefertigten Fliesen ausstaffierte ehemalige Wohnzimmer vollkommen ausfüllt. In der vormaligen Parterrewohnung Mitte hatte Irene ein Atelier für ihre Akryl-Malerei. Sie malte vor allem großformatige grellbunte Ganzkörper-Porträts und Akte - zumeist männliche. Werner hatte ihr Malkurse, Aktsitzungen und Einzelunterricht bei einem Kunsterzieher bezahlt.
Neben dem Atelier lagen zwei Gästezimmer, in denen häufiger junge männliche Künstler und Kunststudenten übernachteten.

Irene betätigte ihren Chrom glänzenden Kaffeeautomaten und servierte mir an der Hausbar eine Tasse schwarzen Kaffee. Sie wusste, dass ich ihn immer schwarz trinke. Sich bereitete sie einen Latte macchiato. “Und wie geht es dir?“ Erstaunlicher Weise konnte sie mir nicht in die Augen sehen, obwohl sie sonst bei Männern gern ihr „Wer-hält-meinen-Blicken-Stand-Spiel“ versuchte und es in der Regel durch Aufgabe des männlichen Konkurrenten gewann.
„Du siehst blendend aus!“ behauptete ich. Sie lachte mich an und ihr farbenfrohes Make up glich auffällig dem ihrer bunten Porträts, von denen einige im Koch-Wohn-Ess-Bereich, jeweils mit einem Spot beleuchtet, an den Wänden hingen.
Irene warf ihre langen Strähnchen weise blondierten Haare in den Nacken und nippte an ihrem Latte-macchiato-Glas.
Ich versuchte erneut, einen ihrer Blicke einzufangen. Vergeblich. „Wann werde ich Werner denn sprechen können?“
Irene zuckte mit den nackten Schultern. In der Wohnung trug sie immer schulterfrei. „Weißt du, ich freue mich, dass wir jetzt einmal ein wenig Zeit zum Plaudern haben.“ Sie nestelte am Ausschnitt ihres roten Wollkleides herum und gewährte mir damit nicht weniger sondern mehr Einblicke.
„Hattet ihr heute Nacht Krach? Ihr habt das Fenster ja immer offen. Da hört man mit, ob man will oder nicht…!“
„Ach, weißt du, Werner hält sich manchmal einfach für potenter, als er mit seinen fast einundsiebzig Jahren ist. Und wenn es dann nicht mehr so richtig klappt, brüllt er mich an. Dabei ist es doch sein Problem. Manchmal hab ich dann einfach keine Lust mehr …“
„Verstehe…“
„Es sollen schon Männer in höherem Alter beim Sex in den Armen ihrer Frau an Herzversagen gestorben sein.“
Irene schüttelte sich, während ich mich lachend räusperte. „Nun, ist doch ein schöner Tod.“
„Aber nicht für die Hinterbliebene… .“ Irene grinste und legte mir ihre sorgfältig gepflegte Hand auf den Unterarm. Die überlangen Fingernägel waren mit grell roter Warnfarbe lackiert. Sie schluckte und räusperte sich. „Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie das damals für mich war, bei einem Mann einzuziehen, dessen Frau gerade gestorben ist. Jahre lang durfte in der Wohnung nichts verändert werden. Dann aber ließ er plötzlich hier in Parterre alles umbauen. Ausschließlich nach seinen Wünschen und Plänen, von denen er glaubte, sie entsprächen auch den meinen. Er meinte es gut und ich wollte ihn nicht enttäuschen. Allein meine Bilder, die durfte ich hier in der Küche aufhängen.“
Irene umklammerte plötzlich meinen Arm und sah mich einen verzweifelten Augenblick lang an. Dann lockerte sie ihren Griff. Vorsichtig zog ich meinen Arm zurück.
Sie lächelte entschuldigend. „Möchtest du noch einen Kaffee?“
„Nein, nein, ich muss jetzt…. Habe noch zu tun.“
„Ich denke du bist Pensionär und lebst im Ruhestand?“
„Ich erwarte ein wichtiges Telefonat.“
Irene begleitete mich zur Wohnungstür, zog mich kurz in den Duftkreis ihres teuren Parfüms, gab mir einen Kuss auf die Wange, hielt mich einen Moment zu lange fest und sagte leise. „Du kannst mich gern öfters besuchen.“
„Grüß Werner von mir!“ erwiderte ich und eilte die Treppe hinauf.

Kaum war ich in unserer Diele, klingelte tatsächlich das Telefon.
Hauptkommissar Wölke meldete sich betont dienstlich.
„Wir kommen in gut einer Stunde noch einmal bei Ihnen vorbei. Wenn Sie sich bereit halten, bitte….“

Diesmal brachte der Hauptkommissar eine junge Beamtin mit, die sich, ohne ihren Dienstgrad zu nennen, als Vanessa Hohlgrewe vorstellte.
Sie setzte sich in meinem Arbeitszimmer nicht auf den angebotenen Stuhl sondern lief in kleinen Trippelschritten mit ihrem wippenden blonden Pferdeschwanz vor meinem Schreibtisch auf und ab. Jeweils nach ein paar Schritten, sah sie mich kurz an. „Es soll, behaupten Psychologen, ältere Menschen geben, die nicht allein sterben wollen und deswegen Leute mit in den Tod nehmen. Nach dem Mord begehen sie in der Regel allerdings umgehend Selbstmord. Es gibt andere, die, weil der Tod auf sie wartet, ihre Altersgenossen per Mord vorschicken.“
„Das mit Mord und Selbstmord habe ich auch schon mal gehört. Doch dass Altersgenossen vorgeschickt werden, ist mir neu.“
Die junge Beamtin blieb unvermutet stehen, stützte sich mit beiden Händen auf meinem Schreibtisch ab und sah mich aus ihren zu Schlitzen verengten Augen nachlässig geschminkten Augen an. „Manchmal ist es auch reiner Neid. Wenn es das potentielle Opfer weit gebracht und der potentielle Mörder nur wenig aus seinem Leben heraus zu holen verstand.“
Wahrscheinlich machte mich meine plötzliche Verlegenheit mehr als verdächtig.
„Also gut, Werner Fahrenholz hat zumeist schon heftig mit seinem Reichtum geprotzt. Und einige Male hätte er mich fast, als er aus seiner Garagen fuhr, mit seinem dicken BMW-Geländewagen über den Haufen gefahren. Da kann man schon mal auf Mordgedanken kommen. Oder…!“
Die junge Beamtin zog die Schultern hoch und sah mich erstaunt an. „Lassen Sie uns offen miteinander reden. Wir haben keinerlei Beweise gegen Sie. Nur Frau Fahrenholz hat uns erzählt, dass Sie Ihrem Ehemann einige Male mit Mord gedroht haben.“
„Das habe ich nur so gesagt. War Spaß. Und Werner hat das auch nie wirklich ernst genommen. Wäre er sonst so häufig mit mir in die Kneipe gegangen?“
Vanessa Hohlgrewe begab sich schweigend wieder auf ihren Weg vor meinem Schreibtisch, blieb schließlich vor Hauptkommissar Wölke stehen und murmelte. „Wir haben keinen dringenden Tatverdacht. Männer neigen zwar dazu, ihre Angst zu töten.“
„Wie meinen Sie das?“
„Naja, wenn ihnen jemand Angst macht, wollen Männer eigentlich diese eigene Angst töten. Anstatt dessen bringen sie den Angstauslöser um.“
„Und was ist mit Frau Fahrenholz?“ fragte ich zögernd.
„Solche Frauen machen Männern grundsätzlich Angst. Irene Fahrenholz wusste das, hat sich und ihr Leben von ihrem Mann deswegen bedroht gefühlt und ihn – quasi aus Notwehr - aus dem Weg geräumt.“
Ich nickte zögernd. „Interessante Theorie.“
„Von wegen Theorie. Oder kennen sie einen Mann, der freiwillig seine Angst zugibt?“

Meine Frau Eva kam erst am frĂĽhen Abend von ihrer Freundin zurĂĽck und begann sofort in der KĂĽche das Abendessen vorzubereiten.
Sie fragte mich entgegen ihren sonstigen Gewohnheiten nicht einmal, ob in der Zwischenzeit etwas Wichtiges passiert sei.
Beim Essen erzählte sie mir überausführlich von ihren Einkäufen und den drei Möpsen ihrer allein lebenden Freundin Anna, um danach festzustellen, dass wir uns vielleicht auch einen Hund zulegen sollten. Das bringe Leben in die Bude.
Danach wollte sie unbedingt irgendeinen Film ĂĽber eine Frau sehen, die sich nach Australien abgesetzt hat, um sich dort ein neues Leben aufzubauen.
AnschlieĂźend ging sie ins Bett und schlief schon, als ich mich neben sie legte.

Auf der Beerdigung, zu der ich ging, um sicher zu sein, dass Werner auch wirklich begraben wurde, predigte der grauhaarige Redner eines Bestattungsinstituts. Während er sprach, griff er sich immer wieder in die wilde Haarmähne, besonders als er vom tragischen Tod des Werner Fahrenholz berichtete, der es in seinem rechtschaffenen und erfolgreichen Leben zu viel gebracht und sich als Wohltäter einen besonderen Namen gemacht habe.
Nun gut, Werner spendete mindestens einmal im Jahr ein paar tausend Euro für ein nahe gelegenes Kinderheim, das von Nonnen geleitet wurde. Dafür wurde der Bauunternehmer und Immobilienbesitzer Fahrenholz in der örtlichen Presse mit Foto als lächelnder Gönner zwischen Nonnen und Kindern präsentiert und bekam vor fünf Jahren schließlich seinen letzten Auftrag, neben der katholischen Kirche einen Kindergarten zu bauen.
Werner hatte als Fünfjähriger wegen einer mehrmonatigen Krankheit seiner Mutter selbst fast ein Jahr in einem Kinderheim leben müssen. „Die Nonnen waren dort alle ziemlich nett zu mir:“
Das erzählte er gern und oft, wenn er in der Kneipe sentimentale Anwandlungen bekam und zu viel trank. Richtig besoffen habe ich ihn nur einmal erlebt und dabei schlug er auf mich ein. Einfach so, ohne ersichtlichen Anlass. Zuvor hatte er ausführlich über seine Zeit im Kinderheim erzählt, über Prügeleien mit anderen Heimkindern und darüber, dass ihn sein Vater nur ein einzige Mal dort besuchte, weil der angeblich in seinem Bauunternehmen unentbehrlich war. Sogar an Feiertagen.
„Ich war ihm egal, verstehst du, vollkommen egal. Meine Mutter hat er im Krankenhaus auch nicht gerade oft besucht.“
Obwohl ich schwieg und nur verständnisvoll nickte, schlug er plötzlich zu. Mit der Faust gegen meine Brust. Einen Moment lang würgte er mich sogar.
Bevor ich mich befreien oder gar zurĂĽckschlagen konnte, ging der Wirt dazwischen.
Es war kurz nach dem Tod von Werners erster Frau. Ich habe ihn sogar noch nach Hause gebracht und ins Bett gelegt.
Werner hat danach mehrere Wochen mit mir kein Wort gewechselt. Irgendwann klingelte er an meiner Wohnungstür und fragte, ob ich Lust hätte, mit ihm in die Kneipe zu gehen.
Entschuldigt hat er sich nie, aber drei Jahre lang die Miete nicht erhöht.

Heute Morgen war ich noch einmal bei Irene. Vorgestern habe das gerichtsmedizinische Institut den Leichnam endlich frei gegeben. Die Mediziner haben weder Gift in seinem Körper gefunden noch Spuren von Waffengewalt. Nur ein paar blutige Kratzer auf Brustkorb und Rücken. Herzversagen sei die offizielle Todesursache. Herzversagen in Folge von irgendeiner Überanstrengung.
Irene breitete hilflos die Arme aus. „Werner wollte es unbedingt. Unbedingt …!“
Die Verzweiflung in ihrem sorgfältig geschminkten Gesicht kam mir nicht gespielt vor.
„Übermorgen ist seine Beerdigung. Du kommst doch. Ich würde mich freuen, wenn du mich hinter dem Sarg begleitest.“


__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Version vom 11. 07. 2010 15:37
Version vom 12. 07. 2010 14:28

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


aksapo
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Karl,
Spannend und aufregend, dazu viel Hintergrundinformation, finde eich eine ganz tolle Geschichte.
So richtig aus der Psyche des Menschen geschrieben. Wer hat nicht hin und wieder ganz arge Mordgedanken, wer droht niemals mit dem Umbringen, wenn er auĂźer Rand und Band ist,...kaum einer, denk ich.
AuĂźerdem hat doch jeder irgendwo in sich eine kriminelle Ader,-. Und daĂź ein Senior keinesfalls ins Altersheim will, da lieber in den Knast, da gibt es wenigstens noch ein biĂźchen Power, - ja, das kann ich auch verstehen.
Mir gefällt Deine Geschichte echt gut!

Ein paar Kleinigkeiten: ...eine Art Robin Hood,...
warum eine Art? Robin Hood kann man doch auch heute noch spielen...

weiĂź machen, daĂź...sollte sicher weis machen, daĂź ...heissen.

Schönen Nachmittag,
Aksapo

Bearbeiten/Löschen    


1 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂĽr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂĽck zu:  Erzählungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!