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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Am Frankenberg
Eingestellt am 24. 03. 2004 22:05


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neuni
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2004

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Heute lebe ich, f├╝r mich noch nicht zu begreifen, am Frankenberg. Die Stra├če f├╝hrt von mittelalterlichem Fachwerkh├Ąusern umgeben den H├╝gel hinauf zu der Kirche. Durchschreite ich heute wie so oft den Torbogen zum Vorhof der Kirche, so lasse ich die Stadt Goslar und das Land, in dem ich einmal ein Leben hatte hinter mir. Am Torbogen bilden grobe Ornamente, Moose und Flechten Zeichen die ich noch immer nicht verstehen kann. Ich verharre einen Moment von Furcht erf├╝llt unter dem Torbogen und blicke zu dem dunklem Schiff der Kirche empor. Wie bei meinem ersten Besuch in Goslar liegt Nebel ├╝ber der Stadt. Der Nebel verdichtet sich und scheint um die Kirche undurchdringlich zu sein. Ich ber├╝hre die feuchte Mauer des Torbogens, fr├Âstele und muss mich bald abst├╝tzen um das Gleichgewicht zu behalten. Nun wird es Zeit den gewunden Weg hinauf zu gehen. Ich lasse die anderen Menschen im Nebel der Stadt hinter mir. Nun bin ich allein und werde Dem begegnen.



Genauso ist es gewesen als ich zum ersten mal am Frankenberg war. Ich hatte die Sehnsw├╝rdigkeiten der Stadt hinter mich gebracht ohne eine Vorstellung des Mittelalters die ich suchte zu finden. Aber dann vor dem Tor der Kirche unter dem Steinbogen sp├╝rte ich von tief unten einen alten Schrei der mich anzog. Dieser Schrei war es der mich gerufen hatte. Die Kirche auf dem Frankenberg scheint mir selber gekreuzigt zu sein. Verrostete Metalltr├Ąger halten das Mauerwerk an viel Stellen zusammen. Ich glaube ohne diese Tr├Ąger w├╝rde die Kirche in sich zusammen fallen. Ich wollte die Kirche damals nicht betreten aber eine Art Obsession lie├č mir keine Wahl. Es war eine Zwangshandlung, meine Hand streckte sich gegen meinen Willen nach der kalte Klinke des Portals aus. Ich wollte fliehen aber es gab schon damals keine Flucht, keine Welt mehr au├čerhalb von Dem. Die T├╝r der Kirche h├Ątte verschlossen sein k├Ânnen, aber sie war es nicht. Ich stolperte ├╝ber die erh├Âhte Schwelle in das Halbdunkel der Kirche. Der Raum war menschenleer. Eine Stille lastete in der Luft, nur die Ersch├╝tterung des Bodens durch den Nachhall des Schreies war noch sp├╝rbar. Ich schlich durch das Halbdunkel des Kreuzgangs. Das ewige Licht in dieser Kirche ist f├╝r immer ausgeblasen. Sollte ein Pfarrer versuchen es ab und zu wieder anzuz├╝nden so w├Ąre sein Versuch nur ein Zeichen der Vergeblichkeit. Angst trieb mich vor den Altar zu dem Taufbecken. Es sah leer aus aber ich sp├╝rte das es nicht leer war. Ich griff in das Becken und eine unsichtbare, unbekannte Substanz ergriff von meiner Hand, von meinem Arm und weiter St├╝ck f├╝r St├╝ck von meinem ganzen K├Ârper besitz. Ich versank f├╝r eine unbestimmbare Zeit, bis eine B├Âe ein Fenster aufriss. Eisiger Wind drang in die Kirche, milderte mein Fieber und brachte mich in das leere Gew├Âlbe des Schiffs zur├╝ck. Ich konnte mich noch einmal los rei├čen, schaffte es die Kirche zu durchqueren und fand mich in der dunkeln Nacht in Goslar wieder.



Als ich verst├Ârt und um vergessen bem├╝ht am n├Ąchsten Tag zu meiner Frau und unserem Kind nach Berlin zur├╝ckkehrte, fing das Ende an. Ich begann mich mit meiner Frau zu streiten. Tag f├╝r Tag wurde es schlimmer. Ich kehrte von der Arbeit nur noch auf ein Schlachtfeld zur├╝ck. Ich wei├č das ich von einer uns├Ąglichen K├Ąlte ergriffen immer gemeiner zu der Frau und dem Kind wurde. Ich habe keine Erkl├Ąrung warum ich tat was ich Tat. Mein Blut war nicht mehr meines, ein anderes altes Blut war in meine Adern gedrungen. Die unsinnigen Streiterein mit meiner Frau eskalierten. Bald schlug ich sie in Gesicht. Eines Tages suchte ich den Kampf mit meinem Chef, der einmal mein Freund war. Ich schrie Ihn an bis er zitterten in einer Ecke seine B├╝ros zusammensackte. Ich verlor also meine Arbeit, die ich wohl einmal geliebt habe. Meine Frau die ich wohl auch einmal liebte trennte sich von mir und verlie├č mich mit meinem Kind. Was blieb Ihr auch schon anderes ├╝brig? Ich fand mich nach au├čen eisig kalt und innerlich gl├╝hend und brennend in einer Wohnung wieder, die nicht mehr mein Zuhause war.



Wohin sollte ich damals schon gehen? Gezogen von Dem verlie├č ich Berlin und sucht mir ein Zimmer am Frankenberg. Ich wollte Dem das mir alle Veraantwortung f├╝r das was ich tat abnahm nahe sein. Erst wollte ich nie wieder den Weg hinauf zu der Kirche gehen aber eines Tages war es unvermeidlich. Ich sa├č Stunde um Stunde im Gang der Kirche und wartete. In der Nacht war die T├╝r der Kirche bisher noch nie ge├Âffnet gewesen. Bald ging ich wie heute beim Beginn Nacht den Weg hinauf und dr├╝ckte angsterf├╝llt die Klinke, wurde aber nicht eingelassen.



Nun ├Âffnet sich die T├╝r drinnen ist Schweigen. Ich sehen wohl ├╝ber hundert bleiche Bergleute, schwarzgewandet und bewegungslos, auf den B├Ąnken sitzen. Ich schleiche mich hinter den S├Ąulen entlang und verstecke mich in einer dunkelen Ecke. Das kann nicht wirklich sein, aber ich sehe die Bergleute vom Schacht am Rammelsberg. Die Jahrhunderte sind in dieser Nacht zu d├╝nne Folien. Sie sind transparent geworden. Noch ist kein Ton zu h├Âren die Bergleute verharren. Es wird dunkeler bald sehe ich nichts mehr und sp├╝re nur noch eine kalte S├Ąule, die ich selber geworden bin. Dann pl├Âtzlich knarrt eine T├╝r neben dem Holzaltar. Kerzenleuchter werden von einer Gruppe durch wei├če Umh├Ąnge Vermummter in die Kappelle getragen. Ich sehe nun wieder schemenhaft die bleichen Gesichter mit ihren stierenden Augen, die intensiv aber unbeteiligt nach vorne glotzen. In einem scharlochroter Robe folgt ein alter gebeugter Mann den Vermummten. Seinen blauen Augen blitzen d├Ąmonisch. Er beginnt sich an einer versteckte Vorrichtung an der linken Seite des Altars, die mir noch nicht aufgefallen war, zu schaffen zu machen. Jesus Christus mit seinem Kreuz an der Decke hinter dem Taufbecken beginnt langsam St├╝ck f├╝r St├╝ck hinabzugleiten. Kurz vor dem Becken ergreifen die wei├čen Gestallten das Kreuz. Sie nehmen Jesus von der Kreuz ab. Das Rauen der Bergleute schwillt an. Jesus wird an seinen schwarzen Haaren in eine Ecke gezerrt und dort unachtsam liegengelassen. Nur das Kreutz wird weiter aufrecht gehalten. Das Raunen erf├╝llt den Raum und stirbt dann ab. Der scharlachrote Alte runzelt die Stirn, sein Gesicht scheint nur noch aus den Falten und aus Gr├Ąben zu besten die einen Berg durchziehen. Etwas vor sich hinmurmelt hinkt er zur der T├╝r an der Seite des Altars zur├╝ck und verschwindet. Nach einem Augenblick kehrt er mit einer jungen nackten Frau im Arm in das Schiff der Kirche zur├╝ck. Ihre Augen sind geschlossen lange schwarze Locken umgeben wie Schlangen ihr glattes Gesicht. Ich sehe Ihre gro├čen schneewei├čen Br├╝ste mit aufgerichteten Brustwarzen, die Haut ihres Liebes ist durchscheinend Wei├č. Sie ist sch├Ân. Der scharlachrote Priester schieb sie vor das Kreuz und seine Gehilfen fesseln sie mit groben Stricken. Ihre Augen bleiben noch immer geschlossen. Nun zieht der Priester, dieses unfassbaren Rituals, ein langes goldenes Messer aus seinem rotem Umhang. Das Messer schimmert im Licht der Kerzen. Er rei├čt seine blauen Augen weit auf und beginnt mit h├Âchster Konzentration eine dunkele Liturgie zu brummen. Bald f├Ąllt das unheimliche Raunen der Bergleute in das Brummen des Priesters ein und vereinig sich mit diesem. Aprupt wendet sich der Priester um und verharrt eine Zeit unbewegt vor der nackten ans Kreuz gefesselten Frau. Sie ├Âffnet die Augen und nur noch die Angst ihres Blickes erf├╝llt die Kirche. Ich will mich befreien, nach vorne st├╝rtzen, die Frau vor den unvermeidlich folgenden Schnitten des Messers bewahren. Doch all meine Kraft reicht nicht aus. Meine Energie ist gebunden. Ich bin eine ei├čige im Boden festgefrorene S├Ąule geworden. Ich ├Âffne den Mund will schreien. Der Priester zerschneidet der Frau in Folge die Arme, die Beine, die Br├╝ste und den Bauch. Ihr Schrei erf├╝llt die Luft und ├╝bert├Ânt meinen. Die vermummten Gehilfen handeln nun sehr schnell. Das Kreuz mit der blutenden Frau wird an die Decke der Kirche gezogen. Ihr Blut flie├čt in Str├Âmen auf den Boden. Schnell heben die Gehilfen das steinerne Taufbecken an und stellen es unter das Kreuz, so da├č ihr Blut aufgefangen wird. Der bleichgewordene Priester hinkt zu dem Becken und nimmt den ersten Schluck. Nun blitzen seine Augen wieder d├Ąmonisch in die Gemeinde. Seine Gehilfen treten vor, trinken Blut, verteilen sich an beiden Seiten des Altars und stimmen einen atonalen Choral an, vor dem ich versuche meine Ohren zu verschlie├čen. Ich sehe nun wie sich die Bergleute Mann f├╝r Mann von ihren Pl├Ątzen erheben, vor den Altar treten, ihren Schluck Blut erhalten und die Kirche verla├čen. Die sch├Âne Frau h├Ąngt mittlerweile bewegungslos am Kreuz.



Es wird Still als der letzte Bergmann die Kirche verl├Ąsst. Der scharlachrote Priester und seine wei├č vermummten Gehilfen warten. Ich verharre wie zu vor bewegungslos, bis mich die Augen des Priester erkennen und rufen. Ich kann mich nicht wehren und torkele gezogen vom Unerlebbaren durch den Mittelgang auf den Altar zu. Zitternd senke ich die Blick, betrachte die steinernern Zeichen des Bodens die ich nun verstehe. Vor dem Taufbecken verharre ich einsam, nun ganz f├╝r mich allein. Dann hebt sich meine Hand und greift in das warme Blut. Eine B├Âe rei├čt das Fenster der Kirche auf und eisige Morgenluft l├Ąsst mich erwachen. Ein durch die farbigen Glassscheiben gebrochener Strahl der Morgensonne f├Ąllt in die Kirche. Ich schaue mich um. Die Kirche ist menschleer. Am Kreuz an der Decke h├Ąngt Jesus Christus mit zerrauften Haaren. Ich wei├č das die Reste der ermordeten Frau unter dem Boden dieser Kirche vergraben liegen. Ich habe ihren Schrei geh├Ârt. Ich verlasse die gekreuzigte Kirche, es ist zu Ende.



Ich wei├č das ich zur├╝ckkehren werde, zur├╝ck in mein Leben au├čerhalb von Dem, zur├╝ck in eine Zukunft und vielleicht, wer will es wissen, werde ich auch hierhin zur├╝ckkehren.

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9i

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yeahyoa
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2003

Werke: 3
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Hallo Neuni,
nun habe ich also deine Geschichte gelesen. Muss aber ehrlicher Weise gestehen, dass ich nicht viel mit ihr anfangen konnte. Und jetzt zerbreche ich mir den Kopf dar├╝ber, warum.
Zum Einen vielleicht, weil mir das alles so bekannt vorkommt. Solche Ritualszenen habe ich schon x-mal im Fernsehen gesehen. Oder es liegt daran, dass ich mich ├╝berhaupt nicht mit dem Protagonisten identifizieren kann. Du beschreibst die Szene zwar sehr anschaulich, aber ich sp├╝re da nichts. Ich sp├╝re kein Grauen, keine Verzweiflung. Der Teil, in dem beschrieben wird, wie er seine Frau und die Arbeit verliert, hat mir am Besten gefallen, da erf├Ąhrt man n├Ąmlich was ├╝ber ihn. Aber ansonsten bleibt er die ganze Zeit so ein teilnahmsloser Beobachter, dass ich das Gef├╝hl hatte, es handelte sich um eine Szenenbeschreibung in einem Drehbuch.
Ich finde keine wirklichen Textzeilen, die meinen Eindruck best├Ątigen ÔÇô daf├╝r bin ich wohl im analysieren zu unge├╝bt. Es ist ja auch nur mein pers├Ânliches Empfinden, vielleicht denken andere Leser ganz anders.

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neuni
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2004

Werke: 11
Kommentare: 6
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Hallo Yeahyoh,

danke f├╝r deine Kritik. Die Distanz des Erz├Ąhlers von seiner Geschichte und das Fehlen von Emotionalit├Ąt (was dich st├Ârt) waren bis zum gewissen grade beabsichtigt. Mein "Held" ist in dieser Geschichte neben sein Leben - in eine fremde Welt - geraten, die kaum etwas mit ihm zu tun hat. Mann kann diese Situation aber sicher besser darstellen als ich es in dieser Geschichte getan habe.

Gru├č

9i


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9i

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