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Leselupe.de > Erzählungen
Am Scheideweg
Eingestellt am 12. 07. 2006 22:00


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Hausmann
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jul 2006

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„Lebwohl, Knöpfchen.“ Ich legte sein rotes Hundehalsband über das kleine, verwitterte Holzkreuz.
„Warst mein treuester Freund.“ Weich wehte der Herbstwind durch die nahegelegene Sommerlinde und streichelte den Duft aus den gelbgrünen Blüten. Unter dem azurblauen Himmel schwebte lautlos ein Mäusebussard. Hier begegnete ich zum ersten Mal diesem zierlichen, keiner Rasse und Farbe zugehörigen Hund. In seinen schwarzen Knopfaugen lag vom ersten Augenblick an Liebe und grenzenloses Vertrauen.
Es war ein Jahr, in dem das Erfreuliche dünn gesät war. Das Abitur hatte ich zwar in der Tasche, damit jedoch begann ein Streit in meiner Familie, der tagelang in eisiges Schweigen ausartete. Ich wollte nach Berlin, um zu studieren. Mein Vater hatte zwar widerstrebend nachgegeben, sein Herzenswunsch jedoch blieb, dass ich seine Nachfolge im Revier antreten sollte. Meine Mutter bestand darauf, dass ich einen handwerklichen Beruf lernen sollte.
„Einer muss das Haus in Ordnung halten“, sagte sie energisch. „Helmut ist nicht mehr. Wir haben nur noch Markus!“
„Punkt.“
Seitdem Helmut, mein älterer Bruder, bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, sorgte das Haus und dieser Punkt dafür, dass sich mein Vater jedes Mal resigniert zwischen seine Rosenbüsche verkroch und mit Bier eine Wand zynischer, bitterer Ausdünstung um sich aufbaute.
An diesen Tagen verdrückte ich mich immer, wenn möglich, durch die Hintertür und wanderte allein durch Papas Revier.
Im Radio hatten sie an diesem Tag Gewitter und schwere Regenfälle angesagt. Mir war es jedoch egal. Ich stapfte wütend durch das kleine Birkenwäldchen. Die friedvolle Stille der angrenzenden Wiese und der dahinter liegenden verlassene Bahndamm brachten mich wieder auf andere Gedanken.
Ich saß eine Weile auf einem umgestürzten Baum am Rande des Waldes, als plötzliche ein kleiner Hund jaulend vor mir auftauchte, und an den Schnürsenkeln meiner Turnschuhe zerrte, als wolle er mir etwas Wichtiges zeigen. Plötzlich rannte er zum Bahndamm und sprang um ein Bündel Lumpen, das ich vorher nicht bemerkt hatte.
„Penner“, schimpfte ich, „das ist doch keine Müllkippe.“ Ich wollte gerade danach treten, als mich plötzlich eine Stimme zurück schrecken ließ.
„Haste mal \'ne Kimme?“, klang es dumpf aus den Lumpen. Ein Mann unbestimmten Alters stützte sich auf, streichelte den Hund und schaute mich dabei erwartungsvoll an. Die Lumpen entpuppten sich als ein verschlissener Lodenmantel, der die graue Farbe eines Novemberregens besaß. Aus den kaputten Turnschuhen starrten schmutzig braune Wollsocken. Ein harmloser Tippelbruder, entschied ich halb ärgerlich, halb mitleidig. Hierher hatte sich noch nie ein Obdachloser verirrt. Seine Bartstoppeln erinnerten mich an den rostigen Korkenzieher, den mein Vater in den Rosenbüschen versteckt hielt.
„Nu, was is?“, fragte mich der Fremde. In seinen abgestumpften Augen schwamm Angst, Misstrauen und eine unergründliche Traurigkeit. In seinen schmutzigen Händen hielt er eine volle Flasche billigen Fusels.
„Haste nu \'ne Zigarette?“
„Ich rauche nicht!“
„Kriegst \'nen Schluck ab“, versuchte mich der Penner zu überreden.
„Ich trinke nicht, es zerstört. Sie sollten auch nicht...“
In diesem Augenblick entblößte der Obdachlose sein Zahnfleisch, und zwischen den gelben Zahnstummeln entfloh derselbe zynische Geruch, den ich an meinem Vater so sehr hasste.
„Sie haben sich wohl verlaufen?“ Meine Stimme sollte verächtlich klingen, heraus kam jedoch nur ein hilfloses Gekrächze.
„Geht dich gar nichts an!“
Der kleine Hund suchte bei dem aggressiven Ton des Fremden zwischen meine Beine Schutz.
Der Penner setzte die Flasche an und trank mit gierigen Schlucken.
„Ich wohn\' hier“, grinste er und wischte einige Tropfen von seinem Bart.
In seinem Gesicht lachten nur die Lippen. Die tiefen, schmutzverkrusteten Furchen jedoch drückten eine unermessliche Verletztheit aus. Seine Stimme hatte irgendwann einmal das Leben aufgegeben. Er setzte die Flasche wieder an den Mund, seine Hände flatterten. Als er sie absetzte, quälte sich ein erleichterter Seufzer aus seiner Brust; in seinen Augen regte sich minutenlang ein Hauch von Leben.
„Trink.“
„Nein.
Ich muss nach Hause, es gibt ein Unwetter. Ich muss meinem Vater helfen, das Haus wetterfest zu machen.“
„Ich heiße Robert.“ Es war mehr ein Flehen, da zu bleiben, als dass es ihm wichtig war, seinen Namen zu nennen.
„Ich hatte auch mal ein Haus.“ Er lachte verbittert und trank den letzten Rest.
„Eines Tages bin ich dann gegangen.
Die Tür hab ich ganz leise zugemacht“, flüsterte er kaum noch hörbar. „Es hat keiner bemerkt.
Zweimal hab ich den Schlüssel umgedreht, unterwegs dann in den Gully geschmissen.“ Seine fiebrigen Augen starrten mich an.
„Ich hab\'s nicht mehr ausgehalten.
Immer nur das Haus.“ Es hörte sich an als würde langsam im Schlamm ertrinken.
„Wir brauchen mehr, hat sie gesagt.
Wir müssen das Haus vergrößern, hat sie gesagt.
Ich brauche...
Gesagt hat Sie..
Brauche...
Meine Frau, brauche...
Ein Haus kann ich nicht umarmen, hab ich gesagt.“ Die leere Schnapsflasche flog im hohen Bogen auf den Schotter zwischen den rostigen Gleisen.
„Und Martin hab ich da gelassen, eingeschlossen in den Wahnsinn.
Er wollte Lokomotivführer werden.“ Er lächelte.
„Das wollen alle kleinen Jungs.“ Ich brachte jedoch keinen Ton hervor. Ich konnte mit dem Mann mitfühlen.
Aus seinem verschlissenen Mantel holte der Obdachlose eine weitere Flasche. Flink, sodass kein Tropfen daneben ging, knallte er sie sich auf seine gelben Zahnstummel. Blanke Gier hinderte ihn daran, sie abzusetzen, ehe sie nicht halbleer war.
„Dieses verfluchte Haus“, und setzte wieder an.
„Ich will Trinken“, rechtfertigte er sich zwischen den einzelnen Schlucken. Am Horizont reckte sich eine blauschwarze Wolkenwand in den Himmel.
„Ich muss trinken.
Ich will aber nicht trinken“, begann er zu heulen.
„ich kann nicht aufhören zu trinken.“ Eine Windbö sprang über den Bahndamm. „Ich kann nicht mal mehr aufhören, mir in die Hosen zu machen.
Mir ist Kalt“, sagte er und starrte dabei auf die leere Flasche. Die Worte kamen abgehackt, und sein Atem ging stoßweise.
Das Gewitter hatte inzwischen den Zenit erreicht. Donner folgte auf Donner. Blitze sprangen unter der Wolkenwand hin und her.
„Ein Zug.“ Robert stand auf. Der Sturm hatte inzwischen seine gesamte Gewalt entfacht.
„Da pfeift ein Zug.“ Er schien dem Wahnsinn nahe.
„Es kommt ein Zug“, lachte er Der niederprasselnden Regen nahm er nicht mehr wahr.
„Mit Martin, meinem Sohn.“ Wie besessen kletterte er den Damm hinauf und stellte sich, die Hände schwingend, auf die Gleise.
„Maaartin...“ Das Gesicht des Tippelbruders glänzte im Fieberwahn.
Donner brauste in Salven über uns hinweg.
„Nimm mich mit, Martin!“ Robert streckte seine Hände dem Donnergrollen entgegen.
Unbeirrt zog das Unwetter über uns hinweg und verlor sich mit leisem Donnergrollen in der Ferne.
Plötzlich verkrampfte sich sein Körper. Das Gesicht war schmerzverzerrt, Zuerst unmerklich, dann jedoch immer heftiger begann sein ausgezehrter Körper zu beben. Ein letztes Mal bäumte sich Robert auf und stürzte dann wie ein gefällter Baum den Bahndamm hinunter. Aus dem Mund rann gelbgrüner Speichel. Seine gebrochenen Augen starrten in den sich aufklarenden Himmel.
Es war windstill.
Ich war erstarrt, konnte mich jedoch von diesem grausamen Anblick nicht losreißen. Als Robert jedoch vor mir lag, rannte ich zurück ins Dorf. Den kleinen Hund hatte ich dabei vergessen.
Der Morgen graute, als ich meinem Vater und dem anwesenden Polizisten die Geschichte erzählt hatte.
Mein Vater blieb stumm. Er brachte den Beamten vor die Tür. „Ist das der Hund?“, fragte er mich, als er zurück kam. „Er scheint die ganze Nacht vor der Tür gesessen zu haben. Er ist dir gefolgt, du hast es aber nicht bemerkt.
Verständlich“, murmelte er.
„Ja, Papa.
„Ich möchte ihn behalten, er ist ja jetzt herrenlos.“
„Gern.“
Erstaunt sah ich zu meinem Vater. „Und was ist mit Mutter?“
„Das regle ich.“ Die tiefen Stirnfalten schienen sich zu glätten.
„Endgültig.“

„Wenn du meinst.“ Amüsiert verzog ich den Mundwinkel. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mein Vater eine Chance hatte, sich durch zu setzen.
In den nächsten Wochen sprachen meine Eltern kein Wort mehr miteinander.
Das heißt, meine Mutter sagte nichts. Mein Vater schnitt fröhlich seine Rosen, den Hund durfte ich behalten.
Der Herbst begann sich langsam zu verabschieden, als mein Vater mich an der Hand nahm. Gemeinsam wanderten wir durch das kleine Wäldchen zum Bahndamm. Knöpfchen sprang fröhlich vor uns her. Schweigend setzten wir uns auf die Gleise. Es war friedlich, als wäre hier niemals etwas Grausames geschehen.
Ich lächelte dankbar.
„Worüber freust du dich?“, fragte mich mein Vater zärtlich.
„Es ist schön, neben dir zu sitzen.
Und es ist schön, dass du nicht mehr trinkst“, und ergriff die Hand meines Vaters.
„Was wird jetzt?“, fragte ich nach einer kleinen Weile.
„Mutter wird sich irgendwann schon abfinden.“ Mein Vater setzte sich aufrecht.
„Es ist schließlich dein Leben, und wenn du nach Berlin willst...
Das Studium bezahl ich dir.“
Erstaunt sah ich zu meinem Vater. Diese derart konsequente Stimme kannte ich überhaupt nicht. Er jedoch schien es zu genießen.
„Der Hund bleibt solange hier. Ich werde ihn mit ins Revier nehmen.“
„Knöpfchen“, lachte ich. „Der verscheucht doch jedes Wild.“
„Er ist ein kluger Hund, er wird schon begreifen, wann er still zu sein hat.“
Ich zog nach Berlin. Das Psychologiestudium konnte mich nicht begeistern. Lustlos schleppte ich mich durch drei Semester. Eigentlich nur noch, um meinen Vater nicht zu enttäuschen.
Ich hatte mich gerade durch gerungen, mein Studium abzubrechen, da riss ein Anruf meiner Mutter mir die Entscheidung aus den Händen.
„Vater ist tot.“
Das gesamte Dorf stand am Grab. Beileidsbezeigungen und Händeschütteln, gespickt mit einem leicht vorwurfsvollen Augenaufschlag, ließ ich teilnahmslos über mich ergehen.
„Den Hund nehme ich mit“, sagte ich während der Leichenfeier zu meiner Mutter.
„Ich werde das Haus verkaufen“, erwiderte sie tonlos.
Das unterdrückte Murmeln der Gäste tat mir weh.
„Dein Vater lebte gerne hier.“ Ich schaute auf. Helmut, Förstergehilfe meines Vater setzte sich auf den freien Stuhl neben mir.
„Und er war mit Leib und Seele Förster, dein Vater.“
„Mir ist, als wäre es gestern gewesen“, lachte er und klopfte mir dabei auf die Schulter. „In den Ferien bist du immer mit ihm ins Revier.“
Ich lächelte verlegen.
„Der wird mal mein Nachfolger, sagte er immer stolz zu mir.“ Helmut seufzte.
„Wird nicht einfach, einen Nachfolger zu finden.“
„Na ja, erst mal übernehme ich\'s, bis sie einen finden.“

Ich liebe meine Arbeit im Revier. Ich liebe es, durch die Wälder und über Wiesen zu gehen. Es bereitet mir Freude, das Wild zu hegen und zu pflegen.
Die ersten Jahre lernte ich bei Helmut. Für die Prüfung ging ich einige Zeit in den Thüringer Wald. Knöpfchen war immer bei mir.
Die Rosenbüsche in unserem Garten habe ich auch behalten. Nur der rostige Korkenzieher ist im Mülleimer gelandet. Meine Mutter kann nach einem Schlaganfall leider nicht mehr sprechen, doch immer, wenn sie sich unbeobachtet fühlt lächelt sie mir zu.
Das Kreuz für den Fremden habe ich nach meiner Entscheidung im Dorf zu bleiben, hier aufgestellt. Das Hundehalsband? dieser Fremde war ja auch mal sein Herrchen.
Die verwitterte Inschrift habe ich schon dreimal erneuert.
Zur Erinnerung an einen Menschen, der nicht mehr erfahren hatte, dass sein Leben doch nicht ganz sinnlos war.
„Schlaf gut, geliebter Fremder.“

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HFleiss
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Am Scheideweg

Das ist die erste Geschichte, die du hier gepostet hast, und deshalb will ich dich erst einmal herzlich begrüßen.

Ich habe nicht genau verstanden, was du eigentlich erzählen willst: wie der Erzähler zu seinem Hund kam oder wie die Familie auseinanderfiel? Ich glaube, dass die Geschichte mit dem Hund ausgereicht hätte, damit eine runde Geschichte entstanden wäre. Solltest du aber eine Familiengeschichte im Sinn gehabt haben, ist der Passus mit dem Penner viel zu lang geraten. Ich schlage dir im Interesse des Textes wirklich vor, zu streichen ab dem Tod des Vaters. Sprachlich benötigt der Text auch noch mal eine genaue Überarbeitung. Aber du kannst schön erzählen, die Szene mit dem Penner ist gut gestaltet. Für die Überarbeitung wünsch ich dir eine glückliche Hand.

Gruß
Hanna

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