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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Amnesia Ferrari - Eine wahre Geschichte
Eingestellt am 13. 03. 2003 02:02


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Alpha O'Droma
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Amnesia Ferrari

Eine wahre Geschichte

Frank und ich wir waren Kumpels. Wir grasten zusammen Billardkneipen, Spielotheken und Billardsalons ab, um zu zocken. Wir liebten Pool Billard – keine Frage – aber es war auch unser Job. O.K., ich spielte noch Backgammon und gewann Einiges mit Sportwetten, aber Pool zahlte die Miete. Frank und ich waren Berliner Meister. Beide um Rang 50 in Deutschland. Das machte uns zwar nicht zu Topprofis, aber zumindest in Berlin pinkelte uns keiner ans Bein. Es existierten zwar etwa ein Dutzend gleichwertige Player in der Stadt, aber mit denen spielte man nicht um Geld. Man ma├č sich mit ihnen auf Turnieren. Ich fand es bl├Âd, mit jemand zu zocken, wenn meine Chance zu gewinnen unter 80% lag. Um eine Lage, die Tischmiete, ‘nen Fuffie – kein Problem, aber die richtige Kohle machte man mit Freiern. Freier stellten alle Menschen dar, die sich nicht unter den Top 100 der deutschen Rangliste bewegten, aber dennoch dem Trugschluss unterlagen, sie verst├╝nden etwas von Pool Billard: Kneipenbesitzer, Automatenaufsteller, Hobbyspieler, Zuh├Ąlter oder die obligatorischen T├╝rken in der Spielothek. Sogar Schauspieler geh├Ârten zu meiner Kundschaft. Ein gewisser M. Carriere schuldet mir immer noch 2.400 Mark von einer durchgekoksten Backgammonnacht. Falls er das liest, soll er die Beute an den Verlag ├╝berweisen...
Jeder hat seine eigene Tour drauf. Frank macht immer auf Understatement. Er tut so, als h├Ątte er noch nie ein Queue gesehen und lutscht dann seine Partien mit Safes und geschicktem Stellungsspiel nach Hause. Das habe ich nicht drauf. Ich marschiere mit einem Seidenanzug in einen Billardsalon, schraube ostentativ mein 1000$Queue zusammen und provoziere die anwesenden Spieler: “Ihr seid alle Pfeifen! Keiner von euch hat einen Schimmer von Pool, und ich werde euch den Arsch aufrei├čen. 100 DM die Partie. Wer von euch Jammerlappen traut sich?” Irgendein armes, profilneurotisches Schwein tritt immer vor, um es mir, dem hochn├Ąsigen, unsympathischen, arroganten Wichser zu zeigen. Nachdem ich seine lumpigen 200 Mark habe, und wei├č, wie schlecht er ist, biete ich Quoten an, an denen sich die Anderen beteiligen k├Ânnen: “Die n├Ąchste Partie zahle ich doppelt aus.” Und so weiter. Der Vorteil meiner Methode ist, dass sich hinterher keiner beschweren kann, ich h├Ątte ihn nicht gewarnt. Frankie hingegen bekommt oft Probleme, wenn er einen zu guten Zugball spielt, doch der Effekt ist oft derselbe. Beide sind wir schon – Kohle in der einen, Queue in der anderen Hand – aus diversen Etablissements gest├╝rmt, um uns, verfolgt von z. B. einem Rudel w├╝tender Araber, in ein Taxi zu retten. Berufsrisiko.
Frank und ich waren Kumpels, also arbeiteten wir oft zusammen. Kennen Sie “Der Fremde und der Freund”? Unsere Lieblingsnummer. Sie funktioniert so: Ich habe im Norden Berlins einen neuen Billardverein ausgemacht, PBC Reinickendorf oder so. Vereinsspieler halten sich oft f├╝r gut, nur weil sie in einem Verein spielen. Ich werde also f├╝r 20 Mark passives Mitglied (Aktiv ist nicht m├Âglich, weil ich bereits f├╝r den besten Berliner Verein in der Bundesliga spiele, aber das wissen die Trottel nat├╝rlich nicht) und lasse mir von den Vereinsmeiern das Spiel erkl├Ąren. Ich spiele anfangs nur um Lagen, wie das so ├╝blich ist, erst sp├Ąter um kleine Betr├Ąge, aber nie mit den “guten” Spielern, schlie├člich bin ich noch ein halber Anf├Ąnger. Dass ich die erste Woche mit der linken Hand spiele (aus Trainingszwecken), f├Ąllt niemandem auf. In der zweiten Woche pl├╝ndere ich die besseren Spieler und wage mich in der dritten sogar an den Wirt heran (der auf seinem Billardtisch schl├Ąft). Nicht einmal 2.000 DM hole ich aus der Kneipe, dann haben sie die Nase voll. Aber keiner ist sauer, denn ich spendiere von meinem Gewinn immer genug Getr├Ąnke. Ich bin akzeptiert. Dann geschieht es. Ein Fremder kommt in die Kneipe, behauptet, er h├Ątte geh├Ârt, dass man hier um Kohle spielt. Er ist gut gekleidet und wedelt mit einem B├╝ndel Scheinen herum, um seiner Intention Ausdruck zu verleihen. Zuf├Ąllig bin ich auch anwesend. Der Wirt stupst mich an, es dem Fremden zu zeigen, aber ich kann diesen gro├čen Einsatz nicht alleine halten.. Ich lege 250 auf den Tisch, alles, was ich habe. Kalle, den ich etwa 400 Mark und 30 Lagen gekostet habe, legt noch einmal 250 drauf und schl├Ągt mir aufmunternd auf die Schulter: “Schnapp ihn dir!” Andere folgen seinem Beispiel, denn zuf├Ąllig ist Samstag, und zuf├Ąllig war gestern der Erste. 1.850 Mark kommen so zusammen, alle setzen auf mich. Schlie├člich grinst der Wirt den Fremden an, nimmt 5.000 Mark (seine Pacht) aus einem speckigen Portemonaie und knallt sie herausfordend auf die Theke: “15 Spiele. Wer zuerst 8 gewinnt! Das Geld kommt unter den Aschenbecher.”
Klare Regeln. So, wie ich es mag. Der Fremde schl├Ągt ein und h├Ąlt den Einsatz von 6.850 Mark. In einer pathetischen Zeremonie z├Ąhlen die Kontrahenten ihre Scheine ab und legen sie unter einen dicken Glasaschenbecher. Der noch dickere Manne wurde zum Schiedsrichter auserkoren und bewachte das Teil kompetent, denn er war Kettenraucher. Ich war immerhin mit 250 dabei, aber nicht halb so nerv├Âs wie die ganze Kneipe, die auf mich gesetzt hatte.
Der Typ war gut. Ich machte einen kleinen Fehler um ersten Spiel und er beendete das Spiel souver├Ąn in einer Aufnahme. Das zweite: Ansto├č – Aus. Totenstille in der Kneipe, denn alle sahen ihre Felle davonschwimmen. Das dritte: Ansto├č – keine Kugel gefallen. Die Vollen lagen gut, ich versenkte eine nach der anderen und dann die 8. Tosender Applaus. Ich stiess an und beendete auch das n├Ąchste Spiel, ohne den Fremden ├╝berhaupt an den Tisch zu lassen. Ich war gut drauf. Aber der Fremde auch. Wann immer einer eine Kugel verschoss, gab sein Gegner ihm keine Chance mehr. Am Ende lag ich 6:7 hinten, doch bei seinem letzten Ansto├č war die Wei├če gefallen. Ich w├Ąhlte die Halben und scho├č aus. 7:7 das entscheidende Spiel. Jetzt kam mir zugute, dass ich das Ansto├črecht erobert hatte. Ich beschleunigte den Spielball mit einem Peitschenknall auf ├╝ber 100km/h und sprengte den Pulk. Zwei Volle fielen. Siegessicher blickte ich den Fremden an. Die Stellung schien zwar schwierig, aber nicht unl├Âsbar. Die 8 lag mitten in der Tasche, ich musste also nur 5 Volle versenken, und das Match war gewonnen. Die ersten 4 lochte ich sicher, aber die letzte konnte nur in einem extrem spitzen Winkel auf die Mitteltasche versenkt werden. Der entscheidende Ball. Ich spielte ihn sanft, mit viel Gef├╝hl. Er musste kurz vor der h├Ąsslichen Kante quasi liegen bleiben und dann abkippen. Alle hielten den Atem an, als die Kugel unaufhaltsam auf die Tasche zurollte, die Ecke ber├╝hrte und dann vor dem Loch liegen blieb, obwohl die H├Ąlfte schon hineinschaute. Nat├╝rlich beendete der Fremde das Spiel. Nat├╝rlich steckte er sich die 13.700 DM ein und verliess l├Ąchelnd das Lokal. Nat├╝rlich tr├Âsteten mich alle in meiner j├Ąmmerlichen Verzweiflung und gaben mir Getr├Ąnke aus, hatte doch auch ich all mein Geld verloren. Nat├╝rlich traf ich mich eine Stunde sp├Ąter mit Frankie und wir machten Halbe Halbe. Nat├╝rlich bepissten wir uns vor Lachen und freuten uns auf die Revanche, die allerdings nur l├Ącherliche 1.800 Eier bringen sollte. Nat├╝rlich sch├Âpfte irgendwann irgendwer Verdacht, und wir konnten uns in dieser Gegend nicht mehr blicken lassen. Aber wer will schon freiwillig nach Reinickendorf.
Frank und ich waren Kumpels. Nat├╝rlich fuhren wir auch zusammen zur Deutschen Meisterschaft – schon um Spritgeld zu sparen. Der Poolbillardverband gew├Ąhrt einem n├Ąmlich nur 50DM Fahrtkostenzuschuss – f├╝r ein Wochenende, das mindestens einen Tausender kostet. Aber, auch wenn wir Gambler waren, gebot die professionelle Eitelkeit, sich in irgendeinem Nest im Ruhrgebiet die B├Ąlle um die Ohren zu hauen, obwohl es nichts zu verdienen gab – beim Pool. Bl├Âdsinn, zu zocken, wenn jeder, den du triffst genauso gut ist wie du oder gar besser. Allerdings haben die wenigsten Poolchampions Ahnung von Poker, Black Jack oder Backgammon. Wir sollten zumindest die Reisekosten wieder rausholen... Frank war f├╝r 14/1 qualifiziert, ich f├╝r 8-Ball, wir konnten einander also bedenkenlos anfeuern. Frankfurt lag (fast) auf dem Weg, und ich schlug vor, dort zu ├╝bernachten, denn zum Zocken sollte man nicht ├╝berm├╝det erscheinen: “Ich kenne dort einen Typen, wo wir pennen k├Ânnen. Wir fahren einen Tag fr├╝her los und kommen daf├╝r ausgeruht an.”
“Was issen das f├╝r’n Typ?”, wollte Frankie wissen, denn er kannte die zweifelhafte Gesellschaft, in der ich verkehrte.
“Der is cool, Alter, mach dir keinen Kopp!”
Ich musste immer schmunzeln, wenn ich an Egon Tragesser dachte. Also erz├Ąhlte ich Frank seine Geschichte: “Egon war mal mein Boss. Mit 19 hatte ich mein Studium (Betriebswirtschaft/Marketing) an der TU abgebrochen und war B├Ârsenmakler geworden. Ein hochtrabender Titel f├╝r einen, der wildfremde Leute um Geld anhaut, um damit zocken zu d├╝rfen. Warentermingesch├Ąfte, Wall Street, Merryl Lynch, Gewinne steuerfrei. Es gab genug Irre im Lande. Wir riefen sie an und setzten ihnen Flausen in den Kopf: “Der Dollar geht hoch. Heute noch D-Mark Putoptions kaufen!” Wir sa├čen in einer Art H├╝hnerk├Ąfig. Zw├Âlf verr├╝ckte Typen, jeder hatte etwa 80 Zentimeter im Quadrat, auf denen sich 2 Telefone und ein Reutersmonitor befanden. Am Ende des Raumes sa├č er: Egon Tragesser, unser Guru, die Legende. Mitte der 70er kam er zu seinem Ruhm. Egon hatte mit 15.000 DM begonnen, auf Silber zu setzen, just als die Gebr├╝der Hunt begannen, den Silbermarkt zu cornern. Cornern bedeutet aufkaufen. Die Hunts steckten eine halbe Milliarde $ in Silvercalloptions, d. h. sie zockten auf steigendes Silber, und kauften f├╝r eine halbe Milliarde $ Silber auf. Ihre kurzfristigen Optionen verzigfachten ihren Wert. Sie splitteten den Gewinn, kauften f├╝r die H├Ąlfte weitere Silberoptionen und f├╝r die andere H├Ąlfte – Du ahnst es – Silber und so weiter. Egon sah den Trend als Erster und machte aus seinen 15.000 DM anderthalb Millionen – mit Silberoptionen. Das war easy, denn Silber stieg von 5 $ auf ├╝ber 60 $. Dennoch schaffte das kaum jemand, denn als sich Silber erst mal verdoppelt hatte, traute sich fast niemand, noch einzusteigen. Nicht so Egon. Beinhart realisierte er jede Option, die ins Geld gelaufen war, und kaufte neue davon. Nach knapp einem halben Jahr sagte Egon voraus, dass der Kurs kollabieren w├╝rde. Silber war hoffnungslos ├╝berbewertet. Egon ├Ąnderte seine Taktik. Er steckte fast all seine Kohle in Monatsoptionen f├╝r fallendes Silber. Nach einem Monat hatte er ├╝ber eine Million wieder verzockt. Nach 32 Tagen fiel Silber in den Keller. H├Ątte Egon eine Woche l├Ąnger gewartet, w├Ąre ein hoher zweistelliger Millionenbetrag dabei rausgesprungen. Egon nahms gelassen. Mit nem L├Ącheln, wie ein richtiger Spieler. Echte Spieler verlieren immer mit nem L├Ącheln. Halb so schlimm. War ja nicht mein Geld... Egon verdient nicht schlecht. Fette Villa und Ferrari...”
“Ferrari?”, Frank wurde hellh├Ârig. Er hatte mal KFZ-Mechaniker gelernt und war ein absoluter Autonarr, “Mit dem m├╝ssen wir ‘ne Runde drehen! Egal, erz├Ąhl weiter!”
“Er ist zur├╝ck nach Frankfurt, weil die Berliner damals noch zu konservativ dachten. Lassen ihr Geld lieber auf der Bank, die Idioten. Egon hat mir alles ├╝bers Anbaggern beigebracht. Kohle – nicht Frauen. “Letzteres wird durch Vorwegnahme des Ersteren ├╝berfl├╝ssig.”, behauptete er. Egon ist nicht nur ein Genie, er ist auch ein verr├╝ckter Hund. Manchmal, wenn nix los war, und nur die Allerh├Ąrtesten noch im H├╝hnerk├Ąfig sa├čen, um ihre Opfer anzutelefonieren, rief er uns an seinen Schreibtisch. Meist gegen 21.00. Wir drei oder vier um diese Uhrzeit noch verbliebenen, hartgesottenen Broker schlurften dann ersch├Âpft zu ihm, sahen unseren Meister aus tr├╝ben, blutunterlaufenden Augen an und erwarteten eine seiner Motivationspredigten, die einen aufputschten und optimistisch an den Job herangehen lie├č. Doch Egon sagte nichts, kippte etwa zwei Gramm Koks auf die Glasplatte seines monumentalen Desks, zerhackte das Zeug wortlos und bot uns allen eine dicke, lange Line an. Nat├╝rlich benutzten wir seinen Tausender, um das Kokain zu sniefen – mit ‘nem Zehner kommt das nicht! Er wartete, bis der Effekt einsetzte und hielt dann eine seiner Motivationspredigten, die einen aufputschte und optimistisch an den Job herangehen lie├č. Egon schaltete das Telex ein und lie├č es rattern (Telex = der heutige Leser m├Âge sich bitte eine primitive Art Faxger├Ąt vorstellen, das damals fast so teuer war wie ein Kleinwagen, so gro├č wie eine Kopierstation, so leistungsf├Ąhig wie das Display eines Billighandys und es machte auch noch ordentlich Krach). Dann gab er uns den Tipp, immer zwei Kunden gleichzeitig anzurufen, extatisch zu klingen und jeden, der unsere Extase nicht nachvollziehen konnte, sofort aus der Leitung zu werfen. Es war ein m├Ąchtiges Gebr├╝ll im H├╝hnerk├Ąfig. Das Opfer h├Ârte Panik im Hintergrund, Stimmen, die sich ├╝berschlugen (Egon hatte AFN voll aufgedreht) dann: “Herr Knausrig, wir hatten letzte Woche schon telefoniert...” “Aber ich sagte Ihnen doch schon...” “Ein Tief ├╝ber S├╝damerika, Frost in Brasilien! Die Kaffepreise werden explodieren! Sie m├╝ssen noch heute... Sekunde, ich bekomme gerade eine Order auf der anderen Leitung.” Dann legt man den H├Ârer hin und arbeitet an der Ger├Ąuschkulisse: “100.000? alles klar, aber sie m├╝ssen den Scheck noch heute Nacht vorbeibringen. New York hat gerade er├Âffnet. Ich kann ihre Order sofort rausschicken. Gut. Dann nehmen Sie sich ein Taxi... Herr Knausrig?” Wenn er jetzt noch nicht aufgelegt hat, stehen die Chancen Fifty Fifty, das er aus der Tasche kommt. “Herr Knausrig, wieviel Kaffeeoptionen wollen sie ordern? Im Moment steht der Preis bei 7.145 $ ...” Egon raschelt mit der Zeitung in den H├Ârer, l├Ąsst freie Telefone klingeln und schreit etwas ├╝ber die halbe peruanische Ernte, die laut Reuter bereits vernichtet sei. “Herr Knausrig, ich habe keine Zeit. Besitzen Sie ein Auto?” Und so weiter. In dieser Nacht haben wir 135.000 DM aquiriert. Kaffee ist nat├╝rlich gefallen, aber wir hatten die Provisionen im Sack und unseren Spa├č.”
“Was ist mit dem Ferrari? Hat er den immer noch?”, war Franks einzige Sorge.
“Ich ruf ihn an.”

Am n├Ąchsten Freitag fuhren wir in meinem alten Honda Civic nach Frankfurt. Egon, mittlerweile gesetzter Familienvater, war froh, einen der wilden Freaks aus der alten Zeit wiederzusehen und bot uns ein G├Ąstezimmer und diverse Klappbetten an, falls wir unterwegs jemanden kennenlernten. Wir bem├╝hten uns sehr, aber die Anhalterinnen an diesem Freitag trampten nicht nach Frankfurt, und jene, die freundlich winkten, um in die Mainmetropole zu gelangen, sahen potth├Ąsslich aus. Pech.
Wenig Baustellen. Nachdem ich den 200DM-Japaner (noch vier Monate T├ťV, billiger als die U-Bahn) gut sechs Stunden getreten hatte, empfing uns der Stau am Frankfurter Kreuz. Nur zwei Stunden sp├Ąter waren wir dann in Frankfurt. Frankie lotste mich mit einem Stadtplan durch die verbauten Stra├čen, bis wir uns in den Vororten befanden. Nach einem unfreiwilligen Exkurs durch Wiesbaden standen wir schlie├člich nach weiteren zwei Stunden vor Egons Haust├╝r. ”Alpha, mein Junge, komm rein!” Ich stellte ihm Frank vor. Der war beeindruckt: “Nette H├╝tte, Egon.” “H├Ąlt den Regen ab.”, lachte er und f├╝hrte uns nach hinten zum Pool, “Dort ist der K├╝hlschrank.” Frankie hielt es nichtmehr aus: “Wo ist der Ferrari?” Egon seufzte: “In der Garage, der Auspuff hat ein Loch. H├Ârt sich an wie ein aufgebohrter Trecker. Hab nat├╝rlich sofort einen Werkstatttermin gemacht – in 2 Wochen. Wird mich zwei Riesen kosten...” Frankie winkte ab: “Den kann ich Dir in einer Stunde reparieren. F├╝r knapp 30 Mark.” Egon zog die Augenbraue hoch: “Ihr wollt das Ding fahren?!” Wir hechelten fr├Âhlich wie zwei junge Hunde, die darauf warten, dass man endlich das St├Âckchen wirft. “Seht ihn Euch erst mal an!”
Wir folgten ihm zur Gargage, und da stand das Prachtst├╝ck: ein schwarzer Testarossa. Frank verzog ein wenig die Miene, denn als Purist bestand er auf Maranello-Rot, doch ein Blick unter die Motorhaube und alle Einw├Ąnde waren weggewischt. 12-fache Gl├╝cksseligkeit. Dann schnappte sich Franky eine Taschenlampe und sah unter das Geschoss: “Fettes Loch im Kr├╝mmer. No Problem!” Egon staunte: “Was willst Du machen?
Frank erkl├Ąrte: “Ich brauche eine leere Bierdose, zwei Schlauchschellen und einen speziellen Reperaturkitt f├╝r 19.98. Die Dose wird aufgeschnitten, mit dem Kitt eingeschmiert Kabelschellen rum – fertig. Man muss den Auspuff danach nur noch hei├č fahren. Der Kitt wird dadurch gebacken und das Loch ist dicht.” “Am besten auf der Autobahn.”, bem├╝hte ich mich, schnell hinzuzuf├╝gen. Unser Gastgeber lachte: “Alles klar. Komm Frank, ich fahr Dich zu ‘nem Autobedarf!”
Neidisch blieb ich zur├╝ck, als die Beiden einsstiegen. Der Testarossa ist nun mal keine Familienkutsche. Der Neid legte sich, als Egon den Z├╝ndschl├╝ssel umdrehte. Es war die H├Âlle auf R├Ądern. Ich dachte, ich bef├Ąnde mich mitten im Auspuff eines Dragsters, und nur die ge├Âffneten Garagentore verhinderten, dass mir das Trommelfell platzte. Egon bek├Ąmpfte das Ph├Ąnomen im Fahrzeuginneren mit einer 600 Watt-Fuge von Bach. Mir blieb nur die Flucht ins Haus – und die unausgesproche, aber selbstverst├Ąndliche Verpflichtung, einen Joint zu bauen, w├Ąhrend die Beiden Kabelschellen und Spezialkitt besorgten. Nachdem ich diese Pflicht erledigt hatte, ging ich zum K├╝hlschrank, um mich noch n├╝tzlicher zu machen – schlie├člich brauchte Frank eine leere Dose...
Ich h├Ârte sie schon aus vier Blocks Entfernung. Als der H├Âllenl├Ąrm an der Auffahrt verstummte, z├╝ndete ich den Doobie an. Wir rauchten ihn am Pool.

15 Minuten sp├Ąter schaute mich Frank aus ger├Âteten Augen an: “Ich wollte noch was erledigen...?” “DEN AUSPUFF!”, riefen wir unisono. Schlagartig ern├╝chtert sprang Frank auf: “Der Ferrari!”, und sprintete zur Auffahrt, seinem Kindheitstraum folgend. Nach 10 Sekunden war er wieder da. “Das ging aber fix.”, meinten wir unisono, insgeheim nicht sicher, ob die Zeit so schnell verging und wir so stoned waren, dass keiner es so genau mitbekommen hatte, wie schnell... (kann so vorkommen – oder umgekehrt)
“Hast Du ‘ne alte Hose, Egon?”
“Da auf der Leine, die blauen Shorts.”
Frank zog sich in Rekordzeit um und wetzte wieder zu seinem Kindertraum. Wir lie├čen uns derweil in den Pool gleiten, um einander zu berichten, wie es uns denn so ergangen war in den letzten Jahren. Bei mir das ├╝bliche wirre Zeug, bei ihm die ├╝bliche Geldscheffelei. Als ich ihn fragte, wo denn seine Frau sei, und er: “Beim Einkaufen.”, antwortete, zerri├č ein grauenhafter spitzer Schrei die Idylle unseres gem├╝tlichen Nachmittags. Der Schrei entstammte einer weiblichen Kehle, die sich direkt hinter mir befinden musste. Mir w├Ąre ein Tropfen in die Hose gegangen, aber zum Gl├╝ck hatte ich keine an und schlie├člich sind Pools doch genau daf├╝r da, oder? Egon schaute ziemlich bl├Âd, doch nachdem ich mich umgedreht hatte, sah ich seine Frau, die noch viel bescheuerter aus der W├Ąsche schaute: “Egon, was machst Du denn hier?” “Ich wohne hier, Maren. Erinnerst Du Dich?”
“Und wer ist das unter unserem Auto?”
“Alphas Kumpel, Frank. Er repariert den Auspuff, was ist denn los, Schatz?”
Schatz’ Gesicht lief puterrot an: “Ich habe ihm an den Sack gefasst.”
“DU HAST WAS?”, riefen wir abermals gleichzeitig.
“Sein, ├Ąhh, jedenfalls, ├Ąh, Deine Shorts, es hing, ├Ąh, ich meine, es guckte heraus. Ich dachte, alle Nachbarn, ├Ąh... verdammt der Sack war zu sehen und da habe ich in eben wieder hinein ├Ąh gest.. hmm, plaziert... ├Ąh, hihihihihi...”
Unser Gel├Ąchter war mittlerweile immer lauter geworden, hatte die Peinlichkeit vertrieben und sie angesteckt. Wir spritzten einander bei dem sinnlosen Versuch, uns auf die Schenkel zu schlagen, ordentlich nass. Egon w├Ąre vor Lachen fast ertrunken, und auch ich schluckte eine Menge Wasser. Schlie├člich schnappten wir uns Badem├Ąntel - wobei ich verf├╝hrerisch mit allem wackelte, was nach einem k├╝hlen Bad eben so ├╝brig bleibt. Doch Egons Frau winkte kichernd ab. Zu dritt gingen wir nach draussen, um Frankie zu interviewen. Hatte ihm bestimmt gefallen. Doch der r├╝hrte sich nicht mehr. Wir zogen ihn an den Beinen unter dem am rechten Hinterrad hochgebockten Ferrari hervor. Eine m├Ârderm├Ą├čige Beule zierte seine Stirn. Er murmelte benommen etwas, Egon und ich sahen uns an, prusteten erneut los und rannten ins Haus.
Maren l├Âste die Situation geschickt: “Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken, was machen Sie unter unserem Wagen?”

Frank erinnerte sich an nichts, nicht einmal an die unsittliche Ber├╝hrung, die seinen Sch├Ądel gegen das frisch reparierte Auspuffrohr knallen lie├č. Er denkt bis heute, er sei nur kurz benommen gewesen, denn wir hielten dicht.

Sollten Sie, werter Leser Ihn jemals treffen, so lassen Sie ihn in dem Glauben. Wir haben ihm 5 Minuten seines Lebens gestohlen – die witzigsten. Ich h├Ątte daran zu knabbern...
Daf├╝r holte er bei der Deutschen Meisterschaft Silber und ich flog im Achtelfinale raus.

Und wir durften mal mit Egons Testarossa ├╝ber die A5 heizen...

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Parsifal
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Registriert: Not Yet

Hallo Alpha,

wenn man fr├╝h am Morgen eine so hinrei├čend erz├Ąhlte Geschichte liest, ist der Tag gerettet, auch wenn es der 13. ist. Hier stimmt einfach alles: der Tonfall, das Tempo, die Sprache. Obwohl ich von Pool-Billard so viel verstehe, wie die Kuh vom Eierlegen, und bei Backgammon immer noch die W├╝rfe abz├Ąhlen mu├č (auf der Stufe des Verdoppelns bin ich noch nicht angekommen), habe ich Deine Geschichte mit Vergn├╝gen verschlungen, und das will viel bedeuten, da ich eigentlich eine etwas andere Literatur bevorzuge. Man sollte diese Geschichte zur Pflichtlekt├╝re in der LL machen. So schreibt man: nicht tiefsinnig, aber flott, spannend und am├╝sant!

Herzlichst
Parsifal

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Wahrlich ein Lehrst├╝ck!

Wie parsifal, verstehe auch ich nichts von Pool-Billiard, aber der Text macht alles verst├Ąndlich und dazu mit Spannung pur. Zeitweise erinnerte mich die Story an den genialen Film "Der Clou".
In der Tat, der Text offenbart eine besondere Note. Rote Socke wird jetzt unversch├Ąmt: W├Ąre ich ein ber├╝hmter Literaturkritiker, w├╝rde ich sagen: Dieser Text ist ein zeitgem├Ą├čes Meisterwerk. Er entspringt unserer Zeit und unserer Sprache.
Hat gro├če Freude gemacht. Gl├╝ckwunsch!

Beste Gr├╝├če
RS

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