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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Angekommen
Eingestellt am 31. 10. 2006 16:10


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HFleiss
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Angekommen


Sie f├╝hlte sich schlecht, gleich beim Erwachen. Wie immer in den letzten Jahren, seit ihr der Mann gestorben war, wachte sie fr├╝h auf, wenn es noch dunkel war, schon um drei. Dann, als sie merkte, dass es sie sogar auf dem Kopfkissen schwindelte, lag sie noch eine Weile, sie war wohl eingeschlummert.

Um vier stand sie auf. Sie b├╝ckte sich, um nach dem Hausschuh zu langen. Ihr wurde schwarz vor Augen. Der Blutdruck, die Doktorsche hatte gesagt, mit dem m├╝sse sie sich vorsehen. Ihr Leib lag schwer auf der zerw├╝hlten Bettdecke. Es gelang ihr hochzukommen, indem sie sich auf die Ellbogen st├╝tzte, bis sie stand, auf den blo├čen F├╝├čen. Es war k├╝hl im Zimmer, sie schlief immer mit offenem Fenster, trotz des Autoverkehrs auf der Stra├če, der sie schon seit langem nicht mehr st├Ârte, aber die Nacht war kalt, jetzt, im Dezember.

Mit schwerem, unsicherem Schritt tapste sie zur T├╝r. Angelangt, hielt sie sich einen Moment an der Klinke fest, wieder f├╝hlte sie diese Blutleere im Kopf, ihr war, als w├╝rde sie erblinden, der schwarze Vorhang vor Augen wollte nicht weichen.

Sie musste einen Kaffee trinken und ihre Medikamente einnehmen. Gestern war sie leichtsinnig gewesen und hatte das Pillenzeug erst mittags eingenommen, beinahe h├Ątte sie es vergessen. Die Rache der Doktorschen folgt auf dem Fu├č, dachte sie. Was war das aber auch f├╝r eine Frau, immer in Eile, zu keinem Spa├č aufgelegt, streng und prinzipiell, lie├č nicht mit sich reden. Nein, sie h├Ątte sich eine andere Frau Doktor gew├╝nscht, aber der Sohn hatte sie zu ihr geschickt, und den Sohn durfte sie nicht entt├Ąuschen, er k├Ânnte wegbleiben, und dann k├Ąme niemand mehr zu ihr.

Die Kaffeemaschine, kaum benutzt, hatte ihr der Sohn geschenkt, vor zwei Jahren, zu Weihnachten, weil sie ihm den Kaffee, wenn er kam, immer t├╝rkisch aufgebr├╝ht hatte. Den t├╝rkischen Kaffee trank er mit angewidertem Gesicht und spuckte die Kaffeekr├╝mel auf die Untertasse, und es hatte ihr wehgetan, wenn er vor ihr auf der Couch sa├č und die Augen verdrehte.

Bis die Doktorsche kommen w├╝rde, hatte sie Zeit. Sie stellte das altmodische Radio an, das aus der Zeit stammte, als ihr Mann noch lebte. Es war ein R├Âhrenradio, gro├č und mit repr├Ąsentativem Geh├Ąuse. ÔÇ×WozuÔÇť, hatte ihr Mann gefragt, als sie ihn dr├Ąngte, eines dieser neuen gl├Ąnzenden Ger├Ąte aus dem Schaufenster zu kaufen, ÔÇ×der Ton ist gut, die Bedienung kinderleicht, was brauchst du altes Haus noch ein neues Radio? Und dann erbt es sowieso blo├č der Sohn.ÔÇť Sie hatte ihn m├╝de angeblickt, sie verstand ihn, er hatte Prostatakrebs im Anfangsstadium, und er wusste es, obwohl ihn der Arzt mit einer Blasengeschichte beruhigt und nur mit ihr, der Ehefrau, dar├╝ber geredet hatte. Das war vor Jahren gewesen, ihr aber schien es, als h├Âre sie noch die leise, auf sie einredende Stimme des Arztes. Fast ein ganzes Jahr hatte ihr Mann noch gelebt und sich gequ├Ąlt.

Die Tasse in der Hand zitterte, als sie ins Wohnzimmer schlurfte, der Kaffee schwappte auf die Untertasse. Der Sessel stand so, dass sie einen bequemen Blick auf den Fernseher hatte. Der andere Sessel war der ihr Mannes gewesen, in dem ist er dann gestorben. Eben hatte er noch irgend etwas gesagt, sie hatte es nicht richtig verstehen k├Ânnen, und im selben Moment war sein Kopf auf die Brust gefallen. Sie hatte ihn gepflegt, er wollte, dickk├Âpfig, wie er war, der Hermann, nicht ins Krankenhaus.

Sein Foto stand neben dem Fernseher, in einem Goldrahmen. Jedesmal, wenn sie zur Fernbedienung griff, die auf dem Tisch lag, blickte sie erst mal hin zu seinem Foto, als wolle sie ihn um sein Einverst├Ąndnis fragen, wie fr├╝her, als er noch lebte. Es war ein Urlaubsfoto, das j├╝ngste, das sie von ihm hatte, Hermann lachte, sie wusste nicht mehr, wor├╝ber. Aber an den Tag konnte sie sich erinnern, als eine Urlauberin die Fotos von ihnen geknipst hatte. In Th├╝ringen waren sie gewesen, in Tabarz, in einem Heim, in dem sonst nur ├ärzte und Anw├Ąlte Urlaub machten. Hermann hatte den Urlaubsplatz ├╝ber seinen Betrieb ergattert, das war 1987. Und jetzt war Hermann schon lange tot. Sie ├╝berlegte einen Moment. Ach ja, gestorben ist er 98, jetzt haben wir 2005, also ist er sieben Jahre tot. Schon sieben Jahre. Sie schloss die Augen, sie nickte ein.

Es war halb sieben, als es klingelte. Die Nachbarin brachte die Zeitung vom Briefkasten hoch, wie jeden Morgen. Sie schreckte auf, wollte sich aus dem Sessel erheben, fiel wieder zur├╝ck. Heute wollte ihr aber auch gar nichts gelingen, sie musste sich an der Tischkante festhalten, damit sie aus dem Sessel hochkam. Wieder dieser schwarze Vorhang vor Augen, als sie stand.

Der Sohn hatte auf ihr Dr├Ąngen kopfsch├╝ttelnd drei Riegel an der T├╝r angebracht. Bed├Ąchtig ├Âffnete sie einen nach dem anderen und zog die T├╝r einen Spalt auf. Eine Hand reichte die Zeitung herein. ÔÇ×Ich hab es eilig heute morgenÔÇť, sagte sie Nachbarin, eine Frau in den Vierzigern, und war schon halb in ihrer T├╝r. ÔÇ×Keine Zeit f├╝r unser Plaudermin├╝tchen.ÔÇť

Sie stand noch einen Moment, bis das Ger├Ąusch der Nachbarst├╝r im Treppenhaus verklungen war.

Im Wohnzimmer setzte sie die Lesebrille auf, bl├Ątterte die Zeitung um, las die ├ťberschriften.
Nein, die Welt war nicht mehr sch├Ân, schon wieder Krieg, immer noch, im Irak, wo jetzt die Menschen starben. Wo es doch einmal hie├č: Nie wieder Krieg. Damals, als die Bombenn├Ąchte endlich vorbei waren. Was f├╝r eine Zeit war das gewesen. Sie blutjung und der Junge im Kinderwagen, und die Sirene heulte, und dann die Zeit in der Bunkerzelle, und als der Krieg zu Ende war, nichts als Tr├╝mmer. So sah es jetzt auch im Irak aus. Die Menschen lernten nichts aus ihren Kriegen.

Am besten w├Ąre es, dachte sie, und sie dachte nicht zum erstenmal an ihren Tod, w├Ąre es, ich fiele um, und weg w├Ąre ich. Das ist keine Welt, in der ein Mensch noch leben m├Âchte.
Sie hatte ihre Zeit gehabt, und jetzt war die Zeit herum, und jetzt musste sie ans Sterben denken.

Sie dachte nicht wirklich ans Sterben, aber sie stellte sich vor, wie es sein w├╝rde. Der Sohn w├╝rde an ihrem Bett sitzen, seine Frau, mit der sie sich nie vertragen hatte, w├╝rde er zu Hause lassen, und die Enkelin w├╝rde sowieso keine Zeit haben, zu ihrer sterbenden Oma zu kommen. Schade, dachte sie, dass die Zeit so schnell vergangen war, die Enkelin war erwachsen, und sie h├Ątte ihr doch so viel erz├Ąhlen m├╝ssen, von der Familie, ihrem Urgro├čvater, wie es damals war in Berlin, mit der Arbeitslosigkeit und der sch├Ąbigen Einzimmerwohnung, und dann die Hitlerei und der Krieg, und dass sie Gl├╝ck gehabt hatte, weil ihre Wohnung nicht zerbombt worden war.

Der Sohn w├╝rde also an ihrem Bett sitzen. Er w├╝rde sie mitleidig ansehen und wissen, dass sie wusste, was zu wissen war ├╝ber das Sterben.

Und das Leben! Sie hielt inne. Arbeitslos war er jetzt, seine Frau war stundenweise irgendwo Putzhilfe, war ja auch nicht mehr die J├╝ngste und musste immer noch den Buckel krumm machen. Ein paarmal hatte er auf die Regierung geschimpft, weil sie ihm keine Arbeit gab. ÔÇ×Alles unf├Ąhiges KroppzeugÔÇť, hatte er gew├╝tet. Sie hatte ihm recht gegeben, damit er von seiner Wut herunterkam. ÔÇ×Wir h├Ątten uns eben unser Land nicht wegnehmen lassen sollenÔÇť, sagte sie, aber er erwiderte nichts.

Sie erschrak, so sp├Ąt schon! Sie schlug die Zeitung zu. In vier Minuten, p├╝nktlich um halb acht, w├╝rde die ├ärztin kommen und ihr die Diabetesspritze geben. In den Bauch, mit so einem neumodischen Ger├Ąt, das gar nicht wie eine Spritze aussah. Und wenn sie die Frau auch nur nach dem Wetter fragte, w├╝rde die nur nicken und zur T├╝r st├╝rzen, sie war besch├Ąftigt, man sah es ihr an.

Sie schlurfte ins Bad. Wenigstens gewaschen musste sie sein, wenn die ├ärztin kommen w├╝rde. Sie wusch sich mit dem Seiflappen unter flie├čendem Wasser, wie sie es immer getan hatte, damals schon, als sie mit Hermann noch in der schrecklichen Wohnung gelebt hatte, ohne Bad und Balkon. Hermann. Sie stellte sich vor, wie er immer in der Wanne sa├č, j├╝nger als in seinen letzten Jahren und hager, dass man das Brustbein sah, er hatte bis zuletzt noch alle Z├Ąhne gehabt und lachte immer, um sie zu zeigen. Sie hatte ihn deshalb aufgezogen, er sei eitel wie die Jungfrau im Bade, die Bathseba, er wisse schon, das Bild von Rembrandt, nur nicht so sch├Ân und so mollig. Und dass er dann besonders laut lachte, daran erinnerte sie sich jetzt, wenn sie ihn mit der Bathseba ├Ąrgern wollte. Pl├Âtzlich war das Bild weg, sie sah wieder die leere Wanne.

Baden w├Ąre sch├Ân, dachte sie, aber in die Wanne zu steigen war ihr zu umst├Ąndlich und zu gef├Ąhrlich, sie k├Ânnte ausrutschen, und dann w├Ąre niemand da, der ihr wieder hochhelfen w├╝rde. Und sowieso, allein w├╝rde sie niemals auch nur in die Wanne hineinkommen, bei ihrer Figur, und das Zittern in den Knien, und wieder wurde ihr schwarz vor Augen, als sie den Kopf hob und in den Spiegel blickte. Wie eine Furie sah sie aus, die Haare wirr und die vielen F├Ąltchen auf den Wangen, die Augenbrauen waren verschwunden.

Sehr langsam k├Ąmmte sie sich, sie nahm die Str├Ąhnen zwischen die Finger und zog die B├╝rste vorsichtig durch. Trotzdem blieben Haare in ihr h├Ąngen. Eines Tages w├╝rde sie mit Glatze herumlaufen, wenn sie sich allzu heftig k├Ąmmte. Ach was, herumlaufen. Niemand w├╝rde es bemerken, au├čer der ├ärztin und der Nachbarin, sie ging ja nicht mehr auf die Stra├če. Und sie selbst? Nun ja, sie w├╝rde ein bisschen weniger eingebildet als jetzt noch in den Spiegel blicken.

Pl├Âtzlich wurde ihr wieder schwarz vor Augen. Sie griff zum Handwaschbecken, im Spiegel sah sie ihr Erschrecken, die aufgerissenen Augen. Sie glaubte, einen Schrei auszusto├čen, als ihr der Fu├čboden unter den F├╝├čen wegrutschte.

Sie h├Ârte es nicht mehr, dass sie mit dem Kopf auf dem Wannenrand aufschlug, sie sp├╝rte keinen Schlag, sie fand es angenehm zu fallen, es war, als ob sie schwebte.

So fand sie die ├ärztin, die, als auf ihr Klingeln nicht ge├Âffnet wurde, die Feuerwehr gerufen hatte, im Bad, auf den Fliesen liegend, mit aufgerissenen Augen, die wei├čen Haare wie einen Heiligenschein ausgebreitet.

ÔÇ×Sie hat sich seit Wochen auf den Weg gemachtÔÇť, sagte die ├ärztin tonlos. Der Feuerwehrmann verstand nicht. ÔÇ×So sagen wir Mediziner den Angeh├ÂrigenÔÇť, sagte sie, als sie das verst├Ąndnislose Gesicht des Mannes sah, ÔÇ×wenn wir wissen, es gibt kein Zur├╝ck.ÔÇť

ÔÇ×Ach so, so meinen sie das, jetzt verstehe ich ...ÔÇť

ÔÇ×Es ist der letzte Weg.ÔÇť Seufzend strich sie sich vor dem Spiegel die Str├Ąhne aus der Stirn, die ihr beim B├╝cken ins Gesicht gefallen war. ÔÇ×Sie ist angekommenÔÇť, sagte sie. ÔÇ×Ja, angekommen.ÔÇť

(2005)

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flammarion
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zum heulen sch├Ân. ein gutes st├╝ck literarur.
lg
__________________
Old Icke

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HFleiss
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Angekommmen

Flammarion, beherrsch dich.

Gru├č
Hanna

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Inu
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o Hanna

es ist so deprimierend. Ich wundere mich nur, wie die ├ärzte so einen unspektakul├Ąr herankommenden Tod ahnen und nichts wirklich dagegen tun k├Ânnen/wollen. Wichtig w├Ąre auch f├╝r mich als Leserin, zu wissen, wie alt die Frau ist: 70, 80, 90?
Hoffnugslos h├Ârt sich das Ganze an. Der dunkle Tunnel, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Aber Flammi hat recht. Es ist gro├čartig geschrieben. Und jedes Wort klingt wahr.

Liebe Gr├╝├če und Dir einen viel, viel zuversichtlicheren Abend
w├╝nscht
Inu

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HFleiss
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Liebe Inu, immer wenn es mir so richtig gut geht, schreib ich die tieftraurigsten Sachen. Tr├Âstet dich das?

Gru├č
Hanna

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Inu
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Ja, es beruhigt mich kolossal

Alles Liebe
Inu

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