Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87739
Momentan online:
512 Gäste und 7 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Angekommen im 1989
Eingestellt am 12. 03. 2003 19:00


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
JennyP.
Hobbydichter
Registriert: Nov 2002

Werke: 16
Kommentare: 12
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um JennyP. eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Angekommen im 1989

Ich war sechs Jahre alt, hatte also nicht viel Ahnung von dem, was damals geschah. Wie es ab und an der Fall war, packten meine Eltern den braunen gro├čen Stoffkoffer und ein paar alte Taschen mit Kleidung und beluden damit unseren Trabbi. Es war fast noch Mitternacht und drau├čen d├╝stere Finsternis. Meine Schwester half mir, meine Sachen auszusuchen, die ich w├Ąhrend der Fahrt tragen sollte. Wie so oft war mir das nicht recht. Romy hatte in meinen Augen schon immer einen merkw├╝rdigen Geschmack, was Kleidung betraf. Bis heute hat sich das nicht ge├Ąndert. Darauf bin ich mittlerweile sehr stolz, denn wir sind von Grund auf verschieden. Allein schon, wenn ich daran denke, dass sie klobige Plateauschuhe tr├Ągt und ich dezente Pumps bevorzuge, wird mir der Unterschied bewusst.
Passte mir etwas nicht in den Kram, dr├╝ckte sich das auf vielerlei Weise aus. Herumschreien und wild durch unsere kleine Dreiraumwohnung toben, war nur eine M├Âglichkeit. Handgreiflichkeiten zwischen mir und meiner Schwester waren an der Tagesordnung. Sie war allerdings ein ziemliches Hindernis f├╝r mich, da sie f├╝nf Jahre ├Ąlter und nicht gerade schm├Ąchtig gebaut war. Und trotzdem, wenn es darum ging, welches der drei Programme wir in unserem kleinen schwarz-wei├č Fernseher schauen wollten, lie├č ich nicht locker.
Nach einer geschlagenen halben Stunde stand meine Mutti in der T├╝r. Mit genervtem Blick sah sie mich an.
ÔÇ×Ach Jenny. Es ist immer das selbe mit dir. Kannst du denn nichts anderes als ├ärger machen? Womit habe ich das nur verdient?ÔÇť
Es war nicht gerade ein Einzelfall, wenn ich nicht das tat, was ich sollte. Schon im Kindergarten war ich in den Augen aller Erzieherinnen ein Qu├Ąlgeist.
ÔÇ×Frau Pfeifer, wenn ich an ihre Tochter denke, stehe ich schon mit einem Bein im Gef├Ąngnis.ÔÇť Waren so die umg├Ąnglichen Bemerkungen von ihnen.
Ich selbst kann mich nur dunkel an diese Zeit erinnern. Die meisten Dinge bekomme ich noch heute vorgehalten, wenn auch ironisch gemeint. Ich wei├č aber noch, wie viel Spa├č ich mit meinen Freunden damals hatte. Wir sind aus dem Kindergarten ausgerissen und an den Strand gefahren. Mit dem Umgang von Fahrscheinen, geschweige denn Fahrscheinentwertern, kannte ich mich nicht aus. Heute w├╝rde man das als Schwarzfahren bezeichnen. Wir wussten es nicht besser. Wir fuhren mit dem Bus an den Strand und badeten ein wenig w├Ąhrend im Kindergarten ein riesiges Theater los war.
Meine Freunde wollten mich einmal dazu verf├╝hren giftige Beeren zu essen. Ich habe es gelassen, sie aber nicht. Augenblicke sp├Ąter musste der Krankenwagen gerufen werden. Auch kletterten wir in Abfalltonnen herum um Flaschen f├╝r das Rumpelm├Ąnnchen zu suchen oder Zeitschriften, obwohl wir noch nicht lesen konnten.
Meine Eltern dr├Ąngelten mich nun immer weiter zum losfahren. Ich wusste nicht einmal wo es hinging. Das spielte allerdings auch keine gro├če Rolle, dachte ich. Fr├╝her waren wir ja auch immer an die selben Orte gefahren. Entweder nach Leipzig zu meiner Oma, nach Th├╝ringen oder in das Riesengebirge. Ich erhoffte zu diesem Ausflug auch keine Besonderheiten.
Quengelnd musste ich ertragen, wie mich meine Mutti w├╝tend mit ruppigen und festen H├Ąnden in einen Pullover steckte, der mir nicht gefiel und in eine Hose die mir dann auch schon egal war. Ich wollte es nicht riskieren den Hinternvoll zu bekommen. Ich w├╝rde dann die ganze Fahrt kein Wort mit ihr reden, weil ich sturer Weise niemals nachgab.
Gestresst wie meine Eltern heute noch sind, verfrachteten sie Romy und mich auf den R├╝cksitz, warfen den Kofferraum zu und stiegen ein. Ich mochte den penetranten Geruch nach Benzin, wenn mein Papa den Z├╝ndschl├╝ssel drehte und den Motor anwarf. Das ohrenbet├Ąubende Geratter des Trabbis verursachte bei mir immer Kopfschmerzen und der Benzingeruch ├ťbelkeit, und doch gefiel es mir in einer Maschine mit billigem Schafsbezug zu sitzen, die mich an fremde Orte brachte. Zu selten kam ich aus meiner kleinen verspielten und unbeschwerten Kinderwelt heraus.
Es war so laut, dass man sich kaum unterhalten konnte auch hatte es den Anschein, wir w├╝rden kaum vorw├Ąrts kommen. Ich wei├č nicht mehr, wie viel PS unser guter Trabbi damals unter der Motorhaube hatte. Viele konnten es nicht sein. Es dauerte schon eine Ewigkeit, aus der Rostocker Innenstadt herauszukommen. Am Stadthafen staute es sich wie zu Urlaubszeiten im Hochsommer, allerdings war es Winter. Es gab noch keine Umgehungsstra├čen und Autobahnzubringer.
Erreichten wir den Hauptbahnhof, ging das Chaos erst los. Heute w├╝rde ich sagen, es waren so viele Leute da, dass man denken k├Ânne, Madonna oder Eminem seien in der Stadt. Ich glaubte damals nicht, das noch Platz f├╝r uns w├Ąre, sich auf den Bahnsteig zu stellen, ohne auf die Schienen gesto├čen oder erdr├╝ckt zu werden. Eine einzige bunte Masse aus Gesichtern quetschte und wand sich ger├Ąuschvoll mit endlosen Wartepausen den Untergrund entlang. Die Menschen, die am Rand an den W├Ąnden standen schienen von dem riesigen massigen Unget├╝m zerquetscht zu werden. Es kam mir wie ein ganzer Tag vor, auch wenn ich auf den Schultern meines Papas bequem sitzen konnte und freie Sicht auf das st├Âhnende und schnaufende Unget├╝m hatte.
Irgendwann, nach Stunden, so erinnere ich mich, sa├č ich auf der Kofferablage des Gep├Ąckwaggons. Unter mir beengten sich meine Eltern mit mindestens f├╝nfzig anderen Menschen mit Koffern in den H├Ąnden in den Waggon. Stehend verharrten sie gute drei Stunden, bis der Zug los fuhr und an einem mir unbekannten Ort ankam.
Meine Mutti und mein Papa erkl├Ąrten mir, w├Ąhrend sie mich von der Kofferablage herabhievten, ÔÇ×wir sind da, in HamburgÔÇť.
Damals verband ich diesen Namen noch nicht mit einem heute lebensnotwendigen Nahrungsmittel. Diese Stadt war mir g├Ąnzlich unbekannt. Ich wusste nichts von Opernh├Ąusern, Kultur und Society oder dem Kiez. Alles was ich sah, waren die hellerstrahlenden bunten Lichter, die mir das Hinsehen erschwerten. Millionen bunter funkelnder immenser Leuchtreklamen erstrahlten vor meinen kindlichen Augen. Ein reges Treiben herrschte in der gigantischen Ankunftshalle des Bahnhofes. Er bestand aus einem riesigen Einkaufszentrum. ├ťberall erstreckten sich L├Ąden mit allerlei Sachen, die ich noch nie gesehen hatte. Allein die exotischen Fr├╝chte versetzten mich in Staunen.
ÔÇ×Was zum Geier ist eine Lichi?ÔÇť
In den Schaufenstern hingen Kleider aus feinsten Stoffen. Damals konnte ich weder lesen, noch erahnen welche Preisklasse sie pr├Ąsentierten. Aber ich wusste schon vage an dem err├Âtenden und sehns├╝chtigen Blick meiner Mutti, was dieses Kleid kosten m├Âge. Auch mein Papa zeigte Regung, da er sich bewusst war, nicht in solch einer Liga zu spielen. Zu gern h├Ątte ich von den Pralinen probiert, die sich vor mir auft├╝rmten, zu gern die kuscheligen Teddyb├Ąren in meine Arme geschlossen. Eine nette alte Dame l├Ąchelte mir zu, sah meinen sehns├╝chtigen Blick und steckte mir ein paar bunte Bonbons zu, die mein Herz gleich h├Âher schlagen lie├čen.
M├Ąnner in feinen Anz├╝gen, schwarzen Ledertaschen und tragbaren Telefonen liefen gesch├Ąftig vor├╝ber, ohne mich zu bemerken. Edle Damen (mit, so wei├č ich heute, geliftetem Dekollet├ę) in unerschwinglichen Kleidern, bel├Ąchelten die ehrf├╝rchtige Haltung meiner Familie und allen anderen Insassen der Bahn aus dem kleinen Urlaubsort an der Ostsee.
Wir waren angekommen, im Westen.


__________________
w├╝rde mich ├╝ber Kommentare und jedwede Kritik freuen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!