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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Angst
Eingestellt am 17. 01. 2007 18:30


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Raniero
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Angst

Wir befanden uns auf dem RĂŒckflug von der Insel Sizilien, genauer gesagt, Catania, nach Deutschland; gegen Ende September 2001, ungefĂ€hr drei Wochen nach dem Tag, der die Welt in erschreckender Weise verĂ€ndert hatte.
Der elfte September.
Genau vier Tage nach diesen furchtbaren Attentaten hatten wir den Hinflug angetreten, von einem deutschen Flughafen aus.
In diesen Tagen sprach man von nichts anderem, hörte nichts anderes, dachte nichts anderes.
Die Bodenkontrollen, speziell des HandgepĂ€cks, vor unserem Abflug fielen dementsprechend aus. Übergenau, nervtötend, in einer gereizten AtmosphĂ€re; selbst die kleinste Nagelfeile durfte nicht mit an Bord genommen werden.
Es war halt etwas eingetreten, was man bis dazumal nicht fĂŒr möglich gehalten, mit dem man nie gerechnet hĂ€tte; die Genauigkeit, die Pingeligkeit der Kontrollen konnte man verstehen. Vereinzelt gab es hierbei Aufgeregtheit und UnmutsĂ€ußerungen; manch Ă€ltere Dame wollte nicht einsehen, dass sie auf ihr Reiseetui verzichten sollte. Einige wenige hatten offensichtlich in den letzten Tagen weder Nachrichten gehört, gelesen oder gesehen.
Endlich, nach einer doppelt so langen Wartezeit wie an normalen Flugtagen ging es in die Luft.
Der Hinflug, die Flugzeit selbst wurde problemlos bewÀltigt, rein technisch gesehen.
Die Flugangst, das bange GefĂŒhl der Beklommenheit, war sicher bei den meisten FluggĂ€sten grĂ¶ĂŸer als bei den sonstigen ‚normalen’ FlĂŒgen.
Uns beiden, meiner Frau und mir, erging es nicht anders; die Ereignisse des elften September, gerade vier Tage alt, standen uns wÀhrend des gesamten Fluges vor Augen.
WĂ€hrend unserer Urlaubstage auf Sizilien waren die Attentate von Amerika das alles ĂŒberragende Thema. In den Zeitungen, im Fernsehen, aber auch auf den Strassen, am Strand und in den Lokalen, man sprach ĂŒberall davon; mit Entsetzen, mit Wut, mit Angst, aber auch mit Erleichterung, dass es einen selbst nicht getroffen hatte.
Carpe diem war ein oft gehörter Spruch in diesen Tagen.

Den RĂŒckflug traten wir an wie zuvor den Hinflug; mit sehr gemischten GefĂŒhlen.
Die Kontrollen im Flughafen von Catania waren nicht anders als beim Abflug vom deutschen Flughafen, vor zwei Wochen. Sehr genau, in ĂŒberfĂŒllter und angespannter Stimmlage; die Wartezeit dehnte sich dementsprechend aus.
Im Gegensatz zum Hinflug war es auf Sizilien nur ein paar Grade wĂ€rmer; ein Zustand, der die gereizte Stimmung nicht gerade wenig aufheizte und nur durch die GemĂŒtslage der meisten FluggĂ€ste nach einigen Tagen oder Wochen Strandurlaub etwas kompensiert wurde.
Schließlich hob die Maschine vom Boden ab.
UngefÀhr zwei Flugstunden lagen vor uns.
Wir hatten es uns bequem gemacht, die ReiselektĂŒre vor den Augen; ich studierte die neusten Nachrichten aus der Tageszeitung.
Nach ungefÀhr einer halben Stunde begann man damit, die Bordmahlzeit auszuteilen.
Ich ließ meine Blicke durch das Flugzeug schweifen.

Wie von ungefĂ€hr fiel mein Augenmerk auf einen Mann mittleren Alters auf einem Platz vier Reihen vor mir, auf der anderen linkseitig des Flugzeugganges gelegenen Seite. Vom Aussehen her ein orientalischer Typ, vielleicht tĂŒrkischer, vielleicht arabischer Abstammung. Etwas weiter, auf einem Platz sechs Reihen vor der unseren, auf der gleichen Gangseite, bemerkte ich wenig spĂ€ter einen anderen Mann, ein wenig jĂŒnger als der erste, von Ă€hnlichem Aussehen, vom Ă€hnlichen Typ.
Ansonsten saßen in den Reihen vor und hinter mir, soweit ich sehen konnte, allesamt Menschen mitteleuropĂ€ischen Schlages, die meisten sicherlich Italienurlauber.
Plötzlich erhob sich der erstgenannte Mann und strebte in ruhigem Schritt den Gang in Richtung Bordtoilette, die von meinem Platz sehr gut zu sehen war, zu.
Dort angekommen, stellte er sich in wartender Haltung vor die TĂŒr; offensichtlich besetzt.
In diesem Moment bekamen wir in unserer Reihe das Essen serviert.
Einen Augenblick dadurch abgelenkt, bemerkte ich erst danach, dass sich der zweite Mann mit dem orientalischen Aussehen erhoben hatte und gleichfalls der Toilette nÀherte.
Die TĂŒr zur Toilette war noch immer nicht geöffnet worden; beide MĂ€nner standen nun hintereinander in Wartehaltung davor; sie blickten sich nicht an.
Mich beschlich ein GefĂŒhl lĂ€hmender Angst.
Was ging da vor sich? War das ein Zufall?
Zwei MĂ€nner mit Ă€hnlichem Aussehen, so ganz anderem Aussehen als wir, gemeinsam vor der TĂŒr der Bordtoilette.
Was hatten wir nicht alles gelesen und gehört, bis in alle Einzelheiten hinein, auf welche Art die Terrorflugzeuge in den USA gekidnappt worden waren, was sich dort in der Luft abgespielt hatte.
Ich ĂŒberlegte mir, ob ich meine GefĂŒhle meiner Frau, die neben mir saß und ahnungslos mit ihrer Mahlzeit beschĂ€ftigt war, mitteilen sollte.
Ich unterließ es.
War alles nur ein Traum? Ein Alptraum?
Die TĂŒr zur Bordtoilette öffnete sich, heraus trat eine junge Frau. Der erste von den beiden MĂ€nnern betrat die Toilette. Der andere stand nunmehr allein vor der TĂŒr.
Das GefĂŒhl der Angst, der Beklemmung, stieg weiter hoch in mir.
Sollte ich, musste ich reagieren? Und wenn, wie sollte ich reagieren?
Konnte ich es riskieren, durch lautes Geschrei, durch warnende Rufe, eine gefÀhrliche Panik unter den Passagieren zu erzeugen? Oder konnte ich durch meine Warnungen Schlimmeres verhindern?
Ich wusste keine Antwort.
Gebannt starrte ich weiter nach vorne.
Die TĂŒr zur Toilette öffnete sich. Heraus trat der erste Mann von den beiden und ging mit ruhigem Schritt zurĂŒck zu seinem Platz.
Der zweite betrat die Toilette.
Ich hatte weder einen sichtbaren Kontakt, einen Austausch von GegenstÀnden noch sonst etwas VerdÀchtiges zwischen den beiden bemerkt.
Dennoch verharrte ich weiter in höchster Anspannung, in Alarmbereitschaft.
Mittlerweile hatten wir die Alpen ĂŒberquert, langsam nĂ€herten wir uns dem Heimatflughafen.
Die leeren Tabletts wurden eingesammelt.
Erneut öffnete sich die TĂŒr der Toilette, der zweite Mann trat heraus, auch er bewegte sich normalen Schrittes zu seinem Platz und setzte sich.
Es gab keinerlei Blickkontakt zu dem anderen Mann.
Schon wurden wir aufgefordert, unsere Sicherheitsgurte anzulegen;
wir waren im Landeanflug auf unseren Flughafen.
Eine viertel Stunde spÀter waren wir gelandet. Sicher!
Der Alptraum war zu Ende.

Erst spĂ€ter, auf dem Nachhauseweg ĂŒber die Schiene, berichtete ich meiner Frau von dem Wechselbad der GefĂŒhle wĂ€hrend des Fluges.
Gleichzeitig war ich betroffen darĂŒber, feststellen zu mĂŒssen, dass auch ich nicht frei war von Vorurteilen gegenĂŒber anders Aussehenden, fremd Aussehenden.
Ich hatte im wahrsten Sinne des Wortes eine Xenophobie, eine Angst vor dem Fremden durchlebt.

In der italienischen Sprache bedeutet das Wort xenofobbia, das sich von der griechischen Sprache her ableitet, nichts anderes als:
AuslÀnderfeindlichkeit.

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HFleiss
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Angst

Ja, Raniero, so ist es: Die Hysterie ist nicht zu bĂ€ndigen. Und sie wird mit jedem Tag dank unseren Politikern immer schlimmer. Aber da du uns so hĂŒbsch erklĂ€rst, was Xenophobie heißt, hier noch eine ErklĂ€rung: Carpe diem heißt "Nutze den Tag". In diesem Zusammenhang, wie du dieses Wort gebrauchst, sehe ich darin keinen Sinn. Ein bisschen gestolpert bin ich ĂŒber einzelne Formulierungen, besonders der Eingangssatz mĂŒsste unbedingt logisch aufgebaut werden, er ist stilistisch ein kleines Ungeheuer. Ein paar Straffungen tĂ€ten dem Text gut. Aber gut und flĂŒssig erzĂ€hlt. Auf den letzten Satz kannst du verzichten. Der Leser weiß selbst, was er sich bei diesem Text denken muss, musst du ihm nicht auf die Nase binden. Wir hatten in der DDR eine Krimireihe "Der Staatsanwalt hat das Wort". Ich habe immer darauf gewartet, dass Przybylski anhob: Was lernt uns das, liebe Zuschauer? So Ă€hnlich ging es mir auch mit deinem letzten Satz. Geh noch mal drĂŒber und kĂŒrz ein bisschen ein.

Liebe GrĂŒĂŸe
Hanna

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