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Leselupe.de > Erzählungen
Ansichtskarten
Eingestellt am 29. 09. 2009 15:41


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Ernst Clemens
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2009

Werke: 4
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Die erste Postkarte kam vor einigen Wochen. Es war eine Ansicht irgendwo aus dem hohen Norden, vielleicht aus Skandinavien. Der Text auf der Rückseite war kurz gehalten: „Ich bewundere Sie und reiche Ihnen die Hand“. Vielleicht war noch eine Floskel mehr hingekritzelt, aber ich kann mich nicht mehr so genau erinnern. Und nachschauen kann ich nicht mehr, denn die Karte landete gleich im Papierkorb.

FrĂĽher, als ich mit Schreiben begann, war Fanpost fĂĽr mich etwas Wichtiges und Wertvolles.
Nicht nur, dass ich jede Zuschrift aufmerksam las, einzeln beantwortete und in einem Ordner fein säuberlich abheftete, ich nahm sogar jeweils die Erzählung, auf die sich der Schreiber bezog, zur Hand und es kam vor, dass ich Anregungen sofort umsetzte und mein Manuskript änderte. Egal ob Lob, oder Kritik, die Meinung meiner Leser bedeutete mir viel. Es bewies nicht nur, dass meine Bücher gelesen wurden, sondern es war eine Art Barometer, das anzeigte, wie meine Arbeiten beim Publikum aufgenommen wurden.

Heute ist das anders.

Wenn die eigenen Titel seit vielen Monaten die ersten Plätze der internationalen Beststellerlisten belegen, ist das Beweis genug, dass die Werke beim Publikum ankommen. Über Zuschriften und Kritiken kannst du dich als Autor jetzt hinwegsetzen, denn du hast deinen sicheren, publikumswirksamen Stil gefunden und brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen.

Schrieb ich meine ersten Kurzgeschichten noch von Hand und später mit einer elektrischen Schreibmaschine, so bediene ich mich seit Jahren ausschließlich des Computers. Alle meine fertigen Texte, Fragmente und Ideen zu neuen Büchern sind auf Festplatten und CDs gespeichert. Heute schreibe ich nach festgelegtem Fahrplan, täglich mindestens zwanzig Seiten. Alles ist rationell und sauber organisiert. Nur so kann ich meinen Verpflichtungen gegenüber den Verlagen pünktlich nachkommen. Die nächsten drei Romane sind schon vertraglich abgesichert, obwohl von ihnen außer dem Titel noch keine einzige Zeile geschrieben ist. Für zwei davon liegen auch lukrative Angebote für Übersetzungen in mehrere Sprachen vor. Die Verlage und die Lesergemeinde vertrauen auf meine Fähigkeit unerschöpflich Gutes und Verkaufbares zu produzieren.

Natürlich musste auch das Problem mit der immer umfangreicheren Fanpost in geregelte Bahnen gelenkt werden. Flinke Hände in den Verlagen nehmen sich jetzt der Briefe, Karten und E-Mails an, sortieren sie und schicken mir einmal pro Woche ein dickes Bündel zu. Doch wo sollte ich die Zeit hernehmen, das Ganze zu verarbeiten? Manchmal mache ich mir noch den Spaß, einzelne Meinungen anzuschauen, meist wandert der ganze Stapel aber ungelesen in den Papierkorb. Ich schreibe zwar für eine stets anwachsende Leserschaft, aber das Echo aus diesen Kreisen interessiert mich immer weniger.

Umso mehr staunte ich über die zweite Ansichtskarte, die wenige Tage nach der ersten eintraf. Auch sie kam nicht im dicken, wöchentlichen Umschlag vom Verlag, sondern wurde mir direkt per Post nach Hause geschickt. Diesmal war es eine Karte aus Schweden. Sie zeigte eines der typischen, in satten Farben gestrichenen Holzhäusern an einem kleinen See gelegen und von einem lichten Birkenwäldchen umstanden. Neugierig drehte ich die Karte um, um herauszufinden, wer von meinen Freunden und Bekannten denn seinen Urlaub in einer solchen Oase der Ruhe verbringen würde. Doch die Zeilen, die ich las waren folgende: „Wie gesagt, ich bin ein Leser Ihrer Bücher, doch leider sind Sie nicht konsequent. Führten Sie Überlegungen bis zum bitteren Ende fort, würden Ihnen gewisse Fehler nicht unterlaufen. Trotzdem: ich grüße Sie und reiche Ihnen die Hand“.

Diese altertümliche Formel ‚ich reiche Ihnen die Hand’, geschrieben auf einer simplen Ansichtskarte, erinnerte mich wieder an die erste Karte. Auch dort las ich einen ähnlichen Satz. Wer schrieb mir denn so etwas? Die Unterschrift fehlte. An ihrer Stelle standen nur die Initialen R.H., kein weiterer Hinweis auf den Absender. Eine gewöhnliche Briefmarke zu zehn Kronen wurde mit einem Stempel aus einem Ort entwertet, der mit „Sk..“ anfing, aber nicht vollständig lesbar war, da die Farbe verwischt war. War R.H. ein Mann oder eine Frau? Die Schrift zeigte einerseits männlich energische Unterlängen und feste Striche, anderseits aber auch verschnörkelte Formen, die eher einer Frau zuzuordnen wären. Auch der Inhalt ließ keine eindeutige Schlussfolgerung auf das Geschlecht zu. Logik und Konsequenz wird zwar in der Regel Männern zugeschrieben, aber sie haben diese Eigenschaften in keiner Weise exklusiv für sich gepachtet. Das weiß ich genau, schreibe ich doch gerade an einem Roman, in dem eine konsequente Protagonistin die Hauptrolle spielt.

Wenn ich von meinem Lektor kritische Hinweise auf eine bestimmte Textstelle im Manuskript bekomme, bin ich dankbar dafĂĽr. Mit konstruktiven Tipps kann ich gut umgehen. Sie helfen weiter. Was mich aber in Rage versetzt sind Kritiken, die allgemein gehalten sind, wie die Aussage des Lesers, oder der Leserin auf der Postkarte. Deshalb zerriss ich die schwedische Idylle kurzerhand und warf sie in den Papierkorb. Ich beschloss, ihr keine Bedeutung beizumessen und sie einfach zu ignorieren.

Als ich mich danach wieder an den Computer setzte, die zuletzt geschriebenen zwei Seiten kurz überflog um dann mein Manuskript im vertrauten und bewährten Rhythmus weiter zu führen, stellte ich fest, dass etwas anders war, als gewohnt. Die klar strukturierten Abläufe, die ich mir im Kopf zurecht legte, und auf einigen Notizzetteln stickwortartig festhielt, ließen sich nicht mehr in leicht lesbare Texte verwandeln. Mein Schreibfluss geriet ins Stocken. Sätze sträubten sich dagegen, schön rund formulieren zu werden und die Korrekturtaste kam immer öfters zum Einsatz. Der ganze Plot für den Roman erschien mir plötzlich fragwürdig. Und ich ertappte mich dabei, wie ich begann, die bereits geschriebenen gut zweihundert Seiten und das, was ich mir als Fortsetzung gedacht hatte auf „Konsequenz“ abzuklopfen. Ich fischte die beiden Hälften der schwedischen Postkarte aus dem Papierkorb, klebte sie zusammen und steckte die Botschaft hinter den Spiegel. Verdammt, dieser Mensch brachte es fertig, meinen ganzen Tagesablauf auf den Kopf zu stellen. Was gab ihm das Recht dazu? Welche Fehler wollte er mir in die Schuhe schieben? Und wozu?

Hier kann ich es ja zugeben: die Ideen und die technischen Details für meine Kriminalromane entspringen nicht meiner blühenden Phantasie. Sie fußen allesamt auf öffentlich zugänglichen Polizeiakten. Lediglich die Orte des Handelns wurden von mir verändert. Sogar die Dialoge stammen zum großen Teil aus den Vernehmungsprotokollen und wurden vom mir nur in eine lesbare Form gebracht. Wenn also Dinge in meinen Romanen ‚inkonsequent’ sind, dann haben sich die Kriminalbeamten oder Polizisten geirrt. Aber mir konnten solche Fehler nicht angelastet werden.

Eine ganze Woche quälte ich mich mit meinem Romantext ab, ohne eine einzige Seite neu zu schreiben. Ich korrigierte, änderte wieder zurück, ließ zwei Protagonisten sterben und führte dafür einen neuen ein. Mein Lektor rief an und fragte, wann denn endlich Nachschub käme. „Ich liege im Bett und habe Grippe“, beruhigte ich ihn am Telephon. Das ersparte mir wenigstens für die nächsten Tage weitere Nachfragen seitens des Verlages.

Und dann fand ich die dritte Ansichtskarte im Briefkasten. Die gleiche Handschrift. Und wieder die Initialen R.H. an Stelle einer Unterschrift. „Neben der fehlenden Konsequenz befassen Sie sich leider auch viel zu wenig mit den Gefühlen Ihrer Protagonisten. Sie benützen sie wie Schachfiguren, die jederzeit austauschbar sind. Sie schieben diese Figuren so auf dem Brett zurecht, wie es für Ihre Geschichten gerade nützlich erscheint“. Also doch eine Frau, die schreibt, dachte ich mir. Dann wieder dieser altertümliche Satz: „Ich reiche Ihnen die Hand“. Mehr stand nicht auf der Karte. Die Vorderseite zeigte eine alte Bäuerin in Tracht. Es war nicht das Abbild eines lebenden Menschen, sondern die Fotographie eines Gemäldes. Das Ganze sehr realistisch, gehalten, obwohl ich den Eindruck hatte, das Foto sei nachträglich koloriert worden. Irgendwie war es nicht zeitgemäß.

Ich musste den Lektor eine weitere Woche warten lassen. Diesmal wurde ich wirklich krank. Zwar keine echte Grippe, aber eine heftige Erkältung fesselte mich ans Bett. Obwohl ich mich jahrelang erfolgreich gegen die Aussage wehrte, die Psyche hätte Einfluss auf das körperliche Wohlbefinden, so begann ich insgeheim zu denken, dass ein Körnchen Wahrheit in dieser Behauptung steckte. Je ruhiger und unbenutzter mein Computer auf dem Tisch stand, desto mehr arbeitete mein Gehirn und versuchte fieberhaft, Textpassagen zu verbessern, die vielleicht zu oberflächlich waren und möglicherweise dem Protagonisten nicht gerecht wurden. Es drehte sich alles im Kreis. Dass ich nicht weiter kam in meinem Roman machte mich noch kränker. Wer war dieser verdammte R.H., der mir mein Leben vermieste? Egal, ob Frau oder Mann: die Person wurde mir immer unsympathischer. Und die Floskel „Ich reiche Ihnen die Hand“ machte mich wütend.

Nach zwei Wochen hatte ich mich wieder gefasst. Zwar steckte die dritte Ansichtskarten neben der zweiten hinter dem Spiegel, aber sie hatte den Einfluss auf mich und auf meine Schaffenskraft verloren. Texte liefen wie zuvor automatisch aus meinen Fingern in die Tastatur und auch der Lektor war zufrieden. Qualität und Menge der abgelieferten Seiten stimmten wieder. Ich schrieb bereits am letzten Kapitel des aktuellen Romans und war gedanklich schon beim nächsten Werk. Die Ansichtskarten gerieten in Vergessenheit.

Bis mir der Briefträger persönlich die vierte Ansichtskarte überreichte. Bildete ich mir nur ein, dass er ein perfides Lächeln im Gesicht trug, als er sie mir in die Hand drückte? Ich glaubte fest daran, der Spuk mit diesen eigenartigen kritischen Bemerkungen in Kombination mit der veralteten Grußformel wäre zu Ende. Und jetzt hielt ich eine weitere Karte in der Hand. „Erkennen Sie das Gebäude auf der Vorderseite dieser Karte? Ich reiche Ihnen die Hand. R.H.“ Die bekannte Handschrift mit den markanten Unterlängen. Ich drehte die Ansichtskarte um und sah ein großes, altes Backsteingebäude, umgeben von hohen Mauern, die mit Stacheldraht bewehrt waren. Ganz offensichtlich ein Gefängnis. Auch die Wachtürme bestätigten meine Annahme. Richtig, unten rechts stand in kleinen Lettern ‚Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau, 1957’. Hatte auch der Briefträger das symbolträchtige Gebäude erkannt und deshalb so hinterhältig gegrinst?

1957 ist mein Geburtsjahr.

Dieses Foto wurde nicht nachträglich koloriert, sonder zeigte den Gebäudekomplex in der tristen grau-braunen Art, wie es vergilbte schwarz-weiß Aufnahmen tun.

Ich gehöre eindeutig der Nachkriegsgeneration an. Mit den Verbrechen der Nazigrößen, die Ihre Haftzeit in Spandau verbüßten, habe ich nichts zu tun. Die Gräuel, die im Namen dieser Herrschaften während des zweiten Weltkriegs verübt worden waren, hatte ich nicht zu verantworten; weder direkt noch indirekt. Ich kenne sie nur aus Erzählungen von älteren Menschen und natürlich aus der Literatur. Aber selber war ich davon zum Glück nicht betroffen; auch meine Familie nicht. Was wollte mir mein Mahner und Kritiker R.H. denn mit diesem Bild mitteilen? Ich hatte weder über die Kriegszeit geschrieben, noch hatte ich einen Roman in dieser Periode angesiedelt.

War Spandau vielleicht mehr als ein ‚Kriegsverbrechergefängnis’? Könnte dort eine Erklärung zu finden sein? Und warum die Jahreszahl 1957?

Die Fragen ließen mir keine Ruhe. Ich spürte, dass ich nur dann erfolgreich weiter schreiben konnte, wenn dieses Geheimnis gelöst und die Serie der ominösen Ansichtskarten zu Ende sein würde. Also befasste ich mich intensiv mit dem Thema ‚Spandau’ und mit dessen Geschichte. Es war leicht herauszufinden, dass der Gebäudekomplex 1876 gebaut und dann als Militärgefängnis genutzt wurde. Bedeutung erlangte er aber erst im zweiten Weltkrieg, als Gegner der Nationalsozialisten dort inhaftiert wurden, und natürlich nach Kriegsende, als die letzten führenden Köpfe der braunen Machthaber dort mehrere Jahre einsaßen. Im Jahr 1957 wurden in dem riesigen Gefängnis noch der frühere Reichsjugendführer Baldur von Schirach, des Führer’s Architekt Albert Speer und der Stellvertreter Adolf Hitlers, Rudolf Hess, gefangen gehalten.

Auch lernte ich aus den Unterlagen, dass die Haftanstalt nach Kriegsende reihum von den vier Siegermächten verwaltet wurde. Alle Monate wechselten sich die alliierten Mächte ab. Und an der jeweils gehievten Flagge war zu erkennen, welches Land gerade zuständig war. Auf der Ansichtskarte war der Union Jack deutlich zu erkennen. Das Bild musste also 1957 in den Monaten Januar, Mai oder September aufgenommen worden sein, denn in diesen Monaten hatten die Engländer das Sagen. Am rechten Rand der Postkarte war ein Baum im Bild. Er trug eindeutig Blätter, was den Schluss zuließ, dass die Aufnahme im Mai oder im September gemacht wurde. Am 16. Mai 1957 wurde Walter Funk, der frühere Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig entlassen. Konnte dieser Umstand ein Hinweis auf das sein, was mir der Kartenschreiber mitteilen wollte?

Nachdem Hess als noch einziger Häftling in Spandau am 17. August 1987 erhängt in seiner Zelle aufgefunden wurde, hatte das Gebäude als Haftanstalt ausgedient. Es wurde 1987 abgerissen und an seiner Stelle steht heute ein modernes Einkaufszentrum. Ärgerte sich vielleicht jemand über die Tatsache, dass diesem Gefängnis kein Ehrenplatz in der Geschichte der Gemeinde Spandau eingeräumt wurde?

Ich suchte mit einer Lupe nach weiteren Details auf dem Bild, aber fand keine Antworten auf all die offenen Fragen.

Ratlos und deprimiert saß ich vor dem leeren Bildschirm meines Computers. Eine absolute Schreibblockade verhinderte die Arbeit an meinem Roman. Dieser Unbekannte warf mich völlig aus der Bahn. Meine Sicherheit war verflogen. Es war zum Haare ausraufen! Wenn dieser verrückte Kartenschreiber weiter macht, bin ich ruiniert!

In diesem Augenblick erschien auf dem Bildschirm ein Dialogfenster. Und dann darin der Text „Guten Abend, störe ich Sie? Ich bin R.H.“. Ich traute meinen Augen nicht. Wie kam der in meinen PC? Nach dem ersten Schreck fasste ich mich und antwortete: „Sie stören immer – was wollen Sie? Wer sind Sie?“

Seine Antwort kam prompt. „Sie sind trotz meiner Hinweise nicht drauf gekommen? Dann werde ich es Ihnen erklären.“ Nach einer kurzen Pause schrieb er weiter „Erinnern Sie sich an Paul Hieber?“

Ich wartete auf eine Fortsetzung der Erklärung, aber nichts rührte sich mehr auf dem Bildschirm.

„Nein – wer soll das sein?“
„Wirklich? Paul Hieber sagt Ihnen nichts? Er war eine wichtige Figur in Ihrer Geschichte ‚Hasenbau’, die Sie in Ihrem Geburtsjahr 1957 spielen ließen. Fällt der Groschen jetzt?“

Ich versuchte mir krampfhaft, den Inhalt dieser Geschichte in Erinnerung zu rufen. Es war eine frühe Erzählung die zwar publiziert, aber kaum gelesen wurde. Meinem Naturell gemäß verdränge ich solche Misserfolge aus den Erinnerung.

„Sie meinen diesen Halunken Paul Hieber, dem die Polizei einige schwere Straftaten nachweisen konnte und der dann von der Justiz hinter Schloss und Riegel gebracht wurde?“ Langsam sickerten die Details wieder ins Gedächtnis zurück.

„Genau diesen Paul Hieber meine ich. Er wurde im September 1957 wegen Mordes an seinen Eltern und an seiner Schwester zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Die leichteren Verbrechen, wie Diebstähle und Hehlereien fielen beim Strafmaß kaum noch ins Gewicht. Und haben Sie verfolgt, wie es mit ihm weiter ging?“

„Wie sollte ich? Ich bin doch nicht Psychologe, sondern Autor von Kriminalromanen!“ Es war vielleicht unklug, so emotional zu antworten, aber im Moment konnte ich nicht anders reagieren. Der Kerl nahm sich einfach zuviel heraus! Wäre er persönlich bei mir erschienen, hätte ich ihn wahrscheinlich aus dem Haus geworfen. Aber hier am PC konnte ich ihn nicht so einfach los werden. Natürlich dachte ich daran, den Computer auszuschalten, um den Störenfried los zu werden, aber die Neugierde war stärker. Also wartete ich geduldig auf seine Antwort.

„Dann sage ich es Ihnen. Er wurde 1967 wegen guter Führung und aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig entlassen. Als Autor dichteten Sie ihm den Beruf eines Elektrikers an; das passte Ihnen offensichtlich damals besser in Ihr Konzept. In Wirklichkeit aber war er Buchhalter. Sein Problem war, dass er mit seiner Knast-Vergangenheit nirgends eine Anstellung finden konnte. Keine Firma war bereit, einem Mörder und Dieb Verantwortung über die Kontrolle der Finanzen anzuvertrauen. In den zehn Jahren hinter Gittern wurde sein Wille gebrochen und sein Selbstwertgefühl sackte unter die Null-Linie ab. Alkohol wurde sein ständiger Begleiter und machte ihn zum Sozialfall. Einerseits schloss er sich selbst aus der Gesellschaft aus, andererseits mied ihn die Gesellschaft wie einen Aussätzigen. Mit Verbrechern wollten sie nichts zu tun haben. Können Sie sich vorstellen, wie er sich dabei fühlte? Haben Sie jemals versucht, sich ernsthaft in eine Ihrer Figuren hinein zu denken? Ich bezweifle es ernsthaft!“

Widerwillig musste ich zugeben, dass er bis zu einem bestimmten Grad recht hatte. Mich interessieren Fakten und nicht Gefühle. Wäre es anders, würde ich nicht Kriminalromane schreiben, sondern Schmalz- und Liebesromane!

„Nur an zwei Stellen fand Paul Hieber etwas Verständnis und Anteilnahme. Zuerst bei seiner Frau, die er knapp ein Jahr nach seiner Entlassung ehelichte. Aber auch sie war eine vom Alkohol zerstörte Persönlichkeit. Hier versuchten sich zwei gestrandete Menschen gegenseitig zu stützen und dabei strauchelten sie beide . Wichtiger für ihn wurden zwei Freunde, die ihm ab und zu ein paar Flaschen Bier zukommen ließen und mit denen er, wenn er nüchtern war, Gespräche über seine eigene Zukunft führen konnte. Sie waren es, die es verstanden, ihm wieder eine Perspektive aufzuzeigen. Nichts Großartiges, aber immerhin ein Pfad, der aus seinem Sumpf hinaus führte. Sie interessierten sich schon für seine Vergangenheit, aber sie betrachteten diese nicht als Schlagbaum, der Paul Hieber den Weg in die Zukunft abriegelte.“

„Und weiter?“, fragte ich. Mein Interesse als Autor war geweckt. Vielleicht gibt das Gespräch am PC Stoff für einen neuen Roman?

„Und weiter?“, wiederholte R.H. „seine Freunde klärten ihn darüber auf, dass in der Geschichte unseres Landes einiges falsch gelaufen war, und dass Paul nicht das einzige Opfer dieser Justiz sei. Großartige Menschen, die nichts anderes im Sinne hatten, als Deutschland zu Ruhm und Ehren zu bringen wurden von unserer Gesellschaft falsch gesehen und verurteilt. Sie sagten ihm weiter, dass sie zu einer Gruppierung gehören, die diese Fehler korrigieren wollen. Gemachte Irrtümer sollten mit ihrer Hilfe rückgängig gemacht werden. Sie würden dafür sorgen, Deutschland wieder in Ordnung und Balance käme.“

Mit diesen Sätzen verspielte mein unbekanntes Gegenüber das Interesse, das es anfangs bei mir weckte. Ich hatte keine Lust, mit Spinnern, Phantasten und Weltverbesserern über diffuse Theorien zu korrespondieren. Deshalb versuchte ich, das Thema zu wechseln.

„Und was haben Sie mit der ganzen Sache zu tun? Warum belästigen Sie mich mit Ihren Ansichtskarten? Wie kommen Sie dazu, als Hacker in meinen PC einzudringen? Wie ist eigentlich Ihr Name? Bis jetzt kenne ich nur Ihre Initialen.“

„Mein Name ist Rudolf Hieber, ich bin sein Sohn. Mein Vater hatte darauf geachtet, dass ich die gleichen Initialen bekam, wie sein großes Vorbild, das 1987 so tragisch aus dem Leben schied. Nach einem Studium der Literatur wurde ich - wie Sie - freier Schriftsteller. Unter diesem Namen kennen Sie mich nicht, wohl aber dürfte Ihnen mein Pseudonym Johannes Braunau ein Begriff sein.“

„Dann sind Sie…..“, mir stockte der Atem.

„Genau der bin ich! Ich bin der andere Autor, der unserem gemeinsamen Verlag zu satten Gewinnen verhilft. Ohne die Verkaufserfolge mit unseren Werken wäre das Verlagshaus wahrscheinlich längst pleite. Ich pflege den alten Stil in meiner Sprache. Eigentlich hätten Sie mich an diesem Stil schon beim Lesen der Ansichtskarten erkennen können. Aber wahrscheinlich sitzen Sie auf so hohem Ross, dass Sie es nicht für nötig halten, Bücher von anderen Schriftstellern zu lesen! Ihre Texte sind dem aktuellen Konsumverhalten angepasst: kurz, schnell, unkompliziert. Alles Eintagsfliegen. Sie werden sehen: meine Werke werden aber überdauern“

Ich glaubte zwischen den Zeilen auf dem Bildschirm ein höhnisches Lachen zu hören.

„Die Ideale meines Vaters gefallen mir noch heute, auch wenn sie vielen Menschen veraltet und überholt erscheinen. Sie sind großartig und ich sorge dafür, dass diese Ideen verbreitet werden. Ich will Menschen, die – wie Sie - immer noch falschen Ideen aufsitzen, die Hand reichen, sie vom Besseren überzeugen; darin sehe ich meine Lebensaufgabe. Deshalb schrieb ich Ihnen die Ansichtskarten und bin jetzt hier. Und jetzt passen Sie gut auf - das ist meine Forderung an Sie: Führen Sie Ihre Geschichte \'Hasenbau\' weiter und erläutern Sie Ihren Lesern, wie mein Vater die echten Werte des Lebens fand. Veröffentlichen Sie dieses Buch in unserem Verlag.“

Er tippte nicht mehr weiter. Erwartete er eine Antwort von mir? Dann, nach einer längeren Pause, fuhr er fort: „Sie haben richtig verstanden, das ist eine Forderung. Sie können es ruhig auch als Drohung ansehen. Und glauben Sie ja nicht, Sie hätten mich in der Hand und könnten jetzt gegen mich vorgehen, nur weil Sie einige Dinge mehr über mich erfahren haben, als andere. Verlassen Sie sich darauf, dass ich ausgezeichnete Kontakte zur Presse habe und es mir ein Leichtes sein wird, wichtige Kritiker gegen Sie aufzubringen. Sie wissen selbst, dass das einem Abschied von Ihrem Höhenflug gleich käme. Wollen Sie das?“

Das Dialogfenster verschwand vom Bildschirm mit einem Geräusch, das sich wie das Zuschlagen einer Türe anhörte. Unwillkürlich drehte ich mich zur Türe hin, aber es war dort nichts zu sehen. Ohne sich zu verabschieden, war er weg. Über eine halbe Stunde wartete ich vor dem toten Monitor, aber R.H. meldete sich nicht mehr. Was sollte ich tun? Ihn beim Verleger in Misskredit bringen? Schließlich haben meine Bücher höhere Auflagen als die von Braunau; ich war also immer noch das stärkste Pferd im Stall meines Verlages. Aber würde das nicht früher oder später auf mich zurückfallen? Überlegungen, die von den Protagonisten in meinen Romanen gemacht werden, muss ich jetzt plötzlich für mich selber anstellen, und für falsch getroffene Entscheidungen gerade stehen. Wie entscheidend doch so ein kleiner Perspektivenwechsel die Welt verändern kann!

Was würde passieren, gäbe ich der Forderung nach und würde meine Geschichte weiterführen? Ich müsste doch dann bis zu einem gewissem Grad zugeben, dass die braune Ideologie positive Aspekte in sich birgt. Kritiker und Publikum stempelten mich plötzlich als Neonazi ab. Das Ende meiner Karriere wäre vorprogrammiert. Eine undenkbare Lösung für mich.

Konnte man sich mit R.H. arrangieren? Das erschien mir auch unwahrscheinlich, denn ich schätzte Braunau so ein, dass er – reicht man ihm den kleinen Finger – gleich die ganze Hand fordert.

Deshalb entschloss ich mich, die Drohung des Postkartenschreibers zu ignorieren, wohl aber seine guten Ratschläge zu befolgen. Ich begann mit den ersten Konzeptskizzen für einen neuen Roman, der den Wettkampf zweier Autoren beschreibt, die um die Gunst der Verleger und des Publikums buhlen. Dabei werde ich tief in die Psyche der Protagonisten einsteigen und Überlegungen bis zum Ende durchdenken.

Bis zum bitteren Ende meines Widersachers.






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