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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Appetitmacher
Eingestellt am 02. 04. 2008 00:47


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paulenullnullzwei
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"Na, wo drĂŒckt denn der Schuh, junger Freund?"

Stand man im Wagonflur des Abendzugs 812, Mannheim-Hamburg, gab einem die glĂ€serne AbteiltĂŒr den Blick auf die tief stehende Sonne frei. Ruhig lag sie rechts im Fensterwinkel, streng im Takt von schwarzen Oberleitungsmasten durchschnitten. Herbstfarbend wĂ€rmte sie das Abteil und dessen zwei Insassen. Der eine, ein junger Mann Mitte Dreißig, konnte seine Augen von dem Licht nicht lassen, ganz als erhoffe er sich von ihm das GlĂ€tten der Sorgenfalten. Der andere, ebenfalls junge Mann, schaute dem Beladenen zu bis er nicht mehr an sich halten konnte und fortfuhr:

"Wenn da mal nicht eine Frau dahinter steckt. Einen Zwanziger, dass ich nicht schief liege!"

"Weder Schuh noch Frau. Behalten Sie lieber Ihr Geld."

riet ihm der Nachdenkliche. Franz Freund reute es sogleich, den Ball zurĂŒck gespielt zu haben. Mehr noch reute ihm aber seine NachlĂ€ssigkeit, der Schalterdame keine Großraumwagenreservierung aufgetragen zu haben. Großraumwagons bieten Schutz in der AnonymitĂ€t. Alleinsein in der Menge - das leisten sechssitzige Zugabteils nicht. Schon dreimal nicht, wenn nur Zwei drin sitzen.
Obgleich Franz zugeben musste, dass ihm die Antwort ohne Widerwillen von dem Lippen gegangen war. Sein Nachbar hatte eine eigentĂŒmliche Art an sich, einem jegliche Scheu zu nehmen. Richard Feuerbach hieß jener. Ein lebensfroher Charakter, aufgeschlossen allem gegenĂŒber, was Abwechslung versprach. Die roten, naturgelockten Haare kontrastierten zur BrĂ€une seiner Haut. Das Gesicht scharf geschnitten, die ganze Erscheinung von vorzĂŒglicher Haltung und Stil. Franz schien es, als komme sein GegenĂŒber aus einer lĂ€ngst vergangenen Epoche und hatte sich lediglich im Jahrhundert geirrt.

"Wie kommen Sie darauf, mein Schuh drĂŒckt?"

"Na hören Sie mal, man muss schon mit Blindheit geschlagen sein, um die Zerknirschung in Ihren ZĂŒgen zu ĂŒbersehen. Das Leben hat mich schon durch so manche Weltgegend gespĂŒlt. Da lernt man zwangslĂ€ufig, Zerknirschung von Entspanntheit zu unterscheiden, das können sie mir glauben. Also, wo klemmt's Kamerad?"

"Nix klemmt 'Kamerad'! Und Probleme mit Frauen hab ich auch nicht.... Ich hab' eins ohne."

"Sapperlot, jetzt hol mich aber der Teufel!
Aber verzeihen Sie meine Unhöflichkeit... vor lauter Neugier. Gestatten? Richard Feuerbach, Privatier."

"Privatier? Sieh an! Angenehm, Franz Freund, Schriftsteller.
Aber sagen Sie mir, Herr Feuerbach, was brĂ€chte mich dazu, einem mir unbekannten 'Privatier' meinen Kummer auszuschĂŒtten?"

"Oh, das bleibt Ihnen selbstredend unbenommen, werter Freund, aber sie sollten wissen, dass ich unter den Menschen, die mich nĂ€her kennen, als ein recht passabler Problemlöser gelte. Ich glaube nicht zu ĂŒbertreiben, wenn ich sage, dass es noch kein Schlamassel geschafft hat, meiner Kunst zu trotzen."

"Wie sie meinen, Feuerbach, aber vor meiner Misere kapitulieren selbst Sie, da bin ich mir sicher."

Franz hatte sein GegenĂŒber beim Nachnamen genannt ohne 'Herr' vorne dran, Seiner Ansicht nach tun das Schriftsteller so. Seine Berufsbezeichnung bereitet ihm dennoch noch ein wenig Bauchweh, zugleich aber auch -kribbeln. Er bedient sich ihrer noch nicht lange. LandlĂ€ufig geht man ja davon aus, dass Schriftsteller erst zu solchen werden, wenn ein Werk von ihnen gedruckt vorliegt. Auch Franz war frĂŒher dieser engen Betrachtung oblegen gewesen, hatte seine Sichtweise mittlerweile jedoch entspannt. Bis vor Kurzem traf das Bonmot zu:
"Er ist sehr berĂŒhmt, es hat sich nur noch nicht herumgesprochen!"
Seit einiger Zeit begann es sich jedoch herumzusprechen. Ob es sich dabei schon um BerĂŒhmtheit und nicht viel mehr um Bekanntheit handelt, wird die Zeit weisen.

"Schauen Sie, Feuerbach, ich bin kein Freund groβer Worte, zumindest nicht gesprochener. Verliehe man fĂŒr ZurĂŒckhaltung Medaillen, ich bekĂ€me die goldene. Warum es im Moment aus mir heraus will, ist mir schleierhaft. Ich tippe auf die Brisanz meiner Lage. Sie scheinen mir ein anstĂ€ndiger Kerl zu sein, wenn auch ein etwas altmodischer, und die Wahrscheinlichkeit eines Wiedersehens nach unserer Ankunft ist gering. Jetzt haben wir uns 36 Jahre nicht getroffen - halten wir diesen Rhythmus, dann ist meine Geschichte bei Ihnen sicher."

"Gewiss. Und, wer weiß, vielleicht lĂ€sst sich ja der Knoten lösen, den sie offensichtlich fĂŒr so fix halten. Nur frei von der Leber weg, ihr Stil gefĂ€llt mir!"

"TĂ€uschen Sie sich mal nicht. Ich habe da wenig Hoffnung. Um die Situation verstĂ€ndlich zumachen, muss ich wohl ein wenig ausholen. Eigentlich muss ich sogar krĂ€ftig ausholen - bis zurĂŒck in meine Kindheit."

"Nur zu, wir haben Zeit. Hamburg ist noch fern."

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