Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87708
Momentan online:
74 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Arambol
Eingestellt am 03. 10. 2003 13:23


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Trippi
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2003

Werke: 4
Kommentare: 16
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Ich dachte oft an diese Begebenheit. Mit gemischten Gef├╝hlen. Zu nah schien mir das Ganze am Abgrund des Wahnsinns.
Aber so ist das in unserer Ursache-Wirkungs-Welt: Wenn heute jemand daherkommt und behauptet, Gott habe zu ihm gesprochen, den stecken wir glatt in die Klapsm├╝hle. Und wenn der heilige Geist pers├Ânlich vorbeigeflogen k├Ąme, die Luftabwehr h├Ątte ihn abgeknallt, noch bevor er seine Botschaft verk├╝nden k├Ânnte. War es das, was hinter den Spaceprogrammen stand, dieser ganze SDI-Mist, Defensivraketen im Weltraum?
Auf Umwegen, zu lang um sie im Detail zu beschreiben, war ich in Goa gelandet.
Ich muss mich mit einer Zusammenfassung begn├╝gen: Im Fr├╝hjahr 1989 in Koh Phangan hatte ich Barbarossa, so nannte er sich, kennen gelernt. Ein Schweizer mit blasser Haut, w├Ąssrig-blauen Augen, roter M├Ąhne und Rauschebart. Der kam direkt aus dem Himalaya, wo er behauptete, sieben Jahre in einer H├Âhle gesessen zu haben. Er hatte einen riesen Haufen allerbesten Charras dabei, den er nun in Koh Phanghan unter die Leute brachte. Barbarossa am├╝sierte mich k├Âstlich mit seinen Stories von Zauberern und internationalen Verschw├Ârungen und anderen, h├Âchst schr├Ągen ├ťberzeugungen, deshalb verbrachte ich Tage in seinem Bungalow. Da war unter anderem die Frage aufgetaucht, wie man denn mit einem ganzen Kilo Haschisch ├╝ber die Todesstrafengrenze Bangkok marschieren konnte, deren Beantwortung mehrere Tage andauerte. Quintessenz war: „Ich bin unsichtbar.“
Wie gesagt, Barbarossa, der eigentlich Martin hie├č, am├╝sierte mich k├Âniglich. Gleichzeitig beeindruckte er mich auch gewaltig, mit dem besten Hasch, das ich je geraucht hatte (das ist bis heute so), auch deshalb verbrachte ich Tage in seinem Bungalow.
Au├čerdem brauchte er einen Chillumpartner, denn er hatte ein sagenhaftes Konsumtempo, korrekter vielleicht, eine ausgepr├Ągte Sucht. Da er nur schlecht Englisch sprach, aber gerne seine Weisheiten kund tat, war ich also in jeder Beziehung das passende Gegenst├╝ck. Weshalb er mich tagelang in seinem Bungalow duldete. Kurzum wir wurden Freunde, obwohl immer mit dem Gef├Ąlle der Bewunderung, die ich ihm, dem gut f├╝nfzehn Jahre ├Ąlteren Hippie, entgegenbrachte.
Was mich allerdings immer irritierte, das war seine ausgepr├Ągte Vorliebe f├╝r Technomusik, die damals noch gar keinen rechten Namen besa├č. F├╝r mich war das aggressiver Krach und passte gar nicht zu meinen Vorstellungen von Strandidylle und Flower-Power. Dazu bedurfte es doch Sitas, Bongos und Akustikgitarren. Doch Martin belehrte mich eines Besseren.
Koh Phangan war damals das Exil der aus Goa vertriebenen Langzeithippies. Auch das erfuhr ich von Martin, der mir auch ein paar Szenegr├Â├čen vorstellte. Alles durchweg nette, aufgeschlossene Leute, die eines verband: Den Hang, sich bei Vollmondparties LSD zu verpassen und wie die Wahnsinnigen zu jener unertr├Ąglichen Stampfmusik zu tanzen. Daf├╝r bot sich das erst seit kurzem f├╝r Touristen offene Inselchen geradezu an, denn es gab nur eine Polizeistation im Dorf beim Bootsanleger, aber von dort keine Stra├če her├╝ber zum wilden Hadrin-Beach. Die Polizei konnte also nur mit dem Boot in die Bucht gelangen, eine Barkasse zu Wasser lassen um dann, unter dem Gejohle der gen├╝sslich ihre Joints zu Ende rauchenden Leute zum Strand paddeln. Das konnte die Ordnungsmacht sich gleich sparen und tat es auch.
Mehrfach sa├č ich staunend am Rand von Tanzfl├Ąchen und beobachtete, wie unter stumpfen Spr├╝chen wie `Ich bin so wild nach Deinem Erdbeermund┬┤ die totale Ekstase auf der Tanzfl├Ąche ausbrach.
Martin behauptete immer, Goa sei da noch viel abgefahrener und ich solle ihn da mal am Ende der n├Ąchsten Saison treffen. Er war absolut ├╝berzeugt davon, dass der abrupte Abzug der gesamten Szene an verschiede andere Pl├Ątze, nach Thailand, den Philippinen und irgendwo in S├╝damerika, den vom Hippietourismus fett gewordenen Goanesen arges Kopfzerbrechen machte, so dass im n├Ąchsten Jahr dort wieder gefeiert werden k├Ânne. „F├Ąhrt doch sonst keiner hin, au├čer zum Feiern“, lachte er und zwinkerte mir schelmisch zu. Irgendwann reiste er ab.
Ich selbst ging nach Taiwan und tauchte danach, also im Herbst 1989, wieder in Koh Phangan auf. Um schlie├člich den Einstieg in diesen ungew├Âhnlichen Sound zu finden, als ich auf der Sylvesterparty unter Schwarzlicht derart tanzte, dass ich pl├Âtzlich Martin zu verstehen glaubte. Der hatte n├Ąmlich behauptet, dass es sich bei den ekstatischen T├Ąnzen um die Wiederbelebung von schamanistischen Ritualen handele und das schien die treffendste Beschreibung f├╝r meinen ekstatischen Tanz.
Von jener Party auf der Klippe am Hadrin-Beach k├Ânnte ich berichten, denn in jener Nacht gab es ein gro├čartiges Naturschauspiel. W├Ąhrend auf der einen Seite blutrot die Sonne ins Meer sank, stieg auf der gegen├╝berliegenden Seite der volle Mond in seinem blassen Rosa aus den Fluten. Aber wohl niemand trug einen Photoapparat bei sich in dieser lauen Nacht.
Wichtig war das Ergebnis, n├Ąmlich mein Entschluss, meine urspr├╝ngliche Reiseroute gewaltig zu ├Ąndern. Zwar w├╝rde ich durchaus noch meinen bereits gebuchten Flug nach Nepal antreten, jedoch den dortigen Aufenthalt erheblich k├╝rzen, um dann ├╝ber Puschkar nach Goa zu reisen.
Wo ich tats├Ąchlich am ersten Tag, als ich gerade ratlos in einem Strandcafe hockte, Martin traf. Mit ihm passierte eine Wiederholung des Programms von Koh Phangan: Er lud mich ein, bei ihm zu wohnen, in einem Laden namens Low Valley, der die Schaltzentrale der Szene zu sein schien. Und er f├╝hrte mich in erlauchten Kreisen ein, so dass ich binnen k├╝rzester Zeit auf Parties geladen war, die nicht von den Hotels im S├╝den f├╝r die Touristen, sondern von der Szene f├╝r die Szene veranstaltet wurden.
Am Ende der durchgetanzten Wochen, die ich sehr genossen habe, er├Âffnete mir Martin, dass es nun eine Party geben werde, an die ich noch lange denken w├╝rde. Damit auch wirklich ausschlie├člich die richtigen Leute dorthin k├Ąmen, erl├Ąuterte er, sei die nicht bei uns in der N├Ąhe, sondern ganz oben am Nordzipfel Goas. Arambol hie├če der Platz.
Es war gar nicht so leicht, nach Arambol zu gelangen, obwohl es der Karte nach kaum zehn Kilometer Luftlinie entfernt war. Aber es gab keine praktikable Busverbindung von den Str├Ąnden in der Mitte Goas zu denen im Norden. Das lag daran, dass der Fluss, der bei Chapora ins Meer m├╝ndet, den n├Ârdlichen Teil Goas vom Rest des Staates abschneidet. Hier, direkt an der K├╝ste, schwillt der sonst gem├Ąchlich dahinflie├čende Strom w├Ąhrend des Monsuns gewaltig an, so dass die aufwendige Errichtung einer Br├╝cke bisher unterblieben ist. Somit gibt es keine K├╝stenstra├če. Und deshalb kann man den Norden nur erreichen, indem man von den Str├Ąnden mit einem Bus zuerst in die Distrikthauptstadt Mapusa, dann von dort zur im Landesinneren liegenden F├Ąhre ├╝ber den Fluss, auf der keine Busse Platz haben, und schlie├člich mit einem letzten Bus nach Arambol vorst├Â├čt. Die so zustande kommenden knapp siebzig Kilometer mit dem Taxi zur├╝ckzulegen verbot sich (damals zumindest) ganz von selbst.
So war es zu erkl├Ąren, dass die Region um Arambol noch relativ verschont geblieben war von den im Hippie-Eldorado Anjuna ausufernden Zust├Ąnden, wo Kurzzeittouristen bereits damit begonnen hatten, systematisch das spannungsfreie Verh├Ąltnis der gutm├╝tigen Einheimischen und der irgendwie heimisch gewordenen Ausl├Ąnderpopulation St├╝ck f├╝r St├╝ck zu demolieren, erkl├Ąrte Martin. Warum er denn dann nicht in Arambol wohne, fragte ich und erhielt wieder diesen beschw├Ârerisch stechenden Blick aus seinen wasserblauen Augen. „Hier spielt die Musik“, raunte er verschw├Ârerisch.
Und damit hatte er mehr als recht. Nach dem Exodus des Vorvorjahres hatte sich in der darauffolgenden Saison die gesamte ausgelassene Gemeinde wieder in Goa eingefunden. Um im ├╝berschw├Ąnglichen Bewusstsein ihres Sieges eine Saison durchzutanzen, wie sie Goa kaum je zuvor erlebt hatte. Und nie wieder erleben w├╝rde. Geradezu im Idealverh├Ąltnis mischte sich in diesem Jahr die alteingesessene Szene mit Neuank├Âmmlingen wie mir und assimilierte sie.
„Everybody get┬┤s into it“, war die Losung mit universeller Durchschlagskraft. Und ich mitten drin. Dank Martin und dem zuf├Ąlligen Umstand, dass ich die halbe Szene im Jahr zuvor in ihrem unfreiwilligen Exil, Koh Phangan, kennen gelernt hatte, als es durch die ungew├Âhnlichen Umst├Ąnde kurzzeitig Schlupfl├Âcher in der eingespielten Hierarchie gegeben hatte. So waren mir Adi, Acid-Erick, die Olli-Crowd, der unendlich dicke Schweizer Mandy und der wie ein Saddhu in Lendenschurz und Dreads umherstolzierende Joe mittlerweile vertraute Gr├Â├čen, die ich ehrf├╝rchtig be├Ąugte, wenn ich in Martins Schlepptau mit ihnen gemeinsam an einem Tisch sitzen durfte.
Aber an jenem n├Ąchsten Donnerstag w├╝rde die Musik in Arambol spielen. Zumindest f├╝r die Eingeweihten, zu denen ich mich nun offensichtlich endg├╝ltig z├Ąhlen durfte.
Es war hei├č geworden in den letzten Tagen, der Monsun dr├╝ckte heran. Allgemein schien man ├╝bereingekommen, dass der Fr├╝hlingsanfang das Saisonende markieren w├╝rde. Mit zwei Parties: Eine f├╝rs Volk, also diejenigen, die nicht mit dem harten Kern der Bewegung in Verbindung standen, in Anjuna. Und eben jene in Arambol f├╝r die Insider. Ich war zutiefst ger├╝hrt, denn alles, was Rang und Namen hatte, w├╝rde an diesem Abend dort auflegen: Antaro. Goa Jill. Olli.
Nie zuvor habe ich getanzt, wie wenn Antaro auflegte. Antaro, dem es mit Songs aus dem Computer, die er in beliebigem Tempo abspielen konnte, gelang, eine ganze, in irrsinniger Geschwindigkeit wirbelnde Tanzfl├Ąche synchron in eine zeitlupenartige Trance zu versetzen. Bis alle quasi gleichzeitig merkten, dass sie wie Marionetten an den unsichtbaren F├Ąden der Musik gef├╝hrt wurden, um dann mit befreiendem Gejohle zur├╝ckzuschnellen in den erneut unbarmherzig stampfenden Rhythmus. `Das kollektive Bewusstsein generieren┬┤ nannte Martin das und irgendwie, ja, genau so f├╝hlte es sich an. Eine Art telepathisch-kollektive Ekstase.
„Wir k├Ânnen also mit einem Motorrad fahren oder am Strand entlang wandern“, fasste Martin unsere Optionen zusammen. Doch, nat├╝rlich k├Ânne man ├╝ber den Fluss, wehrte er meinen Einwand ab, denn die Fischer von Chapora w├╝rden einen f├╝r kleines Geld mit ihren Baumstammbooten ├╝bersetzen. „Aber am Strand entlang, da k├Ânnen wir nat├╝rlich nicht so viele Sachen mitnehmen“, f├╝gte er hinzu. Also ein Motorrad f├╝r ein paar Tage leihen.
Wir fanden schlie├člich eines, wahrscheinlich das letzte zu mietende Gef├Ąhrt. Eine rote Rajdoot, die den Eindruck machte, als sei sie soeben aus hunderte Jahre alten Ersatzteilen zusammengeschraubt worden, in die sie sich, kaum um die n├Ąchste Ecke, auch gleich wieder aufl├Âsen w├╝rde. Martin erkl├Ąrte v├Âllig unerwartet, er selbst besitze weder F├╝hrerschein noch Fahrpraxis. Mit bangem Herzen drehte ich daraufhin ein paar Testrunden. Die Vorderbremse erwies sich als blo├če Attrappe und bei der Hinteren schliff ger├Ąuschvoll, aber wirkungslos, Metall auf Metall. Auch die Kupplung schien bar jeder Funktion, doch das total ausgelatschte Getriebe nahm die G├Ąnge auch so ohne gr├Â├čeren Protest entgegen. Einzig der Motor schien verl├Ąsslich, so dass ich schlie├člich z├Ąhneknirschend einwilligte, die Karre ├╝ber die von Schlagl├Âchern ├╝bers├Ąte Piste zu man├Âvrieren. „F├Ąhrst halt vorsichtig, oder?“ meinte Martin in seinem unnachahmlichen Schweizerdeutsch und br├╝llte dann so laut sein „Shiva“, dass mir trotz des Motorenger├Ąusches fast die Ohren abgefallen w├Ąren.
Unterwegs wurden wir in unregelm├Ą├čigen Abst├Ąnden von kleinen Gruppen johlender Freaks ├╝berholt, die uns aufmunternd zuwinkten. Schien doch gar nicht so klein zu sein, wie ich es mir vorgestellt hatte, die Party. Wir waren noch nicht bei der F├Ąhre angelangt, da lie├č mich Martin auch schon anhalten, um ein Chillum zu rauchen. „Du h├Ąltst es wohl keine Stunde ohne aus“, lachte ich scherzhaft und erhielt ein schelmisches „Drei├čig Minuten“ zur Antwort. Am Stra├čenrand sitzend fragte ich ihn, wie gro├č ich mir denn das Ganze vorzustellen h├Ątte, worauf ich allerdings lediglich den vielsagenden Blauaugenblick und das unvermeidliche „Shiva!“ zur Antwort bekam. Er bemerkte meinen missbilligenden Gesichtsausdruck und lenkte ein. Tats├Ąchlich wisse er es nicht, behauptete er. Aber sicher nicht allzu klein. „Die Szene ist gro├č und das ist ┬┤n ganz special place, musst du wissen“, fing er an. „Da ist ein See, direkt am Strand, der wird aus sieben Quellen gespeist, oder?“
Ich zuckte mit den Achseln, das M├Ąrchen hatte er mir schonmal aufgetischt. Martin wusste aber nicht, dass ich seine Geschichte schon nachgepr├╝ft hatte. Meine Teilnahmslosigkeit veranlasste ihn zu einem unwirschen Grunzen. Als wolle er mich hypnotisieren zog er die buschigen Brauen hoch und riss dabei die Augen weit auf. „Bei Vollmond kommt das Meer so nahe, dass der See und das Meer eine Einheit bilden“, fl├╝sterte er. Deshalb gebe es in diesem See Fische, wie sie sonst nirgendwo auf der Welt existierten, halb Salz- und halb S├╝├čwasserfisch. Wenn man sich regungslos ins Wasser lege, dann k├Ąmen sie an und wo immer man eine Wunde in der Haut h├Ątte w├╝rden sie mit ihren kleinen M├╝ndern daran herum nibbeln, bis die Wunde sauber sei. Au├čerdem m├╝nde eine der Quellen unter Wasser direkt in den See und dort trete eine wei├če Tonerde aus. Heilerde. „Wenn du Hautprobleme hast, kannst du dich damit einreiben und von der Sonne trocknen lassen. – Weg! Shiva!“
Ich hatte zwar gelernt, dass Martins f├╝r mich oft unvorstellbare Geschichten sich gew├Âhnlich bewahrheiteten, aber diesmal hatte er den Bogen eindeutig ├╝berspannt. „Wirst schon sehen“, erwiderte er achselzuckend, „heute ist ja Vollmond.“
Nach einem weiteren Stop gelangten wir endlich in die Bucht von Arambol. Hunderte von Motorr├Ądern s├Ąumten den absch├╝ssigen Schotterweg und wir hatten M├╝he irgendwo unseren Bock abzustellen. Links und rechts der Stra├če gab es einige aus Bambus und Palmen zusammengezimmerte Cafeh├╝tten, alle bis zum Bersten voll mit buntem Volk. Zielstrebig hielt Martin auf den Strand zu, der zwar, malerisch halbrund wie in den Katalogen, sehr h├╝bsch war, aber zu meiner Entt├Ąuschung nirgendwo einen See mit Wunderfischen offenbarte. Auch hier lungerten einige hundert Leute in kleinen Gruppen herum. Hier und da drang die allerneuste Technomusik an mein Ohr, wie ich sie nur von den Abendgelagen im Haus des Schweizers Mandy kannte. „Haben gut vorgesorgt“, kommentierte Martin und erkl├Ąrte mir zum wiederholten Mal eindringlich, dass es diesen Sound noch gar nicht auf Vinyl, geschweige denn auf CD gebe. Aber f├╝r so ein Event wie den heutigen Abend, da w├╝rden vorher von den DJs Tapes unter die Leute gemischt, die richtigen Leute, damit man sich schon mal einh├Âren k├Ânne in den Sound der n├Ąchsten Saison. „Was hier l├Ąuft, das wird f├╝rs n├Ąchste Jahr in den Londoner Clubs getestet“, meinte er stolz und ich glaubte ihm kein Wort. (Bis mich ein Jahr sp├Ąter in K├Âln ein DJ auf die Kassette ansprach, die ich bei einer Geburtstagsfeier einer Freundin aufgelegt hatte. Woher ich denn die Songs habe, wollte er wissen, denn die seien brandneu und zumindest zum Teil nirgendwo zu bekommen, weil limitiert. Die Kassette hatte mir Martin zum Abschied geschenkt „Auch wenn du┬┤s nicht zu sch├Ątzen wei├čt, oder?“ Barbarossa, wo bist du?)
Irgendwo am rechten Ende der Bucht hockten wir uns ein bisschen erh├Âht in die Klippen, sahen der sinkenden Sonne zu und rauchten zwei, drei Chillums. Was immer mit mir sein mochte, ich war ├╝bellaunig. Ich hatte einfach keine Lust mehr zum Feiern. In Gedanken versunken erkl├Ąrte ich mir das damit, dass ich nach sechs Wochen unabl├Ąssigen Feierns wahrscheinlich die Schnauze voll hatte. `It┬┤s just another party┬┤, dachte ich und freute mich erstmalig darauf, in ein paar Tagen im Flieger nach Hause zu sitzen. Das sagte ich auch und erkl├Ąrte Martin, dass ich dort Chinesisch studieren w├╝rde, weil ich ja noch ein Leben lang an Str├Ąnden abh├Ąngen k├Ânne, aber sicherlich nicht ein Leben lang studieren. Mit ungl├Ąubigem Erstaunen starrte Martin mich an. Doch, versicherte ich gegen seine ├Ąrgerlich in Falten gelegte Stirn, immer nur feiern, das sei mir eindeutig zu wenig, so da nicht mehr dahinter stecke. Aber die von ihm behauptete Geschichte mit der internationalen Bewegung, dem ganzen Verschw├Ârungskram, Magiern und all das Zeug, das w├╝rde ich ihm einfach nicht abkaufen. Sicher, gab ich zu, das sei schon irre mit dem Acid-Erick, der da jeden zweiten Abend kostenlos LSD verteile, aber dennoch, beweisen w├╝rde das nichts.
„LSD?“ lachte Martin und hielt sich den Bauch. „Hast Du ┬┤ne Ahnung!“ Und wenn ich tats├Ąchlich mehr fordere, setzte er fort, dann w├╝rde da auch mehr geschehen. Schlie├člich, das wisse ich doch, „Nothing is real, oder?“. Ich wurde fuchsig. „Wo ist er denn dann, dein sagenhafter See?“ keifte ich, „Hat sich wohl nicht materialisiert!“ Martin sprang sofort ruckartig auf und ich f├╝rchtete schon, ich h├Ątte ihn so sehr ver├Ąrgert, dass er mich jetzt einfach stehen lassen w├╝rde. „Na los, dann komm!“ forderte er und stampfte los, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Wie ein aufgescheuchtes Huhn folgte ich ihm. Erst jetzt bemerkte ich, dass knapp ├╝ber Meeresspiegelh├Âhe ein ausgetrampelter Pfad die Bucht am Hang entlang zur vordersten Spitze f├╝hrte. Die Brandung klatschte schmatzend gegen rundgeschliffene Felsen, die etwas vorgelagert aus dem Wasser ragten. Vorne angekommen bog der Pfad nach rechts ab und f├╝hrte weiter unten an einem Steilhang entlang, zur Linken Felsen und das Meer, das von der schon tiefstehenden Sonne in malerische Farben getaucht wurde.
Kaum hatte ich zu Martin aufgeschlossen, da nahm er das Gespr├Ąch wieder auf. „Glaubst mir wohl nicht recht, oder?“ Ich zuckte mit den Schultern, Martin grinste siegessicher mit funkelnden Augen. Noch ein paar Meter weiter folgten wir dem Pfad, der jetzt steil den vegetationslosen Hang hinauf f├╝hrte, um dann einen Felsvorsprung zu erklimmen, an dessen Seite wir wieder hinabsteigen konnten. Schon von oben konnte man sehen, dass man auf diese Weise auf der anderen Seite wieder zu einem schmalen St├╝ck Strand gelangte. Einige Leute lagerten auch hier, aber von einem See war nach wie vor nichts zu entdecken. Ich hielt dennoch geflissentlich den Mund.
Ich tat es Martin gleich und zog meine Schuhe aus, als wir den Strand erreichten, der mit starker Neigung zum Meer hin abfiel. Der glei├čend wei├če Sand war wunderbar feink├Ârnig und gar nicht klebrig, wie das in Anjuna der Fall war. Geschmeidig gab er dem Druck der F├╝├če nach, auch auf der H├Âhe mit den ersten Wellenausl├Ąufern, wo wir schlie├člich wateten. Das St├╝ck verlief ein-, zweihundert Meter schnurgerade, direkt auf eine Traube von Leuten zu, die sich auf dem oberen, trockenen Strandst├╝ck aufhielten. Bald erkannte ich, dass es mehrere hundert K├Âpfe waren, die da hervorragten, mehr konnte ich aufgrund des H├Âhenunterschiedes vom Wasser aus zun├Ąchst nicht sehen. Ein paar Leute tummelten sich ausgelassen im Meer.
Und dann trat der Steilhang zur├╝ck und gab endlich den Blick frei auf eine mit dichtem Gr├╝n bewachsene, halbrunde Bucht. Es war ein Atem beraubender Anblick. Im Schutz vor der sengenden Sonne auf der Ebene hatte sich hier, an den H├Ąngen der vielleicht knapp zweihundert Meter breiten Bucht, ein intakter Urwald erhalten. Ein wahres Kleinod der Natur, das erkannte ich sofort. Mit einem Schauer der Begeisterung folgte mein Blick dem ├╝ppigen Wuchs nach oben. Ich jauchzte vor Freude. Martin nickte best├Ątigend, als sei der Platz sein Werk. „Shiva!“
Das letzte St├╝ck des Hanges, der irgendwie an ein antikes Amphitheater erinnerte, war nahezu nicht mehr bewachsen, so steil fiel es ab. Gro├če Felsformationen ragten dort oben in bizarren Formen aus dem erodierten Hang. Ein runder Brocken, den ich wegen des neben ihm stehenden einzelnen Baumes auf vielleicht sechs Meter Durchmesser sch├Ątzte, war mit einem riesigen `Om┬┤ in Technofarben bemalt. Malerisch reflektierte sich das letzte Abendrot in seinen kunstvoll geschwungenen Linien. Dar├╝ber der bereits n├Ąchtlich schwarzblaue Himmel, vereinzelt schon mit Sternen gesprenkelt. Auf H├Âhe der Bucht angekommen gingen wir vom Meer weg den Strand hoch. Jetzt nahm ich auch das leise Wummern der Musik wahr.
Fast schon oben blieb mir die Spucke weg, denn ich erblickte den kleinen See. Still f├╝llte er die Mitte der Bucht aus, sein hinterer Teil ums├Ąumt von dichtem Blattwerk. Sein dem Meer zugewandtes St├╝ck kam wie eine Zunge hinter einem gro├čen Felsblock hervor und leckte am unbewachsenen Strand. Das ganze Naturschauspiel wirkte auf so erhabene Weise intakt, dass mir die Tr├Ąnen in die Augen stiegen bei dem Gedanken, dass diese Schlucht die vielleicht letzte Nische war, in die sich der einst m├Ąchtige Urwald der s├╝dindischen Ebene verkrochen hatte. Zwischen dem See und dem Meer waren es zwar jetzt noch gut drei├čig Meter, aber mit der ansteigenden Flut w├╝rde das Meer tats├Ąchlich fast bis an den See reichen.
„Es sind jetzt noch f├╝nf Quellen“, erl├Ąuterte Martin, der mit mir stehen geblieben war, „die diesen See speisen. Bis auf die eine entspringen sie dort oben irgendwo im Dickicht, eine ganz oben, bei dem heiligen Baum.“ Er deutete irgendwo in die Mitte des Gr├╝ns. „Wegen dem traut sich auch kein Einheimischer hier abzuholzen. Shiva!“ f├╝gte er mit durch seine verschw├Ârerisch aufgerissenen Augen unterstrichenen Nachdruck hinzu. „Sind ganz viele alte Lagerpl├Ątze noch im Dschungel. Alte Back├Âfen, Aussichtsplattformen und so. Kannst Du Dir morgen mal anschauen. Da haben schlie├člich auch die Beatles gewohnt, oder?“
Doch ich h├Ârte kaum auf das, was er sagte, zu erschlagen war ich von der traumhaften Szenerie, erg├Ąnzt durch die etlichen kleinen Gr├╝ppchen sonnengebr├Ąunter Partyg├Ąnger, die am Strand lagerten. Ein Jongleur mit asiatischem Gesichtsschnitt stand ganz in unserer N├Ąhe und lie├č massive Stahlkugeln ├╝ber seine Handfl├Ąchen und die Schulterpartie rollen, als sei sein K├Ârper magnetisch. Kurz sah er zu uns her├╝ber und warf mir ein L├Ącheln zu.
Links vom See, dort wo der Sandstrand aufh├Ârte und der Wald begann, war auf einer kleinen B├╝hne das DJ-Pult aufgebaut. Davor, zum Meer hin bildeten mehr als mannshohe Boxent├╝rme ein Karree, aus dessen Mitte ein etwa sechs Meter hoher Holzpflock aufragte. Von seiner Spitze ausgehend waren Seile zu allen Seiten gespannt, so dass auf diese Weise eine runde Tanzfl├Ąche abgegrenzt wurde. Das Ganze wirkte wie die Unterkonstruktion eines Zirkuszeltes. An den Leinen hingen Schwarzlichtbirnen, deren diffuses Licht sich schon jetzt im D├Ąmmerlicht vor dem dunklen Wald in violetten Blasen abzeichnete.
„Da“, rief Martin pl├Âtzlich aus, deutete in eine Richtung und preschte vorw├Ąrts. Ich folgte ihm auf den Fersen durch die dichter werdende Menschenmenge. „Wie hast du die denn entdeckt?“ rief ich ihm erstaunt hinterher, als ich erkannte, dass er geradewegs auf Mandy und ein paar andere Gesichter, die ich fl├╝chtig kannte, zusteuerte. „Das hier ist ein magischer Ort“, zischte mir Martin daraufhin zu. „Hier findet man, was man sucht. Shiva!“
Es h├Ątte so sch├Ân sein m├╝ssen. Der Ort, die ausgelassene Atmosph├Ąre, die Aussicht auf eine wunderbare Party. Tr├╝bsinnig hockte ich bei den anderen und beobachtete, wie das bunte V├Âlkchen freudig erregt sich darauf vorbereitete an diesem angenehm k├╝hlen Abend und an diesem zweifelsfrei genialen Platz eine denkw├╝rdige Party zu feiern. Ich sah, wie um uns her Lagerfeuer aufleuchteten, bemerkte, wie der Sound lauter gedreht und wieder leiser gestellt wurde, als wolle man mitteilen, dass alle Systeme einwandfrei arbeiteten. Wie zur Antwort rann jedesmal ein Raunen durch die Menge. Hier und da wurde gejohlt und gepfiffen.
Und ich fand┬┤s beschissen. Ein Gef├╝hl belangloser Leere stieg unaufhaltsam in mir auf. Ich fand die Leute langweilig und nichtssagend, trotz all ihrer Stories und der maximal ausgekosteten Lebensl├Ąufe. Ich fand, dass irgendwie das Potential, das hier versammelt war, zu mehr berufen sein sollte, als sich einfach nur kr├Ąftig zu am├╝sieren und sich dann, ohne weiteren Sinn und Zweck, in alle Winde zu zerstreuen. Ich fand, das hier m├╝ssten die Mitglieder der internationalen Hippieverschw├Ârung sein, die geheime Keimzelle der Organisation zur Rettung der Menschlichkeit und nicht einfach nur zuf├Ąllige, auf oberfl├Ąchliches Entertainment hoffende G├Ąste. Ein DJ m├╝sste die tranceartigen T├Ąnzer mit hypnotischer Stimme konditionieren, eine untrennbare Gemeinschaft formen. Nicht blo├č: kollektives Bewusstsein – juchhu! – und weg. Das konnte doch viel mehr, wenn Menschen sich unter Drogeneinfluss dem peitschenden Rhythmus hingaben, da waren sie offen f├╝r Ideen, Hoffnungen und Tr├Ąume. Sah das denn niemand?
Mit Wehmut dachte ich zur├╝ck an Norbert und den wundersch├Ân romantischen Gedanken an seinen geheimen Lehrplan, der die Welt in eine bessere Zukunft geleiten w├╝rde. Sauer lachte ich auf, als mir klar wurde, dass ich tats├Ąchlich einmal geneigt war, solchen Schwachsinn zu glauben. „Kindskopf“, stie├č ich ├Ąrgerlich hervor, aber niemand schien mich zu beachten. `Wer mit sechzehn kein Marxist ist, hat kein Herz. Und wer mit f├╝nfundzwanzig noch einer ist, hat keinen Verstand┬┤, hatte mir ein Juso (ein Juso!) mal bei einer Podiumsdiskussion an den Kopf geknallt. Sicher ein Plagiat, aber Recht hatte er trotzdem. Beim Gedanken an Martin, der gerade wieder mal ein Chillum anz├╝ndete, und dass ich fast auch seinem Unsinn von angeblichen Magiern und Hexen sogar mehr als nur ein klein wenig Glauben geschenkt hatte, sch├╝ttelte ich den Kopf und sprang abrupt auf. „Bis sp├Ąter“, murmelte ich noch und machte mich davon.
Ich sah mich um. Um in den Urwald zu laufen war es schon zu dunkel. Aber am vorderen rechten Hang der Bucht stand auf etwa halber H├Âhe eine kleine H├╝tte, aus deren Fenster Kerzenlicht schien. Bis dorthin war das Gr├╝n nicht vorgedrungen, so dass ich mir vorstellte, trotz der Dunkelheit einen Weg hinauf zu finden, denn ich wollte mir das Spektakel mal von oben ansehen. Vielleicht konnte ich aus der Distanz meine Unzufriedenheit irgendwie absch├╝tteln. Schnaubend erreichte ich das kaum drei mal drei Meter gro├če H├Ąuschen, in dem ein paar Schatten gesch├Ąftig hin und her huschten. Ich f├╝hlte mich irgendwie als Eindringling in jemandes Privatsph├Ąre und schlich deshalb links an der H├╝tte vorbei und von dort weiter den Berg hoch. Bis ich einige zehn Meter hinter der H├╝tte schlie├člich aufgeben musste, weil es einfach zu steil wurde. Dort stand ich wie K├Ąptain Ahab in der auffrischenden Briese und lie├č den Blick schweifen. Links das endlose Meer, jetzt eine einzige pechschwarze Masse. Rechts vor mir das Schwarzgr├╝n des Dschungels. Unter mir die H├╝tte, von der der s├╝├če Duft von R├Ąucherst├Ąbchen heranwehte. Dahinter der Strand mit seinen unz├Ąhligen wieselnden Schatten, scharfen Rufen, qualmenden Lagerfeuern, dem Schwarzlicht und ├╝ber allem der wie ein fernes Donnergrollen wummernde Sound. Noch nichts, was zum Tanzen animiert h├Ątte, eher eine Pausenschleife direkt aus dem Synthesizer, dazu geschaffen, die Anwesenden langsam auf die kommende Party einzustimmen.
Pl├Âtzlich johlte die Menge und im selben Moment bemerkte ich, wie der pralle Mond ├╝ber das Halbrund der Arena trat. Die gesamte Tanzfl├Ąche erhielt sogleich scharfe Konturen durch seinen ├╝berraschend starken Schein. Man erkannte deutlich Einzelheiten. Die Spitzen der B├Ąume, sogar das Kr├Ąuseln der Wellen leuchtete auf in seinem kraftvollen Gelb, das allem etwas sagenhaft Unwirkliches verlieh. Vielleicht der beste Platz und die beste Party aller Zeiten. Zumindest die Beste auf dem Planeten an diesem Abend, da war ich mir sicher. Und ich mitten dabei!
Und ich fand┬┤s beschissen. Lachte abf├Ąllig ├╝ber meine sonderbare Stimmung. Schwor mir, dass ich k├╝nftig mehr aus meinem Leben machen w├╝rde, als blo├č abzufeiern. Nicht, weil es etwas daran auszusetzen gab, sein Leben in Saus und Braus, ohne Halt und Anker durchzubrausen. Nein, es gab keinen kategorischen Imperativ, keine moralische Verpflichtung und erst recht keine S├╝nde. Einzig deshalb, weil mir das nicht reichte. Irgendeine Sehnsucht, die mit dem verkl├Ąrten Glauben an internationale Verschw├Ârungen h├Ątte gestorben sein sollen, blieb hartn├Ąckig unbefriedigt. Statt aber weiterhin auf solchen abgehobenen Quatsch zu hoffen, w├╝rde ich nach meiner R├╝ckkehr flei├čig Chinesisch studieren, um wirklich einen Beitrag zu einer besseren Zukunft leisten zu k├Ânnen. Jawohl! Irgendeiner musste ja mit den Chinesen ├╝ber etwas anderes reden, als ├╝ber┬┤s Gesch├Ąft. Wenn schon nicht in g├Âttlicher oder wenigstens geheimer, so eben in selbsternannter Mission w├╝rde ich ...
Ich fiel fast hinten├╝ber als ein paar Meter vor mir, aber unmittelbar auf meiner H├Âhe, ein Feuerwerksk├Ârper explodierte, eine Rakete, die ein paar Funken blaues Licht zerst├Ąubte. Eine zweite und dritte folgten, dann eine ganze Serie, alle offenbar unten vor dem H├Ąuschen gez├╝ndet. Vom Strand her wurde gejohlt und geklatscht. Dann herrschte einen sonderbar langen Moment gebannte Stille und genau in dem Moment, da mir auffiel, dass auch die hintergr├╝ndige Musik aufgeh├Ârt hatte, setzte sie mit gewaltigem Bass wieder ein, dass der Boden unter meinen F├╝├čen vibrierte. Das Halbrund der Bucht bildete eine phantastische Akustik.
Und mir war es echt schnuppe. ├ärgerlich stellte ich fest, dass ich mich verbissen hatte in meiner ├╝blen Laune. W├Ąre da nicht Martin, ich w├Ąre am liebsten gleich zur├╝ck nach Anjuna gefahren. Bei dem Gedanken an Martin begann ich sogleich runter zu steigen, denn in die Menschenmenge war seit Beginn der Musik deutlich Bewegung gekommen. Ich hatte Sorge, ihn nicht mehr zu finden und dadurch die Belanglosigkeit dieses Abends ins Unertr├Ągliche zu steigern.
Als ich dicht an dem Eingang der H├╝tte vorbei kam, erblickte ich eine schemenhafte Gestalt am Eingang, die mich mit rudernden Armbewegungen heranwinkte. Ein, zwei Schritte auf sie zu und ich erkannte eine freundlich blickende Frau mit wehenden, fast wei├čen Haaren. Sie bedeutete mir einzutreten. Ohne mich ├╝ber irgendwas zu wundern, auch nicht dar├╝ber, was eine gut und gern Siebzigj├Ąhrige hier mitten in der Nacht verloren hatte, steckte ich neugierig den Kopf durch die niedrige T├╝r und blickte in den von unz├Ąhligen Kerzen erleuchteten Raum. Unter einem sonnengelben, auf weinrotem, samtenen Stoff gen├Ąhten `Ohm┬┤ sa├č Acid-Erick im Schneidersitz auf einem Kissen und schenkte an zwei vor ihm hockende Leute seinen hei├čbegehrten Punsch aus. Ich war ├╝berrascht und blieb wie angewurzelt stehen. Mit der Hand wedelte er mich herbei und sah mich fragend an. „No Limits today“, h├Ârte ich ihn sagen, ohne mir klar zu werden, ob das eine Frage oder eine Feststellung war. Was soll┬┤s, dachte ich und nickte einfach. Wortlos reichte Erick mir einen kleinen Becher, den ich hastig hinunterst├╝rzte und ihm zur├╝ckgab. Seine Hand wedelte mich schon wieder weg, noch bevor ich etwas sagen konnte.
Kaum war ich vor die T├╝r getreten, da traute ich meinen Augen kaum. Vom Eingang der H├╝tte bis hinunter zum leergefegten Strand stand jetzt eine Schlange. Nahezu jeder schien sich hier fein s├Ąuberlich anzustellen. Alle offenbar in dem sicheren Wissen, dass es in der H├╝tte etwas Begehrenswertes geben w├╝rde. Nicht wie bei den Parties vorher, bei denen Erick irgendwo im Hintergrund eine Zeit lang verschwiegen seinen Punsch verteilte, so dass die nicht Eingeweihten das gar nicht erst bemerkten. Nein, hier, heute Abend wurde mit offenen Karten gespielt. Und dann wurde ich mit einem kurzen Blick den Strand entlang gewahr, dass das angestiegene Meer an die Klippen klatschend jetzt den schmalen R├╝ckweg versperrte und damit auch jeden m├Âglichen Anfahrtsweg f├╝r die Polizei. Und, ja, jetzt sah ich auch, dass tats├Ąchlich See und Meer zu einer einzigen Fl├Ąche verschmolzen waren. Fand mich ohne es recht zu bemerken schon bis zur H├╝fte im See oder Meer, denn mein Ziel, die Tanzfl├Ąche, lag nun auf der anderen Seite. Der Bassbeat erfasste mich, saugte mich wie ein Strudel dorthin und hinein in einen Rausch, der sich von allem unterschied, was ich je zuvor erlebt hatte.
Ich wurde mir nach einer zeitlosen Weile exstatischer Explosionen bewusst, dass ich wie ein Geisteskranker unter einer Masse Geisteskranker in wahnwitziger Geschwindigkeit meine Glieder in alle Richtungen zappeln lie├č. Meine Glieder, die mit der Musik und allen anderen verbunden zu sein schienen. Nahezu m├╝helos vollf├╝hrte ich die aberwitzigsten Kapriolen und ging auf in diesem Gef├╝hl der Einheit mit der gesamten Tanzfl├Ąche. Unity! Nicht blo├č mit den menschlichen Akteuren, sondern mit jeder Nuance der sph├Ąrischen Musik, jedem aufgewirbelten Sandkorn, den Fischen im See, dessen Oberfl├Ąche sich rhythmisch kr├Ąuselte, der Bucht, dem Meer, dem taghell strahlenden Mond, mir selbst. Totale Ekstase.
Und gleichzeitig, ungeachtet des fantastischen Gef├╝hls, rumorte es in mir. N├Ârgelte, dass das zwar sehr sch├Ân, aber letztlich doch nichtssagend, unproduktiv und irgendwie nur f├╝r┬┤s gemeine Volk sei. Ich peste w├Ąhrenddessen in Kreisen um den Mittelpfahl, in einer Geschwindigkeit, dass ich mit jemand zusammensto├čen musste. Und tat es nicht, weil entweder ich im Affenzahn einen Haken schlug oder die Tanzfl├Ąche wie ein organisches Gebilde zur Seite wogte und damit den Raum schuf, in den ich str├Âmen konnte, mich dabei unabl├Ąssig um mich selbst drehend. Und wusste, dass all das nicht wirklich passieren konnte, wie ein Planet in einer einzigen Pirouette um den Pfahl und um sich selbst zu kreisen. Dass ich mir nur einbildete, so schnell zu sein, dass ich wie die indischen T├Ąnzerinnen mit ihren vibrierenden Beinen kaum mehr mit den Zehenspitzen den Boden ber├╝hrte. Und ahnte, dass doch genau das war.
Ich erinnerte mich an Parties, blitzartig, wo ich den Eindruck hatte, irgendjemand sei mit Lichtgeschwindigkeit an mir vorbeigezischt und kehrte wie ein Komet auf seiner Bahn zur├╝ck, wieder und wieder, wie ich es jetzt tat. Als sei das Tor zu einer anderen, weniger stofflichen Welt einen Spaltbreit aufgesto├čen, eine Welt, in der Schwerkraft und Zeit anderen Gesetzen gehorchten.
Und fand┬┤s beschissen. Fragte mich in all dem unglaublichen Hin und Her, zu was das denn nun n├╝tze sei. H├Âhnte, dass ich nicht mal in der Lage sei, meinen K├Ârper selbst zu steuern, geschweige denn mein Leben.
H├Âhnte ich das, oder war das jemand anders, der da sprach? In meinem Kopf? Ich peste in einer elliptischen Schraube zum DJ Pult, glaubte, der spreche in ein Mikro, wie bei jener wunderlichen Erfahrung mit der Ausweiskontrolle. Konnte mich f├╝r Sekunden dort ohne Drehung halten, wie ein Pendel am Punkt seines weitesten Ausschlages, ohne jedoch etwas zu erkennen und war schon wieder eingesogen von dem kreiselnden Strudel. „Tanz auf dem Blocksberg“, lachte ich laut, dachte gr├Âlend an Martin und seine Hexen, Norbert, die Welt und ich, hier, jauchzend im Kreise.
Und wollte es nicht. Wollte nicht immer wieder auf der gleichen Bahn sinnlos um die eigene Achse rotieren, wollte Richtung, Steuerbarkeit. Versuchte mit Macht, mich dem Kreiseln zu entziehen, schaffte es einmal bis an den Rand der Tanzfl├Ąche, widerstand einige wenige Sekunden dem Sog und, als sei das Zentrum aller Schwerkraft der Pfahl in der Mitte, wirbelte wieder wie ein Derwisch um mich selbst.
`The Earth is moving so are we┬┤, das hatte Martin mal gesagt und `It is a question of direction┬┤, hallte es hinterher und, verdammt, das war in meinem Kopf! Durch die Boxen, real oder Trip, da war eine verdammte zweite Stimme in meinem Kopf. Eine Frauenstimme noch dazu, durchaus angenehm im Klang, unwillk├╝rlich assoziiert mit jener Frau vor der H├╝tte. Schleewei├če Haare. Was machte so jemand hier in einer solchen Nacht, wenn es keine Hexe war? `Schamanin┬┤, korrigierte sie und es kicherte in meinem Kopf und es h├Âhnte, dass ich nicht mal in der Lage sei, meinen Willen so lange zu fokussieren, um auch nur zu dem Haus zu gelangen, um dort das Geheimnis herauszufinden. Und dennoch, die Stimme lachte h├Âhnisch, meinte ich, ich sei ein freier Mensch. Ein angenehmes Gekicher folgte, w├Ąhrend ich wie schwerelos Runde um Runde kreiselte, ein Gekicher von dem ich bald merkte, dass es mein eigenes war.
`Wer will schon entscheiden, was ist meins und deins, was real und was nicht┬┤, erklang wieder die Stimme, diesmal n├Ąher, eindringlicher, lauter. „Das muss aufh├Âren“, schrie ich, ohne dass mich irgendwie dabei die Angst gepackt h├Ątte, irre zu sein. Ganz im Gegenteil, v├Âllig gelassen erkl├Ąrte ich mir, dass ich mich an der Grenze der k├Ârperlichen M├Âglichkeiten um mich selbst drehte, dass ich Selbstgespr├Ąche f├╝hrte und dass ich wahrscheinlich wirklich verr├╝ckt w├╝rde, wenn ich weiterhin annehmen wollte, dass es sich um eine telepatische Stimme handelte, die tats├Ąchlich von Au├čen mit mir kommunizierte. Dass ich wohl schon irre war, weil es mir tats├Ąchlich auch im dritten Anlauf nicht gelungen war, die Tanzfl├Ąche zu verlassen und mich all das nicht im Geringsten st├Ârte. `Eben┬┤, h├Âhnte es, `wie willst du da die Welt ver├Ąndern, du Narr!┬┤ „Du Narr“, das hatte ich mit meiner ureigensten Stimme lauthals herausgebr├╝llt, synchron zum Gedanken mit der Stimme der Frau, und nur eines war klar, ich musste jetzt die Gewalt ├╝ber mich zur├╝ckerhalten, musste runter von der wirbelnden Tanzfl├Ąche, musste mich befreien von den marionettenhaften F├Ąden, die mich willenlos im Kreise drehen lie├čen. Schaffte ein paar Schritte weg, lie├č mich in den Sand fallen und stemmte mich gegen die magische Anziehungskraft, die in Wellen an mir zerrte, um mich zur├╝ckzuholen in jenen g├Âttlichen Tanz. Lachte lauthals ├╝ber das Bild, das ich anderen wohl b├Âte, die sich `Guck mal, da ist wieder einer durchgeknallt┬┤ zutuschelten. Sprang auf, rannte Richtung Meer, wurde zur├╝ck gezogen von magischer Macht und erkannte schlie├člich, bereits wieder im Kreise wirbelnd, die H├╝tte! Zwang den h├Ąmmernden Sound, langsamer zu werden. Stand felsenfest in der Mitte, direkt am magischen Pfahl und lie├č den Sound so langsam werden, dass alle rings umher in Zeitlupe verfielen, einen Sekundenbruchteil nur. Das konnte nicht sein! Ich war irre, denn es musste der DJ sein, der den Sound verlangsamte und ich reagierte, nicht umgekehrt. Das Raum-Zeit-Gef├╝ge l├Âste sich auf, schaffte ich zu denken, unger├╝hrt von dem drohenden Irrsinn, den das unweigerlich bedeutete. Dann: `In dieser Verlangsamung liegt deine Chance┬┤, dachte sie in meinem Kopf, Don Juans `Die Welt anhalten┬┤, das bot die L├╝cke, den Faden zu zerrei├čen und im Laufschritt geradewegs von der Tanzfl├Ąche zu st├╝rmen.
Und letztlich, mit ├Ąu├čerster Willenanstrengung, gelangte ich doch irgendwie bis vor den Eingang der H├╝tte. Und bei allen diesen Ereignissen immer das seltsam klare Bewusstsein, dass das alles nur ein Trip war, nicht real, dass das vor├╝bergehen wird und jene eigent├╝mliche Gelassenheit, dass einfach nichts passieren kann. Und ein unbeschreibliches k├Ârperliches Wohlbefinden, kraftstrotzend, nahezu losgel├Âst von den l├Ąstigen Banden der Schwerkraft und nun Eins mit der Stimme, die voll ├ťberschwang kund tat, sehr zufrieden mit mir zu sein, weil ich ja wirklich mehr wolle, als mich blo├č zu am├╝sieren. `Tritt ein und weck die W├Ąchter nicht┬┤. Es war zu deutlich in meinem Kopf, hundertprozentig nicht aus den Boxen kommend und garantiert nicht mein Gedanke, als dass ich nicht nach einem unterdr├╝ckten Lacher sofort den Vorhang zur Seite geschoben h├Ątte.
Mit Pulsschlag synchron zur tosenden Musik trat ich ein und erschrak, denn tats├Ąchlich, da lagen zwei Gestalten in all dem Tohuwabohu seelenruhig schlafend vor dem verwaisten Kissen. Die W├Ąchter. Der Gedanke war klar und eindeutig meiner. Vorsichtig stieg ich ├╝ber sie und kniete mich mit dem Gesicht zum samtenen Vorhang auf das Kissen. Eine Weile verharrte ich so und versuchte meinen keuchenden Atem zu beruhigen. Du wusstest vorher von den W├Ąchtern, dachte ich. Die Frauenstimme schien verschwunden.
Das n├Ąchste, was mir auffiel, waren die zwei d├╝nnen Kerzen, die links und rechts von mir in je einer Ecke der stoffbehangenen Wand ohne jedes Flackern brannten. Sonderbar, es waren die ├╝blichen, d├╝nnen indischen Stearinkerzen, die kaum l├Ąnger als eine Stunde brauchten, um ganz herunterzubrennen. Aber diese beiden, die waren zweifelsfrei frisch angez├╝ndet. `F├╝r dich┬┤, sagte die Frauenstimme. Doch bevor ich den Gedanken weiter verfolgen konnte, bevor ich mir die Kerzen genauer ansehen konnte, um eine T├Ąuschung auszuschlie├čen, fiel mein Blick auf die Bilder, die vor mir an der Wand lehnten. Ein Ganesh und ein Shiva, beide ├╝bernat├╝rlich funkelnd, dreidimensional und wie lebendig. Intuitiv nahm ich das handliche Ganeshbild und hielt es direkt vor mein Gesicht. Es war der selbe, wie ihn mir der Verr├╝ckte im Ramdas gezeigt hatte, der mit nur zwei Armen. Aber dieser hier war kein billiger Schwarz-Weiss-Druck, sondern ein Foto und, einwandfrei, ein Raumfahrer blickte mich an. Der R├╝ssel, nat├╝rlich war das der Schlauch einer Atemmaske. Warum sollte er sonst unter der Achselh├Âhle verschwinden? Und die Ohren! Glasklar, das waren die Seitenschutze der Maske, und, glasklar, das war ein irrer Gedanke. Mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich den Raumfahrer wieder vorsichtig an seinen Platz zur├╝ck stellte.
Dann nahm ich das Shivabild, das erheblich gr├Â├čer und in seinem einfachen Holzrahmen eigent├╝mlich schwer war. Auf ihm war nur der Kopf und die Brustpartie abgebildet wie bei der B├╝ste eines r├Âmischen Aristokraten. In einer offenherzigen Geste streckte er dem Betrachter seine rechte Handfl├Ąche entgegen, auf der ein purpurnes Om zu pulsieren schien. In seiner Linken hielt er stolz eine mit funkelnden Edelsteinen verzierte, dreizackige Trishul. Fehlte nur der Pferdefu├č, dachte ich und lachte laut, hielt mich aber sogleich zur├╝ck wegen der W├Ąchter, nach denen ich mich besorgt umsah.
Ich h├Ątte damals nicht mal mit Sicherheit sagen k├Ânnen, dass es sich um Shiva handelte, denn der Mann auf dem Bild hatte einen Vollbart, was ich bei anderen Shiva-Darstellungen zuvor noch nicht gesehen hatte. Dennoch wusste ich intuitiv, das ist Shiva. Trotz des Bartes wirkte der Mund wie der einer Frau. Beim zweiten Hinsehen wurde es ├╝berdeutlich: Auch den geschwungenen Augenbrauen und den langen Wimpern nach das Bildnis einer Frau, der man nachtr├Ąglich einen Bart angemalt hatte. Die Augen blickten g├╝tig, als wollten sie einem gleich zuzwinkern und beruhigen, irgendwie wie der liebevolle Blick der Mutter auf ihr Baby. Auf der Stirn hatte er (sie?) drei wei├če Querstreifen, wie ich es in Nepal mal bei Saddhus gesehen hatte. Und in leuchtendem gelb-orange prangte so etwas wie das dritte Auge in der Mitte, nur war es verschlossen und um neunzig Grad gedreht. Das letzte St├╝ck des mit Ketten und einer Kobra behangenen Oberk├Ârpers blendete wie k├Ârperlos zu ihnen ├╝ber. Irgendwie schwebte der Torso ├╝ber Bergen am unteren Bildrand. Aber auch im Hintergrund waren Berge zu sehen, so dass der Eindruck entstand, dass hier die Perspektiven nicht recht stimmten. Noch dadurch verst├Ąrkt, dass vor seinem buschigen Haardutt eine schmale Mondsichel schwebte.
An der Spitze des Dutts erkannte ich den Kopf einer Frau, aus deren frohlockenden Mund sich ein Wasserstrahl in hohem Bogen nach links ergoss. Mit angestrengt zusammengekniffenen Augen folgte ich seinem Lauf nach unten, wo er nahtlos in die Schlange ├╝berging, die sich um den Hals der Figur wandt und sich dann selbst aufl├Âste in einem See, der wiederum in die unteren Berge ├╝berblendete. Von dort, wieder als Schlange, rechts den Hals hinaufstieg, um letztlich wieder aus dem Mund der Frau ... Wie gebannt folgte ich diesem faszinierenden Kreislauf, der mir vorkam, wie die Wahrheit allen Seins.
Es dauerte eine Weile, bis ich mich von der Faszination dieses Zusammenspiels l├Âsen konnte, dann erklang wieder die Stimme, diesmal mit einem hallenden Bass im Hintergrund, als spreche sie aus einer H├Âhle: `Wie alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem anderen wirkt und lebt! Wie Himmelskr├Ąfte auf und nieder steigen, Mit sagenduftenden Schwingen Vom Himmel durch die Erde dringen, Harmonisch all das All durchklingen.┬┤
Mir war voll bewusst, dass die Frau aus Faust zitierte, den ich ja aus der Schule kannte. Und wahrlich, so musste der Mann gef├╝hlt haben! Also bildete ich mir die Stimme nur ein! Und alles nichts als nur ein Trip, eben, ach, ein Schauspiel nur!
Was dann geschah ist vielleicht im wahrsten Sinne unbeschreiblich.
Ich hatte den misslichen Gedanken kaum zu Ende gedacht, da ├Âffnete sich das Auge auf der Stirn und ich war einen Sekundenbruchteil geblendet oder vielleicht hatte ich nur vor Schreck die Augen geschlossen. Als ich sie wieder ├Âffnete blickte ich in mein eigenes Gesicht. Ich war Shiva, der mich ansah. Eine unendliche Sekunde wurde ich gewahr, wie ich den Lauf des Wassers und der Welt in ihrer anmutigen Balance hielt, mit der inbr├╝nstigen Hingabe des Jongleurs, der ganz im Reigen der Bewegung aufgeht und dennoch einen kurzen Blick auf einen gebannten Zuschauer wirft, mich. Unm├Âglich, dachte ich, und schon flackerte mein Bewusstsein hin und her zwischen der einen und der anderen Position.
Dann riss etwas in meinem Inneren und ich f├Ąllte folgende Entscheidung: Ich bin Shiva. Ist mir schei├č egal, ob das verr├╝ckt ist. Berufen oder bekloppt. Das Gef├╝hl war einfach zu ├╝berw├Ąltigend, zu real, um es mir nichts, dir nichts abzutun. Wenn alles ohnehin nur in meinem Kopf stattfand, dann gab es keinen Grund nicht diese wunderbar romantische Position zu w├Ąhlen. Sollte kommen, was da wolle. Ich bin Shiva!
Dem ruckartigen Impuls eines Gedankens folgend ergriff ich das Bild und klemmte es mir unter den Arm, au├čerdem nahm ich einen Stock, der in der Ecke stand, sprang mit einem Satz ├╝ber die W├Ąchter und st├╝rmte aus der H├╝tte. Den Berg hinauf. Hoch und h├Âher ohne zu stolpern, wohl wissend, das dieser Teil des Berges zu steil war, ihn freih├Ąndig zu erklimmen. Aber ich bin Shiva!
Blieb kurz vor dem Gipfel stehen, weil mich sowohl das besorgte Gezeter der Frau als auch mein vormals Ich-Bewusstsein einholte, das doch nichts weiter war, als ein unendlich kleiner Teil meiner G├Âttlichkeit. Beide ├Ąu├čerten ├╝bereinstimmend, dass es kaum ein guter Gedanke sein konnte, so bepackt irgendwohin zu laufen, um was zu tun?
Grollend drehte ich mich um und hob, mir meiner unbeschr├Ąnkten Macht bewusst, wie zur Drohung den Stock, der gar kein Stock war. Ich hatte ihn in seiner Mitte gegriffen und kaum hatte ich ihn waagrecht in die Luft gesto├čen, da fing er an zu schwingen, oder das gesamte Universum begann zu schwingen um den Stock herum, mit mir als dem Zentrum. Wie die Schraube der DNS gewunden, eine Spirale, war das Ding in meiner Hand, das ich mir jetzt aus der N├Ąhe betrachtete. Es wirkte, wie eine Wurzel, aber dazu war es zu symmetrisch. Dennoch, die Oberfl├Ąche war zweifelsfrei organischen Ursprungs. Wieder stie├č ich den Zauberstab in die Schw├Ąrze des Himmels und wieder schrak ich zur├╝ck vor der geballten Ladung Energie, die sogleich durch ihn und meinen K├Ârper zu pulsieren schien. Ja, ich war Shiva mit dem Zepter der Unendlichkeit in meiner Hand.
Wozu das denn n├╝tze sei, das Zepter, h├Âhnte die weibliche Stimme und mahnte mich eindringlich herunterzukommen. Ein kurzer Blick an mir herab tat ein ├ťbriges, denn was ich da sah, das sah verdammt nach Tobias Tripler aus. Unsicher stieg ich herab, fiel einmal fast bei dem Gedanken, wie steil das Gel├Ąnde eigentlich war, auf dem ich da herumturnte. Entschloss mich daraufhin zur├╝ckzufallen in jenes ├╝berw├Ąltigende Gef├╝hl der G├Âttlichkeit und preschte im Laufschritt an der H├╝tte vorbei bis an den Strand.
Es d├Ąmmerte. Auch hier unten, wo das Licht der Tanzfl├Ąche nicht hinschien, konnte man bereits die ersten Farbnuancen erkennen. Etwas verloren stand ich weiter unten direkt am Meer und gr├╝belte ├╝ber mein Dilemma. Einerseits, das war unbestreitbar, ich war Tobias Tripler. Und gleichzeitig Gott, das Universum und der ganze Rest. Gott in mir, ich in Gott. Das w├╝rde heikel werden, wenn ich das bis zum Morgen nicht klar bek├Ąme. Es war aber absolut undenkbar dies unbeschreibliche Gef├╝hl einfach so als blo├čen Trip ad acta zu legen, dazu war es einfach zu gut. Da ginge ich lieber in die Klapse oder als Saddhu in eine H├Âhle. Oder ich ginge kaputt. Martin!
Ja, ihn w├╝rde ich jetzt suchen. Der sollte mir sagen, ob ihm und seinen Magiern dazu was einfiele.
„Wo hast du denn die Sachen her“, drang mir, Tobias, eine forsche Stimme durch Mark und Bein und wie aus dem Nichts materialisierte sich Martin neben mir. Fest sah ich, Shiva, ihm in die Augen. „Martin, h├Âr mir zu“, sprach ich gebieterisch, woraufhin er, mich von oben bis unten musternd, bed├Ąchtig nickte. „Ich habe ein Problem: Ich bin Shiva!“
Jede Reaktion hatte ich erwartet. Schallendes Gel├Ąchter. Eine Ohrfeige. Einen Vortrag. Stattdessen legte Martin seinen Kopf leicht schief, kniff die Augen zusammen und musterte mich erneut. Sein durchdringender Blick vereinte ein schelmenhaftes L├Ącheln mit einer Drohung, Kumpanei mit Distanz.
Endlich ├Âffnete er den Mund. „Ja, du bist Shiva“, sprach er tonlos und ohne den Beiklang eines Scherzes. In mir drin brach eine Sintflut der Emotionen los. Die aber sogleich wieder verebbte, denn Martin f├╝gte mit eindringlichem Blick hinzu: „Du hast nur eins vergessen: Ich auch!“
Ja. Ja, ja, ja! Jajaja! Das war es. Das war die Erleuchtung. Banane ist gro├č!
Ich hatte keine Fragen mehr, wollte Martin um den Hals fallen und damit mir selbst. Das war es, was ich gesucht hatte und es bedurfte keiner Erl├Ąuterung, keines weiteren Gedankens. Ja. Ja, ja, ja!
Doch Martin stie├č mich unsacht zur├╝ck. „Und jetzt sagst du mir sofort, wo du die Sachen da her hast“ kommandierte er.
„Aus dem Haus“, antwortete ich kleinlaut.
„Hast du dir die ├╝berhaupt mal angeguckt? Das hier“, er riss das Bild unter meinem Arm weg und hielt es mir vor┬┤s Gesicht, „das ist n├Ąmlich ein Original. Was glaubst du, wer so was besitzt? Ob der vielleicht auch wei├č, was man mit so einem Zauberstab alles anstellen kann? Und was glaubst du, ob der verdammt noch mal einverstanden damit ist, das du hier endlich mal raffst, was wirklich abgeht und dann gleich ┬┤n Egotrip abf├Ąhrst und ├╝ber alle Berge willst?“
Betroffen betrachtete ich das Bildnis, das eindeutig ein sehr altes, handgemaltes Kunstwerk von unsch├Ątzbarem Wert war. Auch mein scheeler Seitenblick auf den sonderbaren Stock, den ich achtlos hatte in den Sand fallen lassen, best├Ątigte, dass, wozu auch immer er diente, er nicht f├╝r mich gemacht war. Zu m├╝hsam und hingebungsvoll musste an ihm gearbeitet worden sein, um allein seine exakt geometrische Form aus Naturmaterialien herzustellen.
„Was jetzt?“ fragte ich ratlos.
„Sag du┬┤s mir“, gab Martin zur├╝ck, „du bist doch Shiva.“ Und das klang, als meinte er das ernst.
„Okay. Ich werde den Stock im Meer reinigen, w├Ąhrend Du das Bild bewachst und dann bringe ich alles zur├╝ck, bevor jemand was merkt.“ Martin nickte best├Ątigend.
Mit gro├čen Spr├╝ngen st├╝rzte ich mich ins erfrischende Meer. Lie├č mich auf die Knie fallen, hob den Stock ├╝ber meinen Kopf und tauchte ihn ins kristallklare Wasser, einige Male. Ich f├╝hlte mich gro├čartig. Meer und ich, wir schienen eins, ich war ein jugendlicher Gott, erf├╝llt von Leichtsinn und dankbar, dass ich meinen Fehler korrigieren durfte. Ganz fest stellte ich mir vor, dass ich keinen Schaden nehmen w├╝rde, dass niemand sauer sein w├╝rde, niemand au├čer Martin etwas bemerken w├╝rde von meinen n├Ąchtlichen Aktivit├Ąten.
Etwas Glitschiges, ein Fisch vielleicht, streifte mich am Unterschenkel wie eine Warnung, nicht zu lange zu verweilen. Pudelnass hastete ich hoch zur H├╝tte, denn ich wollte fertig sein, bevor es richtig hell sein w├╝rde. Wie ein Dieb ├Ąugte ich zun├Ąchst vorsichtig durch das Fenster, aber zu meiner Erleichterung waren die W├Ąchter nicht mehr da. Schnell schl├╝pfte ich hinein und mit h├Ąmmerndem Puls stellte ich die Sachen vorsichtig an ihre Pl├Ątze zur├╝ck. Nachdem ich sichergestellt hatte, dass der R├╝ckweg frei war, schlenderte ich so unschuldig dreinblickend wie m├Âglich zur├╝ck in das Get├╝mmel vor der Tanzfl├Ąche. Obwohl ich die Stimme der Frau nicht mehr vernahm, wurde ich das dumpfe Gef├╝hl, beobachtet zu werden, w├Ąhrend der ganzen Zeit nicht los.
Einen kurzen Augenblick zweifelte ich, ob ich unter all den Leuten Martin jemals wiederfinden w├╝rde, doch dann sch├╝ttelte ich energisch den Kopf. „Shiva“ rief ich aus voller Lunge und unmittelbar darauf sah ich Martin ein paar Meter weiter hocken, das Gesicht mir zugedreht, als warte er auf mich. Freudig lief ich zu ihm, der gerade ein Chillum stopfte und lie├č mich neben ihm in den Sand fallen. Er dr├╝ckte mir das Ger├Ąt in die Hand und z├╝ndete es an. Mit einem einzelnen Zug produzierte ich eine gewaltige Wolke, die eines frisch gebackenen Gottes w├╝rdig war. Jemand stie├č einen anerkennenden Pfiff aus und r├╝ckte ein St├╝ck n├Ąher zu uns r├╝ber. Martin reichte nach einem kr├Ąftigen Zug das dampfende Ger├Ąt an den neu Hinzugekommenen weiter, wie es ├╝blich war im damaligen Goa. Alle miteinander. Alles.
Nach zwei weiteren Runden endete das Ger├Ąt schlie├člich bei mir. Ich wollte es reinigen, wie es sich geh├Ârt. Aber der Typ neben mir nahm es mir eilig aus der Hand und meinte, er werde das schon machen. Wogegen ich nichts einzuwenden hatte, denn ich war reichlich fahrig von meinem unruhigen Schuldbewusstsein.
An Martin gewandt fragte ich, ob wir noch lange bleiben wollten, aber der lachte nur ausgiebig, bis ich ├Ąrgerlich wurde. Schlie├člich fragte er, ob ich weglaufen wolle. „Vor was?“ brauste ich auf. „Vor deiner Paranoia, doch noch entdeckt zu werden“, entgegnete er scharf. Und Recht hatte er, denn irgendwie hatte ich Sorge, der Besitzer jener sonderbaren Utensilien w├╝rde doch sauer sein, mich finden und zur Rechenschaft ziehen. Und das konnte nicht ungef├Ąhrlich sein, wenn er tats├Ąchlich ein Magier war. „Wenn du das glaubst, dann sollte dir klar sein, dass du davor nicht weglaufen kannst“, meinte Martin trocken. Ja. Dann hielt er mir einen Vortrag, dass ich mal nicht annehmen sollte, meine n├Ąchtlichen Eskapaden seien unbeobachtet geblieben. Schlie├člich sei man die ganze Zeit ├╝ber bei mir gewesen. Mich packte die nackte Panik. Doch Martin tat meine hervorsprudelnden Fragen unwirsch ab. „Au├čerdem bin ich mir nicht sicher, ob du nicht doch Schaden genommen hast bei den starken Energien, die Du heute Nacht kanalisiert hast, oder?“ Oder jemand anders. „Am besten, wir rauchen noch ein Chillum und dann gehst du tanzen, od ...?“
Er sprang abrupt auf und suchte mit schnellen Kopfbewegungen den Boden ab. „Verdammt, hast du das Chillum?“
„Nein, das hat doch der Typ ...“
„Ach was!“ schrie er und seine Augen funkelten b├Âse. Ich wusste, was Martin sein Chillum bedeutete. Mehr als einmal hatte ich die au├čerordentliche Hingabe staunend betrachtet, mit der dieses sch├Âne Handwerksst├╝ck gefertigt worden war. Extra f├╝r Martin. Extra in einem heiligen Feuer irgendwo hoch oben in den Bergen gebrannt und geweiht.
„Verdammter Idiot!“ schrie er wieder. „Erkennst du den Typ wenigstens?“
„Ja. Das hei├čt nein.“ Ein Blitz traf mich aus seinen w├╝tenden Augen. „Ich wei├č es nicht.“ Ich w├Ąre am liebsten davon gelaufen. Doch pl├Âtzlich ├Ąnderte sich Martins Gesichtsausdruck und seine Augen erhielten das schelmenhafte Grinsen zur├╝ck. „Na dann mal los, Shiva“, raunte er todernst, „dann gehst du┬┤s mal finden, oder?“ Und lie├č mich stehen. Schiere Verzweiflung trieb mir die Tr├Ąnen in die Augen. Wie um alles in der Welt sollte ich unter den gut und gerne zweitausend Leuten den einen finden, von dem ich nur noch ein rotes T-Shirt und eine goldene Halskette im Kopf hatte?
Ohne mir recht klar dar├╝ber zu sein war ich schon zur Tanzfl├Ąche gelaufen und blickte weinend in die Runde. Nach wie vor wirbelten die T├Ąnzer ├╝ber den Sand. Staub stieg von ihrem Gestampfe auf wie feiner Nebel. Absoluter Irrsinn, hier irgendwen zu suchen, dachte ich noch bevor mich der Sound wieder gefangen nahm und eine Pirouette nach der anderen drehen lie├č. Bald war ich nahezu so high wie in der Nacht, einzig die Stimme der Hexe fehlte. Schamanin. Kaum hatte ich an sie und Erick gedacht, da lie├č mich ein weicher Impuls innehalten in meiner Drehung, denn ich hatte kurz geglaubt die Frau gesehen zu haben. Tats├Ąchlich, sie stand unmittelbar neben mir und grinste mich undefinierbar an. In meinem Schuldbewusstsein wirkte es so, als wolle sie mich gleich fressen, weshalb ich herumfuhr und zur anderen Seite entweichen wollte. Doch da stand der massige K├Ârper von Erick. Was ich in dem Sekundenbruchteil erhaschte, bevor ich erneut wie ein wildgewordener Schamane ├╝ber die Tanzfl├Ąche rotierte, war sein freundliches L├Ącheln und die unbestreitbare Tatsache, dass er, der Veteran der Hippiearistokratie, mich aufmerksam betrachtete.
In einem Rausch aus Licht und Farben dachte ich dann deutlich einen Gedanken: `Es passiert, was du dir vorstellst. Ich werde den Mann mit dem Chillum finden.┬┤
Ich hob den Kopf und sah direkt auf jemand in einem roten T-Shirt auf der anderen Seite der Tanzfl├Ąche, der gerade an einem Chillum zog. Im n├Ąchsten Moment stand ich bei ihm und einer Gruppe von vielleicht zehn breitschultrigen Typen, die allesamt so wirkten, als f├╝rchteten sie sich nicht vor einer gewaltsamen Auseinandersetzung. Das ist entweder alles absoluter Wahnsinn oder absolut wahr, dachte ich mit einem unbestimmten Nachgeschmack der Stimme der Frau, als ich dem verdutzten Typ das Chillum entriss und auf dem Absatz kehrt machte. Nein! Niemand w├╝rde es wagen mir zu folgen. „Du brauchst dich nicht umdrehen“, rief ich aus, „Shiva!“
Hinter mir, es war unbestreitbar, stand einzig Shiva, so real, wie in der vergangenen Nacht. Das qualmende Chillum hoch erhoben, wie die Fackel beim Einlauf ins Olympische Stadion, marschierte ich triumphierend schnurstracks durch die tobende Tanzfl├Ąche.
Aber es zog mich nicht zur├╝ck zum Strand, wo wir gesessen hatten. Stattdessen drehte meine Bahn zum Fu├č des H├╝gels unterhalb der H├╝tte ab, wo ich mich niederlassen und meine ├╝bersch├Ąumenden Gedanken ordnen wollte.
Fast w├Ąre ich ├╝ber den Saddhu gestolpert, der mit gekreuzten Beinen am Wegesrand sa├č. Mit weit aufgerissenen Augen blickten wir uns an und in meinem Kopf flackerten unwillk├╝rlich Bilder von Flammen und warme Gef├╝hle reinster Wonne auf. Ehe ich mich versah hatte mich der Saddhu zu sich herabgezogen, zog mit einer Hand meinen Kopf zu sich ran und fl├╝sterte mir ins Ohr: „You┬┤ve been dancing inside the fire, remember?“ Schlagartig erinnerte ich mich. An eine Phase w├Ąhrend des exstatischen Tanzens, bei der ich das Gef├╝hl hatte, in der Mitte der Glut zu tanzen, von h├╝fthohen, lodernden Flammen umgeben. An den Schreckimpuls, aus dem Feuer zu springen, als ich es bemerkte. An das Gef├╝hl, beobachtet zu werden. Und an den bewussten Entschluss, das gerade Erlebte als Bl├Âdsinn abzutun. Eine Halluzination. Und dieser Mann hatte das alles gesehen! Wenn das wahr war, was war dann mit ...?
Weiter kam ich nicht. Wie ein Computer mit Arbeitsspeicher├╝berlastung tilte mein Hirn. Die Gedanken implodierten in einem Feuerwerk aus tausend Scherben. Ich war starr vor Schreck und Skepsis, gleichzeitig vibrierend vor unfassbarer Freude, fiel entgeistert auf meinen Po und sah kopfsch├╝ttelnd zu dem Kerl her├╝ber. Die ersten Sonnenstrahlen flossen gerade golden ├╝ber den Rand der Bucht und erleuchteten sein ebenes Gesicht. „I hope you come down safe“, setzte er hinzu, nahm mir das Chillum aus der Hand und schlug die Mischungsreste heraus. Ich konnte nur tatenlos zusehen, wie er eine fertige Mischung aus einer kleinen Kokosnussschale in das Chillum sch├╝ttete und mir dann das Ger├Ąt mit markersch├╝tterndem „Bom Halek“ reichte. Begierig saugte ich und inhalierte tief.
Einen Moment verschwamm die Umgebung im Kreislaufflash des Nikotins, dann sah ich wieder den Saddhu, dessen orangefarbene Robe so blitzblank wirkte, als k├Ąme sie gerade frisch aus einem Kost├╝mladen. Mein Herz war voll von Sympathie f├╝r ihn, wie er da, vor Gesundheit strotzend, mit anmutigen Bewegungen das Chillum in einer Dankesgeste zur Stirn f├╝hrte, mit geschlossenen Augen rauchte und gen├╝sslich durch die Nase ausblies als sei er Hauptdarsteller eines Films. Ein strahlend klarer Gedanke leuchtete auf vor dem Chaos meiner aufgew├╝hlten Seele, als sei es nicht mein eigener: Wenn sich zwei extreme Ausformungen zweier absolut unterschiedlicher Kulturkreise (Der Eremit und der Partyraver) an einem sonnigen Morgen am Strand treffen, um sich gegenseitige Sympathie zu bekunden, dann muss in dieser Schnittmenge ein Funken Wahrheit liegen. Ich dachte den Gedanken noch einmal nach und schwor mir, ihn nie wieder zu vergessen.
Dann wollte ich nach dem Chillum greifen, doch der Saddhu reichte es zur Seite. Ich folgte seinem ausgestreckten Arm, seitlich hinter ihm stand jetzt jemand. Ich hob den Kopf und erkannte Martin, der so urpl├Âtzlich aufgetaucht war, als h├Ątte er hinter einem Fels versteckt die ganze Zeit gewartet. Oder er hatte sich aus dem Raumschiff herab direkt vor mich gebeamt. Er blies den Qualm aus, grinste vielsagend und reichte mir das Chillum.
Schlie├člich hatten wir fertig geraucht und Martin machte sich wortlos ans S├Ąubern. Mir hatte es ohnehin die Sprache verschlagen. Der Baba aber r├╝ckte n├Ąher an mich heran, griff meine Schultern mit seinen H├Ąnden und sah mir tief in die Augen. Lange ruhte sein unergr├╝ndlicher Blick auf mir. Das linke Auge hatte er leicht zu gekniffen, ein wenig zitternd am Unterlied, wie um scharf zu stellen. Bis er schlie├člich, laut genug, dass auch Martin es h├Âren konnte, mit bed├Ąchtigen Pausen murmelte: „What you have achieved last night- took me- twenty five years of meditation.“ Dann stand er auf, griff die ausgewaschene Decke auf der er gesessen hatte und verschwand zwischen den nahestehenden B├Ąumen.
Martin grinste mich an wie ein Honigkuchenpferd. „Bist ja richtig gut geworden im Finden, oder?“ feixte er und hielt das Chillum wie ein Zepter in der Hand. Ich nickte. „Ist ja auch kein Wunder, hast ja schlie├člich die selbe Sonne auf dem R├╝cken“, sagte er weiter und hielt mir das Chillum entgegen. Ich wusste nicht gleich, was er meinte, nahm es mechanisch und sah verwundert auf die eingravierte Sonne mit ihrem wellenf├Ârmigem Strahlenkreis. Nie zuvor war mir die aufgefallen, obwohl ich das Ger├Ąt sicherlich einige hundert Male in meinen H├Ąnden gehalten hatte. Diese Sonne entsprach tats├Ąchlich genau der Stickerei, die ich mir im Jahr zuvor in Katmandou auf meine Jeansjacke hatte sticken lassen, fest davon ├╝berzeugt, dass ich mir das Design selbst erdacht hatte.
„War ..., war die schon immer da drauf?“ stotterte ich ungl├Ąubig. Aber Martin riss nur kurz seine stechenden Augen auf und wischte damit meine Frage weg. Statt einer Antwort sagte er bed├Ąchtig „Ich wei├č auch nicht alles, Tobi. Ich wei├č nur, dass `Bias┬┤ auf English Voreingenommenheit bedeutet und so was ├Ąhnliches hei├čt dann wohl auch `to bias┬┤, Tobias. Das solltest Du mal ablegen.“ In meinem Kopf grollte ein Donnerschlag. Nomen est omen. Tobi or not To be.
„Ansonsten“, unterbrach Martin meine Gedanken, „gibt es hier nichts mehr f├╝r uns zu tun, glaube ich. Ich jedenfalls bin fertig. Und was Dich angeht, alle von denen, die eine Rolle spielen und die ich kenne, haben dich heute Morgen in Augenschein genommen und ihr OK genickt, oder? Scheint┬┤s, als h├Ąttest Du einen Haufen positive Energie kanalisiert.“ Er deutete den H├╝gel hinauf, wo jetzt, ziemlich exakt den Pfad entlang, den ich in der Nacht genommen haben musste, einige hundert Leute sa├čen und gebannt aufs Meer hinaus blickten. Ich folgte ihrem Blick und drehte mich um. Dort in der Bucht tanzten drei Delphine, schlugen eine Kapriole nach der anderen. Und auch dort war ich auch mit dem Stock gewesen! Unwillk├╝rlich sah ich hinauf zum Himmel, die Richtung in die ich in der Nacht mit dem Stock `meine┬┤ Energie geschleudert hatte. Dort kreisten drei Adler und f├╝r Sekunden fiel ich in einen ohnmachtartigen Taumel.

Noch mal in aller Deutlichkeit: Es spielte weder damals noch heute eine Rolle f├╝r mich, ob die Geschehnisse `real┬┤ im Sinne der physisch messbaren Realit├Ąt waren. Heute weniger sogar.
Ich habe jedenfalls nichts weggelassen und nichts hinzugef├╝gt.
Aus den Erfahrungen jener Nacht konnte ich Schl├╝sse ziehen, die Bestand hatten und haben. Unabh├Ąngig von meinem grunds├Ątzlichen Standpunkt als Skeptiker. Unabh├Ąngig davon, ob jemand bewiesen h├Ątte, dass ich einer `Illusion┬┤ aufgesessen war. Oder umgekehrt.
Tatsache bleibt die unendliche neurologische Freiheit. Und damit die unendlich neurologische Verantwortung. Wenn es mir schlecht geht, dann sind es nicht die Umst├Ąnde. Nie. Sondern immer nur meine Sichtweise der Umst├Ąnde. Sch├Ânheit existiert in dem Auge, das sieht. You choose, don┬┤t you know?
Man kann vielleicht die Umst├Ąnde nicht w├Ąhlen, sehrwohl aber den Standpunkt. Ohne diese Erkenntnis w├Ąre ich an meiner Krankheit auf die ein oder andere Weise verreckt.
Wenn ich mich doch einmal einen magischen Augenblick lang so f├╝hlen konnte, wie ein neugeborener Gott, dann bin ich doch ein Idiot, wenn ich diesen sagenhaften Zustand nicht jede Sekunde meines Lebens zu verwirklichen suche und f├╝r das Scheitern jemand anders verantwortlich mache, als meine eigene, menschliche Unzul├Ąnglichkeit. Ohne den hinderlichen, christlichen Schuldtrip. Wer sich gut f├╝hlt, ist leistungsf├Ąhiger und produktiver. Das wissen selbst die Psychologen. Was erst, wenn man sich g├Âttlich f├╝hlt ?
Nat├╝rlich verblassten die Eindr├╝cke jener Nacht, reduzierten sich allm├Ąhlich und kaum bemerkt auf zweidimensionale Postkartengr├Â├če. Aber die ├ťberzeugung blieb, weil sie nicht nur in einem romantischen Gef├╝hl verwurzelt war, sondern auch einer k├╝hlen Logik entsprang: Wer seinen Kopf kontrollieren lernt, der kontrolliert die Realit├Ąt.
`Von der Muse gek├╝sst┬┤ hei├čt eine Redensart.
Freilich, weder gibt es eine Muse (es sei denn man will es so), noch ist die Erz├Ąhlung meiner Geschichte Literatur von Weltklasse. Noch ist nachfolgendes Gedicht hervorragende Lyrik. Aber f├╝r einen skeptischen Rationalisten wie mich, mit von Hause aus null k├╝nstlerischer Neigung ist es eine Leistung, die ohne Glauben nicht m├Âglich gewesen w├Ąre. Glaube daran, dass es die Hoffnung ist, die uns zu Menschen macht. Und Hoffnung darauf, das es diese Zeilen sind, die einmal einem Menschen die T├╝r zum Glauben an die unumschr├Ąnkte eigene Verantwortung ├Âffnen:

To Hope

I┬┤ve seen the light so shining bright
The candles were just lit for me
I┬┤ve seen the Goddess in her hight
Strange and familiar that was She

I felt energy pouring down
My heart was filled down deep inside
I saw a shining in her crown
Darkness vanished into light

I haven┬┤t been there on my own
There was a party going on
Had I been there all alone
I┬┤d thought my mind was flipped and gone

Consider me just mad
I myself don┬┤t have a clue
I don┬┤t care, I feel just glad
┬┤Cause the message just reached you

(Anjuna, 22nd of March 1991)


„Es ist doch eines v├Âllig klar“, schalt mich Anette, nachdem sie den Bericht von jener sagenhaften Nacht gelesen hatte, den ich f├╝r das Packendste hielt, was ich bisher fabriziert hatte. „Jeder der das liest wird dich f├╝r verr├╝ckt halten. Total. Deine ganze Botschaft kippt, wenn die Leser den Eindruck kriegen, dass du tats├Ąchlich einen an der Ratsche hast.“ „Denkst du etwa, ich h├Ątte da nicht dr├╝ber nachgedacht?“ gab ich patzig zur├╝ck und konterte: Dass, erstens, sie die Geschichte ja vorher schon gekannt hatte. Dass sie, zweitens, wegen eben dieser Story mit nach Indien gekommen sei. (Obwohl urspr├╝nglich nur, um mir und sich zu beweisen, dass ich eine Macke habe.)
„Und was dann passiert ist, das wei├čt du schlie├člich. Denk mal an den Lingam in Gokarna, den zweihundert Jahre alten Baba, Cesare und so.“ Anette erwiderte nichts.
Ich preschte weiter in die Pause hinein. Dass ich ganz im Gegenteil zu dem Haufen Eso-B├╝cher ja gar nicht behauptete, dass es einen Gott namens Shiva gebe. Das sei doch nur die Form, in der mir meine eigene G├Âttlichkeit zug├Ąnglich geworden sei. Niemals aber die Wahrheit, die man ohnehin nie erfassen k├Ânne, au├čer vielleicht aus Zufall. Und dass es auch gar keine Rolle spiele, ob das alles nur Einbildung sei, davon ginge ich ja sogar aus. Aber nichtsdestotrotz, es lie├če sich ganz gut mit eben diesem Weltbild leben. „Schlie├člich bin ich wieder gesund und w├Ąr┬┤s ohne Glauben kaum geworden.“ Anette prustete ver├Ąchtlich.
„Au├čerdem wei├čt du, dass ich die ersten M├╝digkeitsattacken schon lange vorher, n├Ąmlich in Taiwan hatte. Das hast Du ja sogar schriftlich . Also Pustekuchen mit der Psychose, die an diesem Abend ausgel├Âst wurde.“ Anette schlug die Augen nieder. „Und au├čerdem gibt es jetzt eine wasserfeste Diagnose.“
„Trotzdem“, begann Anette z├Âgerlich, „das glauben die L ...“ Ich schnitt sie aufbrausend ab. „Nein! Ich werde keinen Deut von der Wahrheit abr├╝cken. So ist es gewesen. So und nur so passt alles zusammen. Ohne den Shivatrip ... Du wei├čt genau! Nur so ist zu erkl├Ąren, das ich heute ├╝berhaupt in der Lage bin, diese Geschichte zu erz├Ąhlen und jetzt ist Schluss damit!“
Das w├╝rden wir ja noch sehen, wenn das Buch mal fertig sei, meinte Anette und beharrte dann noch mal auf ihrem Standpunkt, dass ich die Story nicht brauchte, um meine Botschaft r├╝berzubringen. Erst dann war sie bereit die Sache auf sich beruhen zu lassen. Schlie├člich war es ja tats├Ąchlich gut m├Âglich, dass das Buch nie erscheinen w├╝rde. Wozu also ├╝ber ungelegte Eier (und damit ungeschl├╝pfte H├╝hner) streiten?

Und, offensichtlich, ich habe mich durchgesetzt.
Oder besser: dr├╝ber hinweggesetzt. ├ťber all die wohlmeinenden Bedenken, die nicht nur von Anette kamen.
Warum? Weil an diesem Abend Realit├Ąt wurde, was vorher nur graue Theorie war: It┬┤s all in your mind.
Was ich da erlebt habe, das war so real wie die morgendliche Rasur. Und wie oft habe ich mich in ganz allt├Ąglichen Dingen get├Ąuscht?
Wenn doch sowieso die F├Ąhigkeit zur objektiven Erkenntnis nicht gegeben ist, warum sollte ich in einer Welt leben wollen, die kalt und herzlos, gewinn- und streits├╝chtig ist? Nein. Ich lebe lieber in einer Welt, in der es geheime Lehrer und geheime Lehrpl├Ąne gibt. So geheim, dass ich da, offen zugestanden, nicht durchblicke. Nur ahnen kann, dass mehr existiert, als was sie uns im Fernsehen glauben machen wollen. Mehr als Geld und Zinsen.
Und das macht Sinn mit einem oder tausend G├Âttern. Mit keinem oder nur mit mir und Dir als Gott. Der Mensch kann zu sich selbst finden, sich selbst erfinden, seine eigene G├Âttlichkeit, losgel├Âst von allen Hierarchien und es wird Friede herrschen unter Gleichen. Und wenn es auch ein unerreichbarer Wunschtraum ist, alles andere ist f├╝r mich belanglos. Unm├Âglich ist, was ich nicht zu hoffen wage.
Das weltweite, gegenseitige sich Zerfleischen ist mir jedenfalls zu affig.
Wenn es keinen Gott gibt, kein Netz, das im Hintergrund die F├Ąden verzwirbelt (und das ist gut m├Âglich), man m├╝sste es halt erfinden, damit die Welt eine Hoffnung hat.
Ach was, zu hoch gegriffen. Nicht die Welt.
Es geht um die Menschlichkeit.
In einer mechanischen Realit├Ąt f├╝hren mechanische Gegebenheiten wie Rohstoffverknappung, Umweltchaos und Kriege unweigerlich in einem vorhersehbaren mechanischen Prozess zu Verelendung, Verschwendung und Leid. In einer lebensbejahenden Welt hingegen, wo sich der Einzelne als Gott unter G├Âttern w├Ąhnt, wo das Wunder der Sch├Âpfung, die unfassbare Tatsache, dass Polysacharidketten mit vier simplen Basen die Zellvorg├Ąnge steuern, die mich das hier denken lassen k├Ânnen, in einer Welt, wo dieser angebliche Zufall ein Geschenk und damit Quell grenzenloser Freude ist, in einer solchen Welt ist auch unter den schlimmsten Umst├Ąnden, ja selbst auf einer M├╝llhalde, ein freudiges Leben m├Âglich.
Es ist die Hoffnung, die den Mensch aus dem Staub darwinistisch-mechanistischer Notwendigkeiten erhebt und ihn zum gottgleichen Wesen macht. Oder zur Pipi Langstrumpf. Everything is possible.

----

Wie bei dem Beitrag "Affentanz" handelt es sich bei diesem Text um einen Kapitelauszug aus meinem Roman "Von Scharlatanen, Schurken und Schamanen" ├╝ber den ihr unter Hier klicken gern mehr erfahren k├Ânnt!
Und, sei┬┤s nochmal gesagt, ich hab ne Ortografieschw├Ąche und finds total ok!
__________________
AM Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird die Welt in Frieden und Eintracht leben -
Wenn Du Dir das vorstellen kannst.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!