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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Arbeitstitel: Bollywood ... Roman, 1. Teil
Eingestellt am 21. 02. 2006 20:37


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annaps
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2006

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Ich habe die Geschichte ĂŒberarbeitet !!!!!

KRITIKEN ERBETEN!!! Anregungen, Meinungen, Komplimente, und Zensur!! BITTE!!!



Es ist kurz nach Mitternacht, der Himmel ist sternenklar. Das Flugzeug hat gerade die indisch-pakistanische Grenze passiert. Hell wie die Lichter einer Strandpromenade ist die Grenzbeleuchtung zu erkennen. So eine Verschwendung, denkt Amrita. Auf beiden Seiten der Grenzen gibt es genĂŒgend Menschen, die ohne Beleuchtung auskommen mĂŒssen. Aber hier ist ohnehin vieles, was sie nicht versteht. Zum Beispiel eine arrangierte Ehe. Sie schĂŒttelt sich an den Gedanken daran.
Und nun will die Familie ihres Vaters auch sie verkuppeln! Und ihr Vater, ihr Daddy, hat dem auch noch zugestimmt! Immer wieder hat er davon angefangen, wie viel es ihm bedeuten wĂŒrde, wenn sie einen jungen Inder heiraten wĂŒrde. NatĂŒrlich einen Sikh, und natĂŒrlich mĂŒsste er aus guter Familie sein und ein gutes Einkommen haben. Damit er sie gut versorgt wisse. „Ich will doch nur das Beste fĂŒr Dich“, hatte ihr Vater gesagt. Sie hatte ihn unglĂ€ubig angesehen. „Daddy, meine Mutter ist Deutsche! Und so weit ich weiss, habt ihr aus Liebe geheiratet, oder nicht?“ Sie war völlig deprimiert. Ihre Mutter hatte sie dann zum Einkaufen in die Stadt mitgenommen. „Ich glaube, wir mĂŒssen mal reden“, hatte sie gemeint. Und dann hatten sie einen Plan ausgeheckt. „Höhere Diplomatie“, hatte die Mutter den Plan genannt. Keine Chance, ich lass mich nicht verkuppeln, denkt sie wieder, mit mir jedenfalls nicht!

Sie ist froh, dass sie in KĂŒrze in Delhi landen werden. Der Typ in der Nachbarreihe, ein junger Sikh mit Turban und gestutztem Vollbart, hat seit Istanbul versucht, sie in ein GesprĂ€ch zu verwickeln. Sie hat ja nichts gegen indische MĂ€nner, sie will nur keine Beziehung mit ihnen. Das endet doch ohnehin nur in MissverstĂ€ndnissen. Einmal hatte sie einen indischen Freund. Student wie sie. Der wollte sie auch gleich heiraten. FĂŒr Inder scheint es das höchste GlĂŒck zu sein, in einer Ehe zu enden. Sie hat sich höflich, aber unmissverstĂ€ndlich von ihm getrennt.

Auf dem Display kann sie erkennen, dass das Flugzeug eine Schleife fliegt. Vermutlich ist wieder mal Nebel im Norden von Delhi, verursacht durch Reisfelder, so weit das Auge reicht. Und dann kann sie die Beleuchtung der grĂ¶ĂŸeren Straßen klar erkennen. Sanft schwebt die Maschine auf den Indira-Gandhi-Flughafen zu, setzt mit leichtem Rucken auf und kommt kurze Zeit spĂ€ter zum Stehen. Geschafft. Gut acht Stunden Flug, mit einer kurzen Unterbrechung in Istanbul. Die Passagiere stehen zum Aussteigen bereit. Jeder möchte schnell die Maschine verlassen, endlich wieder die Beine bewegen können.

Der Passbeamte hinter dem kleinen Tresen scheint alle Zeit der Welt zu haben. Nach einigem Warten erhĂ€lt sie ihren Pass zurĂŒck. Nun noch ihr GepĂ€ck abholen, und dann nach Hause. Wer sie wohl abholen wird? Egal wer, Hauptsache nach Hause, eine heisse Dusche und dann eine Runde schlafen. Zu Hause ist da, wo man sich wohl fĂŒhlt, pflegt ihr Vater zu sagen. Vor mehr als 30 Jahren hat er eine deutsche Frau geheiratet und ist dann in Deutschland geblieben. Als die drei Kinder noch klein waren, ist die Familie beinahe jedes Jahr nach Indien geflogen. Nun fliegen die Eltern meistens allein. FĂŒr Jugendliche ist Delhi nicht sonderlich interessant. Keine Cafes, keine Discos im westlichen Sinne. In den Kinos werden fast nur Filme Made in Bollywood gespielt. Besser gesagt, das war so bis noch vor ein paar Jahren. Inzwischen hat sich das geĂ€ndert. Zumindest was die Cafes und amerikanischen Schnellrestaurants angeht.

In der Ankunftshalle blickt sie sich suchend um, aber niemand ist da, den sie kennt. Haben sie denn ihre Email nicht bekommen? Verdammt, was soll sie denn jetzt machen? Mit ihrem Handy kann sie in Delhi nichts anfangen. Sie muss also einen öffentlichen Fernsprecher finden. Seufzend sucht sie in ihrer Tasche nach Rupien. Nur Scheine, kein Kleingeld. „Kann ich Ihnen helfen?“ Sie sieht sich nach der Stimme um. Der junge Sikh aus dem Flugzeug, lĂ€chelt sie freundlich an. Er spricht Deutsch, denkt sie verwirrt. „Haben Sie Probleme? Kann ich Ihnen helfen?“ „Nein, nein“, wehrt sie ab „ich möchte nur zu Hause anrufen, damit mich jemand abholen kommt!“ „Um diese Uhrzeit?“, der junge Mann sieht sie unglĂ€ubig an. „Mit dem Scooter möchte ich jedenfalls nicht allein durch die Nacht fahren“, gibt Amrita zurĂŒck. „Warum fahren Sie nicht mit mir? Ich kann Sie zu Hause absetzen. Wohin wollen Sie denn?“ Amrita ist skeptisch. Soll sie dem jungen Mann wirklich ihre Adresse verraten? In Deutschland wĂ€re das sicher kein so großes Problem, in Indien aber könnte es gefĂ€hrlich sein. Sie betrachtet ihn prĂŒfend. Eigentlich sieht er ja ganz vertrauenswĂŒrdig aus. „Ich wohne in Vasant Kunj“, erklĂ€rt sie ihm. „Dahin will ich auch“, antwortet er, „kommen Sie, mein Vater wartet schon im Wagen!“ Er ruft einen Cooli, der ihr gesamtes GepĂ€ck auf dem Kopf zum Wagen balanciert.

Als sie das FlughafengebĂ€ude verlassen, schlagen ihr Hitze und ein undefinierbare Geruch entgegen. Eine Mischung aus dem, was die vielen, streunenden KĂŒhe tagtĂ€glich produzieren, aber auch der schwere Duft von Jasmin und den unzĂ€hligen BlĂŒtenbĂŒschen, die die Straßen und VorgĂ€rten sĂ€umen. Sie sitzt auf dem RĂŒcksitz des Indica, das Fenster geöffnet, und atmet die Luft ein. Indien, denkt sie, ja dieser unbeschreibliche Geruch, das ist Indien. „Bitte, machen Sie das Fenster zu“, kommt die Anweisung von vorn, „es ist gefĂ€hrlich in der Nacht mit geöffnetem Fenster zu fahren!“ Schuldbewusst kurbelt Amrita die Scheibe hoch. Daran hĂ€tte sie auch selbst denken können. „Entschuldigen Sie, Sardarji“, ihre Stimme ist kleinlaut. „Ist schon in Ordnung! Wie war der Flug? Woher kommen Sie? Wer ist Ihre Familie?“, prasseln die Fragen auf sie ein. Sie muss lĂ€cheln. Wie ihr Vater, der muss auch immer alles gleich wissen. „Ich wohne in Köln und besuche die Familie meines Vaters in Vasant Kunj.“ „Wir wohnen auch in Vasant Kunj! Das ist ja eine nette Überraschung!“ verkĂŒndet er fröhlich. Sein Englisch ist gut, der indische Einschlag lĂ€sst sich aber nicht verleugnen. So kann kein EnglĂ€nder ein R rollen, denkt sie. Inzwischen sind sie in am Tor der Enclave Vasant Kunj angekommen. Nach einigem Suchen haben sie das Haus von Amritas Familie gefunden. Die beiden MĂ€nner warten, bis das HausmĂ€dchen die TĂŒr fĂŒr Amrita geöffnet hat. Sie will sie nicht gleich einlassen, aber die Hausherrin, durch den LĂ€rm aufgewacht, nimmt ĂŒberrascht ihre Nichte in den Arm und fĂŒhrt sie ins Haus. Amrita dreht sich auf der Schwelle um, und winkt den beiden MĂ€nnern zum Abschied zu.

„Sat Sri Akal, Kiran-auntie! Wieso war niemand am Flughafen“, fragt sie ĂŒbermĂŒdet. „Wir wussten nicht, wann Du kommst! Komm, leg Dich erst einmal hin! Es ist ja noch Nacht. Oder möchtest Du vorher eine Tasse Chai?“ „Chai!“ Sie muss in Indien sein, sicher niemand sonst auf der Welt wĂŒrde zuerst fragen, ob man eine Tasse Chai möchte „Ja, Auntie, eine Tasse Chai wĂ€re schön und eine heisse Dusche! Und dann eine Runde schlafen!“

Es ist heller Tag. Unter ihrem Fenster preist der Sabziwalla lautstark sein GemĂŒse an. Die Klingel eines Fahrrads quietscht, irgendwo scheppern Eimer. Aus dem Haus gegenĂŒber dröhnt unĂŒberhörbar Bollywood-Musik. Indien, denkt Amrita, ich bin in Indien. Sie rĂ€kelt sich, macht ein paar Yoga-Übungen, um die verkrampften Muskeln zu lösen, und geht dann ins angrenzende Bad, um sich zu duschen. Als sie erfrischt und mit nassen Haaren wieder ins Zimmer kommt, steht neben ihrem Bett ein Tablett mit duftendem Tee und ein paar Keksen. Bedtea! So etwas gibt es auch nur in Indien! In Deutschland wĂŒrde ihr niemand den Tee ans Bett servieren. Sie holt aus ihrem Koffer frische WĂ€sche und einen Salwar Kameez aus bedruckter Baumwolle. Zwischendurch trinkt sie den heissen, sĂŒssen Tee in kleinen Schlucken und knabbert an den Keksen. Dann noch den Dupatta ĂŒber die Schulter, fertig! Jetzt kann sie sich der Familie prĂ€sentieren. Sie lĂ€uft die Stufen hinunter ins Wohnzimmer.

Das Wohnzimmer ist leer. Nur das HausmĂ€dchen ist in der angrenzenden KĂŒche mit dem Putzen von GemĂŒse beschĂ€ftigt. Sie hat eine dunklere Hautfarbe als die Menschen hier im Norden, vermutlich kommt sie aus Bihar. Viele billige ArbeitskrĂ€fte kommen von dort. UnschlĂŒssig sieht sich Amrita um. Kein Mensch da, denkt sie, und sieht durch den Holzperlenvorhang auf die Terrasse vor dem Haus. Nur der Karren des Sabziwallas ist zu sehen, ein paar Hunde tollen herum sowie einige dreirĂ€drige Scooter, die sich ihren Weg mit stĂ€ndigem Hupen freimachen, eine klapprige Rikscha und viele neugierige Augen. Ein bisschen enttĂ€uscht geht sie die Treppe zur Dachterrasse hinauf. Sie wird einfach hier oben warten, bis die Familie zurĂŒckkommt. Der Grossvater hat vor Jahren eine Überdachung anbringen lassen, so dass die Hitze nicht direkt auf die Terrasse knallt. Dadurch ist es hier angenehm kĂŒhl. Sie setzt sich auf eines der geflochtenen Betten, schiebt das Kissen unter den Kopf. Es ist viel zu heiss fĂŒr jede Art von Anstrengung. Sie nimmt sich eine der Zeitschriften, die auf einem Tischchen liegen, und ist nach kurzer Zeit wieder eingeschlafen. Die Hitze, es sind sicher mehr als 40 Grad im Schatten, fordert ihren Tribut.

Sie wacht erst wieder auf, als sie jemand an der Schulter rĂŒttelt. „Amrita, Beti, wach auf!
Schlaftrunken setzt sie sich auf. Neben ihr auf dem Chapoy sitzt ihre Tante und lĂ€chelt sie an. Amrita gĂ€hnt. „Wie spĂ€t ist es denn“, will sie wissen. „Schon spĂ€ter Nachmittag. Du hast lange genug geschlafen, komm jetzt runter. Alle warten auf Dich“, kommt die Anweisung. Typisch Kiran-Auntie, denkt Amrita, sie ist eben Lehrerin. Amrita reibt sich mit einem feuchten Handtuch den Schlaf aus dem Gesicht, kĂ€mmt sich kurz ihre langen Haare und lĂ€uft dann hinunter.

Im großen, mit Möbeln im Kolonialstil eingerichteten Wohnzimmer hat sich die Familie ihres Vaters versammelt. Ihre Daddi-ji, die Mutter ihres Vaters, ihr Onkel Pritam und seine drei Söhne. Sie lĂ€cheln sie an. Sie begrĂŒĂŸt zuerst ihre Grossmutter und berĂŒhrt nach indischer Tradition ihre FĂŒsse. Die Grossmutter tupft sich eine TrĂ€ne aus dem Auge und nimmt sie in den Arm. „Amrita, Beti!“ Auch der Onkel und die Cousins nehmen sie kurz in den Arm. “Wir haben Deine Email erst heute lesen können! Du weisst doch, wir haben um diese Jahreszeit immer Problem mit der ElektrizitĂ€t! Und PCs laufen leider nicht ohne Strom“, lĂ€sst sie ihr Ă€ltester Cousin wissen. „Wie geht es Deinem Vater und Deiner Mutter“, will die Daddi-ji wissen. Und dann geht es ans ErzĂ€hlen.

Der Grund ihres Besuches wird mit keiner Silbe erwĂ€hnt. Sie ist froh darĂŒber. „Meinetwegen könnt ihr es ganz vergessen“, denkt sie. Und zuerst einmal wird sie sich Delhi ansehen. Ein paar Jahre ist sie nicht hier gewesen. Ihre Cousins sind inzwischen junge MĂ€nner geworden. Ansehnliche junge MĂ€nner, muss sie schmunzelnd feststellen. Bei ihrem letzten Besuch waren sie noch wilde Jungen und, wie die meisten indischen Jungen, total von der Mutter verzogen. Söhne sind die Rentenversicherung der Eltern. MĂ€dchen kosten nur, so die Meinung der meisten Inder.

Ein paar Tage spÀter wird dann der Grund ihres Besuches von der Grossmutter angesprochen.
„Beti, wir haben einen jungen Mann fĂŒr Dich gefunden. Eine sehr gute Punjabi-Familie, bahut accha-hai!“ Sie sieht Amrita erwartungsvoll an. Die druckst herum, stimmt aber schweren Herzens einem Treffen zu. „Was ist schon dabei, sie wird schon einen Weg finden, dass diese Heirat nicht zustande kommt!“

Das Treffen mit der Familie des jungen Mannes wird fĂŒr das kommende Wochenende verabredet. Und so hat Amrita noch ausreichend Zeit, sich mit Hilfe der Tante neu einzukleiden. In den GeschĂ€ften von Karol Bagh und Rajourie Garden verbringen die beiden viel Zeit mit dem Aussuchen von Stoffen fĂŒr den traditionellen Salwar Kameez, einer weiten Hose und einer langen Tunika darĂŒber. Der Tailor-Master, der Schneider, kommt ins Haus, um Mass zu nehmen. Es muss Yaldi-Yaldi gehen, also schnell-schnell. Denn Amrita soll am Wochenende einen guten Eindruck hinterlassen. Sie grinst in sich hinein, als der dĂŒrre Mann ihre Masse nimmt. Guter Eindruck! Die werden sich noch wundern.

Und dann ist es soweit. Zwar geben sich die Familienmitglieder gelassen, Amrita kann aber auf der Stirn ihrer Tante Schweissperlen erkennen, die sicher nicht auf die Hitze zurĂŒck-zufĂŒhren sind. Die Grossmutter zupft immer wieder an ihrem Dupatta, dem langen dĂŒnnen Schal. Amrita ist an das Tragen der indischen Kleidung nicht gewöhnt, und der Dupatta rutscht ihr immer wieder ĂŒber die Schulter. Sie soll den GĂ€sten den Tee servieren. Trotz ihrer Einstellung zu einer arrangierten Hochzeit ist sie aufgeregt. Und dann trifft die Familie des jungen Mannes endlich ein. Die Mutter trĂ€gt einen bestickten Sari, der Vater des jungen Mannes – sie stutzt: Das ist doch der nette Herr, der sie vom Flughafen mitgenommen hat. Der junge Mann begrĂŒsst sie lĂ€chelnd auf Deutsch: „Hallo, schön Sie zu sehen!“ Amrita ist völlig verwirrt. Sie hatte einen typischen Inder erwartet, einen aus Delhi. Trotzdem. Sie will keine arrangierte Ehe. Und den hier schon gar nicht. Der hat versucht, sie auf dem Flug die ganze Zeit anzumachen! Die Höflichkeit gebietet, dass sie den GĂ€sten den Tee anbietet. Sie hĂ€lt den Kopf gesenkt. Hinter ihrer Stirn kreisen die Gedanken. Der Typ lebt doch in Deutschland, warum sucht er sich nicht dort eine Frau? Oder haben seine Eltern ihn bedrĂ€ngt? Ist ja auch egal. Sie wird ihn jedenfalls nicht heiraten.

Stumm sitzt sie dann neben ihrer Daddi-ji und bekommt nur Bruchteile der Unterhaltung mit. Der Vater hat mit ihr und den Geschwistern nur wenig in Hindi gesprochen. Er war der Ansicht, sie und ihre Geschwister sollten besser vernĂŒnftig Englisch lernen. Damit kĂ€me man ĂŒberall weiter. Der Hindi-Kurs an der Uni war nicht sehr ergiebig, muss sie jetzt feststellen. Nach einer Stunde verlassen die GĂ€ste das Haus. Der junge Mann, er heisst Harpreet Singh hat sie erfahren, lĂ€dt sie beim Gehen zum Essen ein. „Wir wĂ€re es mit Übermorgen“, will er wissen. Amrita sagt zögernd zu. In Indien verabreden sich junge Leute nicht einfach so. Aber er lebt ja auch in Deutschland, studiert dort. Also ist es etwas anderes. Und ausserdem kann ihr ein bisschen Abwechslung nicht schaden. Vielleicht kennt er sich ja hier aus und kann ihr helfen. Sie muss noch Material fĂŒr ihre Magisterarbeit zusammenstellen. Als Thema hat sie die moderne indische Literatur gewĂ€hlt. Sie studiert vergleichende Literaturwissenschaften und möchte spĂ€ter als Journalistin arbeiten. Vielleicht fĂŒr eine Zeitung in Indien.

Den nĂ€chsten Tag verbringt sie mit ihren Cousins. Sie besuchen den Bangla Sahib, einen der grĂ¶ĂŸten und schönsten Gurdwaras in Delhi, und trinken anschließend in einem der neuen Cafes italienischen Cappuccino. Offensichtlich wollen die Cousins sie mit den neuen Errungenschaften Indiens beeindrucken. Amrita ist gerĂŒhrt. Aus dem Fenster des Cafes beobachtet sie das Treiben auf der Strasse. Seit ihrem letzten Besuch hat sich einiges verĂ€ndert. Es gibt inzwischen sogar eine U-Bahn. Der Connaught Place, Delhis Arkaden umsĂ€umte Innenstadt, ist eine riesige Baustelle. In einigen Jahren werden die teilweise baufĂ€lligen HĂ€user verschwunden sein und durch Neubauten ersetzt werden. Zumindest sieht das die Planung so vor. Amrita hat auf dem Weg in die Stadt ĂŒber die vielen Fly-over, die neuen Schnellstraßen, gestaunt. Viele der Slums mussten den Baggern weichen.

Am nĂ€chsten Tag ist sie ein bisschen aufgeregt. Immerhin ist das ihr erstes Rende-vouz in Indien. Sie hat einen langen Rock und eine Bluse mit kurzen Ärmeln angezogen. So ist sie auf jeden Fall richtig angezogen, egal in welches Restaurant er sie fĂŒhren wird. Die Grossmutter hört anscheinend schon die Hochzeitsglocken lĂ€uten, so strahlt ihr Gesicht. Und auch der Tante sieht man die Freude an. Dass das so schnell mit den beiden klappen wĂŒrde, hĂ€tte sie nicht gedacht. Insgeheim plant sie vermutlich schon die Hochzeitsfeier. Irrtum, Tantchen, denkt Amrita, nicht mit mir!

Harpreet Singh hat sich den Wagen seines Vaters ausgeliehen und steuert ihn nun in Richtung Innenstadt. Amrita betrachtet ihn verstohlen von der Seite. Er sieht gut aus. Den Bart hat er frisch gestutzt, der beige Turban passt farblich zum Hemd. Dazu trĂ€gt er Jeans und Turnschuhe. „Und“, will er wissen, „irgendeinen speziellen Wunsch?“ Amrita verneint. Die Strassen sind ĂŒberfĂŒllt mit Scootern, Autos vorwiegend japanischer Herkunft, Rikschas,und 
 streunenden KĂŒhen. Und in diesem Chaos laufen die FußgĂ€nger kreuz und quer ĂŒber die Fahrbahn, Fahrradfahrer kommen ihnen entgegen. Zwischen den Fahrbahnen haben Obdachlose ihre Kleidung zum Trocknen aufgehĂ€ngt. An einer Ampel klopft ein kleines dunkelhĂ€utiges MĂ€dchen an die Seitenscheibe. Sie will PapiertaschentĂŒcher verkaufen. Unter einem Baum am Straßenrand sitzt eine Gruppe von Kindern, die Stapel dieser TaschentĂŒcher vor sich liegen haben. „Betteln ist in Delhi verboten! Und die Strafe mĂŒssen die zahlen, die etwas geben“, erklĂ€rt ihr Harpreet, „daher versuchen sie etwas zu verkaufen“. Er kauft dem kleinen MĂ€dchen ihren Vorrat ab und verzichtet aufs Wechselgeld. „Mein Vater wird mir erklĂ€ren, ich sei zu nachsichtig“, meint er, und versucht sich auf den chaotischen Verkehr zu konzentrieren. Das ist ein Hupen in allen Tonlagen. Jede Hupe, jede Klingel ist in Aktion. Auf den Lkw’s steht: Please, Horn at Night! Vermutlich, damit die Fahrer nicht einschlafen.

Sie haben ihr Ziel erreicht. Ein kleines Lokal, in dem sĂŒdindische Speisen serviert werden. Amrita bestellt sich Dosa, einen Reispfannkuchen. Dazu werden ein Kokosnuss-Chutney und eine leichte GemĂŒsesuppe serviert. Sie reden wĂ€hrend des Essens kaum. Alkohol ist nicht erhĂ€ltlich, daher hat sie sich Mineralwasser bestellt. Nachdenklich nippt sie an ihrem Glas. Nun sitzt sie hier mit dem Mann, mit dem sie ihre Familie verheiraten möchte. Wie kann sie ihm erklĂ€ren, dass sie kein Interesse hat? Ihre Gedanken werden durch das Splittern einer Glasscheibe unterbrochen. Erschrocken springen die GĂ€ste auf. Der Sicherheitsdienst an der TĂŒr versucht mit KnĂŒppeln auf die Eindringlinge einzuschlagen. Harpreet zieht Amrita in den hinteren Teil des Lokals. „Kommen Sie schnell! Versuchen wir, hier raus zu kommen! Und schon wieder kracht es und die nĂ€chste Glasscheibe zerbirst unter lautem Getöse. Menschen schreien. Harpreet zieht Amrita durch die KĂŒche nach draußen in einen dunklen Gang. „Schnell zum Wagen, und nichts wie weg hier!“ Schwer atmend erreichen sie den Wagen, Harpreet gibt Gas, der Motor heult auf, rĂŒhrt sich aber kaum von der Stelle. „Scheiße“, brĂŒllt er, „sie haben die Reifen zerstochen!“ Amrita ist wie erstarrt. Was hat das alles zu bedeuten?
Sie gehorcht aber seiner knappen Anweisung, den Wagen zu verlassen und lĂ€sst sich von ihm am Handgelenk zu einem der Taxis ziehen, die in einiger Entfernung warten. Kaum haben sie sich auf den RĂŒcksitz gedrĂ€ngt, gibt der Fahrer Gas und rast wie ein VerrĂŒckter die Straße entlang. Erst in einiger Entfernung verlangsamt er die Fahrt. „Was war da los“, will Amrita wissen. „Vermutlich irgendwelche Mafia-Typen. Ich weiss es nicht“, gibt Harpreet durch die ZĂ€hne zurĂŒck, „besser, wir fahren nach Hause!“ Sein Gesicht ist nicht mehr freundlich, sondern es spiegelt sich darauf eine Mischung aus Wut und Entsetzen.

Er setzt sie vor ihrem Haus ab und verspricht, sie in den nĂ€chsten Tagen anzurufen. Die Familie ist ĂŒberrascht, als sie schon nach so kurzer Zeit wieder zurĂŒck ist. Als sie die Geschichte erzĂ€hlt, mischt sich in die Sorge auch die EnttĂ€uschung ĂŒber den verlorenen Abend. Sie haben doch die Verantwortung fĂŒr sie. Amrita sitzt die Angst noch in den Gliedern. Diesen Vorfall wird sie nicht so schnell vergessen. Und es war keine Polizei zu sehen. Nachdenklich nippt sie an ihrem Chai.

Die nĂ€chsten Tage vergehen ohne ZwischenfĂ€lle. Amrita begleitet ihre Tante bei den EinkĂ€ufen. Ihre Cousins zeigen ihr den Lotus-Tempel der Bahai, fahren mit ihr zum Delhi Hut, um sie abzulenken. Hier werden Produkte aus allen Teilen Indiens von Kunsthand-werkern angeboten. Aber sie muss immer wieder an den Vorfall denken. Diese Gewalt-bereitschaft hat ihr Angst gemacht. Der Onkel macht ihr den Vorschlag, mit ihm nach Amritsar zu fahren. Sie nimmt dankend an. Nur weg hier, denkt sie. Nur noch weitere 3 Wochen, und dann ist sie wieder in Köln. Zu Hause, in Sicherheit. Von der Hochzeit spricht niemand mehr, auch Harpreet hat sich nicht mehr gemeldet. Also ist das Problem vom Tisch, vermutet Amrita, und weiß nicht, wie sehr sie sich in diesem Punkt irrt.

Die Zugfahrt ist eine Herausforderung. Der Onkel hatte in der Sleeping Class gebucht, airconditioned natuerlich. Es ist 5 Uhr morgens, als sie auf dem Bahnhof ankommen. Auf den Bahnsteigen liegen in Decken gehuellte Gestalten. Coolis in roten Hemden, die die Koffer tragen. Die ersten Teeverkaeufer. Alles ist ein bisschen schmuddelig. Sie hasten ueber die Bruecke zu ihrem Bahnsteig, suchen an dem schier nicht endenen wollenden Zug nach ihrem Abteil. Der Zug hat nur kleine Fenster, wundert sich Amrita. Endlich finden sie ihr Abteil. Das Abteil besteht aus 7 Reihen mit je 8 Klappliegen, stellt Amrita voll Ensetzen fest. Und dazwischen ist keine Abtrennung. Schreiende Kinder, schimpfende Muetter und der Geruch nach Parathas, gebackenem Fladenbrot, und Urin. Das Zugpersonal hatte schmudelige Uniformen an und auch die Laken auf den Liegen sehen aus, als koennten sie eine Kochwaesche gebrauchen. Amrita seufzt. Das kann ja lustig werden, denkt sie. Der Gang zwischen den Liegen ist so small, zwei Personen haben keinen Platz. Der Onkel hat ihre Plaetze gefunden und strahlt ueber das Gesicht. Jetzt kann er seiner Nichte zeigen, dass Indien kein rueckstaendiges Land ist. Dies ist einer der modernsten Zuege Indiens, freut er sich mit stolzgeschwellter Brust. Amrita klettert verzagt auf die mittlere Liege. Sitzen ist nicht moeglich. Der Abstand zwischen den Liegen ist zu gering.
Endlich setzt sich der Zug in Bewegung, mit nur 20 Minuten Verspaetung. Vorbei an Delhis Sada Bazar mit seinen trostlosen Slums. Amrita beobachtet, wie ein Mann sein morgendliches Geschaeft verrichtet, seinen nackten Hinten dem Zug zugewendet. Vorbei an tristen Neubausiedlungen und winzigen Hauschen, vor denen auf dem trockenen Boden magere Kuehe weiden. Und ueberall Plastikunrat. Der Zug erreicht Panipat. Es wird gruner. Der Zug rast mit einer Geschwindigkeit von mehr als 40 Stundenkilometern an kleinen Doerfern vorbei, an Reisfeldern, in denen Frauen emsig arbeiten. Kleine hinduistische Tempel leuchten zwischen Getreidefeldern. Ein Mann fuehrt einen Ochsenkarren. An Bahnuebergaengen wartende Menschenmengen. Die Landschaft wird sauberer, die Felder grosser. Sie haben das Punjab erreicht. Der Zug ueberquert die Bruecke, die den machtigen Beas ueberspannt, der leider nicht viel Wasser fuehrt, da die Pakistaner mit einem Damm die Wasserzufuhr unterbrochen haben. Und nach 9 stuendiger Fahrt, in der sich Amrita eher wie auf einem schlingernden Schiff denn in einem Zug vorkam, erreichen sie Amritsar, die heilige Stadt der Sikhs.
















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Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen.«
Mark Twain

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HFleiss
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Liebe Anna,

die Geschichte gefĂ€llt mir, obwohl mir Indien nur durch meine frĂŒhere TĂ€tigkeit bekannt ist. Du schilderst die Menschen in Delhi aus der gleichen Haltung heraus, wie Amrita sie im ersten Moment nach ihrem Ankommen aufnimmt, ein bisschen hastig, ein bisschen oberflĂ€chlich, sehr bunt. Finde ich gut. Hast du einen Gegenleser? Ich wĂŒnsch dir viel GlĂŒck beim Veröffentlichen.

Lieben Gruß
Hanna

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annaps
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Hi Hanna,
nein, ich habe keinen Gegenleser. Ich habe den Test - bei mir - schon etwas verĂ€ndert. WĂŒrdest Du denn Gegnlesen?
Das wĂ€re natĂŒrlich phantastisch!
LG, anna
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HFleiss
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Bollywood ... Roman, 1. Teil

WĂŒrde ich gern bei solch einem interessanten Text. Aber, aber, aber - du weißt, wie es ist, die Zeit, die Zeit.
Und dann, ich habe auch ein bisschen Manschetten, so gewieft bin ich nicht. Ich sehe mir mal den 1. Teil ein bisschen genauer an und schreib dir dann. Bist du einverstanden?

Gruß
Hanna

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annaps
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Hi Hanna,
aber meinen noch nicht veröffentlichten, dafĂŒr geĂ€nderten Text, bitte! Ich werde es wohl am Wochenende schaffen, den ersten Teil soweit hinzubekommen, dass er einigermassen lesbar ist. Und hör auf mit Deinem ach, ach, ach und so, so so !
Dass Du das nicht beurteilen kannst, glaube Ich Dir nun wirklich nicht. Eher, dass ich statt schreiben lieber stricken lerne!
LG, Anna
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