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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Aspahltgeschichte einer Jugend
Eingestellt am 25. 11. 2007 10:11


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Impermeabile
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2007

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In der Straße, in der wir wohnten, da wohnte auch „Tex“ Hentschel. Als wir 1964 in das Haus Nr. 64 einzogen, war ich sechs Jahre alt. Und als wir von der Styrumer Straße wegzogen, siebzehn. In diese enge, graue Straße fiel spĂ€rlich ein Sonnenstrahl. Kein Haus oder Baum aber verdunkelte unserer Mietswohnung im dritten Stockwerk, denn der gegenĂŒberliegende Schulhof der Moltkeschule ließ Platz fĂŒr Licht und Luft.

Sie fragen, ich antworte: „Bitte, in welcher Stadt befindet sich diese Straße?“ „In Oberhausen, direkt Alt-Oberhausen, einen Katzensprung weit entfernt vom Zentrum.“ Und fĂŒr ganz Interessierte: „Tex war der beste Abwehrspieler, den RWO je hatte. Er wohnte 55, neben Möbel Kazmierczak. ÂŽ71 ist er von der Styrumer Richtung Belgien.

In einem engen Radius von fĂŒnf Gehminuten von unserem Mietshaus entfernt, befand sich nicht nur die an sich gutbĂŒrgerliche GaststĂ€tte BraustĂŒberl, sondern auch dunklere LokalitĂ€ten. Bars, die erst um 22 Uhr ihre Pforten öffneten, und in denen man fĂŒr ein Pils aus der Flasche durchaus das dreifache hinblĂ€ttern musste, als man es im BraustĂŒberl fĂŒr ein Frischgezapftes zusammen zu tragen hatte. Im dem von Frau Palmeier gefĂŒhrten Lokal verkehrte sozusagen Prominenz. Stadtbekannt war, dass sich am Wochenende nicht nur die gewitztesten Skatspieler, sondern gelegentlich auch lokale FußballgrĂ¶ĂŸen einen zur Brust nahmen. So auch „Tex“.

Das Besondere, hinter den von Jalousien Tag und Nacht geschĂŒtzten Fenstern des Nachtclus „Schu“, direkt neben 64, waren die Pornofilme, die den GĂ€ste geboten wurden. Ein schmutziger ebenerdiger Schuppen. Der Gastwirt Eckehard Scholl, dessen Lokal Grenzstube mein Vater gelegentlich aufsuchte, um auch hier mit gewitztem Skatspiel unsere klamme finanzielle Lage aufzubessern, war einer der nĂ€chtlichen GĂ€ste dieses Animierbetriebs. Nicht selten stolperten von hier durch Alkohol enthemmte Gestalten das StĂŒck Hermann-Albertz-/Friedenstraße entlang Richtung Maxim-Bar, oder auf die nicht zu verfehlende Flaßhofstraße zu, wo man dann hinterm Bretterzaun zeigen konnte, was man noch so drauf hat.

„Du wissen, wo Puff?“

„Bitte.“

„Du wissen, wo Puff?“

Es war eine Frage der Zeit, bis sich meine Scham verlor und ich den Ortsunkundigen, und zu dieser Zeit den meist italienischen Gastarbeitern, entsprechende Auskunft erteilen konnte: „ Keine fĂŒnfzig Meter. Auf der anderen Straßenseite, die zweite links, hinter der Bretterwand.“ FĂŒr diese prĂ€zise Angabe erhielt ich hier und dort einen Obolus von zwanzig Pfennigen. Uns Heranwachsenden war der Eintritt hinter die Bretterwand versagt, doch waren meine sexuellen BedĂŒrfnisse zu dieser Zeit wenig ausgeprĂ€gt. Ich wollte ein gefeierter BallkĂŒnstler bei RWO werden. Nur hier lag meine große Zukunft, das war klar. Alles andere Nebensache.

1969 war ein großes Jahr. RWO schaffte den Aufstieg in die Bundesliga und Jansen, Poll, Kock, Burda, Feuser, Schneider, WĂŒrges, Geisen, Dietz, Busch und die GebrĂŒder Tysiak, von denen ich der Ältere bin, grĂŒndeten den Straßenclub Ruckzuck Moltkeschule. Der Asphaltboden des Schulhofs war unser Vereins- und TrainingsgelĂ€nde. Der Tausch von Fußballbildern in den umliegenden Straßen erlebte einen Aufschwung. Ich gab Kock zwanzig Bildchen gegen die Aufnahme einer Kopfballszene, in der Lothar Kobluhn in der Luft schwebte. Die obere Styrumer, in der Höhe der Pferdemetzgerei Höffkes, hatten begeisterte AnhĂ€nger rotweiß getĂŒncht. Ich spielte in der D-Jugend und besaß bereits eine ansehnliche Sammlung von Autogrammen, die den Tauschwert der Bildchen sehr erhöhten.

An der Kreuzung Friedrich-Karl-/Hermann-Albertz, hier lag eben auch das Lokal BraustĂŒberl, ereigneten sich viele schwere AutounfĂ€lle. Der Verkehr wurde spĂ€ter durch eine Ampelanlage gesichert. Eines Tages rauschte ein VW-Bus, die Vorfahrt missachtend in die Hermann-Albertz, kollidierte mit einem Pkw, ĂŒberschlug sich und krachte auf dem Dach liegend gegen das Eckhaus, in dem Lydia Warnke wohnte. Vom Fenster ihrer Wohnung im zweiten Stock-werk ĂŒbersah sie das SĂŒdmarktgelĂ€nde mit seinen langgezogenen Lagerhallen. Der hintere Teil war mit Kopfstein gepflastert. Einige der Hallen mit ihren Rolltoren wurden von den HĂ€ndlern des Altmarktes genutzt. Der vordere, an der unfalltrĂ€chtigen Kreuzung liegend, war ein staubiger Sandplatz. Zweimal jĂ€hrlich, zu Ostern und im Herbst, kamen die Kirmesleute. Am Autoscooter hielten sich die Lederhosenrocker mit ihren BrĂ€uten auf. An der Raupenbahn kreischten die MĂ€dchen. Vom Kettenkarussell ĂŒbersah man die Los- und Bratfischbuden. Einmal kam ein Zirkus und wir halfen gegen eine Freikarte beim Aufbau.

Die Leuchtbuchstaben der Maxim-Bar lockten. Bis zur AbenddĂ€mmerung spielten wir auf dem Schulhof Fußball und regelmĂ€ĂŸig schimpfte die dicke Hure aus dem Fenster ĂŒber der Maxim herunter: „Wenn da unten jetzt nicht gleich Schluss ist, komm ich herunter und nehm euch den Ball weg!“ Dann lachten wir und kloppten weiter. Lydia war Animierdame in der Maxim, und diesen Geruch mochte man im BraustĂŒberl nicht.

Manchmal rissen uns die Stimmen der Nacht aus dem Schlaf. Betrunkene, Kopflose, lĂ€rmend, sich erbrechend und prĂŒgelnd. Bizarr gekleidete Frauen stolperten aus ihren Bordellzimmern. Schreiend, mit erhobenen Armen und geballten FĂ€usten hinter einem Schwein her.

„Hast du die Nacht den Tullus wieder auf der Straße mitgekriegt.“

Manchmal lag einer auf den Stufen vor unserer HaustĂŒr. Ein Haufen Elend, der am Abend vorher noch ein ganz Großer zu sein vorgab. Bernhard Satzki wohnte in der Flaßhofstraße, vor dem Bretterzaun. Ein scheuer Kerl: „Weiter dĂŒrfen wir nicht,“ sagte er, „was sich hinter dem Zaun abspielt...“

1971 war es, da parkte eines Tages vor unserer HaustĂŒr ein VW-KĂ€fer. Vater hatte den FĂŒhrerschein bestanden. Ein Jahr spĂ€ter war es ein Ford Taunus 12 M mit DachgepĂ€cktrĂ€ger. Er hatte sich selbststĂ€ndig gemacht und transportierte Leitern und GerĂŒstbretter. Morgens schoben mein Bruder und ich die Karre die dreihundert Meter bis Möbel Kazmierczak, bis die verreckte Möhre mal wieder, und dann mal wieder nicht anspringen wollte.

Der jĂ€hrliche Karnevalsumzug fĂŒhrte an unserem Haus vorbei.

Die Styrumer fĂŒhrte in sĂŒdlicher Richtung zum Rechenacker, zum VereinsgelĂ€ndes des Rot-Weiß. Ich trieb mich jede freie Minute dort herum. StĂŒrzbach, ein cholerischer Schreihals, regierte als Platzwart. Ich kannte seine Tochter Rose. Das war 1975. Es war kein offizielles Training, ich absolvierte mein Pensum und hoffte sie zu sehen. Plötzlich erschien sie und verschwand mit einer Tasche in den Umkleidekabinen. Ich lief zum hinteren Teil des GebĂ€udes, wo sich die Duschen befanden und hörte das Wasser platschen. Mir blieb das Herz stehen, meine Beine schienen zu versacken. In Windeseile lief ich los und sah sie nackt unter der Dusche stehen. Sie erschrak im ersten Moment:

„Ach, du. Hast du mich erschreckt. Was suchst du hier?“

„Ich habe dich in die Umkleidekabinen gehen sehen.“

„Und was willst du.“

„Ich will Profi werden.“

„So, du willst Profi werden.“

Sie ging mit Uphoff, einem unsportlichen Bel Ami, der abends in Kneipen saß und immer Kohle hatte. Ich wusste, dass sie bereits mit ihm geschlafen hatte. Ich wollte es erleben. An meinen FĂŒssen die staubigen Adidas LaPlata, die kurzen Hosen, das verschwitzte Trikot.

„Komm.“

WĂ€hrend ich die zweite Dusche aufdrehte und der Anblick der nackten bezaubernden Rose, ein SeifenstĂŒck in ihren HĂ€nden, mich ebenso erstarren ließ, wie der etwas ranzige Angriff aus dem hinteren Teil der Kabine, der von StĂŒrzbach kam: „Hier steckst du also, du Sausack. Was tust du da. Ich hab doch gemerkt, dass du plötzlich weg warst. Komm, zieh dich an. Sieh zu, dass du Land gewinnst.“

Mein dicker Mann war abgeschwollen. Ich sah zu der unbekĂŒmmerten nassen Rose. StĂŒrzbach winkte. Er versuchte mich beim Abgang in den Arsch zu treten, aber ich wich ihm aus. „Verschwinde, laß dich hier nicht mehr sehen. Ich werde dafĂŒr sorgen, dass du in keiner Mannschaft mehr aufgestellt wirst.“

Gelegentlich ließ ich mich im BraustĂŒberl blicken, um sie zu sehen, die Wirtstochter. Aber die alten Hunden dort waren einem ja um einiges voraus. Bundesligaaufstieg, Geldverdienen, Sexerfahrung, Krieg und Tod und ich war grĂŒn. Doch ich hoffte, dass Herthas Tochter noch keinen Sex gehabt hatte, dass ich der erste sein wĂŒrde.

Eines Tages brannte die Ellipse-Bar. Das Streaptease-Lokal. Ab 20 Uhr hingen Bilder der TĂ€nzerinnen in dem beleuchteten Fenster, oben ohne, manchmal den Busen mit einer Federboa bedeckt. Die außen mit Holz verkleidete Bar schlug hohe Flammen.

Eines Tages stĂŒrzte ich aus der HaustĂŒre meines Freundes Elmar Schneider auf die Styrumer, kam taumelnd weiter, stĂŒrzte gegen das Eisentor der ObstgroßhĂ€ndlers Pracht und blieb benommen liegen. Meine Sporttasche fiel etwas weiter zu Boden. Die Flucht auf die Straße, davonkommen aus einer peinlichen Situation. Ich hatte mich nachmittags ziemlich betrunken, eine Flasche Sekt und ein halbe Flasche Whisky. Elmar hatte eine NachhilfeschĂŒlerin. Sie fand mich sĂŒĂŸ, aber ich hatte noch nie Whisky getrunken und ich war plötzlich hackevoll. Ich schlug wie ein wurzelloser Baum nach hinten kopfĂŒber.

Sie sagte: „Bleib, bleib du bei mir.“

Elmar ermahnte mich: „ Komm mit Junge. Komm mit. Es ist besser du kommst mit.“

Er schleppt mich besinnungslos Stolpernden aus dem Haus des Gerichtsvollziehers durch die Straßen unserer Stadt. Und dieser Weg beginnt am Grillopark, fĂŒhrt vorbei an der kaufmĂ€nnischen Berufsfachschule, auf der ich sechs Jahre war, am Friedensplatz vorbei, vorbei an Amtsgericht und PolizeiprĂ€sidium.

„Wo gehen wir hin? Schneider, was ist jetzt eigentlich passiert.“

„Du kommst jetzt erst mal mit zu mir. Du bist total dicht."

Vorbei an Hosen-König Richtung Lichtburg Kino. Die an meinen HĂ€nden baumelnde Hummelsporttasche schlĂ€gt mir gegen die Beine und ich sacke zusammen. Es ist Mittagzeit. Lallend und krank stĂŒrze ich immer wieder.

„Komm hoch, Junge. Mach jetzt nicht schlapp. Reiß dich noch etwas zusammen.“

Er stĂŒtzt, hĂ€lt, schiebt und drĂŒckt mich durch die belebte Haupteinkaufsstraße unserer Stadt, der Marktstraße. Weiter zum Altmarkt. Die Herz-Jesu-Kirche, in der ich sonntags zu Gott betete, in der Elmar schon lange Messdiener ist.

„Wenn Kaplan Kuhn uns jetzt so sehen wĂŒrde.“

„Schweig. Halt dich an mich. Wir sind gleich da.“

Das TapetengeschĂ€ft Kiepen, der SĂŒdmarkt. Jetzt wars nicht mehr weit. An der Ellipse vorbei,zwischen den Hochluftschutz-bunkern durch, hinein ins Schneidersche GlĂŒck gestolpert. Elmars Mutter, gottesfĂŒrchtig, mit dem Mittagessen auf ihren Sohn wartend. Die gute Frau Schneider, was wird sie geschaut haben.

„Ich geh kurz was essen. Verhalt du dich hier still. Ich bin gleich wieder da.“

„Elmar, so voll war ich noch nie gewesen.“

Allein im Zimmer drehte sich alles im Kreis. Ich war nicht mehr Herr meiner Sinne. Ich kam aus meinem Sesselchen hervorgeschnellt und kotzte das niedrige runde Tischchen glatt zu. Als nichts mehr kam, stieg die Ohnmacht und die Pein in den Kopf. Ich suchte in meiner Hummelsporttasche nach Kleidung und Handtuch, wischte die ganze Sauerei von Tisch und Boden. Ich warf alles in die Tasche, stĂŒrzte kopfĂŒber aus der Erdgeschosswohnung auf die Styrumer, knallte ĂŒber meine Hummel, die mir zwischen die Beine gestrauchelt war, schepperte gegen die prachtsche EisentĂŒr, rutschte daran herunter und blieb entsetzt liegen. Ich rappelte mich hoch, klaubte die Sachen zusammen, und fragen sie mich nicht, wie ich die 50 Meter Styrumer bis nach Hause, die drei Stockwerke hoch, wie ich die geschafft habe.



Version vom 25. 11. 2007 10:11
Version vom 25. 11. 2007 16:40

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flammarion
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Registriert: Jan 2001

Werke: 277
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hm,

nette blitzlichter. aus einigen könnten geschichten werden.
erinnere dich nicht zu hastig, gehe mehr ins detail.
lg
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Old Icke

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