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Leselupe.de > Erzählungen
Auch schön
Eingestellt am 18. 07. 2006 19:26


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Anna Marie
Routinierter Autor
Registriert: May 2006

Werke: 7
Kommentare: 53
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Es mag komisch klingen, aber wenn ich heute an den Gruppenraum im Heim zurückdenke, erinnere ich mich nicht an die Fenster. Ich meine, es war kein kleines Zimmer, es mußte sogar mehrere davon gehabt haben. Ich weiß nicht mal, auf welche Seite des Raumes sie gepasst hätten.
In der Schule saß ich am liebsten in der Fensterreihe. Wenn ich nicht gerade aß oder las oder tratschte, guckte ich immer raus. Das Klassenzimmer lag im zweiten Stock, von da aus war nur der Himmel interessant. Nette Sache, so mit den Wolken zu wandern. „Und Marie, hast du nichts zu sagen?“ Nein, werter Religionspädagoge, ich bin erst vierzehn.

Im Heim saß ich mit Blick auf die Tür. Das war gut so. Was, wenn SIE plötzlich erschiene? Wäre doch schön, wenn ich SIE dann gleich erblickte und auf das Herzlichste begrüßen könnte. Komischerweise hatte ich eine Scheißangst vor meiner Mutter. Todesangst.
Vielleicht lag das an der Hacke, mit der SIE mich mal bedrohte? Vielleicht war ich auch nur ein kleines, zaghaftes, überängstliches Dingchen von Mensch? Wahrscheinlich zweiteres.
Ich war eine Niete. Da vermochten auch die guten Noten nichts daran zu ändern.
Was war schließlich ein Zeugnis? Schwarze Kleckse, in meinem Fall noch dazu alle gleich, auf grün-weißem Papier.
Dank meiner Eltern waren mir ohnehin die Einsen wie von selbst zugeflogen. Wenigstens auf dem Gebiet Schule sollten sie mich nicht drankriegen. Die liebte ich nämlich.
Bis ich ins Heim kam. Da ging ich zwar immer noch gerne hin, nur merkte das keiner mehr. Am wenigsten die Lehrer oder Mitschülerinnen.
Es war eine reine Mädchenschule.
Mein Lieblingsmädchen hieß Verena. „Hey Marie, hast du schon mal gekifft?“ – „Klar, du auch?“ Hatte ich nicht. Weil ich nicht wußte, wo man das Zeug herbekam. Ich kannte niemanden. Ich war selbst für Drogen zu blöd. Nein, ich korrigiere mich. Ich war gescheit genug, beim ortsansässigen Billigstsupermarkt Wein im Tetrapack zu kaufen. Täglich.
Verena bevorzugte Cherry. Deshalb kaufte ich Rotwein, wenn das großzügig von der Fürsorge bewilligte Taschengeld so gegen Mitte des Monats zur Neige ging.
Mir ging es ziemlich gut zu dieser Zeit. Plötzlich mutierte ich zur ganz normalen Jugendlichen mit ganz normalen Problemen. Herrlich! Sogar meine schulischen Leistungen passten sich an. Wenn auch nicht immer. Hin und wieder patzte ich. Vorallem in Deutsch oder Latein. Ungläubig starrte ich dann auf die Beurteilung: Sehr gut! Schwester Irma, die Gute, belohnte solcherlei gerne mit einer Tafel Schokolade. Zeit, zwei Tetrapacks pro Tag zu trinken.
„So, heute geben wir die Aufsätze ab!“ Hähä, Mister Germanistik, meiner betitelt sich „Blaufränkische Auslese“ und ist auf quaderförmigen Karton gedruckt! Flüssig geschrieben, Marie! Eins plus!
Ich war echt der Star. Erfolglos, fett, unbeliebt und aufgedunsen.
Irgendwie schien ich doch keine normale Jugendliche zu sein.
„Meine doofen Eltern lassen mich nur bis zehn weggehen!“ jammerte Claudia in der großen Pause und biss herzhaft in ihr Schinken-Käse-Brötchen samt liebevoll geschnitzter Gürkchen zwischendrin. „Meine lassen mich weggehen, solange ich will.“, prahlte ich dagegen. Immerhin war ich schon ein halbes Jahr im Heim und hatte nichts von ihnen gehört. Ich war eine bevorzugte Jugendliche.
Das sah man auch meinem Outfit an. Blaue ausgewaschene Jeans, ein Drittel zu kurz abwechselnd mit rosaroter, ehemals signalfarbiger roter, Jeans, bis zur halben Wade reichend. Darüber nichts. Nichts Erwähnenswertes zumindest. Gott bin ich froh, dass es damals noch keine Fotoapparate gab. In meinem Leben zumindest.
Im Grunde beeindruckte alleine mein Lächeln. Das zumindest bewies meine Einzigartigkeit.
Wer sonst konnte zwei braun-gelbe Vorderzähne im Oberkiefer vorweisen. Noch dazu kunstvoll zurechtgeschliffen, sodass es wie natürlich abgesplittert aussah.
Aaaah, gerne hätte ich einen Freund gehabt, wie einige andere meiner Klasse!
So viel, wie mir äußerlich fehlte, würde sich ohnehin jeder in meine inneren Werte verlieben. Dachte ich.
Bis ich diese mal selbst genauer kennenlernte.
Als nämlich Hansi und Helmut, die Zwillinge, zu uns kamen.

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Denschie
Guest
Registriert: Not Yet

hallo marie,
nur weiter so! auch dieser teil lässt sich sehr
"schön" lesen.
vg, denschie

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