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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Auf Leben und Tod
Eingestellt am 19. 05. 2004 19:23


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essigtinte
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Registriert: May 2004

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„DynaMed – Unser Kampf fĂŒr das Leben!“, so stand es auf dem riesigen Plakat, das eine Familie in drei Generationen zeigte, die fröhlich Fußball spielend durch einen Garten tollte, alle offenkundig vital und glĂŒcklich. Bernd Steiningers Blick fiel auf den Spruch, als er auf die BĂŒhne des Saals trat, den man fĂŒr die Pressekonferenz gemietet hatte. Kurz erinnerte sich der siebenunddreißigjĂ€hrige Pharmazie-Wissenschaftler an die Diskussion, ob man das Wort „Kampf“ verwenden dĂŒrfe, das doch angesichts der ganzen kriegerischen Auseinandersetzungen derzeit auf der Welt ziemlich negativ belegt sein mĂŒsse. Doch nach hitzigem FĂŒr und Wieder hatten schließlich die Marketing-Experten irgendetwas von „Solidarisierung mit unseren Kunden“ und „Identifizierung im gemeinsam Kampf fĂŒr gleiche Ziele“ geschwafelt und man war bei dem Slogan geblieben. Nun gut, wenn es ein Kampf war, dann war er, Bernd Steininger, der General, der jetzt den Sieg seiner Truppen zu verkĂŒnden hatte. HĂ€tte man nicht FanfarenklĂ€nge einspielen sollten, sobald er den Raum betrat?
Er schritt auf das Pult zu und vermied es, bevor er hinter dem Mikrophon stand, einen Blick auf die Journalisten und andere Interessierte zu werfen, die den Saal bis auf die letzte Bank fĂŒllten. Er spĂŒrte das Adrenalin in seinen Adern, doch es war keine Angst vor der Menge, es war eine glĂŒckliche Erregung. Er genoss es, wie ihn tausend Augen erwartungsvoll ansahen, denn er wusste, dass er diese Augen nicht enttĂ€uschen, sondern bewunderndes unglĂ€ubiges Staunen in die ihm zugewandten Gesichter zaubern wĂŒrde. Ja, ein Magier war er und das wollte er noch viel lieber sein als ein General.
„Meine Damen und Herren, ich begrĂŒĂŸe Sie recht herzlich und freue mich ĂŒber das breite Interesse, das Sie der Arbeit von DynaMed entgegen bringen. Es ist mir eine große Ehre, Ihnen nach unserem im letzten Herbst vorgestellten und inzwischen in Deutschland zugelassenen Krebsmedikament AntiCanc eine weitere Errungenschaft vorstellen zu dĂŒrfen, die Ihre Zukunft und die Ihrer Kinder lĂ€nger und reicher machen wird. Ein weiterer Sonnenstrahl der pharmazeutischen Medizin fĂ€llt auf die Erde und macht das Leben hier etwas heller.“
Kollegen hatten ihm schon hĂ€ufiger empfohlen, er solle sich mit seiner manchmal arg blumigen Sprache etwas zurĂŒckhalten, aber wenn Bernd Steininger ins Reden kam, noch dazu vor einer großen Zuhörerschaft, dann gingen regelmĂ€ĂŸig sĂ€mtliche Pferde mit ihm durch und so berichtete er in Worten, die farbig und grell wie die Mode der Siebziger waren, von dem neuen Medikament, das er am liebsten „Fountain of Youth“ – also Jungbrunnen – getauft hĂ€tte, das nun aber schlicht „Zellophil“ hieß. Dieses Mittel, dessen Entwicklung er geleitet hatte, verlangsamte den Prozess der Zellalterung erheblich und hatte bei Versuchen mit Ratten und MĂ€usen eine Erhöhung des durchschnittlichen Lebensalters um 20% bewirkt und auch in Langzeitstudien mit Katzen und Menschenaffen keine störenden Nebenwirkungen erkennbar werden lassen. Die aufeinander abgestimmte Mischung von Wirkstoffen sorgte dafĂŒr, dass die Degeneration von Körper und Geist gleichermaßen verlangsamt wurde, so dass der Anwender mit einem zehn bis fĂŒnfzehn Jahre lĂ€ngeren Leben rechnen konnte, ohne befĂŒrchten zu mĂŒssen, die gewonnene Zeit debil vor sich hin zu vegetieren.
Bernd Steininger nĂ€herte sich dem Schluss seiner Rede: „Zellophil schenkt Ihnen ein bis zwei zusĂ€tzliche Jahrzehnte zufriedenen, erfĂŒllten Alters.“ Das Wort „Schenken“ war angesichts des angestrebten Preises fĂŒr das Medikament zwar nicht ganz passend, trotzdem setzte der Forscher fort: „So können Sie Ihren verdienten Ruhestand wirklich ohne wesentliche EinschrĂ€nkungen genießen. Wer wĂŒnscht sich das nicht?“ Er blickte erwartungsvoll in die Menge. „Meine Damen und Herren, lassen Sie es mich abschließend ganz plastisch in einem Satz zusammenfassen: Mit Zellophil verpassen Sie Gevatter Tod einen Tritt in den Allerwertesten!“
Ein leichtes Lachen ging durch die Reihen und mĂŒndete in einem wohlwollenden Applaus, den der Redner genussvoll aufnahm. Wie der RĂŒssel eines AmeisenbĂ€rs glitt sein Blick ĂŒber die Gesichter und saugte jede Spur von Begeisterung darin auf wie ein Verhungernder, um dann plötzlich an einem Mann in der ersten Sitzreihe hĂ€ngen zu bleiben, dessen Haut von einem Netz feiner Falten durchzogen war wie zerknĂŒlltes und wieder glatt gestrichenes Zeitungspapier. Der Mann trug einen billigen schwarzen Anzug und schaute direkt in die Augen des Forschers, der diesem Blick nicht standhielt. Dabei spielte ein leichtes zynisches Grinsen um seine Mundwinkel. Doch nicht das war es, was den Wissenschaftler in Rage brachte. Es war die Zigarette, die lĂ€ssig im Mundwinkel des großen hageren Mannes hing und kleine blaugraue RauchfĂ€den aussandte. Bernds Vater war Kettenraucher gewesen und an Krebs gestorben und auch sein Ă€lterer Bruder genoss bis heute ungehemmt Nikotin und Teer. Zuhause hatten sie immer ĂŒber den „kleinen Bernd“ gespottet, wenn der sich voll machtlosen Ärgers ĂŒber ihr Rauchen aufgeregt hatte. Sie hatten geflachst, er werde sicher einmal Mediziner und könne sie ja dann retten, wenn sie krank wĂŒrden. Mediziner beziehungsweise Pharmazeut war „der kleine Bernd“ dann tatsĂ€chlich geworden. Doch als er das Medikament entwickelt hatte, welches Krebsleiden linderte, war sein Vater lĂ€ngst tot und sein Bruder scherte sich nach wie vor nicht um seine Gesundheit. Jedes Mal, wenn der Geruch von verbranntem Tabak die Nase des Forschers erreichte, war es wieder da, dieses GefĂŒhl der hilflosen Wut. Und auch jetzt, wo er den Nikotingestank nicht roch, sondern nur die blassblaue Rauchfahne und den glimmenden TabakstĂ€ngel sah, spĂŒrte er, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Es schien ihm, als rauche jener Mann in der ersten Reihe nur, um ihn persönlich zu Ă€rgern und dies wurde von dem zynischen Grinsen nur noch unterstrichen. Ein GlĂŒck, dass er den Raucher erst jetzt bemerkt hatte. WĂ€re er vorher so in Zorn geraten, hĂ€tte er seine Rede wohl kaum so glanzvoll halten können.
Bernd spĂŒrte, wie die Wut an seiner Selbstbeherrschung rĂŒttelte wie der Herbststurm an einer nur halb gefĂŒllten Bio-MĂŒlltonne. Eine Weile stemmte sich der Forscher noch mit dem Willen, eine Überreaktion zu vermeiden, gegen diese Kraft an, doch dann siegte der Zorn. Die MĂŒlltonne kippte um und gab ihren ĂŒbel riechenden Inhalt frei: Der Wissenschaftler ignorierte einen Journalisten, der gerade an eines der fĂŒr Fragen aufgestellten Mikrophone getreten war, und sprach vom Rednerpult aus direkt den Raucher an: „Den Herrn dort in der ersten Reihe, der gerade so vergnĂŒglich sein Leben um eine Zigarette kĂŒrzer macht, kann ich allerdings nur davor warnen, zu hoffen, das Zellophil ihn retten wird. Wer sich und seine Mitmenschen so bewusst vergiftet, dem wird die Medizin und die Pharmazie niemals helfen können.“ Bernd wusste, dass er gerade einen riesigen Fehler beging, indem er einen seiner Zuhörer öffentlich niedermachte, aber er hatte lĂ€ngst die Kontrolle ĂŒber sein Tun verloren. „Ich denke ĂŒbrigens, dass in diesem Saal Rauchverbot herrscht. Und selbst wenn nicht, gibt es nichts Unpassenderes, als sich in einem Vortrag, der sich mit der Rettung von Leben befasst, die Lungen der Zuhörer zu verpesten.“
Alle Blicke hatten sich auf den Raucher gerichtet, wĂ€hrend er redete. Wer ihn nicht sehen konnte, verrenkte sich fast den Hals, um einen Blick auf den zu erhaschen, der den Redner so in Rage gebracht hatte. Die Leute, die neben dem Gescholtenen saßen, schienen ihn erst jetzt zu bemerken und rutschten angewidert zur Seite, damit jeder begreife, dass sie nicht zu dem Provokateur gehörten. Nun, nachdem Bernd geendet hatte, applaudierten einzelne Zuhörer und immer mehr schlossen sich an. Dem Wissenschaftler fiel ein Stein vom Herzen. Ihm war sehr wohl klar, dass sein Ausfall genauso gut hĂ€tte als Entgleisung gewertet werden können. WĂ€hrend sein Ärger ĂŒber den Raucher allmĂ€hlich dank der breiten UnterstĂŒtzung, die er erhielt, abebbte, schickte er ein Stoßgebet zum Himmel, dass der Mann nicht gerade der Vertreter irgendeines Boulevard-Blattes sein möge, welches ihm nun seine Karriere zerstören wĂŒrde.
Der Raucher nahm die Reaktion des Saales gelassen hin. Keine Spur von Ärger, aber auch keine von Scham zeigte sich in seinem Gesicht. Mit einer langsamen Bewegung nahm er die Zigarette aus dem Mund und atmete eine kleine Qualmwolke aus. Er legte den glĂŒhenden StĂ€ngel in die andere Hand und schloss sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Als er sie kurz danach wieder öffnete, war die Zigarette verschwunden. Die Umsitzenden staunten mit offenem Mund und Bernd spĂŒrte, wie der Ärger in ihn zurĂŒckflutete. Wollte ihm der andere mit seinen Zaubertricks imponieren? Doch diesmal beherrschte er sich und wandte sich ohne weiteren Kommentar dem Journalisten zu, der auf der anderen Seite des Saals immer noch am Mikrofon wartete, um seine Frage zu stellen.
Die Veranstaltung verlief Ă€ußerst erfolgreich und schon bald hatte Bernd den Raucher vergessen. Als er spĂ€ter noch einmal zu der Stelle schaute, wo der Mann gesessen hatte, war der Platz leer. Gut so, der andere hatte das Feld gerĂ€umt. Nun war er Magier und siegreicher General in einem.
Als Bernd gegen elf Uhr abends sein Haus aufschloss – nach endlosen Gratulationen seiner Kollegen und Vorgesetzten taumelig vor GlĂŒck – holte ihn kurz die Erinnerung an die Provokation wieder ein. Ihm war fĂŒr eine Sekunde, als wittere er Tabakgeruch. Er hielt in der Bewegung inne und schnupperte, doch die Wahrnehmung war so unscharf, dass er nicht wusste, ob ihm seine Fantasie einen Streich gespielt hatte. Er roch an seiner Kleidung, doch dort hatte sich der Gestank offenbar nicht festgesetzt. Ärgerlich trat er in sein Haus. Was fĂŒr einen langen Arm manchmal jemand hatte, der einen aufregte, das war doch unertrĂ€glich. Wollte er sich einen der erfolgreichsten Abende seiner beruflichen Laufbahn von der Erinnerung an einen Mann, der sein Leben selbst zugrunde richtete, verderben lassen?
Bernd Steininger wohnte allein. Er hatte zwar im Laufe der Zeit diverse Freundinnen und Liebschaften gehabt, aber war sich nie sicher gewesen, ob die Frauen denn nun wirklich auf ihn scharf waren oder nur auf seinen Erfolg und sein Geld. Etwas Bleibendes hatte sich so daraus nie entwickelt, aber auch in diesem Metier genoss er es, wenn ihm Bewunderung entgegen gebracht wurde.
GĂ€hnend stellte er den Aktenkoffer ab, zog seine Jacke aus und hing sie an die Garderobe. Erst jetzt spĂŒrte er, wie mĂŒde er eigentlich war. Alles in allem war es zwar ein erfolgreicher, aber auch ein sehr anstrengender Tag gewesen. Er ĂŒberlegte, ob er noch kurz den Fernseher anschalten oder sich gleich ins Bett werfen solle. Der Verstand plĂ€dierte fĂŒr das Bett, der Bauch meinte dagegen, dass eine halbe Stunde vor der Mattscheibe vielleicht nicht schlecht sei. Schließlich tat er keines von beiden, sondern stieg die Treppe in den zweiten Stock hinauf, um im seinem Arbeitszimmer eben noch die privaten Mails abzurufen. Als er in den Flur des Obergeschosses trat, verharrte er. Unter der TĂŒr des Arbeitszimmers war deutlich ein Lichtstreifen zu sehen. Hatte er gestern Abend vergessen, die Lampe auszuschalten? Aber das wĂ€re ihm doch heute Morgen beim Aufstehen aufgefallen. Auf seinem Weg vom Schlaf- zum Badezimmer musste er durch diesen Flur. Unruhe erfasste ihn. Waren etwa trotz der Alarmanlage unbemerkt Einbrecher ins Haus gelangt? Aber diese hĂ€tten ihn doch gehört und schnell das Licht ausgemacht.
Bernd Steininger war nicht Ă€ngstlich, aber auch nicht tollkĂŒhn. Er wusste, dass er als erfolgreicher und wohlhabender Wissenschaftler leicht das Ziel von Verbrechern werden konnte. Andererseits wollte er sich auch nicht lĂ€cherlich machen, indem er die Polizei rief, nur um dann festzustellen, dass er vergessen hatte, das Licht auszuknipsen.
Wieder glaubte er, den Geruch von Zigarettenrauch wahrzunehmen, und das löste in ihm ein GefĂŒhl von Ärger aus, das ihn mit entschlossenen Schritten auf das Arbeitszimmer zugehen ließ. Er drĂŒckte die Klinke hinunter, stieß die TĂŒr auf und erstarrte. Es war wie in einschlĂ€gigen Filmen, in denen der Bösewicht den Protagonisten ĂŒberraschend auf dessen Schreibtischstuhl sitzen erwartete, die Zigarette im Mund und den Revolver in der Hand. Die Schusswaffe fehlte in diesem Fall, aber ein glimmender StĂ€ngel steckte zwischen den Lippen des Mannes, der Bernd noch vor wenigen Stunden so provozierend im Saal gegenĂŒber gesessen hatte. Das ganze Arbeitszimmer war bereits von einem leichten Nebel durchzogen.
Bernd konnte sich weder bewegen noch etwas sagen. Er starrte nur auf seinen ungebetenen Gast, als habe er ein Gespenst vor sich, viel zu verblĂŒfft um Ă€rgerlich zu sein. Das Gespenst blickte ohne eine erkennbare GefĂŒhlsregung zurĂŒck. Nur das leichte zynische Grinsen um die Mundwinkel war wieder da, aber vielleicht war das mehr eine anatomische Besonderheit als der Ausdruck einer Empfindung. Wieder musste Bernd dem Blick des andere ausweichen, ohne zu wissen, wieso er diesem nicht standhalten konnte.
„Was ... Wie sind Sie hier herein gekommen?“, stammelte Bernd schließlich immer noch ganz fassungslos.
Sein GegenĂŒber zuckte mit den Achseln und sagte mit einer unbestimmten Handbewegung: „Einen Besuch von mir kann man weder mit Schlössern noch mit Alarmanlagen abwehren.“
Bernd war immer noch zu perplex, um einen klaren Gedanken zu fassen, wie er auf den Eindringling reagieren könne. Also fragte er einfach: „Was wollen Sie hier?“
„Eigentlich waren Sie es doch, der sich mit mir anlegen wollte“, kam die Antwort zurĂŒck.
„Ich kann es nicht haben, wenn man in meiner Gegenwart raucht“, stellte Bernd fest und sein erneut aufkeimender Ärger gab ihm Kraft und Sicherheit zurĂŒck. „Erst recht mag ich das nicht in meinem Haus“, fĂŒgte er in scharfem Ton hinzu.
„Ach das!“, der Raucher machte eine wegwerfende Handbewegung und saugte die Zigarette einfach mit seinen Mund auf. Bernd wusste nicht, ob er ĂŒber diesen Trick staunen oder ob er sich Ă€rgern sollte. BeilĂ€ufig registrierte er, dass sich auch der Rauch auf mysteriöse Weise aus dem Zimmer verzog und der Nikotingeruch nachzulassen schien.
„Davon habe ich gar nicht geredet“, setzte sein Gast fort. „Ich brauche kein Nikotin und ich rauche auch nicht aus Genuss. Ich verstehe Zigaretten fĂŒr mich eher als eine Art Accessoire. Sie passen zu mir. FrĂŒher bin ich eher mit landwirtschaftlichen Werkzeugen aufgetreten, aber die waren ein wenig unhandlich.“
„Wie bitte?“
„Ach, vergessen Sie’s. Kommen wir zurĂŒck zum eigentlichen Thema. Sie wollten sich mit mir anlegen. Erinnern Sie sich nicht mehr? Sie wollten mir einen Tritt in meinen Hintern verpassen und haben mit dieser unverschĂ€mten Herausforderung auch noch Lachen und Beifall geerntet.“
„Ich kann Ihnen nicht folgen“, meinte Bernd verwirrt. Doch dann begriff er und nun wurde ihm klar, dass der Mann, der da vor ihm saß, offenkundig geistesgestört war. Jetzt bekam der Wissenschaftler wirklich Angst, denn damit war sein GegenĂŒber unberechenbar.
„Ich vermute, Sie sind der Tod, richtig?“, stellte er in einem sanften Tonfall fest, den er fĂŒr den Umgang mit einer psychisch verwirrten Person fĂŒr angemessen hielt.
Das Grinsen um die Mundwinkel seines Gastes verstĂ€rkte sich leicht, war somit wohl doch keine anatomische Absonderlichkeit: „Nein, glauben Sie wirklich, dass Ihnen der Tod in Menschengestalt begegnet?“
Bernd blieb stumm. Er wusste einfach nicht, was er sagen sollte.
Der andere wurde ernst: „Ja, Ihre Vermutung ist richtig. Ich bin genau der, dem man gewöhnlich nur einmal in seinem Leben begegnet. Und auch wenn ihr euch heute alle MĂŒhe gebt, meine Existenz zu verdrĂ€ngen, so lange es geht, komme ich frĂŒher oder spĂ€ter zu jedem von euch. Und all eure tollen Mittelchen und Techniken können das bestenfalls hinauszögern oder können verhindern, dass es frĂŒher passiert, als euch angemessen erscheint.“
„Es war nicht meine Absicht, Sie zu beleidigen“, sagte Bernd ruhig mit butterweicher Stimme und dachte nach, wie er entweder den Gast zum Gehen, oder die Polizei zum Kommen bewegen könne.
„Reden Sie keinen Quark“, bellte ihn der andere Ă€rgerlich an. „Sie glauben mir kein Wort. Das habe ich auch nicht erwartet. Und darum sollen Sie einen Beweis bekommen, dass ich der bin, der ich zu sein behaupte.“
Der lange hagere Mann öffnete die linke Hand weit und plötzlich wurde Bernd nervös. Es war absurd. Als habe sich sein Verstand verabschiedet, war er sich plötzlich gar nicht mehr so sicher, dass der andere einfach nur ein ĂŒbergeschnappter Spinner war und nicht vielleicht doch genau der, der er zu sein vorgab. Ganz langsam schloss der Raucher die Hand wieder und es schien, als presse er einen Tennisball oder etwas Ă€hnliches zusammen.
In diesem Moment fiel Bernd röchelnd zu Boden. Es bekam keine Luft mehr, sein Herz schmerzte, er wĂŒrgte. Schwindelig krĂŒmmte er sich auf dem Parkett zusammen, rang nach Atem, zuckte, die Augen traten ihm aus den Höhlen. Nun erlebte er, was echte Todesangst war. Er wollte um Gnade bitten, aber er brachte kein Wort heraus. Er verkrampfte in einer unnatĂŒrlichen Lage. Ihm wurde schwarz vor Augen. Dann war es plötzlich vorbei.
Benommen blickte Bernd auf. FĂŒr eine Sekunde ĂŒberlegte er, ob er jetzt wohl tot war. Doch dafĂŒr hatte er zu viele körperliche Empfindungen. Sein Herz pochte, als habe er einen Marathonlauf hinter sich, er rang schwer nach Atem und glaubte gleichzeitig, sich im nĂ€chsten Moment ĂŒbergeben zu mĂŒssen. Sein Gast hingegen saß entspannt auf dem Schreibtischstuhl, die Arme lagen locker auf der Lehne: „Ich denke, nun glauben Sie mir, dass ich der bin, der das irdische Leben abschließt und vollstĂ€ndig macht.“
Bernd konnte immer noch nichts sagen. Taumelnd richtete er sich auf und starrte auf seinen GegenĂŒber wie das Kaninchen auf die Schlange.
„Kommen wir also zu Ihrer Herausforderung zurĂŒck“, setzte der hagere Mann fort. „Wie ich eben demonstriert habe, wĂ€re es fĂŒr mich ein Leichtes, Sie zu besiegen. Die Menschen haben zwar zwei Möglichkeiten, meine Macht zu ĂŒberwinden, aber die wĂŒrden Ihnen in einem Wettstreit mit mir nicht wirklich nutzen. Es wĂ€re also ein Ă€ußerst ungleicher Kampf, den Sie da provoziert haben. Darauf habe ich keine Lust. Darum schlage ich Ihnen ein Spiel vor, das Ihnen etwas bessere Chancen einrĂ€umt, und damit spannender fĂŒr uns beide ist. Es ist eine Art Wette.“
Der Eindringling stand auf und ging ans Fenster. Er winkte Bernd heran: „Sehen Sie den jungen Mann, der dort gerade die Straße entlang geht? Er heiß Thomas Herter. Er ist unterwegs zur FlussbrĂŒcke. Ich sprach von den zwei Methoden, die die Menschen entwickelt haben, um meine Macht und meine Entscheidungen zu ĂŒberwinden. Die eine ist, einen anderen Menschen zu töten, bevor seine Stunde gekommen ist. Die andere ist, sich selbst das Leben zu nehmen, bevor die Zeit fĂŒr das eigene Ende gekommen ist. Genau das hat der Mann, den Sie dort gerade sehen, jetzt vor. Und genau aus diesem Grund ist er unterwegs zur FlussbrĂŒcke.“ Er wandte sich zu Bernd um, der wieder den Blick senken musste. „Also, folgende Regeln gibt es: Wenn Sie es schaffen, dass Thomas Herter in vierzehn Tagen um Mitternacht noch lebt, dann haben Sie gewonnen. Schaffen Sie es nicht, werden Sie ihn ins Jenseits begleiten. Die Zeit lĂ€uft.“
Bernd starrte seinen GegenĂŒber fassungslos an: „Das können Sie doch nicht ernst meinen. Das ... das ist ja zynisch. Der Mann will sich umbringen und Sie spielen mit ihm.“
Sein Gast zuckte ungerĂŒhrt mit den Schultern: „Ich spiele nicht mit ihm, sondern mit Ihnen. Im Gegenteil, wenn Sie sein Leben retten, mĂŒsste das doch aus Ihrer Perspektive eine gute Sache sein. Sie kĂ€mpfen doch angeblich fĂŒr das Leben. Das stand zumindest auf dem Plakat, vor dem Sie gesprochen haben. Waren das alles nur leere WorthĂŒlsen?“
Bernd wurde wieder Ă€rgerlich: „Ich werde Ihre Spielchen nicht mitmachen, Sie ...“ Ihm fiel keine Beschimpfung ein, die fĂŒr seinen GesprĂ€chspartner gepasst hĂ€tte.
„Sie mĂŒssen nicht mitmachen“, erwiderte dieser gelassen, „dann ist das Ganze eben in zehn Minuten vorbei, ohne große Spannung fĂŒr uns beide. Ich schĂ€tze, solange wird Herr Herter noch bis zu der BrĂŒcke brauchen. Vielleicht wollen Sie noch kurz Ihren Letzten Willen notieren, damit Ihre Angehörigen nicht unnötig in Konflikte um Ihren sicher nicht ganz unerheblichen Nachlass gestĂŒrzt werden?“
Bernd starrte den anderen zornig und fassungslos an. Dann fuhr er herum, lief aus dem Zimmer heraus, polterte die Treppe hinunter, riss seine Jacke vom Haken und stĂŒrzte aus dem Haus. Der junge Mann war schon nicht mehr zu sehen, aber Bernd wusste, wo es zum Fluss ging. Er ĂŒberlegt, ob er den Wagen aus der Garage holen oder dem anderen zu Fuß folgen sollte. Er entschied sich fĂŒr das Auto. Die Kraft von einhundertachtzig Pferden verschaffte ihm ein GefĂŒhl der Sicherheit, den anderen auf jeden Fall einzuholen.
QuĂ€lend langsam hob sich das automatische Garagentor und auch das elektrische Schiebetor im Zaun öffnete sich so gemĂ€chlich, als habe es VergnĂŒgen an der verzweifelten Ungeduld seines Besitzers. Bernd fluchte leise. Der Motor heulte laut auf, als die Tore weit genug geöffnet waren, dass er das GrundstĂŒck verlassen konnte. Mit quietschenden Reifen schoss der Sportwagen aus der Einfahrt und der Fahrer verließ sich darauf, dass auf der ruhig gelegenen Wohnstraße nicht gerade jetzt ein Auto vorbeikommen wĂŒrde. Mit durchgetretenem Gaspedal beschleunigte er auf der sich in sanften Bögen schlĂ€ngelnden Straße bis zu einer Geschwindigkeit, fĂŒr die er sofort seinen FĂŒhrerschein verlieren wĂŒrde. Nach nur einer halben Minute war er an der Hauptstraße, die zur FlussbrĂŒcke fĂŒhrte. Vereinzelte Fahrzeuge huschten ĂŒber die vier Fahrbahnen. Hier musste er sich mit dem Tempo etwas zurĂŒckhalten, da die Polizei entlang dieser Strecke auch nachts zuweilen Radarfallen aufstellte. Und jetzt herausgewunken zu werden, hĂ€tte fĂŒr den Mann, den er verfolgte, und auch fĂŒr ihn selbst den Tod bedeutet. Außerdem wĂŒrde er, da um diese Zeit die meisten Ampeln bereits ausgeschaltet waren, gleich an der Kennedy-BrĂŒcke ankommen, ĂŒber die sich tĂ€glich Tausende Fahrzeuge in die Innenstadt schoben. Und dann wĂŒrde er diesen Thomas Herter retten – wie, das wusste er noch nicht.
TatsĂ€chlich tauchte bereits kurze Zeit spĂ€ter die mĂ€chtige Stahlkonstruktion, die sich ĂŒber das Wasser des Flusses spannte, aus dem Dunkel auf. Bernd hatte die ganze Zeit die FahrbahnrĂ€nder im Blick behalten. Der Mann, dem er folgte, konnte eigentlich noch nicht so weit gekommen sein. Trotzdem war außer zwei Betrunkenen, die sich gegenseitig mehr schlecht als recht stĂŒtzten, kein FußgĂ€nger an der breiten Einfallstraße unterwegs.
Auf der BrĂŒcke verlangsamte Bernd sein Tempo nochmals. Der Fußweg war gut einsehbar, nur durch ein hĂŒfthohes Gitter-GelĂ€nder von der Fahrbahn getrennt. Doch er erspĂ€hte niemanden auf der Seite, auf der er fuhr. Als er die BrĂŒcke ĂŒberquert hatte, wendete er an der nĂ€chsten Kreuzung, um auf dem RĂŒckweg die andere Seite der BrĂŒcke abzusuchen, doch auch hier: Fehlanzeige. Nochmals wiederholte er das Ganze. Dann war er sich sicher, dass sich niemand auf dem Übergang aufhielt. Er fuhr das Fahrzeug an den Straßenrand und stieg aus. Die nĂ€chtliche Stille der Stadt umfing ihn. Es war Ruhe im Vergleich zum LĂ€rm des Tages und doch war das Schweigen nie vollkommen. Von irgendwo her drang immer wieder das Röhren eines Motors herĂŒber, ein Hupen, das Heulen eines Martinshorns oder das Dröhnen eines Flugzeugs. Überhaupt gab es irgendeinen unaufhörlichen Ton, die Summe ferner EinzelgerĂ€usche, die sich untrennbar verbanden, wie ein Grundrauschen, das man erst dann wirklich registrierte, wenn man sich darauf konzentrierte.
Bernd schaute in die Richtung, aus der er gekommen war. Vielleicht hatte er diesen Thomas Herter ĂŒbersehen, war an ihm vorbei gefahren. Dann konnte er ihn hier erwarten und abfangen. Möglicherweise hatte der lebensmĂŒde Mann ja auch Seitenwege benutzt und wĂŒrde gleich aus irgendeiner Nebenstraße auftauchen.
Die Zeit verging und nichts geschah. Ein GefĂŒhl der Unruhe schlich durch Bernds Magen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Was war, wenn der Mann bereits in den Fluss gesprungen war und sich gerade in den letzten ZĂŒgen des Ertrinkens befand? Dann wĂŒrde auch er selbst gleich aus heiterem Himmel zu Boden sinken und sterben, so Ă€hnlich wie in seinem Haus?
Was war, wenn sich der Raucher einen Spaß mit ihm erlaubt hatte, ihn mit Tricks hereingelegt hatte und sich gerade ĂŒber die Dummheit seines Opfers scheckig lachte? Doch die Erinnerung an seinen Todeskampf vor wenigen Minuten war noch zu prĂ€sent, um die Drohung seines ungebetenen Gastes nicht ernst zu nehmen.
Wieder brausten zwei Autos aus der Innenstadt kommend an ihm vorbei. Diese Straße war zu keiner Nachtstunde menschenleer. Eigentlich war das doch ein ziemlich ungeeigneter Ort, um sich das Leben zu nehmen. Das Risiko war groß, dass jemand die Absicht erahnen wĂŒrde, einen zurĂŒckhalten wĂŒrde. Da gab es doch sicher tausend besser geeignete Orte, wenn man es wirklich ernst meinte und nicht nur um Hilfe rief. Bernd hörte von Ferne das Rappeln eines Zuges und erstarrte. Sein Blick glitt flussabwĂ€rts zu der in vielleicht dreihundert Metern Entfernung ĂŒber den Fluss geschlagenen alten EisenbahnbrĂŒcke, auf der sich gerade in langsamem Tempo ein ICE voranschob. Der Raucher hatte von der FlussbrĂŒcke gesprochen und Bernd hatte automatisch an den Überweg gedacht, den er tĂ€glich nutzte. Aber auch an der alten EisenbahnbrĂŒcke gab es einen schmalen Steg fĂŒr FußgĂ€nger, der sich unterhalb der Gleise befand und geradezu ideal dafĂŒr geeignet war, erst eine Weile trĂŒbsinnig in die Fluten zu starren, bevor man sich in die Tiefe stĂŒrzte. Bernd sprang in sein Auto, ließ den Motor an und trat gleichzeitig aufs Gas. SĂ€mtliche Verkehrsregeln missachtend schoss er quer ĂŒber alle vier Fahrbahnen auf die Uferstraße zu. Er ĂŒbersah dabei ein aus der Innenstadt kommendes Taxi, das laut hupend auf sich aufmerksam machte. Doch Bernd nahm nur die EisenbahnbrĂŒcke wahr, glaubte tatsĂ€chlich eine Gestalt in der Stahlkonstruktion aus der Vorkriegszeit zu erkennen.
An der Stelle, an der der Schienenstrang auch die Uferstraße querte, gab es einen Treppenaufgang fĂŒr FußgĂ€nger. Bernd bremste mit quietschenden Reifen, stellte sein Fahrzeug achtlos ins absolute Halteverbot, sprang aus dem Auto, schmiss die TĂŒr hinter sich zu und war schon auf halber Höhe der Treppe, als sein Finger endlich den Taster auf der Funkfernbedienung fand, mit dem er die TĂŒren verriegeln konnte. Er sah sich nicht um, ob das Fahrzeug mit einem Aufleuchten der Blinker die Aktivierung der Alarmanlage quittierte.
Er rannte ĂŒber die alten Holzbohlen des vielleicht anderthalb Meter breiten FußgĂ€ngerĂŒberwegs, der seitlich an die EisenbahnbrĂŒcke angehĂ€ngt worden war. Zum GlĂŒck war die Nacht mondhell, denn auf dieser BrĂŒcke gab es keine Laternen und kein vernĂŒnftiger Mensch hielt sich hier zu so nĂ€chtlicher Stunde auf. Bernd lief, als hinge sein Leben davon ab, und genau so war es ja eigentlich auch. Schon nach kurzer Zeit bekam er Seitenstechen. Doch das ignorierte er, als er die Gestalt erkennen konnte, die bereits das GelĂ€nder ĂŒberwunden hatte, und auf den nur wenige Zentimetern ĂŒberstehenden Enden der Holzplanken stand, sich rĂŒcklings an dem alten Eisengitter festhaltend und in die schwarzen GewĂ€sser in der Tiefe schauend.
Es schien Bernd, als ziehe sich ein Strick um seine Kehle zusammen. Er kam zu spĂ€t. Er wollte rufen, auch wenn er nicht wusste, ob er damit den anderen nicht erst recht zum Sprung treiben wĂŒrde, aber kein Laut drang aus seinem Mund. Wieder donnerte ein Zug heran. Es war ein langer GĂŒterzug, der ĂŒber ihren Köpfen vorĂŒberratterte, und dessen LokfĂŒhrer die beiden MĂ€nner unter ihm auf der BrĂŒcke nicht sehen konnte. Der LĂ€rm des GefĂ€hrts machte es Bernd möglich, unbemerkt an Thomas Herter heranzukommen.
Als er nah genug an dem anderen war, verselbststĂ€ndigte sich sein Handeln. Er dachte nicht daran, was passieren wĂŒrde, wenn sich der andere direkt vor seinen Augen in die Tiefe stĂŒrzen wĂŒrde. Er dachte nicht mehr darĂŒber nach, was man jetzt vielleicht sagen oder tun solle. Er sprang einfach nach vorne, seine Arme glitten unter den Schultern des anderen hindurch und seine HĂ€nde schlossen sich vor dessen Brust zusammen. Der junge Mann jenseits des GelĂ€nders stieß einen im LĂ€rm der Eisenbahn untergehenden Schreckenslaut aus. Seine FĂŒĂŸe glitten weg und er wĂ€re in die Tiefe gestĂŒrzt, hĂ€tte Bernd ihn nicht umklammert und an sich gepresst, als wolle er ihn nie wieder loslassen.
Die Beine Thomas Herters ruderten in der Leere und Bernd wurde ruckartig mit nach vorne ĂŒber das Gitter gezogen. Da er keine Hand frei hatte, versuchte er sich instinktiv mit dem Fuß im GelĂ€nder festzuhaken. Dies gelang auch, aber er schrie vor Schmerzen auf, als sich das ziehende Gewicht des Mannes, den er festhielt, bis zu seinem umgeknickten Fußgelenk fortpflanzte. Er spĂŒrte, dass er immer noch ĂŒber das GelĂ€nder zu rutschen drohte, doch er hielt den anderen nur um so fester und nach kurzen hatten dessen FĂŒĂŸe wieder sicheren Stand auf den Enden der Holzbohlen gefunden. Dieser ganze Kampf auf Leben und Tod dauerte nur Sekunden – und die Laute, die sie dabei von sich gaben, wurden von dem stĂ€hlernen Dröhnen der EisenbahnrĂ€der auf den Schienen erstickt, aber nachdem Bernd den anderen ĂŒber das GelĂ€nder zurĂŒckgezogen hatte, saßen sich sie beiden noch minutenlang nach Atem ringend gegenĂŒber.
Inzwischen war es wieder ganz still geworden. Nur ab und zu hörte man in der Ferne ein Auto vorbeifahren. Die beiden blickten sich an, ohne dass einer von ihnen etwas sagte. Die Minuten vergingen. Bernd fiel auf, dass der Blick des anderen glasig war und als er sich mit der Hand durchs Haar fuhr, war seine Bewegung fahrig und zitternd. Allerdings zitterte auch er selbst am ganzen Körper.
„Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“, fragte der Gerettete schließlich.
„Ich heiße Bernd. Ich will, dass Sie leben.“ Bernd hatte das GefĂŒhl, dass dieser Satz wirklich selten dĂ€mlich klingen mĂŒsse, aber er schien seine FĂ€higkeit, wohl formulierte Wortketten zu fabrizieren, verloren zu haben.
Der andere lachte kurz und bitter auf: „Oh, danke schön. Und was ich will, interessiert mal wieder keinen.“ Die Aussprache des jungen Mannes war etwas undeutlich. Vielleicht hatte er vorher getrunken. Nun zeigte sich plötzlich Wut in seinem Gesicht: „Warum haben Sie mich nicht einfach in Ruhe sterben lassen? Es ist schließlich mein Leben. Was geht das Sie an? Wer denken Sie, dass Sie sind, ĂŒber mein Leben zu entscheiden, meine Qual zu verlĂ€ngern. Und wahrscheinlich halten Sie sich jetzt auch noch fĂŒr einen Held, oder?“
Auch Bernd spĂŒrte nun Ärger in sich aufkeimen: „Entschuldigen Sie, dass ich Sie zurĂŒckgehalten habe. HĂ€tte ich vielleicht seelenruhig zusehen sollen, wie Sie sich in den Tod stĂŒrzen? Haben Sie einmal darĂŒber nachgedacht, was Sie damit jemanden antun, der das zufĂ€llig mitverfolgt? Was Sie dem antun, der irgendwann ĂŒberraschend Ihre aufgequollene Leiche am Ufer entdeckt, vielleicht irgendein arglos spielendes Kind? Was Sie Ihren Angehörigen und Freunden antun?“ Die letzten SĂ€tze schrie Bernd und war selbst erstaunt ĂŒber den ungemeinen Zorn, der in ihm brĂŒllte wie ein verwundetes Raubtier.
Der Blick seines GegenĂŒbers wurde unscharf, glitt in die Ferne und nur weil es so still war, konnte Bernd verstehen, was der andere murmelte: „Ja, ich bringe allen nur UnglĂŒck und Schmerz. Ich kann nicht mal sterben ohne dabei noch irgendwas falsch zu machen.“
Bernd hatte plötzlich das GefĂŒhl, einen Fehler gemacht zu haben, indem er den anderen ausgeschimpft hatte. Er hatte sich wieder voll im Griff und sagte: „Entschuldigung, ich wollte Sie nicht anschreien. Aber das Ganze ist wohl nicht so spurlos an mir vorĂŒber gegangen. Ich kann mir denken, dass Sie Probleme genug haben, wenn Sie sich das Leben nehmen wollen. Ich wollte Ihnen keine VorwĂŒrfe machen.“
Der andere schien gar nicht zu registrieren, was er gesagt hatte. Immer undeutlicher murmelte er: „Es ist egal, zumindest die Tabletten dĂŒrften ihren Zweck erfĂŒllen. Es ist ĂŒberstanden.“
Bernd erstarrte: „Welche Tabletten? Von was fĂŒr Tabletten reden Sie?“
Der andere schloss die Augen. Er zitterte nun fortwĂ€hrend am ganzen Körper und Bernd war sich sicher, dass das nicht mehr am Schreck lag. Er sprang an die Seite des jungen Mannes, packte ihn an den Schultern und schĂŒttelte ihn: „Reden Sie! Was haben Sie fĂŒr Tabletten genommen?“
Die Augen des Mannes, an dessen Leben auch das von Bernd hing, blieben geschlossen. Leise lallte er: „Alles, was ich gesammelt habe, genug um jetzt nichts mehr zu spĂŒren, und genug, um endlich befreit zu sein.“
Bernd riss den anderen hoch, der zum GlĂŒck recht kleinwĂŒchsig und auch nicht sonderlich krĂ€ftig war. Ein beißender Schmerz durchfuhr sein Fußgelenk, als er es belastete, doch er erlaubte sich nur einen leisen Aufschrei. Er musste den Mann ins Krankenhaus bringen. Vermutlich ging es schon wieder um Minuten oder gar Sekunden. Humpelnd zerrte er den anderen in Richtung seines Autos. Die BrĂŒcke schien plötzlich unendlich lang geworden zu sein. Die Strecke, die er erst in wenigen Sekunden ĂŒberwunden hatte, kostete ihn jetzt unendliche Zeit und unendliche Schmerzen.
Thomas Herter leistete keinen Widerstand. Er schien schon halb bewusstlos zu sein. Undeutlich nuschelnd fragte er nur: „Wieso tun Sie das?“ Sein Retter blieb ihm eine Antwort schuldig.
Es war drei Uhr morgens, als man Bernd endlich zu Thomas Herter in die Intensivstation ließ. Er hatte alle seine ÜberredungskĂŒnste einsetzen mĂŒssen und versprechen mĂŒssen, wirklich absolut ruhig zu sein, um an das Bett des Patienten gelassen zu werden, dessen Magen man zuvor ausgepumpt hatte. Da saß er nun und blickte auf die ausgemergelte Gestalt dort unter der Decke. Elektronische Apparaturen ĂŒberwachten die Lebensfunktionen des Mannes, der doch eigentlich gar nicht leben wollte. Über einen Tropf sickerte irgendeine Lösung in die Blutbahnen, in denen sicher noch das Gift ĂŒberdosierter Medikamente zirkulierte.
Keiner der Ärzte und keine der Krankenschwestern hatte wirklich verstehen können, weswegen es Bernd so wichtig war, bei dem versuchten Selbstmörder zu bleiben, den er doch angeblich nur zufĂ€llig entdeckt hatte, und auch Bernd selbst wunderte sich. NatĂŒrlich hing sein eigenes Überleben von dem des Mannes ab, der dort im Bett lag. Aber inzwischen war noch etwas anderes dazu gekommen. Er hatte wirklich einen Kampf auf Leben und Tod aufgenommen und dadurch war eine weitere unsichtbare Verbindung zwischen diesem Thomas Herter und ihm selbst entstanden. Er konnte den Blick nicht von ihm abwenden, so als lĂ€ge dort sein krankes Kind, ein alter Freund, eine geliebte Partnerin. Er wunderte sich ĂŒber die verwirrenden GefĂŒhle, die in ihm entstanden.
Dann nahm er plötzlich wieder Zigarettengeruch wahr und diesmal war er kaum ĂŒberrascht, als er sich umdrehte und den Raucher vor sich sah.
„MĂŒssen Sie selbst hier rauchen, um diesen Leuten an der Schwelle des Todes den Rest zu geben?“, zischte er Ă€rgerlich. „Ich glaube, ich sollte den Arzt holen, damit man sie herausschmeißt.“
Der andere wischte den Einwand mit einer Handbewegung weg. „Dieser Zigarettenrauch ist nicht real und schadet keinem Menschen. Wenn ich mir jemanden holen will, dann mache ich es direkt.“ Er trat an das Bett, in dem Thomas Herter lag, und zu seiner Überraschung bemerkte Bernd jetzt einen neuen Zug im Gesicht der Person, die sich als der Tod ausgegeben hatte. Es war jetzt nicht mehr jenes zynische Grinsen, sondern es schien echtes MitgefĂŒhl zu sein, mit der er den schlafend daliegenden betrachtete. „Aber manche Menschen möchte ich mir noch nicht holen, weil es noch nicht an der Zeit ist. Und will auch nicht, dass sie gegen meinen Willen zu mir kommen.“
„Ach ja?“, fragte Bernd mit bitterem Spott. „Na, Sie haben ja ein gutes Herz.“
Ein Zucken ging durch das Gesicht des Rauchers und fast schien es Bernd, als habe er diesen verletzt, doch dann war wieder nur die unbewegliche Maske aus GleichgĂŒltigkeit da. Der Mann mit der Zigarette zuckte mit den Achseln: „Glauben Sie’s oder glauben Sie’s nicht. Jedenfalls haben Sie gute Arbeit geleistet – fĂŒrs Erste. Das war ja auch in letzter Sekunde. Wir werden sehen, ob Sie es vierzehn Tage aushalten.“
„Na, ich denke, jetzt ist das schlimmste ĂŒberstanden“, gab Bernd zurĂŒck. „Der Arzt hat mir gesagt, dass Herr Herter in eine psychiatrische Klinik ĂŒberwiesen wird und ich denke, dort wird man auf ihn gut aufpassen, sogar mehr als vierzehn Tage lang.“
„Soso“, stellte der Raucher fest, ohne nĂ€her zu erlĂ€utern, was er mit diesem „Soso“ meinte.
Er wendete sich von dem Bett ab und zog den Vorhang zur Seite, der als Sichtschutz zum anderen Bett im selben Zimmer diente. Dort lag mit geschlossenen Augen ein alter Mann mit dĂŒnnem grauen Haar, dessen schwer rasselnde AtemzĂŒge Bernd schon vorher gehört hatte. Auch dieser Mann war ĂŒber unzĂ€hlige DrĂ€hte mit den umstehenden Armaturen verbunden. Wieder glaubte Bernd etwas ungemein Liebevolles in den Augen der langen hageren Gestalt mit der Zigarette zu entdecken. Doch es gelang ihm nicht, lange in diese dunklen Pupillen zu schauen, ohne den Blick abzuwenden.
„FĂŒr ihn hier ist es schon eher an der Zeit. Wir wollen mal sehen ob es schon heute so weit ist.“ Damit griff der Mann, der behauptete, der Tod zu sein, in seine Tasche und zog eine MĂŒnze heraus, warf sie in die Höhe, fing Sie auf und betrachtete die oben liegende Seite.
Bernd brauste wieder auf. Mit unterdrĂŒckter Stimme, um die Patienten nicht aufzuwecken, schimpfte er: „Das ist doch wohl das Letzte! Genießen Sie Ihre WillkĂŒrentscheidungen? Macht es Ihnen Spaß, mit Ihrer Macht zu spielen, eine MĂŒnze zu werfen, um zu entscheiden, ob der Mann da noch leben darf oder nicht, ob Sie jetzt schon seine Existenz vernichten und seine Angehörigen in Trauer stĂŒrzen? So machen Sie es mit jedem, nicht wahr? So haben Sie es auch mit meinem Vater gemacht. Ich hasse Sie! Ich hasse Sie! Ich hasse Sie!“ Zum Schluss war er doch lauter geworden, als er wollte, und er befĂŒrchte, gleich die Schritte der Schwestern auf dem Gang nĂ€her kommen zu hören, doch nichts dergleichen geschah.
DafĂŒr blickte ihn jetzt sein GesprĂ€chpartner mit unverholenem Ärger an und Bernd musste wieder den Blick senken: „WillkĂŒrentscheidungen, ja? Na gut, Herr Superschlau, dann entscheiden Sie einmal! Ich ĂŒberlasse es Ihnen: Soll der Mann hier sterben oder soll er sich noch Tage an diesen Apparaturen weiterquĂ€len, vielleicht ohne Hoffnung darauf, jemals wieder das Krankenhaus zu verlassen? Zum GlĂŒck bekommt er schon jetzt nicht mehr viel von seinem Leid mit. Also, Sie entscheiden jetzt ĂŒber Leben und Tod – und zwar nicht willkĂŒrlich – und ich werde mich an Ihre Entscheidung halten. Bitteschön, ich höre?“
Bernd geriet ins Stammeln: „Ich bin doch nicht so anmaßend wie Sie. Ich kann doch nicht so einfach ein Todesurteil ĂŒber diesen alten Mann fĂ€llen und zu entscheiden, dass er sich weiterquĂ€lt... . Wer bin ich denn? Ich weiß ja nicht, was fĂŒr Heilungschancen es gibt, und ĂŒberhaupt, nein, die Entscheidung will ich nicht treffen.“
Der Raucher stemmte die Arme in die Seite und beugte seinen hageren Oberkörper vor: „Ach ja? Sie wollen die Entscheidung selbst nicht fĂ€llen, aber wenn ich entscheide, dann ist es auch wieder nicht gut genug. Da wird Jahrzehnte das FĂŒr und Wider der Sterbehilfe diskutiert – eigentlich ist die Frage so alt wie die Menschheit selbst – und doch mag eigentlich kein Mensch die Verantwortung fĂŒr den Schiedsspruch ĂŒbernehmen, wann das Leben eines anderen Menschen enden soll. Aber andererseits reden alle immer wieder von einem ungerechten Tod, wenn ich bestimme, wann die Zeit abgelaufen ist, verfluchen und fĂŒrchten mich. Dabei nehme ich Ihnen eine Entscheidung ab, die eigentlich kein Mensch fĂ€llen kann und sollte. Soviel Verlogenheit wie in bezug auf den Tod gibt es doch kaum irgendwo auf Erden. Da maßen sich Menschen an, das Leben eines anderen Menschen beenden zu dĂŒrfen, stellen ihn aber dann wieder vor ein Erschießungskommando mit so vielen Leuten, dass niemand weiß, wessen Kugel nun wirklich die tödliche war, damit sich dann auch niemand wirklich verantwortlich fĂŒhlen muss. Das ist doch pervers! Die Menschen brauchen nicht den Tod zu fĂŒrchten, Herr Steininger. Die Menschen mĂŒssen den Menschen fĂŒrchten!“
Als der Mann mit der Zigarette geendet hatte, entstand Stille. Bernd wusste nichts zu sagen, doch er hatte gemerkt, dass die scheinbare GleichgĂŒltigkeit in dem faltigen Gesicht nur eine Fassade war, hinter der es kochte. Der andere ging auf ihn zu und drĂŒckte ihm die MĂŒnze in die Hand: „Sie zeigt immer auf beiden Seiten das gleiche Motiv, je nachdem, ob die Zeit eines Menschen bereits abgelaufen ist oder ob nicht.“
Bernd blickte auf die metallene Scheibe in seiner Hand und sah, dass beide Seiten von einer verwelkten Blume geziert waren. Im nĂ€chsten Moment begannen die Apparaturen am Bett des alten Mannes hektisch zu piepsen. Als Bernd aufblickte, war von dem Raucher nichts mehr zu sehen und auch nichts mehr zu riechen. DafĂŒr stĂŒrzte sogleich eine Krankenschwester herein und kurz darauf folgte der Stationsarzt. Bernd verfolgte die hektischen Wiederbelebungsversuche kaum. Er hĂ€tte sagen können, dass sie keinen Zweck mehr hatten, doch wer hĂ€tte ihm geglaubt?
Er fĂŒhlte sich elend, als das Bett mit dem Toten herausgefahren wurde. Von ihm schien niemand Notiz genommen zu haben. Die TĂŒr schloss sich.
„Haben Sie die ganze Zeit hier gesessen?“ Bernd fuhr herum und sah, dass Thomas Herter aufgewacht war und ihn mit erstauntem Blick betrachtete.
„Hmhm“, bestĂ€tigte Bernd und es war ihm fast peinlich.
„Wieso machen Sie das?“, fragte ihn der junge Mann fassungslos. „Sie haben mich gerettet und ins Krankenhaus gebracht. Sie sind ein Held. Damit dĂŒrfte die Sache fĂŒr Sie doch erledigt sein.“
„So leicht ist das leider nicht. Es hat jetzt auch mit meinem Leben zu tun“, antwortete Bernd wahrheitsgemĂ€ĂŸ.
„Sie sind schon seltsam“, stellte der andere verwundert fest. „Wie war noch einmal Ihr Name?“
„Bernd.“
„Und ich bin Thomas. Wenn wir uns mit Vornamen anreden, sollten wir uns duzen.“
„OK“
„Also Bernd, ich denke, ich mĂŒsste dir dankbar sein, dass du mein Leben gerettet hast, auch wenn ich nicht wirklich Dankbarkeit empfinde. Eigentlich finde ich es sogar ziemlich beschissen, dass ich noch immer am Leben bin. Als ich eben aufgewacht bin, dachte ich erst, dass alles sei vielleicht nur ein Alptraum, aber nun hat es wohl einfach nicht geklappt. Ich werde mein Bestes versuchen, noch eine Weile am Leben zu bleiben. Du brauchst jetzt also nicht stĂ€ndig auf mich aufzupassen.“ Er richtete sich mĂŒhsam auf und zog die KanĂŒle aus seinem Arm.
„Hey, was soll denn das?“, fragte Bernd zu ĂŒberrascht um einzugreifen.
„Ich brauche das nicht“, stellte Thomas fest und ging daran, die elektrischen Apparaturen auszuschalten, bevor er sich von den Kabeln befreite. „Und ich muss jetzt leider hier weg, denn ich habe keine Lust, wieder in die Psychiatrische zu kommen.“
„Aber, ... aber“, stammelte Bernd noch immer ganz perplex, „dort kann man dir doch helfen.“
Thomas blickte ihn fast mitleidig an: „Dort kann man den Menschen helfen, die sich helfen lassen wollen. Aber ich will nicht, dass jemand mir hilft.“
Bernd wusste nicht, was er tun sollte. Er sah hilflos zu, wie der junge Mann aufstand, seine Kleidung aus dem Schrank nahm, den Krankenhauskittel abnahm und sich wieder anzog. Sollte er die Schwestern rufen? Sollte er den anderen mit Gewalt festhalten? Irgendwie spĂŒrte er ziemlich sicher, dass beides falsch war.
Der junge Mann kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand: „Danke fĂŒr deine Sorge um mich. Ich habe es nicht hĂ€ufig erlebt, dass sich wirklich jemand um mich gesorgt hat.“ Seine Augen wurden glasig und er schluckte. Dann drehte er sich ruckartig um und ging – leicht schwankend – auf das Fenster zu. Bernd stand wie paralysiert da, konnte nichts sagen und konnte sich nicht bewegen. Als befĂ€nde er sich in einem Alptraum schaute er ohnmĂ€chtig zu, wie der andere das Fenster des Zimmers im dritten Stock öffnete und ein Bein hinaus schwang. Dann war plötzlich der Bann gebrochen und er hastete ebenfalls auf das Fenster zu. Nun sah er, dass ein BaugerĂŒst an der Außenwand des Krankenhauses stand. Auf dieses kletterte der junge Mann gerade hinaus.
„Warte!“, rief Bernd, „nimm mich mit. Ich kann dich fahren. Ich kann dir helfen.“ Er hatte in fast flehendem Tonfall gesprochen.
Der Mann auf dem BaugerĂŒst drehte sich um und sah in wieder verwundert an. So standen sie eine Weile da, ohne dass einer von beiden etwas sagte. Dann schĂŒttelte Thomas Herter langsam und verwirrt den Kopf und meinte zögernd: „Ich verstehe dich nicht. Aber in Ordnung, du kannst mitkommen.“
Es war halb sechs Uhr morgens. Auf der Autobahn waren die ersten Pendler unterwegs. Nach einem wirklich katastrophalen Abstieg ĂŒber das BaugerĂŒst – der eine taumelnd, der andere mit schweren Schmerzen bei jedem Tritt – war Bernd die Idee gekommen, in das Ferienhaus in den Bergen zu fahren, das er und sein Bruder vor wenigen Monaten von seiner Großmutter geerbt hatten, die erst mit stolzen achtundneunzig Jahren verstorben war. Das GrundstĂŒck hatten seine Großeltern in einer Zeit erworben, als es noch keine GrĂŒnen gab und man mit guten Beziehungen ohne Probleme eine Baugenehmigung mitten im Wald bekommen konnte. Dort lag das Haus völlig einsam und idyllisch in einem Tal nicht weit entfernt von einem Damm, hinter dem ein kleines FlĂŒsschen zu einem riesigen See aufgestaut wurde. Sie wĂŒrden einen guten Preis fĂŒr das GebĂ€ude erzielen, sobald sie die Zeit finden wĂŒrden, mit einem Makler Kontakt aufzunehmen, doch jetzt war er froh, dorthin fliehen zu können und auch Thomas schien sehr angetan von dem Gedanken zu sein, die Großstadt hinter sich lassen zu können. Sie hatten noch schnell einige Sachen aus ihren Wohnungen geholt, immer in der Angst, gleich könne die Polizei auftauchen, doch nichts dergleichen war geschehen. Da Bernd seinen Namen im Krankenhaus nicht angegeben hatte, hoffte er, dass man ihnen nicht auf die Spur kommen wĂŒrde. Er hatte noch schnell auf den Anrufbeantworter im BĂŒro gesprochen, dass er wegen einer dringenden persönlichen Angelegenheit zwei Wochen seines Urlaubs sofort sofort nehmen mĂŒsse. Er hoffte, dass er sich damit seine Karriere nicht völlig vermasseln wĂŒrde, doch was nutzte ihm eine Karriere, wenn er tot war? Es war sowieso seltsam: Obwohl er wusste, dass in den nĂ€chsten Tagen enorm wichtige Termine anstanden, war das alles jetzt so fern, seltsam unbedeutend. Er schob es auf seine MĂŒdigkeit. Er hatte schließlich diese Nacht noch keine Minute die Augen geschlossen und bald wĂŒrde es schon dĂ€mmern.
So fuhren sie jetzt schweigend gemeinsam in den Morgen. Irgendwann versuchte Bernd ein GesprĂ€ch anzufangen. Er wagte es nicht, nach den GrĂŒnden fĂŒr den Selbstmordversuch zu fragen, also probierte er es mit einem scheinbar unverfĂ€nglichen Thema. Er erzĂ€hlte von seiner Arbeit. Schnell kam er ins Schwelgen und merkte erst nach einer Weile, dass der Gesichtsausdruck seines Beifahrers immer trĂŒber wurde. Er fragte ihn nach seinem Beruf und erfuhr, dass dieser eine Ausbildung als Elektriker gemacht hatte, aber eine Stelle nach der anderen wegen mangelnder ZuverlĂ€ssigkeit verlor. Wenn es ihm schlecht gegangen sei, habe er einfach nicht zur Arbeit kommen können. Der junge Mann erzĂ€hlte einsilbig und kurz angebunden. Bernd beeilte sich zu beteuern, dass er Menschen mit handwerklichen FĂ€higkeiten bewundere und sich so etwas nicht zutraue und dass der berufliche Erfolg hierzulande sowieso zu hoch bewertet werde, aber er merkte selbst, dass er mit seinen Versuchen, die Situation zu retten, weit an der GlaubwĂŒrdigkeit vorbeisegelte. So erstarb das GesprĂ€ch und sie fuhren wieder schweigend weiter. Bernd stellte das Autoradio an und das tĂ€glich gleiche Gemisch der Mainstream-Musik dudelte aus den Lautsprechern, immer wieder unterbrochen von einem Moderator, der die Illusion vermittelte, man könne um sechs Uhr morgens schon munter und gutgelaunt sei.
Die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigte 8 Uhr an, als Sie von der geteerten Straße, die sich durch das Flusstal schlĂ€ngelte, auf eine schmale Schotterpiste abfuhren, vorbei an einem Durchfahrtsverbot-Schild „Anlieger frei“. Der Kies knirschte unter den RĂ€dern und wurde gegen die Karosserie geschleudert. Sie zogen eine dicke Staubwolke hinter sich her. Hohe dunkle TannenwĂ€lder links und rechts des Weges zeigten ihnen, dass Sie die Welt der Termine und Versammlungen, der VortrĂ€ge und Protokolle, der Verpflichtungen und Formulare jetzt hinter sich ließen. Obwohl Bernd schon hĂ€ufiger hier gewesen war, spĂŒrte er jetzt zum ersten Mal, dass irgendetwas von ihm abfiel. Er schob es auf die MĂŒdigkeit.
Sie hatten noch schnell an einer Tankstelle etwas zu essen und zu trinken gekauft und nun stellte Bernd sein Fahrzeug vor dem JĂ€gerzaun des einsam im Wald gelegenen HĂ€uschens ab – glĂŒcklich dass nun die Schmerzen, die mit jedem Treten des Gas- oder Bremspedals schlimmer geworden waren, endlich ĂŒberstanden sein wĂŒrden.
Sie stiegen beide aus und sogen voller Genuss die klare kĂŒhle Waldluft ein. Stille herrschte hier bis auf das dann und wann durch den Wald schallende Vogelgezwitscher. Es war eine andere, echtere Ruhe als das nĂ€chtliche Schweigen der Großstadt. Bernd sah in das Gesicht seines Begleiters und fĂŒhlte sich bestĂ€tigt, dass sein Vorschlag richtig gewesen war. Das erste Mal sah er so etwas Ă€hnliches wie ein LĂ€cheln in der Miene des anderen.
Sie packten Ihre Koffer aus dem Auto aus und Bernd ging voran, die Eingangstreppe empor. Er schloss die TĂŒr auf und trat in das Haus. Ein leicht muffiger Geruch empfing sie. Zwar kam jede Woche ein Hausmeister vorbei, der nach dem Rechten sah und das ganze GebĂ€ude durchlĂŒftete, trotzdem war unverkennbar, dass hier gewöhnlich niemand wohnte.
Thomas betrat hinter Bernd das Haus. Bernd breitete die Arme aus aus und sagte: „Bitteschön, das ist fĂŒr die nĂ€chsten vierzehn Tage unser Zuhause.“
Im nĂ€chsten Moment wĂŒnschte er sich, er hĂ€tte das nicht gesagt. Das Gesicht des anderen verzerrte sich, er sank in die Knie und plötzlich brach er in TrĂ€nen aus. Es war ein gespenstisches Weinen, praktisch lautlos, ein stummes Zucken und Rinnsaale, die sich ihren Weg ĂŒber die Wangen suchten. Bernd ging auf den jungen Mann zu, wollte seinen Arm um ihn legen, doch dieser stieß ihn weg und Bernd begriff, dass er dem anderen jetzt fern bleiben musste. Er selbst konnte nichts tun, als zu warten, dass die Zuckungen aufhörten, der andere sich beruhigte. Er hĂ€tte nie gedacht, dass es so schwer seine könne, einfach nur dazusitzen und zu warten, auszuhalten, dass da jemand in Schmerzen versank, ohne dass man etwas tun konnte. Er musste alle Kraft aufwenden, die er hatte, um sich selbst daran zu hindern, doch wieder aufzuspringen, den anderen in den Arm zu nehmen wie ein kleines Kind und zu trösten. Er kam sich so hilflos vor, kam sich fast schlecht vor, dem anderen sein Leid nicht lindern zu können. Und er begriff nicht einmal, wodurch der GefĂŒhlsausbruch verursacht worden war. Was hatte er denn diesmal wieder falsch gemacht? Hatte er mit seinem Besitz geprotzt und dem anderen dadurch deutlich gemacht, wie wenig er selbst hatte? HĂ€tte er nicht von den vierzehn Tagen sprechen dĂŒrfen, weil dadurch klar geworden war, dass ihr gemeinsamer Urlaub ein terminiertes Ende hatte? Er zerbrach sich den Kopf, doch keine der Antworten, die er fand, erschien ihm befriedigend.
Irgendwann versiegten die TrĂ€nen der am Boden kauernden Gestalt. Thomas Herter hob den Kopf, ohne Bernd in die Augen zu sehen: „Es ist gut, wenn ich weine. Bitte hindere mich nie daran und mildere es nie, sonst ersticke ich.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich habe mir immer ein Zuhause gewĂŒnscht.“
Mit dieser kurzen ErklĂ€rung musste sich Bernd zufrieden geben und wenig spĂ€ter lag er in dem Zimmer, in dem er schon als Kind geschlafen hatte, wenn sie hier Urlaub gemacht hatten. Seinen GefĂ€hrten hatte er in dem Schlafzimmer, das frĂŒher seine Eltern benutzt hatten, untergebracht. Bernd schwirrte der Kopf. Es war doch erst Stunden her, dass er seinen Vortrag gehalten und in Applaus gebadet hatte. Das schien ihm jetzt so fern, die Erinnerung an ein anderes Zeitalter, die Erinnerung an eine andere Welt. HĂ€tte er sich „damals“ auch nur im Entferntesten vorstellen können, dass er nun Hals ĂŒber Kopf mit einem wildfremden Burschen einen vierzehntĂ€gigen Urlaub im Wald verbringen wĂŒrde? Das alles war so unwirklich. Mit einem inneren KopfschĂŒtteln schlief er ein.
Trotz seiner MĂŒdigkeit blieb Bernds Schlaf flach und seine TrĂ€ume waren wirr wie im Fieber. Er fand sich wieder in der Nacht auf der EisenbahnbrĂŒcke, doch die Gestalt hinter dem GelĂ€nder war nicht Thomas Herter, sondern es war sein Vater, der dort mit einer Zigarette im Mund stand und ihn anschaute. „Ich bin der Tod, kleiner Bernd. Ich bin mĂ€chtiger als du. Ich wusste doch, dass du Mediziner werden wĂŒrdest, aber mich, mich bekommst du nicht mehr. Ich werde dir entwischen!“ Und damit ließ er sich nach vorne fallen, die Bewegung war langsam, wie in Zeitlupe. Bernd sprang zu ihm heran, umfasste die Brust seines Vaters, wie er es bei Thomas Herter gemacht hatte. Aber im Gegensatz zu dem jungen Mann, den er gerettet hatte, war sein Vater eine große, krĂ€ftige, schwere Person. Er spĂŒrte, dass er nach vorne gezerrt wurde, immer noch eine Bewegung wie in Zeitlupe. Mit dem Fuß versuchte er, sich im GelĂ€nder festzuhaken, doch die Schmerzen waren zu furchtbar. In einem endlos langsamen Sturz wurde er nach vorne gezogen, glitt ĂŒber die BrĂŒstung, sah das schwarze Wasser des Flusses und hatte nur die Wahl, seinen Vater loszulassen und zuzusehen, wie er in die Tiefe stĂŒrzte, oder mit ihm zusammen zu sterben. Über diese qualvolle Entscheidung wachte er auf und brauchte erst einen Moment, um sich wieder zu erinnern, wo er sich befand. Erleichterung stieg in ihm auf, als sein Verstand langsam zu akzeptieren begann, dass das gerade ein Alptraum gewesen war. Sein Puls beruhigte sich allmĂ€hlich. Der Duft von Kaffee kitzelte seine Nase. Er blickte auf die Uhr. Es war bereits weit nach Mittag.
Er erhob sich aus dem Bett und konnte nur mit MĂŒhe einen Schmerzensschrei unterdrĂŒcken, als er auftrat. Er blickte an seinem Bein hinunter und stellte fest, dass dort, wo sich einmal sein Fuß befunden hatten, nun ein dicker unförmiger Klumpen zu sehen war.
MĂŒhsam humpelte er in die KĂŒche und traf dort auf seinen Begleiter, der in anscheinend gar nicht so schlechter Laune dabei war, ihnen ein FrĂŒhstĂŒck zuzubereiten. Die Kaffeemaschine blubberte. Brot, Butter, Marmelade und Aufschnitt standen auf dem wohldekorierten Tisch und auf dem Herd brutzelten Eier mit Speck.
Bernd blickte sich ĂŒberrascht um und meinte: „Hast du mal darĂŒber nachgedacht, ins Gastronomie- oder Hotelgewerbe zu gehen?“
„Wir wollen uns doch wohlfĂŒhlen, in unserem Zuhause, oder?“, kam als Gegenfrage zurĂŒck.
„Klar, falls du mir auch noch meinen Klumpfuß wegzaubern kannst, bin ich schon wunschlos glĂŒcklich“, witzelte Bernd.
„Der Mediziner bist du, dachte ich?“
„Pharmazeut, nicht Mediziner!“
Sie plauderten beim FrĂŒhstĂŒck so entspannt ĂŒber belanglose Sachen, wie es Bernd mit dem Mann, der noch vor Stunden hatte von einer BrĂŒcke springen wollen, nie fĂŒr möglich gehalten hĂ€tte. Fast schien es ihm, als sei die gesamte gestrige Nacht nur irgendein bizarrer Alptraum gewesen, aber sein schmerzender Fuß erinnerte ihn unangenehm daran, dass diese Erlebnisse Teil der realen Vergangenheit waren.
Die Zeit verlor ihre Bedeutung. Irgendwann zuckte kurz in Bernds Gehirn der Gedanke auf, er mĂŒsse doch den Anrufbeantworter seines Handys abhören und sich noch einmal bei seinem Chef melden, bei seinen Kollegen und bei sonst jemand noch, aber dieser Gedanke verglĂŒhte schnell wie eine Sternschnuppe. Es erfĂŒllte ihn fast mit VergnĂŒgen, als ihm einfiel, dass er das LadegerĂ€t seines Mobiltelefons zuhause vergessen hatte. Jetzt war er wirklich in einer anderen unerreichbarenWelt und er hatte das GefĂŒhl, dass er gerade sein Leben in mehr als einer Hinsicht rettete.
Ihr FrĂŒhstĂŒck ging ĂŒber Stunden, aber schließlich wollte Bernd sich doch rasieren und waschen. WĂ€hrend Thomas den Abwasch ĂŒbernahm, humpelte er Richtung Badezimmer. Schon als er die TĂŒr öffnete, nahm er den Zigarettengeruch wahr und war darum auch nicht erstaunt, wen er mit ĂŒbergeschlagenen Beinen auf dem Wannenrand sitzend vorfand.
„Sie ĂŒberraschen mich“, stellte der Raucher fest, „das hĂ€tte ich Ihnen nicht zugetraut. Mit der Weile beginne ich es als realistische Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass Sie tatsĂ€chlich unsere Wette gewinnen werden.“
Bernds gute Laune hatte beim Anblick des anderen ordentlich Schieflage bekommen: „Werden Sie mich jetzt stĂŒndlich nerven?“, fragte er unwirsch, ohne mögliche negative Konsequenzen in Betracht zu ziehen.
Der andere schĂŒttelte den Kopf: „Nein, ich denke, ich kann Sie beide jetzt erst einmal alleine lassen. Sollte ich Sie vielleicht wirklich unterschĂ€tzt haben?“
„Was meinen Sie, wie Sie erst staunen werden, weil sich Ihr Wartezimmer rapide leeren wird, sobald Zellophil in der Masse angewendet wird. Auch das unterschĂ€tzen Sie.“ Bernd fĂŒhlte, dass er Oberwasser hatte, schaffte es aber trotzdem nicht, dem anderen in die Augen zu sehen.
Der Mann, der sich als der Tod ausgab, lachte kurz auf und machte eine wegwerfende Handbewegung: „Ach das, darĂŒber mache ich mir keinen Kopf. Was sind schon zehn oder fĂŒnfzehn Jahre mehr? Irgendwann kommt doch jeder zu mir. Außerdem wird Ihr Mittelchen keine Kriege und keine Morde verhindern. Im Gegenteil, die Sozialsysteme auf der Welt werden wahrscheinlich durch den doppelt so langen Ruhestand und die weitere Überalterung gĂ€nzlich zusammenbrechen und damit sind Verbrechen, AufstĂ€nde, Kriege oder BĂŒrgerkriege vorprogrammiert. Um die FĂŒlle meines Wartezimmers mache ich mir keine Sorge, außerdem scheinen Sie immer noch anzunehmen, dass ich irgendwie gierig darauf aus bin, dass möglichst viele Menschen möglichst frĂŒh sterben. Da tĂ€uschen Sie sich, aber das ist nun wohl einmal das Bild, das man von mir gezeichnet hat.“
Bernd erinnerte sich an das Krankenhaus. Er zog die Augenbrauen zusammen und fragte forschend: „Gestern Nacht auf der Intensivstation, da war etwas in Ihren Augen. Fast hĂ€tte man das GefĂŒhl haben können, dass Sie Ihren Job nicht immer mögen, dass er Ihnen zuweilen Schmerz bereitet.“
Abrupt stand der Raucher auf: „Ich muss jetzt gehen. Ich denke, Sie beide kommen klar. Wir sehen uns in dreizehn Tagen. Mitternacht ist der Termin. Danach haben Sie gewonnen.“ In der nĂ€chsten Sekunde war er verschwunden und mit ihm der Rauch und Geruch der Zigarette.
Die kommenden Tage waren ein Urlaub, wie Bernd ihn schon seit langem nicht mehr erlebt hatte, kein Vergleich zu den teuren Reisen auf Kreuzschiffen mit irgendwelchen Freundinnen, kein Vergleich zum Hetzen durch ferne LĂ€nder und StĂ€dte, immer einem Terminplan hinterher, der dafĂŒr sorgen sollte, in möglichst wenig Zeit möglichst viel zu erleben oder zu sehen. Hier gab es Stille im Überfluss, hier gab es Zeit im Überfluss.
Sie entdeckten, dass noch ein Rollstuhl seiner Großmutter hier stand, und da Bernds Fuß keine SpaziergĂ€nge zuließ, er aber auch nicht zu einem Arzt wollte, fuhr Thomas ihn im Rollstuhl ĂŒber die Waldwege, mal Ă€chzend bergauf schiebend, mal nur mĂŒhsam vor einer Biegung bergab bremsend.
Bernd war ĂŒberrascht, wie viele GesprĂ€chsthemen sie fanden, und doch schienen sie sich niemals dem zu nĂ€hern, was Thomas seinen Lebensmut geraubt haben mochte. Sie entdeckten zu ihrer Überraschung, dass sie beide gerne Gedichte und Dramen auswendig lernten und rezitierten. Bernd hatte zwar fĂŒr dieses Hobby in den letzten Jahren wenig Zeit gehabt, aber in seiner universitĂ€ren Zeit hatte er in einer Theatergruppe mitgespielt und die Texte waren ihm noch so prĂ€sent, als hĂ€tte er sie erst gestern einstudiert. So gaben sie sich ĂŒber Stunden voller Inbrunst Kostproben, mal zu TrĂ€nen gerĂŒhrt, mal vor Lachen auf dem Boden liegend.
Ein bisschen kam es Bernd vor, als habe er eine Zeitmaschine benutzt. An dem Haus und der Umgebung hingen fĂŒr ihn viele Kindheitserinnerungen und mit ihnen kamen auch die GefĂŒhle des Kindseins zurĂŒck. Und war ihre Situation nicht auch die von zwei Kameraden, die gemeinsam auf Klassenfahrt waren, einfach vierzehn Tage Muße hatten, in einem Alter, in dem es noch keine MitarbeitergesprĂ€che, keine SteuererklĂ€rungen, keine Zieltermine und keine Gewinnerwartungsrechnungen gab? Sie verplemperten einfach tagsĂŒber ihre Zeit und nachts unterhielten sie sich, bis das vor GĂ€hnen gar nicht mehr möglich war. Mit einem bitteren GefĂŒhl stellte Bernd fest, was er alles im Erwachsenwerden verloren hat.
Eines Abends standen sie beide auf der Staumauer der Talsperre und blickten schweigend ĂŒber das Wasser in den Sonnenuntergang. Der Wind hatte aufgefrischt und Bernd bereute es, keine Jacke mitgenommen zu haben.
„Es ist nicht wahr“, meinte Thomas plötzlich.
Bernd sah ihn fragend an.
„Das hier. Das, was ich gerade erlebe, ist nicht RealitĂ€t, zumindest nicht auf Dauer. Und wenn ich aufwache, dann ist es nur eine um so grĂ¶ĂŸere EnttĂ€uschung.“
„Nun ja, der Urlaub geht natĂŒrlich nicht endlos“, gab Bernd zu. „Im Gegenteil, er ist leider immer zu schnell vorbei, und dann bekommt uns der Alltag wieder in die FĂ€nge.“
„Und Freundschaft wĂ€hrt auch nicht endlos.“ Thomas blickte unverwandt in den roten Feuerball, der hinter den bewaldeten Bergkuppen versank.
„Naja, das wĂŒrde ich nicht so einfach sagen.“ Bernd machte eine Pause. „Hast schlechte Erfahrungen damit gemacht, wie?“
Thomas schĂŒttelte den Kopf: „Nein, keine.“
„Keine?“
„Keine echten.“
„Wie? Nicht einmal in der Schule hast du Freunde gehabt? Das geht doch gar nicht. Jeder hat Kumpel in der Schule.“
„Nicht jeder. Manche nicht, manche habe nur Feinde, oder Leute, die sie verachten, weil sie anders sind.“
„Hast du denn auch nie eine Freundin gehabt?“
Thomas schĂŒttelte stumm den Kopf. Seine Miene war eine starre Maske aus Eis.
Bernd schluckte.
„Und deine Familie?“
Ruckartig trat Thomas hinter den Rollstuhl, so dass Bernd sein Gesicht nicht mehr sehen konnte. „Es ist kalt, wir mĂŒssen ins Haus.“ Er setzte den Rollstuhl in Bewegung und den gesamten RĂŒckweg redeten sie nicht mehr. Diese Nacht ging Thomas frĂŒh zu Bett, ohne die ĂŒbliche lange Unterhaltung in der Dunkelheit. Bernd blieb allein in der KĂŒche sitzen und lauschte in die Stille. Er wusste nicht so recht, was ihn davon abhielt, auch schlafen zu gehen. War es die BefĂŒrchtung, dass der andere nach seinem Stimmungsumschwung wieder versuchen wĂŒrde, sich das Leben zu nehmen? Waren es die vielen Gedanken, die ihm durch den Kopf wirbelten? Fast sehnte er sich danach, den Geruch von Tabak wahrzunehmen und mit dem Raucher ĂŒber das reden zu können, was er gehört und erlebt hatte. Fast nahm er den Mann, der sich als der Tod ausgab, als einen gemeinsamen Freund von Thomas und ihm wahr. Doch dieser Dritte im Bunde kam nicht.
Am nĂ€chsten Tag schien der abrupte Stimmungswechsel vom Vortag fast vergessen zu sein. Sie machten wieder ihre SpĂ€ĂŸe und diskutierten ĂŒber Gott und die Welt. Es war fast so wie an den Tagen zuvor, aber eben nur fast so. Es schien, als sei durch irgendein Leck etwas RealitĂ€t in ihre Abgeschiedenheit eingedrungen, eine winzige Menge nur, die sich jedoch wie Gift in den Adern blitzschnell ausbreitete. Ein StĂŒck der Unbeschwertheit, die sie die letzten Tage genossen hatten, war gestorben und sie konnten sie nicht mehr zurĂŒckgewinnen.
Schließlich kam der vierzehnte Tag, der Tag des Abschieds von ihrer Idylle und die Trauer begrĂŒĂŸte sie schon am Morgen, als sie aufstanden. Bernd konnte nun doch nicht umhin, mit dem letzten Strom des Akkus, den Anrufbeantworter des Handys abzurufen. Was er da so alles hörte, verbesserte seine Stimmung nicht gerade. Und trotzdem beschlossen sie, diesen Abend zu feiern. Und in der Entschlossenheit, die letzten Stunden, die ihnen noch im Paradies blieben, zu nutzen, gelang es ihnen, eine recht gutgelaunte Feier mit Wein und Gitarre zustande zu bringen.
Es war zwölf Uhr durch, als es geschah. Bernd hatte doch etwas mehr Alkohol zu sich genommen, als er gewohnt war. Sonst wĂ€re es ihm vielleicht nicht passiert. Vielleicht hĂ€tte er auch nicht so lange aufbleiben sollen. Vielleicht hĂ€tte er einfach nur grĂŒndlich nachdenken sollen, bevor er losplapperte, so wie es sonst seine Art war. Doch als ihm alle diese Gedanken durch den Kopf gingen, da war es bereits zu spĂ€t, da war ihm der Satz bereits rausgerutscht. Eigentlich war es nicht einmal ein richtiger Satz, nur vier Worten waren es, die er bei einem Blick auf die Uhr aussprach. Vier Worte, die alles verĂ€nderten: „Vierzehn Tage, Wette gewonnen.“
Bernd merkte nicht einmal, wie das Gesicht seines Freundes gefror. Er registrierte nur, dass der andere langsam aufstand und den Raum verließ. Es dauere noch Minuten, bis durch die vom Alkohol verstopften Gehirnwindungen die Erkenntnis durchdrang, dass sein Kumpel wohl nicht bloß zur Toilette gegangen war.
Es schien Bernd, als werde er von einer Sekunde zur anderen nĂŒchtern. Er sprang auf und der Schmerz, der durch seinen Fuß fuhr, brachte ihn endgĂŒltig zur Besinnung. So schnell er konnte, stĂŒrzte er hinaus in den Flur. Die offen stehende HaustĂŒr bestĂ€tigte ihm, dass seine Vermutung richtig war. Er wusste, wohin Thomas Herter jetzt unterwegs war.
Die folgenden Minuten waren die grĂ¶ĂŸte körperliche Tortur, die Bernd Steininger jemals in seinem Leben durchmachen sollte. Er befĂŒrchtete, dass er damit seinen Fuß endgĂŒltig ruinieren wĂŒrde und sich auf eine Amputation einstellen durfte. Doch das war ihm im Moment völlig egal. Er wusste, dass er bei seinem Tempo niemals mit dem anderen mithalten konnte. Wenn sein Freund auch nur zĂŒgig voranschritt, dann hatte er keine Chance mehr, ihn rechtzeitig zu erreichen. Und selbst wenn er ihn einholte: Welche Möglichkeiten hatte er dann ĂŒberhaupt? Er hatte das Vertrauen des anderen verspielt. WĂŒrde sein Erscheinen nicht vielleicht sogar alles noch viel schlimmer machen? Die Minuten seines Weges wuchsen zu einer Ewigkeit. Die Qual der Verantwortung, die er fĂŒr sein Verhalten trug, war noch schlimmer als die Qual in seinem Fuß.
Als er die Staumauer erklommen hatte, standen ihm TrĂ€nen in den Augen, TrĂ€nen des Schmerzes, TrĂ€nen der Angst, TrĂ€nen der Schuld. Er sah im fahlen Licht des abnehmenden Mondes die Gestalt auf der BrĂŒstung stehen, noch viel zu weit entfernt, sah wie sich der Körper nach vorne neigte, das Gewicht in einer nicht mehr umkehrbaren Entscheidung in Richtung des Wassers verlagert wurde. Er wollte schreien, doch es kam nur ein leises Wimmer wie das eines kleinen Kindes aus seiner Kehle. WĂ€re er doch so rechtzeitig auf dem Damm gewesen, dass er Thomas hĂ€tte retten können. Oder wĂ€re er doch so spĂ€t gekommen, dass es bereits vorbei gewesen wĂ€re. Aber zu spĂ€t zu kommen, um zu helfen, aber so frĂŒh, um den Todessturz des anderen ohnmĂ€chtig miterleben zu mĂŒssen, das war das Schlimmste.
Dann tauchte plötzlich der Schatten aus dem Nichts auf. Eine unbegreifliche Kraft riss die Person, die schon auf dem Weg in die Tiefe war, zurĂŒck auf den Damm.
Bernd humpelte so schnell heran, wie er konnte. Das Bild, das sich ihm zeigte, war irgendwie sonderbar. Thomas lag halb auf dem Boden und ĂŒber ihm stand die Gestalt, die sich als der Tod ausgab, diesmal jedoch ohne Zigarette. Sie hatte den jungen Mann am Kragen gepackt und halb in die Höhe gehoben. Die beiden verharrten in dieser Position starr wie ein Standbild. Ihre Gesichter waren einander zugewandt und nur eine halbe ArmlĂ€nge voneinander entfernt. Thomas blickte mit schreckgeweiteten Augen in das Gesicht der Gestalt ĂŒber ihn.
Bernd wusste nicht, was er machen sollte, also machte er nichts. Sekunden vergingen. Dann ließ der Tod den jungen Mann sanft zu Boden gleiten und trat zur Seite. Thomas krĂŒmmte sich zusammen wie ein Embryo. So lag er eine Weile, dann ging ein Zucken durch den Körper und Bernd erwartete wieder jenes lautlose Weinen, das er schon einmal miterlebt hatte. Doch plötzlich warf der junge Mann den Kopf zurĂŒck und ein Schrei erscholl, hallte weit durch das Tal, wurde von den BerghĂ€ngen zurĂŒckgeworfen und nahm einfach kein Ende. Bernd glaubte zu erstarren, wollte an die Seite seines Freundes stĂŒrzen, begriff aber rechtzeitig, dass er das jetzt nicht durfte. Er spĂŒrte eine BerĂŒhrung an seiner Seite. Es war der Tod, der ihm die Hand auf die Schulter gelegt hatte: „Sie können gleich zu ihm. Er wird Sie brauchen.“
„Ich weiß nicht, ob er noch etwas von mir wissen will“, sagte Bernd bitter. „Ich hab’s vermasselt.“
„Er will noch etwas von Ihnen wissen, denn Sie sind sein Freund, sein einziger. Sie haben es nicht vermasselt. Die Wette haben Sie um zwölf Uhr gewonnen. Dass Sie ihm jetzt gefolgt sind, trotz aller Schmerzen, dass Sie ihn davon abhalten wollten, sich umzubringen, das war nicht mehr, um ihr eigenes Leben zu retten. Sie wollten ihn retten.“ Der Tod sprach mit leiser, sanfter Stimme und trotz des immer noch andauernden Klagetons verstand Bernd ihn ohne Probleme.
„Ich habe gar nicht darĂŒber nachgedacht, wen ich rette“, murmelte Bernd zweifelnd.
„Eben, man denkt auch nicht darĂŒber nach, wenn es um das Leben eines Freundes geht.“
Der Schrei des Mannes am Boden erstarb langsam, aber das Echo blieb noch lange zwischen den Bergen gefangen.
„Wieso hat er gebrĂŒllt?“, fragte Bernd leise. „Was ist da eben geschehen?“
„Er hat mir in die Augen gesehen. Haben Sie noch nie gehört, dass das ganze Leben wie ein Film vor dem inneren Auge ablĂ€uft, wenn man dem Tod ins Angesicht blickt? Das, was er da gesehen hat, war genug, um zu schreien. Es war gut, dass er es jetzt sehen konnte. Es war gut, dass er schreien konnte.“
Bernd dachte daran, wie viel Schwierigkeiten es ihm stets bereitet hatte, der Gestalt, die jetzt neben ihm stand, ins Gesicht zu blicken: „Ich bin nicht sein einziger Freund. Sie haben ihn gerettet.“
„Ja“, bestĂ€tigte der Tod, „ich fĂŒhle mich ihm sehr verbunden.“
„Weil Sie sein Schicksal kennen, weil Sie auch einsam sind“, stellte Bernd fest und sah dem Tod direkt in die Augen.
Diesmal war es der hagere Mann mit dem zerknitterten Gesicht, der den Blick senken musste: „Gehen Sie jetzt zu ihm. Er braucht Sie.“
Bernd legte dem Tod die Hand auf die Schulter: „Danke fĂŒr alles. Ich habe jetzt begriffen, dass Sie kein Feind der Menschen sind. Aber eines verstehe ich nicht: Wozu dieses Spiel? Wozu eine Wette, um diesen jungen Mann zu retten? Warum haben Sie mich nicht direkt zur Hilfe aufgefordert?“
Ein leichtes Grinsen huschte ĂŒber das Gesicht des Todes: „Menschen wie Sie brauchen eine Herausforderung, um alle Ihre KrĂ€fte entfalten zu können. Sie brauchen den Ansporn, Gevatter Tod in den Allerwertesten treten zu können. Darum die Wette.“
Damit verschwand der Tod und Bernd ging auf die am Boden kauernde Gestalt zu. Er wusste nicht, ob er sich als Retter oder als Geretteter fĂŒhlen sollte.

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