Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87760
Momentan online:
488 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Aufgebrochener
Eingestellt am 09. 02. 2003 21:22


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
regenbogensucherin
Hobbydichter
Registriert: Feb 2003

Werke: 2
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Aufgebrochener


I.
wir wachen auf, als es dunkel wird. wir reiben uns den schlafsand aus den augen. wir sammeln den sand in kleinen dosen. wir trinken wasser mit viel salz. wir sind nackte, wenn wir die hĂŒtte im wald verlassen.

Jetzt ist er ruhig. Er holt ein Brötchen aus seinem Rucksack. NatĂŒrlich hat die Mutter das Brötchen zubereitet und natĂŒrlich ist die Mutter auch der einzige Mensch, von dem er noch heute frĂŒh vor Morgengrauen Abschied genommen hat. NatĂŒrlich hat die Mutter geweint, er ließ sie zurĂŒck als gebrochene Frau, doch als er das Haus erst einmal hinter sich gelassen hatte, waren seine Schritte immer schneller geworden. Er beißt in das Brötchen und kaut und schluckt und merkt, dass er es verabscheut. Er öffnet das Fenster um einen kleinen Spalt und wirft es nach draußen. Das Brötchen fĂ€llt auf das Feld, das hier schon viel grĂŒner ist, als dort, wo er herkommt. Die Landschaft hat sich verĂ€ndert. Er zieht ihren Duft ein. Der Duft ist kĂŒhl, doch es liegt etwas darin, wofĂŒr er keine Worte kennt. Das Etwas lĂ€sst ihn endlich richtig wach werden. Er bekommt Lust zu schreien. Sein Schrei ist ohne Worte. Doch er ist laut. Verschlafene Gesichter werfen ihm wĂŒtende Blicke zu. „Es zieht, schließen Sie das Fenster.“ Eine Frau in den mittleren Jahren, herausgeputzt bis zum Feinsten. NatĂŒrlich. „Hast du eine Zigarette?“ fragt er einen Mann in seinem Alter, der ihm gegenĂŒber sitzt. „Danke“. Er raucht mit geschlossenen Augen.

wir sind barfĂŒĂŸige, die sich einen weg durch den tannenwald bahnen. wir halten uns an den hĂ€nden und die freien hĂ€nde tasten ab, wo bĂ€ume sind und wo nicht. manchmal treten wir auf nadeln, dann bleiben wir stehen und kĂŒssen uns.

„Hier ist Nichtraucher“, sagt die Frau. Er sieht in ihre grauen Augen, deren Pupillen sich unruhig bewegen. Er nimmt einen tiefen Zug und blĂ€st ihr den Rauch ins Gesicht. Der Mann gegenĂŒber lacht. Die Augen der Frau trĂ€nen und verwischen Wimperntusche. Empört und schimpfend wechselt sie das Abteil.
Er nimmt noch einen Zug von der Zigarette. Sie ist bist zur HĂ€lfte geraucht, doch jetzt öffnet er das Fenster und wirft sie nach draußen. Sie landet auf den Schienen eines anderen Gleises. Der Mann ihm gegenĂŒber sieht ihn fragend an. Er zuckt die Schultern. Er schließt die Augen, als wolle er schlafen.

die sterne weisen uns den weg und wir folgen ihnen. wir wissen nicht, wie weit der weg sein wird, doch unser ziel steht ĂŒber allem. wenn wir zweifeln, ob wir nicht doch zurĂŒckkehren sollen, lĂ€cheln die sterne uns mut zu.

Er öffnet die Augen, als der Mann ihm gegenĂŒber aussteigt. Jetzt hat er das Abteil fĂŒr sich. Er holt sein Portmonee aus dem Brustbeutel. Geld, Papier, alles ist da. Lange schaut er das Foto an, das ihn zeigt. Sein kleiner Finger streicht ĂŒber sein Gesicht. Er sieht der Mutter Ă€hnlicher als die beiden BrĂŒder. Er denkt an den Ältesten, der den Kaffee ans Bett gebracht bekommt, wenn er um Mittag aufsteht. VerĂ€rgert packt er den Pass wieder weg und spĂŒrt die Augen des Vaters auf sich ruhen. Der Vater wird vielleicht gleich Mittagspause machen können. Er packt den Pass wieder aus. Er schaut seine Haare an. Es sind Haare, die viel Arbeit bedĂŒrfen. Wild und ungezĂ€hmt fallen sie bis auf die Brust. Als MĂ€dchen einmal hatte die Mutter ganz Ă€hnliche Haare. Doch er kennt sie nur kurz und ordentlich. Viel geschimpft hat die Mutter ĂŒber seine Haare. Entschlossen packt er das Foto weg. Schade, dass er die Gitarre nicht mitnehmen konnte.

manchmal gönnen die sterne uns eine kleine rast. dann setzen wir uns auf die stechenden nadeln. hĂ€ufig halten wir an einem bach inne. wir lauschen seinem rauschen und halten uns bei den hĂ€nden. bevor es weitergeht, nehmen wir einen schluck von dem wasser des bachs. wir schöpfen daraus mit hĂ€nden und die flĂŒssigkeit ist kĂŒhl und kostbar.

Von seinem ersten Geld wird er einen neue Gitarre erstehen. Er sieht sich in einer Kneipe mit der Gitarre sitzen und Melodien zupfen. Neben ihm sitzen MÀdchen mit blonden Haaren und können sich nicht entscheiden, ob sie sein Gitarrenspiel oder seine Haare bewundernswerter finden. Dann legt er die Gitarre weg und seine HÀnde um die Arme der MÀdchen.
Bald haben sie die Stadt erreicht, die Knotenpunkt ist. Dort muss er umsteigen. Der neue Zug ist voller als der andere. Er findet keinen Sitzplatz. Er musste sich auch beeilen, beim Umsteigen und konnte keine Zigaretten mehr finden. So steht er und es ist heiß im Zug, obwohl sie doch auf den Weg in den Norden sind. Es stinkt nach Schweiß. Das Fenster ist schmutzig, aber er ist fasziniert von der Landschaft, die sich immer schneller verĂ€ndert. Sein Weg wird ihn auch durch die Berge fĂŒhren. Er hat noch nie Berge gesehen. Nur den Vulkan kennt er. In den Zeiten, in denen der Vater nicht viel Arbeit hatte, erzĂ€hlte er ihm Geschichten von dem Vulkan. Von den Menschen, die den Vulkan liebten und fĂŒrchteten. Der Vulkan sei wie Gott, hatte der Vater gesagt.
Dann waren sie oft zusammen zur Kirche gegangen und der Vater war vor den prĂ€chtigen Jesusstatuen stehengeblieben. Er hatte immer ungeduldig am Arm des Vaters gezerrt, denn draußen hörte er wie die Jungen FußbĂ€lle gegen die Pforten der Kirche schossen, doch der Vater ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

manchmal bekommen wir auch hunger. dann leiten uns die sterne zu kostbaren beeren, die wir gemeinsam verspeisen. die kerne spucken wir hoch in die luft und dann sehen wir den sternen zu, wie sie sich die kerne zuwerfen und mĂŒssen herzlich lachen.

Die Berge beginnen sehr klein. Sie heißen eigentlich HĂŒgel, wĂŒsste er nicht, dass sie die Kinder der großen Berge sind, die bald folgen werden. Durch die Fenster sind es Postkartenberge, die er sieht, ob er auch den Eltern eine Postkarte schreiben wird, wenn er in seiner neuen Heimat angekommen ist. Schnee soll auf ihr zu sehen sein und grĂŒne WĂ€lder. Doch die Leute, die hier neu in den Zug einsteigen, tragen kurze Hosen und T-Shirts, sie sprechen dieselbe Sprache wie er, nur der Akzent ist ein anderer.
Er denkt an die neue Sprache, die ihn erwartet. Einmal waren auch seine Eltern in diesem anderen Land und von ihnen kennt er einige Wörter in der fremden Sprache, er glaubt, wer die fremde Sprache spricht, wird immer sehr ruhig bleiben. Und er denkt an seine Gitarre, die die fremde Sprache nie mögen wird, da ist er sicher. Er muss schlucken bei dem Gedanken an die Gitarre, ganz plötzlich, und da fĂ€llt ihm auf, dass er den ganzen Tag noch auf keiner Toilette gewesen ist. Der Spiegel ĂŒber dem Waschbecken zeigt ihn auf einer Postkarte und da ist er sicher, dass er niemals Postkarten verschicken wird, lieber möchte er den Spiegel in Scherben zerschlagen. Kurz ĂŒberlegt er, es zu tun, doch dann kommt ein Schaffner in den Vorraum der Toilette und möchte seine Fahrkarte sehen.

danach werden die spiele der sterne gewaltsamer, mit dem grĂ¶ĂŸten kern versuchen sie sich gegenseitig vom himmel zu schubsen. wir falten gemeinsam unsere hĂ€nde zu einem korb und tatsĂ€chlich fĂ€llt ein kleiner stern hinein. nun geht die reise leichter, denn wir verbergen den stern zwischen unseren hĂ€nden und er erzĂ€hlt ihnen geschichten, die unsere herzen erwĂ€rmen.

Auf einmal erreichen sie die Grenze. Es werden zwei Grenzen zu passieren sein, auf seiner Reise, doch diese Grenze ist die wichtige und er merkt, dass er aufgeregt ist, als Grenzoffiziere in den Zug kommen und ihn mit grĂŒnen Augen mustern. Jetzt bekommt er auch einen Sitzplatz am Fenster und er sieht den Bergen zu sie wachsen und wie auf ihren Gipfeln Schnee liegt und dann wachsen sie irgendwann nicht mehr, sondern werden kleiner und er wird plötzlich sehr mĂŒde.

manchmal singt unser stern auch ein lied, dann strahlen unsere ohren vor glĂŒck und wir pressen unsere hĂ€nde fest aneinander und halten inne um in unsere augen schauen, die von dem stern erleuchtet werden. da hören wir plötzlich einen aufschrei und es ist der stern, der schreit, wir haben ihn zerquetscht, mit unseren hĂ€nden.

Ihn wecken Grenzoffiziere mit blauen Augen, deren Sprache er nicht versteht und er zuckt zusammen, als er die Maschinenpistole an ihrem GĂŒrtel befestigt sieht. Doch die Augen der Offiziere sind freundlich und sie wenden sich rasch dem nĂ€chsten Passagier zu. Als er aus dem Fenster schaut, sind die Berge noch kleiner geworden. Da lĂ€chelt er, bis aus dem einen Berg das Gesicht seiner Mutter zurĂŒck starrt, doch er kann nicht mehr schlafen. Langsam beginnt das Kribbeln in seinem Bauch und bald fĂ€hrt der Zug weiter und das Gesicht seiner Mutter verblasst immer weiter.

um hilfe flehend schauen wir nach oben zu den sternen, doch sie spielen noch immer mit den kirschkernen und wir knien nieder. wir streicheln und kĂŒssen den kleinen stern, dann bedecken wir ihn mit den saftigsten kirschen und singen ein langes lied fĂŒr ihn. nach der dritten strophe endlich fĂ€llt auch der mond ein und langsam, als gemurmel im hintergrund, schließen sich die anderen sterne dem gesang an.

Immer wieder schaut er ungeduldig auf eine Armbanduhr. Er hat Angst, den richtigen Ausstieg zu verpassen, denn die Durchsagen in der fremden Sprachen sind sehr undeutlich. Als er dann kommt, reißt er die ZugtĂŒr auf. Ihm strömt kĂŒhlere Luft entgegen, als er sie kennt, doch er hĂ€lt den Atem an, als er den Boden betritt. Wie ein Witz fĂ€llt es ihm ein, niederzuknien und die Erde zu kĂŒssen, doch dann sieht er am Bahnsteig die Gesichter von drei Bekannten aus seinem Dorf, die schon frĂŒher in das andere Land aufgebrochen sind. Er verlangsamt den Schritt, als er auf sie zugeht, und ihre BegrĂŒĂŸungsworte in seiner Sprache klingen fremd, in der kĂŒhlen Luft des anderen Landes. Sie haben den Arm um ihm gelegt und reißen ihm Rucksack und Koffer aus den HĂ€nden und lachend fĂŒhren sie ihn in ihre Wohnung, die nun auch seine Wohnung sein wird. Sie schenken ihm Bier ein und der Schaum bleibt an dem Flaum seines wachsenden Bartes hĂ€ngen. Sie möchten Neuigkeiten wissen aus dem Dorf, doch er sagt, es gebe nichts neues, er sagt, er sei mĂŒde und als er sich, noch ehe es völlig dunkel geworden ist, in den Schlafsack, dem sie ihm bereitet haben, legt, hört er noch lange ihre Stimmen aus dem Nebenraum. Im Halbschlaf bildet er sich ein, keine Sprache zu kennen, denn ihre Wörter sind ihm fremd.

als wir verstummen schauen wir nach oben und der mond lĂ€chelt uns vorsichtig an. dann halten wir uns wieder bei den hĂ€nden und drĂŒcken sie noch viel fester aneinander als zuvor. langsam nehmen wir unsere wanderung wieder auf, denn der kleine sterne hat uns erzĂ€hlt, dass der weg aus dem wald heraus nicht mehr sehr weit sein wird.

Er liegt noch wach, als sie auf Zehenspitzen in sein Zimmer geschlichen kommen und sich in knarrende Betten legen. Der Geruch von Alkohol und Rauch liegt in der Luft und er bewegt sich unruhig in seinem Schlafsack hin und her. Bald nimmt er ihren ruhigen Atem wahr. Dann steht er auf und schleicht zu dem einzigen, kleinen Dachfenster im Zimmer. Er sieht eine Mondsichel umgeben von unzÀhlbar vielen Sternen. Ganz leise öffnet er das Fenster und atmet die Luft des neuen Landes ein.

es beginnt hell zu werden, als wir eine höhle erreichen, von der aus wir auch schon lichter einer siedlung erkennen können. die höhle ist gerade groß genug fĂŒr uns und wir kriechen hinein. sie hat viele gĂ€nge, wir wĂ€hlen den engsten. als der gang sein ende erreicht hat, legen wir uns ineinander verschlungen auf die erde und fallen gleichzeitig in tiefen schlaf.

Er schließt es, als ein Regentropfen auf seine Nasenspitze fĂ€llt.

in unseren trÀumen sind wir bedeckt von einer sternendecke und wir werden von ihren liedern geweckt. dann spielen wir verstecken und die sterne finden uns nicht, denn unser versteck ist der mond.


II.
der mond selbst weckt uns auf. wir begrĂŒĂŸen uns mit einem kuss und schleichen und schleichen aus der höhle in die dunkelheit. dort beginnen wir zu zittern, denn es sind viele wolken am himmel und nur der mond und zwei sterne sind schwach erkennbar.

Es ist der erste Tag, wo er auf den Rat des Freundes hört und seine Haare mit einem Gummi zusammenbindet. Die Arbeit in der Fabrikhalle ist anstrengend und eintönig. Zumeist arbeitet er mit entblĂ¶ĂŸtem Oberkörper und immer wieder schaut er auf die Uhr, doch die Zeiger bewegen sich nur langsam voran.
Die Arbeit macht ihm eigentlich keine MĂŒhe und die Bezahlung ist ausgezeichnet. Selbst die Augen der Mutter wĂŒrden kurz aufleuchten, ehe sie in den ĂŒblichen Blick zurĂŒckfielen, wenn sie den Betrag hören wĂŒrde. Seine Bekannte sind in einer anderen Fabrik untergekommen, doch der Verdienst ist der gleiche.
Mit den anderen Arbeitskollegen hat er keinen Kontakt, er versteht sie nicht und sie verstehen ihn nicht, nur wenn er in der Pause ein ganzes Brot auspackt und hineinbeißt, wĂ€hrend sie einzelne, ĂŒbereinander geklappte Scheiben aus ihren RucksĂ€cken holen, sieht er ihre Blicke auf ihm Ruhen. An guten Tagen lacht er ihnen Schulter zuckend entgegen, an schlechten schaut er zu Boden, und wartet, sich wieder den unfertigen Maschinenteilen zuwenden zu können.

wir frieren und nur unseren hĂ€nden gelingt es, sich mut zuzusprechen. der weg ist weniger beschwerlich, wir laufen ĂŒber weite felder und manchmal beginnen wir uns zu jagen, bis wir ins feuchte gras fallen und unsere augen den mond suchen, der uns gleichgĂŒltig entgegen schaut. dann bekommen wir angst.

Er hat jetzt schon viele andere Leute aus seinem Land kennengelernt. Manche von ihnen bringen blonde MĂ€dchen mit. Die rauchen mit blauen Augen und lachen. Manche von ihnen haben eine Gitarre und wenn sie sich an den Abenden zum Kartenspielen treffen, leihen sie ihm sie manchmal aus. Seine Augen sind geschlossen, wĂ€hrend er die Melodien zupft. Wenn danach alle schweigen, strahlt er glĂŒcklich und streicht in seinem Kalender einen weiteren Tag durch, den er abwarten muss, bis er seine eigene Gitarre kaufen kann.
HĂ€ufig fallen die anderen auch mit verrauchten MĂ€nnerstimmen, die vor noch nicht langer Zeit Jungenstimmen waren, in seine Melodien ein. Sie singen im Rhythmus der Wellen des Meeres, das hinter dem Schwarz seiner Augen entsteht. Der Wind blĂ€st ihm die Haare vors Gesicht und er spĂŒrt Sand und Salz auf seiner Haut. Manchmal lĂ€sst er dann seinen BĂ€renschrei ertönen und die anderen lachen und klopfen auf seine Schulter und reichen ihm GlĂ€ser mit Bier und Wein. Er trinkt von allem.

angst lĂ€sst uns schnell weiter eilen, doch feld folgt auf feld. weil wir plötzlich hungrig werden, stopfen wir grashĂ€lme in uns hinein, bis die felder leer sind. hoch oben finden wir einen jĂ€gersitz und legen uns hinein. wir hören das schießen aus anderen jĂ€gertĂŒrmen. so fest umschlungen wir auch sind, die bilder der erschossenen rehe lassen uns kein auge schließen. als es hell wird, lauschen wir den schlĂ€gen des regens. der jĂ€gersitz ist undicht.

Danach wird er schrecklich mĂŒde. Er lĂ€sst sich fallen, liegt halb am Boden halb auf StĂŒhlen und hĂ€lt die Augen halb geschlossen. Das Leben ist so leicht. Schlafen essen schlafen essen musizieren. Er lacht. Kurz streift sein Blick das Haus, wo er geboren wurde. Ein kleiner Junge mit krausem Haar. Eine Mutter, die ĂŒber das Haar streicht und die Stirn runzelt, es ist ihrem so Ă€hnlich. Ein Ă€lterer Bruder, der ihn wegwerfen möchte, er wĂŒnscht eine kleine Schwester. Er ist aber ein Junge. Der Atem von blonden MĂ€dchen an seinem Ohr. Sie umarmen, „eigentlich bin ich du“, Lachen an seinem Ohr, ach ja, es ist so schön, jung zu sein. Er hilft viel im Haushalt. Die Mutter ist eine strenge Frau. Die Mutter opfert sich auf, fĂŒr den großen Bruder.
Der Vater nimmt ihn mit aufs Feld. Die Arbeit bei heißen Temperaturen ist noch viel anstrengender. Er hat Kraft. Er möchte den MĂ€dchen seine Muskeln zeigen, sie werden beeindruckt sein. Er riecht an blonden Haaren. Der Geruch vermischt sich mit MandelbĂ€umen auf sandigem Boden. Das Feld riecht gut. Er beginnt, durch den Mund zu atmen.

als durchnĂ€sste machen wir uns weiter auf den weg. wir möchten uns gegenseitig wĂ€rmen, wir möchten uns mut zusprechen, doch unsere hĂ€nde sind kalt. der himmel ist tiefschwarz und wir hören schĂŒsse. Wir möchten uns verstecken, doch wir sind auf weitem feld. wir fallen zu boden. wir klammern uns aneinander und verbergen uns ineinander. wir möchten unsere trĂ€nen stillen. sie vermischen sich mit regenwasser.

Am Morgen bewegen sich die blonden MĂ€dchen und er hört SchlĂŒssel umdrehen im Badezimmer. Er reibt sich den Schlafsand aus den Augen und weiß, dass auch er aufstehen muss. Als die blonden MĂ€dchen aus dem Badezimmer kommen, begrĂŒĂŸen sie andere mit KĂŒssen und seine Lippen werden hart, als er aus dem Fenster schaut und in den grauen Himmel sieht. Er denkt an den Balkon, der sich an das Zimmer, das er mit seinem Bruder teilen musste, angeschlossen hat. Morgens stand er am Balkon und sah das Meer am Horizont. Man konnte sehen, ob es wild war oder nicht. Er lĂ€uft allein in die wilden Wellen und krault immer weiter, bis er alle Leute hinter sich lĂ€sst. Auch dann verlassen ihn seine KrĂ€fte nicht, er möchte schwimmen bis er auf neues Land trifft, neues Land entdecken.
Wellen durchschĂŒtteln ihn und es sind die HĂ€nde seiner Bekannte, die ihn kitzeln, er muss sich beeilen, man muss pĂŒnktlich sein, in den Fabriken des neuen Landes.

auf allen vieren kriechen wir weiter, unsere körper sind voller schlamm und hĂ€ufig stoßen wir auf steine. sie schĂŒrfen unsere haut auf und wir werden immer langsamer und meinen, uns im kreis zu drehen. wir kriechen weiter, als sich blut mit unseren trĂ€nen vermischt. Es wird vom regenwasser verdĂŒnnt.

Der Kopf ist schwer bei der Arbeit, er muss viel Kraft haben, dass er ein solches Gewicht auf seinen Schultern tragen kann. Er gönnt sich Momente, in denen er den Kopf auf die Platte legt, kurze Momente, die Ewigkeiten bedeuten und es ist der Pantoffel der Mutter, der ĂŒber dem Kopf hĂ€ngt. Es bringt nichts, den Pantoffel zu besĂ€nftigen, man muss weglaufen, doch es ist ihr Schrei, den man nie vergisst, der Schrei einer Sterbenden, die jeden Tag stirbt und wieder geboren wird, die sich ewig Aufopfernde. Dann ist der Pantoffel nass und kalt und die Stimme der Mutter ist tief und fremd. Der Pantoffel wird behutsam ĂŒber seine Haare gestrichen, sie macht sie kaputt, die Haare sind sein ganzer Stolz, die Gitarre hat sie schon zersplittert. Die Stimme spricht seinen Namen fremd aus, sie kommt aus mehreren MĂŒndern, sie hebt ihn hoch. Der Kopf wird auf weiche Kissen gebettet, es ist geschafft, er hat ihn halten können. Erschöpft schließt er seine Augen, wenn man sie geschlossen hĂ€lt, ist der Kopf nicht so schwer, wenn man sie geschlossen hĂ€lt, kann einen niemand sehen.

„durchhalten“, flĂŒstern wir in unsere ohren, „durchhalten, einfach durchhalten“ und wir kriechen weiter und wir hinterlassen eine blutspur. als es wieder heller wird, setzt der regen aus und wir haben keine trĂ€nen mehr. wir liegen mitten auf dem weiten feld in unseren armen und schlafen sofort ein. wĂ€hrend wir schlafen, kommt ein windstoß, der uns auseinanderreißt.

Er schlĂ€gt die Augen auf, um ihn ist weiß, weißes Kopfkissen, weiße Bettdecke, weiße Wand. Die TĂŒr öffnet sich und eine blonde Frau mit Falten tritt ein, sie lĂ€chelt und sagt fremde Wörter und bringt ihm heißen Tee, den er trinken muss, dann geht sie wieder und er trinkt den Tee und schlĂ€ft ein. Dann kommt einer aus seinem Land, der in derselben Fabrik arbeitet, er ist alt und hat ein Gesicht wie der Ă€lteste Bruder. Da weiß er, dass er tapfer sein muss. Und er ignoriert den schweren Kopf, beißt die ZĂ€hne zusammen, steigt aus dem Bett, faltet die Decke ordentlich, kippt den Rest des Tees aus dem Fenster und geht nach Hause. Die Wohnung ist leer und er legt sich in sein Bett und ihm ist kalt. Er heizt, obwohl sie kein Geld dafĂŒr haben, er hockt sich mit WĂ€rmflasche vor die Heizung, doch die KĂ€lte hört nicht auf.

in unseren trĂ€umen sind wir steifgefrorene inmitten von sonnenschein, wir sind unbeweglich und tot und man hĂ€lt uns fĂŒr steine aus urzeiten.


III.
tage vergehen, bis sonnenstrahlen uns zum schmelzen bringen, es ist schmerzhaft plötzlich so weich und beweglich zu werden und wir wĂŒnschen uns zurĂŒck in unsere zeit als erfrorene.

Die Bekannten nehmen ihn mit in Diskos und sie geben ihm viel zu rauchen und zu trinken. Er nimmt von allem, was sie haben und dann tanzt er blass und mit großen Augen. Beim Tanzen vergisst er alles, er ist in der großen Kirche des Ortes, dort, wo nur der Priester hin darf und sein Blick ist nach oben gerichtet zu den prĂ€chtigen Zeichnungen des berĂŒhmten Malers, der, als er fast fertig war, von der Leiter fiel und starb, das machte ihn so berĂŒhmt, er kommt den Zeichnungen immer nĂ€her, bald unterscheidet er sich nicht mehr von ihnen, bald ist er Teil der Zeichnung. Die Gottesmutter, Jesus, die Engel, alle erweckt er sie zum Leben, sie lĂ€cheln ihn an und heißen ihn willkommen und als Jesus ihm seine Hand reicht, ist sie behaart und verschwitzt und seine Augen sind dunkel und er hat lange schwarze Haare und einen Schnurrbart, „wir mĂŒssen weg hier“ sagt Jesus und zieht ihn nach draußen, durch den Regen in eine Wohnung, in der es selbst an der Heizung furchtbar kalt ist. Und dann ist Jesus nicht mehr Jesus, Jesus wird wild und unberechenbar und er versteckt sich unter der Heizung und kriecht erst heraus, als er am nĂ€chsten Morgen TĂŒren schließen hört.
Er spĂŒrt das BedĂŒrfnis zu pinkeln und ihm fĂ€llt ein, dass es ein Badezimmer gibt, in dieser Wohnung. Er uriniert langsam und lange, als er aus dem Bad geht, fĂ€llt sein Blick auf eine Scheibe, versehentlich. Er muss sich an der TĂŒr festhalten um nicht umzukippen, die andere Hand bekommt das Waschbecken zu fassen. Er atmet tief, mehrmals, dann dreht er das Waschbecken auf, kaltes Wasser auf seinem Gesicht, er friert, immer mehr kaltes Wasser, er zittert, kaltes Wasser macht wach, er friert, kaltes Wasser.
Er schlĂ€gt mit dem Kopf gegen die Wand, dann noch mehr kaltes Wasser. Endlich ist er wieder bei Verstand, was ist nur mit ihm gewesen, hat er Drogen genommen, er ist schon zu spĂ€t fĂŒr die Arbeit, sie werden ihn feuern, er braucht Geld, er will es ihnen zeigen, ihnen allen.

als wir halb geschmolzen sind, tasten unsere hĂ€nde wieder nacheinander. wir zucken zusammen, als sie sich berĂŒhren, es ist ein schock, der tief durch unsere herzen bleibt, doch dann kleben sie aneinander, nie mehr können wir die hĂ€nde voneinander lösen, wir sind aneinandergewachsene.

Er torkelt aus der Wohnung, die Treppe herunter, er hĂ€lt sich mit verschwitzen HĂ€nden am TreppengelĂ€nder fest. Er irrt durch die Stadt, es regnet und er hat die Jacke vergessen, immer wieder hĂ€lt er sich an Straßenlaternen fest, bevor er wieder Mut fast und bis zur nĂ€chsten torkelt. Er schlĂ€gt den Kopf gegen die Straßenlaterne, leicht und der Schmerz tut gut, er beißt sich auf die Zunge. Er umarmt eine Straßenlaterne und dann vergisst er, wo er eigentlich hinwollte, aber das macht nichts, von Straßenlaterne zu Straßenlaterne, immer weiter.

unsere hĂ€nde ziehen auch den rest unserer körper aneinander. als wir nur noch ein körper sind, stehen wir auf, wir sind nun dreifĂŒĂŸler und wir mĂŒssen laufen lernen, wir können uns nur aneinander festhalten, doch am horizont erscheint der mond.

Schließlich setzt er sich unter eine Straßenlaterne, er lehnt den Kopf an sie und sie ist rauh und stark und er kann die Augen nicht weiter offen halten. Menschen laufen an ihm vorbei, sie sagen alle dasselbe Wort, es ist aus der fremden Sprache, es bedeutet kalt. Sie werden immer lauter, er spĂŒrt, dass es gleich aufhören muss, dass es platzen wird, doch dann halten sie inne, ganz kurz. Sekunden spĂ€ter setzen sie mit leisem Gemurmel wieder ein, „Mutter“, sagen sie, „Mutter“, immer wieder, in seiner Sprache. Der Regen fĂ€llt bestĂ€ndig auf seien Haare, er öffnet den Mund und bald hĂ€ngen die Haare in seinem Mund, bald rutscht sein Kopf zu Boden, der Boden ist weich und die Schritte der Leute entfernen sich.

nun werden wir schneller und schon bald erkennen wir einen hohen berg, dem wir uns stĂ€ndig nĂ€hern, ihn mĂŒssen wir noch erklimmen, dann ist es geschafft.


IV.
Er trĂ€gt nur eine Badehose und er liegt am Strand. Er ist zugedeckt mit der Sonne und er schaut den Menschen zu. Kinder ĂŒbertreffen sich darin, Sandburgen zu bauen, Gruppen Jugendlicher schubsen sich gegenseitig ins Wasser, alte Ehepaare gehen am Strand spazieren, ein MĂ€dchen ist am tiefsten von allen im Wasser. Sie hat eine beachtliche Kondition und bald erreicht sie die letzte der drei SandbĂ€nke, nach denen das Meer richtig tief wird. Sie richtet sich auf, dort, ihr reicht das Wasser nur bis zur HĂŒfte, sie winkt ihm zu, lachend und dann stĂ¶ĂŸt sie einen Jubelschrei aus. Sie lĂ€uft durch das Wasser bis sie das Ende der Sandbank erreicht und immer weiter, bald sieht er sie nicht. Doch dann taucht ein Delfin auf, er nĂ€hert sich dem Ufer, nur er kann ihn sehen.

es ist völlig dunkel, als wir vor dem berg stehen. es sind so viele sterne am himmel wie nie zuvor, und bevor wir mit dem aufstieg beginnen, kĂŒssen wir uns lang und innig. der berg ist rauh und wir mĂŒssen aufpassen, dass wir nicht stolpern, mehrere male sind wir kurz davor. wenn wir erschöpft sind, suchen wir uns eine etwas flachere stelle und sehen die sterne an. sie sind beschĂ€ftigt, doch sie wollen uns nicht verraten, was sie tun. aber sie lĂ€cheln und aufmunternd zu, und dann wissen wir, dass die nĂ€chste etappe bevorsteht.

Er schlĂ€gt die Augen auf, doch dann sieht er keine Sonne am Himmel. Nur Sterne, tausende von Sternen sieht er, und einen Vollmond und er atmet tief durch. Als er ausatmet, erkennt er seinen eigenen Atem, er glitzert und in seinen Augen spĂŒrt er plötzlich TrĂ€nen. Er reibt sie sich gemeinsam mit Schlafsand aus den Augen und tastet die Umgebung an. Er hat geschlafen, an einen großen Baum gelehnt, es muss ein Nadelbaum sein, denn am Boden liegen lauter Spitze Nadeln, der Baum ist groß und der Stamm sehr breit. Er presst sein Gesicht gegen den Stamm, sehr fest, und seine Lippen flĂŒstern dem Baum ein Wort zu, „Mutter“, sagen sie, in der neuen Sprache. Dann tastet er den Boden ab, unter den Nadeln ist feuchte, warme Erde, dunkler als Sand. Er riecht an ihr und diesmal flĂŒstert er „Mama.“

endlich stehen wir am gipfel, es ist ziemlich gefĂ€hrlich, wir könnten tief hinabstĂŒrzen, doch davon merken wir nichts. wir schauen nach unten und blicken in geheimnisvolle flĂŒssigkeit. sie hat wellen und in ihr spiegeln sich die lichter der sterne wieder. „wer dort hineinfĂ€llt, wird zu einem stern“, flĂŒstert der mond und wir schauen nach oben und der mond ist so voll, wie wir ihn noch nie gesehen haben.

Erst jetzt fĂ€llt ihm die Decke auf, die ĂŒber ihn liegt. Sie ist aus vielen bunten Flicken zusammengesetzt und jemand muss sie ĂŒber ihn gelegt haben, wĂ€hrend er schlief. Neugierig riecht er an der Decke und sie riecht unsagbar gut.

auf einmal ertönt leise gitarrenmusik, wir schauen uns um, doch die klÀnge kommen aus jeder richtung und aus keiner.

Auf einmal ertönt leise Gitarrenmusik, er schaut sich um und da kommt eine Gestalt aus der SchwĂ€rze zu ihm geschlichen. Es muss ein Engel sein, sie hat blondes Haar und trĂ€gt ein silbernes Kleid, das in der Dunkelheit nur so schimmert. Sie ist lautlos und setzt sich dicht neben ihn. Ohne ein Wort zu sagen, breitet sie die Decke ĂŒber sie beide aus und ihm ist viel wĂ€rmer als zuvor.
„Wer bist du?“ möchte er sagen, aber die Worte bleiben ihm im Hals stecken, doch er ist sicher, dass sie ihn trotzdem verstanden hat. Sie schweigt.
Er sucht ihren Blick, sie hat blaue Augen, in denen Delfine tanzen.
Lange sitzen sie nebeneinander, schweigend.
Dann hören sie Vogelgezwitscher, von Fern und endlich sucht sie seinen Blick. Sie fixiert seine schwarzen Augen.
Als er sie schließt, beginnt sie zu sprechen.

wir sind gĂ€ste. auserwĂ€hlte zum festmahl der sterne. wir springen ins wasser und springen in den himmel und werden begrĂŒĂŸt wie könige. wir speisen kost, die uns staunen lĂ€sst. wir trinken, was uns befreit. wir lauschen den geschichten der sterne, doch wenn wir etwas sagen wollen, sind wir tonlose. wir berĂŒhren einander stĂ€ndig, doch wir brauchen keine worte.
nach dem essen versammeln sich die sterne zum gemeinsamen musizieren. der mond ist ihr dirigent. wir kuscheln uns aneinander und lauschen der sternenmusik. manchmal sehen wir uns an. dann kĂŒssen wir uns lange.
Ineinander verschlungen schlafen wir ein und die sterne singen in uns bis zum morgengrauen. in unseren trÀumen sind wir zugedeckt von den schönsten aller sterne. wenn wir aufwachen, fallen wir als sternschnuppen vom himmel. wir fallen ins tiefe meer und werden niemals auftauchen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!