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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Augen
Eingestellt am 16. 05. 2003 09:10


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YouRs
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Registriert: Apr 2003

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Mach mich auf den Heimweg.
Hab wie jeden Freitag um 14:00 Uhr Schluss gemacht, muss ja stets noch diesen Termin in der Stadt wahrnehmen.
Endlich im Auto, CD rein ... 'killing yourself to live'.

Schon ziemlich viel Verkehr f├╝r diese Zeit.
Muss an der ersten Ampel l├Ąnger warten als sonst ├╝blich.
Drehe die Musik auf heavy und endlich klappt's auch mit dem Linksabbiegen.
Verlasse die Ortschaft. Freie Fahrt.
Und, es beruhigt ungemein, dass sich die Blechlavine in Reih und Glied erst nach mir ├╝ber den Asphalt qu├Ąlt.
Auf der Gegenfahrbahn rollt er ebenfalls, der bekannt-hektische Freitagsnachmittagsfeierabendverkehr.
Aber ich, ich habe freie Fahrt.

Blicke nach vorn.
Was ist das?
Irgendwas ist da seltsam, da vorne ...
Da vorne, so etwa f├╝nf- bis sechshundert Meter vor mir, sehe ich etwas kleinbus├Ąhnliches quer ├╝ber meine Fahrbahn stehen.
'Der geh├Ârt doch da nicht hin! Wieso steht der so? Dort gibt's doch keine Ein-/Ausfahrt weit und breit!'

Komme schnell n├Ąher.
Gehe vom Gas, rolle langsam heran.

'Der ist gecrasht, heftig gecrasht!' ...

Bin benommen ...

Halte, wie auch alle die da hinter mir ...

Kurzes ├╝berlegen ...

Griff zum Handy, steige aus.

Entsetzte, fassungslose Menschen nehme ich wahr, doch nur wenige stehen um diesen Kleinbus herum.
Die Stra├če ist ├╝bers├Ąt von Glasscherben.
'Der ist mit seiner Kiste voll in einen Baum gerast.'
Weder Hektik noch Panik, nur dieses fassungslose Entsetzen steht auf den Gesichtern der M├Ąnner, die helfen wollen.
Ich versuche n├Ąher heranzugehen, doch nur z├Âgernd vermag ich Schritte zu setzen.
Von meiner Seite aus ist unwichtiges zu erkennen, wichtiges zu erahnen.
Ein ├Ąlterer Mann, der das Handy in meiner Hand sah, kommt auf mich zu und fordert mich mit fester Stimme auf die Polizei zu verst├Ąndigen.
Laute Rufe nach einem Krankenwagen, nach der Feuerwehr.
'Er ist eingeklemmt und schwer verletzt!'

W├Ąhle.
Der erste Versuch misslingt, zu sehr zittern mir die H├Ąnde.
Endlich ...

Was ich von mir gab, wie ich es hinbekam eine detaillierte Ortbeschreibung abzugeben, ich wei├č es nicht mehr.
Hielt mich standhaft fern vom Geschehen, doch die Stimme am Telefon wollte alles ganz genau wissen. Diese Stimme befahl mir es ganz genau zu wissen! Und so ging ich herum, ging um diesen Kleinbus herum und sp├╝rte wie mir die Knie weich wurden.

Die T├╝r auf der Fahrerseite stand ├╝berweit offen. Sie hing da irgendwie rum.
'Hat keinen Sinn, er ist heftig eingeklemmt.' Ruhig sagte mir dies der Mann, der dort vorn am Wagen stand. Und ich, ich wiederholte seine Worte ins Telefon.
Und nun, grad dies, dies wollte ich nicht! Dies wollte ich vermeiden, um alles in der Welt vermeiden! Nur, es ging nicht.

Dort, ein lebloser K├Ârper auf dem Fahrersitz. Seltsam in sich ruhend schien er nur vom Gurt gehalten. Das Armaturenbrett, eingedr├╝ckt, stand beinahe, genauso, auf Sitzh├Âhe. Ein Oberk├Ârper, zur Seite gesackt, hing leicht hinaus. Ein Kopf, seltsam zur Seite geknickt, lag auf einer Schulter. Blut, ├╝berall Blut!

Stellte das Handy aus ...

Und wieder, wieder sah ich hin.
Ich wollte es nicht und doch, doch tat ich es.

Und pl├Âtzlich, pl├Âtzlich bewegte sich der leblose K├Ârper!
Ich erstarrte ...

Ohnmacht!

Und ich konnte nicht, konnte nicht weg ...

Der K├Ârper versuchte sich aufzurichten, doch vergeblich. Er hob seinen Kopf.

SCHMERZ

Und, er sah mich an.
Mein Gott, er sah mich an!
Diese Augen, diese Augen! Diese Augen trafen mich. Sie trafen mich mitten ins Mark. Sie ersch├╝tterten alles was in mir zu leben schien. Diese blutenden, flehenden Augen fragten mich 'Was ist geschehen? Was hab ich gemacht? ich wollte doch nur ... . '

Und ich sah in diese Augen.
Und ich sah all den Schmerz, all die Hilflosigkeit, all die Ohnmacht, all das Leid, all die Verzweiflung, all die Hoffnungslosigkeit. Ich sah all das, was kommen wird. Ich sah all die n├Ąchsten Stunden, die n├Ąchsten Wochen, die n├Ąchsten Tage, die n├Ąchsten Monate, die n├Ąchsten Jahre. Ich sah all die kommenden unglaublichen Tiefen menschlichen Empfindens und dieses unfassbare Ausgeliefertsein, diesem grausamen Gesundheitswesen ausgeliefert sein, der Arroganz der Wei├čkittel, dieser menschenverachtenden B├╝rokratie, dieses erniedrigende sich Rechtfertigen m├╝ssen, dieses stete Rechtfertigen, dass man nicht gesund.

Alles um mich herum war so unwirklich ...

Und ich sah in diese Augen ...

Und pl├Âtzlich sah ich mich. Ich sah in meine Augen und ich sah in ihnen all die Zeit, die zur├╝ckliegt.
Und um alles in der Welt wollte ich mir Trost spenden, f├╝r mich da sein, meinen Kopf in meine Arme nehmen, mich besch├╝tzen und all das kommende unsagbare Leid abwehren, doch es ging nicht, es ging nicht.
Konnte nichts tun, mich nicht bewegen, nicht's denken, nicht's ...

Hab meine Karte dagelassen. Wie ich nach Haus kam wei├č ich nicht mehr.

(┬ę YouRs, 2003)

__________________
Geldleute lesen gr├╝ndlicher als B├╝cherliebhaber. Sie wissen besser, was f├╝r Nachteile aus fl├╝chtiger Lekt├╝re entstehen k├Ânnen. (Bert Brecht)

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