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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Augenblicke
Eingestellt am 11. 03. 2006 20:26


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Nieselregen
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Registriert: Jan 2005

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Augenblicke

Sie schwamm in einem glitzernden See, der umgeben war von einem duftenden Wald. Auf des Sees spiegelglatter OberflĂ€che tanzten helle Lichtreflexe. In der Luft schwang Ruhe und Frieden. ZĂ€rtlich umspĂŒlte sie das kĂŒhle Wasser. Dieses schimmernde blau und grĂŒn, dieses goldene Licht das ihr das GefĂŒhl gab erst richtig zu leben, es war als wĂŒrde sie direkt in die leuchtenden Augen ihres Liebsten blicken.

Mit einem Ruck kam der Bus zum Stehen. Verdattert schreckte sie hoch. Sie musste eingeschlafen gewesen sein. – Was fĂŒr ein schöner Traum dachte sie noch, dann hörte sie die kĂŒnstlich klingende Stimme des Lautsprechers die Bushaltestelle an der StĂ€dtischen Klinik ansagen.
Oh, jetzt aber schnell! Hier musste sie aussteigen. Hastig griff sie nach der Tasche mit dem Multivitaminsaft und dem selbst gebackenen Streuselkuchen, den Horst so ganz besonders liebte.
Vor noch gar nicht so langer Zeit, kurz bevor er so schwer krank wurde, hatte sie auch welchen gebacken. Sie war in der KĂŒche am werkeln gewesen, da hatte er sie von hinten umarmt und mit einem genĂŒsslichen Knurren in der Stimme gesagt:
„Hmmm, wird das ein Streuselkuchen? Wenn Liebe einen Geruch hĂ€tte, wĂŒrde sie riechen wie dein frisch gebackener Streuselkuchen.“
Und dann hatte er sie mitten aufs Ohr gekĂŒsst. Sie hatte so unheimlich lachen mĂŒssen, denn sie konnte sich nicht richtig wehren, weil sie mit beiden HĂ€nden im Hefeteig steckte, der sich noch in einem sehr klebrigen Stadium befand.
Jetzt lĂ€chelte sie ĂŒber diese freundliche Erinnerung.
Der Bus fuhr ab und blies eine stinkend schwarze Wolke in die Luft, die einen öligen Geschmack auf ihrer Zunge hinterließ.
Sie ging an der rotweißen Schranke und dem TorwĂ€rterhĂ€uschen vorbei auf das KlinikgelĂ€nde.
Die Straße, die zum großen HauptgebĂ€ude der Klinik fĂŒhrte, ging steil bergauf. Sie keuchte nach Atem ringend. An manchen Tagen wurde ihr die Luft ein bisschen knapp, das Alter hatte sie kurzatmig gemacht. Sie blieb stehen, stellte ihre Tasche ab und kramte in ihrer Manteltasche nach einem Taschentuch. Laut und vernehmlich schnĂ€uzte sie sich und wischte verstohlen die TrĂ€nen weg, die begonnen hatten ihr ĂŒber die Wangen zu rollen. Seit fĂŒnfundfĂŒnfzig Jahren waren sie schon miteinander verheiratet, sie und ihr Horst. Die innige Liebe und die Harmonie, die das Wesen ihres gemeinsamen Lebens waren, wĂ€rmten sie selbst nach diesen vielen Jahren noch wie ein guter Wintermantel.
Nun war er so schlimm krank geworden. Irgendetwas im Bauch, der Arzt hatte versucht es ihr zu erklĂ€ren, doch sie hatte die vielen medizinischen AusdrĂŒcke nicht verstanden. Sie verstand nur das eine: Ihr Liebster, ihr ein und alles, derjenige, welcher der Rhythmus ihres Herzschlags war, lag in diesem hĂ€sslichen kalten GebĂ€ude und der Tod hatte vielleicht schon seinen Schatten ĂŒber ihn gebreitet.
Sie kam an dem kleinen Kiosk vorbei an dem es Zeitschriften, allerlei Krimskrams und auch Blumen zu kaufen gab. Normalerweise wĂ€re es ihr hier zu teuer gewesen; sie vermutete, dass die BlĂŒten hier nicht so frisch waren wie in der GĂ€rtnerei in der sie sonst immer einkaufte. Trotzdem gab sie ihrem inneren Impuls nach und betrat den Laden um ein StrĂ€ußchen Veilchen zu besorgen.
Die Hand um das kleine Bukett gekrampft wartete sie auf den Aufzug.
Ungebeten und gemein schlich sich die Vorstellung in ihren Kopf, wie es sein wĂŒrde wenn er tatsĂ€chlich sterben wĂŒrde. Wie eine böse dornige Liane wand sich hĂ€ssliche Angst in ihr hoch und umklammerte ihr Herz. Sie schwankte etwas und lehnte sich haltsuchend fĂŒr einen Moment an die Wand.
Sie stieg in den Aufzug. Die trostlose, etwas schmutzig wirkende Kabine ruckte leicht als der Fahrstuhl anfuhr. Der Sog, der beim Hinauffahren entstand, schraubte ihre Angst hoch zur Panik. Deutlich sah sie den Stationsarztes vor sich, der ihr mit betrĂŒbtem Blick verkĂŒndete, dass sie zu spĂ€t kam.
In ihren Ohren hallte es wieder und wieder: „Zu spĂ€t – zu spĂ€t!“ In ihrem Mund bildete sich ein bitterer Geschmack. Ihr war, als wenn sie sich gleich ĂŒbergeben mĂŒsste. Ihr lieber Horst, sagte der Arzt vor ihrem inneren Auge, sei leider gerade verstorben.
Das Herz schlug ihr schwer bis zu Hals. Ihre HĂ€nde schwitzten und das kleine StrĂ€ußchen begann schon unter ihrem allzu festen Griff zu leiden.
Auf dem spiegelblank geputzten Linoleumboden des Flurs klackten ihre Schuhe bei jedem Schritt, als sie auf das Krankenzimmer mit der Nummer 376 zuging. In ihren Ohren klang das, wie der letzte Stundenschlag zum JĂŒngsten Gericht. Sie langte nach der TĂŒrklinke.
Eine der Krankenschwestern eilte auf dem Weg ins Schwesternzimmer an ihr vorbei.
„Guten Tag“ lĂ€chelte sie: „Ihrem Mann geht es heute schon wieder viel besser.“
Es war wie bei einem Sonnenstrahl, der durch eine LĂŒcke in einer dicken, grauen Wolkendecke huscht und sogleich wieder verschwindet. Er erhellt nur kurz das GemĂŒt und weil er so schnell wieder entschwunden ist, ist man sich hinterher gar nicht mehr sicher, ob er wirklich da gewesen ist.
Unsicher betrat sie das Krankenzimmer. Horst saß aufrecht in seinem Bett:
„Ah, mein Liebes! Da bist du ja!“ Rief er fröhlich und da leuchtete er ihr wieder entgegen, dieser helle lebendige Glanz in seinen Augen.


__________________
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft.

Marie von Ebner-Eschenbach

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Sno
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2006

Werke: 2
Kommentare: 4
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Schreckliche Augenblicke

Hallo Nieselregen,

solche angsterfĂŒllten Augenblicke, die wirklich schrecklich sind, können einem wirklich zu schaffen machen. Besonders dann, wenn man sich in irgentetwas hineinsteigert, das zwar passieren könnte aber tatsĂ€chlich kein Anlass besteht, solche Ängste zu entwickeln. Solche Augenblicke sind wirklich kurz, in Deiner Geschichte dauert er nur vom Bus bis ins Krankenzimmer und doch können sie unertrĂ€glich lang sein. Ein schöner Text. Lediglich zwei Dinge sind mir aufgefallen: 1. Im zweiten Absatz: "Sie mußte eingeschlafen gewesen sein" kannst Du das "gewesen" glaube ich weglassen. Wahrscheinlich ist es grammatikalisch richtig aber ich bin total daran hĂ€ngen geblieben. 2. Überlege, ob Du die Angst lieber wie eine blöde dornige Ranke emporwinden lassen möchtest, da ja Lianen eigentlich recht schlaff von BĂ€umen hĂ€ngen und Tarzans daranhĂ€ngen.

Liebe GrĂŒĂŸe, Sno
__________________
Wenn ihr den Gipfel des Berges erreicht habt, dann wird euer Aufstieg beginnen.

Khalil Gibran

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