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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Aus dem Sumpf
Eingestellt am 09. 07. 2008 22:00


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are-T
Hobbydichter
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Aus dem Sumpf

Michael ist 21 Jahre alt, arbeitslos, seit seinem 15 Lebensjahr Halbwaise und langjĂ€hriges Mitglied bei den Jung-Nationalen. FĂŒr ihn ist des Leben in seiner Kleinstadt dĂŒster und hoffnungslos. Trost und Gleichgesinnte findet er nur bei den wöchentlichen Parteisitzungen. Außer den Fragen, wie er weiterhin sein Arbeitslosengeld und wie man die Asylanten der Stadt am besten loswerden könne beschĂ€ftigt ihn nicht vieles. Dies Ă€ndert sich als eine junge Frau in sein Leben tritt.



Langsam, mich gerade noch auf den Beinen haltend, unkontrolliert wanke ich durch die dunklen Straßen meines genauso dunklen und trostlosen StĂ€dtchens, dem Ort der frĂŒher einmal eine blĂŒhende Industriestadt war. Ich halte mich an einem der alten Bauten, die meinen Weg durch die dĂŒster HĂ€userschlucht sĂ€umen, fest. Nein, dieser Ort ist kein Ort an dem man glĂŒcklich wird, aber dass wird sich Ă€ndern, wenn erstmal die Neger und Araber weg sind. Ja, “sie sind schuld an all unserem Elend. Sie nehmen uns die ArbeitsplĂ€tze und Frauen weg. Sie bringen den Terrorismus in unser schönes Land und sie liegen uns auf der Tasche”, das waren die Worte die der Hermann fĂŒr sie gefunden hat. Recht hat er. Der Hermann, wie wir ihn in der Partei nennen, heißt mit vollem Namen Hermann Kirsche und ist der Vorsitzende der Partei. Gerade komme ich von einer Sitzung, auf der wir beschlossen haben die Schließung des schandvollen GebĂ€udes vor unser schönen Stadt zu beantragen. Es kann nicht sein, dass wir diese Parasiten auch noch mit offenen Armen empfangen. Geschlossen gehört dieses sogenannte Asylheim. Abschieben muss man das Pack; hinauswerfen! Aber außer uns, den letzten waren Deutschen, die sich noch nicht den Kopf von diesen HampelmĂ€nnern in Berlin haben waschen lassen, unternimmt ja keiner etwas gegen diese Kanaken. Aber ich habe mir fest vorgenommen dieses Land nicht weiter verkommen zu lassen. Mit meinen 21 Jahren waren meine VorvĂ€ter schon fĂŒr ihr Land an der Front gewesen; ich kĂ€mpfe an einer anderen Front. Gemeinsam mit meinen Kameraden von den Jung-Nationalen werden wir diese, unsere Stadt wieder sauber machen. Ich torkle, halte mich gerade noch stöhnend an einer der vielen alten kaputten Straßenlaternen fest. Ich schau nach unten in den braunen Matsch vor mir im Straßengraben und muss mich ĂŒbergeben. Ja zum Kotzen ist das Leben hier.



Das war nicht immer so. Erst als 1990 die Bundesrepublik dieses Gebilde aus LĂŒgen und Intrigen ĂŒber uns kam und der Kapitalismus der imperialistischen Staaten uns ausbeutete und dann fallen lies. Von da an wurde meine Stadt zu einer Ruine, einer Stadt in der die Jugend keine Zukunft mehr hat und die Alten krank werden.
Mein alter Herr, zum Beispiel, war lange Jahre Ingenieur, ein wahrer Held der Arbeit, bis sie das Werk, nachdem sie es Jahre lang ausbluten liesen, 1995 geschlossen haben. Weder meine Mutter noch ich konnten ihm den nötigen Halt geben, den er brauchte; er fand ihn in der Flasche. Stetig und unaufhaltsam verschlimmerte sich seine Sucht. Waren es am Anfang nur die 2 Bierchen am Abend mit den frĂŒheren Berufskollegen, die sie sich als Höhepunkt ihres langen und langweiligen Tages, den sie daheim nichtstuend, sich wertlos und verloren vorkommend, verbrachten, gönnten, wurde es immer trauriger. Der Abstieg kam langsam.
Nachdem sich der Alkoholismus meines Vaters steigerte und er nach einem Jahr schon morgens, zum FrĂŒhstĂŒck, das erste Bier öffnete und den Tag abends mit einer halben Flasche Billigfusel beschloss, in dem er den Trost den ihm keiner geben konnte suchte, und sein Selbstmitleid darin zu ertrĂ€nken versuchte, sah ich, damals noch ein Kind, ihn gar nicht mehr nĂŒchtern.
Auch unsere Ersparnisse gingen zur Neige und wir mussten unser kleines HĂ€uschen in der Arbeitersiedlung verkaufen und in einen, schon damals heruntergekommenen, Wohnblock ziehen. Mein Vater, in seinem Frust schlug nun auch meine Mutter und mich, eine harte Zeit fĂŒr uns alle. Seine Gesundheit verschlechterte sich genauso, wie meine schulischen Leistungen. Im Jahre 2000 dann machte ich mit MĂŒhe und Not meinen schlechten Hauptschulabschluss und sein, vom Alkohol ruinierter Körper seinen Lebensstil nicht mehr mit. Mein Vater starb im Alter von gerade einmal 45 Jahren. Ein Schlaganfall raffte ihn dahin, als er gerade wieder meine Mutter schlagen wollte. Trotz seiner BrutalitĂ€t war es ein großer Verlust fĂŒr uns. Und das alles nur, weil so ein paar Kanaken aus Hinderindien, oder woher auch immer, das Werk in dem mein Vater gearbeitet hatte systematisch ausgenutzt und dann ins Ausland verlegt haben.


WĂ€hrend ich mich, vom ĂŒbermĂ€ĂŸigem Alkohol auf der Sitzung sentimentalisiert an all das Leid der vergangenen Jahre erinnere, sinke ich auf die Knie und muss mich nochmals ĂŒbergeben. Ja, dass Leben hier ist wirklich zum Kotzen.”Mein Junge kann ich dir helfen?”, höre ich eine heißere Ă€ltere MĂ€nnerstimme hinter mir. Ich schnelle hoch, oder genauer gesagt versuche es. Ich springe auf und stolpere im selben Moment vorwĂ€rts, kann es jedoch gerade noch vermeiden, in meiner eigenen Kotze zu landen. Jetzt nur keine SchwĂ€che zeigen vor diesem alten Sack. “Verpiss dich Alter, geh nach Hause!” schreie ich ihm ins Gesicht. “Ich wollte nur helfen” stammelt dieser. Ja helfen wollen sie alle, dass ich nicht lache. Sie wollen nur sehen, wie dreckig es mir geht, damit sie sich nicht so elend vorkommen. Reine Schadenfreude treibt sie. Sie wollen sich an meinem Elend hochziehen, Aber nicht mit mir.”Ich werd dir gleich helfen” schnauze ich ihn lallend an und schubse ihn von mir weg. Der Ă€ltere Herr verschwindet eiligst um die nĂ€chste Ecke. Befriedigt setze ich wankend einen Fuß vor den anderen.


Bald erreiche ich auch den schwarzen Klotz, der einst als neues Modell des sozialistischen Wohnens gegolten hatte, nun aber den Mittelpunkt des schĂ€bigsten Viertel meiner Stadt bildet. Krachend fliegt die EingangstĂŒr hinter mir zu. Das monotone Dröhnen meiner Springerstiefel auf den Stufen im kahlen Treppenhaus pocht schmerzend in meinem Kopf. Scheiß Tag - wie jeden Tag.
Ich öffne die TĂŒr unserer Wohnung im 8. Stock und lasse sie hinter mir wieder ins Schloss fallen. Meine Mutter liegt im fahlen Licht, das der laufende Fernseher wirft, im Wohnzimmersessel und schlĂ€ft. Auf dem Bildschirm flimmert eine Dokumentation ĂŒber irgendwelche Nigger in Afrika und ihre Probleme. Wen kĂŒmmert das, wir haben hier genug Probleme. Ich schalte den Fernseher aus und schleppe mich in die KĂŒche, den KĂŒhlschrank anvisiert. Ein Bierchen vorm Schlafengehen geht schon noch. Verdammt heute wieder nur 5 Stunden Schlaf, denke ich wĂ€hrend ich die Flasche an meinen Mund setze und einen krĂ€ftigen Schluck daraus nehme. Morgen geht es zur Berufsberatung in die Nachbarstadt. Berufsberatung, welch Hohn! Die können mir doch sowieso keinen Job anbieten. Seit Jahren schon nicht, also wieso sollte es morgen klappen. Aber hingehen muss ich, sonst gibt es kein Arbeitslosengeld mehr. Schon seit 3 Jahren bin ich arbeitslos. Nachdem ich meine Lehre beendet hatte, wurde ich nicht ĂŒbernommen, weil der Betrieb keine AuftrĂ€ge mehr bekam, weil die Polacken ihnen die AuftrĂ€ge wegnehmen. Scheiß Polacken! Mein Kopf wird schwer und sinkt auf den KĂŒchentisch.

Am nĂ€chsten Morgen wache ich mit schmerzendem Kopf auf, als mir die Sonne durchs verdreckte KĂŒchenfenster ins Gesicht scheint. Meine Mutter ist nirgends zu sehen. Anscheinend ist sie schon arbeiten gegangen. Sie hat versucht durch ihre Stelle als Putzfrau wenigstens ein paar Euro zu verdienen. Eigentlich ein unwĂŒrdiger Job fĂŒr eine Deutsche. Ich sehe auf die Uhr an der Wand. Neun Uhr: höchste Zeit mich auf den Weg zu machen, um mich von der Frau auf dem Arbeitsamt mit Fragen löchern zu lassen. In Erwartung dieser stehe ich in meinen schwarzen Stiefeln der braunen Hose mit HosentrĂ€gern und dem abgenutzten schwarzem T-Shirt an der Bushaltestelle und versuche das HĂ€mmern in meinem Kopf zu verdrĂ€ngen. An und fĂŒr sich bin ich mit meinen ein Meter neunzig und meinem arischen Aussehen, den blauen Augen und den kurz geschnittenen blonden Haaren, doch eine Erscheinung. Ich drehe mich, um mich in der Scheibe des Unterstandes zu betrachten und muss feststellen, dass ich im Moment nur elend aussehe.

Gerade als ich mich ins BushĂ€uschen setzen will, fĂ€hrt der Bus in die Haltebucht. MĂŒhsam stehe ich auf und steige hinein. Zu meinem Pech ist der Bus brechend voll. Da erblicke ich eine Niggerin im vorderen Drittel des Busses.”Hee, Buschfrau, hat dir niemand gesagt, dass Nigger hinten im Bus fahren mĂŒssen?” schnauze ich sie an. Sie schaut mich nur mit großen Augen fragend an.”Je ne parle pas Allemand, pardon.” Was will die! Was erlaubt die sich hier mit dieser unkultivierten Buschsprache anzufangen. “Ich kann kein Niggerisch, mach, dass du aufstehst und einem Deutschen den Platz gibst, der ihm zusteht!” brĂŒlle ich sie an. Sie schaut mich noch immer nur dumm an. Sie will mich nicht verstehen sie verhöhnt mich. Sie will sich auflehnen.”Mach, das du aufstehst du verdammte Rosa Parks”, pflichet mir der alte Mann in der Reihe vor ihr bei. Ich zerre die Schwarze aus dem Sitz und setze mich auf ihren Platz. Ordnung muss sein.”He, qu'est ce que vous faisez?” stammelt sie in weinerlichem Ton.”Ich versteh immer noch kein Niggerisch. Jetzt mach, dass du wegkommst”, sage ich in genervtem, aber ruhigem Ton.”Sei jetzt ruhig und geh weg, du Niggerfrau”, faucht eine Frau auf der anderen Seite des Busses die immer noch vor mir stehende Schwarze an. Der Rest des Busses schweigt. Die Buschfrau geht nach vorne zum Busfahrer.”Ce n'est pas d'accord qu'est ce qu'il a fait”, meint sie in, in meinen Ohren empörtem, Tone zu ihm. Dieser bleibt stumm und deutet nur mit der rechten Hand nach oben auf die Wand ĂŒber der Frontscheibe des Busses. Dort steht ein Schild “WĂ€hrend der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen”. Richtig so zeig ihr, dass sie hier nicht willkommen ist. An der nĂ€chsten Station steigt dieses Vieh aus, ich glaube TrĂ€nen in ihren Augen gesehen zu haben; der Tag wird besser.


An der nĂ€chsten Haltestelle muss auch ich aussteigen. Der Bus ist am Arbeitsamt angekommen. Ich gehe ins Amt, in den alten schĂ€bigen Wartesaal und ziehe meine Nummer. Nach einer halben Stunde Warterei bin ich an der Reihe und trotte lustlos ins Beratungszimmer. Die Dame hinter dem Schreibtisch steht auf und begrĂŒĂŸt mich mit vorgetĂ€uscht-höfflicher Freundlichkeit. Ich lĂŒmmle mich in den Stuhl ihr gegenĂŒber. “Haben sie sich in letzter Zeit um einen feste Anstellung bemĂŒht?” Ha, der war gut. Ja, wo denn bitte? “Ja habe ich, aber immer ohne Erfolg”, sage ich nur trocken. “Haben sie irgendwelche Bewerbungen oder Einladungen zu VorstellungsgesprĂ€chen, die dies Belegen, denn uns wurde nichts gemeldet?” Ja wo sind wir denn hier? Bei der Stasi oder was? NatĂŒrlich habe ich die nicht, habe es ja nie versucht, aber was wollen die denn neuerdings alles sehen.“Nein habe ich leider nicht” ist meine kurze Antwort.”Nun gut, wir können oder besser gesagt sollen ihnen eine Stelle als Erntehelfer auf 1€-Basis anbieten, da sie schon lĂ€ngere Zeit keine feste Anstellung vorweisen können.” Ja wie etz? Ich soll fĂŒr eine solche BlechmĂŒnze in der Stunde auf dem Acker rumrobben? Davon kann ich mir ja noch nicht mal ein Bier leisten, da bekomm ich ja wenn ich nicht arbeite noch mehr Geld! Nee des ist mir eindeutig zu blöd.“Nein, vielen Dank, ich habe daran kein Interesse. Ich werde lieber weiterhin selbst versuchen etwas zu finden.” “Sie haben mich falsch verstanden” versucht sie mich zu belehren “es ist keine Frage des Wollens. Jede Stelle ist zumutbar und darum mĂŒssen sie sich eine Arbeit suchen.” “Ja aber nicht auf dem Acker malochen, ich will mir meine Gesundheit doch nicht jetzt schon ruinieren”antworte ich ihr. “Wenn das so ist, sehen wir uns gezwungen ihnen das Arbeitlosengeld zu kĂŒrzen.” “Ja tun sie, was sie nicht lassen können” raunze ich nur noch verĂ€chtlich, stehe auf und verlasse den Raum. WĂ€re ja noch schöner mich hier als Arbeitssklave missbrauchen zu lassen. Der Staat kann ruhig auch was fĂŒr mich tun. Er hat mir und meiner Familie schon genug angetan. Ich verlasse befreit das bedrĂŒckende GebĂ€ude und trete auf die Straße. Scheiß BĂŒrokraten, die können einem den ganzen Tag versauen.


Ich blinzle in die FrĂŒhlingssonne. Ein GefĂŒhl der Leere macht sich in mir breit; ein GefĂŒhl der Leere ein meinem Magen. Ich brauche dringend etwas zum Mittagessen, also mache ich mich auf den Weg zur nĂ€chsten Imbissbude; einer Dönerbude. Wo man hinschaut. sieht man nur noch diese Dönerbuden. Diese Mohameds und Achmeds haben nahezu alle deutschen Pommesbuden und der Gleichen vertrieben. Meiner Meinung nach eine Vorahnung auf das, was uns blĂŒhend wird, wenn wir nicht bald etwas gegen die Invasion dieses Packs aus der TĂŒrkei, Irak und sonst woher beziehungsweise des Islams generell unternehmen. Ich habe keine Lust, in ein paar Jahren in einem Gottesstaat zu leben. Aber auf einen Döner im Moment schon; macht einfach satt.
WĂ€hrend ich meinen Döner bestelle fĂ€llt mein Blick auf den Kalender an der Wand. Heute ist der 20. April. Hm, irgendwas war doch heute, aber was. Ich schlinge meinen Kepap hinunter und ĂŒberlege fieberhaft was es war, Ach ja klar, heute ist die Demo zu Ehren des grĂ¶ĂŸten Deutschen den es jemals gab. NatĂŒrlich ist sie nicht so angemeldet, sondern als Gedenkmarsch fĂŒr die deutschen Opfer der beiden Kriege, aber wen kĂŒmmert das schon. Direkt nach dem ich zuende gegessen habe mache ich mich dann auch schon auf den Weg nach Hause, um pĂŒnktlich zur Demonstration zu erscheinen. Dieses mal ohne ZwischenfĂ€lle im Bus.


Zuhause angekommen nehme ich unter den verzweifelten Augen meine Mutter die schwarz-weiß-rote Fahne aus dem Schrank. Aber sie sagt nichts. Sie sieht mir nur traurig nach, als ich die Wohnung wieder verlasse und sage, dass es spĂ€t werden könnte.


“Sieg heil” tönt es mir entgegen, als ich am Marktplatz ankomme. Ich grĂŒĂŸe meine Kameraden ebenfalls mit dem FĂŒhrergruß. “Hast du gehört, jetzt wollen sie das Asylheim sogar vergrĂ¶ĂŸern, hab ich erfahren” brummt Georg ein 150 Kilo-Kollos mit seiner bĂ€riglauten Stimme.”Als nĂ€chstes bauen sie den Kanaken wahrscheinlich noch ein Erholungzentrum neben ihr Heim, wenn das so weiter geht.””AnzĂŒnden sollte man es” wirft Friedrich ein hagerer hochgewachsener Mitdreisiger mit lichtem Haar ein. “Ja, es wird von Tag zu Tag schlimmer mit diesem Gesindel” pflichte ich ihm bei und erzĂ€hle vom Vorfall im Bus heute morgen.”Richtig gemacht Junge. Genauso hĂ€t ich es auch gemacht. Man muss denen zeigen wo es langgeht. Ich hĂ€t sie warscheinlich noch eigenhĂ€ndich aus dem Bus geworfen. Eine Schande, dass sowas in Deutschland nicht selbstverstĂ€ndlich ist.” Beipflichtende SĂ€tze von allen Seiten. Ja wir sind eine Gemeinschaft, bei uns denken alle wie die anderen, eine große Familie so zu sagen. Alle mit dem selben Ziel ihr Land schöner zu machen.
Nach kurzen Diskussionen ĂŒber Abschiebe- beziehungsweise Einwanderungspolitk und die ja bekannte UnfĂ€higkeit dieser Schauspieler in Berlin setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung.
Die Fahne hoch, singe ich und schwenke die Meinige dazu wĂ€hrend wir die Straße hinunter schreiten.“Wir sind arische KĂ€mpfer, weiße Patrioten, Nationale Sozialisten - gegen die Roten! Marxisten, die unser Land regier'n, und TĂŒrken interegrier'n, doch wir stehen auf, in Ost und West, und kĂ€mpfen gemeinsam gegen diese Pest!” und Ă€hnliche Parolen hallen durch die Straßen.
Unser Weg is gesĂ€umt von grĂŒnen Gestalten, die zum Teil befriedigt grinsen, als sie unsere Parolen hören und dabei diesen Abschaum von linkem Gesoggs, sagen wir mal, zurĂŒckhalten. Grinsend schaue auch ich in die Reihen der Punks und wĂŒnschte mir, die Bullen wĂŒrden sie zu uns durchlassen damit wir sie verkloppen könnten, aber die wollen sich den Spaß ja nicht nehmen lassen. Also marschieren wir weiter in Richtung Bahnhof. Parolen gröhlen, Fahne schwenken, Bier trinken und den Staat verhöhnen, der hoffentlich bald nicht mehr existent sein wird, genau so stelle
ich mir einen gelungenen Nachmittag vor. Schade, dass er schon so frĂŒh wieder beendet ist. Am Bahnhof steigen alle zugereisten SkinbrĂŒder wieder in den Zug und die Demo wird von der Polizei beendet.
Zufrieden mit mir und der Welt begebe ich mich auf den Heimweg, darauf achtend nicht einer Gruppe Punks ĂŒber den weg zu laufen.


Ohne Konfrontation zu Hause angekommen, gönne ich mir erstmal wieder ein Bierchen und sehe mir im Fernsehn den Bericht zur Demo an. Schade bin nicht zu sehen, aber der Reporter berichtet besorgt von 2000 rechten Demonstranten. Nicht schlecht, könnten aber noch mehr sein, denke ich und schalte den Fernseher wieder aus, um mich fĂŒr das Spiel unseres Oberligavereins fertig zu machen. Eine Dauerkarte fĂŒr den Ultrasblock im Stadion so viel Luxus muss auch als Arbeitsloser drin sein. In Fanmontur mit Schal und Trikot und ausnahmsweise einmal ohne Springerstiefel mache ich mich auf den Weg zum Stadion. Seig heil hier, sieg heil da, als ich im Fanblock ankommen bin, denn dieser ist fest in unserer Hand. Deshalb beschwert sich auch keiner ĂŒber den kameradschaftlichen Gruß.
Das Diskussionsthema des Abends vor dem Spiel sind dieses mal, nachdem dies auf der Demonstration schon ausgiebig geschehen, nicht politische Ansichten, sondern die unverschĂ€mte Verpflichtung eines Niggers unseres Vereins. Eine Frechheit einen Buschmann spielen zu lassen und unseren jungen deutschen Talenten keine Chance zu geben. Das Spiel selbst ist wenig spektakulĂ€r, um nicht zu sagen schlecht. Jedoch bekunden wir unseren Unmut, unsere Wut nur ĂŒber diese niggerische Verunreinigung unserer Mannschaft, indem wir jedes mal wenn dieser afrikanische Affe den Ball berĂŒhrt die Laute eines Orangutans brĂŒllen. Was dann passiert ist unglaublich: dieser Neger besitzt doch die Frechheit sich vor unseren Fanblock zu stellen und den Hitlergruß zu machen. Dieser urarische Gruß so missbraucht, verunreinigt, nicht möglich! Eine Beleidigung der Deutschen. Einige meiner Kameraden versuchen des Affen habhaft zu werden indem sie die Absperrung ĂŒberqueren und ihn jagen, doch dieses feige Tier rennt nur in die Kabine.
Unglaublich diese Szene, naja wenigstens hat unserer Verein am Ende, ohne Neger, noch gewonnen und deshalb will ich dann auch noch in meine Stammbar “Zum Wikinger” feiern gehen.


Dort angekommen, muss ich jedoch feststellen, dass Der Wikinger hoffnungslos ĂŒberfĂŒllt ist und streife auf der Suche nach einer anderen Bar durch die nĂ€chtliche Stadt. Nach wenigen Minuten finde ich eine kleine Eckbar die nur spĂ€rlich gefĂŒllt scheint und gehe hinein. Guter alter Rock dringt an meine Ohren, also beschließe ich mich hier niederzulassen und setze mich an den Thresen.
Der angelsĂ€chsische Rock dieser BĂŒhnenopas wird im Hintergrund leisergedreht, wĂ€hrend die Bedienung meine Bestellung aufnimmt; Bier, was sonst. GenĂŒsslich nach diesem anstrengend Tag lasse ich es meine Kehle hinunter rinnen und blicke nach links auf den gerade eben eingeschalteten Fernseher, der an der Wand befestigt ist. Es lĂ€uft die Sportschau. Ein Bericht zu den VorfĂ€llen hier bei uns im Stadion. “Farbiger Exprofi grĂŒĂŸt seinen Fanblock mit Hitlergruß - Wie rechts sind unsere Stadien?” ist in großen roten Buchstaben vor dem Betrag zu lesen. Richtig so, kritisiert diesen Nigger! Sagt, dass man sich des nicht erlauben kann! Nach dem Bericht wird der Fernseher wieder ausgeschaltet und es ist wieder Musik zu hören.

Ich blicke mich gerade um, um nach der Bedienung zu suchen, da mein Glas schon wieder leer ist, da öffnet sich die TĂŒr. Einen kurzen Moment bin ich geblendet vom Licht der Straßenlaterene, die genau vor der sperrlich beleuchteten Bar steht, gleich darauf von der anmutenden Schönheit des Wesens, das da in den Raum tritt. Aschblonde Haare, die ihr bis zu den Schultern reichen und mit einem in ihr freundliches, eine Herzlichkeit und im selben Moment bescheidene Anmut ausstrahlendes Gesicht, fallenden Pony und der kleinen frech wirkenden Nase und den großen Rehaugen, deren Farbe ich nicht zu erkennen vermag. Sie trĂ€gt ein schwarzes Top zu ihrer ausgewaschenen, aber hautengen Jeans und dazu modische Sneaker. Ihre Trainingsjacke lĂ€ssig ĂŒber die Schulter geworfen und mit der linken Hand haltend schreitet sie in den Raum. Eine junge Frau, vielleicht 20 Jahre. Der Hauch eines LĂ€chelns in ihrem soweit ich es erkennen kann nur dezent oder gar nicht geschminktem Gesicht verleiht ihr eine sportliche, spontane und vor allem freundliche Elleganz. Sie ist anders, als die MĂ€dchen und jungen Frauen hier, die entweder in Jogginghosen oder aufgedonnert, wie die MĂ€dchen an der Grenze durch die Stadt streifen. Nein, diese junge Schönheit ist nicht von hier. Sie ĂŒbt eine so große Faszination auf mich aus, dass ich sogar vergesse mir ein weiteres Bier zu bestellen. Lansam, sich etwas schĂŒchtern umblickend, schreitet sie durch den Raum. Setz dich bitte zu mir, bezaubernde Fremde. Nachdem sie kurz stehend bleibt und sich in der beinahe leeren Kneipe umsieht steuert sie auf den Thresen zu und setzt sich mit einem nun deutlich erkennbarem LĂ€cheln zu mir gerichtet auf den Barhocker neben mir.”Lokomotive hat gewonnen, oder?” fragt sie mit einer sĂŒĂŸklingenden Stimme.“Lokomotive? Gewonnen?” Ich versteh nur Bahnhof und muss in diesem Augenblick auch ein dementsprechende Gesicht gezogen haben. “Na heute nachmittag beim Fußball! Der Verein hier heißt doch noch Lokomotive, oder haben sie den inzwischen auch umbenannt?” Wieder diese Stimme; engelsgleich. Ich glaub einen bairischen Dialekt herauszuhören, aber nicht nur bairisch. Da fĂ€llt mir das Trikot an mir auf und ich realisiere, was sie meint.”Nein, nein, das heißt ja,ja. Die heißen schon noch so und sie haben gewonnen” stammle ich. Was fĂŒr ein Eindruck. Sie muss denken ich sei keine allzu große Leuchte. Ein etwas belustigtes, aber dennoch Freundschaftliches Grinsen umspielt ihre zarten Lippen und zerschlĂ€gt meine BerfĂŒrchtungen; ein GlĂŒck. “Naja wenigstens hat sich beim Fußball nicht viel geĂ€ndert” sagt sie immer noch freundlich lĂ€chelnd “denn ansonsten ist hier ja beinahe nichts mehr wie es einmal war.” “Wie meinst du das?” frage ich wieder etwas verwirrt. “Naja als ich noch hier gewohnt hab war ich zwar noch kleiner, aber ich habe es hier schöner und nicht trĂŒbsinnig-grau in Erinnerung. Ach ja mein Name ist ĂŒbrigens Sandra. Wie heißt du?” Diese Frau besitzt eine so nette Direktheit, dass ihr kein Mann widerstehen könnte, ich jeden falls nicht.”Ich heiße Michael. Habe ich das gerade richtig verstanden, du hast einmal hier gewohnt?”“Ja, ich bin sogar hier geboren; 1985. Mein Vater war hier bis 1993 Pfarrer und meine Mutter Lehrerin. Aber dann hat meine Mutter eine bessere Stelle in den neuen BundeslĂ€ndern bekommen. So hab ich dann etwas verspĂ€tet rĂŒbergemacht” meint sie und schon wieder is da dieses verdammt sĂŒĂŸe LĂ€cheln. Eine Pfaffentochter also, aber ich sage nichts beschließe meine rechten Meinungen erstmal fĂŒr mich zu behalten und frage stattdessen ”Ach, dann bist du ja hier in die Grundschule gegangen in welcher Klasse warst du denn? Aber nicht bei der Frau Skadinski, oder?””Doch genau bei der. Dann waren wir ja in der selben Klasse, darum kamst du mir so bekannt vor.”Habe ich mich so wenig verĂ€ndert seit meinem achtem Lebensjahr?

Der Abend zog sich auf einen Ă€ußerst angenehme Art in die LĂ€nge ich bestellte uns noch Bier und sie erzĂ€hlte mir, dass sie mit ihren Eltern nach Bayern gezogen sei und dort im letzten Jahr erfolgreich ihr Abitur gemacht hatte und nun in der Stadt ihrer Kindheit ein Jahr arbeiten wolle, bevor sie studieren gehe. Wir tauschten, nachdem wir als letzte GĂ€ste schon deutlich nach 12 Uhr die Bar verlassen hatten, noch unsere Handynummern aus und verabredeten uns fĂŒr das nĂ€chste Wochenende. Ein GefĂŒhl der Leichtigkeit hatte meinen Ärger ĂŒber diesen Bimbo im Stadion verdrĂ€ngt, ein leichtes Kribbeln im Bauch lies mich an Nichts mehr anderes als an Sandra, dieses reine freundliche Wesen, dass in mein Leben getreten war, denken. Ein GefĂŒhl, dass ich noch nie zuvor gekannt hatte.


Als ich in unserer Wohnung ankam, ging ich ohne mir mein allabendliches Gutenachtbier aus dem KĂŒhlschrank zu nehmen auf mein Zimmer, legte mich unter die Abzeichen und Banner in mein Bett. Ich dachte an sie und wie es wohl wĂ€re eine Freundin zu haben, mit der ich mal lĂ€nger als nur ein oder zwei Monate zusammen sein und fĂŒr die ich auch etwas empfinden wĂŒrde. So schlief ich darĂŒber grĂŒbelnd ein.


MĂŒde, mit einem leichtem Summen und DrĂŒcken in Kopf, schlage ich die Augen auf. Dachte nicht dass ich von den vier, fĂŒnf oder wie viel es waren Bierchen einen Kopf bekommen wĂŒrde. Naja auch ich werde Ă€lter, denke ich und muss bei diesem Gedanken sogar ein wenig grinsen. Ich kann es gar nicht fassen, dass ich gestern wirklich die Bekanntschaft mir einer solch wunderbaren Frau gemacht habe und taste, um auf Nummer sicher zu gehen, in meinen achtlos auf den Boden neben meinem Bett geworfenen Klamotten nach meinem Handy. Die Nummer ist noch drauf – es ist also wahr. Nun zufrieden lĂ€chelnd, sinkt mein Kopf langsam wieder aufs Kissen zurĂŒck und auf das Display meines Mobiltelephones sehe ich ihre Nummer, sehe sie. Mein LĂ€cheln gefriert jedoch augenblicklich, als ich daran denke was sie wohl zu mir sagen wĂŒrde, wenn sie mich besser kennen lernen wĂŒrde. Warscheinlich wĂ€re sie wenig angetan. Aus diesem Grund beschließe ich, mir dringenst einen Job zu suchen. So verbringe ich den Sonntag damit die Stellenanzeigen durch zu forsten. Maurer, Zimmerer, Spengler, an jeden schickte ich Bewerbungsschreiben in der Hoffnung eine Anstellung in einer Region mit ĂŒber 20 Prozent Arbeitslosenquote zu bekommen.
Ich bin so beschĂ€ftigt, dass ich sogar vergesse auf unsere wöchentliche Sitzung Sonntagabend in “Die Schlucht” zu gehen. Nicht so tragisch, die werden auch ohne mich auskommen und gegen diese Einwander Ideen vorbringen. Von der ungewohnten geistigen Arbeit, die die Bewerbungen darstellten geschlaucht sinke ich auch heute ohne mein allabendliches Bier in mein Bett. Es geht auch ohne Bier, ist mein letzter Gedanke bevor meine Augen zufallen.


Die Woche vergeht, durch die freudige Gewissheit am Wochenende Sandra wieder zu sehen, schnell. Aber dennoch nicht schnell genug. Montag bringe ich hoffnungsvoll 20 UmschlĂ€ge zum Briefkasten. Dienstag noch keine Antwort – nun ja so eine Bewerbung braucht Zeit. Mittwoch noch keine Antwort – 2 Tage, was hab ich denn erwartet? Dass die mir die Bude einrennen? Nee, das braucht noch, bis da jemand antwortet. Umso ĂŒberraschter war ich als mich am Donnerstag morgen meine Mutter mit der Frage wecke, ob ich mir denen einen Beruf suchen wolle , denn wenn dass so ist könne ich langsam ausziehen. Ich beachte sie gar nicht weiter, sondern reise ihr den Brief aus der Hand und ihn sogleich auf. Ich traue meinen Augen kaum. Es ist die Einladung zu einem BewerbungsgesprĂ€ch. In dicken schwarzen Lettern steht da:
Nachdem ihre Bewerbung uns zugesagt hat, möchten wir sie zu einem BewerbungsgesprÀch am Freitag um 9 Uhr zu uns in die Zimmerei einladen.
Den gesamten Tag verbrachte ich nach dieser schönen Kunde nun damit, mich auf das GesprĂ€ch vorzubereiten. Was könnten sie fragen? Was sollte ich antworten? Was, wenn sie fragen woher die beiden Vorstrafen kommen? Es waren doch nur der eine Grabstein, den ich beschmiert habe und meine unglĂŒckliche Anwesenheit bei einer kleinen MassenschlĂ€gerei mit diesem verdammten linken Gesoggs. Besser mal alles abschwĂ€chen oder leugnen, sonst stellt der mich nie ein.
Mit diesen Dingen beschĂ€ftige ich mich den ganzen Tag ĂŒber und komme nicht dazu irgend etwas anders zu unternehmen, aber leider auch mit meiner Vorbereitung nicht viel weiter. So ist mir an diesem Abend, das erste mal in den vergangenen Tagen, nicht wohl als ich mich schlafenlege. Keine blumigschönen Gedanken an Sandra, keine gefĂŒhlstrĂ€chtigen Gedankenspiele was wĂ€re wenn und aber, sondern nur die Ungewissheit, ob mein GesprĂ€ch am nĂ€chsten Tag ein Erfolg wird; ob ich dann endlich einen Job haben sollte um mich so nicht als Versager vor Sandra fĂŒhlen zu mĂŒssen.


FrĂŒh aufgestanden und meine beste Jeans und das einzige Hemd, das ich besitze, angezogen, stehe ich nun, zu einer fĂŒr mich unmenschlich frĂŒhen Zeit, um 9 Uhr morgens vor der Zimmerei und versuche mich selbst zu beruhigen, indem ich mir einrede, dass ich doch das Wesentliche, das ich fĂŒr den Berufs des Zimmerers brauchen wĂŒrde in der Schule und bei gelegentlichem Schwarzarbeiten gelernt hĂ€tte und das GesprĂ€ch schon nicht so schwer sein wĂŒrde. “Ja, der Michael des ist ja ne Überraschung. Was treibt dich den zu mir in die Zimmerei? Dachten schon du wĂ€rst krank, da du gestern des erste mal seit Jahren nicht auf der Sitzung warst?” Die raue Stimme Rudolfs, den ich schon seit geraumer Zeit von der Partei her kenne, reist mich aus meinen Überlegungen. “Äh ich Ă€hm” Vollkommen ĂŒberrascht weiß ich nicht, was ich sagen soll. “Ja Ă€h, ich bin hier zu einem VorstellungsgesprĂ€ch eingeladen, ich hab das immergleiche Daheimhocken sowas von satt.”“Ach du bist das. Ich hab es mir schon beinahe gedacht weil wer sonst ist so dĂ€mlich und vergisst bei seiner Bewerbung das Photo” scherzt er freundschaftlich. “Ich hab ja schon bei einigen Festen gesehen, dass du mit deinen HĂ€nden geschickt bist und Hammer von SĂ€ge unterscheiden kannst. Ich denk da lĂ€sst sich was machen. In deinem Alter kann man locker noch ne Lehre anfangen und den Rest des Betriebes kennste ja sowieso schon von Parteiveranstaltungen” sagte er, der stĂ€mmige 60 JĂ€hrige Zimmermeister mit schon leicht ergrautem Vollbart und dem zunfttypsichen Hut auf dem etwas zu dickem Kopf, beinahe ein wenig vĂ€terlich zu mir. Als wir um die VertrĂ€ge fest zu machen ins BĂŒro ĂŒber den Hof laufen meint er noch “Gut, dass du als einer von uns hier anfangen willst. Hatte in den letzten Tagen schon so viele Taugenichts und Schönwetterarbeiter da. Hab schon mit dem Gedanken gespielt einen von ihnen einzustellen, denn wegen dieser verdammten Zulage muss ich ja beinahe.” Ich stimme ihm zu und wir gehen ins BĂŒro. Die VertrĂ€ge sind schnell unterschrieben. Mich kurz noch bei den drei Gesellen als neuer Lehrling vorgestellt und mit ihnen mein erstes innerbetriebliches Bierchen getrunken, mache ich mich mit dem, fĂŒr mich mal wieder gĂ€nzlich neuen, GefĂŒhl von jetzt an auf meinen eigenen Beinen zu stehen, wieder zu Fuß auf den Heimweg. Ausziehen werde ich dennoch nicht; zumindest vorerst nicht.


Den gesamten Nachmittag ĂŒber grĂŒble ich, was ich denn morgen nur mit Sandra unternehmen könnte. Da ich ja meinen ersten Lohn erst in ein par Wochen ausbezahlt bekommen wĂŒrde, ist es finanztechnisch nicht so gut um mich bestellt, also durfte es nichts besonders Teures sein. Dennoch sollte sie die Verabredung in Erinnerung behalten. Nach langem Zermartern meines Hirnes kam mir dann auch endlich die, ich will nicht sagen rettende, aber auf jeden fall geniale Idee.
So rief ich dann Sandra an und sagte ihr, was ich mir fĂŒr morgen ausgedacht hatte. Sie war begeistert und ich somit freudig befreit von aller Sorge, ihr könnte es nicht gefallen. Wir telephonierten noch bis in die spĂ€ten Abendstunden und nachdem wir uns verabschiedet hatten wusste ich es nun endgĂŒltig, dass sie es war, die mir zu meinem total GlĂŒck noch fehlte.


Zum GlĂŒck war der heutige Samstag schon am frĂŒhen Mittag sonnig und versprach sehr warm zu werden, sonst wĂ€re meine Idee zusammen mit der Verabredung buchstĂ€blich ins Wasser gefallen. So aber, stand ich Punkt 11, mein Fahrrad neben mir an die Hauswand gelehnt, vor dem Wohnhaus gegenĂŒber dieses dreckigen Asylantenheimes. Keine schöne Gegen fĂŒr ein bezauberndes MĂ€dchen, gegenĂŒber von diesen Kanaken. Wobei wo hier in der Stadt gibt es schon schöne Gegenenden, dachte ich gerade als sie aus dem schĂ€bigen Hauseingang trat. An ihr war jedoch nichts grau und trostlos. Sie war, wie auch letzten Samstag, ein Engel, ein dunkelblonder Engel im roten Sommerkleid und Flipflops , der Farbe und Freude ausstrahlt. Ich sehe an mir hinab. Londonshirt, Badeshort und alte Turnschuhe. Ich komme mir beinahe etwas schĂ€big vor. Jedoch komme ich nicht weiter dazu mir Gedanken darĂŒber zu machen, oder mich zu schĂ€men, denn schon ist sie bei mir angekommen und begrĂŒĂŸt mich mit je einem KĂŒsschen links und rechts auf die Backe. Jetzt nur nicht rot werden, schießt es mir leider zusammen mit einem knallig-kirschrotem Farbton durch den Kopf. Und da wieder dieses bezaubernde LĂ€cheln: Ich bin nicht fĂ€hig auch nur ein Wort zu sagen, muss ich aber auch nicht.”Ach sĂŒĂŸ, die Farbe steht dir” scherzt sie, was fĂŒr die Tomate, die ehemals mein Kopf war auch nicht sonderlich hilfreich ist, “Also Michi du darfst mich fahren” meint sie frech, “ich fahr auf dem GepĂ€cktrĂ€ger mit.” So nehme ich mein altes Rad von der Hauswand schwinge mich, mitterweile wieder mit normalfarbenem Kopf darauf. “Alle FahrgĂ€ste zum Baggerweihe bitte einsteigen” scherze nun auch ich und versuche mein besten LĂ€cheln hinzubekommen. Erfolgreich. Sie wirft sich ihre Strandtasche mit einer lĂ€ssigen Bewegung ĂŒber die Schulter setzt sich auf die, auf den GepĂ€cktrĂ€ger gespannte Decke und schlingt ihre Arme um meine Tallie. Sie hat kleine weiche HĂ€nde. Mit ihr hinten auf dem Rad wĂŒrde bis an Ende der Welt fahren. Auf zum Baggerweiher.

Ok, dass mit dem Ende der Welt hĂ€tte dann wohl doch nicht so ganz geklappt, denke ich ein wenig verschmitzt grinsend und steige verschwitzt nach Sandra vom Rad. Am See ist die Hölle los, wo man hinsieht nur schreischende kleine Kinder mit ihren ĂŒberforderten MĂŒttern und ein paar Rentner sowie Arbeitlose, die ebenfalls Erfrischung suchen, dazwischen. Nein, dass muss ich mir echt nicht geben und erst recht nicht mit Sandra, die die Kulisse auch mit skeptischem Blick mustert. Also nehme ich sie bei der Hand. “Ich kenn da einen Platz an dem wir unsere Ruhe haben” und spaziere mit ihr HĂ€ndchen haltend und das Fahrrad neben uns schiebend weg vom Strand. Nach kurzem Fußmarsch der gerne noch lĂ€nger hĂ€tte dauern können, erreichen wir den kleinen Strand, der von BĂŒschen und BĂ€umen gesĂ€umt auf der anderen Seite des See, am zum See auslaufenden WĂ€ldchen liegt und an dem man seine Ruhe hat. Ich breite die Decke unter einer Ulme unweit des Ufers aus und lĂŒmmle mich, nachdem ich mein Shirt ausgezogen habe. darauf und beobachte Sandra, wie sie sich in ihrem schwarzen Bikini dem grĂŒnlich in der Sonne schimmerndem Wasser nĂ€hert. Zögernd streckt sie ihren Fuß aus und taucht ihn vorsichtig in das kĂŒhle Nass. “Brrr, ist das kalt. Da geh ich nicht rein!” Ich muss ein wenige grinsen. “Das werden wir ja sehen” rufe ich, springe von der Decke auf, renne auf sie zu, nehme sie auf Arme, was mir ein paar spielerische SchlĂ€ge auf die Brust einbringt und hopse mit ihr in den See. Ich habe kaum meinen Kopf wieder aus dem Wasser gesteckt, schon spritzt mir selbiges wieder ins Gesicht.”Du Arsch.” Aber sie lacht. Und wieder spritzt mir das angenehm kĂŒhle Element ins Gesicht. Ich grinse schelmisch zurĂŒck und tauche ab. Als ich das nĂ€chste mal meinen Kopf herausstrecke erwartet mich kein Wasserschwal sondern zwei Arme die sich um meinen Hals legen und bevor ich ĂŒberhaupt weiß, wie mir geschieht berĂŒhren Sandras Lippen die meinigen. Ich vergesse alles um mich herum und genieße, was mit mir geschieht. Ihre zarten Lippen saugen sich an meine und meine Zunge berĂŒhrt die ihrige. Innig umschlungen stehen wir so im Wasser und ich wĂŒnschte der Augenblick wĂŒrde ewig dauern, einfach die Zeit einfrieren und immerzu nur sie kĂŒssen. Doch plötzlich löst sie ihre Arme von meinem Hals und stĂ¶ĂŸt mich nach hinten ins Wasser um. Abermals tauche ich vor ihr auf und bekomme “das war fĂŒrs reinwerfen” zu hören und ein teuflisch sĂŒĂŸes Grinsen auf ihrem Gesicht zu sehen. Ich kĂŒsse sie innige und lasse mich sie festhaltend nach hinten ins Wasser fallen. So albern wir im Wasser herum und der Nachmittag neigt sich auch schon wieder dem Ende zu. Das Wasser schimmert statt grĂŒnlichblau nun goldgelb und das Geschrei von der anderen Seeseite nimmt schon ab als wir uns wieder auf die Decke legen.


Nach dem langen Picknick ist es nun vollends dunkel geworden. Kopf an Kopf liegen wir da und schauen in die Sterne. Schauen und schweigen uns einfach nur mit verliebtem Blick an. Wenn mir vor einer Woche jemand gesagt hĂ€tte, dass ich heute hier mit einer solchen Traumfrau liegen und mir den sommerlichen klaren Sternenhimmel ansehen wĂŒrde, ich hĂ€tte ihn fĂŒr verrĂŒckt erklĂ€rt. Doch auch dies ist leider nicht von ewiger Dauer.
Tief in der Nacht setzte ich Sandra wieder vor ihrem Haus ab. “Danke, Michi fĂŒr diesen Tag, ich hab schon lange nicht mehr so viel Spaß gehabt.” Ein langer Kuss, der mich beinahe vom Rad fallen lĂ€sst und schon ist sie im Haus verschwunden. Bevor ich liebestrunken glĂŒcklich verwirrt wie ich bin etwas sagen kann ist die TĂŒr hinter ihr auch schon zu. Ich hab auch Spaß gehabt.

Sonntag Mittag, sanfte Sonnenstrahlen fallen durch das Fenster auf mein Gesicht und durch ein leises Piepsen werde ich vollstÀndig aus dem Schlaf geholt. Noch etwas verschlafen taste ich wieder mal nach dem Handy neben meinem Bett.
Hi Michi Schatz, hab heute keine Zeit muss noch arbeiten. Bussi Sandra.
Ich klicke die SMS weg und drehe mich nochmal im Bett um. Welcher Mensch muss bitte Sonntags arbeiten? Naja, dann halt noch ein wenig schlafen. Wenn das so ist verpasst ich heut sowieso nichts. Gegen Nachmittag dann, stehe ich auf und mache mir mein FrĂŒhstĂŒck. WĂ€hrend ich mein Brötchen esse ĂŒberlege ich, was ich denn mit dem heutigen Sonntag anfangen könnte. Ich grĂŒble noch darĂŒber als es an der TĂŒr klopft. Es ist Friedrich. In voller Montur steht er in der TĂŒr; Springerstiefel, Bomberjacke und das braune T-shirt weit an seinem hageren Körper hĂ€ngend. “He, Michael, alles klar? Wollt mich mal wieder umschauen, nicht dass du heut wieder die Sitzung vergisst, Junge!” scherzt er. "Die Sitzung, ach ja die Sitzung” stammle ich ne die vergesse ich schon nicht.” Und im selben Moment realisiere ich, dass ich es ihnen irgendwann sagen muss, dass ich nicht mehr mitmachen will und kann. Nur wie? “Komm doch am besten gleich mit, wir wollen davor im Park noch einen Trinken und einfach ein bisschen abhĂ€ngen. Zieh dir schnell deine Sachen an und dann gehn wir.” “Ähm, ja, ok ich komm gleich.” Was soll's ich hab heut sowieso nichts vor, geh ich halt nochmal mit den Jungs mit. Ich kann ihnen ja vielleicht heute Abend sagen. dass ich raus bin. Ich werfe mich in Schale, also in die rechte Ausgehmontur, wie sie auch Friedrich trĂ€gt und verlasse mit Friedrich die Wohnung. Auf dem Weg zum Park meint er dann in einem geheimnissvollen Ton. “Heute Abend ist wieder was los. Da geht es dann endlich wieder rund.”” Wieso? Was ist heute Abend?” frage ich nach. “Wirst du dann schon sehn Junge.”


Im Park sitzen sie dann alle wieder beisammen. Georg und die anderen, meine Kollegen aus der Zimmerei, die Leute von den Demos und aus dem Stadion. Irgendwie kommt mir dieses Gruppe mit ihren Bierflaschen in der Hand und ihren Witzen nicht mehr wie eine Familie vor. “Welchen Wert haben Juden?” gröhlt einer von ihnen in die Runde. ”Na, ist doch klar, einen guten Brennwert.” Allgemeines GelĂ€chter. Nein, nicht wie eine Familie sondern eher etwas befremdlich wirken sie dabei auf mich. “Komm Michael setzt dich zu uns” ruf mir Georg zu und reicht mir, als ich mich neben ihn auf einer der ParkbĂ€nke setzte gleich eine Flasche Bier. Ruhig sitzte ich dabei und höre mir die Parolen, Witze und Hassreden an. “Junge, was bist denn heut so ruhig?” fragt Friedrich auf einmal. “Ähm , ja...””Ach der Junge braucht einfach nochn Bier” scherzt Georg und ich bin ihm dafĂŒr sehr dankbar. So trinke ich lieber das Bier, das er mir reicht als ihnen zu erklĂ€ren was Sache ist. Vier Stunden und ebenfalls vier Bierchen spĂ€ter machen wir uns dann in der langsam anbrechenden DĂ€mmerung in Richtung Schlucht, unserem Sitzungsgasthaus, auf.


Es ist dunkel als wir dort ankommen. Erst nach dreimaligem Anklopfen dem Zeichen, dass wir zur Versammlung gehören wird uns die TĂŒr mit der Aufschrift “Heute geschlossen” geöffnet.
Rauch und laute agressiv klingende dunkle Stimmen dröhnen uns durch diesen entgegen.
Im Pulk werde ich mit in die GaststĂ€tte geschoben. GeschĂ€tzt 50 Leute stehen dort dich gedrĂ€ngt. Überwiegend MĂ€nner zwischen 16 und 60 Jahren, aber ganz vereinzelt auch jene von mir meist komisch beĂ€ugten Trainingsanzugfrauen. Gerade als sich meine Augen an die DĂŒsternis des Raumes gewöhnt haben, steigt ein etwas untersetzter Mann mittleren Alters mit dunkelem Anzug am Tisch direkt neben dem ich gerade stehe auf seinen Stuhl. Es ist Erhardt. Er ist so etwas wie eine ĂŒberregionale GrĂ¶ĂŸe in der Szene, seit er vor 4 Jahren mit der Partei in den Landtag eingezogen ist.
Das Stimmengetöse erlischt. Beinahe unheimlich. Doch der Augenblick wĂ€hrt nur kurz. “Kameraden es ist an der Zeit, diesem Treiben ein Ende zu bereiten!” Zustimmendes Gemurmel. Ich weiß nicht was gemeint ist. “Es kann einfach nicht sein, dass wir dieses Pack hier dulden mĂŒssen!” Vereinzelte Rufe “AuslĂ€nder raus!” “Nicht genug, dass wir dieses abscheuliche Heim hier haben, nein, nun wollen sie es auch noch erweitern! Ich frage euch, wer schĂŒtzt unsere Kinder, Frauen und MĂŒtter vor diesen Geschöpfen, wenn sie noch mehr werden? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, es muss etwas unternommen werden!” “Ja! Brennt es nieder! Raus mit dem Pack!” tönt es durch den Saal. “Heute fĂ€llt die Sitzung aus! Heute wird gehandelt meine Kameraden! Wir setzten ein Zeichen. Nicht mit uns!” “Jawoll recht hat er””AuslĂ€nder raus!””Deutschland den Deutschen!” VielfĂ€ltig schallen Parolen wie diese durch den Raum, so dass ich sie gar nicht mehr alle aufnehmen kann. Benommen stapfe ich im Sog der Meute aus der Schlucht in Richtung Stadt.


“Deutschland, Deutschland ĂŒber alles...” schalt es durch die nĂ€chtlich-schwarzgrauen Straßen. Seltsamerweise sehe ich in keinem Fenster Licht, nur heruntergezogenen Jalousien oder verschlossene FensterlĂ€den. Vor uns am Ende der Straße jedoch sehe ich Licht. Klein und gelblich, beinahe anziehend schimmern dort einzelne Flecken. Erst jetzt bemerke ich, dass wir schon fast am Asylheim angekommen sind. Ein kurzer Blick hinauf zu Sandras Fenster. Die FensterlĂ€den sind geschlossen. Zum GlĂŒck. Aber was mache ich hier eigentlich? Gerade als ich grĂŒble, ob ich nicht besser gehen sollte, wird mir ein Pflasterstein in die Hand gedrĂŒckt. “Stell dir mal vor einer der Neger vergewaltigt deine Freundin...” den Rest des Satzes höre ich schon gar nicht mehr. Rot. Ich sehe schwarz vor meinem inneren Auge, schwarzes Fleisch auf Sandra auf- und abrobbend. Wie reflexartig schleudere ich den Stein in Richtung des GebĂ€udes. Leise, von den Schreien und GesĂ€ngen der anderen um mich herum beinahe komplett ĂŒbertönt dringt ein berstendes GerĂ€usch an mein Ohr. Ich habe getroffen. Ich sehe langsam nach unten auf meine HĂ€nde. Schaue sie mir an und blicke dann unglĂ€ubig nach vorne in Richtung Heim. Jedoch sehe ich nicht nur ein zerborstenes Fenster, sondern unzĂ€hlige. Aus Zweien oder Dreien ich kann es vom Schein des Feuer geblendet nicht genau sagen schlagen tanzend flackernd Flammen. Und immer noch fliegen begleitet von Hassrufen Steine und Cocktails. Geschockt wende ich mich ab, von den Schreien der Anderen höre ich nur noch dumpfes, nicht mehr klar wahrnehmbares Geschrei.

Ich drehe mich um und blicke hinauf zu Sandras Wohnung. Nichts ist mehr dunkel. Sie steht am Fenster. Vom Schein der Lampe hinter ihr erleuchtet. Jedoch nicht wie der Engel den ich kenne, sondern viel mehr wie ein enttĂ€uschter Racheengel. Aus diesem fĂŒr mich auf merkwĂŒrdigste Weise mehr als klar wahrnehmbaren, ja fokusierten Gesicht spricht im selben Augenblick Wut, EnttĂ€uschung, Ärger, Trauer und EntrĂŒstung. Resigniert drehe ich mich weg und trotte, mir unter diesen strafenden Blicken wie der letzte rĂ€udige Hund verkommend aus der tosenden Menge, die mich, sowie ich sie, ignoriert. Erst jetzt wird mir bewusst was ich da gerade getan habe und ich könnte kotzen. Mir ist ĂŒbel und ich schleppe mich die Straße hinunter. Am Ende angelangt sehe ich mich noch einmal um und sehe hinter mir, wie der rotgelbe sich mit einem blauflackernden Schein vermischt. Sehe braune und schwarze Gestalten vor GrĂŒnen wegrennen; ein wĂŒstes Durcheinander. Jetzt, da ich wieder klar zu hören vermag, vernehme ich eine Stimme die in einer Sprache die ich nicht kenne schreit. Sehr sehr leise nur dringt sie zu mir herĂŒber, sie ist jedoch voll von so verzweifeltem Klang, dass sie sich wie das Feuer vor meinem Auge in meinen Kopf einbrennt. Ich torkle und gehe auf die Knie. Nach vorne ĂŒbergebeugt, muss ich mich im Rinnstein ĂŒbergeben. Ich kotze mir die Seele und damit diese SinneseindrĂŒcke aus dem Leib. Und wieder höre ich diese heißere Ă€ltere MĂ€nnerstimme. “Junge dir und deinen Freunden ist nicht mehr zu helfen. Armes Deutschland.” Getroffen vom Gesagten erhebe ich mich mit TrĂ€nen in den Augen und versuche zu erkennen woher die Stimme kam. Ich kann jedoch niemanden erblicken. Nur Finsternis und diese verfluchten Sterne, die ich noch vor kurzem mit Sandra bewunderte, ĂŒber mir.


Ein Brummen in meinem Kopf. Mit schwerem SchÀdel und dem begleitenden Geruch von Bier und Rauch auf meiner Kleidung wache ich auf. Noch in den Klamotten von gestern liege ich auf meinem Bett. Ist das gestern wirklich geschehen? Ich habe getrÀumt. Ich muss einfach getrÀumt haben. Ich ziehe mein Handy aus der Jacke, die neben mir auf dem Bett liegt. Eine ungelesene SMS von Sandra.
Ich öffne sie, jedoch mit beinahe hunderprozentiger Sicherheit, dass ich nicht trÀumte.
“Du verdammter Naziidiot scher dich zum Teufel. Wage es ja nicht mehr bei mir aufzutauchen. Wegen euch sind 3 Leute schwerverletzt. Ich hasse dich.”
Autsch ein brennender Schmerz in meiner Brust. Das war deutlich. Ich hatte sie verloren. Das Einzige was mir seit langem Halt gegeben hatte, die, die mich mein Leben ordnen hat lassen, verachtet mich. FĂŒr sie bin ich wie die anderen. Ich bin wirklich ein Idiot. Ich ramme meine Faust gegen die Wand, spĂŒre jedoch keinen Schmerz. Ich muss sie einfach zurĂŒckgewinnen, egal was es kostet. Aber wie. Eins ist sicher: nie mehr will ich wie einer von den anderen sein, wie einer von ihnen aussehen. Das ist es!


Alle meine frĂŒheren SchĂ€tze, von der Ruhnensammlung bis zur schwarz-weiß-roten Fahne, unten den Arm geklemmt, die Klamotten, diese hĂ€ssliche Kluft, noch immer am Leib, trete ich jetzt entschlossen aus dem Haus. Ich weiß genau, was ich will. Meine Schritte in Richtung Asylheim werden immer schneller. Ich marschiere. Die Ungewissheit, ob ich Sandra noch einmal fĂŒr mich erobern könnte, treibt mich. Ich beginne zu rennen. Spurtend und außer Atem komme ich am Asylheim an. Keine Reperaturarbeiten oder der Gleichen zu sehen, nur ĂŒber die Fenstern gespannte Folie verdeckt die Wunden, die auch ich zugefĂŒgt habe. Ich werfe das braune Gerumpel vor mich auf den Boden. Orden und Flugschriften, Flyer und CDs prasseln auf den Boden. Ein paar Fetzen irgendeines hetzerischen Heftchens behalte ich in der Hand. Langsam, schon ein wenig feierlich hole ich mein Feuerzeug aus der Jackentasche. “Sandra schau her ich will nicht mehr! Ich will nur dich! Ich hab genug von der Kacke! Ich bin erwachsen geworden und habe begriffen was fĂŒr einen MĂŒll ich getan habe! Vergib mir bitte! Sieh her, ich mache Schluss damit. Der Scheiß soll brennen! Ich bin raus!” schreie ich so laut es meine StimmbĂ€nder herausbringen. Klack, das erste Blatt brennt langsam von unten nach oben ab. Ich werfe es auf den kleinen Stapel vor mir und zĂŒnde erneut Papiere an. Als dieser zu lodern beginnt drehe ich mich wieder zu Sandras Wohnung. Noch immer sind die Fenster zu. Sie muss es einfach sehen. Wenn ich sie wiederhaben will, muss sie es sehen. “Schau her Sandra! Ich flehe dich an, schau herunter! Ich streife von mir meine Vergangenheit. Ich bereue es ja, dir nichts gesagt zu haben, aber du hĂ€ttest mich sonst nicht gewollt. Nimm mich bitte als einen neuen Michael an!”. Ich streife mit mein Sweatshirt ĂŒber den Kopf und schleudere es auf den nun lichterloh brennenden Haufen. “Ich bin kein Nazi mehr! Glaub mir doch! Du hast mich geĂ€ndert! Dank dir hat mein Leben endlich einen Sinn. Bitte schau mich doch wenigstens an! Du, der Sinn, kannst doch nicht unsinnig gewesen sein! Ich habe mich verĂ€ndert und bin jetzt nur noch fanatisch nach dir!” Hastige schnĂŒre ich mir die Springerstiefel von den FĂŒĂŸen. Erst den Rechten dann den Linken und gebe auch sie den Flammen zum Fraß. “Sieh doch Sandra, wie ich reinen Tisch mache mit meiner Vergangenheit! Sieh es als Brandopfer an uns!” Ich schlĂŒpfe stolpernd aus der braunen Reiterhose. “Brenne, du meine Verblendung! Sandra ich bin keiner mehr von dieses schwachsinnigen Nazidioten! Sieh mich an, wie ich hilflos flehend vor dir stehe und mich dir ganz zu FĂŒĂŸen lege!” Ich knie mich auf den kalten Aspahlt. Meine Augen sind vom Rauch des Feuers gleich neben mir gereizt. Sie trĂ€nen. “Sandra mach dein Fenster auf und rette mich aus meinem Leben!”
Die Augen nun ganz voller TrĂ€nen wende ich meinen Blick wieder nach oben. Ich kann nur schemenhaft sehen, aber ich sehe keine abweisenden FensterlĂ€den. Mein Engel hat mich erhört und mir doch das Tor geöffnet. Jedoch kann ich dort keine Figur erkennen. “Deine Sandra und ihre Kanakenfreunde werden dich nicht mehr aus deinem Leben retten.” Ich zucke zusammen. Eine dunkle harte MĂ€nnerstimme genau hinter mir. Ich fahre herum. “Aber wir!” fĂŒgt eine zweite krĂ€chzende spöttisch hinzu. Die Augen immer noch nass, bin ich nahezu blind. Ich versuche zu realisieren, wer es ist, der da spricht. Doch schon wird es schwarz vor meinen Augen.


Weiß. Ich bin geblendet. Langsam gewöhnen sich meine Augen an das kalte Licht, das von oben auf mich scheint. Mal wieder weiß ich nicht wo ich bin und was genau gesehen ist. Ich fĂŒhle ein Stechen und Brummen in meinem SchĂ€del, noch schlimmer als nach der gestrigen Nacht und langsam aber sicher beginnt sich ein GefĂŒhl des Schmerzes schleppend ĂŒber meinen ganzen Körper auszubreiten. Über mir eine Kaltlichtröhre mit Kachelmuster davor. Ich versuche meinen Kopf nach rechts zu drehen schaffe es jedoch nicht, da er in einer Krause steckt. Was ist nur geschehen.

Eine warme Hand greift die meinige. Und ĂŒber mich beugt sich das etwas besorgte jedoch gewohnt lĂ€chelnde Gesicht eines Engels; Sandra. “Geht es dir gut? Alles in Ordnung?” Mir wird heiß. Ich fĂŒhle keinen Schmerz mehr nur noch WĂ€rme in meinem Körper. “Alles in Ordnung. Aber was ist geschehen?” Ihr Gesicht kommt langsam nĂ€her und sie gibt mir einen Kuss auf meine Lippen. “Ich bin so froh, dass es du dich gut fĂŒhlst, jetzt wo du anscheinend zu Verstand gekommen bist.” “Wieso was habe ich gemacht und wieso liege ich hier im” ich blicke mich aus den Augenwinkeln um “im Krankenhaus?” “Du hast das einzig Richtige gemacht. Du hast dich von deiner Vergangenheit losgesagt.” Und mit plötzlich ernstem Blick fĂŒgt sie hinzu “Sag nicht, dass du das schon wieder vergessen hast, oder die Scheiße die du den Asylanten angetan hast!” Asylanten, Scheiße? Langsam kommt es mir wieder ich war dort und habe Steine geworfen, es bitter bereut und wollte Sandra zurĂŒckgewinnen indem ich öffentlich meinen Ausstieg zeigte. “Stimmt, ich habe den Rechten abgeschworen, aber was ist dann passiert Sandra? Wieso bin ich hier? Und wo warst du?” “Ich war zu Hause, aber hatte eine gigantisch große Wut auf dich und ich war sauer auf mich, dass ich auf einen Nazi hereingefallen war, der nun das Asylheim angreift -”“Ich wollte nicht, ich war betrunken und die Masse -”“Sei ruhig! Ich glaube dir ja. Auf jeden Fall hörte ich dann deine Stimme und sah dich durch die Schlitze in meinem Fensterladen unten auf der Straße deine Sachen anzĂŒnden. Ich war zu erst ein wenig unsicher was du dort unten treibst. Als ich jedoch gesehen hab, dass du fĂŒr mich ein anderer Mensch geworden bist und dein Leben Ă€ndern, also dein Altes aufgeben, willst war ich gerĂŒhrt.”“Nicht wegen dir, sondern durch dich.” Sie lĂ€chelt. Und schon wieder so unwiderstehlich. “Ich habe gerade mein Fenster geöffnet, als ich dich unten auf der Straße knien sah. Ich wollte zu dir herunter kommen, als hinter dir zwei MĂ€nner mit Springerstiefeln und Bomberjacke auftauchten. Sie gingen direkt auf dich zu. Hielten kurz noch einmal hinter dir und dann versetzte dir der einen von ihnen, ein grĂ¶ĂŸerer krĂ€ftig Gebauter, einen Tritt gegen den Kopf. Du lagst da und hast geblutet. Ich war geschockt. Der zweite ein etwas Untersetzter trat dann auf dich ein, als du so da lagst, Ich war wie versteinert vor Entsetzten und konnte mich nicht rĂŒhren; nicht wegschauen. Ich dachte sie treten dich tot. Zum GlĂŒck kamen genau in dem Moment Jeronimo, Asham und Juri aus dem Asylheim gerannt. Direkt auf euch zu. Sie haben irgendetwas gerufen. Ich hab es nicht genau verstanden. Auf jeden Fall ließen deine alten Freunde von dir ab und brĂŒllten, du solltest bei deinen Kanaken bleiben. NĂ€chstes mal wenn du ihnen ĂŒber den Weg lĂ€ufst seist du fĂ€llig. Gleich danach bin ich zu dir nach unten gelaufen. Zu erst dachten wir du seist tot, aber du hast noch flach geatmet. Wir haben dann einen Notarzt gerufen und der hat dich hierher gebracht. Er meinte in einer Woche kannst du hier wieder raus, da es nur eine gebrochene Nase und Rippe, ein paar Prellungen und eine GehirnerschĂŒtterung sein.”

Drei AuslĂ€nder, die ich am Tag zuvor noch mit Steinen beworfen, deren Familien und Freunden ich und meine “Freunde” nicht nur gestern so viel Leid zugefĂŒgt haben und die ich frĂŒher als Pest bezeichnet habe, haben mir das Leben gerettet. Ich komme mir richtig dreckig und elend vor. Meine frĂŒheren Kameraden von denen ich einst dachte sie seien meine Freunde, ja sogar sie seien meine Familie, haben sich meiner entledigen wollen, als sie meine Worte des Aussteigens hörten. Aber die, die ich immer nur wie Dreck behandelt habe, haben mich gerettet. Ich brauche ein wenig um das zu verarbeiten.


Sandra muss meine Gedanken erraten haben. “Ja ganz recht, die, die du immer gehasst hast haben dich gerettet. Ich bin so froh, dass du zu Verstand gekommen bist, weil ich dich den Menschen Michael liebe.””Ich liebe dich auch Sandra. Lass uns bitte, sobald ich hier raus darf, weg von hier. Ich will raus aus diesem Sumpf”. Wieder beugt sie sich ĂŒber mich, kĂŒsst mich erneut, dieses mal jedoch lang und innig und streicht mir als sie sich wieder aufrichtet sanft durchs Haar. “Sobald du wieder gesund bist, gehen wir zurĂŒck zu meinen Eltern.”

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Mira
???
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Hallo are-T,

eine gut gestrickte Liebesgeschichte. Musste drei AnlÀufe nehmen, um sie fertig zu lesen, weil ich immer wieder gestört wurde. Sie war aber so spannend, dass ich wissen wollte, wie sie endet. Gut beschrieben fand ich das Nazimilieu und vor allem die Szene im Bus. Es kam gut raus, dass viele nur bei der Bewegung mitmachen, weil sie Halt suchen, arbeitslos-und perspektivlos sind. Gelungen fand ich die Mischung aus Romantik und Ernst, was der Geschichte viel Spannung verleiht.
An manchen Stellen finde ich den Stil zu holprig, z. B.:
Gemeinsam mit meinen Kameraden von den Jung-Nationalen werden wir diese, unsere Stadt wieder sauber machen. Da könnte man besser schreiben: Gemeinsam mit meinen Kameraden von den Jung-Nationalen werden wir unsere Stadt wieder sauber machen.
Dadurch kommt mehr Tempo rein und man bleibt nicht am Wort kleben. Das gibt den letzten Schliff.

Liebe GrĂŒĂŸe
Mira

__________________
Ohne das Auge kann der Geist nicht dichten.
Peter Meinke

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mitis

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ich wĂŒrde noch mal das rechtschreibprogramm drĂŒberlaufen lassen, da sind einige schwere fehler drin.

zur geschichte: mir verlĂ€uft sie ein bißchen zu friktionsfrei. erst ist dein prot ein böser/angefressener/und scheinbar ĂŒberzeugter nazi, dann verliebt er sich, Ă€ndert von heut auf morgen sein leben (gut, so was kann passieren), aber dass dann noch die bösen auslĂ€nder die guten retter sind - es ist zu viel glĂ€tte fĂŒr mich in dieser an sich interessanten story, die ich gern gelesen habe.
am besten gelungen sind dir m.E. die "inneren monologe" deines prot. - den plot wĂŒrde ich hingegen nochmal ĂŒberarbeiten.

lg mitis

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are-T
Hobbydichter
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danke
mit rechtschreib prog muss ich warten bis ichn neuen laptop hab mein liebes obenoffice zeigt mir hier nur tippfehler an ...

ja geb dir recht is bissl "optimistischer" plot aber wie gesagt is bissl Àlter mal schaun wenn ich in frankreich zeit find evtl versuch ich eure gesammelten tips mal in ner neuen story um zu setzen

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