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Ja, es stimmt, wenn ich am Morgen meine Wohnung verlasse, lächle ich zumeist. Mir vergeht auch nicht das Lächeln, wenn ich meinen Nachbarn begegne, den Leuten also, die in meinem Aufgang wohnen. Ich grüße höflich, lächle noch ein wenig deutlicher, nicke aufmunternd, spreche vielleicht auch ein paar belanglose Worte, und setze meinen Weg fort.
Ich weiß: keiner meiner Nachbarn kennt meine Gedanken. Zum Glück. Denn ich habe nicht die harmlosesten. Aber was soll ich machen!? Ich kann mir immer wieder einreden, man müsse die Menschen positiv sehen, man müsse ihre menschlichen Seiten ins Zentrum seiner Wahrnehmung lassen, ihre kleinen Schwächen, die individuelle Note, quasi ihre ganze, unwiederholbare Einmaligkeit...
Aber das gelingt mir nicht. Stattdessen lese ich klar die wirklichen Gedanken aus ihren Gesichtern – oder Gesichtsfassaden.
Kommt mir z.B. Frau L., eine Kindergärtnerin in reiferen Jahren, auf der Treppe entgegen, habe ich augenblicklich eine Folterszene vor mir. Ich grüße, zuvorkommend wie immer, und – sehe mich in hilfloser Stellung gefesselt am Boden liegen.
Ich verharre einen Moment, schwätze was von Wetterbesserung, drücke mich etwas zu auffällig in die Ecke des Treppenpodestes. Frau L. sieht mich freundlich, mitleidig und verächtlich zugleich an. Auch sie bleibt einen winzigen Moment stehen und schraubt sich ein maskenhaftes Lächeln ins Gesicht, ich muss unwillkürlich an ein Ersatzteil denken, dass sie eben aus dem Teile-Regal ihres Gefühlshaushaltes gezogen hat. Die massige Frau ist ein wenig rot im Gesicht und schwitzt, es ist ein harmlos-friedliches Bild. Man könnte an eine nette, gemütliche Schwiegermama denken.
Ich entdecke ein kleines Kruzifix, es verliert sich an einer feingliedrigen Goldkette vor dem Fleisch ihres kräftigen Halses. Ich habe den Eindruck, es beginne sich aufzublähen, gewänne an Größe, werde beständig massiger, gewaltiger, drohender...
Ich reiße meinen Blick von dem verzauberten Kreuz los und wage es, ihr direkt in die Augen zu sehen. Mein nächster Fehler. Ihr Blick saugt mich auf. Ich komme ins Rutschen, gefesselt und hilflos, wie ich bin, schleife ich, immer schneller werdend, über rauen, gefrorenen Ackerboden, rase auf einen großen See zu. Mit letzter Kraft gelingt es mir, mich aus den Fesseln zu befreien, aber ich bin schon auf der dünnen Eisfläche, ich torkele, taumele, versuche aufzustehen, zum Ufer zurückzulaufen. Frau L. gibt mir, am Ufer stehend, mit einem ins Unendliche verlängerten Bein einen Tritt. Ich rutsche aus, ich falle, ich breche ein und strample ums Überleben im eiskalten Wasser.
Natürlich lasse ich mir nichts anmerken. Ich stehe scheinbar ruhig, freundlich lächelnd und etwas unbeholfen in einer Ecke des Treppenabsatzes, ohne auch nur die kleinste Portion Sicherheit aus meiner Position gewinnen zu können. Trotzdem drücke ich meinen Rücken gegen die Wand und – spüre Grabeskälte. Mein Lächeln erstarrt, ich merke, wie es zur eisigen Schale wird. Nun tragen wir beide eine Maske. Mich befällt das Gefühl, die Arme hochreißen und davonzurennen zu müssen. Aber ich kann ja nicht. Ich schwimme und kämpfe um mein Leben, meine Hände greifen nach dem immer wieder abbrechenden dünnen Eis...
Frau L.‘s Maske lächelt, sie selbst schwitzt und atmet schwer. Ich spüre deutlich, was in ihr vorgeht. Sie würde mich, gesetzt, die Gesetze erlaubten es und eine passende Situation ergäbe sich, die Treppe herunterstoßen und ohne Zögern – zertreten. So, wie sie mich gerade in meiner Vorstellung ins Eiswasser zurückstößt. Es würde ihr nichts ausmachen, ständen die anderen Mieter unseres Aufgangs im Kreis um uns her. Das wäre ihr wahrscheinlich noch Ansporn.
Ganz besonders lange würde sie auf meinem Genital herumtreten. Ich weiß das, ich sah die Szene oft vor mir, und nun habe ich sie wieder vor meinem inneren Auge. Frau L.‘s latente Wut, ihre Vernichtungsphantasien – und auch die der anderen Nachbarn – haben ihren Grund in meiner Art, mich zu kleiden, zu reden, zu lächeln, zu leben. Ich bin weder so noch so, ich muss das hier nicht weiter erläutern. Auf jeden Fall passe ich in keines der ihnen bekannten und vertrauten Raster. Sie können mit meiner Existenz nicht umgehen, daher wollen sie mich – und würden sie mich, gäbe es eine legale Gelegenheit – mit Freude vernichten. Sie lebten ruhiger, harmonischer danach...
Frau L. gibt sich einen Ruck, geht weiter. Eine Unendlichkeit später ereicht mich ihr „Guten Tag, junger Mann!“ Ich kann nicht umhin, es, still für mich, in die tatsächlich gemeinte Bedeutung zu übersetzen: Verreck, du Schwuchtel! Während der nächsten Schritte ertrinke ich in dem winterlichen See.
Ich öffne die Haustür, Herr K. kommt mir entgegen. Er wohnt auf meiner Etage. Jeden Morgen führt er seinen „Friedrich“ aus, das ist ein fetter, alter Dackel, der mich seit je misstrauisch anknurrt, während sein Herrchen – seit je – einen ausgeglichen Eindruck auf seine Mitmenschen zu verbreiten bemüht ist. Ich grüße höflich, er grüßt noch höflicher und beinahe wohlwollend zurück. Es handelt sich natürlich um ein gut getarntes, in die Irre führendes Wohlwollen. Fast perfekt ist er darin, das muss man ihm lassen. Wie gern würde ich ihm glauben... Mit einiger Sicherheit träumt er davon, einen Kampfhund auf mich zu hetzen, genüßlich würde er meiner Zerfleischung beiwohnen.
Herr K. öffnet ein wenig den Mund, seine unschönen, gelben, von Karies zerfressenen Zähne werden sichtbar. Ich werde ruhiger. Mir fällt ein: Herr K. ist keine Gefahr für mich, trotz all der abartigen, gefährlichen Gedanken, die in seinem Kopf immer noch arbeiten. Denn er ist schwach, arm, alt. Seit Jahren ist er pensioniert, davor war er lange ohne Job. Er raucht stark und trinkt billigen Fusel, die Frau starb vor einigen Jahren, ob er Kinder hat, ob sich sonst noch jemand für ihn interessiert oder sich um ihn kümmert, weiß ich nicht. Sein „Friedrich“ ist desgleichen ein dahinsiechendes Wesen, wer wen den Bordstein lang zieht, lässt sich nicht so genau sagen.
Er nickt mir zu. Schließt langsam den Mund, starrt auf seinen „Friedrich“, der gerade ein großes Geschäft verrichtet. Ich bin mir in diesem Moment nicht sehr sicher, inwieweit ich seine wirklichen Gedanken erfasst habe. Ich beschleunige meine Schritte.
Ein paar Meter weiter treffe ich Herrn J., er wohnt über mir. Er kommt vom Bäcker, ich sehe einen nicht sehr sauberen Leinenbeutel, oben lugen einige Brötchen heraus. Vielleicht ist er momentan krankgeschrieben oder hat Urlaub. Von Beruf ist Herr J. Obermeister der Fleischerinnung und arbeitet als Berufsschullehrer in einer entsprechenden Schlachteschule. Ein Mann mit Sinn für’s Praktische. Anderen Hausbewohnern hilft er gelegentlich, tauscht mal einen Wasserhahn aus, schlägt gegen die Heizungsrohre, so dass man es im ganzen Aufgang hört, oder schärft in seinem Bastelkeller Messer. Manchmal, so mein Eindruck, drängt er sich mit seiner Hilfsbereitschaft ein bisschen zu stark auf, z.B. bei Frau L. Sicher träumt er von ihr, oder ihren Brüsten, ihrem breiten Hintern, ich weiß es nicht.
Herr J. schaut mich wie immer ein wenig oberlehrerhaft-spöttisch an. Aber auch das täuscht. Er träumt davon, denke ich, mich im Rahmen einer Lehrvorführung durch einen Fleischwolf zu drehen und dann zu einer geschmackvollen Mettwurst zu verarbeiten. Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie ihm der Speichel beim Gedanken an sein Produkt zu laufen beginnt. Ich presse ein kurzes „schön‘Tach“ zwischen meinen Lippen heraus und husche an ihm vorbei. Sein Fleischerhaken-Blick sticht mir in den Rücken, aber ich wage es nicht, mich umzudrehen. Ich muss zum Arbeitsamt. Ich habe einen Termin mit Herrn F. Das ist der freundlichste und gefährlichste von allen. Ich kann mich nicht dagegen wehren, aber wenn ich vor diesem Menschen sitze und, scheinbar aufmerksam, seinen Ausführungen und Vorschlägen folge, befallen mich die seltsamsten, gemeinsten und widerlichsten Ideen. Dagegen sind, wenn ich ehrlich bin, die Gedanken meiner Hausmitwohner harmlos.
Version vom 13. 03. 2006 14:36
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