Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87747
Momentan online:
699 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Begegnungen mit der Vergangenheit
Eingestellt am 22. 03. 2009 15:02


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
M.Stimmler
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2009

Werke: 1
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um M.Stimmler eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Winternacht

Martin Stimmler

Jedesmal, wenn Sarah den Namen ihres Wohnortes aussprach, riss sie die Augen auf und vollfĂŒhrte mit den Pupillen eine halbe Drehung, bevor sie in affektierter SchwĂ€rmerei mit halb geschlossenen Lidern zu Boden blickte. In „Hamburg“ gab es alles. LĂ€den die alles hatten, LĂ€den die alles spielten, LĂ€den in denen die „total abgefahrenen“ Szenetypen rumhingen, die definierten was gerade in war und was nicht. Auf die jĂŒngsten Zeugnisse ihres schlechten Geschmacks vorsichtig angesprochen, war das Standardargument immer dasselbe: „Also, in HAMBURG (Augen auf, Drehung der Pupille, Augen zu Boden) ist das gerade total in.“ Wolfgang kam aus einem winzigen Kaff in Franken, genau wie Sarah eigentlich auch; er allerdings hatte es nur zu einer Studentenwohnung in der nĂ€chsten grĂ¶ĂŸeren Stadt NĂŒrnberg gebracht, wĂ€hrend seine Freundin seit einigen Jahren in der norddeutschen Metropole residierte. Sarah hatte gerade ihren monatlichen Besuch absolviert (das richtige Wort fĂŒr die seit irgendeinem Punkt in den letzten zwei Jahren nur noch gewohnheitsbedingt gleichmĂ€ĂŸig dĂŒmpelnde Beziehung) und fuhr in einem Intercity etwa auf halber Strecke nach Hause durch die kalte Winternacht, wĂ€hrend Wolfgang noch immer in Gedanken versunken durch die leeren Straßen eines NĂŒrnberger Vororts lief. BĂŒrgersteige, HĂ€user und Straßen waren von einer dĂŒnnen Schneeschicht bedeckt, die vom halbvoll stehenden Mond beschienen wurde. Bis auf einige Schleier war es sternenklar.
In gewisser Weise bewunderte Wolfgang sich selbst dafĂŒr, wieder zwei Tage mit seiner Freundin verbracht zu haben, ohne sich zu offenen Sticheleien hinreißen zu lassen. An AngriffsflĂ€che mangelte es keineswegs. Andererseits hatte seine ZurĂŒckhaltung auch durchaus mit dem Wissen um seine eigene Verwundbarkeit gegenĂŒber Sarah und vor allem um ihre FĂ€higkeit zu gezielten und erbarmungslosen verbalen TiefschlĂ€gen zu tun. Das wiederum beschĂ€mte ihn, zu Recht, wie er selber wusste.
Wolfgang blieb stehen, nahm einen tiefen Atemzug und betrachtete den Dampf, den er aus seiner vor KĂ€lte geröteten Nase in die Januarnacht entließ. Obwohl er fror, verspĂŒrte er wenig Lust, den Heimweg anzutreten. Er kannte die Stimmung gut, in die er, seit er Sarah zum Bahnhof gebracht hatte, zusehends verfiel; der Notwendigkeit zur gesellschaftlichen Schauspielerei entledigt ĂŒberkam ihn oft eine tiefsitzende Melancholie, der man sich besser im Freien hingeben konnte als umgeben von den GegenstĂ€nden des Alltags. Die waren geradezu aufgeladen mit der Notwendigkeit zum konstruktiven Fortschreiten, eine einzige Mahnung „etwas“ aus seinem Leben zu machen. Wolfgang war sich seit einiger Zeit ziemlich sicher, dass er wohl nicht besonders viel aus seinem Leben machen wĂŒrde. Allerdings war diese Vorstellung mittlerweile grĂŒndlich jeder jugendlichen Romantik beraubt, was auch ein Blick in den klaren Nachthimmel nicht zu Ă€ndern vermochte; „nichts aus sich zu machen“ war gesellschaftlich geĂ€chtet, da konnten die Sterne so hell leuchten wie sie wollten.
Er beschloss, seinen nĂ€chtlichen Winterspaziergang diesmal weiter auszudehnen als sonst; dass er sich meistens nur in den ruhigeren Wohngegenden seinen Stimmungen hingab – immerhin zu ungewöhnlichen Uhrzeiten – kam ihm geradezu wie ein Symbol seiner klĂ€glichen Überreste von Rebellentum vor. Er zog seinen Schal fester und begann in die Richtung zu laufen aus der er gekommen war, passierte eine Viertelstunde spĂ€ter ohne aufzublicken seine Wohnung in der Hansastraße und lief zielstrebig auf den Ortsausgang zu. Die Vorstellung, mit seiner völlig in schwarz gehaltenen Kleidung gegen die Weiße des Schnees wie ein dunkler Schatten zu wirken, erschien ihm passend und gefiel ihm auch in gewisser Weise.

Der einsame Feldweg, dem Wolfgang nun seit etwa einer Dreiviertelstunde gefolgt war, fĂŒhrte an einigen alleine stehenden BauernhĂ€usern und kahlen, schneebedeckten Feldern vorbei; in einer Entfernung von etwa drei Kilometern rechts von ihm lag ein dichter Wald, der sich in unĂŒberschaubare Weite erstreckte. Auf dem freien Feld war der Wind deutlich stĂ€rker als in den geschĂŒtzten Straßen seines Wohnviertels, und Wolfgang fror trotz seines dicken Mantels und des gestreckten Schrittes, mit dem er ziellos dem beinahe schnurgeraden Verlauf des Feldweges folgte. Es schneite leicht; Wolken waren aufgezogen und dĂ€mpften das Licht des Mondes. Das letzte Haus, in dessen beleuchteten Fenstern gebastelter Weihnachtsschmuck vor weißen Gardinen befestigt war, hatte er vor zehn Minuten passiert. In der Ferne vor ihm war nichts zu erkennen außer der Weiße der sanft ansteigenden Landschaft und vereinzelt stehenden BĂ€umen.
Wolfgang war tief in Gedanken versunken, die ihn von der Betrachtung seiner eigenen Situation, ĂŒber die in den vergangenen Wochen bereits des Öfteren vorgenommene – und eher mißgĂŒnstige – Analyse der Persönlichkeit Sarahs, schließlich zur recht dĂŒsteren Behandlung philosophischer Fragen gefĂŒhrt hatten. Gerade grĂŒbelte er entschlossenen Schrittes ĂŒber den Begriff der Schuld; der VerknĂŒpfung von KausalitĂ€t und Schuld, den Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung, die Rechtfertigung von Vergeltung, dem Sinn von Strafe... Beinahe hĂ€tte er den dunklen Schatten ĂŒbersehen, der sich am rechten Wegesrand abzeichnete. Als er nahe genug herangekommen war – es konnten alte Reifen sein, oder vielleicht ein kleiner Stoß Holz – vernahm er zuerst ein Schnaufen, dass sich mit einem undeutlichen Brabbeln abwechselte, und dann den deutlichen, immer intensiver werdenden Geruch von hochprozentigem Alkohol. Offenbar war er hier, mitten in der einsamen Winterlandschaft, auf eine Alkoholleiche gestoßen – glĂŒcklicherweise nur im ĂŒbertragenen Sinn, den GerĂ€uschen nach zu urteilen.

Vorsichtig nĂ€herte er sich dem Betrunkenen, der, flach auf dem RĂŒcken liegend, eine Flasche in der auf seiner Brust ruhenden Hand hielt. „Hallo?“ fragte Wolfgang erst grundlos schĂŒchtern, dann noch einmal mit festerer Stimme. Die Antwort war ein leises irres Kichern, unterbrochen von pfeifenden AtemgerĂ€uschen und unverstĂ€ndlichen Lauten; der Mann versuchte anscheinend zu sprechen, reihte aber nur Vokale aneinander. Scheiße, dachte Wolfgang. „He, Sie können hier nicht liegenbleiben!“ Im völligen Bewußtsein der Sinnlosigkeit seines Versuches, an die Vernunft des Betrunkenen zu appellieren, fĂŒgte er dennoch leise und tonlos hinterher: „Sie erfrieren ja sonst...“
Der grĂŒne Parka des Obdachlosen – offensichtlich handelte es sich um einen solchen – war völlig duchnĂ€sst und stank nach billigem, hochprozentigem Alkohol. Er war wohl mit der offenen Flasche in der Hand nach hinten gekippt und in seinem volltrunkenen Zustand einfach so liegen geblieben; lange hĂ€tte er hier sicher nicht mehr ĂŒberlebt. Da Wolfgang aus Prinzip kein Handy besaß, was er jetzt zum ersten mal in seinem Leben bedauerte, konnte er keine Hilfe holen, und alleine zurĂŒck zum letzten Bauernhaus zu laufen schien ihm zu riskant zu sein. Es wĂŒrde mindestens eine Viertelstunde dauern, bis er mit dem Bewohner wieder hier sein wĂŒrde, auch wenn er rannte. Bis dahin könnte es vielleicht schon zu spĂ€t sein. Die einzige Möglichkeit war also, den Mann hier weg zu bewegen. Scheiße, Scheiße!!!, dachte er nocheinmal, drehte den Betrunkenen auf die Seite, legte dessen Arm um seine Schulter und hievte ihn mĂŒhsam auf die Beine.
Zum GlĂŒck wog der Kerl nicht viel, auch wenn er sich fast völlig hĂ€ngen ließ. Den Kopf vorne ĂŒbergebeugt, setzte er zumindest hin und wieder einen Fuß vor den anderen; verfilztes, fettiges dunkles Haar, das ihm bei aufrechter Körperhaltung wohl etwa bis zu den Schultern gereicht hĂ€tte, bedeckte sein Gesicht. Obwohl Wolfgang ihn fast tragen musste, kamen sie einigermaßen voran; in zwanzig Minuten sollten sie wohl das Bauernhaus erreicht haben.
Durch die erzwungene Bewegung schien der Betrunkene nach und nach etwas klarer zu werden. Wolfgang konnte einzelne genuschelte Wörter verstehen – „Danke, Mann, nett von dir... “ – wobei der erste Versuch des Mannes, sich zu artikulieren, allerdings von einem Hustenanfall unterbrochen wurde, der so heftig war, dass sie einige Minuten pausieren mußten. KrĂ€mpfe schĂŒttelten seinen Körper, wĂ€hrend er zwischen den Hustenattacken mit rasselndem Atem um Luft rang. Als der Anfall vorĂŒber war, setzten die Beiden sich langsam wieder in Bewegung. Nach wenigen Metern begann der Mann erneut: „Danke, Wolfgang, echt nett von dir...“ – Woher kennt der Typ mich? Als Wolfgang auf diese Frage auch nach dem zweiten Mal keine verstĂ€ndliche Antwort bekam, blieb er schließlich stehen, richtete sich völlig auf und drehte sich mitsamt seiner Last in die andere Richtung. Der starke Wind blies das Haar aus dem Gesicht des Unbekannten, der mit halb geschlossenen, glasigen Augen durch Wolfgang hindurch zu sehen schien. Es dauerte einen Moment, bis Wolfgang seinen ehemaligen MitschĂŒler erkannte. „Jens?“ - „Klar... klar, Wolfgang. Ich bin‘s. Kennst mich doch.“, antwortete dieser lallend. Ein schwaches LĂ€cheln zeichnete sich auf dem roten, aufgedunsenen Gesicht ab, wĂ€hrend ein Faden Rotze aus seiner Nase lief und sich in dem struppigen braunen Bart verirrte. „Wie... Was machst du denn hier?“, fragte Wolfgang in einem ihm selbst absurd erscheinenden heiteren Tonfall, der wohl zu so etwas wie einem halbautomatischen Standardprogramm ‚Wiedersehensfreude‘ gehören musste; Mein Gott, was ist mit dem bloß passiert?!, schoss es ihm wĂ€hrenddessen bestĂŒrzt durch den Kopf.

Jens und er waren auf dem Gymnasium von der fĂŒnften bis zur zehnten in derselben Klasse gewesen, bis Jens dann schließlich sitzengeblieben war; fast jeden Morgen hatten sie sich schon im Bus getroffen, der die SchĂŒler aus ihrem Heimatdorf in die nĂ€chste Kleinstadt beförderte. Eigentlich waren sie nie wirklich gute Freunde gewesen, gehörten aber beide zur halbstarken ‚Lokalprominenz‘, den mehr oder weniger gern gesehenen aber irgendwie auch dazugehörenden KomasĂ€ufern und Randalierern auf jeder SchĂŒlerparty. Als Jens‘ Eltern ein halbes Jahr nachdem er die Klasse wiederholen musste, weggezogen waren, hatten sie sich völlig aus den Augen verloren.
Er hat‘s zwar damals schon immer ĂŒbertrieben, aber... Streng genommen hatten sie beide es regelmĂ€ĂŸig ziemlich ĂŒbertrieben, aber Wolfgang hatte letztendlich – entgegen der Prognose der meisten Beobachter – doch noch die Kurve und schließlich auch sein Abi gekriegt. Jens dagegen... irgendetwas musste fĂŒrchterlich schief gegangen sein.

Außer einem rasselnden Husten bekam Wolfgang keine Antwort auf seine unangebracht heitere Frage; bevor wieder Augenkontakt zustande kommen konnte, drehte er sich um, und setzte sie beide wieder in Bewegung. Erst jetzt begann Jens‘ Körper, gegen die KĂ€lte anzukĂ€mpfen. Das ungehemmte Zittern, das hektische Atmen und ZĂ€hneklappern kamen Wolfgang fast ĂŒbertrieben vor, aber sicher hatte sein alter Bekannter schon eine ganze Weile hier gelegen. Und seine klatschnasse Kleidung machte die winterlichen Temperaturen wohl kaum angenehmer.
Teilweise um die unangenehme Situation ertrĂ€glicher zu machen, teils um seinen frierenden Begleiter abzulenken, aber auch aus ehrlicher Neugier versuchte Wolfgang nach ein paar mĂŒhsam zurĂŒckgelegten hundert Metern erneut, ein GesprĂ€ch in Gang zu bringen. „Sag mal...“ Er musste sich stark rĂ€uspern, da seine belegte Stimme ihm beinahe den Dienst verweigerte, „sag mal Jens... wieso... was machst du eigentlich hier, mitten in der Nacht bei dem Wetter?“ Die einzige Antwort bestand in fortgesetztem Keuchen und ZĂ€hneklappern. „Du wĂ€rst hier fast... Mann, was ist eigentlich passiert?“ Wolfgang stoppte abermals ihren Marsch durch die Winternacht und versuchte, Jens so weit wie möglich aufzurichten. „Ich meine... bist du nicht wenigstens arbeitslos gemeldet oder so? Wohnst du irgendwo?“
Jetzt zeigte Jens eine Reaktion. Schniefend strich er sich das fettige Haar nach hinten ĂŒber den Kopf und begann, reichlich undeutlich zu lallen. „Ach nee... weiste... Das... also... ich war mal arbeitslos gemeldet, aber... sollte so‘n Scheißjob machen... jetz hĂ€ng ich hier halt einfach auf der Straße rum... is mir auch scheißegal wennich erfrier, weiste... voll...kacke!“ Plötzlich griff Jens sich mit beiden HĂ€nden in die Haare und beugte seinen Oberkörper vor, offenbar ein gewohnter Bewegungsablauf. Immerhin mit dem Wind ergoss sich ein nicht unbetrĂ€chtlicher Schwall FlĂŒssigkeit in die dĂŒnne Schneedecke; Wolfgang hatte es gerade noch fertig gebracht, die ihm ebenfalls nicht unbekannten Zeichen richtig zu deuten und aus der Schusslinie zu treten. TatsĂ€chlich setzte Jens sich anschließend stöhnend von selber wieder in Bewegung, sehr unsicher auf den Beinen und stark nach links und rechts schwankend, aber immerhin. Seinen Ekel ĂŒberwindend griff Wolfgang von hinten wieder zu, schnappte sich den rechten Arm seines alten Partykollegen und versuchte, diesen einigermaßen auf Kurs zu halten. Allerdings hatte er nicht den Eindruck, aus Jens noch eine einigermaßen plausible ErklĂ€rung fĂŒr seinen offenbar bodenlosen Absturz zu erhalten, zumindest nicht mehr heute.
Schließlich nĂ€herten sie sich dem Bauernhaus, dessen beleuchtete Front von Weitem geradezu klischeehaft einladend aussah. Hier kann man noch eine Ahnung davon bekommen, was „Zivilisation“ eigentlich bedeutet, dachte Wolfgang. Bis vor ein paar hundert Jahren waren alle menschlichen Siedlungen genau das, was sie heute in diesem vereinzelt stehenden Bauernhaus erblickten: Einigermaßen ruhige und warme Inseln inmitten eines lebensunfreundlichen, erbarmungslosen Ozeans des Fressens und Gefressenwerdens. Oder des Erfrierens, in dem Fall. Wobei natĂŒrlich abzuwarten blieb, wie sich die Bewohner dieser friedlich wirkenden „Insel“ gegenĂŒber zwei ungebetenen, nicht gerade den Idealtypus des angepassten Schwiegersohns verkörpernden Herumtreibern verhalten wĂŒrden, die sich mitten in der Nacht erdreisteten, mit ernsthaften existenziellen Nöten Nachtruhe und Reinlichkeitsempfinden einer hoffentlich harmlosen Bauernfamilie zu stören... Wolfgang nahm sich vorsorglich schon einmal vor, spĂ€ter auf all jene Elenden zu trinken, die im Laufe der Menschheitsgeschichte vor den geschlossenen Toren irgendwelcher StĂ€dte oder Dörfer krepiert waren.
Mit einem leichten Ruck seinen geradeaus stolpernden Begleiter zur Hofeinfahrt ausrichtendend – was dieser kaum zu registrieren schien, da er die unkoordinierte aber stetige VorwĂ€rtsbewegung fast nahtlos fortsetzte – steuerte Wolfgang schließlich auf das allein stehende Haus zu.

Nachdem auf die ersten Versuche, sich mittels höflichen Anklopfens bemerkbar zu machen, keinerlei Reaktion erfolgte, donnerte Wolfgang schließlich mit der Faust so lange an die massive HolztĂŒr – an der ein mit kitschigen Engelsgesichtern verzierter Weihnachtskranz allen Besuchern ein „Frohes Fest“ wĂŒnschte – bis diese von innen mit einem Ruck geöffnet wurde. Der im Eingang stehende massige Hausherr, mit einem struppigen Oberlippenbart inmitten des breiten, roten Gesichts, drĂŒckte durch seine Mimik eine Kombination aus MĂŒdigkeit und VerĂ€rgerung aus, der sich wenige Sekunden nach der ersten Inaugenscheinnahme der nĂ€chtlichen Besucher so etwas wie Ekel hinzugesellte. Ohne ein Wort zu sagen, die halb geöffnete TĂŒr mit einer Hand festhaltend, blickte er abwechselnd Wolfgang und Jens mit aufgerissenen Augen an.
„ÄÀÀh... Hallo... entschuldigen Sie die spĂ€te Störung“ - eigentlich waren Wolfgang Höflichkeitsfloskeln wie diese von Herzen zuwider, aber in dieser Situation wollte er wirklich nicht riskieren, den Bewohner des einzigen Hauses in einem Umkreis mehrerer Kilometer noch mehr zu verĂ€rgern, als dies offenbar ohnehin schon geschehen war - „aber mein Fr... dieser Mann hier ist sehr betrunken und wĂ€re bestimmt erfroren, wenn ich ihn nicht gefunden hĂ€tte. Könnten Sie vielleicht einen Krankenwagen rufen?“
Nach einem kurzen Moment des Zögerns öffnete der Mann die TĂŒr ganz und brummte „OK, von mir aus. Kommt rein. Ihr könnt hier vorne in der Diele warten.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ den kleinen Eingangsraum fĂŒr einen Moment, kam aber sofort mit einem Telefon in der Hand zurĂŒck. Die Diele war eher spartanisch eingerichtet, Sitzmöglichkeiten gab es keine, aber immerhin war es hier warm und windstill. Wolfgang beschlugen augenblicklich die GlĂ€ser seiner Brille und wĂ€hrend der Bauer telefonierte half er Jens mehr oder weniger im Blindflug dabei, sich auf den mit einem einfachen und ziemlich abgetretenen mintgrĂŒnen LĂ€ufer ausgelegten Boden zu setzen. Er selbst blieb lieber stehen.

WĂ€hrend sie auf den Krankenwagen warteten, was sicherlich eine halbe Stunde dauerte, verließ der Bewohner des Hauses fĂŒr keine Sekunde den Raum und beobachtete schweigend, mit missbilligendem Gesichtsausdruck, Wolfgang und insbesondere den am Boden kauernden Jens, der mindestens einmal kurz davor war, den Rest seines Mageninhaltes in seiner direkten Umgebung zu verteilen. Zum GlĂŒck hatte er sich beherrschen können, was auf das Vorhandensein gewisser Basiskenntnisse gesellschaftlich angemessenen Verhaltens schließen ließ – und darauf, dass er sich zusehends seiner Situation oder zumindest seines Aufenthaltsortes bewusster zu werden schien. Mehrmals richtete er seine Augen auf Wolfgang und versuchte wohl, mit einem ziemlich unsicheren LĂ€cheln so etwas wie ein GesprĂ€ch einzuleiten.
Nachdem Wolfgang eine Weile schweigend in der Diele gestanden hatte – eine umso unangenehmere Situation, als er abwechselnd darum bemĂŒht war, den missbilligenden Blicken des Bauern und den hilfesuchenden seines alten Bekannten auszuweichen – ging er schließlich neben Jens in die Hocke. Vorsichtig berĂŒhrte er dessen Schulter, wobei ihm das immer noch starke Zittern des völlig durchfrorenen Körpers auffiel. Die BerĂŒhrung bemerkend, wandte Jens langsam seinen Kopf um und sah Wolfgang mit einem Ausdruck innigster Dankbarkeit an. Dieser war sich nicht darĂŒber im Klaren, ob dafĂŒr die Tatsache ausschlaggebend war, dass er ihn gefunden und wahrscheinlich vor dem Erfrieren gerettet hatte oder vielmehr, dass er ihm durch seine Geste das GefĂŒhl gab, wahrgenommen zu werden. Wahrscheinlich eher Letzteres, dachte Wolfgang; ihm ist es ja angeblich egal, ob er erfriert oder nicht... Unangenehm war ihm dieser Blick trotzdem, vielleicht auch gerade deswegen. Irgendwie lag etwas Verpflichtendes darin.

Ein GesprĂ€ch zwischen den beiden kam wĂ€hrend der verbleibenden Viertelstunde bis zum Eintreffen des Krankenwagens nicht mehr zustande. Wolfgang wusste einfach nicht, was er sagen sollte und Jens schlief bereits nach kurzer Zeit an die Wand gelehnt ein. Erst als die beiden Fahrer des Krankenwagens – man war unnötigerweise mit Blaulicht und Sirene den völlig menschenleeren Feldweg entlanggefahren – eintrafen und mit der flĂŒchtigen und etwas herablassenden Untersuchung des volltrunkenen Patienten begannen, wachte dieser wieder auf. WĂ€hrend er schließlich, mit einer silbernen Rettungsdecke ĂŒber dem gesamten Körper halsabwĂ€rts, auf der Trage festgeschnallt wurde, begann er wieder damit, Wolfgangs Blick zu suchen. Da darauf keine Reaktion erfolgte, sprach er ihn schließlich mit sichtlicher und angesichts seiner leisen, etwas weinerlichen und belegten Stimme auch hörbarer Überwindung an. „Du, Wolfgang?“ - „Hmm?“ - „Kannst Du mir... könntest Du mir Deine Nummer geben oder sagen wo Du wohnst? Vielleicht können wir ja mal... irgendwas machen oder so...“
„Klar“, entgegnete Wolfgang mit tonloser Stimme. Einen Stift hatte er immer in der Tasche, und da er sein Portemonnaie nur sehr unregelmĂ€ĂŸig ausmistete, fand sich auch ohne Probleme ein StĂŒck Papier. Dabei handelte es sich um eine Zugkarte nach Hamburg und zurĂŒck, von letztem Monat. Nach einigem Zögern schrieb er etwas auf die Karte und gab sie seinem alten Bekannten.
Jens sah sich den beschriebenen Zettel ziemlich lange an, im VerhĂ€ltnis zu den wenigen Informationen darauf jedenfalls, und hielt sie sich mal nĂ€her, mal weiter entfernt vor sein Gesicht. Mit einem plötzlich aufstrahlenden LĂ€cheln sah er von unten herauf in Wolfgangs Gesicht. „Danke, Mann... Prinzenstraße 25, alles klar... Wir sehen uns dann!“ - „Ja, wir sehen uns dann. Mach‘s gut.“

Es hatte wieder angefangen zu schneien, als Wolfgang zusammen mit den Krankenwagenfahrern und ihrem Patienten das Haus verlies. Jens winkte ihm mit einem leichten LĂ€cheln zu, als er in das Innere des Wagens geschoben wurde. Wolfgang winkte zurĂŒck und versuchte ebenfalls, so etwas wie ein LĂ€cheln zustande zu bringen. Mit Blaulicht, aber immerhin ohne Sirene fuhr der Wagen los. Auf dem schnurgeraden Feldweg konnte Wolfgang ihn noch eine ganze Weile mit den Augen verfolgen, bevor er sich schließlich in der nĂ€chtlichen Ferne verlor.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Kafkarules
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2009

Werke: 4
Kommentare: 17
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Kafkarules eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Gute Beschreibung

Mir hat die Geschichte außerordentlich gut gefallen. Sie ist gut und kompakt erzĂ€hlt und was Du erzĂ€hlst hat mich interessiert. Besonders gefallen haben mir die Passagen ĂŒber Sarah und Wolfgang. Hier gelingt es Dir, die beiden Personen in wenigen AbsĂ€tzen zu charakterisieren. Wolfgang kann ich mir mit den typischen Verhaltenweisen eines (gesellschaftskritischen und intellektuellen) antibĂŒrgerlichen Verhaltens gut vorstellen, er wirkt aber auch wenig lebensbejahend.
Sprachlich finde ich die Geschichte top. Mir sind keine sprachlichen Schnitzer oder misslungenen Bilder aufgefallen.
Allerdings finde ich nicht nicht alle Passagen der Geschichte gleich interessant. Als Wolfgang Jens kennenlernt, wird die
Geschichte fĂŒr mich etwas weitschweifig, sie ist dann deutlich beschreibender und Du verwendest mehr Worte fĂŒr einzelne Beschreibungen als bei der Darstellung der Beziehung zwischen Sarah und Wolfgang, die ich wesentlich spannender fand.
Aber trotzdem möchte ich gerne mehr von Dir lesen, denn ich denke, dass Du auch an den Texten feilst und gut daran arbeitest.

Bearbeiten/Löschen    


1 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!