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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Benji und ich
Eingestellt am 07. 11. 2009 18:49


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jungspundvagabund
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2009

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Vorab mal...
Manchmal kommt mir mein Leben ganz merkwĂŒrdig vor. Dann ist es so, als wĂ€re ich nicht ganz bei mir. Alles um mich herum wird so unwirklich. Es kommt mir dann fast so vor, als wĂ€re ich leicht angetrunken. Ich sehe nicht mehr so genau und reagiere dann ziemlich langsam. Das ist ziemlich unangenehm, weil ich mir dann immer Sorgen mache, dass ich vielleicht krank sein könnte. Aber wenn das losgeht, dann denke ich dafĂŒr nicht mehr an den ganzen anderen MĂŒll in meinem Leben. (edit, jetzt weiss ichs: es ist, als wĂŒrde alles an mir vorbeiziehen, ganz unwirklich, als wĂŒrde es mich nichts angehen, wie auf der Autobahn, wo eine Menge Autos an einem vorbeifahren, wo man niemanden erkennt, von niemandem etwas weiss und die man gleich wieder vergisst oder gar nicht bemerkt).

Über mich
Ich heisse Fynn und das kommt von Finn, und hat in etwa die Bedeutung Vagabund oder Wanderer. Das passt eigentlich ziemlich gut. Ich wurde mit fĂŒnf Jahren von meinen echten Eltern weggeholt. Eigentlich wir, ich hab auch noch einen Bruder, der heisst Benjamin und er ist so etwa knapp zwei Jahre Ă€lter als ich. Unsere Namen sind, glaub ich, beide finnischer Herkunft. Irgendwie haben sich unsere Erzeuger (so nenn ich unsere Original Alten manchmal) da scheinbar echt Gedanken gemacht, ich weiss aber nicht wie sie darauf gekommen sind. Eigentlich hĂ€tten sie es sich sparen können. Ihrem Interesse an uns nach hĂ€tten sie uns auch eins und zwei nennen können.

Ich hab mir darĂŒber schon immer ziemlich viel Gedanken gemacht. Warum kriegen eigentlich Leute Kinder, wenn sie sich dann eh nicht um sie kĂŒmmern wollen. Also wir wurden unseren Eltern weggenommen, wegen VernachlĂ€ssigung. Als sie uns geholt haben, hatten wir praktisch kaum was zum anziehen, nur lauter altes und kaputtes Zeug und wir waren total abgemagert und verdreckt und ich musste sogar wegen was ins Krankenhaus was mir irgendwie peinlich ist, deshalb schreib ich das hier nicht hin. Vor allem das mit dem abgemagert sein ist schon ein bisschen Ironisch, unsere Großmutter hat nĂ€mlich ein Restaurant mit allem drum und dran, aber der waren wir scheinbar auch egal.

Naja auf jeden Fall mĂŒssen wir unseren Eltern ziemlich am Arsch vorbei gegangen sein, das (und der Rest von diesem Scheiss Leben) hat bei mir irgendwie zu nem schweren Hirnschaden gefĂŒhrt und deshalb text ich Euch jetzt damit zu. Ich hab nĂ€mlich jetzt nen Therapiefachmenschen und der meinte, ich solle mal aufschreiben, was mir alles wichtig vorkommt, was so passiert ist in meinem Leben. Aber wie ich zu dem gekommen bin, das schreib ich dann spĂ€ter. Ich fang lieber vorne an.

Ab ins Heim, raus und rein
Also, wir wurden in sowas wie ein katholisches Kinderheim gebracht *kotz* (katholikenscheisse, ich hasse Kirche und Glauben tu ich nen Scheiss an irgendwas), naja, aber besser als daheim zu verrecken. Wir wurden dann in schöner RegelmĂ€ĂŸigkeit zu irgendwelchen Familien gebracht, die sich um uns hĂ€tten kĂŒmmern sollen, das waren drei oder vier innerhalb eines Jahres. Da die aber mit uns nicht zurecht gekommen sind, haben Sie uns immer wieder zurĂŒck gebracht. Ja eben, wir habens uns anders ĂŒberlegt, die sind uns zu schwierig, können wir vielleicht andere ausprobieren (ich weiss es natĂŒrlich nicht, aber so stell ichs mir vor). Ich muss ne Plage gewesen sein. Mir ist mal gesagt worden, dass ich immer hinter meiner jeweiligen Mama her war und denen keine Ruhe gelassen hab. Mein Therapiemeister hat gesagt, ich hĂ€tte \"VerlustĂ€ngste\".

Bei einer von den Familien wars eigentlich echt ok, die waren ganz in Ordnung. Das dumme war nur, dass Ersatzpappie ein Alki war. Eines Tages war Ersatzmami mit Benji unterwegs und Ersatzpappi war mal wieder Hackevoll. Er wollte sich hinlegen und ne Runde schlafen und deshalb hat er sich mit mir ins Wohnzimmer eingeschlossen, damit ich halt nicht rumlauf und mir wehtu (hab ich ne Begabung fĂŒr, auch heute noch). Irgendwann hat er dann mĂ€chtig gezuckt und ist plötzlich vom Sofa gefallen. Blöd gelaufen, er hat den halben Tischinhalt mit runtergerissen und ein schweres Trinkglas (es war nicht mal Alk drin, was fĂŒr ne Ironie) ist ihm voll auf die Birne geknallt. Da lag er dann, war bewusstlos und hat geblutet wie ne abgestochene Sau und ich hab geheult, mir in die Hose gepisst und gegen das Fenster getrommelt, weil ich so eine Scheiss Angst hatte. Irgendwann hats dann doch einer von den Nachbarn geschnallt und den Notarzt gerufen. Irgendwie hat irgendwer aufgesperrt, daran kann ich mich nicht mehr erinnern (ich kann mich an vieles nicht mehr erinnern), und er wurde ins Krankenhaus gebracht. Am nĂ€chsten Tag waren wir wieder im Heim. Ich wĂŒste echt gern, wie es denen heute geht, ich glaub das waren in der Zeit die einzigen Menschen, denen wir mal nicht egal waren.

Juhu, wir haben eine Familie gefunden
Es ging weiter wie vorher, hier mal ein Versuch, da mal ein Versuch, aber dann hat es schließlich doch geklappt, zumindest fast. Nach so etwa einem Jahren sind wir zu einem Ehepaar gekommen, die uns in Pflege genommen haben. Geklappt hats eigentlich nur fĂŒr das Kinderheim, also so etwa \"jaaaa, wir sind die zwei Ärsche los\". Aber so besonders toll wars dann irgendwie nicht. Eigentlich wars da genau so beschissen wie bei unseren Original Alten. Scheiss Klamotten, dreckige Bude, kein Interesse. Irgendwann hab dann sogar ich Hosenscheisser kapiert, dass es den beiden nur um die Kohle ging und das ich gar nicht Fragen brauchte, wenn ich was haben wollte. Wenigstens haben die sich soweit MĂŒhe gegeben, oder sowas in der Art. Wir bekamen mal was regelmĂ€ĂŸig zu Essen und wir hatten ein Zimmer zu zweit, das ging schon in Ordnung. Die mussten ja aufpassen, weil sie vom Jugendamt kontrolliert wurden. Ansonsten gabs natĂŒrlich nichts, da hĂ€tten sie die Kohle ja nicht gegen Alk und was weiss ich noch tauschen können.

Das ging ne kurze Weile gut, aber es gab halt ein Problem. Ersatzpapis stĂ€ndiges Gesaufe (und was auch immer noch) machte ihn nicht gerade friedliebend, was dann des öfteren zu heftigen Auseinandersetzungen mit Ersatzmami fĂŒhrte. Das fĂŒhrte dazu, daß Ersatzmami immer öfter mal ne blaue Gesichtsfarbe hatte und das wiederum dazu, dass Ersatzmami irgendwann nicht mehr heimkam. Zwar waren beide nicht der Hit, aber Ersatz-Mami war besser als Ersatz-Papi und fehlte uns deshalb. Ausserdem hieß dass, dass wir jetzt die Wohnung mit einem DrogensĂŒchtigen (?) Alkoholiker teilten, der gerne mal austeilte. Das nĂ€chste Problem war, dass das Jugendamt die Kontrollen eingestellt hatte, da es uns ja eindeutig gut ging. Ich versuch grad, mich zu erinnern, wie alt ich da genau war. Ich glaub ich war in der zweiten Klasse. BrĂŒderchen schon in der vierten, also waren wir etwa sieben und neun.

Zu Anfang ging das noch halbwegs gut, wir waren ja brav und machten schön alles, was uns der alte SĂ€ufer ansagte. Aber eines Tages hab ich dann einen schweren Fehler gemacht. Ich hĂ€tte fĂŒr einen Schulausflug zehn Euro gebraucht und darum hab ich ihn gebeten und hab ihm das Schreiben von der Schule hingelegt. Als er mir gesagt hat, dass wir dafĂŒr kein Geld haben, hab ich es gewagt ... ich hab ihn gefragt, ob er nicht mal ne Pulle Schnaps weniger saufen könnte (andere Ausdrucksweise, klar, viel netter, kindlicher). Als er mit mir fertig war, konnte ich nicht mehr stehen, hab irgendwie geblutet und mein Ă€lterer Bruder hat sich vor Angst im Bettkasten von dem alten Bett verkrochen, dass in unserem Zimmer stand. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was der Scheisskerl gemacht hat, das hab ich irgendwie ausgeblendet. Mein Bruder ist dann irgendwann gekommen, als Alkpapi endlich Hacke war, und hat mich versorgt, so gut es ging.

Von dem Moment an hab ich den Alten endgĂŒltig gehasst. In der Schule mussten wir sagen, ich hĂ€tte mich mit jemandem geprĂŒgelt, und das haben wir auch getan, klar. Ich hab ihn zwar gehasst, aber lebensmĂŒde war ich nicht und wir wollten auch nicht ins Heim zurĂŒck. Das war ziemlich dumm, das weiss ich heute, aber wir haben es halt auch nicht besser gewusst. Nachdem Alkpapi kapiert hat, dass er uns ungestraft prĂŒgeln kann, hat er uns sozusagen zum Ersatzmami-Ersatz gemacht. Wir durften den Haushalt auf Vordermann bringen, die EinkĂ€ufe erledigen und mein Bruder musste anfangen kochen zu lernen und nachdem er jetzt freie Hand hatte, war der Bettkasten als Versteck auch nicht mehr sicher, wir wechselten in den Keller, wenn es dicke Luft gab. Frage an alle, wer von Euch ist schon mal mit nem GĂŒrtel geschlagen worden, HĂ€nde rauf ... keiner? Solltet Ihr versuchen, ist ein recht unvergessliches Erlebnis, wirklich. Kommt allerdings nicht an nen Tiefschlag ran, beim GĂŒrtel bleibt einem wenigstens nicht die Luft weg und man muss davon nicht kotzen.

Das ganze wurde mit der Zeit immer mehr, er hat immer mehr die Hemmungen verloren und irgendwann gabs PrĂŒgel schon fĂŒr jede Kleinigkeit, zum Beispiel wenn wir nicht sofort nach der Schule nach Hause kamen. Wir mussten ja pĂŒnktlich sein, wofĂŒr auch immer. Oh, hab ich ganz vergessen, er war nicht arbeitslos, auch wenn man das meinen könnte. Er hatte irgend einen Fabrikjob, darĂŒber hat er nie geredet. Aber ab und an kam er unerwartet Mittags nach Hause und wenn wir dann nicht um halb zwei da waren, gabs saures.

Langsam werd ich warm mit der Schreiberei, da gĂ€bs noch viel mehr zu erzĂ€hlen, aber zuviel Details sind auch nix, aber zum Beispiel, wie das geht, dass sowas niemandem auffĂ€llt. Wenn man mit dem GĂŒrtel geschlagen wird, muss das ja nicht unbedingt am RĂŒcken sein, da fallen Striemen ja so leicht auf. Eine seiner Methoden war die mit zwei StĂŒhlen. Auf einen musste man sich setzen und auf den anderen musste man die FĂŒsse legen und dann gings los. Sowas tut sauweh, echt. Aber das ist sehr praktisch, lange Hosen kann man ja auch im Sommer anziehen, dann siehts keiner. Im Sportunterricht hatten wir immer lange Jogginghosen an und im Umkleideraum fiel das kaum jemanden auf, man wird da ziemlich schnell mit der Zeit. Zum Duschen gingen wir in der Schule sowieso nie, bis wir zum Anfang des neuen Schuljahres plötzlich einen neuen Sportlehrer hatten.

Als ich den gesehen hab, hab ich gleich gewusst, dass es Ärger gibt. Das war so ein SuperautoritĂ€rer Typ, der uns am ersten Tag gleich alle voll in die Mangel genommen hat. Boah, Scheisse, der hat uns so rumgestresst, wir waren echt fix und alle. Nach dem Sport wollte ich halt wie immer schnell die Klamotten wechseln und ab in den Unterricht. Aber damit war diesmal nix. Als er das mitgekriegt hat, hat er mich gleich voll angeschnauzt. Ich soll mich ausziehen und Duschen gehen, es ginge ja schließlich nicht, dass man dann nachher das Klassenzimmer mit Schweiss vollstinke. Klar hab ich protestiert und ihm gesagt, dass ich nicht will und alle haben schon rumgefeixt, die haben mich eh schon auf dem Kieker gehabt, weil ich mich da immer abgeseilt hab. Ich hab da also rumgestresst und irgendwann hat er mit der Hand ausgeholt und gemeint, er langt mir jetzt gleich eine. Da bin ich erst mal rĂŒckwĂ€rts gefallen vor Angst und er hat blöd geschaut. Aber er hat nicht locker gelassen und da hab ich halt angefangen, mich auszuziehen, blieb mir ja nix ĂŒbrig. Es hat dann keiner mehr gelacht und ein paar Minuten spĂ€ter bin ich im Lehrerzimmer gehockt und hab ihn heulend gebeten dass er bitte nicht daheim anrufen soll (ich war dem dann so dankbar spĂ€ter).

Wieder zurĂŒck
Es ging wieder recht schnell, noch am selben Tag sind wir in so ne Art Übergangsheim gekommen und von Ersatzpapi haben wir nie wieder was gehört. Hoffentlich ist er bald verreckt, der alte SchlĂ€ger. Von dem Übergangsheim wechselten wir kurz darauf in ein Kinder- und Jugendheim, in welches auch Ă€ltere Kinder kamen, wenn sie zum Beispiel Ihre Eltern verloren hatten, ich war neun, mein Bruder elf. Da begann eine gute Zeit fĂŒr uns. Bis zu dem Zeitpunkt hab ich gar nicht gewusst, dass es auch so sein kann. Das Heim war irgendwie von der Stadt und der Kirche gemeinsam gefördert und wir wurden da echt super gecoacht. Das war wie in ner großen Familie. Mein Bruder und ich hatten ein gemeinsames Zimmer, das durften wir uns einrichten. Klar, es gab nicht so direkt Luxussachen wie nen eigenen Fernseher und Hilfiger-Klamotten auch nicht, aber es war schön da. In dem Jahr bekamen wir zum ersten mal ein Weihnachtsgeschenk. Ich komm mir jetzt zwar albern vor, aber ich gebs zu, ich hab mir echt ein klassisches Stofftier gewĂŒnscht (eigentlich wollt ich ein Haustier, aber das ging natĂŒrlich nicht) und habs auch bekommen. Einen schwarzen Panther mit freundlichem Mietzekaterblick. Ich hĂ€tte mich glaub ich auch ĂŒber ne Kanalratte aus Stoff gefreut, das war das erste Geschenk, an das ich mich erinnern konnte. Das letzte Geschenk von meine Ersatzpapi war \"Du hast heute Geburtstag, deshalb lass ich Dir das nochmal durchgehen\" (ich weiss nicht mehr was, vielleicht war gar nichts).

Wir waren ungefĂ€hr ein Jahr in diesem Heim, dann hatten sie wieder eine Pflegefamilie fĂŒr uns. Aber wir wollten nicht, alle beide. Wir haben uns echt gewehrt, nicht körperlich, das hĂ€tte ja kaum was gebracht, aber wir haben rumgeflennt und uns wie die Arschgeigen aufgefĂŒhrt, und beinahe hĂ€tten wir es auch geschafft. Dummerweise hĂ€tten wir dann wohl den Platz im Heim verloren, aufgrund irgend welcher Bestimmungen (kann das sein, oder bilde ich mir das ein, oder haben die uns das nur gesagt, damit wir spuren). Und nachdem uns tausendmal gesagt wurde, dass wir es da gut hĂ€tten, dass diesmal alles grĂŒndlich gecheckt wurde und man uns mit den Kindern des Ehepaars und dem schönen Haus gelockt hatte, haben wir irgendwann klein beigegeben. Warum die uns unbedingt haben wollten, konnten wir nicht verstehen. Wir haben uns echt voll unmöglich benommen, aber wahrscheinlich waren die schon vorgewarnt, dass sowas passieren könnte. Aber warum nimmt jemand zwei Jungs im Alter von zehn und zwölf auf, wenn er selbst schon zwei Kinder hat? Wir habens echt nicht gecheckt.

Familie, die zweite
(insgesamt war es glaub ich die siebte, bin mir nicht sicher). Wir waren ungefĂ€hr drei Tage bei denen, da wurde es schon wieder das erste mal schwierig. Ich hatte einen Albtraum in dem Ex-Ersatzpapi ne Rolle gespielt hat. Ich bin aus dem Bett gefallen, hab mich angepinkelt und rumgeschrien. Ich glaub ich hab den beiden wohlbehĂŒteten Kiddies unserer neuen Ellis ein Superschreck eingejagt. Bis die mich soweit hatten, daß ich wieder halbwegs ruhig war, wurde es draussen schon langsam hell. Mein Bruder hat mich getröstet, wie immer. Er war auch mit mir im Badezimmer, zu der Zeit war ich schon soweit, dass mich niemand mehr ansehen durfte.

Ich kanns nicht abhaben, wenn mir jemand zusieht, wenn ich mich auszieh, nur Benji darf das. Ich weiss nicht, ob das von der Versteckerei wegen den SchlĂ€gen herkommt oder von was anderem, eigentlich gĂ€bs ja jetzt keinen Grund mehr dafĂŒr, aber irgendwie mag ich das nicht. Ich kann das nicht mal so richtig beschreiben, eigentlich ist an mir nichts besonderes. Man sieht halt ein paar alte Wunden, die nicht so schnell weggehen, vielleicht nie, aber das geht mir eigentlich am Arsch vorbei. Aber ich fĂŒhl mich dann so beobachtet, als ob mich alle anstarren und als ob dann alle sehen wĂŒrden, was alles passiert ist. Naja, tun sie dann ja auch, zumindest teilweise.

Der Aufenthalt bei den neuen Ellis war irgendwie schwieriger, als die es sich gedacht haben, aber sie haben uns nicht wieder zurĂŒck gebracht, obwohl wir denen zeitweise echt krass auf den Zeiger gegangen sind. Unsere neuen Geschwister, Susanne und Markus, waren wenig begeistert von uns, und mit jedem Anzeichen, dass was nicht ganz koscher ist, wurde es schlimmer. Markus war 15 und hatte von Haus nichts fĂŒr Geschwister ĂŒbrig, auch nicht fĂŒr seine Schwester. Wenn man ihm ĂŒber den Weg lief, schnauzte er höchstens mal rum und zeigte deutlich, dass man sich einfach nur verpissen soll (ich glaub aber, dass war eher so ne PubertĂ€tssache). Susanne war etwa in unserem Alter und war einfach nur eifersĂŒchtig, da wir die neuen Ellis natĂŒrlich schwer mit Erzieherischer Arbeit ausgelastet haben. Irgendwie hat Benji das besser gerafft als ich, er wurde da schnell ruhiger und nach nem halben Jahr hatte er dann auch langsam neue Freunde gefunden. Hab ich schon gesagt, dass ich keine Freunde hab. FrĂŒher durfte ich nie welche mit nach Hause bringen, und jetzt mach ich das immer noch nicht. Benji wurde auch langsam wieder besser in der Schule, ich hingegen bin ne Niete, obwohl mir gesagt wurde, dass ich voll intelligent sein soll.

Überhaupt war ich irgendwie der Absteiger bei der Sache. Nach und nach freundete sich Benji ein bisschen mit Markus an. Die beiden begannen, sich gemeinsam Musik anzuhören und Markus ĂŒbernahm an der Schule sowas wie ne BeschĂŒtzerfunktion fĂŒr meinen Bruder. Den machte keiner mehr blöd an, das blieb an mir hĂ€ngen. Aber ist ja egal, ich wars ja gewöhnt. Wenn man ewig nur mit dreckigen alten Klamotten zur Schule kommt, nichts hat, keine AusflĂŒge mitmacht und sich rumspricht, dass die Eltern voll Alkis sind, hat man nicht viel zu lachen. Da checken alle ganz schnell, dass sie mit einem machen können, was sie wollen. Das hat sich irgendwie auch in der neuen Familie nicht geĂ€ndert. Irgendwie haben die alle gemerkt, daß mit mir was nicht stimmte und um so mehr Benji mit Markus zusammen war, desto weniger interessierte er sich fĂŒr mich. Er war immer irgendwie fĂŒr mich da und ich hab ihn voll geliebt und jetzt wurde das noch viel schlimmer. Weil er jetzt irgendwie immer weniger mit mir zu tun hatte, fehlte er mir immer mehr.

Mir fehlte die NĂ€he zu meinem Bruder ĂŒberhaupt. In dem neuen Haus hatten wir jeder ein Zimmer fĂŒr uns. Vorher war ich nie alleine, nachts vor allem.

Das ganze ging so ne gute Weile weiter und wir fĂŒhlten uns eigentlich doch schon ganz wohl da, es war die beste Familie, in die wir je gekommen waren. Aber irgendwas stimmte nicht, aber jetzt stimmte halt mit mir was nicht. Ich hĂ€tte eigentlich happy sein sollen, gut Markus war nicht grad ein großer Bruder zum verlieben, Benji interessierte sich weniger fĂŒr mich, aber er war trotzdem da, und Susanne hĂ€tte uns beide ohne mit der Wimper zu zucken vor die nĂ€chste S-Bahn geschubst, wenn sie gekonnt hĂ€tte *lol*. DafĂŒr musste man Nachts keine Angst mehr haben, dass ein ungewollter Ersatzpapa nachts in Zimmer kam und tagsĂŒber musste meine keine Angst mehr vor SchlĂ€gen haben. Das Versteckspiel an der Schule hĂ€tte auch vorbei sein können, wenn meine blöde Birne nicht einfach damit weiter gemacht hĂ€tte. Scheisse, ich hĂ€tte glĂŒcklich sein können. Aber das ging nicht, keine Ahnung warum. Obwohl sich unsere neuen Eltern (ja, die kann man echt so nennen, die sind so, wie Eltern sein sollen *freu*) voll gekĂŒmmert haben, hab ich mich immer mehr vor allen versteckt. Mein Psychospezialist meint, einfach gesagt, ich hab Angst davor glĂŒcklich zu sein, weil ich Angst hab, das GlĂŒck wieder zu verlieren und deshalb bin ich unglĂŒcklich?!?! Ich raff es nicht ganz aber es ist bescheuert.

Nachts
Ich hab Nachts immer Angst, aber ich hab keine Angst vor der Dunkelheit, es ist gut, wenn es Nachts dunkel ist, das ist normal. Ich hab nur Angst, wenn es plötzlich hell wird, wenn die TĂŒr aufgeht.

Ich wollte das eigentlich nicht schreiben, aber das ist ja Internet, da kennt mich keiner, also schreib ichs halt doch. Nachdem unsere Ersatzmami weg war, mussten wir ja alle Pflichten ĂŒbernehmen, dazu gehörten auch die, die normalerweise eher Nachts ablaufen. Am Anfang hat er sich immer Benji gekrallt, ich weiss nicht warum, aber ich schĂ€tze einfach, dass das wohl mit der Körpergrösse zu tun hatte. Aber irgendwann hat er das dann auch mit mir gemacht. Deshalb hab ich Angst, wenn Nachts (oder wenn ich einfach nur Schlafe) jemand plötzlich die TĂŒr aufmacht.

Aber das ist eigentlich gar nicht das schlimmste, das tut zwar weh, wenn einer das mit einem macht, weil man das ja auch nicht will, aber viel schlimmer ist eigentlich, daß man weiss, dass das nicht richtig ist, dass derjenige das nicht machen darf und dass man nicht gefragt wird, ob man das will. Das ist genau wie wenn man geschlagen wird und sich nicht wehren kann, jemand macht einfach und du kannst nur daliegen, darfst nicht mal heulen, weil er dann noch mehr zuschlĂ€gt und noch brutaler wird, und du kannst nur hoffen, dass es endlich aufhört. Und am nĂ€chsten Tag hoffst Du dann bloss, dass es Dir keiner ansieht. Ich meine, der blöde Arsch hĂ€tte doch seinen Scheiss Schwanz einfach in die Hand nehmen und sich einen runterholen können, anstatt es an uns auszulassen. Ich hab das nie verstanden. Ich hab es auch dem Psychodoc nicht gesagt, vielleicht sollte ich das tun, aber ich schĂ€me mich dafĂŒr, weil da noch was war, was ich erst recht nicht verstanden hab.

Wenn er sich einen von uns gekrallt hat, musste der andere immer aus dem Zimmer gehen. Ich weiss noch, dass sich Benji mal geweigert hat, da hat er ihn gepackt und ihn, wörtlich genommen, aus dem Zimmer geworfen. Benji konnte da zwei Tage nicht mehr richtig laufen und wir mussten in der Schule sagen, er sei die Treppe runter gefallen.

Naja, und wenn ich ja jetzt schon dabei bin, kann ich ja gleich noch das mit der VernachlĂ€ssigung durch unsere Original Alten dazu nehmen. Die haben uns nie beigebracht, das man sich richtig waschen muss, also auch unten rum, und deshalb war das alles ziemlich widerlich damals und als wir von Ihnen weggebracht wurden, musste ich ins Krankenhaus. Da mussten die dann bei mir unten rum rumoperieren, damit das ĂŒberhaupt wieder sauber gemacht werden konnte. Ist ja jetzt auch egal, ich war schließlich grad mal fĂŒnf und dafĂŒr konnte ich echt nichts.

Erinnerung
Meine Erinnerung an fast alles ist so zerbrochen, so schwer zu fassen. In einem Moment erinnere ich mich an etwas und im nĂ€chsten Moment ist es einfach wieder weg. Wenn mir Menschen begegnen, dann erkenn ich sie oft gar nicht. Manchmal erkenn ich sie, wenn sie mich dann ansprechen, wenn Sie mir Ihren Namen sagen, dann weiss ich meistens, dass ich sie kenne. Aber ich weiss dann oft nicht mehr woher, aus einem Heim, von welcher Schule? Vielleicht liegts auch daran, dass ich schon solange niemanden mehr anschaue, wenn jemand mit mir redet, aber man sollte sich doch eigentlich an jemanden erinnern, wenn der halt vielleicht Jahrelang mit einem zur Schule gegangen ist. Wenn die mich dann anreden und sie merken, dass ich sie nicht erkenne, dann sind die oft ziemlich sauer oder enttĂ€uscht, das sieht man ihnen dann richtig an. Die denken vielleicht, ich will nicht mit Ihnen reden oder dass sie mich nicht interessieren, dabei wĂŒrd ich so gern mit Ihnen reden.

MitzÀhlen
Heute ist mir wieder was eingefallen und ich hab das gleich auf meinen Block geschrieben. Den trag ich seit einiger Zeit mit mir rum. Mein Psychokumpel hat mir das geraten, damit ich mir aufschreib, was mir einfĂ€llt, weil ich den Kack sonst immer gleich wieder einbuddel in dem MĂŒllhaufen in meinem Hirn.

Er hat immer mitgezĂ€hlt. Wenn wir zum Beispiel beim Einkaufen waren, da gabÂŽs ne Menge Regeln. Man durfte nichts anfassen, bloss nichts runterwerfen, nicht rennen und nicht laut sein. FĂŒr jede Regel, die man gebrochen hat, gabs Punkte, fĂŒr manche mehr, fĂŒr manche weniger. Ich hab immer versucht, mich um so Sachen zu drĂŒcken, also Einkaufen gehen oder zu Freunden von ihm, aber das hat leider nur selten funktioniert. Lang hab ich nicht gewusst wie das kam, er hat mir die Regeln nie erklĂ€rt und es kamen dann wohl immer wieder neue dazu. Ich hab echt lang gebraucht bis ich das gecheckt hab.

Wenn ein Kind im Supermarkt was runterwirft dann wird es normalerweise ausgeschimpft. Da merkt es doch gleich, dass es was falsch gemacht hat. Eines Tages hab ich im Supermarkt was aus nem Regal gezogen und dabei ist dann ne Flasche runtergefallen. Eine VerkĂ€uferin hat das dann sauber gemacht und ich hab mich bei Ihr entschuldigt. Sie hat nur gelĂ€chelt und gemeint, dass sei ja nicht so schlimm. Die war echt nett. Am Abend bin ich im Keller gelegen und hab an sie gedacht, was sie jetzt sagen wĂŒrde und ob sie mich vielleicht auch sauber machen wĂŒrde, und den Boden in der Wohnung. Ich musste den Boden selbst sauber machen, meine Nase hat geblutet und es ist immer wieder was runtergetropft.

Das mit dem Erinnern ist totale Scheisse, ich wĂŒrd mich so gerne an was schönes Erinnern, aber es kommt immer nur Dreck hoch. Das kann doch nicht sein, ich weiss, dass ich auch schöne Sachen erlebt habe, mit Freunden aus der Schule, oder hatte ich gar keine? Ich hatte einen Kumpel in der vierten, mit dem bin ich immer rumgehangen. Aber der war auch nicht sehr beliebt, ich glaub der is nur mit mir rumgehangen, weil er sonst auch niemanden gehabt hat.

Erinnerung 2
Mir fallen da immer zwischendurch so Sachen ein, damit das nicht zu kompliziert wird (fĂŒr mich xD) schreib ich die einfach dazwischen.

Ich kann mich erinnern, kurz bevor wir von unseren Original Alten weggeholt wurden, hats zwischen den beiden so richtig gekracht. Sie haben sich wegen irgendwas gestritten, meine Originalmum wollte irgendwas kaufen und Originalpaps meinte, dass sei gar nicht wichtig. Es ging um irgendwas fĂŒr uns Jungs. Sie haben angefangen sich zu streiten und als dann unser Alter angefangen hat, irgendwelches Zeugs durch die Gegend zu schmeissen, hab ich mich in den Keller verkrochen. Ich konnte Sie oben hören, wie sie sich angeschrien haben und als ich das erste Klatschen gehört hab, hab ich mich unter der Werkbank verkrochen, die Augen zugemacht und mir die Ohren zugehalten. Wo Benji war, weiss ich nicht, er war meistens draussen, er war ja schon Ă€lter und ist ziemlich viel draussen rumgerannt, hat ja eh niemanden interessiert. Irgendwann wars dann wieder ruhig und ich hab mich langsam nach oben geschlichen. Die KĂŒche war ein Chaos, er hat das ganze dreckige Geschirr durch die Gegen geschmissen, an der Wand hingen Spaghettireste und am Boden (ich dachte erst, dass es Blut ist) klebte ne Menge Ketchup. Es war keiner mehr da, die sind einfach gefahren. Ich bin in unser Zimmer gegangen und weiss nicht mehr, wann wieder jemand gekommen ist. Das ist so merkwĂŒrdig, ich hasse meine Original Alten, aber jetzt, wenn ich drĂŒber nachdenke, check ich, dass ich mir damals nichts mehr gewĂŒnscht hab, als dass sie zurĂŒck kommen und dass es Mama gut geht. Als Kind, glaub ich, liebt meine seine Eltern immer irgendwie, egal wie Scheisse sie sind, und die kapieren das einfach nicht oder es ist Ihnen egal.

Erinnerung 3
Schon wieder eine, der reinste Wasserfall heute. Ich weiss noch, bei Ex-Ersatzpapi hatten wir eigentlich nie Besuch. Das hab ich bis heute eigentlich nicht verstanden, weil eigentlich hats da ganz normal ausgesehen. Schließlich waren wir ja da und haben uns rumkommandieren lassen. Aber wenn er Bock hatte, dann fuhr er zu Freunden, und da nahm er uns manchmal mit. Meistens war das gar nicht schlecht, da waren ab und zu auch andere Kinder und wir konnten mal in Ruhe mit den spielen oder Fern sehen, oder es war ne Spielekonsole da, das war immer voll cool. Manchmal hat er sich aber sogar da was ausgedacht, was Scheisse war. Wir waren also mal wieder mit Alkpapi unterwegs bei einem seiner Kumpel, da wars Winter, ziemlich nass und kalt und trotzdem haben die uns halt rausgeschickt zum spielen. Nachdems uns dann zu eisig wurde, sind wir wieder rein und weil wir halt nicht etwa sowas wie Ersatzklamotten hatten, mussten wir halt das nasse Zeugs ausziehen und in Unterhosen rumrennen. Gut, das war ja auch egal. Irgendwann hat dann einer den lustigen Einfall gehabt, wir könnten doch auch mal was trinken.

Nach ein paar großen Schluck Bier und was, was ziemlich gebrannt hat, mussten wir ein tĂ€nzchen zum besten geben, Benji und ich, in UnterwĂ€sche, auf dem Tisch, eng umschlungen, wie ein LiebespĂ€rchen. Das war fĂŒr Benji noch viel schlimmer als fĂŒr mich. Einer gröllte was von den jĂŒngsten Schwuchteln, die er je gesehen hĂ€tte und die ganze Suffbande hatte ihren Spass dabei. Benji hat stumm geheult, als wir da oben standen und ich hab gar nix kapiert.

Eigentlich wÀre das gar nicht so schlimm, könnte man meinen, aber man kapiert eigentlich erst viel spÀter, wie man da behandelt wurde. Wenn ich heut dran denke, wird mir ganz heiss, es ist mir peinlich.

Mir wurde dann irgendwie schlecht, irgendwer hat mich vom Tisch gehoben. Ich hab auf den Boden gekotzt, Benji is aufs Klo gerannt und nicht mehr rausgekommen. Diesmal hats keine PrĂŒgel gegeben, sogar das aufgeweichte Hirn vom Ersatzpappa hat gecheckt, dass das nicht meine Schuld war, vielleicht war er aber auch bloss zu besoffen.

VerÀndert
hab ich mich, irgendwie. Wir waren jetzt also schon ne Weile bei unsere neuen Familie und es war echt cool. Es war schön friedlich, und irgendwann ging es dann wieder auf Weihnachten zu. Ich freute mich da voll drauf, ich war an Weihnachten noch nie in einer richtigen Familie, kannte ich nur aus dem Fernsehen. Und es war echt so, wie ich mir das vorgestellt hab (naja, fast zumindest *grins*). Ein paar Tage vor Weihnachten sind wir alle zum Weihnachtsbaum kaufen gefahren, wir durften mit aussuchen und dann haben wir so eine Krippe besucht, die so ein alter Mann jedes Jahr aufbaut, mit lauter echten Tieren. Es hĂ€tt echt nur noch gefehlt, daß da ein Baby im Heu liegt. Es gab Kinderpunsch und unsere neuen Ellis haben GlĂŒhwein getrunken. Am Tag vor Weihnachten wurde der Baum aufgestellt und geschmĂŒckt und von da an durften wir nicht mehr ins Wohnzimmer. Ja klar, kein Mensch glaubt an den Weihnachtsmann, aber das ist ja egal. Die haben sich voll MĂŒhe gegeben, da hat man doch voll das GefĂŒhl, daß man jemandem was bedeutet, dass ist das allerwichtigste.

Ich bin froh, daß die keinen Weihnachtsmann mit Begleiter angeheurt haben (macht man das zu Weihnachten oder am 6. Dezember?, egal). Wenn da einer mit ner Rute reinspaziert wĂ€r, hĂ€tten Benji und ich wahrscheinlich nen Herzinfarkt gekriegt, aber unsere neuen Ellis sind schlau, die checken wie wir ticken.

Am Weihnachtsabend gabs die Geschenke, gleich mehrere fĂŒr jeden. Es war einfach die heile Familienwelt. Benji und ich, wir haben uns gar nicht getraut, wir waren uns gar nicht sicher, ob wir auch was kriegen, aber gehofft haben wirÂŽs schon. Markus und Suanne haben sich gleich auf die Schachteln gestĂŒrzt die rumstanden und sich Ihre rausgeholt und dann sind da echt welche fĂŒr uns ĂŒbrig geblieben. FĂŒr jeden gleich mehrere. Unser neuer Paps meinte, ob wir noch warten wollen und hat frech gegrinst und dann haben wir unsere Geschenke aufgemacht. Ich bin ein Egoist, ich weiss nicht mehr was Benji gekriegt hat, aber er war ganz hin und weg. Ich hab Klamotten gekriegt (ja, ich weiss, dass das die meisten nicht mögen, aber das ist bei mir nich so, da war sogar ne Unterbux von Hilfiger dabei xD), SĂŒĂŸigkeiten, ein Buch, einen MP3-Player und ein Game fĂŒr die Playstation. Ich hab geheult und als er mich gefragt hat, wie ich die Geschenke finde hab ich ihn umarmt und nicht mehr losgelassen.
War das geil !!! Yeap *smile*

Und es gab ein Familiengeschenk, ein Notebook fĂŒr alle, zum Hausaufgaben machen und Internet-Surfen. Das war leider ein Fehler. Nicht dass wir besonders streitsĂŒchtig gewesen wĂ€ren, wir waren ja schon froh, wenn es einfach nur keinen Ärger gab. Das Problem kam dann ein paar Tage spĂ€ter, da gabs wieder auf die Fresse, aber von mir. Ich bin ausgetickt.

Tick, Tick
So ein Computer is ne geile Sache, was man da alles runterladen kann. Musik, Filme, ich glaub ohne Youtube wĂŒrd ich einfach eingehen. Naja, aber es geht ja nicht nur mir so, vor allem Markus hat das Teil auch stĂ€ndig in den Fingern, und wenn man mal was braucht, muss man zusehen, dass man die Kiste kriegt. Ich war da leider ein bisserl unvorsichtig und hab mir auch wenig dabei gedacht, als ich in sein Zimmer spaziert bin, um mir das geile Teil zu holen.

Dummerweise lag er grad mit runtergelassenen Hosen im Bett und hat sich selbst ne Freude gemacht, hĂ€tt er ja auch absperren können, der Volltrottel. Ich steh also da und glotz recht blöd, weil das fĂŒr mich irgendwie eine recht unerwartete Erinnerungshilfe war als er mich auch schon anblafft, ich soll nicht so schwul glotzen und mich verpissen. Das hat mich schon irgendwie getroffen, aber ich bin raus aus dem Zimmer und hab die TĂŒr zugemacht. Ein paar Sekunden spĂ€ter kam er auch raus und hat mir eine von hinten auf die Birne gegeben, nicht grad heftig, aber es hat dann gereicht. Ich hab mich auf ihn gestĂŒrzt und zugeschlagen und als Benji und unsere neue Mum uns dann getrennt hatten, hat er geblutet, und ich hab geblutet und das Chaos war perfekt. Unsere Mum war mit der Sache ziemlich ĂŒberfordert, ich bin in mein Zimmer geflĂŒchtet und hab die TĂŒr zugesperrt und nicht mehr aufgemacht.

Ich hab nicht geweint, Schmerzen hatte ich schon schlimmere, aber Markus hat geweint. Das hat mich irgendwie gleichzeitig geschockt aber gefreut hat es mich irgendwie auch. Er war doch viel grĂ¶ĂŸer als ich, wie konnte ich den denn schaffen? Und er war doch auch viel Ă€lter, warum heulte der denn wegen mir, wegen ein paar Kratzer (ja, ich hab erst spĂ€ter kapiert, dass er recht geschockt war von mir und meiner Reaktion, ich hab wohl recht wĂŒst geplĂ€rrt, ausgetickt eben, ziemlich heftig).

Auf jeden Fall, war das nicht das letzte mal, dass bei mir die Sicherung geflogen ist, und das hat sich in der nachfolgenden Zeit gar nicht gut gemacht. Wenn man da eh schon keine Freunde hat, ist es nicht so besonders toll, wenn man dann auch noch durch AusfÀlle in der Art auffÀllt.

Ich bin in meinem Zimmer geblieben bis Paps nach Hause kam, der musste mir dann erstmal durch die TĂŒr gut zureden, damit ich ihn ĂŒberhaupt reinließ. Ich hab voll Schiss gehabt, dass es dann PrĂŒgel setzt, ist aber nicht passiert. Wir haben darĂŒber geredet und dann hat er mit Markus darĂŒber geredet. Die Entschuldigung ist allerdings in die Hose gegangen. Ich hab mich entschuldigt, ganz ernst gemeint, nicht nur so ein lasches tÂŽschuldige. Ich war echt ziemlich zerknirscht und als dann von Markus praktisch keine Reaktion kam, hab ich zu ihm gesagt, daß er mich meinetwegen schlagen kann, wenn wir dann wieder gut sind. Daraufhin meinte er, daß mir das eh nicht wehtun wĂŒrde. Von da an war Eiszeit angesagt. Es tut mir weh, wie jedem auch, sogar noch viel mehr, glaub ich.

Ich wĂŒrd gern wieder was schönes hinschreiben, aber mir fĂ€llt nix ein. Ich presch mal vor, so etwa in die Gegenwart.

Gegenwart (fast)
Also ich wohn immer noch in der Familie, aber wohl nicht mehr lange (Grund kommt nachher). Erstmal: Markus macht einen grossen Bogen um mich, Susanne wĂŒrde mich immer noch gern vom Balkon schubsen *lol*, mein Bruder ist nicht mehr auf meiner Seite seit meinen Austickern, weil er meint, ich mach uns das hier kaputt und unsere Ellis sind recht ratlos mit mir. Mit der Schule kann ich erst recht nichts anfangen, ich schreib halbwegs gute Noten, das liegt daran, dass ich gerne lese und auch einigermaßen schnell kapier, was durchgenommen wird, aber ansonsten drĂŒck ich mich mehr in der Raucherecke rum und schnorr kippen von den Ă€lteren, lass gern Stunden ausfallen und wurde mittlerweile schon zweimal erwischt, daß ich wĂ€hrend der Pausen Bier getrunken habe. Den Sportunterricht hasse ich immer noch wie die Pest, obwohl uns das mal den Arsch gerettet hat.

FrĂŒher hab ich mir mal vorgenommen, dass ich nie Alkohol trinken werde, aber das glaub ich, wird irgendwie nichts. Ich komme halt mit dem ganzen Scheiss nicht zurecht (sag ich aber keinem) und wenn ich was trinke, wird das alles irgendwie leichter, dann tick ich viel ruhiger und reg mich ab der dritten praktisch ĂŒber nichts mehr auf (kommt erst wieder, wenn ich echt zuviel hab).

Die Therapiestunden bringen mich auch nicht weiter, dass ist total frustrierend, ich hab immer noch AlbtrÀume. Der Doc hatt gemeint, sowas kann Jahre dauern, aber es sind doch jetzt schon Jahre, und es wird nichts besser.

Wie lange kann man eigentlich ein und denselben Albtraum haben? Wir sind jetzt schon fast zwei Jahre hier, das mit dem Perversen ist jetzt schon ĂŒber drei Jahre her. Das mĂŒsste doch eigentlich mal aufhören. Ja, wahrscheinlich hört der Albtraum nicht auf, weil ich noch immer keinem davon erzĂ€hlt hab. Ich bin mir auch sicher, daß es Benji nie erzĂ€hlt hat, sonst hĂ€tte mich der Psychoonkel schon lang mal drauf angelabert. Benji und ich, wir haben auch nie wieder drĂŒber geredet.

Ich bin viel allein und die meiste Zeit bin ich unterwegs. Ich hab mittlerweile das S-Bahn-Netz fĂŒr mich entdeckt und tu was fĂŒr mein Adrenalin, was gegen die Langeweile und was, was mich vom zuviel Nachdenken ablenkt (im moment nicht, im moment denk ich viel, weil mir auch nix anderes ĂŒbrig bleibt).

Wenn ich ins Nachdenken verfalle, kommt es vor, daß ich schon mal drei Stunden irgendwo rumhocke und dann nicht mehr weiss, was ich eigentlich gemacht habe oder was ich machen wollte. Ich hab da auch schon mal die Zeit ĂŒbersehen und bin dann mitten in der Nacht von ner Polizeistreife aufgegriffen worden. Ja, mit zwölf sollte man nicht um halb eins am Hauptbahnhof rumlungern. Der Handyspeicher war voll mit anrufen, ich habs nicht gemerkt. Die netten Herren haben mich nach Hause gebracht und nach ein paar klĂ€renden Worten waren unsere Ellis auch nicht mehr sauer auf mich. Ich hab mich entschuldigt und bin ins Bett.

Wie soll ich das anfangen, das dem Doc zu erzĂ€hlen. Ich kann das nicht. Der wird es dann bestimmt auch den Ellis erzĂ€hlen. Und die werden es der Schule sagen?!? Und bestimmt sagen Sie es auch Markus und Susanne, und dann schaun mich alle wieder mit diesem „der arme Junge“-Blick an (oder gibt’s auch einen „hey, der wurde gefickt“-Blick?). Das kotzt mich so an, warum kann das nicht eingebuddelt bleiben undÂŽs mir trotzdem gut gehen. Aber dann kommen wieder die Bilder in mir hoch, wie Benji gegen die Wand fliegt und schreit und das Bild wo der erste Ersatzpapa blutend am Boden liegt und dieses ScheissgefĂŒhl, wenn ich an die Saufrunde denk, wo wir rumtanzen mussten. Warum haben uns die Scheissbullen eigentlich da nie aufgehalten, wenn wir da mit dem Schwein in der Gegend rumgefahren sind. Der hat doch die HĂ€lfte der Kurven grad noch so gekriegt, so besoffen wie der war. Da waren die Bullen nie da. Fuckscheisse. (sorry, Selbstmitleid, kommt vor)

Ablenkung
Irgendwie muss ich mich ablenken, und da bin ich halt irgendwann auf die Idee gekommen, irgendwo was mitgehen zu lassen. Eigentlich kann man es nicht „auf die Idee gekommen“ nennen. Irgendwann bin ich mal durch nen Gang in nem Supermarkt gelaufen und war wieder total Scheisse drauf, und da hab ich halt einfach was eingesteckt, aus ner Ramschkiste. Ich weiss nicht mehr was es war, aber es war MĂŒll, ich habs danach weggeschmissen. Aber das war aufregend, ich wollt sehen, ob die mich erwischen. Ich hab nĂ€mlich noch ne Entdeckung gemacht. Ich kann eigentlich fast alles anstellen was ich will, sobald aufkommt, dass ich ein misshandeltes Kind bin, wird mir eigentlich alles verziehen, ja, *lol* und bei nem Therapeuten bin ich ja schon, also was solls.

Ja, so klau ich halt hier und da und eigentlich wo es gerade geht. Das macht das Leben spannend und dann denk ich nicht an diesen ganzen Quatsch und ausserdem verschenk ich das Zeugs. Am beliebtesten sind Zigaretten und kleine FlĂ€schchen Alk, das geht weg wie warme Semmeln und bringt sogar nem Looser wie mir Pluspunkte. Manchmal tausch ich auch grĂ¶ĂŸere Mengen Zigaretten gegen ein bisserl Gras, da zahl ich zwar drauf *lach* (also wenn ich das Zeugs kaufen wĂŒrd, wĂŒrd ich draufzahlen) aber das Zeug beruhigt mich noch mehr als Bier.

Durcheinander
Das ist nicht die erste Geschichte, die ich ĂŒber mich schreibe. Es ist sozusagen der zweite Versuch, der erste war ein totaler Reinfall. Nachdem mir der Doc gesagt hat, das ich versuchen soll, mein Leben aufzuschreiben (weil Reden geht irgendwie ja nicht), da hab ich irgendwie ziemlich viel Sachen schöner geschrieben als es war und ne Menge weggelassen und Sachen dazu gebastelt. Als ich es dem Doc gegeben hab, hat der gleich gewusst, dass das nicht stimmt. Er hat versucht, mich dazu zu bringen, etwas von mir zu sagen oder zu schreiben, was meine GefĂŒhle besser zeigt, aber das konnte ich einfach nicht. Vor drei Wochen hat er mir dann ein Buch geschenkt (das war gemein, der weiss genau, dass ich gern lese und nicht mehr aufhören kann). Das Buch heisst Memory Error und handelt von einem Jungen, der so Ă€hnlich aufgewachsen ist wie Benji und ich, schon anders, aber er hat auch viel Scheiss mitgemacht. Der Junge heisst Jordan (den Namen find ich cool xD). Ich weiss nicht was von der Geschichte wahr ist und die Story ist von einer Frau geschrieben, aber das macht nichts. Nachdem ich die gelesen habe, hab ich mir gedacht, wenn andere sowas schreiben können und dĂŒrfen, und die nicht fĂŒr total durchgeknallt gehalten werden, dann kann ich das vielleicht auch. Aber was kommt dann, weil nur drĂŒber reden, damit ist ja dann noch lang nicht Schluss, ich kenn das doch. Was kommt dann, wenn ich alles erzĂ€hle? Was ist, wenn mir das dann keiner glaubt, oder wenn Benji dann einfach was anderes erzĂ€hlt, oder sagt, dass das nicht passiert ist (ich kenn ihn, eher wĂŒrde er sich die Zunge abbeissen). Und was ist, wenn ich dann wieder woanders hin muss, ich will hier nicht mehr weg. Ich will auch beim Doc bleiben und den ganzen Scheiss nicht wieder vor jemand anderem ausbreiten. Jetzt hab ich mich endlich daran gewöhnt, mit ihm zu reden, das war eh schon schwer genug. Und jetzt kann ich ihn das alles nicht mal fragen, weil er dann weiss, was Sache ist und dann kann ich nicht mehr zurĂŒck.

Ich verlier den Faden, ich bin ein mieser Author *lol*. Aber das ist egal, ich mach nen Abstecher zu nem schönen Erlebnis.

Mein erstes mal
(hehe, ja, dass muss sein xD)


Mein erstes mal hatte ich sozusagen auch schon, es war aber eher nicht so das klassische erste mal. Sogar ich hab schließlich dann mal nen Freund gefunden, Stephan, aus der Parallelklasse. Er war auch eher ein schĂŒchterner Typ, aber irgendwie war er auch cool. Völlig unbegreiflich, der hat mich einfach so gemocht, dabei hab ich gar nichts fĂŒr Ihn getan und auch gar nichts gesagt. Er hat mich in der Pause manchmal angeschaut, im nachhinein, ja, er hat geflirtet. Mit den Augen, hat mich angeschaut und so gelĂ€chelt und irgendwann hab ich dann zurĂŒckgelĂ€chelt. Ich bin, glaub ich, rot geworden, weil ich mich ertappt gefĂŒhlt hab. Tja, und dann kam er irgendwann einfach auf mich zu und hat mich eingeladen mal zu ihm zu kommen. Ein bisschen zu Gamen und Musik zu hören, yeah, das war supi. Er hatte ne E-Gitarre und konnte richtig gut spielen, und er hat dazu gesungen. Am Anfang ist mir das gar nicht aufgefallen, weil ich nicht so richtig drauf geachtet hab, aber dann hab ich schon gemerkt, dass er nen Touch hat.

Wir sind also immer öfter zusammen gewesen, am Anfang immer bei ihm zu Hause, und irgendwann hat er mich gefragt, ob er mir Gitarre spielen beibringen soll (so ein Lumpi xD). Ich hab ja gesagt, wĂ€r doch geil, Gitarre spielen zu können. Er hat sich dann beim ĂŒben immer hinter mich gesetzt und mir gezeigt, was ich so alles falsch mache, dabei waren das eigentlich immer so Umarmungen. Am Anfang fand ich das noch unangenehm, aber ich hab nichts gesagt, weil ich mich so gefreut hab, dass ich endlich auch mal einen Freund habe, und mit der Zeit hat mir das gefallen. Es ist schön, von jemandem so gemocht zu werden. Wir haben auch ab und an rumgerangelt, aber nur zum Spass, und selbst, wenn ich mal eine abgekriegt hab, bin ich nie ausgetickt (puh). Ich hab einfach Vertrauen zu ihm gehabt, deshalb hat das so gut geklappt.

Dann fingen wir an, immer beim anderen zu ĂŒbernachten. Das war das erste mal, dass ich einen Freund mit nach Hause brachte, man waren unsere Ellis happy, die haben gestrahlt wie wir an Weihnachten. Als ich mal wieder bei ihm ĂŒbernachtet hab, hat er sich irgendwann zu mir unter die Decke gekuschelt und, wie sagt man, die Dinge nahmen Ihren Lauf. Also wir hatten keinen ganzen Sex, ich glaub, das wĂ€r mir auch zuviel gewesen, aber es war toll, das war schön. Das war ganz anders, sich gegenseitig zu berĂŒhren und das auch zu wollen, das zu genießen. Ich gebs auch zu, wir haben geknuuutscht xD.

Aber eins war noch viel, viel schöner, wir sind eingeschlafen, eng umschlungen, Albtraumlos. Und genau so sind wir auch wieder aufgewacht. Seine Mama hat uns geweckt, ich hab einen Mords Schreck gekriegt, ich dachte schon, jetzt setzt es gleich ein Donnerwetter, aber 
 nix, gar nix. Sie hat nur gelĂ€chelt und gemeint, es ist Zeit zum aufstehen. Sie wusste schon, dass Stephan schwul ist, glaub ich. Ne Zeitlang hab ich dann auch gedacht, dass ich es auch bin, weile es ne geile Erfahrung war, aber mittlerweile denke ich eher, dass ich Bi bin, weil mich MĂ€dchen genau so interessieren. Wenn ich mal ne Freundin hab, vielleicht bin ich dann hetero, aber wenns nicht so ist, ist es mir auch recht. Da hat man doch gleich noch viel mehr Auswahl *lol*.

Der Textabsatz passt hier gar nicht rein, viel zu fröhlich, aber ich lass ihn da stehen, weil ich mich gut fĂŒhl dabei. Das ist ne schöne Erinnerung. Es hat zwar eher lau geendet, aber es war trotzdem toll. Wir sind Freunde geblieben, auch wenn es, naja, irgendwie schwierig war in der Zeit danach.

ZurĂŒck zur Ablenkung
Klauen ist beschissen wenn man erwischt wird, hab ich festgestellt. Ich hab mich doch geschĂ€mt, als ich dann doch mal geschnappt wurde, obwohl ich dachte, dass mir das egal wĂ€re. Verdammt, es hĂ€tte ein Geschenk fĂŒr ein MĂ€dchen aus meiner Klasse sein sollen (ja, ein MĂ€dchen). Ich hab mich beim einstecken blöd angestellt und so ein Kaufhausheini hat mich eingesackt. Der hat gar nicht mit sich reden lassen, hat gleich die Bullen gerufen und Anzeige erstattet. Die haben mich dann nach Hause gebracht, aber sie konnten mir ja nichts, bin zu jung fĂŒr Knast *hehe*. DafĂŒr habe ich zum ersten mal (fĂŒrsorglichen) Hausarrest bekommen. Klar hab ich meine Story zum besten gegeben, von wegen mich Ablenken und so, aber irgendwie haben das alle nicht so recht geglaubt. Vielleicht lags daran, dass ich Parfum geklaut hab (sauteuer), vielleicht hĂ€tten sieÂŽs gefressen wenn ich Zigaretten gemobst hĂ€tte? Ich bin echt so kaputt, ich freu mich sogar ĂŒber Hausarrest, das ist doch merkwĂŒrdig!? Aber langweilig ist mir eh nie seit wir den Laptop haben. Mittlerweile chatte ich vor allem gerne, es gibt echt viele Leute, denen tierisch langweilig ist, hab ich gemerkt. Seit meinem Crash mit Markus steht das Geilomat-Teil ĂŒbrigens immer in der KĂŒche, da passt er ganz schön auf seitdem. Er mag mich immer noch nicht. Ich frag mich, macht das einen Unterschied, ob jemand Respekt vor einem hat, oder ob er Angst hat? Ich glaub, er hat ein bisschen Schiss vor mir seit der PrĂŒgelei. Vielleicht denkt er auch, dass ich irgendwann mal mit ner Axt durchs Haus lauf *rotfl*.

Egal, neben dem chatten helf ich unserer Mum im Haushalt, das gefÀllt mir. Da wird man oft gelobt und umarmt, das tut gut, ich könnt das den ganzen Tag machen.

Das Problem beim chatten ist, man weiss nie, mit wem man chattet und was der wirklich will. Ich hab echt jeden Scheiss durch, MSN, Yahoo, Skype und dann bin ich im IRC gelandet. Mit meinem Nick bin ich da irgendwie aufgefallen und hatte gleich ne Menge Fans. Die waren eigentlich alle ganz normalo, bei manchen hat man schon gemerkt, worauf sie aus sind, aber so direkt hat das erstmal keiner gesagt. Die meisten haben halt gefragt, was man so macht, was einen interessiert, und es war alles ganz locker. Mit der Zeit bin ich mit einigen Leuten ins GesprĂ€ch gekommen (nicht nur im IRC, in den anderen Chats auch) und hab einen kennen gelernt, mit dem ich mich voll gut unterhalten konnte. Ich hab irgendwie das GefĂŒhl gehabt, der versteht mich. Blöder Fehler.

Klar haben immer wieder mal welche gefragt, ob ich mich mit Ihnen treffe, ja, ich bin vielleicht viel verkloppt worden aber völlig verblödet bin ich deshalb nicht *lol*. Irgendwann hat er halt mal gefragt, ob er ein Foto von mir haben kann, nein, kein Nacktfoto, ein ganz normales, weil er wollte ja nur wissen, mit wem er redet. Ich hab eins mit der Webcam aufgenommen und ihm geschickt und er mir dafĂŒr eines von sich. Hat total normal und nett ausgesehen. Es ging so noch ein paar Tage weiter und dann hat er gemeint, er wĂŒrde mir gerne nochmal ein Foto schicken, was ich davon halte.

Trigger. Zack, weg.

Ich hab da ne Zeitlang gesessen, kann man sagen. Der Akku vom Notebook war leer, als mich Markus wachgerĂŒttelt hat. Er hat das Notebook eingeschaltet und gesehen, was mir der Typ geschickt hat. Ich will gar nicht wissen, was er sich gedacht hat, aber er hat zu mir nichts gesagt. Ich bin dann in mein Zimmer, hab mir was zum Rauchen aus meinem Versteck geholt und bin abgedampft, Hausarrest war mir auch egal.

Trigger
FĂŒr alle, die es nicht wissen (ich hab was dazu gelernt dabei, dass auch noch), Trigger sind Auslöser. Wenn man zuviel Matsch in der Birne hat, dann verdrĂ€ngt man das, und manchmal reicht dann einfach irgend ein Hinweis, zum Beispiel ein Wort, ein Geruch oder eben ein Foto, um einen an was beschissenes zu erinnern. Und wenn das dann zuviel wird, und man damit nicht umgehen kann, dann schaltet man ab. Jaja, der Doc bringt mir ne Menge bei. Ich hab ungefĂ€hr vier Stunden abgeschaltet und nachdem ich wieder wach war, hĂ€tte ich kotzen können.

NatĂŒrlich hat Markus unseren Ellis das gesagt, auch was der mir geschickt hat, naja, und von da an war der Doc auf der Zielgeraden. Ich hab mich aber geweigert, darĂŒber zu reden.

Aber weiter, ich bin also raus und hab mir ne dunkle Ecke gesucht, in nem Rohbau, da ist man schön ungestört. Ich hab mich vollgedröhnt und bin dann mit der S-Bahn immer schön kreuz und quer durch die Stadt gefahren. Das Handy lief wieder voll, alle haben sich Sorgen gemacht, was los ist. Ich war nett und hab ne SMS geschickt, dass alles oki ist und ich nur meine Ruhe haben will.

Mitten in der Nacht bin ich plötzlich vor dem TĂŒr vom Doc gestanden und war echt nah dran zu klingeln. Aber ich konnte nicht, diese Blockade, die man da hat, die ist so Scheisse.

Meine Ellis haben bei der Polizei Anzeige gegen Unbekannt (oder sowas, ich weiss nicht genau) erstattet, aber das war fĂŒrn Arsch. Das Foto von ihm war natĂŒrlich auch nicht echt. Bin mal wieder angeschissen worden.

Ich freu mich schon auf meinen nÀchsten Trigger, und damit es mir bis dahin nicht zu langweilig wurde, hab ich beim Klauen umgesattelt, auf Bargeld.

Auf und Ab
Klar gibt’s im Leben immer wieder auch schöne Sachen, das hĂ€lt mich davon ab, von der nĂ€chsten BrĂŒcke zu springen. Nach dem aktuellen Ereignis meinte unser Dad, dass ein Geschenk angebracht sei, wenn ich schon Ablenkung brauche, und deshalb gabs zum baldigen Geburtstag was besonderes. Es hat sechs Seiten und macht ne Menge Krach, vor allem wenn ich das Ding in den Fingern hab *lol*. Das ist echt cool, ich bin nicht sehr gut damit, aber das Gedudel ist ne super BeschĂ€ftigung und die Stunden im Musikhaus sind wirklich eine gute Ablenkung. In einer Band spielen, das wĂ€r saucool, aber das dauert noch ne Weile, bis ich das drauf hab. DafĂŒr ist Benji jetzt sauer auf mich, er meint ich werde bevorzugt, weil ich immer so einen Stress verursache, dabei mach ich das doch nicht absichtlich.

Im Chat bin ich auch weiter geblieben, aber ich hab die Location gewechselt. Gruppen, die ein BL enthalten, die lass ich lieber links liegen, sind eh nur Pervs. DafĂŒr hab ich ein Selbsthilfeforum entdeckt, in dem sich Opfer von solchen Sachen gegenseitig helfen. Da sind viele nette Leute, mit denen man sich unterhalten kann, die einen viel besser verstehen. Die gehen einem auch nicht auf die Nerven, die wissen, wie beschissen es ist, ĂŒber sowas zu reden 
 scheisse, jetzt ist mir das mit dem Chat eingefallen und jetzt weiss ich nicht mehr was ich schreiben wollte, mein Hirn ist echt der reinste Emmentaler.

Ich hab da dann Tom kennen gelernt, voll ok der Typ (Ich chatte eigentlich nicht mehr mit Typen, aber Tom hat eine Freundin und ist in so einem Forum sowas wie der Oberaufpasser. Er hat ne Menge Ahnung von dem ganzen Zeug). Mit Tom, und dann auch mit seiner Freundin Jessie, habe ich viel Zeit verbracht. Die haben mich auch nie nach einem Foto gefragt (Gott sei Dank). Mit der Zeit hab ich angefangen denen zu vertrauen und Ihnen hab ich das dann irgendwie alles erzĂ€hlt. Wahrscheinlich, weil ich Sie halt nicht persönlich kenne, aber die kĂŒmmern sich da irgendwie voll. Sie haben mir auch geraten, ich soll meinem Doc das alles sagen, damit er weiss, was das richtige ist. Sie haben auch gesagt, dass ich deswegen nicht wieder von meiner Familie weg muss. Aber ich war einfach noch nicht so weit.

S-Bahn
Ich stehe an der Haltestelle in der S-Bahn und warte auf die S-Bahn (ja, was auch sonst). Ich bin wie immer knapp in der Zeit. Morgens komm ich einfach nicht aus dem Bett und Abends kann ich nicht einschlafen. Ich denke zuviel nach, ich hab nie genug Zeit, zum nachdenken. Ich schlafe immer noch schlecht und wache nachts oft auf. Ich bin noch gar nicht richtig wach, da passiert es. Ein Typ, ein paar Meter weiter, fĂ€ngt an rum zu brĂŒllen und ich wende mich ab. Ich gehe immer sofort weg, wenn so was ist, man kann nicht vorsichtig genug sein, oder? Ich hör was klatschen, ich seh aus den Augenwinkeln, dass seine Hand oben ist. Alles wird undeutlich, verschwimmt, ich sehe ein Kind, das Ă€ngstlich zu dem Mann aufschaut. Ich stehe vor ihm, Auszeit im Kopf. Ich stehe vor ihm, er liegt am Boden, er blutet, ich blute, irgendwer schreit. Ich hab mit irgendwas zugeschlagen, er hat sich gewehrt. Das Kind ist nicht mehr da, wo ist das Kind? Meine Hand ist immer noch eine Faust, die GerĂ€usche dringen wieder durch. Der Typ schaut mich an, fassungslos, aber ich bin wieder wach. Ich lasse die Hand sinken und frage ihn, warum er das Kind geschlagen hat. Er hat Angst, er zittert, sein rechtes Auge zuckt ganz merkwĂŒrdig. Er fragt mich, welches Kind ich meine. Ich fang an zu heulen und geh auf die Knie, ich sage ihm, dass es mir leid tut. Ich mache hilflose Beweungen mit meinen HĂ€nden. Der Blick in seinen Augen ist der von Benji, der nicht versteht, warum das gerade passiert ist. Ich entschuldige mich noch mindestens zehn mal, dann renne ich los. Ich weiß, dass die Bullen gleich kommen werden. Ach Scheisse, ich bin eine Gefahr, ich bin genau wie er. Ich will nicht mehr, ich halte es nicht mehr aus. Ich finde mich in der obersten Etage eines Parkhauses wieder und sehe runter, aber mir fehlt der Mut, es zu tun, ich bin ein Feigling. Ich beschließe, mich zu verpissen, weil ich allen nur weh tu und Sorgen bereite. Ich kann nicht mehr nach Hause zu meiner Familie. Dabei hab ich doch jetzt endlich eine Familie.

Werde ich mal so wie er, werde ich auch meine Kinder schlagen, wenn ich mal welche habe? Werde ich vielleicht dann auch noch schlimmere Sachen machen? Ich hab Angst vor mir selbst.

Ich bin nicht mehr im Stadtzentrum, ich suche nach einem ruhigen Platz. Ich gehe durch einen kleinen Vorort, Richtung Pampa, da wo gar nichts ist. Es war gerade noch frĂŒh am Morgen, jetzt ist es Mittag. Mir fehlen schon wieder ein paar Stunden. Ich gehe zu einer Haltestelle und warte auf den Bus. Als ich einsteige, starren mich alle an, als wĂŒssten sie, was ich gemacht habe. Aber das kenne ich schon, das ist nur Einbildung. Es lĂ€uft alles in Zeitlupe ab. Ich weiss nicht wo ich hin soll.

Das ist diesmal etwa, was man nicht so einfach unter den Teppich kehren kann, auch wenn ich noch so jung bin. Wenn mich jemand erkennt, dann bin ich dran. Dann werden die mich irgendwohin wegsperren. Ich bin verzweifelt.

Mein Handy vibriert, es ist eine Nachricht gekommen. Mein Paps schreibt, er fragt wo ich bin. Ich war nicht in der Schule, meine Schulsachen sind weg, Scheisse, ich glaub ich hab die liegen gelassen. Toll, da braucht die Polizei wenigstens nicht ermitteln, wer ich bin. Idiot! Idiot! Volltrottel!

Weg
Jetzt wusst ich gar nicht mehr, was ich machen soll. Jetzt ist es genau so, wie Benji gesagt hat. Ich hab alles kaputt gemacht. Ich bin zum Bahnhof, und wollte mir eine Fahrkarte kaufen, bis ich gemerkt hab, daß ich nicht mal Geld hab, weil alles in dem beschissenen Rucksack war. Also blieb mir ja gar nichts ĂŒbrig, ich hab ne Tasche geklaut. Da war kein Geld drin, dann noch eine, da war dann Geld drin. Und dann hab ich mir eine Fahrkarte gekauft, nach Stuttgart, zu Tom und Jessie. Ich kannte ja hier sonst keinen, ausser denen, die ich dauernd nur enttĂ€uscht habe. Ich war auch nicht so naiv, dass ich gedacht hĂ€tte, die könnten mir wirklich gross helfen oder dass ich da dann bleiben könnte, aber es war sonst keiner da. Da bist Du in einer Stadt, in der ĂŒber eine Millionen Menschen leben und hast keinen, der Dir helfen kann, das ist beschissen.

Ich bin also in den Zug gestiegen und nach zweineinhalb Stunden war ich da. Dann ist erst mal die Sucherei losgegangen, ich musste erstmal ein Internet-Cafe oder sowas finden, ich hab ja keine Adresse und so gehabt. Ich hab so Schiss gehabt, dass die dann sagen, nö, kannst nicht zu uns kommen. Ich hab gesucht wie ein blöder, ich kannt mich ja da ĂŒberhaupt nicht aus. Nach ner Stunde hab ich eins gefunden, ich war ja so blöd, das war vielleicht ein paar hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt. Mann, wĂ€hrend ich denen ne Mail geschickt hab, dass ich ihre Hilfe brauche, lief auf dem Fernseher an der Wand ein Bericht ĂŒber mich, dass ich vermutlich verwirrt in der Gegend rumlaufe und womöglich selbstmordgefĂ€hrdet bin. Das hat da Gott sei Dank keiner mitgekriegt. Aber recht hatten sie, gefĂ€hrdet war ich. Schlimmer war aber eigentlich, dass ich schon wieder Pleite war, das Ticket war teuer und in dem Geldbeutel von der Tussi, die ich beklaut hatte, war auch nicht soviel Geld drin. Ich hatte aber keine Lust mehr los zu ziehen. Ich habe Tim und Jessie geschrieben wo ich bin, anrufen konnten Sie mich nicht, ich hab das Handy weggeschmissen, von wegen GPS Tracking und so.

Sie sind gekommen und haben mich abgeholt.

Flashbacks
So einen gabs heute mal wieder zur Abwechslung. Plötzlich war das Bild, oder besser gesagt, ein GerĂ€usch. Das GerĂ€usch eines Menschen, der eine Holztreppe nach oben geht. Ein kleines knarzen. Benji und ich, wir beide, haben es gehört. Wir haben in unserem Zimmer gespielt und irgendwann sind wir in Streit geraten und es wurde laut. Benji hat ihn zuerst die Treppe raufkommen hören, er hat nur „weg“ gesagt und weg war er, im Schrank, glaub ich. Vom Schrank aus waren es etwa 30 cm bis zur Wand, da hab ich mich hinverkrochen, sinnlos natĂŒrlich, aber Ausweg war ja keiner da. Er kam zur TĂŒr rein und wusste natĂŒrlich, dass ich da war. Er hat mich am Hemdkragen oder am Pullover gepackt (weiss ich nicht mehr) und hervorgezogen. Ich hatte solche Angst, und dann hat er einfach zugeschlagen. Wenn man als Kind zu laut ist und die Eltern kommen, weil man es halt ĂŒbertreibt, dann sollte man doch nicht geschlagen werden. Man kann einem Kind das auch anders beibringen, oder?

Ich hab heute darĂŒber nachgedacht, wie groß ein Erwachsener eigentlich ist, wenn man selbst so klein ist. Wie groß die HĂ€nde eines erwachsenen Mannes sind. Das war noch bei unseren Erzeugern, ich hab ewig nicht mehr daran gedacht, vielleicht hab ich seit damals nie wieder daran gedacht. Vielleicht erinnere ich mich irgendwann an alles, ohne LĂŒcken, dann zĂ€hl ich mal, wie oft ich eigentlich verdroschen worden bin.

Tom und Jessie
Ich saß bei Tom und Jessie im Auto und hab mich mal wieder nicht getraut irgend etwas zu sagen. Eigentlich war das auch nicht nötig, sie haben die Nachrichten gesehen. Jessie war so krass, die hat einfach gesagt, „dass warst Du, oder?“. Tom musste dann erstmal parken und Jessie hat sich nach hinten zu mir ins Auto gesetzt, und ich hab ihr erzĂ€hlt, was passiert ist, und dass ich das nicht kontrollieren konnte. Sie meinte dann, daß dass so nicht weitergehen kann, dass ich damit aufhören muss und dass ich jemanden brauche, der mir hilft (als ob ich das nicht wĂŒsste). Als ich gesagt habe, dass ich das nicht kann meinte Tom nur, dass ich es jetzt können muss und das ich keine Wahl mehr habe. Es wĂŒrde sonst nur noch schlimmer werden. Irgendwie glaubt man echt bis zum Ende, dass man irgendwie durchkommt und es sich leichter machen kann. Geht Euch das auch manchmal so?

Als wir bei den beiden daheim waren gabs erst mal was zum Essen. Die haben mich voll ausgequetscht und ich hab da erst gemerkt, dass ich mal wieder voll aufgelaufen bin. Ich dachte, die beiden hĂ€tten was Ă€hnliches mitgemacht, dabei waren die beiden SozialpĂ€dagogen oder so etwas in der Art. Jedenfalls wollte ich nur noch schlafen, der Tag hat ja echt gereicht. Jessie hat mir das GĂ€stezimmer gezeigt und als ich schon im Bett lag, so am einschlafen war, ist sie nochmal reingekommen und hat sich zu mir aufs Bett gelegt. Sie hat mir was von Ihrer Arbeit erzĂ€hlt, was beruhigendes. Scheisse, wo ist eigentlich der Instinkt, wenn man ihn mal braucht. Ich war so was von fertig und sie hat mich eingelullt, das MiststĂŒck (ne, Scherz, hab Dich lieb). Ich war fast weg, da hat Tom zugeschlagen, besser gesagt, er hat die TĂŒr aufgerissen, dass es schlagartig taghell wurde, hat meinen Namen gebrĂŒllt und laut in die HĂ€nde geklatscht.

Ich bin geflippt, total. Jeder andere an meiner Stelle hĂ€tte wahrscheinlich nur mĂŒde mit der Augenbraue gezuckt. Kann sich wer vorstellen, wie man sich fĂŒhlt, wenn man mit fast vierzehn bei wildfremden Leuten aus lauter Angst ins Bett pisst? Das war das letzte mal, hoffe ich, an dem Punkt hats mir dann gereicht. Ich hab gesagt, ich erzĂ€hl es dem Doc. Daraufhin haben wir uns alle angezogen und sind wieder ins Auto gestiegen. Tom meinte, wenn es jetzt soweit ist, dann machen wir das gleich, und so haben wir uns meinen Heimweg gemacht. Die zwei haben schon gewusst, dass es nichts geworden wĂ€re, wenn ich erst am nĂ€chsten Tag hin gegangen wĂ€re. Jessie hat mir versprochen, dass sie bei mir bleibt, wenn ich das will. Und wie ich das wollte, das war gut, sie wusste ja eh schon ĂŒber alles Bescheid.

Die beiden waren echt gnadenlos, voll organisiert, die haben mich gar nicht erst heimgefahren. Tom hat von unterwegs aus den Doc angerufen und uns angemeldet und dann standen wir auch schon vor der TĂŒr zu seiner Privatwohnung. Ich weiss gar nichts mehr von der Fahrt, ich hab dauernd drĂŒber nachgedacht, wie ich ihm das sagen soll.

Als wir da waren, war ich schon wieder soweit, dass ich nicht mehr wollte, aber die beiden haben das nicht mit sich machen lassen. Die waren da schon konsequenter als unsere Ellis, die sind fĂŒr sowas zu weich. Ich saß dann auf der Couch beim Doc im Wohnzimmer und Jessie hatte sich hinter mich gesetzt, genau so wie Stephan, als er mir das Gitarrespielen beigebracht hat.

Sie hat mich umarmt, und dann hab ich es erzÀhlt.

Fynn

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Dominik Klama
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Benjis Bruder

Ein vierzehnjĂ€hriger Junge, wegen VernachlĂ€ssigung durch die Eltern zusammen mit dem Bruder Benji ins Heim gekommen, erzĂ€hlt sein Leben. Die Pflegeeltern der BrĂŒder haben mehrfach gewechselt, die Kinder haben zum Teil extreme Erfahrungen von Alkoholismus, Gewalt und sexueller Ausbeutung durchgemacht. Fynn, der Ich-ErzĂ€hler, ist zwar jetzt in einer Familie, wo es ihm gut geht, wird auch therapeutisch betreut, verliert aber, wenn bestimmte Auslöser Situationen aus seiner Kindheit in ihm aufrĂŒhren, die Kontrolle ĂŒber sich, wird gewalttĂ€tig, kann sich an nichts erinnern. Das Schlimmste, was er je erlebt hat, hat er nie einem Menschen erzĂ€hlt. Einer der AdoptivvĂ€ter hat die Jungen nicht nur immer wieder brutal misshandelt, sondern auch vergewaltigt. Übers Chatten im Internet lernt Fynn ein SozialpĂ€dagogen-Ehepaar kennen, die ihn dazu bewegen, sich seiner Vergangenheit zu stellen und sich seinem Therapeuten zu offenbaren.

Bisher die schlimmste KindheitserzĂ€hlung, die ich in der LL je zu lesen bekommen habe. Sehr glaubwĂŒrdig und authentisch mit der gut nachgeahmten Jugendsprache. Der Titel fĂŒhrt allerdings in die Irre: Um den Bruder Benji geht es fast gar nicht.

Da die Geschichte offensichtlich von jungspundvagabund so nicht selbst erlebt wurde (ein VierzehnjÀhriger könnte etwas textlich so gut Organisiertes auch nicht schreiben), sich der Schreiber aber gut auszukennen scheint, was vernachlÀssigte Kinder und Jugendliche angeht, nehme ich an, dass der Schreiber nicht weit vom Beruf seiner Figuren Jessie und Tom, SozialpÀdagogen, zu suchen wÀre. Sehr schade finde ich, dass es bei diesem einen Werk geblieben ist. Leute, die sich die Welt von Problemkindern nicht aus den Fingern saugen, sondern tatsÀchlich kennen, hÀtten in der Leselupe viel zu erzÀhlen!

Angesichts der Bedeutung dieses Textes (wenn auch der Schreibfehler leider viele sind) finde ich es zum wiederholten Male betrĂŒblich, dass die LL-User so gerne ihren Bogen um solches Material machen. Was fĂŒrs Lesen so viel Zeit fordert, was heikle Thematik behandelt, was nicht nobilitiert wird durch einen Reigen weiterer Werke des Autors, was vorher nie besprochen und benotet wurde, dass fasst in diesem Kreis dann ja auch nie mehr einer an. Das bleibt immer weiter ungelesen, unkommentiert, unbenotet, unbemerkt. Wo doch niemand, der den Text bis zum Ende gelesen hat, noch sagen kann: „Zeit verschwendet, hat mir nichts gebracht.“

Ein wenig aufs Didaktische hin forciert finde ich die Geschichte allerdings schon auch. Da wird dem von einem Mann vergewaltigten Jungen als erste gewollte sexuelle Erfahrung eine Nacht mit einem Jungen zugeschrieben. Etwa so: Kinderausbeuter sind schlimm, Schwule sind lieb. Da chattet ein Junge, der nun immerhin Eltern, Bruder, neue Geschwister um sich hat, die er alle zumindest nicht ganz ĂŒbel findet, monatelang mit unbekannten erwachsenen MĂ€nnern, die sich dann (sieh da! sieh da!) als PĂ€dophile entpuppen. Auch die „schiefe Bahn“, auf die Fynn immer mehr gerĂ€t, obwohl er eigentlich seit Jahren gerettet ist, dieses Jemanden-blutig-Schlagen und dann nicht wissen, was man angerichtet hat, will mir ĂŒberdramatisiert vorkommen. Ein eigentlich lieber Junge soll mit einem Mal zum MĂŒnchner S-Bahn-SchlĂ€ger mutieren, dient dies letztlich ja der guten Sache und der Zuspitzung der Geschichte, wonach der böse, schwarze Schatten des Missbrauchs immer lĂ€nger wĂŒrde, solange man sich nicht an einen Therapeuten wendet.

> „Ich kann fast alles anstellen, sobald aufkommt, dass ich ein misshandeltes Kind bin, wird alles verziehen und bei nem Therapeuten bin ich schon, also was soll’s.“

Dass er solche erfrischenden politischen Unkorrektheiten in seinen Text eingebaut hat, rechne ich dem Autor hoch an. „Ach, ein Opfer, da mĂŒssen wir jetzt ganz lieb sein!“ Das kann uns jedermann mit Geschichten erzĂ€hlen, wenn sie nicht das Leben geschrieben hat. Aber hier nun mal ein Opfer, das sagt: „Man war bös zu mir, also wollen jetzt alle gut zu mir sein, also kann ich jetzt böser sein als andere, mir lassen sie es ja durchgehen, ist praktisch.“

> „Also, wir hatten keinen ganzen Sex, ich glaub, das wĂ€r mir zu viel gewesen, aber es war schön. Das war ganz anders, sich gegenseitig zu berĂŒhren und das auch zu wollen, das zu genießen. Ich geb’s auch zu, wir haben geknutscht. Aber eins war noch viel, viel schöner, wir sind eingeschlafen, eng umschlungen. Albtraumlos.“

Was hier in den schönen paar Zeilen steht, gönne ich dem Jungen, wie ich es allen Liebespaaren gönne. HĂŒbsch erfasst fĂŒr einen Jungen halte ich dieses verschĂ€mte Zugeben, dass man gekĂŒsst hat. Ein wenig zu dick aufgetragen, zu didaktisch wieder, aber ist Geschmackssache, finde ich: „das auch zu wollen“ und „Albtraumlos“. Bei beidem kann ich mir vorstellen, dass ich es an des Autors Stelle geschrieben hĂ€tte, dass ich aber hoffentlich vor dem Einstellen ins Internet drauf gekommen wĂ€re, es wieder zu löschen und den Leser sich das selber denken zu lassen.

> „Ich hör was klatschen, ich seh aus den Augenwinkeln, dass seine Hand oben ist. Alles wird undeutlich, verschwimmt, ich sehe ein Kind, das Ă€ngstlich zu dem Mann aufschaut. Ich stehe vor ihm, Auszeit im Kopf. Ich stehe vor ihm, er liegt am Boden, er blutet, ich blute, irgendwer schreit. Ich hab mit irgendwas zugeschlagen, er hat sich gewehrt. Das Kind ist nicht mehr da, wo ist das Kind?“

Na ja, geht. Ich werde das GefĂŒhl nicht los, dass man diese Szene hĂ€tte besser schreiben können. (Ich finde sie sowieso ĂŒbersteigert. HĂ€tte er nicht einen Heulkrampf kriegen und davon laufen können, wenn irgendwo ein Kind ungerecht behandelt wird? HĂ€tte er nicht im Schulhof jemandem die Nase brechen können, der ihn beschimpft?) „Alles wird undeutlich, verschwimmt...“ ist jedenfalls Konvention. In Filmen wird das oft so gezeigt, da kann man halt an der SchĂ€rfe drehen. Das ist so Ă€hnlich, wie wenn um 1800 scharenweise die Busen junger MĂ€dchen gewogt haben aus GefĂŒhlsĂŒberschwang, dann in Ohnmacht gefallen, dann RiechflĂ€schchen gereicht wurde. Junge MĂ€dchen im GefĂŒhlsĂŒberschwang gibt’s immer noch. Aber seltsamerweise fĂ€llt keine mehr in Ohnmacht. Ich wurde schon angegriffen mit SchlĂ€gen ins Gesicht und habe mich verteidigt, indem ich die Köpfe meiner Gegner zu treffen suchte. Verschwommen und undeutlich wurde nichts.

> „Nachdem unsere Ersatzmami weg war, mussten wir alle Pflichten ĂŒbernehmen, dazu gehörten auch die, die normalerweise nachts ablaufen. Am Anfang hat er sich Benji gekrallt. ... Viel schlimmer ist, dass derjenige das nicht machen darf und dass man nicht gefragt wird, ob man will. Das ist, wie wenn man geschlagen wird und sich nicht wehren kann, jemand macht einfach und du kannst nur daliegen, darfst nicht mal heulen, weil er dann noch mehr zuschlĂ€gt, du kannst nur hoffen, dass es endlich aufhört.“

Damit sind die Vergewaltigungen beider Jungen durch ihren Stiefvater sehr sparsam aufgeschrieben. Man kann sich fragen, ob man hier nicht etwas mehr ins Detail hĂ€tte gehen sollen. Zumal es zwei BrĂŒder verschiedenen Alters sind, die das von einander wissen, also irgendwie, wenn vielleicht auch wortlos, darĂŒber kommunizieren werden, möglicherweise auch versuchen, den anderen vorzuschieben, um selber verschont zu werden. Ich kaufe dem Text das aber ab, wie er das löst. Diese scheinbar nebensĂ€chliche, eher kaltschnĂ€uzige Art, damit fertig zu werden, die am Ende schließlich auch als Irrweg erscheint.

Als Junge ist mir so etwas zum GlĂŒck nie zugestoßen, aber als Erwachsener kenne ich das, wie es ist, da zu liegen und von jemandem geschlagen zu werden, gegen den man nicht mehr aufkann, die einzige Hoffnung haben, es möge, bitte, bitte, endlich enden. Insoweit ich das kenne, finde ich es hier gut beschrieben, kann mir auch vorstellen, dass es bei einer Vergewaltigung Ă€hnlich ist.


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14.11.2015 Forum Lupanum Threads Höhe Zeit AufklÀrung Verteidiger: Es ist genug.

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