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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Berta
Eingestellt am 27. 01. 2003 23:04


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pfifficus
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Berta

Berta schwitzte. Seit drei Stunden lag sie schon im Bett und konnte einfach nicht einschlafen. Sie w├Ąlzte sich hin und her, her und hin. Vielleicht h├Ątte sie das Bett neu beziehen sollen, der Lenor-duft war nicht mehr ganz so frisch. Vielleicht h├Ątte sie sich duschen sollen, bevor sie schlafen ging, der verklebte Tagschwei├č klebt unter ihren Achselh├Âhlen, in ihren Kniekehlen und am Haaransatz, auch ihre fahrigen H├Ąnde konnten ihn nicht wegwischen. Vielleicht h├Ątte sie aber auch die drei Hammelkoteletts bei Bert nicht mehr essen sollen, das machte nur unn├Âtig den Magen schwer. Aber sie wollte doch nicht unh├Âflich sein. Schwerf├Ąllig drehte sich Berta auf die andere Seite, auf den Bauch. Irgend etwas war nicht in Ordnung. Was konnte es nur gewesen sein? Berta zog die Bettdecke ├╝ber den Kopf. Sie wischte die Gedanken beiseite, versuchte an den Mond zu denken, der sie blassgrau und schwer auf dem Weg durch die Nacht nach Hause begleitet hatte. Ihre Gedanken wurden schwer, versanken langsam im Nebel.

Die Kaffeetasse! Berta fuhr hoch. Das war sie! Wieso hatte sie nicht gleich daran gedacht? Ener-gisch schlug Berta das Federbett zur├╝ck. Die molligen Beine schwangen ├╝ber die Bettkante. Schwer atmend suchte sie ihre Hose, Bluse und ein leichtes J├Ąckchen vom Fu├čboden. Noch w├Ąh-rend sie die Wohnungst├╝r schloss, dachte sie, ‘was werde ich ihm sagen?’

Schwitzend und schnaufend stapfte sie die drei Stra├čen zu Bert entlang. Sie sah nicht mehr den Mond, die bl├╝henden Begonien und die anderen dunklen Schatten, die sich an die H├Ąuserw├Ąnde dr├╝ckten. Woher hatte Bert die Tasse? Wusste er etwas? Bert war Detektiv. Alles war also m├Âg-lich. Hatte er Verdacht gesch├Âpft?

Die Tasse ihrer Gro├čmutter mit den schn├Ârkeligen Schriftz├╝gen, die eigens f├╝r sie zu ihrem sech-zigsten Geburtstag bestellt und von der einzigen T├Âpferin im Ort gemacht worden war, stand gl├╝hend vor ihren Augen. In ihrem Magen brannte es. Sie hatte sie selbst vergraben. Vergraben an der Stelle, wo auch die Leiche lag. Dort sollte sie f├╝r immer ruhen und nun war sie wieder aufer-standen.

Zwei H├Ąuserblocks von Berts Wohnung entfernt blieb sie abrupt stehen, raufte sich die kurzge-schnittenen zerw├╝hlten Haare. Wie sollte sie Bert fragen, woher er die Tasse hatte, ohne seinen Verdacht zu erregen? Oder wusste er bereits etwas? Wie konnte das sein, sie waren seit vielen Jahren befreundet. Sie hatten eigentlich keine Geheimnisse voreinander, bis auf die kleinen und das eine gro├če. Langsam Schritt f├╝r Schritt n├Ąherte Berta sich dem gr├╝nen Wohnblock, in dem Bert im dritten Stock in einer gem├╝tlichen Dreizimmerwohnung hauste. Bleiernen Schrittes stieg sie die Stufen hinauf. ‘Ich k├Ânnte sagen, ich h├Ątte etwas vergessen, meine Handtasche, meine Geldb├Ârse und w├Ąhrend er sie sucht, k├Ânnte ich nochmal einen Blick darauf werfen, k├Ânnte nochmal nachsehen, ob ich mich nicht get├Ąuscht habe.’

Lange stand Berta vor der k├╝hlen Wohnungst├╝r. Ihr Blick verlor sich im Schl├╝sselloch, durch das ein schmaler Lichtschimmer fiel. Sie w├╝nschte sich, sie k├Ânnte hindurchkriechen wie der Licht-strahl und die Wohnung und Bert ausleuchten, um festzustellen, ob es irgendein winziges Anzeichen zur Besorgnis gab. Es war doch schon mindestens zehn Jahre her, dass das alles pas-siert war. Langsam z├Ąhlte Berta an den kurzen Fingern die Jahre, die seither vergangen waren. Ein Rascheln riss sie hoch. Sie sp├Ąhte die Treppe hinab. Kam da jemand? Abermals das Rascheln, ein Husten, ein Brabbeln, Lallen. Vorsichtig schlich Berta hinab. Ein Augenpaar blickte sie an, unter den Augen und dar├╝ber stand struppiges Haar, ein Hauch billigen Whiskys str├Âmte ihr in die Na-se, dazu ein K├Ârpergeruch, der den ihren ├╝berlagerte. Zusammengekauert sa├č der schmutzige Mann unterm Treppenabsatz auf einer ausgebreiteten, fettigen Zeitung. Sie setzte sich zu ihm.

„Heee, das ist mein Schlafplatz,“ kamen die undeutlichen Worte aus einem schaumigen Mund. „Ich nehme ihn dir nicht weg,“ Berta durchzuckte ein Gedanke, „wenn du mir einen Gefallen tust.“ „Gefallen?“ Er sprach das Wort, als sei es aus einer fernen Sprache, vielleicht aus Kleinasien oder sogar schon ausgestorben. Zweifel ├╝berfielen Berta, aber dann lockte sie, „du bekommst eine Flasche Dimpel daf├╝r.“ „Dimpel? Wenn schon, dann will ich Remy Martin.“ „Okay,“ stimmte sie zu. „Das isn Deal,“ lallte der Struppige. „Okay, worum gehts, Weib?“ Er war jetzt sichtlich wach und stupste sie kumpelhaft von der Seite. Kurz und knapp erkl├Ąrte sie ihm ihren Plan. Er nickte verst├Ąndig, aber sie musste es drei Mal wiederholen bis er endlich schwerf├Ąllig und gebrechlich aufstand und sich die Stufen zu Berts Wohnung hinaufschleppte.

Mit angehaltenem Atem und fest zusammengedr├╝ckten Daumen kauerte Berta unter dem Absatz. Bert w├╝rde ihn nicht hinauswerfen, w├╝rde nicht das Licht einschalten und auch nicht die Stufen hinabsteigen, um sicherzugehen, dass der Mann das Haus verlie├č. Er w├╝rde ihm gern einen Gefal-len tun. Bert hatte Herz. Solange es nicht um Mord ging. Er w├╝rde dem armen Mann den Schluck Kaffee nicht verwehren. „Was wollen Sie um diese Uhrzeit?“ h├Ârte sie Berts vollt├Ânende Stimme von den W├Ąnden hallen. „Ka.. Ka.. hmmmnja hm,“ h├Ârte sie Struppi lallen. Sie hatte ihn heimlich so getauft, aber nun war ihr elend zumute. Er w├╝rde alles vermasseln. „Kaffee,“ brachte er nun schlie├člich doch heraus. Berta seufzte erleichtert. Sie kannte Bert. Er w├╝rde ihm die einzige un-gewaschene Tasse, die noch in der Sp├╝le stand, mit Kaffee f├╝llen und sich dann zur├╝ckziehen. Er mochte keine fremden Menschen in seiner Wohnung, aber er war auch sehr hilfsbereit. Er w├╝rde dem Mann die Tasse ├╝berlassen, es sei denn, sie h├Ątte eine besondere Bedeutung. Oder vielleicht hatte Bert doch noch Lust auf ein Schw├Ątzchen und lud den Mann statt dessen ein. Vielleicht zog er eine saubere Tasse aus dem Schrank. Vielleicht kannte sie Bert doch nicht so gut, wie sie im-mer geglaubt hatte?


In dem Moment fiel die T├╝r ins Schloss. Struppi wankte leise singend die Stufen hinab, hangelte sich mit der einen Hand am Treppengel├Ąnder, mit der anderen balancierte er hei├čen Kaffee, der trotzdem kleine braune Pf├╝tzen auf dem Stein hinterlie├č. Ungeduldig zog ihn Berta aus dem Haus und um die Ecke unter die n├Ąchste Stra├čenlaterne. Der Kaffee dampfte. Sie war es. Es war die richtige Tasse. „Hier, der Kaffee, Madame, und jetzt mein Remy Martin.“

Berta inspizierte die Tasse, die gleiche schn├Ârkelige Schrift, derselbe Henkel. Sie go├č den Kaffee auf die Stra├če. Unter dem Boden fehlte die Widmung. ‘F├╝r Oma zum 60.’ Berta drehte die Tasse hin und her. Sie hatte sich get├Ąuscht. Es war eine andere. „Remihi,“ der Struppige zog jetzt kr├Ąf-tiger. Berta f├╝hlte sich pl├Âtzlich leicht, leicht wie eine Feder hakte sie den Mann ein. „Komm wir feiern jetzt,“ tr├Ąllerte sie und zog ihren Held zur noch erleuchteten Bahnhofsgastst├Ątte.






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