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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Bertil
Eingestellt am 04. 05. 2002 00:51


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Freeda
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2002

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Bertil

Ich war etwa 13 Jahre alt, und meine Welt geriet zusehends aus den Fugen.
Aus meinen Mitsch├╝lern waren Monster geworden, und meine Lehrer wollten doch nur unsere Seelen retten (was ihnen bei dem ein oder anderen aber nicht gelang). Mich befielen unkalkulierbare Launen und Pickel am Kinn, und mein Zuhause war mir keine gro├če Hilfe.
In dieser Zeit lernte ich Bertil kennen.
Ein dummer Name f├╝r einen Hund, fand ich, nie sagte man Bertil, immer nur Berti, das klang nicht besonders toll. Bertil war mittelgro├č, fast schwarz mit einer wei├čen Brust und Augen wie Bernstein. Er war ein Russisch-europ├Ąischer Laika, wild, unb├Ąndig, rastlos. In Russland und Finnland werden diese Hunde zur Jagd auf Fischotter und Zobel, Marder und Iltis eingesetzt – dazu sind sie wie geschaffen.
Bertil konnte ausdauernd rennen, hohe Z├Ąune waren kein Hindernis f├╝r ihn; und langweilte er sich, so lief er einfach davon. Sein Freiheitsdrang war grenzenlos.
Seit meiner Zeit mit Bertil versp├╝re ich eine unbestimmte Sehnsucht; es zieht mich nach Finnland. Dann sehe ich endlose W├Ąlder, Seen, Rentierherden; und doch bin ich bis heute niemals dort gewesen.
Bertil geh├Ârte einem finnischen Ehepaar, beide berufst├Ątig. Bertil verbrachte also die meiste Zeit des Tages im ehemaligen H├╝hnerhof, und der H├╝hnerstall bot ihm Schutz vor dem Wetter. Ihm gefiel das nicht, das merkte man, er war ungl├╝cklich, wenn er gefangen war. Und ich lief mit ihm, viele Kilometer, es m├Âgen Tausende gewesen sein.
Bertil war unerzogen, er h├Ârte nicht und machte, was er wollte. Meistens zog er so sehr an der Leine, dass ich ihn freilie├č, und dann lief er so schnell voraus, dass ich nicht hinterher kam. Ich kam oft allein, nur mit der Leine in der Hand, nach Hause zur├╝ck, und manchmal sa├č Bertil schon vor der T├╝r, auf der Treppe aus rotem Stein und wartete auf mich. Von Zeit zu Zeit sa├čen wir dort gemeinsam und teilten uns einen Apfel.
Bertil war mein Freund. Der einzige, der mich verstand, der sich nicht verstellte, der es wirklich ehrlich meinte.
Manchmal, wenn Bertil wieder allein unterwegs war, sah ich ihn aus der Ferne. Und wenn ich rief, kam er angerannt, schnell wie der Wind, um mich zu begr├╝├čen, immer wieder an mir hochspringend, Pirouetten t├Ąnzelnd, vor Freude quiekend.
So einen wie den haben sie 1957 ins All geschossen, sagte meine Mutter, die h├Ątten schon gewusst, warum sie so einen nahmen, man w├Ąre ja froh, wenn man so etwas los sei.
Das imponierte mir irgendwie. M├Âglicherweise war Bertil der Nachfahre eines Astronauten-Hundes, darauf konnte man stolz sein.
W├Ąhrend meine Welt auf der einen Seite so nach und nach durcheinander geriet, blieb sie auf der anderen Seite geordnet – daf├╝r sorgte Bertil. Er erwartete mich. Er verlangte nach Regelm├Ą├čigkeit, die mir gut tat, auch wenn er sich selbst an keine Regeln hielt.
Wir haben ziemlich genau ein Jahr miteinander verbracht. An unseren letzten gemeinsamen Spaziergang kann ich mich noch gut erinnern, wie einen Film kann ich ihn in meinem Kopf abspulen. Es war Herbst, aber noch warm, und wir waren in den Wald gegangen. Und anders als sonst, war Bertil bei mir geblieben. Er lief zwar mal weit hinter mir, mal weit voraus, aber er kam immer wieder kurz zu mir, wie um zu pr├╝fen, ob ich den gleichen Weg einschl├╝ge. Wir waren schon beinahe zuhause, ein St├╝ckchen noch entlang der Landstrasse, eine Seitenstrasse ├╝berqueren.
Und ich sah kommen, was dann passierte; ein Motorrad kam die Landstrasse heruntergefahren, nicht besonders schnell, denn es wollte abbiegen in die Seitenstrasse, die wir ├╝berqueren mussten.
Bertil lief voraus, ich wollte rufen, aber ich konnte nicht; ich wollte rennen und blieb stehen.
Das Motorrad fuhr Bertil um. Einfach so. Es passierte nicht viel, der Motorradfahrer bremste, schlingerte ein bisschen aber st├╝rzte nicht und blieb dann stehen.
Aber Bertil lag am Boden. Nur einen kurzen Augenblick, dann stand er umst├Ąndlich auf und tappte vorsichtig los, langsam, aber zielstrebig. Meine Erstarrung l├Âste sich, ich rief – Bertil, Bertil, und Bertil gehorchte ein einziges Mal und blieb stehen.
Und dann kippte er einfach um. Er lag reglos da, als schliefe er. Er blutete nicht einmal.
Der Motorradfahrer hat ihn das kurze St├╝ck bis zum H├╝hnerhof getragen.
Und dort wurde Bertil dann auch begraben.
Es war das erste Mal, dass ich tiefe Trauer empfand und den Halt verlor.
Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Auf dem H├╝hnerhof wurde ein Haus gebaut, wahrscheinlich haben sie Bertil dabei gleich mit umgegraben.
Ich bin erwachsen und habe mir vor ein paar Jahren einen Hund angeschafft. Aber nie wird mir dieser Hund soviel bedeuten, wie mir Bertil bedeutet hat.
Auch wenn wir uns nur ein Jahr kannten.

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loona
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2000

Werke: 0
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Hallo Freeda,

eine sehr melancholische Geschichte voller Sehnsucht und Erinnerungen.

Sie hat mir sehr, sehr gefallen.

Mit Dank

loona

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Freeda
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2002

Werke: 8
Kommentare: 9
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Hallo loona,

danke f├╝r Dein positives statement.
Wenn es so 'r├╝berkommt, da├č meine Erinnerung an diesen Hund sch├Ân aber schmerzlich ist, will ich zufrieden sein.
├ärgerlich nur, da├č mir meist erst im Nachhinein Formulierungen auffallen, die besser h├Ątten sein k├Ânnen (und leider habe ich, technisch unbegabt, wie ich bin, immer noch nicht gecheckt ob, und wenn ja, wie man Korrekturen vornehmen kann, nachdem man einen Text hier hineingesetzt hat).

Liebe Gr├╝├če,

Freeda

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Ganz einfach, Freeda - dr├╝cke unter Deinem Text (nicht unter dem Kommentar!) das Symbol "edit/delete", dann erscheint der Text erneut im Fenster, und Du kannst Korrekturen vornehmen.
Liebe Gr├╝├če,
Zefira

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Freeda
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2002

Werke: 8
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Hallo Zefira,

danke f├╝r den Tip, bin jetzt auch schon per mail von loona aufgekl├Ąrt worden. Ich h├Ątte ja auch mal fr├╝her fragen k├Ânnen (oder einfach mehr ausprobieren).

Liebe Gr├╝├če,

Freeda

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